Die Eiswand des Cambrena

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Walther Flaig.

Ein jeder hat so seinen Sparren oder Vogel, wie man im Volke sagt. Meiner ist ein ausgewachsener und heisst: « Eisvogel ».

Eisnasen entstehen, wenn Hängegletscher oder Gletscherdächer über einem Felssporn — meist ein Nordgrat — vorgeschoben werden und wechselseitig abbrechen, so dass eine aus Eis gebildete, oft scharfgeschnittene Nase den Fels überragt. Solche Eisnasen finden wir allenthalben, jedoch nicht leicht so schön wie am Scerscen, an den Palü und am Piz Cambrena, dem Ostpfeiler des Berninahauptkammes. Die Formen dieser Nasen wechseln fortwährend, weil ihre Wände ja immer wieder abbrechen. Die Eisnase des Scerscen habe ich zweimal erstiegen. Das eine Mal war sie leicht zu bezwingen, das andere Mal so ganz anders, so schwer, dass es jeder Eiskunst bedurfte, um sie überhaupt anzupacken.

Dass hier der sportliche Reiz, das Überraschende des Abenteuers, den grössten Teil des Erlebnisses ausmacht, das ist gewiss. Immerhin, die Turen sind wohl schwer, sehr schwer, aber selten an sich gefährlich. Man kann der Gefahr trotzen aus eigener Kraft. Man misst sich einmal wieder an sich selbst. Der Berg ist nur der Spiegel, in dem wir uns betrachten, erst scheu, so ein wenig von der Seite, dann lachend und hochbefriedigt.

Wenn das Wetter nicht recht weiss, was es will, gibt es nur einen Ausweg für den Bergsteiger: mit dem Eispickel den Barometer zum Hinaufgehen zwingen, d.h. sich das Wetter selber machen. Nebel sind noch lange nicht die schlimmsten Feinde des Steigers. Manchmal aber sind sie das geheimnisvolle Kleid des Berges, das sich um ihn legt wie feine duftige Schleier um eine schöne Frau. So an jenem Morgen des 6. August 1926. Als wir hinter dem Trovat durchquerten, da lichteten sich die Nebel. Sie begannen zu wehen. Ein Bergleib schimmerte durch, ganz wesenlos fast. Und so morgenrosig! So hoch droben!

2.16 Wir betraten den Gletscher und standen stille. Wir hoben die Augen auf: aus den leise wallenden blaugrauen Nebelschäumen stiegen die noch zart umschleierten Palü — drei edle Häupter erglühen, als taste die Rosen-fingrige über die Erwachenden hin. Der Cambrena aber verbarg sich trotzig, doch ich erinnerte mich eines ähnlichen Morgens, als ich im Herbst nach grossen Neuschneefällen vor die Diavolezzahütte trat und der Cambrena sich aus dünnen Nebeln hob. Sein einzigartiger Eishelm, eine goldglänzende Kuppe, glühte im morgenblauen Himmel über einem silbrigen Nebelstreif, eines der schönsten Bergbilder, die ich je sah. Da erwachte meine Liebe zu ihm. Und als ich seine Eiskante sah, da packte mich die alte wilde Leidenschaft: an steiler, grüner, glasiger Wand den treuen Horeschowsky-Pickel zu schwingen, mit den bissigen Eckensteinern hinaufzukrallen an dem blanken schimmernden Schild.

Die Stunde war nahe, und obwohl ich in entscheidenden Augenblicken fast stets eine eiserne Ruhe als treue Begleiterin habe, so ergriff mich doch jetzt wieder jene süsse Aufregung, die auch den alten Birgsmann noch im Innersten aufwühlt, wenn er sich nie oder selten versuchten Aufgaben zu-bewegt.

Der bedeutenden Neuschneemassen wegen konnten wir nicht einmal so rasch vordringen, als es mich trieb. Wir stapften und kletterten über die Westflanke des Nordgrates und über diesen selbst empor.

Indessen schälte sich unser Berg aus denNebeln, und mit jähemVerwundern sahen wir die Eishaube über uns und zur Linken jenen wilden Eissturz, der zwischen Piz Cambrena und Piz d' Arlas sich herabwälzt, niederstürzt mit unersteiglichen Wänden. Ach — das herrliche wilde Eis!...

Ein Stück Felsgrat mit Eiszapfen und Neuschnee auf Ziegelplatten rief mich zurück. Man packte und zwang ihn mit einigem Widerstreben. Aber, wie das Geschick oft erschreckend gütig ist — die wilde vereiste Landschaft wurde jetzt verschönt durch Sonnenpfeile, die plötzlich vorbrachen. Eiszapfen, Spaltenränder, Eiswände und Türme über uns — alles glitzerte und schimmerte in feinem Farbenspiel. Jetzt folgte ein Firnrücken, der an den Wänden der Eisnase verlief. Wir waren da. Man schüttelte heimlich die Köpfe, wie mir schien.

Es sah nun sehr schlimm aus da an der eisigen Stirne des Cambrena. Ja Stirne, denn die Nase war nur angedeutet. Zwar floh die weit über haushohe Eiswand nach links und rechts zurück, so dass eine « Nase » nicht abzuleugnen war; aber sie war so stumpf, dass ihr Rücken sich nur wenig vorschob. Und doch bot er zunächst die einzige Anstiegsmöglichkeit, waren doch links und rechts die Eiswände unten nicht nur senkrecht, sondern sogar etwas überhängend. Ja, die Wand zur Rechten war hoch überwölbt und mit einem zapfengezierten Saum verbrämt — also « ganz aussichtslos ».

Aber auch die Eisnase ist unten ganz, weiter oben nahezu senkrecht und noch weiter oben, 8—10 m über mir, hängt sie über. Aber, das Glück will es, dass gerade dort, wo sie ganz ungangbar wird, die Wand zur Linken sich zurücklegt, einen Schein nur, aber immerhin — es muss genügen. Das ist nun das Lockende am Eis: es ist kein « Weg » da, wo viele gingen. Es ist alles immer neu. Diese Eisnase hier bestieg niemand. Ich muss allein Meister sein.

Schon beisst mein treuer Pickel ins Eis. Es entsteht eine Stiefelnische links von der senkrechten Kante und dann eine etwas höhere rechts. Dann werden die dazu passenden Handgriffe geschlagen: zuerst mit der Spitzhaue eine Kerbe vorsichtig herausgemeisselt, so dass die vier Finger gut Platz haben; dann wird diese Kerbe mit der Schaufel in mühsamer, geduldiger Arbeit nach innen abwärts vertieft, bis sich eine Muschel ins Eis hineinwölbt und ein richtiger Griff entsteht. Dann mache ich noch vom Wandfuss aus die Stiefel-nischen, soweit ich gut hinaufreiche. So — und jetzt geht 's los.

Es ist bitter kalt. Ich muss Handschuhe anlegen, denn durch einige Stunden mit blossen Händen in den Eisgriffen hängen, das ginge nicht wohl an. Mit der Rechten im obersten Handgriff, mit den Eisen in den Nischen verkrallt — so schwinge ich den kurzen leichten Pickel, dessen Gleitschlinge sich um das Handgelenk legt, so dass ein Entgleiten des Pickels unmöglich ist.

Wer nur ein einziges Mal ähnliche einarmige Eisarbeit leisten musste — es brauchen noch keineswegs Handgriffe nötig zu sein —, dem wird die Bedeutung eines kurzen, leichten und doch gut « ziehenden » Pickels rasch klar, denn mit einer 1 1/2 m langen Lanze ist diese Arbeit gar nicht durchzuführen. Das ungefüge Werkzeug ist gar nicht zu handhaben, und die Anstrengung übersteigt auch grosse Kräfte, wenn man alles sozusagen aus dem Handgelenk machen soll. Ein Fehlhieb aber mit der schweren wuchtigen Axt — wohl dem, der ihn ausfängt!

Wie ein Specht klebte ich jetzt an der Nase, je ein Bein links und rechts ihres Rückens. So schlug ich Griffe und Tritte leiterartig übereinander, überstieg den senkrechten Einstieg und näherte mich nach drei Viertelstunden — auf 6—8 mder Stelle, wo ich in die linke Nasenwand überwechseln musste. Ich hing jetzt vielleicht ein gutes Stockwerk hoch an der Eiswand und schickte mich an, diesen Überstieg auszuknobeln.

Da mir der Rucksack jetzt sehr im Wege war, so musste ich ihn abstreifen, eine sehr peinliche Angelegenheit, wenn man sich mit einer Hand stets festkrallen muss. Als ich dann den Rucksack los war und die Arbeit zum Um-schleichen der Ecke wieder aufnahm, kam mir die Gefährlichkeit meiner Lage erst voll zum Bewusstsein. Während ich nämlich in der linken Wand Griffe und dann Tritte meisselte, um hinüberwechseln zu können, tat ich einen Fehlhieb, die Spitzhaue glitt ab, und der ausschwingende Pickel riss mich nach aussen. In letzter Sekunde fing ich den Schwung noch ab. Ich hielt das Gleichgewicht. Meine Pulse flogen, und glühheiss schoss es in mir auf. Mit noch grösserer Vorsicht wurde jetzt das Werk fortgesetzt. Dann machte ich die Kameraden auf den Ernst der nächsten Minute aufmerksam, um die Sicherung aufs Höchstmass zu treiben. Ich löste den Körper und schob ihn Zoll für Zoll um die Nase herum. Als ich dann das rechte Bein herüberzog, schwang der Körper sachte aus und nach.

Ich hing in der linken Wand der Nase und hackte nun an ihr hinauf. Nach einigen Metern endlich legte sich diese Wand so zurück, dass ich wieder einmal ohne Griff stehen konnte. Ich benützte dies zu einer Schnaufpause und Betrachtung der Umgebung, denn ich gestehe, dass die Naturbewunderung neben diesen rein sportlichen Vorgängen keinen Platz hatte. Es wird in dieser Hinsicht viel zusammengefaselt, z.B. wenn Minus-bergsteiger, wie üblich, zur Beiwacht gezwungen werden, weil ihr Plan falsch aufgezogen war.

Jetzt allerdings ergötzte ich mich im vollen Sinn an dem grossartigen Blick in die steilen Eiswände hinein, wobei aber wohl auch das sportliche Kribbeln des Abenteuers ein gut Teil der Gefühle — ich jauchzte im Innern und in Wirklichkeit — ausmachte.

Aber dann hackte ich weiter, denn meine treuen Gefährten froren drunten, im Schatten und tief in Firn und Neuschnee vergraben wie sie waren. In einer Schleife kehrte ich möglichst in die Fallinie über der Eisnase zurück, schlug zwei tiefe Sicherungsstufen, in deren obere ich mich, Rücken an der Eiswand, aufstellte und mit Schultersicherung den Gefährten heraufkommen liess. In dieser Stellung kann man im Eis vorzüglich sichern; im steilen Eis fast besser als am flachen Eishang, weil man sich an die Rückwand legen kann, was den Widerstand erhöht. Das ist allerdings oft ein sehr kaltes Vergnügen, bei dem man sogar mit den Kleidern anfrieren kann. Jedenfalls aber ist die vielverbreitete Meinung, dass man im Eis schlechter sichern könne als im Fels, nicht begründet, zumal Stürze im Eis selten im freien Flug erfolgen.

Sepp liess nunmehr die zwei Kameraden folgen, indes ich mich wieder vom Eis löste und an der Wand emporhackte, bis ich nach insgesamt gut dreistündiger, angestrengter Eisarbeit — für gut zwei Seillängen — den noch immer steilen Helm des Cambrena betreten konnte. Es war beglückend, mit welcher Selbstverständlichkeit die Männer jetzt an der jähen Wand fast senkrecht unter mir heraufstiegen. Ich sah meist nur die Hüte, die Schultern und die Rucksäcke. Sie kamen rasch empor, und jedesmal, wenn einer auftauchte, hatte ich das gleich schöne Bild funkelnder lachender Augen in einem leuchtendfrohen Männergesicht, Rufe der Lust und Überlust. Jawohl, wir lachten einander an wie vier Schulbuben, die ihrem Professor einen grossen Schabernack gespielt haben. Dann zottelten wir über das Schneedach hinauf und fühlten dabei mit Verwunderung eine lästige Hitze über den Bergen. Riesige Wolken türmten sich auf, und es war blendend hell.

Da die unerhörte Spannung des Abenteuers jetzt von uns abgefallen war, so quälte uns diese gewitterschwangere Luft. Wir schlichen lange und träge durch den Firn und sanken endlich seufzend in die Felsen am Südrand des Westgipfels. Es war Mittag. Sieben fast rastlose Stunden in Kälte und Hitze mit ihrem zermalmenden Wechsel. Die Rückwirkung zeigte sich bei mir in einer lässigen Faulheit, die fast wieder ein Genuss wurde in ihrer köstlichen Erschlaffung, Auflösung — Loslösung, zumal sich die Freunde so nett und lieb zeigten.

Über eine Stunde faulenzten wir, blinzelten in die gewitterumhangenen Gebirge und in das tiefe, tiefe Puschlav, dessen See heraufglitzerte. Dann und wann erinnerte sich einer der Eiswände und wie wir schliesslich alle vier an ihnen klebten. Dann hörte man ihn im Halbtraum begeistert schwärmen, oder man sah ihn sich hochreissen und laut sein Glück künden, weil es ihn plötzlich durchfuhr, wie uns dieses Abenteuer zusammenschloss und feurig durchzuckte.

Höher und höher bäumten sich die Wolken. Manche rollten dunkel heran. Es wurde Zeit. Kaum aufgebrochen, umwallten uns dicke, milchige Nebel. Aber wir tasteten uns zielfest auf den Hauptgipfel im Osten und stiegen mit Bussole und Karte ebenso sicher über den Nordgrat hinab. Das war allerdings ein wenig unbehaglich, weil es ein steiler Firnhang und Grat war, der mit einer hässlichen Eintönigkeit und Unbegrenztheit in die Nebelmilch hinabfiel.

Endlich tauchte der Fels des Piz d' Arlas vor uns auf — nur ein Blockhang und doch eine wohltuende Erscheinung! Wie leicht hätten wir links in den grossen Eisbruch mit seinen unheimlichen Riesenspalten hineingeraten können! Der Gipfel wurde schnell erklommen und sofort der Abstieg nach Norden angetreten. Der neuverschneite, da und dort vereiste Grat, seine Steilflanken, Wächtenscharten und Eisschilde versuchten uns noch allerlei Streiche zu spielen, aber wir bissen uns durch auf die getürmte Schneide, wo sich der Nebel plötzlich hob und zur Rechten in der Tiefe der Lago Bianco am Berninapass heraufgrüsste. Ich entsann mich eines stillen Oktoberabends an seinen Ufern und sehnte mich hinab.

Als ich mich aber umwendete, da stand ich bass verwundert: düster stieg der kühnfelsige Arlas auf. Rechts hinter ihm quoll der scheussliche Hängegletscher vor und stürzte sich vor uns in die nebelgraue Tiefe. Darüber aber flogen Eiswände auf, und plötzlich sah ich eine feine Tupfenreihe auf diese Wände gemalt: eine Stufenleiter! Wir starrten hinüber. Da waren also wirklich so ein paar Narren hinaufgestiegen. Nein! So wasJa — und es war nicht abzuleugnen: wir waren diese Narren gewesen!

Da zog eine gütige Hand die Nebel davor. Ein Vogel flog vorüber. Ein grosser Eisvogel. Ich glaube, es war der meinige.

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