Die alpinen Unglücksfälle der Jahre 1929—1931

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Von Walter Siegfried.

Die Statistik der alpinen Unglücksfälle scheint nicht nur im Kreise der Bergsteiger grosses Interesse zu finden, sondern es beschäftigt sich mit ihr in steigendem Masse auch die Presse. Auf die Veröffentlichung der letzten Statistik hin erschienen in vielen Zeitungen auszugsweise sowohl Zahlen wie auch Ursachen der besprochenen Bergunfälle in den Schweizer Alpen. Diese Stellungnahme der Tagespresse ist sehr zu begrüssen, wird dadurch doch ein viel grösserer Kreis der Bevölkerung erfasst, als das durch unser Publikationsorgan « Die Alpen » geschehen kann.

Wie wir sehen werden, steigt die Kurve der Zahl der Toten unerbittlich weiter. Es ist daher dringend nötig, dass die Tagespresse in vermehrtem Masse mithilft, die grosse Menge auf die Gefahren der Alpenregion aufmerksam zu machen. Denn im Steigen der Zahl der Unglücksfälle drückt sich sicher eine Zunahme der Zahl der Besucher der Bergwelt aus, und je mehr und mehr das Bergsteigen in allen Bevölkerungsschichten Boden gewinnt, desto schwerer ist es für die alpine Publizistik, ihrer Aufklärungsarbeit gerecht zu werden.

Die Statistik der alpinen Unglücksfälle wird jeweils nicht nur in den « Alpen » bearbeitet, sondern sie findet ihre Erwähnung auch in den « Ergebnissen der Bewegung der Bevölkerung », die das Eidgenössische Statistische Amt jährlich veröffentlicht. Es wurde in einem Artikel der Tagespresse bemerkt, dass die alpine und die amtliche Statistik nicht genau übereinstimmen. Diese beiden Statistiken können nicht übereinstimmen, und es ist begreiflich, dass die amtliche Statistik jährlich auf grössere Zahlen kommt. In einer alpinen Unfallstatistik müssen vor allem alle diejenigen Todesfälle ausgeschieden werden, die Personen betreffen, die in Ausübung ihres Berufes — mit Ausnahme der Bergführer — im Gebirge verunglückt sind, sie kann sich so wenig beschäftigen mit dem Absturz eines Wildheuers oder Berghirten wie mit dem Erschlagenwerden eines Holzarbeiters im Bergwald. Man wird sogar in Zukunft sich fragen müssen, ob die vielen Unfälle beim Blumenpflücken und Spazierengehen in der Bergregion weiter in der alpinen Unfallstatistik aufgenommen werden sollen, oder ob man sich beschränken muss auf die Registrierung und Besprechung der bei Ausübung rein sportlicher, bergsteigerischer Tätigkeit geschehenen Unglücksfälle. Letztere würden an Lehre, Interesse und Tragik dem Bergsteiger genug bieten. Trotzdem bin ich bei der erweiterten Statistik geblieben, um eben den immer weitern Kreis der Bergwanderer auf die grossen Gefahren der Alpenwelt aufmerksam zu machen. Zudem würde die Abgrenzung wirklich alpinistischer Unglücksfälle schwer fallen, ist doch schon die Erfassung überhaupt aller tödlich verlaufenden Bergunfälle schwierig. Die Meldungen der alpinen Rettungsstationen, die Zeitungsberichte, die wenigen persönlichen Mitteilungen Überlebender, aus denen allen sich das Material unserer Statistik zusammensetzt, sind oft so ungenau und unvollständig, dass es vielfach schwer fällt, sich sowohl über den Unfallhergang als auch über Fähigkeit oder Unfähigkeit der Betroffenen ein Bild zu machen. In den meisten Fällen könnte der 1 ) Siehe « Die Alpen », Jahrgang 2, Heft 12, 1926, und Jahrgang 5, Heft 12, 1929.

Tote allein erschöpfende Auskunft geben. Die Statistik muss sich darum vielfach mit einem « Absturz aus unbekannter Ursache » oder « Absturz beim Klettern » begnügen, um es dem Leser zu überlassen, was er sich nach eigenen Erlebnissen darunter vorstellen will. Trotz dieser Unvollständigkeit ist das Durchgehen der Statistik, wie wir sie nun folgen lassen, sehr lehrreich, und tragisch wird man berührt von dem Tode so vieler Menschenleben, die ihr Suchen von Natur, Schönheit, Erholung und Erlebnis so bitter bezahlten.

Aufgeführt sind nur die tödlich verlaufenden Unfälle in den Schweizer Alpen und in den benachbarten Berggebieten des Mont Blanc und der Haute-Savoie. Einige wenige Unglücksfälle im Jura, soweit sie turistisches Interesse haben, sind eingefügt.

Statistik 1929.

Datum Unfallstelle Name der Verunglückten Bemerkungen 1 Jan.

Chasserai Racine, 20 j., Biel Tod im Schneesturm durch Erschöpfung 2 "

Flüelatal Vogt, 21 j., Zürich, Lawine Schweighauser, 25 j., Basel 3 "

bei Wengen Walter Pflugshaupt, 27 j., Tödliche Verletzungen durch Basel Skisturz 4 Piz Griatschul Fritz Höfner, 18 j., Karls- Lawine ( oberhalb Zuoz ) ruhe 5 Mont Jovet ( Sa- Léon Sclair, Jules Melley, Lawine voie ) Claude Gäbet 6 Febr.

Suvrettatal Walter Nervegno, 23 j., Schneebrett am Stellhang Köln 7 » Maigelspass Jos. Regli, 23 j., Hospen- Tod durch Erfrieren, Allein- thal gänger 8 März Harder Fritz Dänzer, 23 j.

Absturz b. Blumenpflücken 9 April Saleve Johann Harries, 19 j., Absturz eines Bergunge- Dänemark wohnten beim Klettern 10 "

Pic de l' Etendard Poitrasson, 39 j., Lyon Absturz mit Ski in eine ( Savoie ) Gletscherspalte 11 "

Aiguille du Midi Sanzio Pernio, 22 j.

Absturz aus unbekannter Ursache 12 "

Pic de Bonne Etoile Jean Ferry, 20 j.

Absturz aus unbekannter ( Savoie ) Ursache 13 Mai Colomby de Gex Josef Vergain, 19 j., Geni Absturz beim Klettern durch ( Jura ) Ausbrechen eines Steins 14 Juni Fussweg Gelmeralp- Felix Seiler, 26 j.

Absturz aus unbekannter Handeck Ursache 15 "

Fussweg bei Schills Siegfried Adam, 54 j., Tod durch Steinschlag Berlin 16 "

Sassigrat ( ob Jos. Schmid, 27 j., Sursee Verstiegen beim Klettern,Ab- Biwaldalp ) sturz von einem Felsband 17 "

Fronalpstock Fritz Olsen, 25 j., Zürich Absturz durch Ausbrechen ( Glarus ) eines Griffs ( Strauch ) 18 » Gonzen Walter Grütter, 34 j., Absturz beim Alpenrosen- Zürich pflücken 19 Juli Tschingelfluh ( bei Miss Furniss, 38 j., von Verstiegen beim Klettern, Saxeten ) Burley Absturz ( bergungewohnt ) 20 » Därliggrat Hans Bodmer, 26 j.

Absturz beim Klettern ( berg- ungewohnt ) 21 "

Oberwald ( Wallis ) Theodor Berthoud, 20 j.

Tod durch Einbrechen einer Schneebrücke über einen Wildbach 22 "

Spitzhorn ( Wild- Martin Romang, 15 j., Absturz beim Klettern horngruppe ) Interlaken Nγ. Datum Unfallstelle Name der Verunglückten Bemerkungen 23 Juli Düssistock Heinrich Meier und Karl Absturz beim Klettern Martz, Zürich 24 » Doldenhorn ( Gallet- Oskar Buser, Bern, Au- Absturz in einem vereisten grat ) gust Mottet, 49 )., Bern Couloir 25 » Vorderglärnisch Heinrich Bosshard, 68 j., Absturz beim Alpenrosen-Glarus suchen 26 » Bächistock Adolf Walder, 29 j., Steinschlag durch voraus-Herrliberg steigende Partie 27 " Hohtürli Frau van der Feen, Haag Steinschlag 28 » Mont Blanc Jarrier, Frankreich, Fan- Tod durch Erfrieren im ton, Frankreich Schneesturm 29 » Grépon René Petermann, 22 j., Absturz beim Klettern im Genf Mummeryriss ( keine Seilsicherung ) 30 » Col des Cristaux Marcel Swan, 18 j., Genf Absturz beim Klettern durch Ausbrechen des Halteblocks, der das Seil zerschnitt 31 » Petits Charmots Cahen, 23 j. Absturz beim Klettern ( Führer der Seilkolonne ) 32 Aug. Stockhorn Meier, 19 j., Thun Absturz aus unbekannter Ursache 33 " Montalin ( Hoch- Gerh. Oelschlägel, 10 j., Absturz aus unbekannter wangkette ) Zwickau Ursache 34 » Wetterhorn Jacot - Guillarmod, St- Absturz beim Abstieg im Biaise, und Louis Roy, Couloir Neuchâtel 35 » Col des Essettes Daniel Hauser, 21 j., Paris Steinschlag 36 » Gelmerhörner Ingenieur Fritz Wüthrich Absturz beim Klettern in einem Kamin 37 » Cape au Moine Charles Aubort, Chernex Absturz durch Fehltritt auf schmalem, expon. Pfad 38 » Matterhorn Dr. V. de Beauclair, Frl. Absturz im Abstieg am Schiess, Freiburg i. Br. Schweizergrat durch Ausbrechen des Halteblocks 39 » Pilatus Alois Bürgisser, 18 j. Steinschlag 40 » Faulhorn Ernst Metzger, 35 j., Absturz infolge von Unwohl-Basel sein auf schmalem Grat ( Schwindel ) 41 » Frutt Cäcilie Lustenberger, Absturz über Felshanginfolge 21 j., Sursee Unwohlseins ( Schwindel ) 42 » Matterhorn Unbekanntes Mädchen Verschüttung einer berg-aus Turin ungewohnten Dreierpartie durch eine Lawine 43 t Dent Blanche Bergführer Franziskus Steinschlag, verursacht durch Taugwalder, Zermatt vorangehende Partie 44 » Jungfrau Sigismund Reiz, 40 j., Absturz im Abstieg oberhalb Landor Gyorkos, 23 j., Rottalsattel Samuel Hegedüs, 46 j., Ungarn 45 » Cacciabella- Frau Schlieper, Barmen Steinschlag beim Abstieg gletscher nach der Sciorahütte 46 » Bernina Josef Haselberger, 25 j., Absturz in eine Gletscher-Wien spalte 47 » Vrenelisgärtli Hans Kaiser, 28 j., Zürich Steinschlag 48 » Balmhorn Herr und Frau May, Absturz beim Übergang zur Hamburg Alteis 49 » Monte Rosa Gustav Wagner, Albert Absturz am Nordwestgrat Gansmüller, Stuttgart des Nordend Nr. DatumUnfallstelleName der VerunglücktenBemerkungen 50Aug. Sous 1e Pranion ( bei Kühne, DeutschlandAbsturz durch Ausrutschen Chamonix ) 51»Aiguille du Goûter Georges Fleury, 19 j., Blitzschlag Genf 52»Aiguille du Dru Louis Guillemin, 30 j., Durch einen vom Vorder- Marseillemann gelösten Stein er- schlagen 53Sept. JungfrauGottfried Graf, 40 j., Tod in künstlich erzeugtem KrattigenSteinschlag kurz unter dem Gipfel 54»BessoFritz Ledermann, Eduard Absturz beim Klettern.West- Padel, Lausannegrat 55»ScheerhornA. Arnold, 49 j., Zürich Bergtod eines berggewohn- ten Alleingängers aus unbekannter Ursache SalbitschynHans Branger, 51 j., Ba- Absturz beim Klettern durch sel, Dr. E. Vischer, Ausbrechen eines Sperr-38 j., Baselblockes 57 »PilatusAug. Kyttel, 33 j., Luzern Absturz beim Erklettern der Nordwand des Tomlishorns Gross-Simelistock Oskar Mischler, Bern Absturz beim Klettern in-(Engelhörnerfolge Ausbrechens des Griffblockes 59»Sphinx ( Jungfrau- E. Schnegg, 35 j.Absturz aus unbekannter jochUrsache 60»BerglihütteKurt Krieger, 25 j., Prag Alleingänger. Tot vor der Hütte aufgefunden 61»NünenenHerren, 19 j., BernAbsturz beim Klettern aus unbekannter Ursache 62»Aiguilles Rouges de Petitjean, Führer Georges Absturz aus unbekannter ChamonixHainotUrsache 63SalèveGermaine Béguelin, 32 j., Absturz aus unbekannter GenfUrsache 64Okt. Brienzer Rothorn J. Stähli, 50 j., Brienz Absturz von einem exponier- ten Fussweg aus unbekannter Ursache ( Schwindel, Schlaganfall ?) 65»Kleine MythenAlbert Hausherr, Kill- Absturz eines Alleingängers ( Nordgipfelwangenbeim Klettern 66Nov. MayinghornLouis Lorétan, 25 j., Lawine Leukerbad 67Dez. FlumsEmil Zubler, ZürichSkiunfall Statistik 1930.

1Jan. TremolatalWalter Schaffner,Lawine ( starke Lawinen- Hausen b. Brugggefahr ) 2Febr. Zermatter Breit- Bergführer Hermann Per- Absturz mit einer Schnee- hornren, 60 j.. Zermatt, Frl. wächte in den Bergschrund K. Ecker, 33 j., Luzern 3»Moléson ( Nordwest- Fritz Stalder, 23 j.,Lawine hangRüegsau 4BerninaAmmann, Immenstadt Absturz in Gletscherspalte, Seilriss 5»Berggebiet um den Wildhüter Brügger,Lawine SchwarzsceTafers 6»Plaun Minschun Leopold Brandtner, 55 j., Lawine Lindau 7 März Val TortaFranz Müller, TrierLawine Nr. Datum Unfallstelle Name der VerunglücktenBemerkungen 8 März Wäggital D. Busch, BadenAbsturz mit Ski in die Siggenbachschlucht 9 » Riffelberg ( Riffel- Bergführer Edmund PerLawine bordren, 29 j., Zermatt 10 » Alp Farur Anton Mögele, 24 j.,Lawine Berlin 11 » Parpaner Rothorn Walter Tauber, 19 j.,Lawine Zürich, Kurt Vogler, Berlin 12 » Morteratsch- Dr. Witzel, 37 j.Lawine gletscher 13 » Parmelan Bernard LombardLawine 14 » Aufstieg zur Cabane Rudolf Göbel, 21 j., EdLawine du Requingar Defanz, 23 j.

15Juni Oberer Grindel- Frank Gover, LondonAbsturz b. Blumenpflücken waldgletscher 16 » Pilatus Alfred Siedler, 50 j.,Absturz b. Blumenpflücken Luzern 17 » Arête des Verreaux Walter Reichard, LauTod durch Ausrutschen auf sännesteilem, nassem Grashang 18 » Wachthubel Christian Aeschlimann,Absturz an einer Felswand 15 j., Marbach 19 » Leistkamm Frau Lechner, 50 j.,Absturz nach Versteigen Oerlikon 20 » Monte Generoso F. Oberlin, 17 j., FrauenAbsturz aus unbekannter feldUrsache 21 » Gasterntal Ulrich Schott, Mannheim Absturz b. Blumenpflücken 22Juli Fer à Cheval Herr und Frau Curchod,Tod durch Erschöpfung im LausanneSchneesturm 23 » Grütschalp Johann Hasler, 23 j.,Absturz b. Edelweisspflücken Madiswil 24 » Trident Fritz Blatter, VeveyTod durch Ausgleiten beim Klettern, Seilriss 25 » Scopi Colomb, 17 j., Neuchâtel Absturz b. Edelweisssuchen 26 » Klus bei Zwei- Ernst Möri, 25 j., GrenAbsturz b. Edelweisspflücken simmenchen 27 » Scesaplanagletscher Max Pfister, Kirchbichel Tod durch Erfrieren im Schneesturm 28 » Pic Pierre Mentha Emile CruzAbsturz beim Klettern ( Savoie ) 29 » Aiguille de Bionnas- M. Azéma, 22 j.Tod im Unwetter say ( Nordwand ) 30 » Pointe de Méan Abbé Sudre, 30 j., Charles Absturz durch Ausgleiten Martin ( Savoie ) Walter, 19 j., Marceleines Seilgenossen und Mit- Weber, 18 j., Andréreissen der andern Weber, 13 j.

31Aug. Eggstock Speich, 23 j., LuchsingenAbsturz beim Klettern beim Begehen einer neuen Route ( Alleingänger ) 32 » Innertkirchen Kaspar Roth, 13 j.Absturz über eine Felswand 33 » Pfannenstock Walter Müller, 22 j.,Absturz auf nassem, glit- Zürichschigem Fels 34 » Ob. Steinenberg Robert Schmid, 29 j.,Absturz b. Edelweisspflücken ( KientalFrutigen 35 » Morgenberghorn Molte, 35 j., LeipzigAbsturz b. Edelweisspflücken 36 » Pointe de l' Etoile Fournier, 25 j., Nendaz Tod durch Steinschlag in einem Couloir 37 » Kistenpass Fritz Setz, 15 j., BruggVerirrt und zu Tode gestürzt 38 » Böser Mürtschen Jakob Landis, 20 j., OberIm Nebel verirrt, Absturz rieden Nγ.Datum 39 Aug.

40 » 41 » 42 » 43 » 44 » 45 » 46 » 47 » 48 » 49 Sept.

50 » 51 » 52 » 53 Okt.

54 » 55 Nov.

56 Dez.

57

UnfallstelleName der Verunglückten Frutthörnli ( unterFrl. Beatrice Marthe Gor-halb Laubergrat ) gier HausstockA. Schildknecht, Zürich Bemerkungen Absturz b. Edelweisspflücken Absturz beim Klettern, mit einem sich lösenden Felsblock Absturz durch Ausgleiten des Schlussmannes auf steilem Eishang Absturz aus unbekannter Ursache während einer Längstraversierung Absturz durch Unwohlsein ( Schwindel ?) Absturz aus unbekannter Ursache Verirrt, Tod durch Lawine Pointe de l' Evêque O'Connor, 25 j., England, Miss Irving, 19 j.

Droite Tournet Mont Charvin Glacier de 1a Griaz ( Tête Rousse, Mont Blanc ) Courtes Aiguille du Pouce ( Aiguilles Rouges de Chamonix ) Aiguille Ravanel ( Mont Blanc ) Piz Morteratsch Windlauikopf ( Klöntal ) Wageten ( Glarus ) Burg bei Grindelwald Petite Jumelle Mittelspitze ( Engelhörner ) Brienzer Rothorn, Nordseite Catogne Rotsteinpass ( Säntisgebiet ) Karl Schmidel, Hans Schmidel ( Vater und Sohn ) Edmond Rütinger, 28 j., Paris Marie Réal, 21 j., Annecy Robert Müller, Erfurt Walter Brunschwyler, 30 j., Chaux-de-Fonds Albert Pierson, Georges Pierson Marcel Briffault, Robert Bouvier P. H. Kuès, 22 j., Montreux Johann Eigensatz, Brunnen Gerhilde Land, 16 j., Tübingen Karl Stalder, 29 j., Grindelwald Frl. Delisle, 18 j., Lausanne Hans Winterberger, 29 j., Adolf Huber, 23 j., Meiringen Alfred Krebs, 32 j., Oppii gen Henry Crettex, 22 j., Champex Frl. Rosa Zübler, Krummenau, Gottfried Peter, Gustav Herter, Wülf-lingen Lawine Absturz beim Klettern Absturz beim Abseilen Verschollen ( Alleingänger ) Absturz beim Klettern Absturz aus unbekannter Ursache Absturz aus unbekannter Ursache Absturz durch Loslassen eines Halteseils Absturz beim Klettern durch Ausbrechen einer Steinplatte Absturz auf Skitur Tod durch eine kleine Lawine in einem Couloir Tod durch Lawine bei stürmischem Wetter und starker Lawinengefahr 1Jan.Männlichen 2»Glattwanggebiet 3»Hochwang 4»Wichlenalp bei Elm Statistik 1931.

Frl. Marbach, 18 j., Bern Lawine August Hotz, 47 j., Kilch- Lawine, Alleingänger berg Seminarist Muggwyler, Schiers Dr. med. Hans Klare, 33 j., Berlin, Frl. Elsa Klöpner, 22 j., München, Verirrt und erfroren Tod durch Wächtenabbruch an einem Bachtobel ( warmes Föhnwetter ) 5 »Maigelspass Frl. Hertha Gelpke, 28 j., Berlin Bergführer Xaver Wettstein, 24 j., Andermatt Lawine Nr. Datum Unfallstelle Name der VerunglücktenBemerkungen 6Jan. Parpaner Schwarz- Arthur Wiedhahn, 28 j.,Lawine hörnBerlin 7 » Aletschwald Bergführer Christ. BartLawine schi, 51 j., Adelboden, Mme Furnivall, Mlle Furnivall, Mlle Gallo-way 8 » Eggishorn Josef Zeller, 24 j., GaisLawine 9 » Nordhang von Piz Alfred Marschall, 27 j.,Lawine Nair ( Corviglia ) Genf 10Febr. Albana Dr. Heinz, StuttgartLawine an gefährl. Steilhang 11 » Zermatter Breit- Jakob Aliendörfer, StuAbsturz in Gletscherspalte horn dent, Münchenim Abstieg vom Gipfelplateau mit abgeschnall-ten Ski 12 » Aufstieg zur Bé- C. von Tschammer, KurLawine tempshüttewitz 13 März Maienfelderfurka Dr. med. Sutermeister,Lawine 24 j., Basel 14 » Theodulgletscher Carlo de Silvestri, M. Absturz mit Ski in Gletscher- Scialuga, Italienspalte 15April Lauberhorn Frl. Stack, 25 j., England Tod durch Zusammenstoss mit einem andern Skifahrer 16 » Grenzgletscher Eisner, LinzSturz in Gletscherspalte 17 Mai Kleiner Mythen Marcel Weber, 41 j.,Absturz beim Klettern, ( Westwand ) AarauAlleingänger 18Juni Wiggis Jakob Rymann, 38 j.Absturz beim Klettern, Alleingänger 19 » Fronalpstock Karl SchättiSteinschlag ( Glarus ) 20 » Gantrist Frl. Meinerzhagen, 22 j.,Im Nebel verirrt, Absturz Bern, Frl. Frick, Bernin der schweren Nordostwand 21 » Fleckistock Keller, BaselAbsturz in einer Schneerunse durch Ausgleiten 22 » Pilatus Fritz Kaufmann, 19 j.,Absturz b. Blumenpflücken Horw 23 » Pilatus Rosa Widerkehr, 23 j.,Absturz b. Blumenpflücken Kriens 24 » Schächentaler Albert Schärer, 22 j., Absturz aus unbekannter Windgälle UntersiggenthalUrsache 25 » Grand Pavé ( Pa- Arthur Fontaine, 56 j.,Absturz auf steilem Schnee- nossièregebiet ) Croydenfeld bei Hilfeleistung an seinen ausgleitenden Sohn 26 » Grépon Albert Perritaz, 21 j.,Absturz in den obersten Fels- Genf, Louis Philo, 24 j.,partien im Abstieg am Genfspäten Nachmittag, Föhnwetter 27Juli Dammastock ( Ost- Dr. Wirz, 26 j., LangenAbsturz beim Klettern aus wand ) thal, Dr. Frehner, 26 j.,unbekannter Ursache St. Gallen 28 » Wilde Frau Franz Chiesa, 17 j.Absturz auf falscher Route 29 » Piz Linard Frl. Dr. med. Charlotte Absturz aus unbekannter Kirschner, BerlinUrsache 30 » Lauterbrunner Bergführer Oskar Ogi,Absturz bei Hilfeleistung an Breithorn Kanderstegseinen abgestürzten Bruder 31 » Tremoggia Frl. Wanner, Rüschlikon Absturz in Gletscherspalte 32 » Piz Centrale Irma Tunesi, 21 j., PreAbsturz im Abstieg durch gassonaAusgleiten Nr. DatumUnfallstelleName der VerunglücktenBemerkungen 33Juli FronalpstockFrl. Rosa Hürlimann, Absturz auf exponiertem Weg ( Glarus23 j., Zürichmit einer unter dem Fuss weichenden Erdscholle 34»Piz RosatschPlatz, 18 j., Savognin Absturz aus unbekannter Ursache, Alleingänger 35»Petit DruAbbé BeaugeardAbsturz im Abstieg infolge Ausbrechens des Stand-blockes 36»Aiguilles Rouges de Dr. Barancelli, LyonAbsturz beim Klettern Chamonix 37»Arête des Grands Bobi Arsandeau, 25 j., Absturz bei einer Traverse, Montets ( Aiguille FrankreichSeilriss Verte ) 38»Nordwand derLeo Rittler, München, Absturz beim Versuch der Grandes Jorasses Hans Brehm, München Erstbesteigung 39»Jumeaux de Bré- Ernest Bonnet, 18 j.Absturz beim Klettern vent 40»Mont BlancDr. Fritz Dissi, Österreich Absturz aus unbekannter Ursache 41»Grandes Jorasses Dr. Friedrich Fischer, Absturz aus unbekannter DeutschlandUrsache 42Aug. GwasmetKarl Bürki, ZürichAbsturz bei schwerer Klet- terei durch Ausbrechen des Halteblockes ( unangeseil-tes Gehen einer Viererpartie ) nach Schlecht-wetterumkehr 43»SättelistockErnst Berger, 20 j., Luzern Absturz in schwerem Ge- wittersturm 44»Schersax ( Kiental ) Walter Portner, 21 j.Absturz b. Edelweisssuchen 45»StockhornWerner Linder, 21 j.Absturz b. Edelweisssuchen 46»Pin d' ArollaHugo Weil, LuzernAbsturz in Gletscherspalte 47»HauderesKetty Allemann, 21 j., Absturz b.Edelweisspflücken Basel 48»Brächalp bei Braun- Elfriede Hunziker,Absturz auf einer Abkürzung waldRegensbergin einer Felspartie 49»JungfrauR. H. K. Peto, R. Ker- Absturz im Abstieg oberhalb shaw, W. E. Downee, Rottalsattel England 50»Saas-FeeUnbekannter Japaner, Absturz eines bergungewohn- 24 j.ten Mannes im Gefelse 51»Tête du LionBergführer Ferraro, Turin Absturz beim Klettern aus ( Matterhornunbekannter Ursache 52»Rochers de Naye Pierre Maron, 18 j., Pierre Absturz beim Klettern Blanchod, 19 j.

53»FinsteraarhornDirektor Kalig, Tschecho- Absturz in heftigem Gewitter Slowakei, Ingenieur an steilem Eishang ober- Hendschel, Oberschle- halb Hugisattel sien 54»Aiguille d' Argen- Erich Wettstein, 32 j., Tod durch Erschöpfung im tièresZürich, Gobat, Basel Schneesturm 55»Aiguille du Goûter Hugel, 28 j., Strassburg, Absturz eines Turisten einer Schewerger, 33 j.,Viererpartie beim Abstieg, StrassburgMitreissen eines Kame- raden, Seilriss 56Sept. Bettlerstock ( vor Leo Forty, 21 j.Absturz beim Hinunterklet- Rigidalstocktern ( Unfähigkeit, Aus- schlagen einer Warnung ) 57»Val Sanbuco ( Fusio ) Franz Frey, 47 j., Airolo Absturz b. Edelweisspflücken 58»Grand PerronAline Burnett, 33 j., Wil- Absturz einer Zweierpartie liam Ellison, 43 j., Eng- beim Klettern durch Aus-landbrechen eines Halteblockes Nr. DatumUnfallstelleName der VerunglücktenBemerkungen 59Sept. IsenfluhMeta Diederichs, 19 j., Absturz über eine Felswand Interlakenbei einem Spaziergang 60»Aiguille du Peigne Franz Märchi, 18 j., Genf Absturz einer Dreierpartie bei schwerer Kletterei im Schneesturm 61»Mont JalouvreChanoine Belzit, Frank- Absturz aus unbekannter ( SavoiereichUrsache 62Okt. Rochers de Naye Rudolf Marx, 23 j., Öster- Absturz eines sehr schlecht reichausgerüsteten bergunge- wohnten Mannes 63»Région des Agittes Marcelle Lagrive, 15 j., Steinschlag Roches 64»Piz RieinKappler, 23 j., Ravens- Absturz nach unfreiwilliger burgBeiwacht. Schlecht aus- gerüsteter, ungeübterMann 65»Dritter Kreuzberg Frl. Brändli, 24 j.,Steinschlag Bruggen 66»GrassenJos. Marti, 42 j., Heinr. Absturz in Gletscherspalte Krauer, 24 j.des Firnalpeligletschers 67Nov. GancianopassAlessandro Falliani, 27 j. Absturz durch Ausgleiten ( Puschlavauf vereister Stelle 68»RossälplistockEmmanuel Peisker, 26 j., Absturz beim Klettern in ( WäggitalZürichbrüchigem Gestein 69»MeidenpassAbbé E. ZuffereyAbsturz nach Verirren in der Nacht Zusammenstellung.

UnglücksfälleTote 1929 6781 1930 5771 1931 6987 Total 193 239 Die Unglücksfälle im Winter.

Wie man aus der letzten Tabelle ersieht, haben die Unglücksfälle im Winter, mit Ausnahme des Jahres 1929, die früheren Jahre wieder überboten. In unserer Berichtsperiode machen sie mit 55 Toten 23 % der Gesamtzahl der Toten aus.

Die kleine Zahl der Todesfälle in den Wintermonaten des Jahres 1929 erklärt sich vor allem daraus, dass dieser Winter sehr schneearm war. So sind denn auch nur 4 eigentliche Lawinenunglücke zu beklagen, ein geringer Tribut der grossen Menge der Skifahrer an das Schicksal. Selbstverschulden scheint bei wenigstens zweien dieser Unglücksfälle vorzuliegen. Es wurden ausgesprochene Steilhänge mit traversierenden Skiern angeschnitten, die Lawine liess nicht auf sich warten. Zwei Unglücke stiessen Alleingängern zu, der eine erfror am einsamen Maigelspass, den andern deckte die Lawine zu. Beides Beispiele der Gefahren der zu verwerfenden Alleingängerei im Winter.

Dass auch die schneesturmgepeitschten Kämme des Jura gefährlich werden können, zeigt der Tod eines jungen Skifahrers am Chasserai. Die Turisten verloren sich im Nebel und aufkommenden Schneesturm. Der Verirrte erschöpfte sich in hoffnungslosem Suchen nach dem Hotel und konnte schliesslich nur als Leiche gefunden werden. Auch in leichtem und bekanntem Gelände ist bei schlechtem Wetter und namentlich bei Nebel strenge Marschdisziplin angezeigt.

Festzuhalten ist noch aus dem April des Jahres 1929 der Absturz eines unangeseilten Skifahrers in eine Gletscherspalte. Wir werden auf diese Art der Skiunfälle weiter unten zu sprechen kommen.

Viel mörderischer waren die Winter der zwei folgenden Jahre. Es ist unmöglich, auf die vielen Lawinenunglücke einzeln einzugehen, es ist aber sehr interessant, sie in ihrer Gesamtheit zu betrachten und ihr direktes Verhältnis zu der jeweiligen Wetterlage.

Das Lawinenunglück im Januar 1930 in der Tremolaschlucht geschah bei grosser Lawinengefahr, bei schlechtem Wetter mit starken Schneefällen. In der ersten Februarhälfte meldet das meteorologische Bulletin starke Neuschneefälle in den Voralpen, in diese Zeit fallen die Lawinenunglücke in den Freiburger Bergen. Der Monat März zeichnete sich durch anhaltende starke Schneefälle aus, es herrschte stets warmes, unsicheres Wetter mit kurzen föhnigen Aufhellungen bei dauernd tiefem Barometerstand. Am 22. März 1930 meldete die Grosse Scheidegg 2 m Schnee, und über « Das Wetter » wurde in der « Neuen Zürcher Zeitung » vom 27. März geschrieben: « Die starken Schneefälle, welche seit letzter Woche fast ununterbrochen im Hochgebirge niedergingen, haben für einmal aufgehört. Stellenweise hat sich in einzelnen Gebieten unseres Hochgebirges, namentlich in der Zentralschweiz, die Schneedecke um mehr als 1 m erhöht, teilweise sogar um 2 m. In den höchsten Lagen beginnt sich gegenwärtig der Himmel langsam zu klären. Nach dem heutigen amtlichen Wetterbericht der meteorologischen Zentralanstalt besteht fortgesetzt grosse Lawinengefahr. Es wird nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass bei diesen Schneelagen, die sich noch nicht mit der alten Schneeschicht genügend verbunden haben, besondere Gefahr besteht. Die Erfahrung zeigt auch, dass selbst nach einer Woche neue Schneeschichten noch ins Rutschen kommen können. Die vielen Unglücksfälle der jüngsten Zeit mahnen daher gegenwärtig zu besonders grosser Vorsicht. » Genau in diese gefährlichen Tage fallen alle die Unglücksfälle im Val Torta, am Riffelberg, beim berüchtigten Übergang über das Riffelbord, am Parpaner Rothorn, auf dem Morteratschgletscher, ja selbst an sonst ungefährlichem Ort, wie auf der Alp Farur, löste sich die Lawine.

Über die Neujahrstage des Jahres 1931 verzeichnete man föhniges, warmes Wetter mit schwerem Neuschnee, man meldete Temperaturen in den Bergen bis 7 Grad über Null. Als Folge dieser Verhältnisse ereigneten sich die Lawinenstürze am Männlichen, an einem sonst von Hunderten von Skifahrern befahrenen Hang, im Glattwanggebiet, am Hochwang, auf der Wichlenalp, auf drastische Weise in einem Bachtobel durch Abbruch einer Wächte, am Maigelspass und am Parpaner Schwarzhorn.

Es folgten gegen Ende Januar weitere schwere Schneefälle, es töten während diesen Tagen Lawinen den jungen Mann am Eggishorn, der sich mit seinem Kameraden aus dem Konkordiagebiet flüchtet, und einen Skifahrer am Piz Nair. Die « Neue Zürcher Zeitung » schreibt am 27. Januar 1931 unter « Lawinengefahr im Hochgebirge »: « Die schweizerische meteorologische Zentralanstalt macht nachdrücklich darauf aufmerksam, dass bei den grossen Schneefällen der letzten vier Tage im Hochgebirge neuerdings starke Lawinengefahr vorhanden ist. Die Schneelage habe sich teilweise um einen vollen Meter erhöht. In den höhern Lagen bei Temperaturen von 5—10 Grad unter Null liegt zum Teil Pulverschnee. Die vielen Unglücksfälle in der jüngsten Zeit mahnen zu besonders grosser Vorsicht. » Es ist während dieser Tage eine aus sechs Personen bestehende Gruppe englischer Turisten, begleitet von drei Führern aus Adelboden, in der Konkordiahütte eingeschlossen. Vier lange Tage und fünf bange Nächte verbringen sie dort, während draussen der Schneesturm tobt. Endlich hellt am folgenden Morgen namentlich nach dem Rhonetal hin der Himmel auf. Jetzt wird aufgebrochen, aber der tiefe Neuschnee macht ein Vorwärtskommen fast unmöglich. Bald bricht auch neuerdings der Schneesturm los. Trotz allen Widerständen wird unter der kundigen Führung des Führerobmanns Christian Bärtschi nach vier Stunden der Ort erreicht, wo man den Aletschgletscher verlässt, um im Aletschwald gegen die Riederfurka hin anzusteigen. Der Lawinengefahr ist man sich bewusst, und die Führer bahnen vorsichtig ihre Spur. Da fegt plötzlich eine Lawine vom Grat durch den Wald herunter und begräbt vier Personen der Kolonne. Die andern werden von der breiten Lawine nicht erreicht oder können sich an den Bäumen halten. Hoffnungslos suchen sie vorerst nach ihren Gefährten, dann harren sie 36 Stunden lang bei anhaltendem Schneesturm in einem Biwak unter einer grossen, schützenden Arve, bis das Wetter ihnen erlaubt, den Grat und die Riederfurka zu gewinnen.

Genau zur selben Zeit ereignete sich in den Piemonteser Alpen ein grauenhaftes Lawinenunglück, das in der Statistik nicht aufgenommen ist, auf das aber in diesem Zusammenhang trotzdem hingewiesen werden muss. Es wurden dort drei Offiziere und achtzehn Unteroffiziere und Soldaten des 3. Alpini-Regimentes von zwei Lawinen getötet, als sich die Truppe, durch Unwetter gezwungen, aus einem Hochtal zurückziehen musste.

Wir notierten weiter starke Schneefälle um den 20. Februar 1931 herum. Es erfolgte sofort die Meldung über das Lawinenunglück beim Übergang vom Riffelberg zum Grenzgletscher, das eine deutsche Partie überraschte, die trotz unsicherem Wetter von Zermatt aufgebrochen war, im Schneesturm dann am Riffelhorn biwakiert hatte und nun Zuflucht in der Bétempshütte suchen wollte.

Zu erinnern ist unter dem Datum des 20. Februar 1931 an die grosse Lawine, die das Dörfchen Piatta an der Lukmanierstrasse verschüttete und dabei sechs Einwohner tötete. Sie figurieren in der Statistik nicht, da es sich nicht um ein auch im weitesten Sinne gefasstes turistisches Unglück handelt. Das Unglück wird hier nur aufgeführt, um den Zusammenhang von Lawinengefahr und meteorologischer Situation zu unterstreichen. An diesem Punkt muss offenbar angesetzt werden, wenn man in Zukunft die Häufung von Lawinenunglücken verhüten will.

Die meteorologische Zentralanstalt sollte in vermehrtem Masse und möglichst frühzeitig auf Lawinengefahr und Schlechtwettereinbrüche aufmerksam machen. Die Tagespresse müsste diese Meldungen, ähnlich den oben angeführten Beispielen, weitgehend verbreiten, und nicht zuletzt sollten in unsern Winter-kurorten die Hotels für Bekanntmachung solcher meteorologischer Nachrichten unter ihren Gästen sorgen. Denn es ist beim Durchgehen unserer Statistik nicht zu verkennen, dass die Ausländer, die eben mit unsern alpinen Witterungsverhältnissen wenig vertraut sind, das Hauptkontingent der Lawinenverunfallten ausmachen.

Was unsere einheimischen Skifahrer und unsere Jungmannschaft betrifft, so sei darauf hingewiesen, dass in den vielen Skikursen nicht allein auf den skitechnischen Unterricht Wert gelegt werden sollte; gute Kenntnisse über Wetter, Schnee und Lawinen sind mindestens so wichtig wie die Gleichgewichts-gesetze des Stemmchristianias oder des Quersprungs.

Dann soll hier die Gelegenheit ergriffen werden, auf einen Ausrüstungsgegenstand aufmerksam zu machen, der bei keiner grössern Skiunternehmung fehlen sollte. Es ist dies die Skischaufel ( Iselin ). Dieses praktische, leichte Instrument hat sich sowohl in unserer als auch in allen Armeen der umliegenden Länder durchgesetzt. Sie muss der ständige Begleiter auch unserer zivilen Skifahrer werden, denn sie ist schon zur Lebensretterin vieler Verschütteter geworden, und bei manchem Lawinenunglück hätte mit ihrer Hilfe ein Menschenleben gerettet werden können. Wer je in die Lage kam, einen Verschütteten aus der gepressten Schneemasse einer Lawine ausgraben zu müssen, der erkannte, wie absolut machtlos man ohne geeignetes Werkzeug ist. Hoffnungslos stochert man mit Stock und Skienden im Schnee und verzweifelt, nicht rasch die so nötige Hilfe bringen zu können. In solchen Situationen schafft die Skischaufel fürs erste Hilfe. Darum verdient ihr praktischer Wert hier deren Erwähnung. Damit wollen wir das Kapitel der Lawinen verlassen.

An zweiter Stelle stehen bei den Skiunfällen die Abstürze in Gletscherspalten. Es ist nicht anders möglich, als dass diese Unglücke sich häufen müssen, wenn man sieht, mit welcher Sorglosigkeit und rührenden Unkenntnis der Gefahr das Skivolk sich auf den Gletschern tummelt. Es ist ja ohne Zweifel Phot. Aug. Rupp, BerlinBergschatten des Eiger im Winter Brunner & Cie. A.G. Zürich Mittwinter im Hochtal von Grindefwald. Zwei Mittassstunden nur grüsst der Sonne niederer Bogen den Talboden. Abendnebel steigen auf. Auf deren grdue Wand zeidinet Frau Sonne des Eigerberges grösseres Ebenbild. Sattel und Stotziggrat der Mittellegi treten in der viel genussreicher, frei und ungefesselt die Gletscherweiten zu durchmessen, die endloser sich dehnen als jedes Gebiet der Voralpenregion, als sich zu mühen mit einem oder zwei Seilgefährten, sturzlos eine sichere Spur zu ziehen, ständig achtend auf die lauernde Gefahr der Gletscherspalten.

Wir werden aber unsere Ansichten über das unangeseilte Fahren auf den Gletschern doch über kurz oder lang revidieren müssen, denn wieder haben sich im vorletzten und letzten Winter gegenüber der vorliegenden Statistik die Todesfälle vermehrt. Wer im Sommer Gletscher begangen hat, wie die Gletscher des Berninagebietes oder stellenweise auch des Jungfraumassivs, wer über den Alalin-, Grenz- und Theodulgletscher mit aller Vorsicht am Seil gewandert, wer von der Dufourspitze im Abstieg das Obere Plattje überquert, wer an all diesen Orten die riesigen Klüfte, die Löcher, in die man stellenweise ganze Häuser hineinstellen könnte, gesehen hat, der erschaudert im Gedanken, wie der Skifahrer diese Gebiete durchfährt. Jeden Verantwortungsgefühles bar befahren gerade unsere Führer mit ihren Partien unangeseilt alle Gletschergebiete. Wie sollte man sich da wundern, wenn der Nur-Skifahrer ahnungslos diese Gebiete betritt, die ihm noch durch Gesellschaftsfahrten und Tarifermässigungen der Bahnen eröffnet werden. Wie sollte man staunen, dass die Zahl dieser Unglücksfälle zunimmt, wenn man an Ostern und Pfingsten alle oben erwähnten Gletschergebiete von Skifahrern wimmeln sieht, nicht zuletzt auch von Teilnehmern an Sektionsturen des S.A.C., denen doch eine sachgemässere Handlungsweise zuzutrauen wäre. Und seilfreie Abfahrten von der Station Eismeer über den Kalli- und Grindelwald-Fiescherfirn zum untern Grindelwaldgletscher und nach Grindelwald gehören zum täglichen Programm der Wintergäste um die Kleine Scheidegg!

Das Rad der Zeit kann nicht rückwärts gedreht werden, aber der Versuch, zu bremsen, wenn es auf falscher Fährte rollt, der muss unternommen werden, selbst unter der Gefahr, als rückständig zu gelten. Das menschliche Leid um den toten Ernährer einer Familie, um den toten Sohn ist so tragisch auch in unserer modernen Zeit wie je und je, und diese bittere Trauer nach Möglichkeit zu verhüten, ist unsere stete Pflicht.

Der objektiven Gefahren sind im winterlichen Hochgebirge ohnehin schon genug. Wir hätten sonst nicht den Tod allein von vier tüchtigen Bergführern zu beklagen.

Im Verhältnis zu der grossen Anzahl von Skifahrern sind die tödlichen Verletzungen durch Skistürze sehr selten, wir verzeichnen in der jetzigen Berichtsperiode nur drei. In einer tollen Schussfahrt muss der Zusammenstoss zweier Skifahrer am Lauberhorn geschehen sein, der mit dem tödlichen Schädelbruch einer Engländerin endete.

Die Unglücksfälle im Sommer.

Um die nicht eigentlichen alpinen Unglücksfälle vorauszunehmen, erwähnen wir, dass in der Berichtsperiode der Jahre 1929—1931 beim Blumenpflücken, namentlich bei der Jagd nach dem verlockenden weissen Stern des Edelweiss, und bei Spaziergängen auf exponierten Steigen oder beim Nehmen von Abkürzungen im felsigen Gehänge 23 Personen erfallen sind. Die Zahlen bleiben sich seit Jahren ungefähr gleich, und es scheint, dass sie auch durch dauernde Aufklärungsarbeit in den Schulen und in der Presse nicht herabgesetzt werden können.

Äusserst zahlreich sind auch wieder die Unfälle, die den Wanderern in der Voralpenrcgion zugestossen sind. Wir haben es wohl hier meistens mit Gelegenheitsturisten zu tun, denen teils ihre schlechte Ausrüstung, teils ihre Unkenntnis der Gefahren der Berge zum Schicksal geworden sind. In unserer Statistik figurieren diesmal Gipfel in allen Gruppen der Voralpen von Ost nach West, vom Säntis bis zum Mont Jalouvre im Savoyerland. Besonders betont sind, wie auch in früheren Jahren, als Ausfallstore der grossen Städte die Glarner Vorberge, die Voralpenstöcke des Wäggitales, der Pilatus, die Stockhornkette, die Rochers de Naye und der Salève. Man kann nach einem Sonntag jeweils auf diese Todesnachrichten mit Sicherheit warten, und da der Ablauf dieser Unglücksfälle im allgemeinen immer derselbe ist, soll nicht eingehender auf diese Art der Bergunglücke eingegangen werden, sie sind zudem in den « Bemerkungen » der Statistik genügend erhellt. Zu betonen ist nur, dass in vielen unserer Fälle schlechtes Wetter, Einbruch von Nebel oder Schneetreiben die letzte Ursache des Absturzes wurden. In diesen Verhältnissen rächt sich dann an den Sonntagsturisten sowohl das mangelnde Training und Abgehärtetsein des Körpers als auch die Unkenntnis aller Hilfsmittel der Orientierung bitter. So ist z.B. sogar der Gantristgipfel mit seiner breiten Abstiegspur zwei Berg-wandererinnen zum Verhängnis geworden. Sie fanden sich im Nebel nicht zurück, irrten am Gipfel herum und stürzten schliesslich in der Nordwand ab. Ähnliche Fälle häufen sich diesmal in unserer Statistik.

Verhängnisvoll ist zu mehreren Malen ein Wetterumschlag auch dadurch geworden, dass durch Regenfälle steile Gras- und Felspartien glitschig geworden sind und die Turisten so zum Ausrutschen und Absturz brachten.

Die objektiven Gefahren sind auch in den Voralpen zahlreich und müssen bei der subjektiven Minderwertigkeit des Grossteils ihrer Besucher zum Unglück führen.

In diesem Zusammenhang ist auch auf das Alter der Verunglückten hinzuweisen. Wir finden unter ihnen, soweit überhaupt das Alter ermittelt werden konnte, sehr viele junge Menschen, die Altersstufe um die 20er bis 30er Jahre ist schwer betroffen worden, und 34 der Toten haben diese Altersgrenze überhaupt nicht erreicht. Es figurieren in der Statistik sogar verschiedene 10- bis 16jährige. Sie sind wohl fast alle dem Sturm und Drang ihrer Jugend zum Opfer gefallen. Aus diesem Grunde wird auch in der Zukunft schwer zu warnen sein. Die Flamme jugendlicher Begeisterung darf auch nicht erstickt werden, nur sollte sie als heiliges Feuer nach Möglichkeit gehütet und geleitet sein. Hier liegt weiter für alle Jugendorganisationen, nicht nur für diejenigen des S.A.C., ein dankbares Feld der Arbeit. Auch die grosse Pfadfinderbewegung sollte sich dieser Aufgabe der Aufklärung annehmen, die Gelegenheit von Schulreisen, von Ferienlagern müsste in diesem Sinne von der Schule benützt werden. Die weitausgedehnten Fürsorgestellen für die schulentlassene Jugend und für das Lehrlingswesen könnten durch Vortragsabende und durch Türen mit ihren Leitern auf die Gefahren von Bergwanderungen und auf die Mittel zu deren Überwindung aufmerksam machen. Auf diese Weise würden schliesslich alle Kreise erfasst, aus denen sich das junge Bergvolk rekrutiert, und es wäre der schönste Lohn aller Bemühungen, wenn man wieder ein Zurückgehen der Todesstürze so viel jungen Blutes feststellen könnte.

Wir gehen nun über zur Besprechung der eigentlichen alpinen Unfälle. Auch diese haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Wir haben oben bemerkt, dass die allgemeine Zunahme der alpinen Unglücksfälle wohl zum grossen Teil von der immer grösser werdenden Turistenzahl herkommt. Sie kommt aber auch sicher daher, dass von weiteren Bergsteigerkreisen als früher immer häufiger grosse, schwere Türen unternommen werden, dass immer schwierigere Probleme aufgerollt werden, die man in der Bezwingung neuer Wände und Routen sucht. Wohl hat die alpine Technik grosse Fortschritte gemacht, wohl ist der Durchschnitt der Bergsteiger sicher ein höherer geworden. Die Gefahren der Berge bestehen aber trotzdem fort, und sie sind wahrscheinlich durch die Suche der Alpinisten nach immer schwereren Klettereien proportional, trotz Leistungssteigerung des Menschen und dessen Waffen, sogar noch grösser geworden. Wie hätten wir sonst heute den Tod so vieler sehr guter Bergsteiger auf schweren Fahrten zu beklagen! Über alle diese Probleme gibt die Durchsicht der vorliegenden Statistik erschöpfend Aufschluss.

Wir haben Beispiele von Todesstürzen auf Neuturen am Eggstock und an der Nordwand der Grandes Jorasses, die in den zwei ausgezeichneten Münchner Bergsteigern ihre ersten Opfer forderte.

Wir lesen vom Absturz im Juli 1931 von Bobi Arsandeau, der mit seinen 25 Jahren eine der markantesten Figuren des französischen Alpinismus, im besondern des G. H. M., war. Bei der ausgesprochen schweren Begehung der Arête des Grands Montets stürzte er knapp unterhalb des Gipfels der Aiguille Carrée. Er ging als letzter und traversierte, von seinen zwei Kameraden nicht sichtbar, einen Steilhang. Das doppelte Seil riss.

Wir haben zwei Unglücksfälle bei der Traversierung der Aiguilles des Drus, die beide gute Bergsteiger betrafen, so namentlich den Abbé Beaugeard, einen bekannten Mann im Mont Blanc und im Dauphiné. Über beide Unfälle wird in anderem Zusammenhange nochmals gesprochen werden.

Als sehr schwere Berge, die zu Unfällen führten, sind weiter im Mont-Blanc-Gebiet zu nennen die Aiguille du Peigne und die Aiguille Ravanel. Dass der Grépon mehrmals in der Statistik figuriert, ist bei ihm als einem Modeberg oder, wie ihn schon Mummery nannte, als « course facile pour dames », damit das neue Bergsteigertum geisselnd, nicht zu verwundern.

Der Beweis scheint mir hier erbracht, dass je länger je mehr die Turen mit grossen Schwierigkeiten aufgesucht werden. Die Gründe dazu haben wir hier nicht zu analysieren, sie sind komplex und wären einer psychologischen Studie sicher wert. Wir haben nur in der grossen Zahl der Toten die Gefahren dieser schweren Fahrten festzuhalten.

Dieselben Erscheinungen bieten sich auch in uns näher liegenden Berggebieten. Es gehört in dieses Kapitel der Tod zweier Freunde aus dem A.A.C.B., der mich besonders berührt. August Mottet, ein alter schicksalumwitterter Bergmann, der Zeuge manchen Bergunglücks, vom Todeshauch der Gletscher oft gestreift, zog mit einem jungen Kameraden aus zur selten ausgeführten schwierigen Begehung des Galletgrates des Doldenhorns. Schwere Felspartien, steile Firnhänge führten sie vom Fründenbiwak am Öschinensee langsam empor in ein sehr steiles Eiscouloir, das endlich auf den Ostgrat hinaufführt. Dort wurden sie zum letztenmal gegen 5 Uhr abends gesichtet, mühsam schien namentlich der zweite Mann voranzukommen. Dann verschwanden sie im Nebel nahender Gewitter. Am nächsten Morgen bemerkte man die Leichen auf tiefliegenden Firnfeldern. Was dort in jenem Couloir geschehen, weiss man nicht, ob Steinschlag sie des Standes beraubte, ob Müdigkeit und Unsicherheit den einen überkam, so dass er stürzte, das wird ungeklärt bleiben. Die Kritik mit dem « man hätte » und « man sollte » kann erheben, dass die Seilpartie eines Mannes von 49 Jahren und eines jungen, noch wenig erprobten Alpinisten für diese Tur nicht ideal gewesen sei, dass die vorgerückte Zeit, der drohende Wetterumschlag so fern dem Ziel sie hätte vor der schwierigsten Stelle zur Umkehr zwingen sollen. Was nützen die Worte, sicher ist, dass auch hier ein hohes Ziel, ein langersehnter, schwerer Weg, wie er ihn schon so oft anderwärts gegangen, schliesslich Mottet zum Schicksal geworden ist.

Weiter. Wie selten wurden früher die Ostaufstiege auf die Dammakette ausgeführt. Sie wurden dann durch die Hütte am Moosstock erschlossen und werden nun häufig begangen durch allerhand Bergsteiger, die ihnen mehr oder weniger gewachsen sind; jetzt fordern sie ihre Opfer.

Wie haben wir sie noch miterlebt, die Einsamkeit unserer Ochsentalhütte in den Engelhörnern. Wir fanden jene Klettereien schwer und achteten die stolzen grauen Hörner. Heute sind sie der Tummelplatz von ungezählten kletterlustigen Seilpartien. Die Einschätzung der Schwierigkeiten ist eine andere geworden, die Schwierigkeiten sind geblieben. Bis ins Jahr 1929 waren die Engelhörner frei von alpinen Unglücksfällen, seither mehren sie sich.

Die geringe Einschätzung der Schwierigkeiten rächt sich aber nicht nur beim Neuling, sie hat sich auch bei einem gewiegten Kenner der Engelhörner gerächt. Sonntag für Sonntag konnte man Hans Winterberger in jenen Spitzen treffen, er kannte jeden Griff und Tritt, und in unheimlichem Tempo ging er die Berge an. So sprang er auch diesmal wieder nach jener vorstehenden Platte an der Mittelspitze, die ja noch immer gehalten hatte. Diesmal brach sie aus. Während der schweren exponierten Kletterei waren alle drei Mann der Seilschaft zugleich in Bewegung. So flog auch der zweite Kletterer in die Luft; der dritte rettete sich durch einen Sprung rückwärts hinter einen Block, der das straff schlagende Seil zerriss.

Bei der starken Zunahme der Vorliebe für die reine Kletterei — in jedem Klettergebiet von den Kreuzbergen bis zu den Aiguilles Rouges de Chamonix verzeichnen wir Unglücksfälle —müssen sich Abstürze wie der oben beschriebene mehren. In erschreckendem Masse lesen wir vom Ausbrechen von Griff- und Haltcblöcken. Noch ein zweiter Absturz in den Engelhörnern hatte diese Ursache. Bei der Traversierung vom Kleinen zum Grossen Simelistock klettert man vom Ende eines breiten Bandes durch eine Verschneidung auf den Südwestgrat des Grossen Simelistockes zurück. Ein junger Kletterer, in Unkenntnis der richtigen Route, stieg vom Band in einem seichten Risse, der nie begangen, von schlechter Gesteinsbeschaffenheit ist, an. Ein Stein brach aus, der Kletterer stürzte hinab in die Wand. Er konnte am Seil, das den Schock ausgehalten hatte, aufs Band hinaufgezogen werden, hauchte aber dort bald, schwer verletzt, sein Leben aus.

Sträucher oder Erdschollen sollten nicht als Griffe und Tritte benützt werden. Am Glarner Fronalpstock stürzte ein Turist mit einem ausgerissenen Strauch zu Tode, am selben Berg erfiel zwei Jahre später eine Bergsteigerin im Rüfitobel, indem eine Erdscholle unter ihrem Fusse wich.

Am Hausstock stürzte ein bekannter Bergsteiger mit einem sich unter seinem Griff lösenden Stein. Er war nicht angeseilt, er glaubte, in leichterem Gefelse als guter Kletterer der Seilhilfe entbehren zu können. Unentschuldbar aber ist das seillose Gehen einer Viererpartie, die in schlechtem Wetter bei der ausgesprochen schweren Besteigung des Gwasmet kurz unterhalb des Gipfels umkehren musste. Kurz nach der Umkehr löste sich ein Stein, an dem sich ein Turist hielt. Eine Sicherung fehlte, man fand den Toten völlig zerschmettert auf dem Stäffeligletscher.

In einigen Fällen scheint anderseits die Seilsicherung Todesstürze nicht verhütet zu haben. Wir wissen von zwei tragischen Unfallsereignissen, wo der mit dem Kletterer fallende Block die Seilsicherung zerschnitt. So im Falle Swan am Col des Cristaux und beim Absturz des Abbé Beaugeard am Petit Dru. Weiter verunglückten zwei bekannte Basler Clubisten bei einer Sektionstur auf den Salbitschyn auf folgende Weise; ein Expeditionsteilnehmer schreibt: « Gegen halb 9 Uhr wurde von der Voralplücke aus der Salbitnordgrat in drei Partien in Angriff genommen. Am ersten Seil gingen Führer Gamma mit zwei Mann, am zweiten R. Peter mit Hans Branger und Dr. Eberhard Vischer, am dritten die zwei übrigen Teilnehmer. Der unterste Steilabsatz des Grates wurde wie üblich auf der Ostseite umgangen. Kurz bevor der Gratrücken erreicht wird, muss oberhalb einer etwa 50 m langen und steilen Platte ein Riss erklommen werden, der durch einen eingeklemmten Block gesperrt ist. Als Gamma und seine beiden Gefährten das Hindernis bewältigt hatten, kletterte R. Peter, der Führende der zweiten Seilgruppe, zum erwähnten Block hinauf und begann sich über denselben emporzuarbeiten; seine Seilgefährten Branger und Vischer standen derweilen etwa 7 m schräg unterhalb des Blockes — also nicht in dessen Fallirne — nahe beieinander auf einer waagrechten Felsleiste; dicht hinter ihnen wartete die dritte Seilgruppe. Gamma hatte inzwischen seine Begleiter in sichere Stellung gebracht und war zu R. Peter zurückgeklettert, um ihm behilflich zu sein. Unmittelbar bevor er aber Peter die Hand reichen konnte, entglitt der von Peter belastete Block dem Riss und fuhr die erwähnte steile Platte hinab. Der seines Haltes beraubte Peter stürzte rücklings auf die Platte hinunter und glitt in zunehmender Eile zur Tiefe. Seine Seilgefährten Branger und Vischer hatten das Seil noch um zwei Zacken oder Blöcke geworfen, doch hielten diese Sicherungen dem nun folgenden Ruck nicht stand: in rascher Folge wurden beide Gefährten aus ihrem Stand gerissen, fielen rücklings auf die Platte und kamen mit Peter erst auf dem flachen Geröllband am Fuss der steilen Fläche zur Ruhe. Herr Dr. Vischer und Herr Branger waren tot. » Als letztes Unglück, das in dieses Kapitel gehört, sei der tragische Tod des bekannten Bergsteigers Victor de Beauclair erwähnt. Er bestieg am 15. August des Jahres 1929 mit zwei Damen Schiess aus Freiburg i. B., begleitet von Bergführer Hans Kohler, das Matterhorn. Der Aufstieg geschah unter den besten Verhältnissen. Beim Abstieg wurden die Partien von einem Unwetter überrascht. Sie suchten gegen dasselbe in der Solvayhütte Schutz, woselbst sie anderthalb Stunden verblieben. Dann setzten sie nach Vorübergehen des Gewitters den Abstieg fort. Voran ging Führer Kohler mit Fräulein Gerda Schiess, ihnen folgte unmittelbar Victor de Beauclair mit seiner Begleiterin, Fräulein Irmgard Schiess. Unterhalb der Hütte bei einer der letzten schwierigen Stellen hielt sich de Beauclair an einem Felsen fest, um vorerst Fräulein Schiess hinunter klettern zu lassen. Der Felsblock, an dem sich de Beauclair hielt, gab nach und glitt mit ihm in die Tiefe. Partien in der Nähe der Verunglückten hörten noch einen lauten Aufschrei von Fräulein Schiess, die beiden Körper überschlugen sich mehrmals in der Luft und hielten dann in einer Tiefe von 150—200 m an. Alle Augenzeugen berichten, dass de Beauclair ausserordentlich vorsichtig kletterte und keine Massnahme ausser acht liess, um einen Unfall zu vermeiden.

Eine englische Zweierpartie stürzte auf ähnliche Weise am Grand Perron.

Das eben besprochene Unfallereignis des Ausbrechens von Griff- und Halteblöcken schliesst wohl als Ursache meist subjektive und objektive Gefahren zugleich in sich. Die letzteren liegen im Gestein der Berge, die ersteren beim Alpinisten. Mangelhafte Technik, fehlende Beobachtungsgabe, Unvorsichtigkeit, Nervosität und Unaufmerksamkeit werden wohl in dem oder jenem der aufgeführten Unglücksfälle die Grundursache gewesen sein.

Eine rein objektive Gefahr für den Kletterer bildet dagegen der Steinschlag. Noch in keiner Berichtsperiode ist diese Gefahr so erschreckend zur Geltung gekommen wie in der vorliegenden. Allein im Jahre 1929 mit seinem trockenen Sommer und der dadurch bedingten starken Ausaperung verloren neun Menschen durch fallende Steine das Leben. Selbst Fusswege in felsigem Gelände sind nicht ohne diese Gefahr, Hüttenwege sind nicht frei von ihr, man kann ruhig sagen, die Gefahr des Steinschlags ist im Gebirge allgemein. Dauernde höchste Aufmerksamkeit ist die beste Waffe dagegen.

Leider ist es aber nicht nur der Berg, der diese Gefahr in sich birgt, zu mehreren Malen waren es vorausgehende Partien, die den Steinschlag auslösten. So am Bächistock, an der Dent Blanche und am Vrenelisgärtli; an der Aiguille du Dru war es sogar ein vorausgehender Seilgefährte, der mit einem losgelösten Stein seinen Kameraden erschlug. Es sei nur einer dieser Unglücksfälle, der dem Führer Franziskus Taugwalder aus Zermatt das Leben kostete, durch einen Augenzeugen beschrieben: « Richard Key, Mitglied des Alpine Club, unternahm am 2. September 1929 mit den Führern Franziskus Taugwalder und Alfred Aufdenblatten eine Fahrt auf die Dent Blanche. Die Partie brach um 1 Uhr von der Schönbühlhütte auf, gelangte bei Tagesanbruch auf die Wandfluh und gegen 7 Uhr zum sogenannten Grossen Gendarm auf dem Gipfelgrat. Unterwegs waren sie von einer andern Partie, bestehend aus einem Führer mit zwei Engländern, die von der Bertolhütte kamen, um weniges überholt worden. An oben genannter Stelle nun traversierten die beiden Partien schräg aufwärts, als einer der vorangehenden Engländer das Unglück hatte, einen Block von beträchtlicher Grösse vom Berge loszulösen. Der Stein sprang nach mehrmaligem Ausschlagen seitlich aus der Fallirne, traf den ersten Führer Herrn Keys, Franziskus Taugwalder, mit grosser Wucht ins Genick und warf ihn heraus. Durch einen fürchterlichen Seilruck wurde auch Kerr Key herausgeschleudert und gleichzeitig in der Luft von einem kleinen Stein an den Kopf getroffen. Beim ersten Aufschlag vermochte er sich mit äusserster Anstrengung einige Sekunden am Felsen festzuhalten, während Taugwalder, dem der Stein das Genick gebrochen hatte, weiterstürzte. Herr Key erhielt einen zweiten Ruck und stürzte von neuem, nach seiner eigenen Aussage mit der furchtbaren Gewissheit, dass nun alles aus sei. Der kurze Unterbruch aber hatte dem zweiten Führer, Aufdenblatten, die Möglichkeit gegeben, sich mit bewundernswerter Geistesgegenwart zur Seite zu werfen, das Seil zu sichern und den Sturz der beiden andern aufzuhalten. Herr Key erlangte sein Bewusstsein sogleich wieder, er lag mit dem Kopf nach unten, sah vor sich seinen Führer Taugwalder in sitzender Stellung und versuchte, mit ihm zu sprechen, ohne aber Antwort zu erhalten. Taugwalder war tot. » Die Lehren aus diesen Unglücksfällen, namentlich, was die Verantwortung jedes einzelnen Bergsteigers gegenüber seinen Mitmenschen anbelangt, mag jeder selbst ziehen.

Jedes Verantwortungsgefühles bar handelten die Führer auf der Jungfrau, die den Alpinisten Gottfried Graf beim Säubern des Gipfels von losen Blöcken erschlugen. Diese Angelegenheit ist zu unerfreulich, als dass sie hier noch einmal aufgerollt werden soll. Die alpine und die Tagespresse haben sich genügend damit beschäftigt, und die Gerichte haben ihr sehr mildes Urteil gefällt. Damit sei jenes einzigartige Steinschlagunglück, das jeden Bergmann empören musste, der Vergessenheit übergeben.

Wir haben die Gefahren des Felses besprochen und wenden uns denjenigen von Eis und Firn zu. Viele schwere Unglücksfälle haben sich wieder ereignet durch das Ausrutschen eines Bergsteigers auf steilem Eis- oder Firnfeld. Die Sicherung ist in diesen Verhältnissen ja viel schwerer als im Fels, sehr oft ist sie sogar unmöglich, und man muss sich auf die ruhige Standsicherheit der Kameraden in kleiner Eis- oder Firnstufe verlassen. Passiert dann aber ein Unglück, so ist es meist um das Leben der ganzen Seilschaft geschehen.

An erster Stelle ist in diesem Zusammenhang wieder der gewöhnliche Abstieg von der Jungfrau zu erwähnen. Zu verlockend zieht sich die Spur vom Jungfraujoch vor aller Augen nach dem nahen Gipfel hin, als dass ihr nicht allzu viele folgten, die den Gefahren dieser Route nicht gewachsen sind. Im Aufstieg geht ja meist alles gut, dann muss aber im Abstieg nochmals jenes bekannte, sehr steile Firnfeld kurz oberhalb des Rottalsattels traversiert werden, das sein jähes Ende findet im Absturz der Hunderte von Metern hohen Felsen des Rottals. Immer und immer wieder ereignen sich hier schwere Bergunglücke. So stürzten im Jahre 1929 drei ungarische Bergsteiger ab, und drei Engländer folgten im August 1931 auf die gleiche Weise, letztere vor den Augen ihrer Freunde, die unter der Führung des bekannten englischen Alpinisten Finch in zwei Seilpartien diese Stelle eben überschritten hatten. Der Führerschaft Lauterbrunnens bleibt jeweils die lebensgefährliche Bergung der zerschmetterten Leichen in den Klippen des Rottals.

Unglücksfälle gleicher Ursache sind das Ausrutschen zweier Bergsteiger am Grassen mit Sturz in eine Gletscherspalte, der Absturz zweier Deutscher am Nordend, zweier Engländer an der Pointe de l' Evêque, eines Basler Turisten in einem der Steilcouloirs des Fleckistockes, zweier tschechischer Bergsteiger am Finsteraarhorn und zweier Strassburger Bergsteiger an der Aiguille du Goûter. In letzterem Fall zerriss das Seil an einer Felskante, sonst wäre die ganze Seilschaft von vier Mann dem Tode geweiht gewesen. An der Pointe de Méan verloren vier Personen das Leben durch das primäre Ausgleiten eines Seilgenossen; das Alter dieser Toten war 13, 18, 19 und 30 Jahre. Man fragt sich, was eine so zusammengesetzte Partie auf einer schweren Eis- und Firntur zu suchen hatte; denn viel eher darf sich ein junger, noch wenig erfahrener Bergsteiger an eine Felskletterei wagen als an die glatten, eisgepanzerten Hochgipfel. Hier erst zeigt sich der ganze Mann, der durch die harte Schule der Berge gegangen.

Eine sichere Technik ist aber nicht nur am Eis- und Firnhang eine conditio sine qua non, sie ist auch auf dem Gletscher Grundbedingung für die Sicherheit. Wir wollen hier nicht mit dem Alleingänger rechten, der mit seinem Leben abgeschlossen haben muss. Wir haben ja auch schon vom Skifahrer auf den Gletscherfeldern gesprochen, wir wollen hier nur auf diejenigen Fälle eingehen, in denen trotz Seilsicherung ein Abgestürzter aus der Gletscherspalte nicht gehoben werden konnte, weil eben die richtige Technik fehlte. So mussten im Gletschergebiet des Piz Bernina und des Tremoggia sowie auf dem Grenzgletscher Bergsteiger elendiglich in einer Spalte zugrunde gehen, ersticken in der Brustschlinge des Seiles, trotzdem an ihrer Rettung in einem Falle selbst durch einen Führer sofort gearbeitet wurde. Es sind zu dieser Art Hilfeleistung viele Methoden beschrieben worden, der Prusigknoten ist bekannt, der Steig-apparat von Fiedler wurde erfunden, sie alle befriedigen nicht. Wir schreiben hier kein Lehrbuch für Bergsteiger, daher kann ich nur verweisen auf den « Bergsteiger- und Skifahrerkalender 1933 », wo Bergführer Dr. Rudolf Wyss eine sichere Hilfe beschreibt zur Rettung aus Gletscherspalten. Seine Technik wird nun geübt in den vom C. C. des S.A.C. organisierten Turenleiterkursen. Die Turenleiter haben ihrerseits die Verantwortung, dass diese Methode unter den Bergsteigern ihrer Sektion bekannt wird und dass sie vor allem geübt wird. Denn diese Technik, so einfach sie ist, muss geübt, muss in der Seilschaft eingespielt werden, soll sie im gegebenen Moment Nützliches leisten. Verantwortungsbewusste Bergsteiger müssen sich mit dieser Frage befassen, viele tödliche Unglücksfälle können mit der Zeit vermieden werden, ein erhöhtes Sicherheitsgefühl erhöht den Genuss der Bergfahrt.

Ausser den Gefahren in Fels und Firn ist noch auf das dritte grosse objektive Gefahrenmoment der Berge aufmerksam zu machen, auf die Schlechtwetter-verhältnisse. Die Unglücksfälle — es sind deren vor allem viele in dem ausgesprochenen Schlechtwetterjahr 1931 — sind als solche in der Statistik bezeichnet, es braucht hier nicht noch besonders darauf hingewiesen zu werden. Der Blitzschlag forderte seine Opfer wie vor allem der Schneesturm, der den Bergsteiger rasch erschöpft oder ihn normaler Überlegungen beraubt, so dass er Schritte tut, die ihn in den sichern Tod führen müssen. Ein Beispiel zu diesen Ausführungen möge genügen: Zwei junge französische Alpinisten hatten am 22. Juli 1930 die Aiguille de Bionassay über die schwere Nordwand erklettert. Das Wetter, zu Beginn der Tur unsicher, war sehr schlecht bei der Ankunft auf dem Gipfel, es herrschte ein Schneesturm, wie ihn in solcher Stärke nur die Kämme des Mont Blanc kennen. Erster Fehlschluss: Statt den sichern und kürzern Südgrat hinunter nach dem Refuge Durier abzusteigen, folgten sie einer Spur, die nach dem Col de Bionassay wies, von wo sie die noch weit entfernte Vallothütte zu erreichen hofften. Auf dem äusserst exponierten Grat hatten die beiden hart gegen den Sturm zu kämpfen, die Spuren, auf die sie ihre Hoffnung setzten, verloren sich zudem bald, und so mussten sie in erschöpftem Zustand auf ca. 4200 m ein Biwak beziehen. Zweiter Fehler, nur durch die Herabsetzung der psychischen Kräfte erklärlich: Sie verlassen bei Tagesgrauen unangeseilt den Biwakplatz, dort Pickel und Ausrüstung zurücklassend. Sofort verlieren sie sich, der eine findet dann unter Aufwendung aller Energie, nachdem er sich noch einmal vom Schlafe hatte übermannen lassen, die Vallothütte, wo er von einer dort anwesenden Filmgesellschaft in Pflege genommen wird. Der andere stürzt am Grat auf den französischen Bionassaygletscher zu Tode.Von Interesse ist, dass an derselben Stelle in ganz ähnlichen Schlechtwetterverhältnissen im Jahre 1890 der Graf von Villanova mit zwei der grössten Bergführer der damaligen Zeit, A. Castagneri und J. J. Maquignaz, und im Jahre 1927 die beiden deutschen Führerlosen Bischof und Grünwald umgekommen sind.

In diesem Zusammenhang ist auch die sommerliche Lawinengefahr zu erwähnen, sie ist nach Schlechtwetterperioden vom Bergsteiger sehr zu beobachten. Der August 1930 verzeichnete starke Neuschneefälle in den Westalpen, wir notierten in diesen Tagen den Tod eines Deutschen in einer Lawine auf dem Glacier de la Tête Rousse und eines Bergsteigers aus Chaux-de-Fonds an den Courtes. Auch das Matterhorn suchte sein Opfer durch eine Lawine Phot. Rich. Noll, KreuzlingenPiz Buin Brunner & Cie. A. G. ZürichVom westlichen Fermontgletscher aus ( Ostermorgen ) Aus dem Photowettbewerb: IV. Rang, ex aequo im August 1929. Die Gefahrmomente häufen sich, wenn Bergunerfahrene von solchen abnormen Verhältnissen betroffen werden, wie dies offenbar beim letzterwähnten Unglück bei der Turiner Turistin der Fall war.

Unerfahrenheit, Überschätzung der persönlichen Fähigkeiten und Leichtsinn scheinen ja die Grundursachen überhaupt wieder vieler der in der Statistik aufgeführten Todesfälle zu sein. Ich bin in den Besprechungen der Bergunfälle früherer Jahre eingehender auf diese Art der subjektiven Gefahr eingegangen, ich habe sie mit Absicht in der vorliegenden Besprechung bisher unter Voranstellung der objektiven Gefahren der Berge da und dort nur gestreift, einerseits, weil sie dem zünftigen Bergsteiger ohnehin wenig Interesse bieten, anderseits, weil mir das Warnen hier als undankbares Geschäft erscheint; es ist schliesslich jeder seines eigenen Glückes oder Unglückes Schmied. Das Warnen nützt ja meist auch an Ort und Stelle nichts. So schlugen, wie noch viele andere unserer Toten, die beiden jungen Neuenburger Bergsteiger die Warnungen der Führer buchstäblich in den Wind und setzten ihren Weg vom Wettersattel nach der Dossenhütte im Schneesturm fort, trotzdem die andern Partien den Rückweg nach der Glecksteinhütte antraten. Auf alle Fälle in erschöpftem Zustande, nach der einen Version noch am selben oder wenigstens am nächsten Tage, nach der andern Version nach zwei bis drei Beiwachten suchten sie trotzdem zuletzt den Rückweg durch das verschneite Wetterhorncouloir, in dessen Felsen sie als Leichen hängend gefunden wurden.

Überschätzung des eigenen Könnens und Leichtsinn liessen beim Unglück am Düssistock den Führenden nicht einmal daran denken, ein Seil für seine zwei unerfahrenen Kameraden mitzunehmen. Als dann einer der letzteren auf falsch gewählter Route tödlich stürzte, verlor der Führer der Partie so völlig den Kopf, dass er, trotz Kenntnis des Geländes, den weitesten Weg über den Gipfel und den Abstieg über den schwersten Grat wählte, um Hilfe zu holen, wobei dann auch ihn das Schicksal ereilte.

Fall um Fall dieser Art könnte erwähnt werden, wir begnügen uns aber mit der Leidensgeschichte jenes Einzelgängers, die in der Berglihütte ihre tragische Erfüllung fand. Kurt Krieger aus Prag trat allein den Weg vom Jungfraujoch nach der Berglihütte an. Unterwegs begegnete ihm der Hüttenwart, der ihn auf die Schwierigkeiten der Tur aufmerksam machte und ihm seine Begleitung anbot; Krieger schlug diese aus. Als der Turist nach zwei Tagen nicht ins Jungfraujoch zurückgekehrt war, wo er sein Gepäck gelassen hatte, schickte die Direktion der Jungfraubahn eine Suchkolonne ab. Diese fand Krieger tot vor der Hütte. Im Hüttenbuch stand folgende Eintragung: " 26. September abends vom Hotel Jungfraujoch angekommen. Hütte in bester Ordnung. Lege für Übernachten und zwei Scheit Holz neun Franken in die Kasse. Ich entschloss mich erst unterwegs, bis hieher zu gehen, und da ich dies leider ohne Führer tat und mir als Denkzettel knapp oberhalb der Hütte den Hinterkopf ziemlich anschlug, so gebe ich die Führertaxe ( Fr. 50 ) für den Hüttenwart, Herrn Kaufmann, in dieses Buch. » Man fand zudem auf dem Turisten einen Brief an seine Grossmutter in Prag, in dem er seine verzweifelte Lage und seinen Mangel an jeglichem Proviant beschrieb. Er schreibt dann weiter, dass er wegen Kopfschmerzen den Brief nicht beendigen könne. Den Hergang des Unglückes muss man sich wohl so vorstellen, dass sich Krieger durch das Aufschlagen auf den Felsen am Hinterkopf eine Wunde und wohl eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen hatte. Er muss in vollständig erschöpftem Zustande in der Hütte angekommen sein. Da man die Leiche mit einer elektrischen Laterne in der Hand angetroffen hat, nimmt man an, dass Krieger während der Nacht, sei es aus Verzweiflung, sei es in einem Anfall von Bewusstseinstrübung aus der Hütte hinausgegangen sein muss, dann ohnmächtig wurde und erfror. Möchten die Seelenqualen dieses jungen Menschen den unüberlegten Heissspornen doch Warnung und Lehre sein.

Wir kommen zum Schluss unserer Besprechung. Alle Beispiele der Gefahren der Alpen, wie sie wohl jedes Lehrbuch von Zsigmondy bis Winthrop Young bespricht, haben wieder Erwähnung gefunden. Die Physiologen besonders mögen noch die Unfälle interessieren, die durch Anfälle von Schwindel oder Anfälle von Bergkrankheit sich ereignet haben. Als einzigartig sei in diesem medizinischen Kapitel noch der Tod von Bergführer Oskar Ogi aufgeführt. Zwei Seilpartien, geführt von zwei Brüdern Ogi aus Kandersteg, stiegen vom Lauterbrunner Breithorn über den Westgrat ab. Dort, wo der Firn des innern Talgletschers am weitesten hinauf an den Grat reicht, stürzte aus unbekannten Gründen der Führer des ersten Seils, Ogi Fritz, auf die Lötschentalseite ab. Er blieb ca. 8 m tiefer am gesicherten Seil hängen, er war bewusstlos und blutete aus einer schweren Schädelwunde. Sein Bruder Oskar, der die zweite Partie führte und der den Sturz gesehen hatte, seilte sich sofort los und eilte zu Hilfe. Während ein Turist, der sich zu dem Verletzten abgeseilt hatte, dessen Wunden mit Hilfe Oskar Ogis verband, scheint es letzterem schlecht geworden zu sein. Der Turist schreibt selbst über diese letzten kritischen Augenblicke: « Wie der Verband fest war, sah ich, dass Oskar bleich wurde, offenbar durch die Aufregung und das Schauen des geflossenen Blutes. Oskar gab mir Bescheid und versicherte, er spüre nichts. Sofort verlangte ich das Seil, um Oskar daran zu befestigen; schon hatte ich das Seil in meinen Händen, hatte den Knoten gemacht und wollte ihn dem noch neben mir Stehenden umlegen. In diesem letzten kostbaren Augenblick löste sich oben auf dem Grat ein etwa kopfgrosser Stein und fiel ins Couloir herunter. Blitzschnell presse ich den auf mir lastenden ohnmächtigen Führer Fritz Ogi ins Couloir hinein, um ihn zu schützen; in diesem Moment befiel den Oskar Ogi vollständige Ohnmacht, und wie ein schwerer Klumpen Fleisch brach er zusammen. Trotz Aufbietung aller meiner Kräfte war es mir nicht möglich, den Zusammenbrechenden aufzuhalten, denn ich selber hing am Seil, der über 90 kg schwere Fritz Ogi lastete auf mir, und ich hatte nur noch meine rechte Hand frei. Oskar brach zusammen und stürzte hintenüber, und ich konnte den lieben Kameraden nicht halten. Ich musste sehen, wie er ca. 2 m unter mir ein schräges Felsband hinunterkollerte, dann ungefähr 6—7 m auf ein Felsband hinunterstürzte und von da auf den steilen Firnhang abfiel. Dort sah ich ihn kopfvoran den Hang hinunterschiessen, über den Bergschrund hinwegfliegen und etwa 300 m unter uns liegen bleiben. » Ein unglücklicher schicksalshafter Zufall scheint hier, wie bei so manchem Unglücksablauf, den andern abgelöst zu haben. Bestimmend war freilich die bekannte Erscheinung des Gefässkollapses durch psychische Einflüsse, die ja vor allem eine Eigenart des « starken Geschlechts » ist. Sie liess Oskar Ogi in Ohnmacht fallen und stürzen.

Dieser brave Führer ruht nun im Schatten seines Bergkirchleins in Kandersteg. So ruhen sie alle unsere Toten, über die Friedhöfe der Bergtäler verstreut, ein bewährter Bergmann neben einem jungen Stürmer, der Vater neben dem Kinde, die todbringende Blume noch in der Hand. In ewiger Schönheit stehen die Gipfel ringsum und halten Wache am Grabe derer, die sie suchten.

Phot. Franz Schneider, LuzernEntlebucherberge im Winter Brunner & Cie. A.G, ZürichHundsknobel, hinten Brienzer Rothorn )

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