Die direkte Nordwand am Schreckhorn

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Heidi Schelbert, Gockhausen, ZH

Mein Mann Albin hat eine Schwäche für Neutouren. In der Planungsphase, wenn —im bequemen Sessel mit hochgelagerten Füssen, wenige Schritte vom Kühlschrank entfernt - Karten studiert und Führer gesichtet werden, klingen alle seine Vorschläge verlockend. Erst bei genauerer Betrachtung zeigt es sich dann, dass unsere Vorgänger eine zu gute Nase für lohnende Ziele besassen. Was sie uns übrig liessen, erinnert an die letzten Tage eines Ausverkaufs: wohl ist die grosse Entdeckung nicht auszuschliessen, doch Laden-hüter finden sich häufiger; wobei selbst die hier noch brauchbar scheinenden Stücke bei näherem Zusehen einige Mängel aufweisen.

Zur Auswahl stehen hauptsächlich:

- Relativ kurze, gut erreichbare, oft extrem schwierige Sportklettereien in bestem Fels, die auf unscheinbare Zapfen führen, wenn sie nicht wie z.B. die Handeggwände unvermittelt ohne Gipfel endenlange Touren auf « richtige » Berge, die sich im hintersten Winkel eines möglichst weglosen Tales verstecken; Felsqualität ungewiss, Zu- und Abstieg vorzugsweise kombiniert.

Für die Erstbegehung der südostorientierten iooo-Meter-Wand aus eisenfestem Fels im fünften bis sechsten Schwierigkeitsgrad mit kurzem Zu- und leichtem, trockenem Abstieg bin ich wohl 50 Jahre zu spät auf die Welt gekommen. Zum Ausgleich kann ich Neutouren-Interessen-ten mit einer ausgesuchten Liste von besonders brüchigen, nassen, verwachsenen oder sonstwie unerfreulichen Wänden bedienen, die zudem den Vorzug aufweisen, sich viele Wegstunden von der nächsten Hütte oder Strasse entfernt zu erheben; alle Zelt- bzw. Biwakplätze am Einstieg sind bereits gewissenhaft getestet worden.

Da man mit dem Alter vorsichtiger wird, be- deutet dies, dass die Ausrüstung an Umfang zunimmt: Klemmkeile, Haken, Schlingen, Karabiner für den « Ernstfall », aber auch Kletterfinken, Überschuhe und die Eisausrüstung für den Abstieg müssen mit, vom Biwakmaterial gar nicht zu sprechen. Gewichteinsparungen sind einzig beim Proviant möglich; fasten soll gesund sein, andere Leute leisten sich schliesslich teure Abspeckferien in renommierten Kurhäusern. Natürlich spielt bei der Beurteilung der Vorzüge und Nachteile von Neutouren das jeweilige Seilende eine grosse Rolle. Das hintere Ende ist stets auch das dicke Ende: Ausnageln, Material nachschleppen, am Standplatz warten. Wenn man endlich an die Reihe kommt, ist die Spannung verflogen, die Seillänge machbar und nicht mehr Neuland; man ist halt doch nur « Zweite ». Das ist nicht Albins Schuld, denn auf meinen Wunsch wird die Seilordnung jederzeit umgestellt. Ja, wenn man zum voraus wüsste, was die nächste Länge bringt, dass sie höchstens eine « Fünf » und leicht abzusichern ist...; der Reiz der Erstbegehungen besteht aber gerade darin, dass unmittelbar hinter der nächsten Ecke neue Überraschungen warten können.

Der direkte Anstieg durch die Nordwand des Schreckhorns verspricht bei der Planung, wenn auch nicht der ganz grosse Fund, so doch ein gutes Stück mit nur geringfügigen Mängeln zu sein: Immerhin 600 Höhenmeter in der Gipfelfallinie auf einen der schönsten Viertausender der Berner Alpen. Ganz jungfräulich ist die Wand allerdings nicht mehr, denn links vom Serakabbruch verläuft die Vorkriegsroute Taguchi/Brawand/ Kaufmann.

Albin blättert nervös in einem Stoss älterer SAC-Monatsbulletins. Da unser Führer noch aus dem Jahr 1955 stammt, haben vielleicht andere die Möglichkeit schon vor uns entdeckt. Je länger sich Albin durch die Seiten wühlt, um so überzeugter ist er von der Schönheit der Route. Unmöglich, dass diese so lange verborgen bleiben konnte.Vielleicht kommen wir wieder einmal zu spät!

Trotzdem wandern wir am nächsten Sonntag gemütlich dem Grimselsee entlang zur Lauteraarhütte. Der leichte Sack scheint auf den Schultern zu schweben: kein Zelt mit Zubehör, keine umfangreiche Felsausrüstung, kein Doppelseil. So wird sogar der Marsch über den Moränenschutt zum reinen Vergnügen. Doch am nächsten Morgen um zwei ist das Vergnügen bereits etwas kleiner. Abendlicher Nebel hat die Steine mit einer feinen, glasharten Eisschicht überzogen. Das Rutschen und Stolpern im schwachen Licht der Taschenlampen - wer vergass eigentlich, neue Batterien zu kaufenwill kein Ende nehmen. Auf dem flachen Lauteraargletscher müssen wir mehrere Kilometer zurücklegen, um die Obergrenze der Nebelschwaden zu erreichen.

Der Weg zum Einstieg wird eintönig, es ist kalt und Ende August setzt die Morgendämmerung erst spät ein. Ich träume von einer sonnigen Südostwand. Warum nur spaziere ich mitten in der Nacht frierend über einen Gletscher, um anschliessend in eine eisige Nordwand einzusteigen? Wieviel schöner ist doch warmer, fester Fels, als kaltes, glattes, oft unzuverlässiges Eis!

Die ersten Sonnenstrahlen färben die Spitzen von Lauteraar- und Schreckhorn und vertreiben solch ketzerische Gedanken. Seit über 3o Jahren erleben wir das Schauspiel des erwachenden Tages im Gebirge. Trotzdem fasziniert es uns alle immer wieder von neuem und macht aus zynischen Realisten, die eben noch über steife Finger und mühsame Zustiege wetterten, hoffnungslose Romantiker. In dieser Stunde träumt man dann von einsamen Zeltnächten auf einem möglichst abgelegenen Hochfirn und vergisst dabei grosszügig sämtliche Unannehmlichkeiten, die mit einem solchen Vorhaben verbunden sind.

Während wir am Einstieg die letzten Vorbereitungen treffen, dehnt sich die besonnte Fläche auf der leicht ostwärts orientierten Wand erstaunlich rasch nach unten aus. Natürlich sind wir zu spät dran, um so mehr als der erste Teil der direkten Route über einen Hängegletscher führt, der mit einem Serakwall abbricht. Während für « alte Felshasen » Sonne und Wärme einen freundlichen Beigeschmack haben und Berge und Routen im Sonnenschein viel friedlicher aussehen, treibt uns das schlechte Gewissen des Eisgehers zur Eile an. Unverzüglich nehmen wir den Aufstieg in Angriff Nach dem langen Winter und dem nasskalten Vorsommer sollten die Verhältnisse auch so spät im Jahr noch gut sein. Eine dünne Neuschneeschicht auf harter Unterlage stört vorerst kaum, so dass der blanke Abbruch des Hängegletschers bald erreicht ist.

Laut Albin ist das Umsteigen von extremem Fels ins steile Eis leicht. Auch wenn der sich vor uns aufbäumende Abbruch senkrecht wirkt, weist er wahrscheinlich bloss eine Neigung von 700, stellenweise vielleicht von 8o° auf. Im Fels muss man sich stets an den vorhandenen, meist nicht ideal verteilten Griffen und Tritten halten, im Eis greifen die Frontzacken überall und Pickel- und Eishammerhauen beissen sich an der gewünschten Stelle fest. Theoretisch sind die drei Seillängen deshalb leichter als senkrechter oder gar überhängender Fels.

Das neue Material erspart zudem das Schlagen von Stufen und Fingerkerben, abgesehen davon, dass sich die stark gekrümmte Pickelhaue nachhaltig gegen solche profanen Ansprüche sträubt. Albin turnt recht schnell die erste Seillänge hoch. Nur dreimal stockt der Seilablauf für kurze Zeit, weil er Zwischensicherungen ins harte Eis dreht. Erst das Einrichten des Standplatzes dauert dann etwas länger. Beim Nachsteigen finde ich die Sache vorerst eher ungemütlich: laut den Angaben im Prospekt kann man sich voll in die Spitze der Pickelhaue hängen; aber, ob das mein Pickel und das darunterliegende Eis auch gelesen haben? Fels scheint mir irgendwie ehrlicher zu sein, da man auch beim kleinsten Reibungsgriff'merkt, ob die Finger halten. Hier im Eis habe ich den Eindruck, an Cliffhängern zu baumeln und die waren mir schon vor der af-Bewegung nicht sonderlich sympathisch.

Der Chef wird ungeduldig. Dies nachdem ich ihn zum x-tenmal aufgefordert habe, das Seil be- sonders aufmerksam und gleichmässig einzuziehen. Langsam wächst aber das Selbstvertrauen, die zweite Seillänge gelingt schon besser. Doch nun folgt als Dessert eine 20-Meter-Querung, zum Schluss leicht absteigend um eine Ecke herum, bevor man sich in einen beruhigenden Eiskamin retten kann.

Sobald das Seil nicht mehr von oben kommt, steigen die nagenden Zweifel wieder an: Sitzt die Haue fest? Halten die Frontzacken auch tatsächlich? Wie steht es mit dem Gleichgewicht? Wenn ich schräg belaste, rutscht dann nicht der ganze Zauber weg? Die Versuchung ist gross, die zweite Zwischensicherung stecken zu lassen. Mit einem Stück Reepschnur wäre dann der kurze Abstieg zum sicheren Kamin ein Kinderspiel. Doch Albin kann Gedanken lesen, schliesslich kennt er seine Seilzweite seit 20 Jahren. Von oben kommt die er-presserische Erklärung: « Alles Material muss mit, sonst können wir keine solchen Touren mehr zusammen unternehmen. » Er hat natürlich recht. Doch in Gedanken gründe ich wieder einmal die Gewerkschaft der Seilzweiten, die endlich durchsetzen sollte, dass bei Quergängen der Anfang und das Ende einer schwierigen Stelle abzusichern ist.

Nach der Serakstufe folgen sich die Seillängen rasch und routinemässig. Weiter oben wird der lose aufliegende Neuschnee dicker und macht sich lästig bemerkbar. Dann rücken die seitlichen Felsrippen näher zusammen und die beiden letzten Seillängen führen über unangenehmes, kombiniertes Gelände auf den Andersongrat, wenig unterhalb des Gipfels. Der Grat ist tief verschneit. Er sieht aus, als hätte ein Konditor den Spritzsack benützt und dann sein Werk zu lange an der Wärme stehen lassen. Die Felszacken scheinen mit Schlagrahm garniert zu sein. Bizarre Hüte, Hauben, Kragen und Girlanden hängen vom Eigengewicht gezogen abwechselnd nach allen Richtungen hinunter. Der Plan, ins Nässijoch abzusteigen, wird rasch begraben. Lieber einen weiten als einen schwierigen und gefährlichen Weg in Kauf nehmen, lautet die Devise, weshalb wir uns dem SW-Grat zuwenden. Dieser scheint uns das voreilige Urteil jedoch übel zu nehmen. Wir « verhauen » bereits im Fels und queren schliesslich viel zu früh ins abschüssig-rutschige Couloir, wo teilweise unterspültes Wassereis von einer unangenehmen Nassschneeschicht überdeckt ist. Die Verhältnisse sind ausgesprochen unerfreulich, und zu allem hin droht zuunterst noch ein Ungetüm von einem Bergschrund. Bei der unsanften Landung drängt sich der pappige Schnee in sämtliche Kleideröffnungen und nistet sich feucht und kalt zwischen Haut und Unterwäsche ein. Natürlich habe ich die dümmste Stelle erwischt! Nachdem ich wenigstens die Brille notdürftig gereinigt habe, kann ich Albin nach rechts dirigieren, wo der Schrund sein Maul etwas weniger breit aufsperrt. Bereits an dieser Stelle werden morgen zwei Schreckhornaspiranten abblitzen.

Glücklicherweise ist es nun schon zu spät für den Übergang zum Aarbiwak, und da die Strahlegghütte von einem freundlichen Hüttenwartehepaar bewirtschaftet wird, können wir den Programmpunkt Fasten für einmal von der Tagesordnung absetzen.

Vor 25 Jahren...

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