Die Eishöhle ob Meiringen

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Von Hans Moser

Mit 3 Bildern ( 38—40 ) und S SkizzenSursee ) Wenn ein Wanderer auf dem Wege von Meiringen nach Hohfluh in Unterfluh auf 900 m in einen rechts vom Strässchen gelegenen Wald tritt, fällt ihm auf, dass die sommerliche Wärme durch einen eiskalten Luftzug gestört wird. Er stösst auf eine Tafel « Eishölle », welche vom Verkehrsverein Hasliberg schon vor längerer Zeit angebracht worden ist, und findet schliesslich ein senkrechtes Loch von etwa 1 m2 Querschnitt und 4 m Tiefe. Hier liegt der Eingang zu der in jüngster Zeit wieder bekannt gewordenen Höhle.Vor Jahren war ein Fräulein bei einem kühnen Vorstoss ausgeglitten und in die Tiefe gestürzt, aus welcher sie nur mit Mühe geborgen werden konnte. Dieser und weitere Unfälle veranlassten die Einheimischen zur Anbringung einer Schranke, und in der Folge geriet die Höhle etwas in Vergessenheit. Dies war vor etwa 20 Jahren.

Anlässlich einer sommerlichen Bergfahrt in die Engelhörner erhielten Mitglieder der Luzernischen Gesellschaft für Höhlenforschung Kunde von diesem unterirdischen Eis, und in der Nacht vom 6./7. September 1951 wurde von den drei Meiringer Bergführern Otth, Glatthard und Mätzener zusammen mit Mitgliedern der erwähnten Gesellschaft eine Rekognoszierung durchgeführt. Die Expeditionsteilnehmer waren von der Schönheit der unterirdischen Welt begeistert. In weitern Begehungen wurde die Topographie der Höhle aufgenommen und Temperaturmessungen durchgeführt.

Die verschiedenen Umstände der Kältebildung sind noch nicht restlos abgeklärt. Während des laufenden Winters werden noch weitere Temperatur-und Ventilationsmessungen vorgenommen. Im nachfolgenden sollen einige kurze Angaben über diese Eishöhle gemacht werden.

Der Eingang der Höhle liegt auf 940 m. Der Punkt wird auf der Karte festgehalten mit den Koordinaten 656.500/176.800. An jener Stelle ist der Talhang von einer Anzahl hangparallel laufender Klüfte durchsetzt; die Eishöhle ist eine dieser Klüfte, eine klaffende Felsspalte im Malmkalk der Niederhorndecke. Herabfallende Felsblöcke und Schutt haben Etagen gebildet. Die oberste Etage verläuft in 90 m Länge und sinkt auf etwa 40 m unter die Erdoberfläche ab. Hier ist die Entstehung der Höhle durch das langsame Auseinanderklaffen der Seitenwände sehr gut sichtbar. An zwei Stellen mündet dieser Spalt oben nochmals ins Freie.

( Bergführer Hans Mätzener, Meiringen, berichtet: « Die Eishöhlen scheinen durch einen tektonischen Bruch im Erdinnern entstanden zu sein. Auf der rechten Seite des Kalkriegels der Ursifluh liegt das Tälchen von Unterfluh wie in die Tiefe gesunken da. Knapp hundert Meter oberhalb der Fahrstrasse beginnt mitten im leicht aufsteigenden Wald ein Riss, der die Folge einer solchen Senkung sein könnte. Er zieht sich in nord-südlicher Richtung etwa 200 m hin und endet, wo die genannten Kalkklippen plötzlich steil aufragen. Die eine westliche Scholle ist bis zu 10 Metern abgesackt, wodurch sich — möglicherweise durch die Sprengwirkung des Eises erweitert — eine Schlucht von beträchtlicher Tiefe gebildet hat. Riesige Blöcke — Felstrümmer des anstehenden Gesteins [Kalke], Bergsturz der Ursifluh oder Findlinge [Grimselgranitsind hinabgestürzt und haben die Schlucht höher oder tiefer verschüttet, so dass statt eines durchgehenden Risses eine Reihe von Stockwerken entstanden ist, durch die man — hin- und herkletternd — allmählich immer tiefer steigen kann. Während im hinteren, südlichen Teil der Schlucht Trümmerhaufen riesiger Blöcke den Abstieg sehr erschweren und auch gefährlich machen [Bergsturz, Steinschlag], so dass die Zugänge in die Tiefe mühsam zu begehen sind, ist der vordere Teil seit langem zugänglich gemacht worden. Eine Treppe aus Eisenklammern und anschliessend einige Betontritte führen durch einen engen Schacht 2—3 m in die Tiefe, worauf ein ebener, gut begehbarer Weg beginnt, der auf dem Boden der Schlucht bald waagrecht, bald leicht absteigend in die Tiefe führt, während die Seitenwände rasch höher werden. Zweimal ist der Riss oben noch offen, dann schliessen sich die Wände enger zusammen, riesige Blöcke wehren oben dem Lichte den Zugang, und bald ist der eigentliche Eingang in die Tiefe erreicht. Hier hat man vor Jahren eine eiserne Barriere angebracht, um Unvorsichtige zu warnen und Ahnungslose zu schützen. » ) Am Ende dieses obersten Ganges warnen die bereits erwähnten Schranken den Sonntagsbummler vor dem Weitergehen. Die Höhle fällt nunmehr steil ab. An dieser Stelle fanden wir bei einer Aussentemperatur von 8° C noch 3,2°. Der Weg führt nach einer steilen, kehrtunnelartigen Windung wieder in den Spalt zurück, jedoch ca. 10 m tiefer. Nach 100 m Höhlenmarsch befinden wir uns auf der Kanzel eines grossen Doms. Hier fällt der grösste Eisfall auf einer Länge von 17 m ab, immer steiler werdend, die untersten 6 m senkrecht verlaufend. Dieser Fall macht im Lichte der wechselnden Lampen einen ganz eigenartigen Eindruck. Auf dem Domboden messen wir 2,2°. Während unsere Kameraden mit Hilfe von Strickleiter und Steigeisen zu uns herabsteigen, betrachten wir das glasklare Eis. Es ist nicht durch Umwandlung aus Schnee entstanden, sondern direkt aus Wasser gebildet worden. Wir waren uns anfänglich nicht klar darüber, ob das hiezu erforderliche Wasser aus der Luft kondensiere; doch stellten wir anlässlich eines Besuches nach Regenwetter fest, dass es sich um Sickerwasser handelt: das Regenwasser sinkt — durch den Waldboden etwas zurückgehalten — noch etwa zwei Tage nach dem Ende des Regens durch den Boden.

Auf dem Domboden finden wir die letzte Spur menschlichen Besuches, nämlich einen Steigbaum, mit dessen Hilfe offenbar die obenerwähnte Rettungsaktion vorgenommen wurde. Der Weiterweg ist versperrt, Fels und Eiswand kommen bis auf 20 cm einander entgegen. Eine Stunde Arbeit mit dem Gletscherpickel verschafft Raum, und wir gelangen in ein weiteres Gangsystem. Wer Lust hat, kann durch einen rechts befindlichen, engen Durchlass hinuntergleiten. Nach wenigen Metern hört das Eis auf, wir befinden uns in einer lehmigen Kluft. Es scheint, dass hier eine Lehmschicht das Durchdringen des Tropfwassers verhindert, weshalb in diesem Seitengang kein Eis DIE EISHÖHLE OB MEIRINGEN Erste Zahl: Distanz vom Eingang in m Zweite Zahl: Höhe ü. M.

Pit 188/900 gebildet wird. Weil der Durchschlupf gerade gross genug für einen Hund wäre, nennen wir ihn Hundsgang.

Der Hauptgang führt parallel zum Hundsgang weiter, nachdem eine dritte Strickleiter die Passage eines Eiswulstes ermöglicht hat. Wir befinden uns hier in der untersten Etage, ca. 65 m unter der Erdoberfläche, 30 m unter dem obersten und 20 m unter dem mittleren Stockwerk. Wir nähern uns zwei grossen Eiszapfen, die hier die Stalaktiten und Stalagmiten anderer Höhlen ersetzen. Bald endigt der östliche Vormarsch, und 110 m vom Eingang entfernt ( Luftlinie, horizontal gemessen ) verengt sich der Gang, so da ss wir uns wieder westlich wenden, um neuerdings gegen den mittleren Stock aufzusteigen. Schliesslich finden wir uns rings vom Eis umgeben. Bevor alle nachsteigen, messen wir noch die Temperatur mit 1,1° ( 0,7° direkt auf dem Eis ). Wir sind entzückt ob der Schönheit dieses unterirdischen Schlosses, das wir Zauberschloss taufen. Unsere zahlreichen Lichter werden tausendfach widerspiegelt. Ganz zuoberst fanden wir noch ein eiförmiges Eisnest von 1-2 m Durchmesser.

Touristisch bietet die Höhle allerhand Interessantes. Neben der normalen Ausrüstung für Eistouren ( Steigeisen, Pickel ) werden drei Strickleitern von 7, 17 und 5 m benötigt. Der grosse Eisfall lässt zudem eine Seilsicherung als wünschenswert erscheinen. Die Beleuchtung ist — wie bei jeder Höhlenfahrt — überaus wichtig. Taschen- oder Kerzenlaternen sind ungeeignet und dienen bloss als Ersatz und Reserve. Wir machten einzig mit Dissousgas- oder Karbidlampen befriedigende Erfahrungen.

Von Anfang an beschäftigte uns die Frage nach den Ursachen dieser Kälte- und Eisbildung auf so geringer Höhe von nur 900 m ü. M. Ein Ingenieur unterbreitete uns seine « Ventilationstheorie », wonach die Höhle einen zweiten Ausgang habe, so dass sie von einem Luftstrom durchzogen werde; an den engen Stellen soll durch die Beschleunigung dieses Stroms der Umgebung Wärme abgenommen, also Kälte erzeugt werden. Diese Theorie widerspricht den bisherigen Feststellungen. Wir haben die Höhle bei 20° ( abends 19.30 Uhr ) und bei 8° ( mittags ) besucht, aber beidemal an keiner einzigen Stelle einen Luftzug wahrgenommen. Das Gaslicht brennt überall ganz ruhig, und der Hauch steigt langsam, aber senkrecht empor. Die Einheimischen be- DIE EISHÖHLE OB MEIRINGEN Prinzip des Kälfesackes — 15° i Tauwasser dringt ein und gefriert i ( Wärmeerzeugung ) Sommer/Herbst + 172010° Langsames Schmelzen des Eises Kaiteerzeugung Ventilationstheorie Beschleunigung ( Wärmeentnahme ) stätigten uns, nie einen Luftzug verspürt zu haben. Zudem ist die geologische Struktur der Höhle derart, dass ein zweiter Ausgang ( ausgenommen natürlich solche senkrecht nach oben ) kaum vorhanden ist. Der Abstand zur parallel verlaufenden Felswand beträgt 100 m. Wasser läuft nicht viel in die Höhle, und das wenige Wasser kann durch unbedeutende Gänge verschwinden, welche keinen Luftzug gestatten. Naheliegender scheint die « Kältesacktheorie> zu liegen. Darnach bestehen drei Phasen:

Winter: Die Aussentemperatur sinkt ab ( z.B. auf — 20° ). Dadurch wird die Luft dichter und schwerer. Sie sinkt in den « Sack », die dort befindliche Luft von ca. 0° nach oben verdrängend. Im « Sack » sammelt sich somit Luft von annähernd der grössten Kälte des betreffenden Winters. ( Wenn diese Theorie zutrifft, muss man bei absinkender Aussentemperatur im Zugang zur Höhle zwei Windrichtungen feststellen, am Boden absinkende, an der Decke aufsteigende Luft; dieses Phänomen ist noch zu überprüfen. ) Frühling: Das Schneeschmelzwasser und das Aprilregenwasser durchdringt den Waldboden und die obern Kalkschichten und fällt in Tropfen in die Höhle. Da sich dort Luft von unter null Grad befindet, gefriert das Tropfwasser, wodurch Wärme abgegeben wird. Die Temperatur wird dadurch bis zum Gefrierpunkt gehoben, worauf der Gefrierprozess abbricht.

Sommer: Die Aussentemperatur steigt ( z.B. auf + 20° ). Die Luft ist leichter als die Höhlenluft, die auf ungefähr null Grad bleibt, solange Eis vorhanden ist. Es kann im Gegensatz zum Winter kein Luftstrom entstehen. Der Ausgleich erfolgt nur langsam. Im Ausmass dieses Ausgleichs wird Eis geschmolzen, wofür Wärme benötigt bzw. Kälte abgegeben wird.

Basierend auf dieser « Kältesacktheorie » seien noch die Verumständungen genannt, welche die Eisbildung ( im Gegensatz zu andern Höhlen ) ermöglichen. Hier handelt es sich aber um eine rein persönliche, provisorische Äusserung, die noch zu überprüfen ist. Wesentlich ist vorab das Ausmass des Hohlraumes, das 2000-3000 m3 betragen dürfte. Es kann sich ein verhältnismässig grosses Quantum von Kaltluft ansammeln. An zweiter Stelle steht die Länge des Zuganges und dessen Verhältnis zum Querschnitt. Ich frage mich, ob nicht noch seitlich eine gewisse Isolation bestehen muss, was vornehmlich durch parallel verlaufende Kluften erfolgen könnte. Unsere Hoffnung geht dahin, dass alle diese Momente noch genau abgeklärt werden können.

( Hans Mätzener schreibt zur Eisbildung: « Der Kesselboden ist topfeben, und nur zwei schmale Spalten, die zu Zeiten vom Eis überwallt sind und dann ausgepickelt werden müssen, führen hier in entgegengesetzter Richtung weiter. Während die eine bald einmal endet, führt die südliche tiefer und weiter, zieht sich lange durch den Berg hin und biegt zuletzt wieder nach Norden um. Vom Kessel bis hierher finden sich die schönen Eisbildungen, deren Photos zu sehen waren: vereiste Wände, erstarrte Wasserfälle, Durchschlupfe und andere pittoreske Formen. Auf einen von Zeit zu Zeit sich bildenden und dann wieder entleerenden See hat auch eine horizontale Randvereisung hingewiesen. Knapp oberhalb dieser Stelle ist heute das « Gipfelbuch » der Eishöhle deponiert, in das sich die Besucher eintragen können. Die Klüfte, die in dieser Tiefe nach Süden führen, sind äusserst eng und jedenfalls kaum mehr begehbar. Sicher besteht eine Verbindung mit dem anfangs erwähnten hinteren, südlichen Teil der Eishöhle, da der Riss durchgehend ist. Doch ist sie unpassierbar, so dass ein Zugang zu ihm nur von oben in Frage kommt.

Die Schluchten sind offenbar unten völlig abgeschlossen. Daher keine Luftzirkulation. Daher aber auch kein Zustrom warmer Luft und die Stauung kalter Luftmassen! Es bildete sich unten in der Tiefe ein Kältesee, ein Kälte-sack, dessen Temperatur auch in heissen Sommern beinahe immer unter dem Gefrierpunkt bleibt. Das Sickerwasser von oben muss vereisen.

Die Höhlenwände fallen von Osten nach Westen ein, so dass die Ostwände überhängend, eisfrei und meist trocken sind, während das Westufer feucht, vereist und zurückhaltend ist. Der Begriff .Gletscher'ist auf diese Eisbildungen nicht anwendbar. » )

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