Die Alpen in der Literatur des 18. Jahrhunderts

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Von Albert Bruckner. ( Schluss. )

II.

Scheuchzers grosse Leistung war nicht umsonst, sie wirkte durch sich selbst. Schon zu seinen Lebzeiten hatte das Interesse der Reisenden an den Alpen in erheblichem Masse zugenommen. Es war ein gut gehendes Verlags-werk, das 1714 Kipseler in seinen « Délices de la Suisse » herausgab, in denen auf einen Abriss der Schweizer Geschichte und einen Überblick über die einzelnen Orte eine Skizze « Les Alpes et les montagnes de la Suisse en général » folgte. Eine « description étendue » hatte er nicht im Sinn von ihnen zu geben. Die Hochalpen erfüllten ihn mit Schrecken: « il n'y a pas beaucoup de délices à espérer », dagegen entzückten ihn die Alpweiden, und er schilderte, Scheuchzer und anderen folgend, den Nutzen der Berge für die Viehzucht. Es ist ein einfach erzählendes, praktischen Zwecken dienendes, unwissenschaftliches Wanderbuch. Ohne von grosser Bedeutung zu sein, sind die « Délices » ein charakteristisches frühes Beispiel für eine Gattung der alpinen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts, die besonders in der zweiten Hälfte jenes Jahrhunderts in hoher Blüte stand.

Eine Anzahl von Werken, die in den folgenden drei und vier Jahrzehnten entstanden sind, kann man als Beispiele weiterer im Laufe des 18. Jahrhunderts sich entwickelnder Arten des alpinen Schrifttums auffassen. Wie sich das Genre der « Délices » schliesslich gabelt in die rein literarische Reisebeschrei- bung, meist in Brief-, gelegentlich in Tagebuchform, und in die handbuch-mässige praktische des « Bädekers » jener Zeit, so ist z.B. die « Beschreibung des lobi. Orths und Landes Glarus » von Johann Heinrich Tschudi(Zürich 1714 ) oder die bekannte « Neue Appenzeller Chronik » von Gabriel Walser ( St. Gallen 1740 ) nebst manchen anderen Varianten der Typus der örtlich begrenzten Topographie und Historie, in der die Bergwelt der Landesnatur entsprechend mehr oder weniger stark berücksichtigt wird, wieder in einem ganz anderen Sinn als in den geographischen Handbüchern oder den eben genannten belletristischen Werken. In diesen Landeschroniken finden sich ganz unterschiedlich gute und ausführliche Nachrichten über die Alpen. So beschreibt etwa Tschudi auf 68 Seiten das ganze Glarnerland, vermag damit nur kurz die Bergwelt zu streifen. Schon viel reichhaltiger ist Walser. Seine trefflichen Mitteilungen über das Alpsteingebiet sind noch heute lesbar. Für die ganze Schweiz bot David Herrlibergers « Neue und vollständige Topographie der Eidgenossenschaft » ( Zürich 1754 ), was andere nur kantonsweise zusammengestellt hatten. Hier werden die Alpen an unterschiedlichen Stellen gewürdigt, er beschreibt sie, damit seine Arbeit « bei den Ausländern um soviel mehrere Aufmerksamkeit erwecke ». Altmann und Grüner waren seine Hauptstützen für die alpinen Ausführungen, die zusammengenommen viele Seiten füllen. Auch diese Gattungen leben in der Folgezeit weiter.

Einiges Interesse für die Entwicklung der naturphilosophisch gerichteten alpinen Literatur im 18. Jahrhundert dürfte um jene Zeit Joh. G. Sulzers « Beschreibung der Merkwürdigkeiten, welche er in einer 1742 gemachten Reise durch einige Orte des Schweitzerlandes beobachtet hat » ( Zürich 1743 ) besitzen. Sulzer ist einer der frühesten spekulativen Alpenwanderer des 18. Jahrhunderts, er ist Philosoph, er dokumentiert es selbst, wenn er sagt, seine Reisen unternehme er, da diese « den ersten Grund zu einer philosophischen Erkenntnis der Natur » legen. « Das ist der Grund, der mir Lust gemacht hat, die kleine Reise zu unternehmen. » Er weist darauf hin, eine wie grosse und genaue Kenntnis der Naturvorgänge notwendig sei, um die Physik der Alpen zu erklären, und muntert dazu auf, möglichst viele Beobachtungen anzustellen, « damit man nach und nach... zu einer wahren Erkenntnis der Natur-Gesetze und durch dieselbe zu einer geziemenden Hochachtung gegen den grossen Urheber derselben kommen möge ». Seine Darstellung leidet an Undeutlichkeit, seine Ansichten sind zu wenig kritisch. Methodisch und hinsichtlich des reinen Wissens steht er weit hinter Scheuchzer.

Als eingehende Schilderung einer begrenzten Landschaft, des Berner Oberlandes, verdient der « Versuch einer historischen und physischen Beschreibung der helvetischen Eisbergen » ( Zürich 1751 ) von Johann Georg Altmann genannt zu werden. Altmann unternahm seine Studie auf besonderen Wunsch einiger Berner Patrizier, die ihn einmal auf eine Grindelwaldfahrt mitgenommen hatten, « wegen so vielen ungewohnten Seltenheiten der Natur, die sich darinnen befinden, von so vielen Fremden mit Verwunderung gesehen und besucht werden. Man findet weitläuftige Länder in den grössten Königreichen der Welt, die nicht einmal einen kleinen Theil der Merkwürdigkeiten und der zierlichsten Naturgeschichten aufweisen können, die auf den Bergen gesehen werden... » Er führt nun aus, wie die Schweiz die grössten « Merkwürdigkeiten » in den Alpen besitze, « deren Natur bis jetzt sehr unbekannt gewesen ». Die Ausländer würden sich immer ärgern, weil sie nichts Näheres über die Alpen erführen. Bitter empfindet er es, dass so wenig bisher in der Beschreibung und Untersuchung der Alpenwelt geleistet worden. Seine Absicht geht nun dahin, offenbar diese Lücke auszufüllen, « eine Beschreibung von der Natur und Beschaffenheit dieser Bergen vorzulegen ». Er habe zu diesem Zweck die Eisberge an verschiedenen Orten besucht und von nahe betrachtet, ihre Lage studiert. Nach einer allgemein gehaltenen Skizze über die Schweizer Alpen erklärt er Arten, Teile, Zusammensetzung der Gletscher, ihre Entstehung, Zu- und Abnahme usw., ohne Neues zu bieten. Seine manchmal netten Beobachtungen werden durch eine viel zu grosse Phantasie, die keine gründlichen Naturkenntnisse im Zaume halten, in Misskredit gebracht. So ist beispielsweise seine Erklärung der Entstehungsgeschichte der Eisberge und Gletscher, schon zu seinen Lebzeiten heftig angegriffen, eine eigenartige, aus der Luft gegriffene Idee, ohne wissenschaftliche Begründung. Der Vergleich der Gletscher mit dem Nordischen Eismeer führt ihn nämlich zu der Auffassung, « dass diese langen Reihen mit Eis und Schnee bedeckter Berge, deren Täler einem langen See oder Meer ganz gleich sind, nichts anderes sein können als ein wahrhaftes und in allen Stücken vollkommenes Eismeer, welches von dem mächtigen und weisen Schöpfer auf diese hohen Berge gesetzet worden... » Verschwindet Altmanns « Versuch » gar bald im zeitgenössischen Schrifttum, so ist es bei dem Werke Gottlieb Sigmund Gruners « Die Eisgebirge des Schweizerlandes » ( Zürich 1760 ) keineswegs der Fall. Dauernd wird es zitiert und ausgeschrieben und bleibt bis zu Ausgang des 18. Jahrhunderts trotz mangelhafter Partien und einzelnen Fehlern die vollständigste zusammenhängende Darstellung über die Alpen. Grüner war ein Bewunderer der « prächtigen und erstaunlichen Wälle von einem ewigen Eise », die « so viele glänzende Wunder der grossen Natur in sich schliessen ». Auch er bekennt wie Altmann, dass sie « uns bis hierhin so unbekannt geblieben, dass wir wahrhaftig vor den Ausländern ja gegen uns selbst beschämt stehen müssen ». Darum drängt es ihn, eine « nähere und richtigere Kenntnis » von diesen « so seltsamen Pyramiden zu erlangen ». Jahrelang arbeitet er, die Schneeberge gründlich kennen zu lernen, erst auf Bitten seiner Freunde veröffentlicht er das vorliegende Buch. Er hebt bald zu Anfang hervor, dass vor ihm keiner die Eisberge « in ihrem ganzen und weiten Umfang beschrieben, und erörtert anschliessend die Werke seiner Vorgänger, besonders Scheuchzers, « unsere grossen schweizerischen Plinius ». Nicht ganz unrichtig bemerkt er, dass Scheuchzer wie die übrigen « diese weitläuftigen Seltenheiten der Natur nur im Vorbeigehen berührt, und alles aus denselben zusammengenommen, bei weitem nicht zureichend sei, einen Begriff... von den Eisbergen und ihrem Umfang und Zusammenhang überhaupt... » zu geben. Die Mängel seines Werkes gibt er zu und begründet sie damit, dass « die meisten dieser Gebirge nur den frechsten Jägern ersteiglich, ihre Nachrichten aber nicht allemal die richtigsten » seien. Die wenigsten Berge hat er selbst bestiegen. Sein ganzes Leben hätte er dazu brauchen müssen, um das alles zu sehen und jeden Gipfel zu besteigen. Er bezeichnet seine Beschreibung darum nur als einen Entwurf und ersten Versuch.

Das kompendiöse Werk scheidet er in drei Teile. Die beiden ersten umfassen die für damals sehr einlässliche geographische Beschreibung der Berner, Walliser, Tessiner, Urner, Bündner, Glarner, Appenzeller, Schwyzer, Unterwaldner Alpen und einige Vergleiche der Schweizer Alpen mit denjenigen anderer Länder und Erdteile. Im dritten Buch untersucht er die physikalische Natur der Berge insgesamt, ihre Lage, Gestalt, den Ursprung der Eistäler und Gletscher, ihr Alter, die Eigenschaft des Eises, Nutzen und Gefahren in den Alpen. Man beachte dabei seine Stellung zur Frage der Naturschilderung, worauf er in der Vorrede zu sprechen kommt: « In den zween ersten Teilen habe ich diesen seltsamen Pracht der Natur nicht mit vielem Wortgepränge beschrieben, noch diese stolzen Pyramiden so vorgestellt wie sie einem erstaunten Fremdlinge vorkommen, der diese Wunder zum erstenmale erblickt, sondern, da es schlechterdings unmöglich ist, diesen unaussprechlichen Pracht der Natur würdig zu beschreiben, so lege ich denselben in einer blossen historischen Beschreibung in seinen natürlichen Farben vor Augen. » Gruners Arbeit hinterlässt den Eindruck einer sorgfältigen exakten, kritischen, in viele Einzelheiten eintretenden Darstellung, die durch ihre Beobachtungen lesenswert ist. Der Aufbau ist systematisch, zum Unterschied von den meisten ähnlichen Werken, und trägt nicht den Charakter eines blossen Reiseberichtes an sich. Es ist das klassische Werk, das wir über die Alpen in ihrer Gesamtheit aus dem 18. Jahrhundert besitzen!

Bis auf Grüner ist die Entwicklung dei alpinen Literatur leicht zu verfolgen. Nach dem mächtigen Anstoss durch Scheuchzer, der durch wissenschaftlich gebildete Zeitgenossen, wie etwa J. J. Hottinger, in seinen Bestrebungen tatkräftig unterstützt wurde, begann man besonders vom Ausland her sich turistisch immer mehr für die Alpen zu interessieren. Neben Reisewerken allgemeinen Charakters und Topographien rief dies nach einzelnen gründlicheren Studien. Mit zäher Energie haben einzelne das Werk Scheuchzers stückweise fortzusetzen versucht. Das Endergebnis auf diesem Weg und die grosse zusammenfassende Arbeit, zum guten Teil Kompilation, zu einem anderen eigene Leistung, ist das beachtenswerte Werk Gruners. Nach 1760 wird das Bild bunter, mannigfaltiger, das Jahr 1760 ist dabei weniger ein absoluter Terminus als eine bequeme Zahl, diktiert durch das Erscheinen von Gruners Alpenbuch, das den meisten folgenden Werken, den einen mehr, den andern weniger, Hilfsbuch wurde.

Ausserordentlich stark nimmt die mehr literarisch gerichtete Produktion zu. Es sind « Voyages », « Briefe aus der Schweiz » in zahllosen Titelvariationen und im Inhalt einander oft ähnlich wie ein Ei dem andern, die den Markt überschwemmen und von den vielen Reisenden ein sprechendes Bild hinterlassen haben. Manche dieser im allgemeinen in Kleinoktav erschienenen Büchlein enthalten wirklich gute, ja ausgezeichnete Beobachtungen und Ansichten, andere sind mittelmässig oder gar schlecht. Viel Neues bietet dieser viel DIE ALPEN IN DER LITERATUR DES 18. JAHRHUNDERTS.

gepflegte Zweig der alpinen Literatur nicht, nur in einem Punkt verdienen ihre Produkte gelesen, noch besser angehört zu werden, in der pathetischen Schilderung des seelischen und sinnlichen, augenfälligen Erlebens der Alpenwelt. Für eine Geschichte des Gefühlslebens im 18. Jahrhundert, für die Objekte dieser Emotionen, für ein Verständnis der Ästhetik jenes Jahrhunderts und die Werturteile in künstlerischer Hinsicht sind diese Schriften von ganz erheblichem Wert. Es wäre untunlich, wollte man für die Erkennung der damaligen Alpenauffassung diese Gattung allein, lösgelöst von der Fachliteratur, heranziehen. Diese belletristische Reiseliteratur ist ohne Zweifel einseitig auch in der Betonung des Gefühlsmässigen und Ästhetischen. Dass gerade dieses Schrifttum massenhaft aus dem Boden wuchs, erklärt einerseits das durch Rousseau und Goethe ( Werther ) in eine gewisse Richtung abgedrängte damalige Gefühlsleben, das in den Alpen vorzugsweise einen grossartigen, der Bewunderung würdigen Gegenstand fand, andererseits die Herkunft der Schriftsteller und Reisenden. Es ist wichtig zu wissen, dass das Gross von ihnen ohne Zweifel Ausländer waren, Deutsche, Engländer, Franzosen usw., die bei der damals schon recht entwickelten Fremdenindustrie in der Schweiz ungleich leichter sich dem für sie ganz anders wirksamen Schauspiel der Alpenwelt hingeben konnten als ihre Landsleute vor hundert oder erst fünfzig Jahren, während der Schweizer selbst bei seiner im allgemeinen verstandeskühlen und nüchternen, zum Schwärmen wenig veranlagten Natur und dem gewohnten Anblick seiner Berge es gewöhnlich bei der augenblicklichen Bewunderung bewenden liess und sich nicht bemüssigt fühlte, hinterher dieser noch in ein paar Briefbändchen Ausdruck zu verleihen. Lieber beschäftigte er sich mit den Alpen als wissenschaftlichem Objekt der Erdbeschreibung. Es ist gerade die Zeit nach Grüner, das letzte Vierteljahrhundert, das eine Reihe bedeutender geographischer Publikationen, systematischer Lehr- und Handbücher, Wörterbücher, Monographien über einzelne Gebiete, hervorgebracht hat, in denen die Alpen meist eine eingehende Würdigung finden. Wir denken etwa an Johann Conrad Fäsis « Genaue und vollständige Beschreibung der ganzen helvetischen Eidgenossschaft... » ( Zürich 1768 ff. ) mit seinen Ausführungen über das Berner Oberland, den Pilatus, die Glarner Berge, diejenigen von Appenzell, den vielen guten Bemerkungen über die Bündner Berge und Gletscher; ferner an Gabriel Walsers « Schweizer Geographie » ( Zürich 1770 ), in der sich prächtige Betrachtungen und wichtige Beobachtungen finden und der Verfasser Ratschläge gibt und es versteht, eine Gegend lebendig vor einem erstehen zu lassen; an Füsslis « Staats- und Erdbeschreibung der schweizerischen Eidgenossschaft » ( Schaffhausen 1770 ff. ). Wir erwähnen den « Dictionnaire géographique, historique et politique de la Suisse » ( Neuchâtel 1775 ), der zwar weniger in Betracht fällt, die « Relation de différents voyages dans les Alpes du Faucigny par D & D » ( Maestricht 1776 ), die umfangreiche « Historische, geographische und physikalische Beschreibung des Schweizerlandes in alphabetischer Ordnung abgehandelt... » ( Bern 1782 f. ). Nicht unerwähnt seien die ausgezeichneten « Beiträge zur näheren Kenntnis des Schweizerlandes » des bekannten Hans Rudolf Schinz ( Zürich 1783 ff. ) und die « Schilderung der Gebirgs- Völker der Schweiz » von Joh. Gottfr. Ebel ( Leipzig 1798 ff. ), beides wichtige Werke grösseren Stils vom Ausgang des 18. Jahrhunderts, die in ganz anderem Masse geeignet sind, ein Bild von der Alpenwelt zu geben, als die Briefliteratur. Dass in diesem Zusammenhang die grundlegenden Werke de Saussures, insbesondere seine « Voyages dans les alpes... » ( Neuchâtel 1789 ff. ), weitaus den wichtigsten Platz einnehmen, braucht kaum gesagt zu sein. Hier das gründliche, manchmal etwas langweilige, aber stoffreiche und gehaltvolle schweizerische Schrifttum, dort das oft leicht geschürzte, prickelnde, preziose, feinsinnige, auch graziös-liebenswürdige Salon-Geplauder, das auf die Dauer nicht geniessbar ist.

Natürlich weist auch die hier getadelte literarische Richtung manches anziehende Beispiel auf. Mit entzückenden Kupfern sind etwa Andreaes « Briefe aus der Schweiz nach Hannover » ( 1763 ) ausgestattet, die Schilderung selbst ist bedeutungslos und ohne tiefere Kenntnis des Landes geschrieben, aber in einem liebenswürdigen Ton gehalten. Nicht viel anders präsentieren sich die viel gelesenen « Briefe die Schweiz betreffend » von C. C. L. Hirschfeld. Unter dem Einfluss der Hallerschen Alpendichtung ( 1729 ), die auf diese Art « Alpinisten » einen ungleich grösseren Eindruck gemacht hat als auf die mehr zünftigen Geographen, unter Hallers Einfluss und in starker Anlehnunng an Grüner schreibt ein anonymer Verfasser vier Bände « Über das interessanteste in der Schweiz » ( 1777-1780 ), keine Bereicherung der alpinen Literatur. Ausgezeichnet sind hingegen die « Reisen durch die merkwürdigsten Gegenden Helvetiens » ( 1778 ), deren Schilderungen noch heute gewissen Reiz ausüben, dessen Verfasser ein « schönheitstrunkener Wanderer » und ein ziemlich ungewöhnlicher Alpinist — für jene Zeit —gewesen sein mag. Seine«Reisen » sind gewiss etwas vom Lesenswertesten aus der gesamten damaligen literarischen Richtung. William Coxens « Briefe über den natürlichen Zustand der Schweiz » gehören zum bekanntesten über die Schweiz im 18. Jahrhundert. Ein hübsches Beispiel für die sentimentalische Linie bieten stellenweise die « Briefe einer reisenden Dame aus der Schweiz » ( 1786, 1787 ), die sehr lebendig, anmutig, feingeistig geschrieben sind. Ganz anders geartet ist daneben die flotte, natürliche Schilderung in dem anonym erschienenen « Tagebuch einer Wanderung von Chur auf den Gotthard, Furka, Grimsel, Gemmi bis zum Montblanc i. J. 1790 ».

Mit dieser Literatur, vorstehend wurden nur einige wenige typische Beispiele angeführt, erschöpft sich das alpine Schrifttum jener Zeit nicht. Von Wert für den Reisenden waren mehr noch als die wahrscheinlich viel gelesenen Reiseberichte die nützlichen, handlichen « Bädeker » und die Anleitungen von geübten Turisten. Zu Bern veröffentlichte J. S. Wyttenbach 1777 eine « Kurze Anleitung für diejenigen, welche eine Reise durch einen Teil der merkwürdigsten Alpgegenden des Lauterbrunnenthaies, Grindelwald und über Meyringen auf Bern zurück machen wollen ». Er verfasste das zwanzig Seiten starke Büchlein für die « vielen Reisenden, welche alle Jahre in unsere Gegenden kommen, die Alpen und Gletscher zu besuchen ». Darin unterrichtet er nun über die Zurüstung zur Reise, empfiehlt als notwendig einen langen Bergstock und beschlagene Schuhe für die « rauhen Wege der DIE ALPEN IN DER LITERATUR DES 18. JAHRHUNDERTS.

Alpen, die oft jähen und gefährlichen Pfade auf denselben », Fusseisen für Gletscherturen, Firnpartien, abschüssige Alpweiden. Leder- oder Über-strümpfe gegen die Insekten, einen Reiserock, sodann Kaffee, Tee, Schokolade usw. Er erwähnt das Seil, lange Stangen, nötig zum Überschreiten der Spalten u.a. 1793 erschien in Zürich Ebels « Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art in der Schweiz zu reisen ». Als Arzt macht er vor allem auf die Nützlichkeit der Bergreisen in gesundheitlicher Hinsicht aufmerksam. Erwähnt sei beispielshalber das « Handbuch für Reisende durch die Schweiz » ( Zürich 1787 ), das die wichtigsten Städte mit den Entfernungen von anderen, die einzelnen Orte und ihre Verfassungen usw. anführt.

Vielerlei fällt einem bei dem langen Gang durch die alpine Literatur, die wir hier in kurzen Zügen behandelt haben, auf. Auf den düsteren, grausamen, schrecklichen, entsetzlichen Eindruck, den die Berge in einzelnen hinterliessen, hat man schon früh aufmerksam gemacht. Dass generationen-lang der Eindruck der Alpen auf ihre Besucher « furchtbar » war, ist ein merkwürdiges Faktum. Wie ist es zu erklären? War tatsächlich die Natur wilder als heute, war der damalige Mensch furchtsamer, sind vielleicht seine Ausdrücke missverständlich gewählt? Wohl mag dies alles in einem gewissen Mass zutreffen. Wir begreifen ja heute kaum noch, dass zu Scheuchzers Zeiten die im Winter über den Gotthard Reisenden « an Händen und Füssen auf einen Schlitten angebunden wurden, bedecket mit Stroh, umhüllet mit grobem Tuch und also fortgeführet oder vieleher zu sagen geschleppt gleich dem Viehe, ohne dass sie die Gefahr der Strass vor sich sehen oder vil von ihrer ausgedämpften Wärme verlieren. » Wer würde im Hochsommer von uns beim Abstieg vom Gotthard nach Hospenthal selbst bei heftiger Bise sich Tücher um den Kopf wickeln gegen die Kälte? Dies nur Beispiele für eine allgemein empfindlichere Natur.

Ohne Zweifel waren Wege und Strassen mit den unsrigen verglichen schlecht. Will man dem einzelnen Schriftsteller bei seinen Aussagen nicht gerne trauen, so schliessen sich gleich Hunderte zusammen, die dasselbe unisono bezeugen. Auch dann heisst es vergleichen und abwägen, furchtsamer sind die einen, kühner die andern, und in den Ausdrücken herrscht nur zu oft der Superlativ. Oft werden so Wege als beschwerlich beschrieben, die heute die reinsten Promenaden sind, eine « völlige Wildnis » kennzeichnet Gegenden, die nun lachende Gefilde. Keineswegs sind diese Aussagen blosses Phantasieprodukt. Übereinstimmend mit späteren schildert Scheuchzer den Weg über den Segnes schreckhaft: « Ein solcher Pass ist die sogenannte Wand, an der Schindlen oder Tschingel, einem gächstotzigen Berg, welcher von Elm... hinführt über den Berg Segnes in Pünten naher Flims Mir ist keiner so entsetzlich und gefährlich vorgekommen als dieser... » In der Gefährlichkeit des Wildkirchlipfades stimmen alle Autoren überein, von Scheuchzer bis Ebel. Wildkirchli sei die Kapelle genannt, führt Scheuchzer aus, « wegen des gefährlichen Passes zu dieser Kirche oder Hole, dann man durch einen fünf Schuh breiten Weg neben einer gähstotzigen Felswand zu dieser Kruft gehen muss auf einem Brücklein, so von einem Felsen zum anderen reichet, daher viel wegen Schwindels auf den Knien einherkriechen, andere sich tragen lassen ». Walser schreibt über die nämliche Stelle von einem « fürchterlichen Praecipitium » und hält die Brücke für Schwindlige eine « unmögliche Passage ». Trefflich ist das Bild, das Ebel von dem Aufstieg zum Wildkirchlein entwirft:

« Ein äusserst angenehmer Weg führt von Appenzell längs der Sitter über Matten nach Weissbad, fast am Fuss der hohen Felswände in einer ebenen Wiese gelegen, wo tiefe Einsamkeit und unumschränkte Stille herrscht. Gleich hinter Weissbad liegt die Laasmühle, welche vom Sitterbach getrieben wird, und hier fängt man an zu steigen. Der Weg ist voll kleiner Steine und deswegen rauch. So gehts bergan eine und eine halbe Stunde bis zu dem Wildkirchlein. Aber kurz vorher, ehe man dahin gelangt, wird der Wanderer geprüft, ob das Schauderhafte eines grässlichen Abgrunds ihm erlaubt, schwindelfrei zu bleiben und die letzten Schritte zu tun. Der Fusssteig, welcher zu dem Wildkirchlein an einer senkrechten Gebirgswand hinführt, wird immer schmäler; der Felsen zur Linken immer drohender; der schwarze Abgrund zur Rechten rückt immer näher unters Auge; man wagt weder umzuwenden noch umzuschauen; man drückt sich ängstlich an der Steinwand bis an den fürchterlichen Punkt fort, wo eine hölzerne Brücke an den Felsen befestigt und über den grässlichen Abgrund unmittelbar hängend den Fussweg fort setzt, nichts als ein Strick bietet sich der bebenden Hand dar. Am Ende dieser in der Luft schwebenden Bretter ladet ein offenes Häuschen freundlich ein und nur dies gibt dem erschrockenen Fremden so viel Mut, die letzten Schritte über den schwarzen Abgrund zu wagen. » « Seltsame, fürchterliche und bis hierhin gänzlich unbekannte Gegenden » nannte Grüner die Berner Alpen, sie seien so wild, dass sogar ein Grönländer sich zu Hause fühlen würde. Die heute leicht gangbare Grimsel wird als ein beschwerlicher Weg beschrieben, die Strecke über den Felsstrich sei « umsoviel fürchterlicher, weil derselbe durch einen ungeheuren Abgrund abgeschnitten sei ». Dass die Gemmi, von den meisten Autoren mit Vorliebe von gemitus, dem Seufzen, abgeleitet, als eine « fürchterliche Bergstrasse » in der Literatur figuriert, trotzdem doch Tausende sie beschritten, ist eine bekannte Tatsache.Von der Beschaffenheit des Weges haben wir viele Nachrichten. « Die Seite gegen das Wallisland ist sehr steil. Sie würde gänzlich unersteiglich sein, wenn nicht mit unsäglicher Mühe und Kosten ein Weg zum Vorteile des Leukerbades in den Felsen eingeschnitten wäre. Er geht meistens in wurmförmichten oder mäandrischen Krümmungen und hatte bis 1741 blos Breite für einen einzigen Wandrer. Die steilsten Orte waren mit Brättern belegt und mit Mauerwerk unterstützt. In der Mitte des Felsens musste man über eine hölzerne, an eisernen Ketten hangende, kleine Brücke gehn. Diese Reise war so gefährlich, dass man bei dem geringsten Mistritte sich in die abscheulichsten Schlünde hinuntergestürzt hätte. Die meisten Reisenden dorften sich deshalb nicht getrauen hinunter zu gehen, sondern liessen sich durch hierzu abgerichtete Männer rückwärts hinuntertragen. Seit gedachtem Jahr ( 1741 ) aber ist dieser Weg so gut wie möglich verbessert und breiter gemacht worden, sodass er dermalen etwas minder gefährlich, aber dennoch allzeit fürchterlich ist. » DIE ALPEN IN DER LITERATUR DES 18. JAHRHUNDERTS.

Vieles scheint uns heute übertrieben, und wenn wir uns in Gegenwart einer Schilderung wie der folgenden sehen, möchten wir doch vermuten, dass der Verfasser leicht etwas zu viel Patina gebraucht habe. « Eine der fürchterlichsten und wildesten Gegenden unsers Erdteils... », so schildert uns Grüner die Gegend im Rottal, « da heute zu Tage weder Menschen noch Vieh hinkommen, noch hinkommen können; da steile und fürchterliche Felsbänke, ungeheure Gletscher und Eisschründe hoch und tief übereinander ragen; da ein unerträglicher Frost und in den Tiefen eine scheussliche Finsternis herrschet; da die von den Felsen hinuntertriefenden Wasser ein fürchterliches Gemurmel verursachen, welches mit dem Geheul unzählicher grosser Raubvögel vermischt und verstärkt Schrecken und Grauen einflösset ».

Vielfach interpretieren wir diese Eindrücke des Schreckens falsch. Erst eine längere Beschäftigung mit der Literatur kann einen sicher darüber aufklären. Die Alpen an und für sich haben das ganze 18. Jahrhundert hindurch volle Bewunderung gefunden, es ist unrichtig, zu behaupten, diese Bewunderung für die Bergwelt datiere erst aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und sei wesentlich Haller, noch mehr Rousseau zu danken. Der Alpenenthusias-mus ist älter als der Einfluss dieser beiden Schriftsteller; nicht bezweifelt wird, dass ihre Werke viel zur Verstärkung und zur Verbreitung dieser Bewunderung beigetragen haben. Aber schon vor ihnen wurden die Alpen regelmässig besucht, und wir finden manche Stelle, in der unabhängig von Haller oder Rousseau und gleichzeitig mit ihnen oder früher die vollste Bewunderung den Bergen gezollt wird und man zugleich alle Schrecken vor Augen hält. Schön und schrecklich schliessen sich nicht aus, denn sie sind keine Gegensätze. Sehr wohl vermag ein Reisender genau so wie heute die Alpen geniessen, bestaunen, bewundern und gleichzeitig das Furchtbare eines schrecklichen Abgrunds oder das Entsetzliche einer vielhundertmeterhohen senkrechten Felswand empfinden. Charakteristisch prägnant: die Berge sind « von einem zwar fürchterlichen Anblicke, aber zugleich von unendlicher Schönheit ».

Wenn dem nicht so wäre, wie hätten gerade die Alpen dauernd Reiselustige angezogen und selbst Italien in den Hintergrund gestellt? Man lese die Vorrede von Roberts « Voyage dans les XIII Cantons Suisses... » ( Paris 1789 ), um so recht zu verstehen, dass nichts hinausgeht über das « spectacle sublime qu'y présentent les hautes alpes ». « Die Schweiz ist unstreitig eine seltsame Landschaft, in welcher das Reitzende mit dem Fürchterlichen und Schreckhaften so oft abwechselt, dass man sich bald in schönen ebenen oder fruchtbaren Tälern, bald zwischen Himmelhohen den Einsturz drohenden Felsenklippen eingemauert befindet, welche wiederum und oft jählings und unerwartet in lachende Fluren führen. Diese merkwürdigen Gegenstände, welche die verschwenderische Natur in so veränderten Auftritten in diesem Lande gleichsam aufgehäufet hat, und aller Orten mit ganz besonderer Pracht zur Schau stellet, locken die zahlreichen Reisenden aus allen Gegenden unsers Erdteils herbey, also zwar, dass seit etlichen Jahren die Schweizerreise zur Modereise geworden... », ein Urteil des späten 18. Jahrhunderts ( « Kleine Schweizerreise von J. W. F. v. R. 1788 », Heidelberg 1790 ).

So viel von unsern Alpenbesuchern dürften sich ihre Vorgänger nicht unterschieden haben. Bequem erreichbare Kurorte, angenehme Tagespartien an viel besuchte ungefährliche Gletscher oder Aussichtspunkte, eine längere Tagestur über irgendeinen mittleren Pass waren ganz die nämlichen Freuden. Das galt als Alpinismus, die Hochgebirgsturen waren ebensowenig Sache des damaligen Durchschnittsreisenden wie des modernen. Die Hochalpinistik setzte bekanntlich erst spät ein, mit de Saussure und dem ganzen Komplex wagemutiger, kühner Männer um ihn, die in dem grossen Mont-Blanc-Auf stieg ihren ersten Sieg zeigte. Man muss sich darüber im klaren sein: Alle Bergbeschreibungen vor den vier mächtigen Bänden der « Voyages dans les Alpes » des Genfer Naturforschers bringen nur beschränkt autoptische Beobachtungen über die Alpen, insofern als ihre Verfasser in die grösstmögliche Nähe des Gegenstandes herangingen, nie oder sehr selten auf ihn. So sind die Gletscher noch weitaus am besten beschrieben neben Pässen und leichten Gipfeln. Vielfach aber haben die Schriftsteller nur Nachrichten von Dritten empfangen, über deren Richtigkeit sie sich gar kein Urteil bilden konnten. Ihre Schilderungen sind also nur relativ gut und können meist nur historischen Wert beanspruchen. Darum sind uns heute unglaublich dünkende Ansichten verständlich. Wenn ein Jahrhundert in der festen Überzeugung persistiert, dass der Gotthard, das Gotthardmassiv, die höchste Erhebung Europas sei, können wir das nur mit der schlechten Kenntnis der eigentlichen hochalpinen Welt begründen. Wir verstehen es sonst kaum, dass der beste Alpenkenner seiner Zeit, Grüner, diesen mittelhohen Pass « ohne Widerspruch » zum höchsten Berg des Kontinents erklärt, nur den Peruanischen Gebirgen den Vorzug der Höhe überlässt. Neben dem Gotthard begegnen als höchste oder sehr hohe Gipfel die Furka, Grimsel, der Titlis, Tödi, das Jungfrauhorn... In der Beschreibung der Hochalpen ist denn auch eine gewisse Unsicherheit leicht ersichtlich. Wir finden gelegentlich die aufrichtige Bemerkung, manche Gegend sei so unbekannt, weil unbesteiglich, « als wenn sie in mitten Grönlands wäre ».

Nichtsdestoweniger begegnen uns dann und wann ganz zerstreute Nachrichten über Hochturen einzelner Reisender, wenn man auch solche kühnen Leistungen für gewöhnlich nur den « frechsten » Jägern zutraute. So berichtet Scheuchzer von der Besteigung des Piz Beverin durch einen Bekannten, Rudolf von Rosenroll, 1707. 1712 wagten, nach der Erzählung Gruners, drei im Wallis gefangene Grindelwaldner, über die Gletscher in ihr Heimatdorf zurückzugelangen. « Sie kamen von der Wallis-Seite ohne besondere Beschwerde bis zu oberst auf die Berge, weil der Schnee auf der Mittagsseite im Sommer meistens wegschmilzt. Die Seite gegen Grindelwald aber war ein pures Eis. Sie waren genötigt ihre Tritte mit Beilen einen nach dem anderen im Eise einzuhauen und um nicht zu erfrieren, Tag und Nacht fortzuarbeiten. Nach vieler Mühseligkeit und Gefahr langten sie endlich halb tod in dem Grindelwald an... » öfter, wenn gleich nur von « Verwegenen », wurde der Titlis bestiegen, gewöhnlich in acht Stunden von Engelberg aus. Es wird überliefert, dass sogar ein Abt aus Engelberg den Berg erklommen und oben eine Fahne aufgepflanzt habe. Der nämliche Verfasser berichtet, wie er selbst, um auf den

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