Die Alpen in der Literatur des 18. Jahrhunderts

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Albert Bruckner. I.

Der alpinen Literatur des 18. Jahrhunderts erneut einen Aufsatz zu widmen, verlangt bei dem recht umfangreichen Schrifttum unserer Tage darüber ein anderes Blickfeld, eine neue, vollständigere Sichtung des Materials. Gemeinhin hebt man an ihr nur das Turistische hervor, zieht interessante Reiseschilderungen ans Tageslicht, versucht von dieser Seite aus der Auffassung des 18. Jahrhunderts über die Bergwelt verständnisvoll gerecht zu werden. Eine kritisch-historische Untersuchung der gesamten alpinen Literatur jener Zeit hat dagegen nur erst Ansätze aufzuweisen. Hier einzusetzen dürfte noch in mancher Hinsicht lohnend sein. Stellen wir uns nur einmal die Autoren vor und ihre zeitgeschichtlich bedingte Psychologie, denken wir an die verschiedenen Phasen, die die alpine Literatur von damals durchgemacht hat, betrachten wir die Wandlungen im wissenschaftlichen Urteil über die Entstehung der Bergwelt und viele andere derartige Fragen, halten wir uns alle jene Tatsachen vor Augen, die durch eine entwicklungsgeschichtliche Betrachtung in ein neues Licht treten, so scheint uns eine literaturgeschichtliche Untersuchung noch immer am Platze zu sein. Im folgenden kann es sich nur um einige möglichst durch die Originaltexte illustrierte Erörterungen handeln. Der Stoff ist für jene Zeit so umfangreich, dass dies begreiflich erscheint. Ausserdem sind gleich zwei Einschränkungen zu machen: Diese Skizzen, mehr wollen sie nicht sein, berücksichtigen nur die Schweizer Alpen und fussen auf dem wissenschaftlichen und turistischen gedruckten Schrifttum, nicht dagegen auf den handschriftlichen Quellen, wie Briefen, Tagebuchnotizen, Akten, Reisebeschreibungen, ebensowenig im allgemeinen auf Zeitungs-, Zeitschriften- und Magazin-Aufsätzen des 18. Jahrhunderts. Noch so blieben über 200 Werke zur Verarbeitung übrig, sie sämtlich hier aufzuführen und jedem ein paar Worte zu widmen, halte ich nicht für nötig, geschweige für nützlich x ).

Für den Menschen des 18. Jahrhunderts besass die Bergwelt einen ungeahnt hohen Reiz. Seine Zeit entdeckte recht eigentlich die Alpen neu. Die frühen Berichte der Zeitgenossen muten uns an wie manche Schilderungen afrikanischer oder asiatischer Forscher aus dem letzten Jahrhundert, mit solcher Entdeckerfreude, so grossem wissenschaftlichen Forschertrieb wird da alles bis ins kleinste beschrieben und aufgezeichnet. Waren es vordem einzelne, so wurden es nun Dutzende, Hunderte — gelegentlich sprechen unsre Autoren von Tausenden —, die alljährlich die Schweiz vorzüglich um der Alpen willen aufsuchten und das einzigartige Erlebnis einer Alpenwanderung auf sich einwirken liessen. In einem gewissen Abstand zu dieser « Lawine » von Turisten rollt sich die wissenschaftlich-literarische Produktion ab. Zu Beginn des Jahrhunderts sehr spärlich, auf wenige bedeutendere Verfasser beschränkt, wird sie um die Mitte des Jahrhunderts stärker, schwillt an in den sechziger und siebenziger Jahren und steigert sich schliesslich ins Uferlose in den folgenden paar Dezennien. Wollte man den Umfang dieser Literatur zugrunde legen, man möchte schier behaupten, das Interesse an der Alpenwelt wäre nie grösser gewesen als von 1780-1810. Gerade jene Zeit zählt auch das erste grosse hochalpine Ereignis, die Ersteigung des Mont Blanc durch den Genfer Horace-Bénédict de Saussure. Dies ist der Markstein einer neuen Zeit und steht turmhoch über dem damaligen Alpinismus, der in seiner rousseauistischen oder preziösen Manier zu demBibliographische Angaben enthält Barths Bibliographie der Schweizer Geschichte, vor allem Bd. 2, 405 ff., wo weitere jüngere und ältere Literatur- und Hilfswerke verzeichnet sind. Nachträge finden sich in der seit 1913 alljährlich erscheinenden Bibliographie der Schweizer Geschichte, Beilage des Jahrbuchs respektive der Zeitschrift für Schweizerische Geschichte. Für die Zeitschriftenaufsätze vgl. man das Repertorium von Brandstätter und die Fortsetzung, die gegenwärtig Jost Brunner in Basel bearbeitet. Eine spezielle Bibliographie der alpinen Literatur, die weiter gefasst ist als die Zusammenstellungen von Barth oder Ad. Wäber ( Landes- und Reisebeschreibungen Bern 1899, in der Bibliographie der schweizerischen Landeskunde, III und III 2 ), wäre sehr erwünscht, wird aber schwierig und zeitraubend sein, vor allem hinsichtlich der älteren Literatur und der neueren Zeitungen.

VIII31 ödesten gehört, von dem wir in der alpinen Literatur des 18. Jahrhunderts wissen.

Eine scharfe Grenze zwischen der alpinen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts lässt sich zumindest um die Wende beider in vielem so verschiedenartig voneinander gerichteten Zeitalter nicht ziehen. Die Grenzen verwischen sich gern, manche Urteile des 17. Jahrhunderts muten einen an wie Ansichten des 18., Anschauungen dieses lassen sich leicht schon früher feststellen. So atmet das für uns fast unergiebige dickleibige Reisebuch von Gilbert Burnet über seine Fahrt durch Deutschland und Italien noch ganz die Luft der vorangehenden Zeit 1 ). Diesem voraus eilt der « Diener am Wort Gottes », der Pfarrer Heinrich Pfendler zu Schwanden, dessen Arbeit über das Glarnerland gleichsam ein Loblied auf seine Heimat ist 2 ). Hier finden sich vortreffliche Bemerkungen über die Tier- und Pflanzenwelt der Glarner Berge, wie über einzelne Gipfel selbst. Ein charmanter Charakter spricht aus den Zeilen des Oktavbändchens, einer Rarität an feinsinniger Betrachtung der Alpenwelt. Pfendler bewundert die « grausamb hohen » Berge, rühmt die herrliche Aussicht von ihnen in die Ferne und Nähe, schätzt sie wegen ihrer grossen Nützlichkeit für Mensch und Vieh. Mehr noch als Pfendler weist Johann Jakob Wagner, der Zürcher Stadtmedicus, auf die kommende Zeit. In seiner noch später oft herangezogenen und studierten, von Scheuchzers Werken freilich fast ganz überschatteten « Historia naturalis Helvetiae curiosa 3 ) » nahm er manches vorweg. Wagner behandelte in dieser Art physikalischen Geographie auf knappstem Räume die Alpen. Die hier gemachten, zumeist auf der älteren Literatur aufgebauten Nachrichten über die helvetischen Eisgebirge bilden wohl die letzte systematische Darstellung der schweizerischen Bergwelt aus dem 17. Jahrhundert und beanspruchen darum kein geringes Interesse.

Mag es willkürlich scheinen, so stelle ich doch an den Anfang jener naturwissenschaftlich, später mehr turistisch-literarisch gerichteten Bewegung, die sich zum vornehmsten Objekt ihrer Studien die Alpen nahm, Johann Jakob Scheuchzer ( 1672-1733 ), den Zürcher Arzt und Naturforscher, eine europäische Berühmtheit seiner Zeit, einen celeberrimus et praestantissimus auctor, wie ihn trefflich Petrus van der Aa, sein holländischer Verleger, nannte, in seiner ausserordentlichen Fruchtbarkeit und Vielseitigkeit die Verkörperung des gelehrten Menschen seiner an solchen Typen reichen Epoche, dessen Schweizer- und Alpenreisen die frühesten aus wissenschaftlichem Erkenntnisdrang unternommenen systematischen Alpenwanderungen seines Jahrhunderts sind, dessen Anschauungen über die Alpenwelt lange Gemeingut der Gebildeten blieben und die wissenschaftlichen Ansichten noch Jahrzehnte hindurch mitbestimmten x ). Der Polyhistor Scheuchzer war vornehmlich Naturforscher, daneben trieb er, wie wir wissen, historisch-antiquarische Studien. Beide Interessen sind für seine Schrift charakteristisch. Als kritischer Kopf geht er den landläufigen Meinungen über irgendwelche Naturereignisse gerne auf den Grund, schiebt den Volksaberglauben unbarmherzig auf die Seite, zeigt andererseits in manchen Dingen noch recht starke theologische und abergläubische Einflüsse. Er untersucht die Natur gründlich und umständlich, weist sich in der Literatur sehr belesen aus, kritisiert und trifft seine Auswahl, sichtet den Stoff. Darin mutet er manchmal modern an, verständlich, da die wissenschaftlichen Arbeitsmethoden in den Geistes-wissenschaften zu einem guten Teil gerade um jene Zeit ausgearbeitet wurden und die Naturwissenschaften in Blüte standen. In der Denkungsart, trotz gewissen theologischen Einflüssen, ist er, man möchte fast sagen, mechanistisch gerichtet, « beflissen auf die Erforschung der Natur », mit « offenen d. i. von dem Glanz der Naturwissenschaft beleuchteten Augen », der selbst ein so eminent psychologisches Phänomen wie das Heimweh des Schweizers physikalisch zu deuten versucht.

Bei der ausgesprochenen naturwissenschaftlichen Richtung seiner Interessen ist es verständlich, wenn in seinen Werken, besonders jenen, die für uns hier in Betracht fallen, alles mögliche aus der beschreibenden Naturwissenschaft behandelt wird. Gründliche, historisch-antiquarische und deskriptive Monographien über naturwissenschaftliche Gegenstände, Kapitel über Teile der Geologie, Botanik, Mineralogie, Volkskunde, Zusammenstellungen über Milch- und Käseproduktion, Maibrunnen, Erdbeben, Witterungswechsel, Steinkohlen- und Goldvorkommen, böse Wetter, Gletscher, Lawinen usw. sind in seltener Fülle über die in losem Zusammenhang miteinander verknüpften Bände seiner Schweizerischen Naturgeschichte, das Hauptwerk für die Erkenntnis der Scheuchzerischen Alpenvorstellungen, verteilt. Stets spricht aus seinen Schriften ein aufrichtiges, ernstes Bemühen um die Rätsel der Natur. Seinen grossen Forschertrieb kennzeichnet vortrefflich sein « Einladungs-Brief zu Erforschung natürlicher Wunderen, so sich im Schweitzer-Land befinden ». Er wendet sich zunächst gegen die Ansicht mancher Ausländer, dass die Schweiz « vom ersten Ansehen rauh und wild », und fordert nun alle auf, « Hoch-Edle, ansehnliche, dem Vatterland wol gewogene und erspriessliche Herren, alle in allen Ständen gelehrte Männer, alle von edlem Geblüth entsprossene special-Liebhaber der Jagden, ja auch alle, auch gemeinste Leuth, so mit der Natur viel umgehen und durch sie ihre Nahrung suchen, als da sind Fischer, Hirten, Sennen, Einwohner der Alpen, Baursleuth, Kräuter- und Wurtzelgraberen, dass alle zu ihrem und des Vatter-lands Lob allerhand Gattungen natürlicher Begebenheiten oder Observationen von allen Orthen her zusamen suchen aufs wenigste dasjenige, was ihnen ohngefehr aufstosset oder umsonst zukommet, auch umsonst mitheilen, wann es ihnen so lieb, als mir angenehm ist. » Die 189 Fragen, die er beifügt zur Richtlinie für seine « Mitarbeiter » zeugen von seinen weitgespannten wissenschaftlichen Plänen, sie sind gerade für das Interesse Scheuchzers an den Alpen bedeutsam 1 ). Ein anderes Unternehmen, systematisch-bibliographischer Art, erweist ihn als Kenner der früheren einschlägigen Literatur über die Naturwissenschaften. Es ist seine « Bibliotheca scriptorum historiae naturali... », worin er auf S. 87 und folgenden eine kurze Zusammenstellung der vorhandenen Schriftsteller, die die Schweiz nach den angezogenen Gesichtspunkten bearbeiteten, gibt 2 ). Auf sein speziell den barometrischen Höhenmessungen, Wetter- und anderen auf dem Gotthard 1728 gemachten Beobachtungen gewidmeten « Nova ex summis alpibus vulgata » sei ebenfalls nur hingewiesen 3 ).

Neun Reisen, unternommen von 1702-1711, führten Scheuchzer in wohlbekannte und gut begangene, aber auch, wie er selbst erwähnt, ziemlich abgelegene und wilde Teile der Alpen. Über seine hier gewonnenen Erfahrungen handelt er in seinen Reiseberichten ausführlich. Dabei verfolgt er in seinen Beschreibungen neben wissenschaftlichen vor allem auch praktische Ziele. « Mein Vorhaben », so betont er ausdrücklich, « ist, deren Reisen, so durch unsere Schweizerische hohe Gebirge vorgenommen werden, Kömmlichkeiten, x ) Daraus seien im folgenden einige mitgeteilt, die ganz speziell auf die Alpen Bezug haben. Fragen 1-5 betreffen die Länge und Breite eines jeden Orts, die Beschaffenheit der Luft an verschiedenen Orten und Höhen der Alpen und Täler, die Kälte in den Gebirgen, ihre Wirkung auf den Mensch, auf das Wasser, den Wein usw., die Schwere der Luft in den Alpen und Tälern, die Helle, Dünne, Dicke der Luft ebenda, ferner ( Frage 6 ) wie sich das alles verändere nach den Zeiten des Jahres und Tages. Frage 10: « Ob Ungewitter können entstehen auss Einwerffung der Steinen in die Windlöcher, Klüfften oder See? » ( man denkt an die Sage vom Pilatussee ). 23: « Ob und wie es komme, dass ein beständiges Anschauen des Schnees das Gesicht verletze oder gar blind mache? » 25-29: Fragen nach der Beschaffenheit der Luft, bei der Lawinen entstehen, wie diese entstehen, wieviele Gattungen es von ihnen gebe, was sie für Schaden anrichten, wie ihnen auszuweichen sei, wie lange die Verschütteten leben können. 34-36 betreffen die Gletscher. Scheuchzer fragt, ob das Gletschereis die « Natur des Eises » ablege oder doch eine längere Zeit brauche bis zum Übergang in Wasser, welchen Nutzen ein Gletscher « in den Haushaltungen » habe und wie man ihn als Arznei verwenden könne, ob ein Gletscher die « angrenzende Erden von den Bergen zurücktreibe ». 41 und 42 belangen die Kälte der Bergluft und wie man sich vor ihr schützen könne. 45: « Was vor Instrument gebrauchen die Einwohner der Alpen zu Erleichterung des Auf- und Absteigens über die Gebirg und Felsen? » Allgemeine Fragen über die Berge, ihre Lage, Kettenbildung, Bedecktheit mit Schnee, Höhen, kürzeste und längste Tage auf den Alpen, Witterung, Echos usw. werden in den Nrn. 95 ff. gestellt.

2J. J. Scheuchzer. Bibliotheca Scriptorum historiae naturali omnium terrae regionum inservienüum Historiae naturalis Helvetiae prodromus. Tiguri 1716.

3 ) Nova ex Summis Alpibus vulgata et tabulis aeneis collustrata. Tiguri 1731.

Beschwerden, Gefahren, Manieren, wie selbige abzuheben oder zu verminderen zur Nachricht denen Reisenden bekannt zu machen. » Als Arzt war es ihm gegeben, den Nutzen der Bergwanderungen für die Gesundheit des Menschen immer wieder hervorzuheben. Er deutet darauf hin, wie die Älpler kräftig seien, « die Luft ist gesund und in stäter Bewegung, die Wasser seien frisch, kalt, lauter und in grosser Menge ». Die Reisen durchs Gebirge überhaupt mache man mit mehr Lust und weniger Arbeit als in der Ebene. Sie seien bekömmlich, was er medizinisch mit der Luftverdünnung und dem verstärkten Kreislauf der Säfte erklärt. « Gemächlich steigen, nicht sitzend, sondern stehend ruhen und im Absteigen hurtig und geschwind sich erzeigen », ist eines seiner Rezepte. Er beschreibt den Nutzen einer solchen Tur in dem « Vorbericht », der das Kapitel « Von denen Schweitzerischen Gebirgen » einleitet: « Ich kan aus vielfaltiger eigener Erfahrung und vielen Berg-Reisen bezeugen, das mich keine Mühe weniger gereuet als diese ( nämlich Berge zu besteigen ), obgleich sie mit vielem Ungemach, Sorg und Gefahren begleitet ist und mir manches mahl den Schweiss ausgetrieben. So viel und verschiedene seltsame Berggewächse, allerhand Arten von Thieren, seltsame immer veränderliche Prospect oder Aussichten von hohen Felsen in tieffe Wälder und Thäler, Flüsse, See, Statt, Flecken und Dörffer, von hohen Felswänden abschiessende Wasser, welche oft in währendem Fall sich in einen weissen Schaum oder Wasserstaub verwandten, der Umgang mit denen ehrlichen, alt Eydgenössischen Aelpleren, versüssen genugsam alle sonst vorkommende Wiedrigkeiten. Liebet einer die Antiquiteten, so siehet er mit grösster Lust an die vielfaltig gebrochene, in ordentliche Lager abgetheilte obere Erden-Rinde als traurige Überbleibselen der Sündfluth, wilde und steile Felsen, tieffe Holen, einen ewigen Schnee und berghohe Eisberge in mitten des heissesten Sommers, mit einem Wort ein Theatrum oder Schauplatz der unendtlichen Macht, Weissheit und Güte GOTTES. Da zeiget sich so zu reden ein kleiner Schatten einer Unendtlichkeit, dessen Grosse unsere ausseren und inneren Sinne überall anfüllet1 )... » Die Gefahren der Berge, die Furchtbarkeit des Erfrierens in der kalten Luft und im Schnee, das Unheil, das von den Lawinen droht, die Übel der Schneeblindheit usw. geben ihm Gelegenheit, viele Ratschläge und Winke zu erteilen.

Abgesehen von allerlei Widrigkeiten, ist für Scheuchzer eine Alpenreise ein Genuss. Die Wirkung der landschaftlichen Reize ist ihm nicht unbekannt, aber er hebt mit Recht hervor, dass er als Schweizer, der die Alpen alle Tage vor sich sehe, sie « nicht mit so bewundernden Augen » betrachte wie etwa ein Niederländer. Diesem dagegen « wurde sich öffnen die Schatzkammer seiner Gedächtnuss, in dem er vor sich wurde sehen eine verwirr- und mischung aller Materien und Formen, Berge, Thal, Felsen, Erde, Wasser, Wolken, Schnee, Eis, Metall, Mineralien und Mineralische Wasser; unzehlich verschiedene Gestalten der Felsen und Bergen selbs, welche bald zugespitzt, bald oben flach, etwann von anderen abgesönderet, etwann mit anderen Ketten-weise angehenkt. Unden an dem Fuss einer hohen Bergwand wurde er sich Helvetiae Historia naturalis, I, 1716, S. 99 f.

förchten wegen des Einfalls so alter Gebäuen und überhangender Felsen, oben auf den Spitzen solte ihn der Schwindel überfallen, wann er nid sich sihet in die tiefte Thäler und enge Kluften. In die Weite hinauss wurde er mit Verwunderung sehen einen weiten Horizont von vilen nach einander ligenden Reyen anderer Bergen und wann er je bey stürmendem Ungewitter auf offener See gewesen, lang zweiflen, ob nicht die Berggrossen Meerwellen sich in ihrer grösten Wut in Stein verwandelt und also die Berge gestaltet hetten ...1 ) » Wohl preist auch er mitunter die Schönheiten der Berge, dieser « kostbaren Krön unseres Haupts und Lands », dieser « vornehmsten Natur-wunderen so in unseren Landen sich finden »: « Wer wolte über diss erzehlen alle die Lustbarkeiten, welche alle innerlichen und äusserlichen Sinne auf und von den Bergen haben? Von Anschau- und Betrachtung der ausseren und inneren Gestalt, Höhe, Grosse der Felsen, Aussicht in die untenligenden Thäler, Wälder, Flüsse, Bäche, Matten, grünblaue Gletscher, das weydende Vieh, hüpfende Geissen, springende Gemse, fliegende seltsame Vögel, von lieblicher Berg-Music der Sennen und Hirten, Vöglein, laut pfeifenden Murmelthieren, vom Geruch vielfarbichter Kräuteren und Blumen 2 ). » Immer wieder hebt Scheuchzer den eigentlichen Nutzen der Alpen hervor. Nützlich und grundwesentlich sind in seinen Augen die Alpen für die Kultur, sie sind die Wasserspender und Regulatoren der Winde und Regen, zugleich die natürlichen politischen Festungen und bieten den Lebewesen Nahrung. « Wir rühmen, so hoch wir können, die grosse Güte des Schöpfers gegen uns, das er uns in solche Berge gesezet und halten dieselben vor einen wol versehenen Schatzgehalter aller zu unserem Leben nötigen Güteren 3 ) ».

Scheuchzer hat nie ein zusammenhängendes Ganzes, eine grosse geschlossene Monographie über die Alpen geschrieben. Seine vielen Bemerkungen sind verstreut über das weite Opus, finden sich aber besonders in seiner « Beschreibung der Natur-Geschichten des Schweizerlandes » ( Zürich, Bd. 1-3, 1706-1708 ) sowie in den drei Bänden der « Helvetiae Historia naturalis oder Natur-Historie des Schweitzerlandes ( Zürich 1716-1718 ), die gewissermassen eine Fortsetzung der « Beschreibung » darstellen. Seine gesammelten Reisen edierte er zehn Jahre vor seinem Tode 1723 bei Van der Aa in Leiden als « a;`OvQeaiçpoatjç Helveticus sive Itineraria per Helvetiae alpinas regiones facta... ». Eine leicht veränderte, in der Sprache geglättete Ausgabe der verschiedenen auf die Alpen bezüglichen Schriften Scheuchzers veröffentlichte sodann 1746 bei David Gessner in Zürich Joh. Georg Sulzer unter dem Titel « Natur-Geschichte des Schweitzerlandes... ». Sie war insbesondere auch für deutsche Leser gedacht, weshalb der Herausgeber manche allzu schweizerische Idiotismen ausmerzte 4 ). Trotz des Mangels einer geschlossenen Darstellung ist es leicht möglich, sich ein Bild von der Alpenauffassung Scheuchzers zu machen. In der allgemeinen Nomenklatur ging er bekannte Pfade und schloss sich hier Simler, Tschudi, Wagner u.a. an, die wie er auf den klassischen Autoren fussten. Originell und Mittelpunkt seines ganzen Gebäudes sind seine eigenartigen Ansichten über das Alter und die Entstehung der Berge. Scheuchzer reitet nur allzu gerne dieses Steckenpferd und bucht, wo er kann, neue Funde, die seine Ansicht bestätigen sollen, die Alpen seien in der Sintflut entstanden. Die Auffassung, wonach die Alpen « dann und wann entstanden seyen bey Anlas gewaltiger Erdbeben, durch welche die obere Erden-Rinde auf gehebt worden und hernach in dieser Situation stehen geblieben », verwirft er als eine « so lahme Meinung, welche kaum einer Wiederlegung würdig » sei. « Eher », meint er, würden « Berge durch Erdbeben über einen Hauffen geworffen ». Mit einer Zähigkeit ohnegleichen hält er an seiner Meinung fest, dass « die eigentliche Zeit, in welcher unsere jetzige Schweizerischen und alle anderen Gebirge entstanden », die Sintflut sei. Nicht « einbildische Hirn-Grundlehr oder in der Natur unbegründetes Systema » führe ihn zu dieser Annahme, sondern die « Natur selbst: der Bergen gestaltsame Abtheilung in gewisse gebrochene Strata oder Lager und innert diesen Lageren, ja innert den härtesten Felsen eingeschlossen ligende undisputirliche Überbleibselen der Sündfluth, Schnecken, Muschelen, Fische, Kräuter etc. ». Durch die Sintflut sei die obere Erde in ein « flüssiges Gemäss » verwandelt worden, das nach Abfluss der Wasser eine ungestalte, öde Kugel gewesen sei, unbewohnbar. Erst auf Gottes Befehl seien gegen Ende der Flut « die oberen Erdlager, gleich als ob es Eyerschalen weren gewesen, gebrochen und emporgehoben worden, sind die Berge entstanden und die Thäler ». Umfangreiche geologische und stratigraphische Beobachtungen sollten diesen Gedanken fest in ihm verankern. Dass auch gewisse theologische Einflüsse in dem protestantischen Zürich eine Rolle gespielt haben, ist nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. Kritischer trat er an die Frage nach dem Ursprung der Lawinen und Gletscher heran. Hier verwahrt er sich kategorisch gegen die Ansicht, dass aus dem Gletschereis allmählich Bergkristall entstehe: « Das Wesen des Gletschers ist Eis und bleibt Eis. » Freilich bietet er für diese Materien lange nicht in dem Masse ein durch langjährige Sammlungen wohl-fundiertes, wenn auch abwegiges Urteil.

Scheuchzers gesamte Untersuchungen der Alpen stellen ohne Zweifel die erste wichtige alpine Darstellung im 18. Jahrhundert dar, der wegen ihres reichen statistischen Materials noch heute für unsere Kenntnis von der damaligen Forschung auf diesem Gebiet kulturgeschichtliche Bedeutung zukommt Scheuchzer als der bedeutendste Spekulant auf dem Gebiete der alpinen Entstehungstheorie zu seiner Zeit holte zum erstenmal wieder weiter aus und überschattete damit seine Vorgänger und Zeitgenossen. Die Kritik setzte langsam und relativ spät ein. Bei aller Schätzung, die der bedeutende Sohn des grossen Haller, der Berner Bibliograph Gottlieb Emmanuel Haller, für Scheuchzers Arbeiten besass, wies er in seinem « Catalogue raisonné des auteurs qui ont écrit sur l' histoire naturelle de la Suisse », doch auf Mängel, bisweilen geradezu auf Fehler hin. Er gibt ihm das volle Lob, er habe alle seine Vor- ganger « dans la quantité et l' étendue des voyages qu' il a entrepris et surtout dans les montagnes des Grisons si riches en plantes » übertroffen. Andererseits zieht er die « Itinera in Alpes rhaeticas suscepta anno 1709 » von Scheuchzers Bruder Johannes bei weitem vor « par le choix des remarques et leur exactitude ».

Es ist gerade der Mangel an Exaktheit, den ihm ein sächsischer Reisender, Karl Gottlieb Küttner, in seinen « Briefen eines Sachsen aus der Schweiz an seinen Freund in Leipzig » ( Leipzig 1786 ), hinsichtlich der von ihm übernommenen Nachrichten vorwirft. Küttners Kritik ist im ganzen zutreffend und aufschlussreich. Das Werk Scheuchzers sei lange als « klassisch » betrachtet worden, « viele Jahre hindurch » sei es « ungefähr das einzige gewesen, in dem man ausführliche Nachrichten über den natürlichen Zustand der Schweiz fand ». Jetzt werde es dann und wann herangezogen, aber von wenigen gelesen. « Die Sprache ist unangenehm, ermüdend, oft undeutsch, und durchaus weitschweifig. » Er weist darauf hin, wie er « in seinen Beschreibungen äusserst umständlich und bestimmt » sei. « Man versichert mich, dass die Naturforscher sein Werk noch immer als sehr nützlich und brauchbar betrachten » ( der Brief datiert vom Februar 1777 ). « In seinen Nachrichten ist ihm aber nicht zu trauen. Ohne Unterlass erzählt er Mährgen und Wunder-geschichtgen, die ihm die Gemsjäger und Alpenbewohner erzählten und die er mit vollem Glauben und mit einer Treuherzigkeit, die an Aberglauben gränzt, wiedergiebt. » Aber er fügt hinzu: « Vieles hat sich seit seiner Zeit in der Schweiz geändert, dieses Land ist nicht mehr so wild und so unbesucht als es war; und so mag vieles zu Scheuchzers Zeit vollkommen richtig gewesen sein, was jetzt ganz irrig ist oder abenteuerlich klingt. » Ohne Zweifel wäre es leicht, eine lange Liste von Unrichtigkeiten im Anhang zu geben, bedeutsamer aber scheint mir, dass eben die Fehler, die wir da und dort aufdecken, Mängel des damaligen alpinen Schrifttums überhaupt sind, also ihm nicht ohne weiteres allein zur Last gelegt werden können. Sie sind z.T. bedingt in der trotz alledem ungenügenden Kenntnis der Gebirge, die man nur durch Passreisen, ganz selten durch Gipfelbesteigungen kannte, in der vor-aufklärerischen, noch recht naiven, leicht zum Aberglauben neigenden Gesamt-denkungsart, in einer gewissen Abhängigkeit von der vorhergehenden Literatur usw. Diese Fehler schmälern indessen die prinzipielle Bedeutung Scheuchzers als Alpenforscher nicht.Schluss folgt. )

Feedback