Die alpinen Unglücksfälle vom 1. Mai. 1940 - 30. April 1941

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vom 1. Mai 1940-30. April 1941.

Von Rudolf Wyss

( Sektion Bern, Bern ).

Wegen Platzmangels konnte der hier vorliegende Bericht nicht früher in die « Alpen » aufgenommen werden.

Möge die knappe Zusammenfassung von leider allzuviel Unglück und Leid dennoch ihren Zweck erfüllen und uns alle, Bergsteiger und Skifahrer, eindringlich veranlassen zu vermehrter Aufmerksamkeit und Vorsicht gegenüber den alpinen Gefahren!

Die Hilfeleistung bei Unglücksfällen.

Im Berichtsjahr vom 1. Mai 1940 bis 30. April 1941 wurden von den Rettungsstationen des S.A.C. 41 Hilfsaktionen ausgeführt, und zwar:

Zeit Aktionen Gerettet Tote geborgen Heil zurück Kosten Total Durchschnitt Kleinster Betrag Grösster Betrag Sommer 1940. Winter 1940/41 Total 33 8 11 1 26 7 7 4 Fr.

10,911.73 4,147.55 Fr.

330.66 518.40 Fr.

40.40 93.10 Fr.

1710.90 1877.85 41 12 33 11 15,059.28 367.30 40.40 1877.85 In mehreren Fällen kehrten die vermisst oder verunglückt Gemeldeten heil zurück, während die Suchaktion im Gange war. Wenn auch die Sorge der Angehörigen verständlich ist und die rasche Hilfsbereitschaft der Rettungsstationen nicht hoch genug geschätzt werden kann, so ist doch oft ruhige Überlegung und kühles Abwarten am Platze, um übereilte Aktionen und unnötige Kosten zu verhindern; und es ist selbstverständliche Pflicht, sich sofort zurück-zumelden, wenn die Möglichkeit besteht, dass nach einem gesucht werden könnte. Auch dies Jahr hat sich die Tourenunfallversicherung als äusserst segensreich und nötig erwiesen, und es ist dringend zu wünschen, dass sie nicht der Zeitenungunst zum Opfer falle.

Statistik 1940/41. a. Sommer 1940 ( 1. Mai—31. Oktober ).

Datum Unfallstelle Verunglückte 1 Mai Musenalp W. Schneeberger, 37j., Luzern 2 Juni Burgfluh, Wimmis Anna Megert, 24j., Ostermundigen 3 Juni Dreifaltigkeit A. Näf, 17j., Schwell- brunn 4 Juni Clariden, Eiswand U. Spalinger, 40j., Zürich 5 Juni Säntis, Hühner- Frau Holenstein, berg Niederuzwü 6 Juni Bogarten E. Bless, 20j., Gossau Bemerkungen Absturz in Couloir mit Geröll Absturz beim Blumensuchen Absturz wegen Ausbrechens eines Griffes Absturz mit Ski auf vereistem Hang Absturz aus Übermüdung während Mann Hilfe holte Absturz beim Edelweiss- suchen DIE ALPINEN UNGLÜCKSFÄLLE VOM 1. MAI 1940—30. APRIL 1941.

Datum Unfallstelle Verunglückte 7 Juli Mäntschelenalp, Marie Schönthal, 27j., Stockhornkette Gurzelen 8 Juli Lysengrat, Säntis Käthi Heinz, 17j., Rorschach 9 Juli Märchenstöckli, Lina Bertschi, 26j., Klausenpass Schönenberg 10 Juli Harder Frieda Lutz, Lutzenberg 11 Juli « Gagg » unterhalb R. Lienhard, 21j., Strahleggpass Grosshöchstctten 12 Juli Morgenberghorn Liseli Ryffé, 16]., Aeschi 13 Juli Basodinohütte E. Gramm, 45j., Neu- Allschwil 14 Juli Mattenberggrat G. Faude, Basel F. Villa, 28j., Basel 15 Juli Silbernplatte, L. Chappuis, 26j., Sulegg Zürich 16 Juli Oberhalb Martins- Hedwig Frank, Hailau maadhütte 17 Juli Hochmatt F. Morel, Vuadens 18 Juli Alpligenlücke E. Schärer, 34j., Zürich 19 Juli Melchberg, Bisis- H. Rösli, 46j., Thurgau tal 20 Juli Tierbergli, Susten Frau Lützelschwab, 36j.

21 Aug.

Weisshorn, Ost- G. Domenjoz, 46j.

grat E. Favre, 44j.

22 Aug.

Salbitschyn, Süd- H. Buss, 20j.

wand 23 Aug.

Fahlenwände H. Willi, 58j., Gais 24 Aug.

Brienzer Rothorn J. Teuffer, 18]., Schüpf- heim 25 Aug.

Strahlegg, Abstieg H. Hirzel, 32j., Otten- vom Finster- bach aarjoch Th. Stör, 30j., Zürich 20 Aug.

Gemmiweg H. Vautier, 35j., Genf 27 Aug.

Binntal H. Graf, 21j., Wengen 28 Aug.

Galenstock H. Haug, 21 j.

29 Aug.

Pilatus B. Häutle, 19j., Appenzell Jos. Bosch, 21j., Kriens 30 Aug.

Kl. Gelmerhorn M. Reinke, 45j.

J. Ehrensberger, 40j ., beide Zürich 31 Aug.

Hengst, Bisistal J. Lehmann, 23j., Stans 32 Aug.

Schlossbergwand H. Singer, 25j., Nänikon Klara Kern, 22j., Wil 33 Aug.

Adula P. Portmann, 40]., Cadrò 34 Aug.

Roc de la Vache Pankhofer 35 Aug.

Sigriswiler Rothorn W. Born, 40j., Spiez 30 Sept.

Kröntensüdwand E. Hediger, Zürich 37 Sept.

Zinalrothorn E. Thommen, 25j., Agarn Ch. Schneiter, 19i.

Bemerkungen Absturz, weil im Dunkel den Weg verloren Glitt auf Schneezunge aus und stürzte ab Glitt auf Schneeband aus und stürzte in Geröll Absturz beim Alpenrosen- pflücken Glitt auf Schneehang aus und stürzte über Felsen Glitt auf dem Rastplatz aus und stürzte ab Starb nach Abstieg vom Baso- dino Glitschten auf verschneitem Fels aus und stürzten ab Absturz beim Alpenrosen-suchen Glitt aus und stürzte ab Absturz beim Edelweisspflücken Verstiegen und in Couloir abgestürzt Absturz beim Edelweisspflücken Glitt auf Schneehang aus und fiel zu Tode, unangeseilt Absturz im Abstieg auf dem Felsgrat, vermutlich durch Ausgleiten im Schnee Absturz beim Wegsuchen, unangeseilt Absturz beim Edelweisspflücken Absturz beim Edelweisspflücken Von Lawine über Felsen gefegt. Nebel, Schlechtwetter viel Schnee Absturz vom Weg mit Zaun Absturz beim Edelweisspflücken Absturz wegen Steinschlags Absturz beim Klettern in nassem Fels Absturz beim Abseilen, weil Seilschlinge aushängte Absturz beim Edelweisspflücken auf Wildheu-plangge Absturz beim Klettern Absturz beim Edelweiss- pflücken Apoplexie Absturz auf leichtem Fels Fuhr auf Schneebändern ab und stürzte über Felsen Absturz durch ein Couloir DIE ALPINEN UNGLÜCKSFÄLLE VOM 1. MAI 1940-30. APRIL 1941.

Nr.Datum 38 Sept.

39 Sept.

40 Sept.

41 Sept.

42 Sept.

43 Sept.

44 Okt.

45 Okt.

Unfallstelle Mettenberg Meiental Aiguilles d' Orny Weissenstein Wyttenwasserstock Furkapass Lopperberg Seewenstock Verunglückte Bemerkungen H. Binkert, Grindelwald Von Neuschneelawine in die Tiefe geworfen J. Mani V. Augustin Fl. Theytaz, Zinal M. Flury, 19j.

W. Sauter, 23j.

Abgestürzt, Ursache unbekannt Von Lawine in die Tiefe geworfen Beim Klettern abgestürzt, Alleingänger Zweierpartie, abgestürzt beim Klettern, da Block ausbrach mit dem Führer Neuschneelawine bei Wegkürzung Absturz, Alleingängerin Lt. Vettern Josefine Staub, 40j., Hergiswil M. Schaffner, 23j.

Absturz beim Klettern, Allein- Nr.Datum 1Dez.

2Dez.

3Dez.

4Januar 5Januar 6Januar gänger Total Sommer 1940: Unglücksfälle 45, Tote 53.

b. Winter 1940/41 ( 1. November—30. April ).

UnfallstelleVerunglückteBemerkungen Lucendro?

Arolla Erdistal Harder Honegg M. Bachmann, 31j., Basel Schneebrett A. Lorenz, 25j., Vals J. Folionier, Les Hau- dères M. Bucher, 25j., Zürich Korporal aus Burgdorf F. H. D., 20j., Turgi H. Stalder, 42j., Basel Schneebrett Lawine, vier Mann verschüttet Von Schneerutsch zugedeckt, Alleingänger Absturz vom Weg durch Ausgleiten auf Lawinenschnee Auf dem Weg Kleine Scheid- 7Januar 8Januar Klausenpass Petit Plané, Moléson Val Gianduns La Dòle, Col de Porte Riffelberg egg-Männlichen von Lawine erfasst J. Forrer, 21j., St. Gallen Von Lawine verschüttet Adèle Michaud, 31j. A. Genayne, 53j. F. Cottier, Lausanne M. Breinlinger, 37j. A. Castella, 36j., Rolle J. Lärjen, 50j., Täsch Lawine nahe der Hütte, Neuschnee, Schlechtwetter. Lawinenhang Schneebrett Von Lawine verschüttet Bei Kontrolle der Telephonleitung von Lawine verschüttet Sturz mit Ski in Spalte, unangeseilt Stürzte auf Skispur mit Ski in Spalte, unangeseilt Stürzte beim Photographieren ab Stürzte in Gletscherspalte, angeseilt Im Schneesturm umgekommen Mit Ski in Spalte gestürzt 9 Januar 10Febr.

11Febr.

12 März 13 März 14 März 15 März 16 März 17April Lys joch Schneehorn, Wildstrubelgeb. Wandfluh, Jura Monte Rosa, untern. Sattel Piz Sol Tödi Carlo Matti O. Messer, 30j. J. Livinalli, Court A. Martin, 28j., Freiburg F. Pollak, Luzern E. Schmid, Ragaz A. Piguet, 50j., Winterthur P. Sänger, 19j., Langnau E. Hösli, llj.

18 April Schilt Absturz beim BlumensucheH Total Winter 1940/41: Unglücksfälle IS, Tote 23.

DIE ALPINEN UNGLÜCKSFÄLLE VOM 1. MAI 1940-30. APRIL 1941.

^ Die Unglücksfälle im Sommer.

Die 45 Unglücksfälle und 53 Toten des Sommers 1940 verteilen sich wie folgt auf Jura, Voralpen und Hochgebirge:

Unglücksfälle Tote Jura11 Voralpen 2222 Hochgebirge 2230 Total 4553 Nach den Ursachen ergibt sich folgende Verteilung:

Unglücksfälle Tote Absturz im Fels1521 Blumensuchen1111 Ausgleiten auf Schnee55 Schneerutsch und Lawine46 Krankheit und Erschöpfung 33 Ausgleiten auf Rasen22 Sturz vom Wege22 Steinschlag11 Absturz mit Ski11 Ursache unbekannt11 Total 4553 Absturz im Fels. Wie im vorigen Jahr, so ereigneten sich auch im Sommer 1940 die meisten Unglücksfälle durch Absturz im Felsen. Dabei entfallen von den 15 Unglücksfällen und 21 Toten:

auf den Jura 1 Unglücksfall und 1 Toter, auf die Voralpen 5 Unglücksfälle und 6 Tote, auf das Hochgebirge 9 Unglücksfälle und 14 Tote.

Die Zahl der tödlich Verunglückten ist also im Hochgebirge nicht nur absolut, sondern auch bezogen auf die Zahl der Unglücksfälle am grössten. Das ist leicht erklärlich; im Jura und in den Voralpen verunglückten, eine einzige Zweierpartie ausgenommen, fast nur Alleingänger oder unangeseilte Leute; im Hochgebirge dagegen stürzten nur drei Allein- oder Einzelgänger und dagegen 6 angeseilte Zweierpartien ab. Also, unangeseilt klettern?

Keineswegs! Aber es ist nötig, sich gründlich bewusst zu sein, dass das Seil die ganze Seilschaft auf Gedeih und Verderb zusammenschliesst und dass darum jeder für alle verantwortlich ist.

Über folgende Unglücksfälle sei hier kurz berichtet:

Fall 1: Die J.O. einer C. Sektion zog nach der Säntiseralp, um am nächsten Morgen Hundstein und Freiheit zu besteigen. Am Abend erklärten zwei der Jungen, sie wollten nicht dorthin mitkommen, sondern zusammen eine andere Tour machen. Dies wurde ihnen verboten, und sie entschlossen sich, nach Hause zu gehen. Als die Kameraden am Morgen fortgegangen waren, brachen auch die zwei auf. Doch, statt heimzukehren, liessen sie sich angeblich vom schönen Wetter nach der Höhe verlocken. Sie schlenderten gegen die Dreifaltigkeit und versuchten dann, zwischen dem ersten und zweiten Kopf in der Mulde nach dem Sattel zu kommen. Als dies nicht gelang, stiegen sie wieder zum Fuss der Felsen ab und versuchten es weiter östlich am ersten Kopf. Sie legten dort die Rucksäcke ab und zogen die Kletterschuhe an. Hierauf stiegen sie wieder an, mussten aber nach einer halben Stunde erkennen, dass sie auch da nicht weiterkamen. Sie hatten ungefähr 50 m Höhe erklommen. Da brach dem einen ein Griff aus. Der Junge glitt 10 m tief dem Felsen entlang hinunter, schlug auf einen Absatz, stürzte von da ca. 20 m weiter auf den Rasenhang und kollerte über Gestein und Schnee ins Geröll. Sein Kamerad stieg zu ihm ab und sah, dass der Verunglückte tot war.

Die Disziplinlosigkeit der beiden 17- und 19jährigen Jungen ist derart, dass sie keines Kommentars bedarf.

Fall 2: Die beiden 19- und 20jährigen Junioren A. und B. fuhren mit dem Nachtzug bis Göschenen und stiegen sofort zur Salbithütte auf, die sie nach kurzem Frühstück um 05 00 Uhr wieder verliessen, um den Salbitschyn zu erklettern. Durch eine auf dem Ostgrat sichtbare Seilschaft verleitet, verliessen sie die steile Schuttrinne zu früh und erreichten dadurch die Grathöhe zu tief, unterhalb eines unmöglichen Gratabbruchs. Sie beschlossen abzusteigen und den Aufstieg auf dem gewöhnlichen Weg zu machen. Der brüchigen Felsen wegen stiegen sie nicht auf dem Anstiegswege zurück, sondern sie versuchten den Abstieg die hohe Südwand hinunter. Von einem 30 m tiefer gelegenen Sims glaubten sie ohne Schwierigkeiten weiterzukommen. Nachdem sie sich am einfachen 30-m-Seil auf den Sims abgeseilt hatten, erkannten sie, dass sie sich getäuscht hatten. Da sich zudem das Seil im Grat verklemmt hatte und nicht wieder zu lösen war, beschlossen sie, aus der von ihrem Standort aus sichtbaren Hütte Hilfe herbeizurufen. Zuvor aber wollte B. noch auskundschaften, ob nicht doch ein Weiterkommen möglich sei. Er löste sich vom Seil und kletterte ungefähr 2 m tiefer. Plötzlich schrie er auf und sank gleichzeitig in die Tiefe. Es war ca. 09.30 Uhr. Man fand ihn später 200 m unterhalb am Fuss der Südwand.

Der zurückgebliebene A. rief nach der Hütte um Hilfe und erhielt auch von dort Antwort. Am festhängenden Seil gesichert, wartete er das Weitere ab und schlief dabei ein. Er erwachte erst gegen 15.00 Uhr, als er von unten angerufen wurde. Zwei Basler Touristen mit dem Führer Tresch junior aus Bristen befreiten ihn um 16.00 Uhr aus seiner Lage.

Die Ursachen zu diesem typischen Samstag-Sonntag-Tourenunglück liegen nach meiner Auffassung darin, dass die beiden jungen Leute zu wenig bergerfahren waren und dass ihnen der Wegsinn völlig fehlte. Überdies waren sie zweifellos infolge der Nachtfahrt und infolge des nächtlichen Hüttenweges ungeschlafen und für eine ernsthafte Tour zu wenig gut aufgelegt. So hoch der Enthusiasmus all der Bergsteiger zu schätzen ist, die sich durch einen langen Nachtmarsch in die Hütte nicht von einer Besteigung abhalten lassen, so verhängnisvoll kann sich doch die Ermüdung auswirken, welche dieser Marsch und die fehlende Nachtruhe verursachen. Ein ganz besonders gefährlicher Mangel aber ist der ungenügende Wegsinn. Den Sinn für Weg und Gelände bei den Jungen auf jeder Tour und bei allen Geländeübungen zu wecken, ist eine dringende Aufgabe aller O. Leiter.

Fall 3: In den mit Recht als Kletterberge beliebten Gelmerhörnern verunglückten die beiden 45- und 40jährigen Kletterer R. und E. Das Unglück geschah nach der Meinung der Rettungsmannschaft deshalb, weil sich bei einer Abseilstelle die Seilschlinge vom Abseilblock löste, als der Schlussmann sich abseilen wollte. Die Schlinge hing noch in den beiden unversehrten Seilen, die offensichtlich zum Abseilen benutzt worden waren. Wie und warum die Schlinge ausglitt, weiss niemand. Aber das Unglück beweist neuerdings, wie unerlässlich genaueste Aufmerksamkeit beim Anbringen und beim Gebrauch der Abseilschlingen ist.

Fall 4: Am Mattenberggrat stürzten die beiden Alpinisten F. und V. tödlich ab. Beide galten als zuverlässige und tüchtige Kletterer, und die Besteigung DIE ALPINEN UNGLÜCKSFÄLLE VOM l.MAI 1940-30. APRIL 1941.

des Grates ist bei normalen Verhältnissen nicht schwierig noch besonders gefährlich. Der eine, V., hatte zudem die Tour schon viermal ausgeführt. Am Unglückstag lag jedoch viel Neuschnee. Dieser brachte die beiden zu Fall; ungefähr 200 m unterhalb des Gipfels glitten sie plötzlich im weichen Neuschnee auf glatter, harter Unterlage und stürzten nahezu 300 m tief über die Südflanke des Grates zu Tode.Vor den Verunglückten war bereits eine Dreierpartie aufgestiegen, sechs weitere Touristen waren hinter ihnen im Aufstieg, brachen aber angesichts des Unglücks die Tour ab und stiegen nach Gurtnellen, um die Bergung zu veranlassen. Die verwerfliche Mode, auch bei offensichtlich schlechten Verhältnissen eine Besteigung um jeden Preis auszuführen, hat sich hier bitter gerächt.

Fall 5: Anlässlich eines alpinen Kurses wollte eine Zweierpartie den Wyttenwasserstock von Norden ersteigen, während das Gros den üblichen Weg wählte. Nahe am Gipfel brach mit dem Führer ein Block aus, an dem er sich halten wollte; der Führer stürzte ab und riss seinen Gefährten mit. Zufälligerweise verfing sich das Seil in den Felsen und stoppte den Sturz. Der Führer kam mit einem Beinbruch davon, sein Gefährte dagegen verunglückte tödlich. Es scheint, als ob der Führer sich durch die Grosse des Blockes habe täuschen lassen. Leider ist aber gerade im Gotthardgebiet das Gestein an vielen Orten derart kreuz und quer von glatten Rissen und Spalten durchsetzt, dass selbst grosse Blöcke aus dem lockeren Gefüge ausbrechen oder wie Schubladen heraus-gleiten. Das kann aber auch anderwärts sehr wohl geschehen. Nie und nirgends sind die grossen Stützen ohne weiteres auch zuverlässige Stützen.

Wir sehen in den fünf angeführten Beispielen als im Bergsteiger selber liegende Ursachen der Unglücksfälle vor allem: unverzeihliche Indisziplin und Eigenbrötelei; jugendlichen Enthusiasmus, leider, aber begreiflicherweise, vereint mit jugendlicher Unerfahrenheit; Missachtung schlechter Verhältnisse; momentane Unachtsamkeit oder Ungeschicklichkeit; verhängnisvolle Unvorsichtigkeit. Dazu kommen als Tücke des Objektes: bröckliges, trügerisches Gestein; unübersichtliche, schwierige Felsen; durch Neuschnee auf den Felsen erhöhte Schwierigkeit und Gefahr.

Ausgleiten auf Schnee.Von den fünf Unglücksfällen, die sich durch Ausgleiten auf Schnee ereigneten, fallen zwei in die Voralpen und drei in das Hochgebirge.

Schneeflecke und Lawinenreste, die oft bis spät in den Sommer hinein da und dort am Wege in den Voralpen liegen, müssen von allen unerfahrenen und schlecht ausgerüsteten Voralpenwanderern gemieden werden. Sie sind besonders für Leute mit schlechtem Schuhwerk verhängnisvoll. So verunglückte die 17jährige Seminaristin K. H. am Lysengrat, als sie eine den üblichen Weg bedeckende Schneezunge mit schlechtgenagelten Schuhen überschreiten wollte. Solid genagelte Schuhe sind auch auf den Voralpenwanderungen unerlässlich, und dazu gehört ein guter Stock. Führer von Jugendgruppen und Schulklassen tun zudem gut daran, den Pickel und ein leichtes Seil mitzunehmen und an gefährlichen Stellen zu gebrauchen, und überdies die ihnen anvertrauten jungen Leute zu aufmerksamer Vorsicht zu veranlassen. Dazu gehört auch das Abf ahr-verbot auf nicht absolut zuverlässigen und ungefährlichen Schneehängen und Schneeflecken. Im Hochgebirge verunglückte der hoffnungsvolle, junge Bergsteiger R. L. im Abstieg vom Strahleggpass, weil sich die Partie zu früh vom Seil losband und ein scheinbar harmloses Firnfeld abfahren wollte. Der voran- fahrende L. kam dabei zu stark in Schuss, konnte nicht mehr stoppen und stürzte über Felsen zu Tode.

Auf dem keineswegs ungefährlichen Tierbergli im Sustengebiet stürzte Frau L. über eine ca. 50 m hohe Fluh zu Tode, weil sie unangeseilt auf einem steilen Schneefeld ins Gleiten kam und nicht stoppen konnte. Auf ähnliche Weise verunglückte das Mitglied der Sektion Gotthard E. H., als er mit seinem Kameraden unangeseilt die steilen Schneebänder der Kröntennordwand hinunterfuhr. Unter dem neuen Weichschnee lag alter Hartschnee, die Fahrt wurde zu schnell und konnte nicht mehr gemeistert werden. H. fiel über einen Felsabsatz von ca. 50 m hinunter, kollerte auf dem darunter liegenden Schneefeld weiter, stürzte über ein zweites ca. 50 m hohes Felsband und blieb auf dem darunter liegenden Schneefeld tot liegen.

Die drei Beispiele mögen ganz besonders den jungen Skifahrern und Skifahrerinnen, die sich auch im Sommer leicht zu raschem Schuss über die Schnee-und Firnhänge verleiten lassen, als Warnung dienen. Abfahren am Seil ist übrigens keine Sicherung vor Absturz, das Unglück kann dadurch im Gegenteil vergrössert werden.

Schneerutsch und Lawinen. Dass auch im Sommer Schneerutsche und Lawinen gefährlich werden können, zeigen die vier Unglücksfälle und sechs Toten. Dem einen dieser Unglücksfälle erlagen die beiden tüchtigen und vorsichtigen Berggänger H. H. und Th. St. im Abstieg vom Finsteraarjoch zur Strahlegghütte. Beide waren Offiziere und hatten einen kurzen Diensturlaub zu Touren im Finsteraarhorngebiet benutzt. Wie dies meistens getan wird, umgingen sie im Abstieg vom Finsteraarjoch die oft kaum passierbaren Firn-abbrüche, die zum oberen Eismeer abstürzen, in der steilen Westflanke des Strahlegghörnerkammes. Es lag viel Schnee, der über Tag leicht aufschmolz und rutschte. Bereits hatten die beiden Touristen bei unsichtigem Wetter den Felskopf über Punkt 3013 ( neue Karte ) erreicht, der gewöhnlich lawinensicher ist, als sich von den Steilhängen oberhalb des Felsens eine Lawine löste und die beiden Unglücklichen mit über den Felsen hinunterwischte. Beide waren noch mit dem Seil verbunden, als man sie auffand; eine offene Siegfriedkarte lässt vermuten, dass sie sich des unsichtigen Wetters wegen über den Abstieg orientiert hatten. Die von ihnen begangene Route ist bei guten Schneeverhältnissen durchaus zuverlässig, sie ist jedoch der Sonne stark ausgesetzt und darum nachmittags oder bei Neuschnee nicht ohne Schneerutsch- oder Lawinengefahr. Zudem ist die steile Flanke im Nachsommer oft vereist. Das Unglück ereignete sich am 6. August.

Ein besonders schweres Lawinenunglück ereignete sich am 19. September an der Nordflanke der Aiguilles d' Orny bei Champex, nachdem etliche Tage zuvor nahezu winterliche Verhältnisse eingesetzt hatten. Vom 8.15. September erfolgten starke Schneefälle, am 14./15. herrschte heftiger Südweststurm; am 17. September lag nahe der Trienthütte 90 cm Neuschnee. Der 17. und 18. September waren warm. Zwischen dem 10. und 14. September waren auf der Nordseite der Aiguilles d' Orny Lawinen niedergegangen, deren Trümmer mit wenig Neuschnee bedeckt waren.

Am 18. September übte das Detachement eines Hochgebirgskurses der Armee an den Steilhängen auf der Nordflanke der Aiguilles d' Orny das Gehen mit Steigeisen und das Stufenschlagen im Eis in drei steilen Couloirs. Eine Klasse hatte am Morgen den Befehl erhalten, im östlichsten, ca. 500 m hohen Couloir bis auf den Grat aufzusteigen und bis Mittag zurück zu sein. Anfangs DIE ALPINEN UNGLÜCKSFÄLLE VOM 1. MAI 1940-30. APRIL 1941.

fand sich auf dem leichtverschneiten Eise guter Halt mit den Steigeisen. Über dem Bergschrund lag vorerst nur eine unbedeutende Schneeschicht, die jedoch gegen den Grat hin rasch an Dicke zunahm. Trotz harter Oberflächenschicht brach man mit den Steigeisen bis auf das Eis durch. Bereits hatten einige Leute beinahe den Grat erreicht, sechs Seilschaften stunden noch am Bergschrund. Plötzlich, um 11.20 Uhr, ertönt ein scharfer Knall: die überlastete Schneedecke fährt blitzschnell mitsamt den daraufstehenden Leuten in die Tiefe. Nach 15 m Fahrt zerbricht die Decke in Schollen, die in wenigen Sekunden mehrere hundert Meter tief das Couloir hinuntergleiten und -stürzen. Unten, im felsendurchsetzten Hang werden 17 mitstürzende Leute schwer zerschlagen und zwei weitere Unglückliche tödlich verletzt. Beim Sturz blieben Steigeisen im Eise hängen und wurden von den Füssen gerissen; jegliches Bremsen mit dem Pickel war nutzlos. Einer der Abstürzenden verletzte sich selber mit dem Pickel, weil er ihn mit der Pickelschlinge am Handgelenk befestigt hatte.

Das Schneeprofil zeigte: Eis als Unterlage, darauf 4 cm Kristallschnee, darüber 30 cm Pulverschnee und eine 5 cm mächtige windgepresste Oberflächenschicht. Die Vorbedingungen für eine Schneebrettlawine waren damit geschaffen, scheinen jedoch auch von den gebirgskundigen Leuten des Kurses übersehen worden zu sein.

Es sei darum eindringlich darauf hingewiesen, dass im Hochgebirge auch während des Sommers, und nicht erst etwa nur im Spätsommer und Herbst, jederzeit durch Schneefälle, Kälte und Wind durchaus winterliche Verhältnisse und Gefahren geschaffen werden können. ( Die vorliegenden Daten verdanke ich dem Lawinendienst der Armee, « Lawinenunfälle und Beobachtungen an Lawinen », Fasz. 11, Bericht zusammengestellt von Lt. Winterhalter. ) In Couloirs und Steilhängen in der Windschattenseite sind ganz besonders Schneebretter gefährlich, wenn sie zudem noch vom Bergschrund oder von steilen Felsabbrüchen unterschnitten sind. Selbstverständlich wird durch diese Unterschneidungen und unter Umständen auch durch die Spur quer zum Hang, dem Losgehen von Weichschneelawinen ebenfalls Vorschub geleistet.

Steinschlag. Diese tückische Ursache alpiner Unglücksfälle hat im letzten Sommer nur ein einziges Opfer gefordert. Das mag zum Teil mit dem Zurückgehen der Hochtouren, vor allem aber durch den schneereichen Sommer bedingt sein. Manche Steinschlagrinne blieb während des ganzen Sommers vom Schnee bedeckt und wurde dadurch steinschlagsicher. Um so grösser wird darum die Steinschlaggefahr werden, wenn die Ausaperung Fels und Geröll wieder freigibt.

Absturz mit Ski. In der Abfahrt vom Claridenstock über die Eiswand gegen den Klausenpass stürzte der Skifahrer U. Sp. beim Passieren eines schmalen, vereisten Bandes über die Felsen hinunter zu Tode. Dies ist nicht das erste Opfer der Clarideneiswand. Vermehrte Sorgfalt beim Befahren der kurzen gefährdeten Stelle ist dringend geboten. Es ist überdies keine Schande, Steilhänge über Felsbändern und ähnliches Nichtskigelände zu Fuss zu begehen. Auch die besten Kanten schützen nicht immer vor dem seitlichen Abrutschen, und es ist schwierig, mit den Skiern am Fuss sich rasch aufzurichten und den Absturz zu verhindern.

Blumensuchen. Trotzdem die Unglücksfälle beim Blumensuchen keine spezifisch alpinen Unglücksfälle sind und auch selten Alpinisten betreffen, dürfen wir nicht achtlos an ihrer grossen Zahl vorübergehen. Die beste Abhilfe wäre wohl ein noch straffer gehandhabter Pflanzenschutz und die vermehrte Einsicht in die Sinnlosigkeit, die Alpenblumen gierig zu brechen. Eltern und Erzieher jeder Art dürften einander in der entsprechenden Aufklärung und Gewöhnung der Jungen noch mehr und besser unterstützen. Dazu haben selbstverständlich auch die Leiter von Jugendgruppen des S.A.C. das Ihre beizutragen.

Die Unglücksfälle im Winter.

Von den 18 Unglücksfällen mit tödlichem Verlauf entfallen:

Unglücksfälle Tote Jura 23 Voralpen 1114 Hochgebirge 56 Total 1823 Nach ihrer Art verteilen sich die Unglücksfälle:

Unglücksfalle Tote Lawinenunglück 1012 Sturz in Gletscherspalte45 Absturz22 Schneesturm12 Blumensuchen11 Total 1823 Die Gesamtzahl der winterlichen Unglücksfälle ist gleich geblieben wie im Winter 1939/40, die Zahl der Toten hat von 20 auf 23 um 3 zugenommen. Grössere Katastrophen blieben glücklicherweise aus.

Die Lawinenunglücke. Mit 10 Unglücksfällen und 12 Toten ist die Zahl der Lawinenunglücke gegenüber dem Vorjahr um 2 Unglücksfälle und 4 Tote grösser geworden. Trotzdem dürfen diese Unglücksfälle, gemessen an der grossen Zahl der Skifahrer und namentlich gemessen an der Zahl der vielen militärischen Skikurse und dienstlichen Skifahrten als verhältnismässig unbedeutend eingeschätzt werden. An sich genommen ist jedoch jeder einzelne Unglücksfall und jedes zu früh dahingeschiedene Leben tief zu bedauern. Greifen wir einige Fälle heraus, nicht um zu richten, sondern um andere vor ähnlichem Unglück bewahren zu helfen.

Fall 1: Vier sehr tüchtige und vielfach bewährte Alpinisten und Skifahrer stiegen am 1. Dezember 1940 vom Gotthardhospiz gegen den Piz Lucendro auf der üblichen Route an. Das Wetter war schön, aber sehr kalt; der Schnee scheinbar lawinensicher. Im Aufstieg durch die Firnmulde, welche sich auf der Nordseite des Ostgrates zum Plateau unter dem Lucendrogipfel hinaufzieht, wurde die Partie um 12.30 Uhr plötzlich von einem Schneebrett überrascht und mitgerissen. Drei von den vier Männern konnten rechtzeitig und mit Erfolg die Skibindung lösen, die Skier abwerfen und sich aus dem Schnee herausarbeiten. Dem Vierten gelang dies nicht. Er wurde vom Schnee begraben. Obschon ihn die Kameraden nach ca. einer halben Stunde fanden und kurz nachher herausgruben, gelang es ihnen nicht, den Verunglückten wieder ins Leben zurückzurufen. Er war 1 m unter dem hartgefrorenen Schnee gelegen, Gesicht nach unten gekehrt.

Das Beispiel beweist, dass auch beim schönen Wetter Schneebrettgefahr bestehen kann. Grosse Kälte kann diese steigern, indem sie Umkristallisationen des Schnees bewirkt und dadurch Spannungen erzeugen kann, die bei unerwarteten Störungen des Gleichgewichtes das Abreissen und Abgleiten der Schneebretter erleichtern. Sorgfältiges Sondieren des Schnees in möglichst grosse Tiefe und aufmerksame Routenwahl sind darum auch bei schönem Wetter unerlässlich. Doch genügt das einmalige Sondieren an irgendeiner einzigen Stelle nicht. Der Schnee wechselt oft auf kurze Distanz seine Beschaffenheit sehr stark.

Fall 2: Der Skifahrer Dr. St. verliess am 10. Januar 11.15 Uhr die Kleine Scheidegg, um dem üblichen Weg folgend nach dem Männlichen hinüberzugehen. Der Weg lag im Windschatten eines Sturmes, der kurz vorher während 48 Stunden geherrscht hatte. St. war begleitet von seiner Cousine. Unterhalb des Tschuggen, an einer sehr steilen Stelle, löste sich plötzlich ein Schneebrett und riss beide Touristen mit sich. Das Fräulein, welches 15-20 m vorausging, konnte sich an der Oberfläche halten. St. dagegen wurde von den Schneemassen eingepackt und verunglückte tödlich. Die Lawine teilte sich in drei Teile und stürzte nahezu 400 m tief. Vor der verunglückten Partie hatte ein Junge die gefährliche Stelle bereits passiert. Das Unglück ereignete sich um 12.00 Uhr. Um 13.00 Uhr war die Rettungsmannschaft zur Stelle. Die Suchaktion war jedoch durch die Grosse der Lawine und durch deren Teilung sehr erschwert, dies um so mehr, da die überlebende Begleiterin des St. nicht genau angeben konnte, an welcher Stelle St. erfasst worden war und in welchem Teil der Lawine er liegen könnte, Da der Verschüttete bis abends spät nicht gefunden werden konnte, wurde die Arbeit während der Nacht eingestellt, in der Annahme, nützliche Hilfe sei nicht mehr möglich. Um 12.00 Uhr des nächsten Tages wurde der Verunglückte endlich gefunden und als Leiche geborgen. Er lag am untersten Ende der ersten Lawinenzunge im Sinne des Anmarsches.

Die von vielen Hunderten jeden Winter begangene Route war durch die besonderen Witterungsverhältnisse derart gefährlich geworden, dass ein Unglück nur dann ausgeblieben wäre, wenn sich die Lawine während der Nacht oder zu einer Zeit gelöst hätte, da niemand in ihrem Bereich war. Es waren an jenem Tage kurz nach der verunglückten Partie auch andere Partien, und zwar lokalkundige, zuverlässige Leute auf derselben Route unterwegs. Offensichtlich hatte man ausser acht gelassen, dass der Sturm den Flugschnee im Windschatten anhäufte und dadurch die Lawinengefahr aufs höchste steigerte.

Weder die häufige Frequenz einer Route noch die Spur eines Vorangehenden bieten zuverlässige Gewähr für Lawinensicherheit.

Fall 3: Ungefähr 50 in von der Hütte Le Petit Plané auf der Nordseite des Moléson wurde eine Partie von zwei Skifahrern und einer Skifahrerin am 19. Januar 1941 von einer Lawine überrascht und verschüttet. Alle hatten die Skier angeschnallt und waren unterwegs, um die C. Hütte von Clef d' En Bas zu erreichen. Ein Gefährte der drei Verschütteten entging durch Zufall dem Unglück, eilte ins Tal und meldete das Unglück. Nur unter grosser Gefahr konnte die Hilfsmannschaft, ein Detachement des Geb. Füs. Bat. 17 und eine Mannschaft aus Bulle, die Unglücksstelle erreichen und die Bergungsaktion durchführen. Erst am 20. Januar um 15.00 Uhr wurde das erste Opfer gefunden und am 21. Januar um 13.50 und 14.45 Uhr wurden auch die zweite und die dritte Leiche geborgen. Ein am 21. Januar angesetzter Lawinenhund suchte erfolglos. Die Lawine war als Naßschneelawine niedergegangen und hernach erstarrt. Bei einem der Opfer hatten die Skistöcke, die mit den Schlaufen fest am Handgelenk hingen, starke Zerrungen an den Armen bewirkt, den Verunglückten an seiner Bewegungsfähigkeit aufs äusserste behindert und in eine an sich schon lebensgefährliche Lage gebracht. Die beiden andern hielten die Stöcke lose in der Hand und hätten sie leicht wegwerfen können, taten es jedoch nicht.

Aus diesem Beispiel und aus verschiedenen Berichten des Lawinendienstes der Armee ergibt sich übereinstimmend, dass die Stöcke und die Ski bei Lawinenunglücksfällen fast immer die Selbstbefreiung aus der Lawine sehr erschweren. Die Regel: Bindungen lösen und Stockschlaufen vom Handgelenk streifen besteht daher vollauf zu Recht.

Fall 4: Dass auch der Jura unter Umständen lawinengefährliche Stellen aufweisen kann, beweist das Lawinenunglück an der Südseite von La Dôle, dem der Skifahrer M. C. zum Opfer fiel. Eine Gruppe von Skifahrern stieg auf den Col de Porte und befand sich etwas unterhalb des Kreuzes beim Gipfel, als plötzlich eine Lawine losbrach und die drei letzten Leute der Kolonne mitriss. Zwei von ihnen konnten durch rasche Hilfe gerettet werden, während M. C. mehr als einen Meter tief unter dem Schnee begraben war. Trotzdem es gelang, den Verschütteten nach ca. 20 Minuten zu befreien und trotz sofort nachher einsetzender künstlicher Atmung durch einen zufällig anwesenden Arzt, konnte der Verunglückte nicht wiederbelebt werden. Am Freitag vor dem Unglückstag hatte plötzlich ein Temperaturanstieg mit Regen in den tieferen Lagen eingesetzt, dann folgte Abkühlung mit Schneefall in den höheren Lagen, auch im Jura. Die Lawine war eine Neuschneelawine.

Es kann nicht genug verlangt werden, dass die Skifahrer vor und während ihren Touren die Witterungs- und Schneeverhältnisse genau beobachten und jederzeit und überall die Lawinengefahr möglichst genau abzuschätzen suchen.

Sturz in Gletscherspalten. Vier Unglücksfälle mit fünf Toten ereigneten sich durch Sturz in Gletscherspalten. Das ist im Verhältnis zu den vielen oft sehr schlecht geleiteten und geradezu liederlich ausgeführten Skihochtouren eine kleine Zahl.

Eine der vier verunglückten Partien war im Aufstieg begriffen und ging am Seil, die übrigen drei Partien fuhren unangeseilt ab.

Fall 1: Eine Dreierpartie, bestehend aus zwei jungen Fliegeroffizieren und einem Zivilisten, stieg Ende März angeseilt über den frisch verschneiten Grenzgletscher hinauf. Die Sicht war nicht gut, die Spalten darum ziemlich schwierig zu erkennen und zu überblicken. Bereits war der vorderste Mann einmal leicht eingebrochen und dadurch gewarnt. Er suchte darum, seine Seilgruppe aus dem gefährlichen Labyrinth hinauszuführen. Plötzlich brach er lautlos in einer verdeckten Spalte ein, als die Partie in einer sanften Mulde langsam anstieg. Eine nahezu 1 % m mächtige Schneebrücke war auf eine Länge von nahezu 20 m und 3-4 m Breite mit ihm eingestürzt. Die Kameraden versuchten, den Eingebrochenen durch Ziehen am Seil wieder hochzubringen, doch schnitt das Seil tief im Schnee des Spaltenrandes ein und wurde blockiert, so dass es den beiden Helfern nicht gelang, den Freund der Spalte zu entreissen. Dieser hing in ca. 4 m Tiefe frei am Seil und war unverletzt. Sehr bald klagte er über Ermüdung in den Armen. Ein zweites Seil, das ihm von oben zugeworfen wurde, vermochte er nur noch unter der einen Schulter durchzuschlingen. Kurz darauf meldete er, er fürchte, in Ohmacht zu fallen; ungefähr zehn Minuten nach dem Einbrechen gab er keine Antwort mehr. Da beschlossen die verzweifelten Gefährten, den Freund am Seil, das am Pickel gesichert war, hängen zu lassen und in der Bétempshütte Hilfe zu holen. Da niemand dort war, eilte ein Mann weiter nach Riffelberg, und da dort ebenfalls keine Hilfe war, wurde solche von Zermatt herbeitelephoniert. Trotzdem die Hilfsmannschaft mit einem Extrazug der Gornergratbahn bis Riffelberg fahren konnte und in äusserst schnellem Marsch die Unglücksstelle erreichte, war selbstverständlich nur noch eine Leiche zu bergen. Die Spalte war nur wenig überhängend. Hätten die beiden Seilgefährten des Verunglückten nicht völlig den Kopf verloren, so hätte der eine, während der andere sicherte, sofort das blockierte Seil mit Pickel oder Lawinenschaufel freigelegt, und dann wäre es ihnen vermutlich gelungen, rechtzeitig den Freund zu retten. Dass sie schon nach zehnminütiger Arbeit davonfuhren, um Hilfe zu holen, kann weder begriffen noch entschuldigt werden. Es genügt nicht, sich anzuseilen; das Seil hilft nur dann, wenn man es richtig gebraucht und sich vor dem Unglück mit dessen Handhabung im Unglücksfall gründlich vertraut macht. Leider tun dies nur die wenigsten.

Fall 2: Der allgemeinen üblen Mode, einfach der Spur anderer über den Gletscher zu folgen, fiel der geübte alpine Skifahrer O. M. zum Opfer. Er stieg mit einem Gefährten unangeseilt vom Lämmerngletscher durch die Eisbrüche zum Schneehornplateau empor und folgte dabei der schlecht angelegten Spur einer anderen Partie. Eben wollte er eine Spitzkehre machen, als plötzlich der Schnee mit ihm in die Spalte stürzte, auf deren Brücke die Spitzkehre lag. Der nahezu 30 m tiefe Sturz muss wohl augenblicklich den Tod des Verunglückten bewirkt haben. Rasch aus der Nähe herbeieilende Helfer konnten trotz sehr tüchtiger und schneller Hilfe nur noch die Leiche bergen.

Fall 3: Mitten aus einer Schar ebenfalls unangeseilt abfahrender Skiläufer stürzten am Tödi die beiden Skifahrer J. P. und P. S. in eine schlecht überbrückte, 5-6 m breite Spalte über 30 m tief ein. Der Schnee am Spaltenrand zeigte nach dem Abbruch der Brücke eine Dicke von 120-150 cm, war trocken pulverig, trotzdem man bereits den 13. April zählte. Die Sicht war schlecht, es herrschte leichtes Schneetreiben. Da die beiden Verunglückten vom mitstürzenden Schnee eingedeckt wurden, gelang die Bergung trotz sofortiger Hilfe nicht. Sie gestaltete sich auch dann noch sehr schwierig, als am Tage darauf eine gut ausgerüstete Rettungsmannschaft an die Arbeit ging. Es gelang vorerst nur, den 4 m tief vom Schnee begrabenen P. S. aus einer Tiefe von über 32 m herauszuholen. Die Leiche des J. P. konnte von einigen seiner Kameraden erst eine Woche später geborgen werden.

Mit diesen Ausführungen sei unsere Unglückschronik geschlossen. Nehme jeder daraus, was ihm nötig scheint. Aber jeder sei sich bewusst, dass Glück oder Unglück sehr oft an einem dünnen Faden hängt.

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