Die Dents de Veisivi

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Marcel Michelet, Vollèges

Als der Lehrer in der Geographiestunde mich, den Knirps, fragte: « Nun, Marcel, sind wir in den Alpen oder den Voralpen? » antwortete ich, ohne zu zögern: « In den Voralpen », obwohl mein Dorf hoch oben auf seiner Terrasse mitten im Wallis thronte.

Denn die « hohen Alpen » waren für mich die Gipfel ringsum, die mir zuwinkten, mir aber so unerreichbar schienen wir vor fünfzehn Jahren der Silbermantel des Mondes für die Erdbewohner.

Die « hohen Alpen » waren weder die Alphütten, in denen ich eine Nacht verbracht hatte, um das Herdengeläute zu hören, noch die schwindelerregenden Abhänge, an denen Kälber und Rinder klebten, noch die Dents Rousses, wo man uns am blauen Horizont Ameisen zeigte und sagte, es seien Schafe.

Die « hohen Alpen » waren das Reich der Gemsen, der Engländer und einiger mutiger und begüterter Schweizer, die wir am Samstagabend sahen, besser angeschirrt als Pferde, den Bergstock in der Hand, den Rucksack am Rücken und mit einer Seilrolle ausgerüstet, die mein Vater neidisch betrachtete:

« Die wissen nicht, was sie mit ihrem Geld anfangen sollen, und unsere Seile sind bis auf den Faden abgenützt! » Nie würden die « hohen Alpen » mir gehören; andere Höhen riefen mich. Ich trat ins Noviziat ein und verzichtete sogar auf meine « niederen Alpen », um innere, härtere, aber ebenso begeisternde Aufstiege zu unternehmen. Doch in den ersten Tagen meines Priesteramtes schenkte mir der Herr die vergessenen Freuden des Bergsteigens wieder, allerdings ohne mir das Wunder des Trainings, an dem es mir mangelte, widerfahren zu lassen. Und so endeten alle meine irdischen Aufstiege, welche die Dreitausender-Grenze nur knapp überschritten, als Abenteuer. ( Die geistigen übrigens auch. Alles ist eitel Abenteuer hienieden. ) Im September 1936 schickten mich meine Vorgesetzten zum Lac Bleu von Arolla hinauf, wo ich für eine Gruppe des Alpenklubs Sitten, die die Traversierung der Dents de Veisivi ausführen wollte, die heilige Messe zu lesen hatte.

Da erlebte ich zum ersten Mal das Val d' Hérens: es tauchte gerade in den Schatten ein, aber der Gletscher von Ferpècle spaltete den Berg wie ein leuchtendes Schwert, und die Dent Blanche flammte auf gleich einer Monstranz. Die Veisivi, eher bescheiden, aber fein wie junge Mädchen an der Prozession im Himmelszelt, erstrahlten in goldenem Licht. Während ihre Kerzen erloschen, entzündete ein himmlischer Chorknabe einen Stern nach dem andern, da und dort, wie es ihm gerade gefiel, jeden in seiner eigenen Klarheit und Farbe.

Nie werde ich diesen Abend kristallklarer Schönheit vergessen, an dem Musik und Stille miteinander harmonierten. Ich glaubte eine Schar Alpenklübler zu begleiten; aber fast alle meine jungen Leute gehörten zur « Chanson Valaisanne », und ihr ganzes Repertoire wurde in die blaue Nacht hinausgesungen, mit dem Murmeln des Baches als Kontrabass. Und der Himmel antwortete mit all seinen funkelnden Sternen. Die Messe im Morgengrauen krönte diese Nachtmusik.

Dann hatte ich die Absicht, meine Freunde zu verlassen, doch sie wollten nichts davon hören.

« Sie kommen mit uns! Man reisst doch nicht einfach aus! » « Aber ich muss um sieben Uhr abends den Zug nach Bern nehmen. » « Um sieben Uhr? Spätestens um fünf sind wir inSitten. Wir sind gut ausgerüstet, haben Bergführer; also, verpassen Sie diese Gelegenheit nicht! Und dann: Sind Sie nicht unser Priester? Verlässt der gute Hirte seine Schafe? » Doppelt in die Zange genommen von der Pflicht und vom Vergnügen, zog ich meine benagelten Bergstiefel an und folgte der fröhlichen Schar.

Zum ersten Mal angeseilt zu werden war für mich nicht weniger aufregend, als für einen jungen Römer die Toga überzuwerfen. Obwohl ich erstaunt war, meine Riesenstiefel gegen Kletterschuhe austauschen zu müssen, fühlte ich mich als zukünftiger Alpinist, das heisst, in dieser Umgebung ganz einfach als Mann. Endlich sollte ich die « hohen Alpen » kennenlernen!

Wir waren vier oder fünf Dreier- und Vierer- Seilschaften. Nur zu bald bemerkte ich, dass die Sänger den wirklichen Alpinisten zwar zahlenmässig eindeutig überlegen, in bezug auf das Klettern aber ebensolche Neulinge waren wie ich selbst. Übrigens erfuhr ich, dass die Traversierung der Veisivi in der Kletterkunst ungefähr dasselbe darstellt wie die Champlan-Strasse für die Fahrschüler. Da sie alle klassischen Schwierigkeiten in sich vereint, ohne äusserst gefährliche Stellen aufzuweisen, bietet sie den Anfängern eine reichhaltige Skala von Übungen, und da mussten nun die jungen Sittener ihre Beine, Knie und Hände brauchen. Und auch Disziplin. Fast in jeder Seilschaft befand sich ein Beatle, wie er im Buche steht, der meinte, im Theater zu sein, und der an den senkrechten Wänden und auf den haarscharfen Graten den Clown spielen wollte. Aber Natur und Wetter stellten ihre Bedingungen, so dass selbst Oskar, unser Enfant terrible, rasch zur Pflicht gerufen wurde. Wir waren in der Zeit des Quatember, und sie brachte - wie ich es schon als Kind geglaubt hatte - einen wilden Reigen der Elemente. Aus einer Wolke strömte Regen, der bei eisigem Wind sofort gefror, worauf die Sonne das Eis beschien; aber schon fiel aus einer anderen Wolke Hagel oder Schnee, überzuckerte alles und schmolz dann unter neuen Sonnenstrahlen wieder. Eine dritte Wolke verirrte sich sogar zu uns, hüllte uns ein, so dass nicht nur die Seilschaften, sondern sogar die einzelnen Männer einander nicht mehr sehen konnten. Keine Lieder, keine Zirkusnummern mehr! Man scherzt nicht, wenn das Leben auf dem Spiel steht.

Unter diesem Zepter des Quatember verschwand die Sonne endgültig, nachdem sie noch geruht hatte, das Band, « Engländergrab » genannt, zu beleuchten, wo unser Führer seine Seilschaften erwartete, um ihnen am Rande des Abgrundes zu zeigen, wie man dem Tode entkommt. Alle befanden sich wohlbehalten am Seil. Mit Vergnügen vertauschten wir nun unsere Kletter-mit den beschlagenen Bergschuhen, und aus aufgetauten Kehlen singend, wälzten wir uns über Geröll und Weiden nach Haudères hinunter.

Es ist 6 Uhr; mein Zug fährt um 6.55 Uhr. Der Bus-Chauffeur erklärt, dass wir eine Katastrophe riskieren würden, wenn wir in 55 Minuten zurück sein wollten. Wir sind doch nicht den tausend Gefahren des Berges entronnen, um nun so töricht die Borgne-Schlucht hinabzurasen.

Heute abend kann ich also nicht mehr nach Bern kommen und hätte morgen früh zum Arzt gehen sollen. Da werde ich eben telephonieren.

Doch Oskar, der an den verlängerten Abenteuern nicht unschuldig ist, schaut sich nach einem leichten Fahrzeug um. Er erscheint ausser Atem: « Da, da, ein kleiner roter Fiat! » Ich eile hin. Da sitzt ein reizendes junges Mädchen am Steuer und ein junges Paar im Fond!

Oskar öffnete die Wagentüre; ich zögerte aus guten Gründen, hatte aber weder Zeit noch Mut, meine Verlegenheit zu erklären.

« Hochwürden muss um 7 Uhr den Zug nach Bern erreichen », sagte Oskar. Ich hoffte, sie würde wie der Chauffeur laut protestieren, aber schon hatte mir ihr belustigtes Zwinkern ihren Gedanken verraten: Ah, das ist ein Priester, dieser Grünschnabel? Einer, welcher der Welt entsagt hat? Dem werde ich zeigen, was die modernen Mädchen fertig bringen! Und im gleichen Moment antwortete sie:

« 7 Uhr? Da werden Sie eine volle Viertelstunde zu früh auf dem Perron stehen. » Oskar stiess mich in den Wagen und schlug die Türe zu. Während er uns gute Reise wünschte, waren wir wie der Blitz in einen Schwärm aufgestörter Spatzen losgefahren. Im Weiler La Tour konnten sich die Hühner gerade noch über die Strasse retten, mussten aber etliche Federn lassen. Die Bäuerinnen, die das Emd zusammenrechten, liessen ihr Werkzeug fahren und verwarfen die Hände. Ich zitterte... Ich durfte meine Angst nicht zeigen, hoffte nur, ein Kompliment könnte meine Amazone vielleicht besänftigen.

« Sie sind eine Meisterin am Steuer, Fräulein. » « Und dabei fahre ich erst seit einem Monat. Ich habe diesen Wagen zum zwanzigsten Geburtstag erhalten. » « Das ist ja unglaublich! » « Und zum ersten Mal fahre ich in den Bergen. » Ich schwitze, schaudere, fange an zu beten. Die kleinste Panne - und wir werden morgen in allen Schweizer Zeitungen stehen: Zwei Paare...

« Fräulein... » « Oh! Keine Angst, ich weiss Bescheid; es kommt mir vor, wie wenn ich mein ganzes Leben lang gefahren wäre. » Und wohl um mich zu beruhigen, wechselt sie das Thema.

« Sie haben eine Bergtour gemacht? » « Ja, die Dents de Veisivi. » « Schönes Wetter? » « Alle Arten von Wetter. » « Sind Sie verrückt aufs Bergsteigen? » « Wie Sie aufs Autofahren. Es ist das erste Mal. » « Schwierig? » « Oh, mittelschwer, sagen die Kenner. Man muss ein bisschen aufpassen. » Sie trat immer stärker aufs Pedal. Ich hoffte, das Paar hinten würde aufschreien, aber sie hatten anderes zu tun, und ich glaube sogar, dass die Schnelligkeit sie berauschte.

« Gefährlich? » fragte meine Examinatorin weiter. Ich wartete mit der Antwort, bis wir durch Evolène gefahren waren, haarscharf an Treppenstufen und Randsteinen vorbei, wo Katzen schleunigst das Weite suchten.

« Nicht eigentlich gefährlich. Kamine, Türme, Bergkämme, beim Abstieg ein schlüpfriges Band, das man das ,Grab'nennt... » Wir wendeten unterhalb des Felsens, und ich richtete ein stummes Stossgebet an Notre Dame de la Garde, als das Postauto auftauchte, noch bevor sein Dreiklang ertönte. Die Maus stoppte, festgefahren, zu Füssen des Monstrums. Aus Rücksicht auf die schöne Fahrerin hatte ihr der Chauffeur trotz des strengen Reglements, das damals in Kraft war, die Bergseite überlassen. Er fuhr mit seinen fünfundzwanzig Passagieren zurück, um uns aus der Falle zu befreien. Gegenseitiges Lächeln, das ich nicht sah, weil ich das Gesicht in den Kragen meines Kittels gedrückt hatte, und hopp! ein wilder Satz, um die verlorene Zeit'wieder aufzuholen. Das Paar im Heck fing an zu singen.

« Fräulein », flehte ich, « Sie sollten um meinet-willen nicht Ihren Wagen und Ihr Leben riskieren. Es ist nicht so schlimm, wenn ich den Zug verpasse. Ich kann ja nach Bern telephonieren. » Sie tat, wie wenn sie mich nicht hörte, und führte mein Examen weiter:

« Ihr Kamerad nannte Sie Hochwürden. Sind Sie Mönch? » « Ja. » « Oh, das wird uns Glück bringen. Welcher Orden? » « Abtei Sankt-... » « Ja? Da haben Sie eine schöne Bibliothek. Werden Sie sie mir zeigen? » « Mit Vergnügen », hörte ich mich antworten und erinnerte mich im gleichen Augenblick, dass die Bibliothek der Abtei geschlossen und für Frauen überhaupt nicht zugänglich war.

« Danke schön. Ich werde mit meinem Vater kommen; er wird begeistert sein. Mein Vater ist der Rektor der Universität L... » Nun ging alles gut bis unterhalb Vex, wo die Strasse breiter wird. Die Fahrerin meinte wohl, auf einer Rennstrecke zu sein; sie gab soviel Gas, wie ich stumme Gebete zum Himmel richtete... Da — eine Kurve, ein Wagen, Zusammenstoss! Die beiden Verantwortlichen gehen um die Autos herum und schätzen den Schaden ab. Ich drücke mich tief in meine Jacke. Eben sind sie auf meiner Höhe und mitten in ihrer Diskussion, als der Chauffeur einen Freudenschrei ausstösst und meinen Vornamen ruft. Da erkenne ich eine Stimme, die ich seit meiner Primarschulzeit nicht mehr gehört habe: die meines Klassenkameraden. Blechschaden. Alles regelt sich bestens ohne die Polizei und auch ohne die Presse, hoffe ich.

Aber sie gab nicht auf, meine Raserin. Sie fuhr immer schneller und frass Kilometer um Kilometer.

Während sie vor dem Haus meines Bruders wendete, holte ich rasch meine Stadtkleider, und gerade, als der Zug anfuhr, stürzte ich auf den Perron; ich stieg ein mit meinen Kleidern auf dem Arm, von denen ich nur meine Krawatte verlor, die wahrscheinlich von dreissig Paar Rädern zerquetscht worden ist.

In der Toilette zog ich mich um und sang wie weiland St. Augustins Freund an ähnlichen, aber stabileren Orten: Ostende nobis, Domine, faciem tuam, et salvi erimus. ( Zeige uns, Herr, Dein Antlitz, und wir werden gerettet sein. ) Und wenn es mir während der Abenteuer in den Bergen und auf der Strasse auch nicht bewusst gewesen war, so hatte Gott doch nie aufgehört, mir sein Antlitz zu zeigen.

Übersetzung E. Busenhart

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