Die Bewässerungsanlagen von Ausserberg im Wallis

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VON ERNST LAUTENSCHLAGER, BASEL

Mit 3 Bildern ( 25-27 ) und 1Kartenskizze Das Gelände der Gemeinde Ausserberg umfasst die Berglehnen zwischen dem Bietsch- und dem Baltschiedertal an der Südrampe der Lötschbergbahn.

Im Mittelalter wurde dieses Gebiet Bischofsberg genannt. Seine fünf selbständigen Gemeinden führten ein gemeinsames Wappen: ein Kreuz auf grünem Grund, umgeben von 5 Sternen, überragt vom Doppeladler.

Im 17. Jahrhundert verloren die fünf alten Gemeinden ihre Selbständigkeit. Als neues Gemeinwesen für das gesamte Gebiet trat Ausserberg, « Mons Exterior », auf, unter Beibehaltung des alten Wappens.

Klima und Vegetation Das Lokalklima dieser südexponierten Steilhänge ist extrem trocken. Minimale Niederschläge, lange Sonnenscheindauer, häufige austrocknende Winde in Verbindung mit ausgesprochener Wasserarmut prägen das Ausserberger Gelände als mediterrane Trockenlandschaft. Dem entspricht das Pflanzenkleid mit seinen lichten Föhrenbeständen, mit den überall aufragenden dunkeln Säulen des Wachholders und mit den breit über den Felsboden hingelagerten Sadebüschen. Das Mittelmeerklima wird besonders deutlich charakterisiert durch spezielle Arten, wie z.B. den Affodill ( Asphodelus albus Mill .), der oberhalb des Strässchens nach Mühlackern noch auf einer Höhe von 1160 Metern gedeiht.

Auch in der Fauna zeigt sich das südliche Element. Mauereidechsen huschen über die heissen Felsen, prächtige grosse Smaragdeidechsen sind häufig zu finden. Das auffälligste Kind des Südens aus der Insektenwelt aber ist wohl die hier sehr häufig vorkommende Gottesanbeterin.

Dieses steile, trockene und damit kulturfeindliche Land konnte vom Menschen nur besiedelt werden, wenn er gleichzeitig eine künstliche Bewässerung anlegte. So müssen die ersten « Suonen », wie diese Werke im Oberwallis heissen, sehr alten Ursprunges sein. Schriftliche Aufzeichnungen existieren erst seit dem 14. Jahrhundert, aber die Sagen berichten von viel älteren Wasserleitungen.

Die alten Suonen Die Ausserberger Hänge kulminieren im 3000 Meter hohen Wiwannihorn. Heute sind seine Flanken grösstenteils schneefrei; ausgedehnte junge Moränengebiete zeugen von einer früheren Vergletscherung. Der grösste Gletscherbach ist durch das tiefeingeschnittene Mankintobel abgeflossen. Dieses Tobel führt heute nur noch zur Zeit der Schneeschmelze Wasser. Das wenige, im Wiwanni zutage tretende Wasser versickert und findet einen unterirdischen Abfluss.

Der Wiwannigletscher bildete in alten Zeiten das natürliche Reservoir für die Bewässerungswerke der Ausserberger.

Die Chrapfjiwasserfuohr Die Wasserfassung lag im Gebiet der oberen Brunnfelsen an der Ostflanke des Wiwannihornes. Die Leitung führte über den Unterberg und die inneren Wang zur alten Gemeinde Raaft*. Die Suone wird aufgegeben worden sein, als Raaft nur noch als Alp von Ausserberg benützt wurde.Verein-zelte Holzchrapfen in den Felswänden sollen noch vorhanden sein.

Die Horungiegi Im Moränengebiet am Ende des Wiwannigletschers wurde ebenfalls eine Suone gefasst, die Horungiegi. Sie führte nach Grienläger, wo sie sich zweiteilte. Je ein Arm floss nach Leiggern und nach Raaft. Auch von dieser Leitung sind noch Spuren erkennbar.

Die Sage berichtet von zwei Brüdern, der eine in Raaft, der andere in Leiggern ansässig, die Streit bekamen beim Wasserteilen, so dass sie sich gegenseitig erschlugen. Zur Strafe kam es zu einer furchtbaren Naturkatastrophe, bei der die Horungiegi versank und das Wasser ausblieb - es fand einen neuen Abfluss in den « Nasulechern » im Bietschtal. Die Bergsturztrümmer am Osthang des Augstkummenhornes belegen den Untergang dieser Suone.

Die Sage berichtet weiter, dass die Ausserberger, als sie ihres Wassers beraubt waren, die Horungiegi zwingen wollten, wieder zur alten Austrittsstelle hinaufzusteigen. Sie versuchten daher, den Ausfluss der « Nasulecher » mit einem Damm zu verstopfen, damit das Wasser im Berg 700 Meter hoch ansteigen sollte. « D' Usserbärger heint mu im Bietschi vermacht, aber das het nit g'holfu; äs het ne schis, gloubs gmouglet und het gitobot und gitossot, dasch froh gnuog gsin si, mun gan z'antmachn1. » Damit gab man den Versuch auf, die verlorene Suone wieder herzustellen. Die Sage aber fand im Jahre 1920 eine unerwartete Bestätigung. Man suchte damals nach einer Trinkwasserquelle für Ausserberg und zog in Erwägung, dafür den Schreebach im Bietschtal, den Ausfluss der « Nasulecher », zu benützen. Vier Mann, darunter Pfarrer Schmid, stiegen bergtüchtig ausgerüstet zu der Höhle empor. Der Pfarrer berichtet darüber2:

« Wir drangen unternehmungslustig in die ungeheure Felsnase vor. Ein schrägansteigender Stollen führte nach ca. 60 Metern in eine mächtige Halle, die an einen unterirdischen See grenzte. Hier fanden wir, was wie ein Titanenscherz in der Sage lag: die Verbauungen der Ausserberger. Worin bestunden die Verbauungen? Die Felsenhalle wurde gegen den unterirdischen See hin mit einem Holzdamm aus kolossalen Lärchenbalken ausgefüllt. Vor diesem Damm sperrte eine Querwand * Die neue Landeskarte zeigt im Gebiet von Ausserberg verschiedene Verfälschungen der Ortsnamen. Das Maiensäss Raaft wird « Ranft » genannt, Salmuveh heisst « Salmenfee » und anderes.

Literatur:

1 G. Stebler: Sonnige Halden am Lötschberg. Bern 1914.

2 Pfarrer Stephan Schmid: Die Wasserleitungen am Bischofsberg. Blätter aus der Walliser-Geschichte, VI. 1925.

2 Die Alpen - 1965 - Les Alpes17 und vor dieser ward rings in den Felsen eine weite tiefe Fuge ausgehauen, in welcher eine zweite Querwand aus Rotlärchenbalken eingesetzt war, die das ganze Werk zum Abschluss brachte. Aber die Naturkraft des versunkenen Horungiegi war stärker als der Menschenhände Werk, das wohl rasch in Trümmer sank, aber auch heute noch als stummer Zeuge tief im Bergesinnern eine gewaltige Sprache spricht vom Wagemut eines armen Bergvolkes, das für sein Bewässerungswasser das unglaublichste wagt. » Das Chänilwasser Wahrscheinlich bildete das Versiegen der Horungiegi den Anlass zum Bau des Chänilwassers, einer Wasserleite aus dem Bietschtal. Von seiner Fassung « uf der nassn Pletschn » führte ein Kanal zu den gewaltigen Felswänden, welche beim Bitzitorrun mehr als 500 Meter senkrecht ins Bietschtal abfallen. Diese Wände durchquerte die Leitung in einer unerhört kühnen Führung von Holzkäneln, um dann ins Gebiet von Leiggern zu gelangen. Hier bewässerte das Chänilwasser zum grossen Teil Land, welches heute nicht mehr kultiviert wird.

Ein Dokument von 1420 über einen Wasserverkauf bezeichnet Peter Jakob von Leukron ( Leiggern ) als Erbauer des Chänilwassers. Es wird sich dabei um eine Wiederherstellung handeln, der ursprüngliche Bau dieser Suone dürfte viel älteren Datums gewesen sein.

Der Unterhalt der Chanel in der exponierten Felswand war schwierig und ausserordentlich gefährlich. Es sollen einst bei einer Reparatur 19 Verheiratete, die ganze Mannschaft, abgestürzt sein. Solche Unfälle bildeten wahrscheinlich den Grund, dass diese Suone aufgegeben worden ist. Einzelne Teile von ihr lassen sich heute noch feststellen, z.B. zwischen Mankintobel und Bielen.

Die Suonen aus dem Baltschiedertal Mit der Verlagerung des Gemeindezentrums nach Trogdorf verloren die höhergelegenen Ortschaften ihre Bedeutung - sie wurden nur noch als Maiensässe benützt. Damit aber waren ihre Wasserleiten nicht mehr so wichtig, sie wurden vernachlässigt und zerfielen.

Die Suonen von Trogdorf aber bilden bis zum heutigen Tag die Lebensadern von Ausserberg, sie sind dementsprechend gut imstande, und ihr Wasser wird im gleichen Turnus verteilt wie vor Jahrhunderten.

Undra und Minia Diese beiden Leitungen gelten als ein gemeinsames Werk. Die Wasserrechte und Arbeiten werden für beide Suonen gemeinsam verrechnet. Über ihre Erbauungszeit ist nichts bekannt. Das früheste Dokument, welches ein Wasserrecht der Undra betrifft, stammt von 1377*.

Mittla und Undra versorgen das dorfnahe Gelände. Die Undra durchfliesst Trogdorf, früher wurde ihr auch das Trinkwasser entnommen. Bis vor wenigen Jahren trieb sie auch Mühlen und eine Sägerei an. Heute übernimmt sie leider beim Dorfdurchfluss die Funktion einer Kloake, so dass sie beim Verlassen der Ortschaft recht unappetitlich wirkt. Mittla und Undra vereinigen sich und führen beim Bahnhof unter der Lötschberglinie hindurch. Im Rebgelände bei Dornen verlieren sie sich.

* Im Gemeindearchiv Ausserberg. 18 Das Neuwerk Der Name sagt deutlich, dass diese oberste Suone von Trogdorf die jüngste der Drei ist. Über ihren Bau und Betrieb besitzt die Gemeinde Ausserberg eine guterhaltene Urkunde vom 16. September 1381. Das Neuwerk bewässert die obersten Hänge von Trogdorf mit dem Maiensäss Neu- werk, sie führt dem Hang entlang weiter bis nach Mühlackern.

Diese für Ausserberg heute wichtigsten drei Suonen haben ihre Wasserfassungen auf verschiedener Höhe im wilden Baltschiedertal. Die Kanäle führen übereinander gestaffelt mit leichtem Gefälle dem rechten Hang entlang bis zu den Felswänden, welche den Talausgang flankieren. In diesem schwierigen Gelände brauchte es kunstvolle und zum Teil kühne Anlagen, um das Wasser mit geringem Höhenverlust zu den Ausserberger Hängen hinüberzuleiten.

Die Undra durchquert vorwiegend den Fuss der Felswände mit ihren steilen Schutthängen. Die Mittla durchschneidet den Fels auf schmalen, zum Teil künstlich eingehauenen Gesimsen. Am kühnsten angelegt ist das Neuwerk, welches in schwindelnder Höhe luftigen Gesimsen entlangführt und, wo diese unterbrochen sind, die Abgründe in frei aufgehängten Holzkäneln überbrückte.

Die Feuchtigkeit der Wasserleitungen begünstigt den Pflanzen be wuchs. Vor allem die Alpenerle begleitet in beinahe lückenlosem Bande die Suonen selbst in steilsten Wänden. Mit ihrem Wurzelwerk mag sie zur Festigung der Kanäle beizutragen.

In den Felswänden sind die Leitungen dem Steinschlag ausgesetzt, Unterbrüche kommen häufig vor. Besonders schwierig und gefahrvoll war es, wenn Holzkänel in den exponierten Wänden des Neuwerks ersetzt werden mussten. Für diese Arbeiten wurde seinerzeit in Genua ein 200 Meter langes, 15 cm dickes Seil bestellt, welches heute im Gemeindesaal von Ausserberg hängt. Wie sich ein solcher « Chänilzug » abspielte, hat Pfarrer Schmid aus eigenen Erlebnissen wie folgt beschrie-ben2:

Der letzte Chänilzug der Ausserberger « Ich war bereits Student in meinen B. Sommerferien, als es einmal mitten im Sommer hiess: In Chummerschbrand, uf dem leidu Eggi ist der längst Chänil ab! Es galt also den schwierigsten Chänilzug im ganzen Neuwerk. Der Hüter hatte grosse Mühe, die nötige Mannschaft zusammenzubringen, teils der ungünstigen Zeit, teils der Gefahr wegen. Ich aber hatte grosse Lust, mich einmal persönlich an diesem Wagstück zu beteiligen, und liess mich heimlich anwerben.

In letzter Stunde erst erhielten meine drei Brüder davon Kenntnis und erklärten mir, daraus gebe es nichts. Ich würde nur den andern Arbeitern im Wege stehen und überhaupt hätte ich schon zu viel „ verstudiert ", um mein Leben aufs Spiel zu setzen. Vorher hatte keiner der Drei Zeit gehabt für den Chänilzug, jetzt aber war jeder bereit, in meinem Namen hinzugehen. Ich wies auf ihre Familien hin und erklärte, ich habe für mich allein das Wort gegeben und werde es auch halten. Schliesslich hiess es aber: gut, du kannst gehen, aber nur um zuzuschauen, an die Arbeit geht einer von uns. Und so kam es.

Nach der heiligen Messe versammelten sich die Chänil-Mannen auf dem Dorfplatz. Jeder nahm seine 6 bis 8 Seilringe quer über die Schulter und in ruhigem gleichmässigem Schritte ging 's zum Dorf hinaus bergan. Hintennach die Packträger mit getrocknetem Fleisch, „ Spis " und Wein.

Hoch droben im Linduwald lag der Chänil, ein gewaltiger, ausgehöhlter grüner Baumstamm. Nach kurzer Stärkung stellen sich die Männer um denselben herum auf, nehmen die Hüte herunter und beten laut. Nun wird der Chänil am hinteren Ende mit dem Chänilseil festgebunden. Aber da heisst es auf einmal: Wer geht an die Widen? Einen Moment lang tiefes Schweigen - einer schaut den andern an, aber nur 2 bis 3 Sekunden, da treten zwei beherzte Männer vor und rufen: wir zwei wagen es!

Nun werden zwei gewaltige aus Birkenstämmchen gewundene Ruten mit Guntla ( Eisenkeilen ) versehen, am vorderen Ende des Chänils befestigt, und der Chänil setzt sich in Bewegung. Voraus die Männer an den Widen; sie geben dem Chänil die Richtung - hinten am Seil die übrige Mannschaft. Das Seil um den Stamm einer Föhre geschlungen, lassen sie den schweren Stamm langsam, ruckweise die steinigen steilen Halden niedergleiten. Unter dem Drucke des Chänils und durch die Reibung des Seiles lösen sich oft Steine und andere Gegenstände und sausen nicht selten dicht an den beiden Vordermännern vorbei. Alle ihre Sinne aufs äusserste gespannt, weichen diese bald rechts, bald links aus, bald auch ducken sie sich plötzlich zur Erde nieder. Neben dieser schrecklichen Gefahr wissen die beiden ganz genau, dass ihr Leben nur von der Vorsicht und Kraft derer am Seile abhängt Würden diese auch nur einen Augenblick ihre Hände vergessen und käme der Chänil ins Rutschen, keine Kraft hielte ihn mehr zurück; im nächsten Augenblick lägen die beiden mit dem Chänil zerschmettert in der Tiefe.

So rücken sie, beständig den doppelten Tod vor Augen, vorwärts bis auf die letzte Felswand. Diese fällt zirka 120 Meter senkrecht ab; in ihr soll der Chänil gelegt werden. Jetzt werden die Widen abgenommen und an ihrer Stelle zwei lange Seile befestigt. Bald schwebt der Koloss über dem Abgrund und sinkt langsam, langsam zur Leitung nieder. Dort finden wir auf einem winzigen Felsvorsprung, an der Bruchstelle der Suone, vier Mann fast wie zu einem verwachsen, mit langen Holzhacken bewaffnet, unentwegt in die Höhe spähend.

Da, auf einmal schwebt der Chänil gerade über ihnen. Acht Arme angeln mit den « Holzkrapfen » nach ihm und ziehen ihn mit Aufbietung ihrer ganzen Kraft an den Seilen am vorderen Chänil-kopf zur Leitung, während das hintere Ende am grossen Seile auf die gegenüberliegende Bruchstelle niedersinkt.

Aber noch ehe das geschieht, klemmt sich das grosse Seil fast mitten in der Felswand fest. Oben und unten erschallen Schreckensrufe! Im ersten Augenblick weiss niemand Rat. Wieder tritt einer von den todesmutigen Männern, die vorher an den Widen waren, vor, steckt einen „ Zapin " mit langem eschenem Stiel in seinen Gurt und gleitet frei, Griff um Griff am Seile nieder. Mit der linken Hand sich am Seile festhaltend, die Füsse gegen die Felswand gestemmt, stösst er mit der Rechten in gewaltigem Stoss den glatten eschenen Stiel zwischen Seil und Felswand, gerade da, wo sich das Seil festgeklemmt.

Nun geht die Arbeit ruhig weiter, und bald liegt der Chänil fest unten in der Leitung. Und wieder stehen die Mannen unten neben dem Chänil, streichen den Schweiss aus der Stirne, nehmen ihre Hüte herunter und beten. Am Morgen war es ein Bittgebet, jetzt ist es ein Dankgebet. Bald rauscht das Gletscherwasser wieder durch die Leitung, und noch während die mutigen Männer drinnen in Chummerschbrand ihr Abendbrot essen, verkündet draussen der Wasserhammer der lauschenden Gemeinde, dass der schwierigste Chänilzug glücklich gelungen. » Im Sommer 1914 erfolgte vom Sickwald her ein mächtiger Bergsturz, welcher alle drei Suonen verschüttete. Ausserberg war während mehrerer Monate ohne Wasser, Nach langen Verhandlungen liess das Armee-Oberkommando endlich im Oktober die Ausserberger Mannen vom Grenzbesetzungsdienst frei, so dass mit der Wiederherstellung der drei Wasserleitungen begonnen werden konnte. Der mächtige Bergsturz musste in Tunnels unterfahren werden. Man arbeitete den ganzen Winter lang in drei Schichten, nur Sonntags ruhte das grosse Werk. Der Tunnel der Undra und der Mittla ist je 80 Meter lang, derjenige des Neuwerk misst 130 Meter.

Einige Hauszeichen der Tesseln der Undra ( nach SteblerAnton Treyer Julia Schmid VI Peter Kämpfen

I

Heinrich Schmid * Peter Grossen

Lukas Schmid X.

Josef Theler

7

Roman Heinen 7 Lukas Kämpfen Andreas Treier f » Michel Imboden Magdalena Theler

A

Christian Leiggener Regina Theler

Johann Schmid Maria Leiggener Wässereinheiten ( nach Schmid ) ( 1 Viertel ) Die Suonen von Ausserberg N Zeichnung: B. Baur, Basel Ehemalige Suonen:

1Chrapfiwasser 2Horungiegi 3Chänilwasser Heutige Suonen:

4Undra 5 Mittla 6Neuwerk 7 Manera 8Wigartnera ( zu Baltschieder ) Mit diesen Stollen konnten empfindliche Leitungsstrecken gesichert werden. Die guten Erfahrungen wurden auf die andern schwierigen Partien übertragen, die ebenfalls in den Fels verlegt wurden. So verschwand eine Chänilstrecke nach der andern. Heute enthält das Neuwerk keinen mehr und Pfarrer Schmids Schilderung betraf tatsächlich den letzten Chänilzug der Ausserberger.

Durch die Verlegung der Suonen in das Berginnere verminderte sich ihre Störungsanfälligkeit, dadurch verschwanden leider die alten Wasserhämmer, welche früher mit ihrem rhythmischen Klopfen den normalen Wasserdurchfluss jeder Leitung verkündeten.

Auch heute noch werden die Suonen sorgfältig in Stand gehalten. Wenn «'sleidu Eggi » auch seinen Schrecken verloren hat, so ist ein Kontrollgang dem Neuwerk entlang immer noch eine Sache für Schwindelfreie. An der Stelle, wo sich die Leitung den Steilwänden zuwendet, findet sich, im Fels eingehauen, ein Bildstöckli. Kein Wasserwärter wird es versäumen, auf seinem Kontrollgang dort eine frische Blume oder eine brennende Kerze zu spenden.

Weitere Suonen Unterhalb der drei Ausserberger Suonen führt noch eine vierte Leitung Wasser aus dem Baltschiedertal, die « Wigartnera ». Sie bewässert das Gelände der Gemeinde Baltschieder, Ausserberg hat keinen Anteil von ihr.

Aus dem Bietschtal führt die Manera das Wasser zu den Hängen von St. German, ein unbedeutender Anteil mit einem Wasserzuschuss aus dem Mankintobel gelangt unterhalb der Bahnlinie bis ins Gelände von Ausserberg. Schriftliche Dokumente über die Manera finden sich nicht in Ausserberg.

Das Alpdörfchen Raaft besitzt heute keine Suone mehr. Leiggern kann solange aus dem Mankintobel bewässert werden, als dieser Bach während der Schneeschmelze Wasser führt; der Kanal scheint ein Überrest der ehemaligen Horungiegi zu sein.

Im Jahre 1939 konnte endlich auch die Trinkwasserversorgung sichergestellt werden durch die Fassung einer ergiebigen Quelle in Leiggern.

Die Wasserrechte Das kostbare Wasser, welches viele Kilometer weit durch schwierigstes Gelände herbeigeleitet wird, wurde seit ältesten Zeiten nach einem sorgfältig bestimmten Schlüssel verteilt.

Die Wasserbezüger sind zu einer Geteilschaft zusammengeschlossen. Jeder Teilhaber hat das Recht zum Bezug seines zugeteilten Wassers und verpflichtet sich anderseits zu entsprechenden Unterhaltsarbeiten an der Leitung.

Die Bewässerung erfolgt Tag und Nacht in einem pausenlosen Rhythmus, nur sonntags zwischen 7 und 12 Uhr herrscht Wasserruhe. Ausserdem ruht die Bewässerung im Winter und bei Regenwetter. Die einzelnen Wasserbezüger folgen sich in einem festgelegten Turnus, der « Wasserkehr ». Findet aus irgendeinem Grunde ein Unterbruch in der Wasserkehr statt, so bleibt sie solange bei dem Geteilten stehen, wo sie im Augenblick der Unterbrechung gewesen war.

Die Wassereinheit ist das Viertel, d.h. ein Viertel des Tages, also 6 Stunden. Die Mittla besitzt heute 60 Viertel, die Undra deren 74.

Das Viertel wird in kleinere Einheiten unterteilt: 1/2,1/4, i/s, 7i6> Vsa » Vw Dabei bedeutet z.B. 1/2 ein halbes Viertel = 3 Stunden. 1/M bei der Undra entspricht einer Wäs-serzeit von 5 Minuten und 37 Sekunden. Im Jahrhundert der Präzisionsuhren begreift man nicht, wie solche Wässerzeiten früher eingehalten werden konnten. Sicher war dies nur möglich durch ein ausgeprägtes Zeitgefühl, welches jedem, als Folge uralter Tradition, in Fleisch und Blut eingegangen sein musste.

Die Wassertesseln Über jede Suon ist ein Vogt gesetzt, wobei Undra und Mittla als ein gemeinsames Werk gelten. Die Wasserrechte der einzelnen Geteilen wurden auf Holzstäbchen, den Wassertesseln, aufgezeichnet. Jede Tessei enthält das Hauszeichen des Geteilten, welches oft sehr altertümlich in der Art germanischer Runen eingeritzt ist. Daneben ist der Wasseranteil eingekerbt; für Viertel und Bruchteile davon gelten bestimmte Zeichen.

Das Kopfende jeder Tessei ist durchbohrt. Durch die Löcher wird eine Schnur gezogen, welche sämtliche Tesseln der Geteilschaft zu einem Kranz vereinigt. Die Reihenfolge der Tesseln bestimmt den Wässerungsturnus für die Geteilen.

Die von den einzelnen Geteilen für das Werk geleistete Arbeit wurde früher ebenfalls auf Holzscheitchen vermerkt. Für jeden geleisteten Arbeitstag wurde auf der Werktessel des betreffenden Geteilen eine Kerbe eingeschnitten. Am Ende des Jahres verglich man Werk- und Wassertesseln, also Arbeit und Wasserbezug, um jedem seine Abrechnung zu machen. Überzählig verbrauchtes Wasser musste bezahlt, überzählige Arbeit konnte übertragen werden. Der Geldwert als Ersatz für einen Arbeitstag an der Suone betrug im Baujahr des Neuwerk 7 Pfennig.

Als im Jahr 1914 die grossen Reparaturarbeiten an den drei Wasserleiten notwendig wurden, konnten die umfangreichen Stollenbauten nicht mehr durch die Arbeitspflicht der Geteilen ausgeführt werden. Eine Entlohnung aber war den Geteilschaften nicht möglich. So musste die Muni-zipalgemeinde damals die Suonen übernehmen, die seither das Budget enorm belasten. Mit dieser Übernahme fiel der Gebrauch der Werktesseln dahin.

Durch Erbschaft und Teilung wurden die Wasserrechte im Lauf der Jahrhunderte immer komplizierter. Im Jahre 1950 führte man deshalb eine Neuregelung ein. Damit aber verliess man auch das ehrwürdige System der Wasserrechtstesseln zugunsten maschinengeschriebener Listen.

Die letzten vier Tesselnkränze hängen heute noch im Ausserberger Gemeindesaal. Nur noch wenige kennen sich in der Bedeutung der geheimnisvollen Zeichen aus. Die Jungen möchten die alten Holzscheitchen mit dem wuchtigen Chänilseil zusammen aus dem Saal verbannt haben. Es scheint nicht mehr allzulange zu dauern, bis der Gebrauch der Wassertesseln der Sage angehört.

Heute wird Ausserberg durch eine Fahrstrasse an die moderne Zeit angeschlossen. Mit den ersten Autos sind neue Probleme ins Dorfleben eingezogen. Es ist deshalb höchste Zeit, die früheren Einrichtungen zu sammeln und zusammenzufassen, bevor sie endgültig in Vergessenheit geraten.

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