Die Eiszeittheorie - Geburt mit vielen Wehen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Friedrich Röthlisberger, Aarau

Friedrich Röthlisberger, Aarau Gletscherschliff Lehre und Dogma als Bremsklotz Über 70 Jahre brauchte es ( 1802-1875 ) bis die Theorie einer einstigen grossen Vergletscherung ( Eiszeittheorie ) endgültig in die Lehrbücher der Wissenschaft Einzug gehalten hat. Unvorstellbar für den nicht mit Gletschern vertrauten Gelehrten, dass die Regionen um Hamburg oder Berlin einst unter mächtigen skandinavischen Eisdecken gelegen haben sollen und sich die Alpengletscher bis weit in ihre Vorländer ausgebreitet haben. Während Paris in den Flammen der Französischen Revolution stand und der Ruf ( Freiheit - Gleich-heit- Brüderlichkeit ) die Massen mitriss, wurden auch die dogmatischen Mauern der Wissenschaft erschüttert. Nicht nur in der Geologie, sondern fast in allen Bereichen der Wissenschaft entstanden neue Vorstellungen, die das Alte zu stürzen drohten, das sich mit zäher Kraft zu halten versuchte. Denn es gehört zur grossen Tragik der Wissenschaft, dass ihre Lehrgebäude und Vorstellungen Mauern und Bergen gleich nur zu oft jeden Ausblick und Weitblick verhindern. Das einzige Ziel der Wissenschaft, das Streben nach dem Verstehen und Erkennen wirklicher Tatbestände und Zusammenhänge, ist ihr dann durch das eigene ( Glaubensbekenntnis ) mit entsprechenden Tabu-Bereichen unerhört schwer gemacht und gleicht einem ständigen Aderlass. So ist auch die Geburt der Eiszeittheorie, wie die vieler anderer Erkenntnisse auch, ein langer Weg des Leidens und des Kampfes durch den Dschungel der Lehrgebäude.

Blühende Vorstellungen aus Studierstuben Noch herrschten nämlich die wunderlichsten Vorstellungen, auf welche Weise die grossen Findlingsblöcke überall in Europa ausgestreut worden seien. So hiess es u.a.: Wasser, hervorgebrochen aus Bergestiefen, habe die Felsbrocken in die Alpenvorländer geschwemmt; Vulkanausbrüche die Blöcke durch die Luft geschleudert; Treibeis sie eingefroren über das Meer von einer Küste und einem Gebirge zum andern gebracht. Dafür liess man - in diesen Theorien - das Meer bis an höchste Bergeshöhen branden und zum Teil bis auf den Grund gefrieren. Während der Gebirgsauffaltung sollten die Findlinge auf einer schiefen Ebene zu Tale gerollt sein - doch wie waren sie dann auf der anderen Seite wieder den Berg hinaufgelangtMan führte ernste Gespräche, verteidigte seine Ideen bis zur bitteren Auseinandersetzung und lächelte über die scheinbar unmögliche Vorstellung einfacher Bergleute in den vom Wind der grauen Theorie abgeschnittenen Alpentäler, dass Gletscher die grossen Steinblöcke zu Tale getragen hätten.

Die Bergbewohner wissen es besser Die engere Beziehung zum Lebensraum der Alpen weit.

Die naturverbundenen, einfachen Bergleute, Bauern, Jäger und Bergführer verstanden besser in dem Buche der Natur zu lesen und zu deuten als die Herren der Akademie. Den Alpenbewohnern waren Gletscher vertraut. Von dort bezogen sie das notwendige Nass zur Bewässerung ihrer Felder - und das teilweise schon seit zweitausend Jahren. In Törbel, einem Walliser Bergdorf, wird eine Wasserleitung aus dem Mittelalter

Steigeisen, zum besseren Begehen der Gletscher, wurden bereits in einem Gräberfeld der Hallstattzeit ( 800-500 v. Chr. ) gefunden.Am Neujahrstag 1128 n. Chr. überschritt der Bischof von Lüttich den Grossen St. Bernhard ( Wallis ). Dabei trugen seine Bergführer Steigeisen und Bergstöcke. Zehn von ihnen wurden von einer Lawine mitgerissen.

Belege für den Verkehr über vergletscherte Alpenpässe reichen bis 6000 Jahre zurück. Auf dem Weg zum Col du Collon, einem Gletscherpass vom Val d' Hérens ( Wallis ) ins italienische Valpelline und Aostatal, fand man eine neolithische Lanzenspitze ( 2600 m ü. M. ); und am Theodul, einem parallelen Gletscherpass, eine neolithische Steinaxt ( 2400 m ü. M. ). Im Rhone- wie im Aostatal gab es die gleiche Art bronzener Schmuckgegenstände; alles Hinweise auf uralte Verbindungen, darunter 17 über Gletscherpässe zwischen den durch die 1 Der Theodul war im Mittelalter und bis ins letzte Jahrhundert neben dem grossen St. Bernhard und dem Simplon eine wichtige Handelsachse.

höchste Alpenkette getrennten Talschaften. Noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden über den Col de Collon die berühmten Eringer Kühe ( braun, schwarz ) zum Verkauf nach Aosta getrieben. Auf einer aus dem Jahre 1678 vom Lötschenpass ( Berner Oberland ) ist ein Weg über den Gletscher eingezeichnet, der wie folgt kommentiert wird:

Zeugnisse von Gletscherbewegungen in der Sagenwelt Dass man auch um die Gefahren des Gletschers wusste und sie respektierte, zeigen die vielen Sagen von den toten Seelen, die im Gletschereis büssen, von den Totenprozessionen, die über die Gletscherpässe führten und von den , die jetzt unter Eis und Fels liegen sollen. Es ist interessant festzustellen, dass verstorbene Seelen meistens auf den alten Pass- und Durchgangswegen gesehen wurden. Die Ortsangaben als charakteristisches Merkmal jeder Sage ermöglichen oft das Auffinden alter Wegreste einstiger Gletscherübergänge, die selbst der einheimischen Bevölkerung nicht mehr bekannt sind. ( Totensagen> dieser Art findet man in allen Kulturkreisen. Sie werden vor allem dort überliefert, wo die Verbindung mit einer jenseitigen Welt selbstverständlicher war als in unserer durch die Technik geprägten Zeit.

Vom Findelengletscher in Zermatt berichtet Lehner in seinen Zermatter-Sagen und -Le-genden: ( Ursprünglich gab es auch keinen Findelengletscher. Als er vom Strahlhorn herauskam, begrub er den Wald und die Bäume. Heute, wo er im Zurückgehen begriffen ist, findet man diese Baumstämme und Baum- Gletscherschliff am Findelengletscher219 wurzeln. Auch Wiesen und Weiden gab es im Tal des Gletschers. Dann wuchs er und füllte das Tal wieder mit seinem Eis. ) ( Ein alter Mann versicherte, an stillen Tagen höre man noch heute unter dem Gletscher Sensen tängeln und wetzen. Man müsse nur richtig hinhorchen. Es büssten dort solche Seelen, die in ihrem Leben mit der Sense über den Markstein gegriffen hätten und im Rauschen des Findelenbaches höre man sie beten, murmeln, jammern und auch singen. ) Ähnliche Sagen über vergletscherte Blüemlis-alpen, ( Vrenelis Gärtli ) oder die ( übergossene Alm> findet man über den ganzen Alpenraum verteilt. Am Klaridengletscher, heisst es, erscheint an einem für die Älpler besonderen Tag ein Senn, der ruft:

Eine gletschergeschichtlich ebenfalls aufschlussreiche Sage ist aus dem Himalaya von den lokalen Mönchen von Gangotri überliefert. Zur Zeit als der König Bhagivathi bei der Quelle des Ganges, dem Ausfluss des heutigen Gangotri-Gletschers, Busse ( Tapasya ) tat, befand sich der ursprüngliche Ort des Gau-mukhKuhmaul ), nämlich des Gletschertores dort, wo sich heute der Bhagivathis Shila beim Gangotri-Tempel befindet. Heute liegt die Gletscherzunge 15 km weiter zurück. Die Ausdehnung bis zum Tempel wurde vom Gletscher vor mehr als 14 000 Jahren das letzte Mal erreicht. Wahrscheinlich ist hier ein älteres Ereignis ( Ort des ) mit einem jüngeren ( Busse des Königs ) verflochten. Entscheidend ist jedoch die Überlieferung einer Jahrtausende zurückliegenden, grossen Ausdehnung des Gangotri-Gletschers, Quelle des seit Urzeiten heiligen Ganges. Heute befindet sich eine Zeltsiedlung der Pilger ebenfalls nur wenige hundert Meter vor dem des Gletschers entfernt.

Ein uralter Erfahrungsschatz Alle diese Befunde wie Blüemlisalpsagen, Totenprozessionen über Gletscherpässe, büs-sende Seelen im Eis, Sprachverwandtschaf-ten, Wegrelikte ehemaliger Gletscherpässe, archäologische Funde seit neolitischer Zeit, Steigeisen und Bergstöcke ( Axt ) belegen, dass die Erfahrungen der Bergbewohner mit Gletschern über Jahrhunderte und gar Jahrtausende zurückreichen. Unabhängig voneinander sind zu Beginn des 19. Jahrhunderts drei Berichte überliefert, wonach Bergbewohner aus der Zentralschweiz, Westschweiz und Frankreich eine grosse Ausdehnung der Gletscher belegten und gegenüber erstaunten Gletscherforschern ihre Ansichten vertraten.

Schon die Römer sprachen von den Gletschern 400 Jahre lang beherrschte das Römische Reich die Alpenländer. Es verwundert deshalb nicht, dass sich das Wort Gletscher letztlich vom lateinischen

Die ersten Gletscherforscher Der Zürcher Professor für Naturlehre und Mathematik, Johann Jakob Scheuchzer ( 1672-1733 ), gilt als der eigentliche Begründer der wissenschaftlichen Erforschung der Gletscher. Er versuchte die Ursachen der Gletscherbildung und ihre Bewegung in einer Theorie zu erklären, über die 150 Jahre lang in den gelehrten Kreisen gestritten wurde. 1751 erschien von Pfarrer Johann Georg Altmann ( 1697-1798 ) sein Werk

Auch er glaubte noch an ein festes Eismeer, das ständig zunehme und schliesslich zu einer gänzlichen Verwilderung des Alpenlandes führen müsse.

Joseph Walcher, Professor an der Universität Wien, besuchte nach den Stauseeausbrü-chen die Ötztaler Ferner und veröffentlichte darüber 1773 ein Büchlein mit dem Titel ( Nachrichten von den Eisbergen im Tyrol ). Er schrieb von ( verschiedenen Gattungen der Ferner ), vom Vorstossen und Schwinden, vom Gehen auf dem Eis, von Unfällen und Lawinen und selbst vom Viehtrieb über Ferner. Seine Abbildungen gehören zu den ersten Darstellungen ostalpiner Gletscher.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war die Eroberung der Alpen bereits in vollem Gang. Horace Benedict de Saussure von Genf ( 1740-1799 ), Dichter, Bergsteiger und erster Alpen- und Gletscherforscher grossen Stils, veröffentlichte 1779 den ersten Band seiner ( Voyages dans les Alpes ) ( Reisen in den Alpen ), dem bis 1796 drei weitere folgten. Aus wissenschaftlichem Interesse bestieg er 1787 als zweiter den Mont Blanc ( Erstbesteigung 1786 ). Er beschrieb praktisch alle Gletscherphänomene und versuchte sie zu deuten. Er spricht hier vom Transport grosser Blöcke auf den Eisströmen und führte den Begriff Moränen ( moraine, französisch ) für die Gletscherablagerungen und Wälle in die Fachliteratur ein. Im deutschen Sprachraum wurden die Moränen Gandecken, die Mittelmoränen oder der vielfach das Zungenende bedeckende Schutt ( Gufer ) ( Obermoräne ) genannt. Saussure beschrieb die riesigen Granitblöcke ( Findlinge, Erratiker ) um Genf und auf den Jurahöhen, brachte sie erstaunlicherweise jedoch nicht mit den Gletschern in Verbindung.

Im Jahr 1787 veröffentlichte der in Grindelwald aufgewachsene Rechtsprofessor Bernhard Friedrich Kuhn ( 1762-1825 ) seinen Aufsatz ( Versuch über den Mechanismus der Gletscher ) in Höpfners Magazin für Helvetiens Naturkunde. Eigene Erfahrung gepaart mit einer guten Beobachtungsgabe liessen ihn das Phänomen Gletscher besser beschreiben und erklären als viele Gletscherforscher nach ihm. Aufgrund seiner Veröffentlichung von 1787 wird Kuhn bis heute als Vater der Eiszeittheorie angesehen. Dies beruht jedoch auf einer Falschmeldung aus einem Klassiker der Gletscherkunde ( Heim 1885 ), die sich durch alle weiteren Klassiker bis hin zur heutigen Fach-und Populärliteratur eines bald 100jährigen Lebens erfreut. Kuhn betonte sogar das Gegenteil ( 1787, Seite 135/136 ): ( Ob die Gletscher vorher jemals diese Grösse erreicht haben, oder nichtkönnen wir bey dem tieffen Stillschweigen aller altern Schriftsteller so eigentlich nicht wissen. Aber die Gränzen derselben haben sie vor diesem Zeitpunkt ( 1600 n. Chr. ) wahrscheinlich nie überschritten, spätere Revolutionen der Erde müssten denn nachher die zurückgebliebenen Merkmale überall gänzlich vertilget haben. ) Nun schmälert diese Aussage die andern Beobachtungen Kuhns keineswegs. Er griff sogar ein Thema auf, dem erst in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts Gewicht beigemessen wurde: Das aus-bruchartige Vorrücken von Gletschern: ( Zuverlässig finden wir sie ( die Fortschreitungsart der Gletscher ) an den Isländischen Nökeln ( Gletschern ) wieder, deren schnelle Veränderungen aber von einer durch vulkanische Ausflüsse vermehrten Wärme des Bodens herrühren mag. ) So wie die wegweisende Arbeit von Kuhn seit über 100 Jahren nicht mehr gelesen wurde, erging es einem 30seitigen Briefaus-zug aus dem gleichen Magazin von 1787. Der anonyme Autor schilderte in lebhaftester und überwältigender Art den Besuch des Unteraargletschers; beschrieb die Phänomene Gletschertisch, Sandkegel und Mittagslöcher und deutet deren Entstehung richtig.

Mit den Arbeiten von Saussure, Kuhn und wenig andern erhielt die Gletscherforschung Ende des 18. Jahrhunderts ihren wissenschaftlich tragenden Boden.

John Playfair ( 1748-1819 ), der Engländer, der nie einen Gletscher sah und trotzdem die Eiszeittheorie formulierte Unglaublich, aber wahr: Rein aufgrund der Beschreibungen von Saussure über die im Alpenvorland zerstreuten grossen Felsblöcke und die Beschreibung über den Transport von Blöcken auf Gletschern formulierte John Playfair im Jahre 1802 die Idee einer grossen Ausdehnung einstiger Gletscher, die die Findlinge transportiert haben müssen. Erst 1815-1816 hatte Playfair dann selbst Gelegenheit, die Schweiz und ihre Gletscher zu besuchen und fand hier seine Theorie voll bestätigt. Drei Jahre nach seinem Tode gelangte sie 1822 aus den Schriften des Nachlasses nochmals an die Öffentlichkeit. Doch seine Stimme wurde 40 Jahre lang nicht gehört. Die Sintflut und Drifttheorie ( Steinblöcke im Meereis ) erlebten damals zwischen 1820 und 1840 mit den führenden Geologen Lyell, Buckland und von Buch neue Höhepunkte.

Was Gletscherforscher von Bauern, Jägern und Holzfällern lernten Der eine war der Bergführer Marie Deville aus Chamonix, der andere Jean Pierre Perraudin aus Lourtier im Val de Bagnes ( Wallis ), Bauer, Gemeinderat und passionierter Jäger. Unabhängig voneinander fanden beide Belege für eine einstige grosse Vergletscherung. Der damalige Minendirektor des Kantons Waadt, Jean de Charpentier, logierte 1815 bei Perraudin nach dem Besuch der Gletscher des hin- Gletscherspalten auf dem Takugletscher, Juneau Icefield, Alaska PhotosF Röthtisbi tersten Val de Bagnes. Das Gespräch am Abend drehte sich vor allem um Gletscher. Perraudin erzählte: ( Die Gletscher unserer Berge hatten einst eine viel grössere Ausdehnung als heute. Unser ganzes Tal war bis auf eine grosse Höhe über der Drance ( Talfluss ) bedeckt mit einem grossen Gletscher, der bis nach Martigny ( Rhonetal ) reichte, wie die Felsblöcke beweisen, die man in der Umgebung dieser Stadt findet und zu gross sind, als dass sie das Wasser hätte dorthin führen können. ) ( Essai sur les glaciers, 1841. ) Obwohl Charpentier auch nicht an den Wassertransport dieser Blöcke glaubte, schien ihm diese Hypothese so unmöglich und überspannt, dass er es nicht der Mühe wert hielt, sich länger damit zu beschäftigen.

Nun begann sich ausgerechnet im Val de Bagnes ein grosses Gletscherunglück anzubahnen. Durch die extrem kalten und nassen Sommer 1816 und 1817 begannen die Gletscher vorzustossen und vom hoch oben an der Talflanke hängenden Giétroz-Gletscher stürzten Eislawinen ins enge Tal und bildeten eine Talsperre, die einen zwei Kilometer langen, 200 Meter breiten und 60 Meter tiefen See aufstaute. Der Kantonsingenieur Ignaz Venetz ( 1788-1859 ) versuchte, durch einen Stollenbau den See abzusenken, was zwei Tage lang gelang. Doch plötzlich fing es im Eiswall an zu krachen, und der See entleerte sich innerhalb einer halben Stunde! In der Schlucht von Mauvoisin stieg das Wasser um 30 Meter. Das ganze Tal bis hinunter nach Martigny wurde verwüstet, Gebäude und Vieh weggeschwemmt. Da der mit Signalfeuern organisierte Alarm infolge früherer Fehlalarme nicht einwandfrei funktionierte waren insgesamt auch 44 Menschenopfer zu beklagen. Konrad Escher von der Linth besuchte den Katastrophenort und fertigte die Zeichnungen und Panoramen an.

Venetz hatte durch seine Arbeiten Kontakt mit Perraudin und seinen Ansichten über eine einstige grosse Vergletscherung. Wegen der sich mehrenden Nachrichten über Gletschervorstösse ergriff die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft 1817 die Initiative für ein Preisausschreiben zur Frage über die Veränderung im Alpenklima. Vier Jahre später ( 1821 ) reichte Venetz seine erst 1833 gedruckte Antwort ein unter dem Titel

sur les variations de la température dans les Alpes Suisses ), eine Fülle von Beobachtungen und Aufzeichnungen aus Chroniken und alten Schriften. Er belegte neben mittelalterlichen Warmphasen auch grosse Gletscherausdehnungen während einer Epoche ( die sich verliert in der Nacht der Zeit ). An einer weiteren Tagung der Naturforschenden Gesellschaft auf dem Grossen St. Bernhard 1829 trug Venetz seine ausgebaute Theorie erneut vor, nach der sich riesige Gletscher nicht nur über die Alpen und den Jura, sondern auch über grosse Teile Europas erstreckt hätten. Die Idee wurde von der Versammlung total abgelehnt. Charpentier versuchte zugleich seinen Freund Venetz von dieser ihn lächerlich machenden Idee abzuhalten, sammelte Gegenbeweise und wurde ausgerechnet dabei durch die gefundenen Tatbestände von der einstigen Vergletscherung überzeugt! Als sich Charpentier 1834 auf dem Weg durchs Haslital nach Luzern befand, um seinerseits der Naturforschenden Gesellschaft seine Ergebnisse über eine Zeit grosser Vergletscherung vorzutragen, begegnete ihm auf dem Weg zum Brü- nigpass ein Holzfäller aus Meiringen. Sie kamen miteinander ins Gespräch, und als Charpentier einen am Wege liegenden Granit des Grimselpasses untersuchte, erklärte der Holzfäller:

Doch die Geburtswehen der Eiszeittheorie hatten begonnen. Im Norden war es der norwegische Professor Jens Esmark ( 1763-1839 ), der zu gleicher Zeit wie Venetz Beobachtungen anstellte und viele Beweise fand, dass Norwegen einst von immensen Gletschern bedeckt war, die heute verschwunden sind. 1824 publizierte er seine Ansichten in einer norwegischen Zeitschrift, die 1826 in englischer Übersetzung in ( Edinburgh New Philosophical Journal ) erschien. A. Bernhardi, Professor an der Forstakademie in Dreissigacker ( Thüringen ) in Deutschland, kannte die Arbeiten Es-marks und kam aufgrund eigener Beobachtungen ( 1832 ) zur Überzeugung, dass vom Pol bis nach Norddeutschland, wo diese Felsblöcke und Moränenablagerungen zu finden sind, sich eine geschlossene Eisdecke ausgebreitet hatte.

Eishöhle im Gornergletscher Johann Wolfgang Goethe, ein Pionier der Eiszeitforschung Es ist ganz erstaunlich, dass Goethe sich in seinen letzten Lebensjahren mit dem Gedanken der Eiszeit auseinandergesetzt hat. In der Zeit zwischen 1823 und 1830 erschienen sieben geologische Aufsätze, darunter ( Erratische Blöcke ) und , sowie ein Nachtrag in der Ausgabe letzter Hand von ( Wilhelm Meisters Wanderjahre> ( Buch II, Kap. 10 ), wo er 1829 den folgenden Text einfügte:

( Zuletzt wollten zwei oder drei stille Gäste sogar einen Zeitraum grimmiger Kälte zu Hilfe rufen und aus den höchsten Gebirgszügen auf weit ins Land hinein gesenkten Gletschern gleichsam Rutschwege für schwere Urstein-massen bereitet und diese auf glatter Bahn fern und ferner hinausgeschoben im Geiste sehen. Sie sollten sich bei einer eintretenden Epoche des Auftauens niedersenken und für ewig in fremdem Boden liegenbleiben. Auch sollte sodann durch schwimmendes Treibeis der Transport ungeheurer Felsblöcke von Norden her möglich werden. Diese guten Leute konnten jedoch mit ihrer etwas kühlen Betrachtung nicht durchdringen. Man hielt es ungleich naturgemässer, die Erschaffung einer Welt mit kolossalem Krachen und Beben, wildem Toben und feurigem Schleudern vorgehen zu lassen. ) Das Einmalige und auch Erstmalige an dieser Darstellung ist der Gedanke einer lang andauernden, grimmigen Kälteperiode für ganz Europa, damit sich solch mächtige Eismassen überhaupt aufbauen konnten. Nur Agassiz und Charpentier haben Goethe diesbezüglich gewürdigt. Ein Aussenseiter, der sich in ein Gebiet wagen wollte, worüber Gelehrte Jahre nachgedacht und Theorien entwickelt haben, wurde ignoriert.

Louis Agassiz, der Mann, der kam, sah und siegte Die Rufe von Playfair, Perraudin, Deville, Venetz, Esmark, Goethe, Bernhardi und Charpentier verhallten ungehört in den Vorstel-lungsbergen der damaligen Gelehrtenwelt. Doch dann trat der dreissigjährige Neuenbur- ger Professor Louis Agassiz ( 1807-1873 ) auf die Gletscherbühne und brachte das Eiszeit-kind mit einem Kaiserschnitt in die rauhe Wirklichkeit dogmatischer Anschauungen. Der ehemalige Gegner Agassiz liess sich von Charpentier und Venetz im Gelände von einer einstigen grossen Vergletscherung überzeugen und überzog in einem gigantischen Weitblick gleich die ganze Nordhemisphäre vom Pol bis zum Mittelmeer und grosse Teile Nordamerikas mit einer alles Leben vernichtenden Eiskappe. Als damaliger Präsident der Naturforschenden Gesellschaft entschloss er sich kurzfristig an der jährlichen Zusammenkunft am 24. Juli 1837 nicht über die fossilen Fische in Brasilien, sondern über Gletscher und Eiszeiten zu sprechen, ein Begriff, den der deutsche Botaniker F. K. Schimper bereits in seinen Vorlesungen verwandte. Doch Agassiz'Zuhö-rer standen wie eine Wand gegen ihn auf. Der alte von Buch als führender Geologe übte scharfe Kritik, und das ganze Vortragsprogramm wurde über den Haufen geworfen. Mit seiner begeisternden Überzeugung und Red-nerfähigkeit löste Agassiz mit seinem Schlag mitten ins dogmatische Wespennest einen Aufruhr in ganz Europa aus. Das Tabu ( Eiszeitlehre ) war gebrochen. Alexander von Humboldt schrieb im Dezember 1837 an Agassiz, er möge doch wieder zu seinen fossilen Fischen zurückkehren: ( Wenn Sie das tun, leisten Sie der positiven Geologie einen grösseren Dienst als mit diesen allgemeinen Betrachtungen ( ausserdem auch etwas eisigen ) über die Umwälzungen der primitiven Welt, Betrachtungen, die, wie Sie wohl wissen, nur jene überzeugen, die sie ins Leben rufen. ) Einige Jahre später hat sich Humboldt für diesen Brief entschuldigt. Agassiz wurde nach England eingeladen, um seine Thesen zu vertreten. Doch er rannte von neuem gegen ein Bollwerk der Geologen Lyell und Buckland, die die Drift-und Sintfluttheorie ( Katastrophentheorie ) in ihren Lehrbüchern unerschütterlich verfestigt hatten. Buckland als glühender Anhänger der Sintfluttheorie, bewies auf Schritt und Tritt, was in der Bibel bereits geschrieben stand. Er prägte den geologischen Begriff des Diluviums ( Sintflut ), der später durch den Begriff des Pleistozäns ersetzt wurde. Doch der Kampf von Agassiz nach dem Motto ( kam, sah und siegte ) war gut geführt: Es gelang ihm, Buckland nach einem Besuch in der Schweiz und Exkursionen in Schottland von seiner Idee zu überzeugen. Buckland wiederum über- zeugte Lyell. Am 15. Oktober 1840 schrieb er triumphierend an Agassiz:

Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass Darwin, der aufgrund von eigenen Beobachtungen 1835 an der chilenischen Küste Südamerikas Eisberge mit eingefrorenen Steinen beobachten konnte und deshalb die Drifttheorie vertrat, später die Eiszeitlehre von Agassiz akzeptierte, während Agassiz immer ein erbitterter Gegner der Evolutionstheorie und unerschütterlicher Anhänger der Schöpfungsgeschichte blieb. Nach ihm hätte der Schöpfer nach der Eiszeit alles Leben neu erschaffen.

Wir wollen uns nach den langen Geburtswehen der Eiszeittheorie nicht überheblich über die Akteure stellen, denn gleichnishaft finden wir uns selbst in vielerlei Gestalt.

Literatur ( Auszug ) Agassiz, L. ( 1840 ): Etudes sur les glaciers. 1-346, Neuchâtel.

Charpentier, J. ( 1841 ): Essai sur les glaciers et sur le terrain erratique du Bassin du Rhône. 1-363, Lausanne.

Flaig, W. ( 1938 ): Das Gletscherbuch. Rätsel und Romantik, Gestalt und Gesetz der Alpengletscher. 1-196, Leipzig.

Forel, F.A. ( 1899 ): Jean-Pierre Perraudin de Lourtier. Bulletin de la société vaudoise des sciences naturelles, Vol.35, 104-113, Lausanne.

Heim, A. ( 1885 ): Handbuch der Gletscherkunde. Stuttgart.

Imbrie, J., Palmer-Imbrie, K. ( 1981 ): Die Eiszeiten - Naturgewalten verändern unsere Welt. 1-256, Econ Verlag, Düsseldorf/Wien.

Kasser, P. ( 1981, Ed. ): Gletscher und Klima / Glaciers et Climat. Schweizerisches Jahrbuch SNG 1978. 1-305, Birkhäuser Verlag, Basel.

Kuhn, B.F. ( 1787 ): Versuch über den Mechanismus der Gletscher. Magazin für die Naturkunde Helvetiens, ed. von A. Höpfner, 117-136, Zürich.

Lehner, K. ( 1963 ): Zermatter Sagen und Legenden. 1-196, Visp.

Pult, J. ( 1947 ): Die Bezeichnungen für Gletscher und Lawinen in den Alpen. 1-120, Dissertation, St. Moritz.

Pult, J. ( 1978 ): Die Bezeichnungen für Gletscher in den Alpen. In: Gletscher der Alpen von R.C. Bachmann, Hallwag, Bern/Stuttgart.

Röthlisberger, F. ( 1986 ): 10000 Jahre Gletschergeschichte der Erde. Ein Vergleich zwischen Nord- und Südhemisphäre ( Alpen, Skandinavien, Himalaya, Alaska, Südamerika, Neuseeland ). Mit einem Beitrag von M.A. Geyh: 14C-Daten zu Gletscherständen - Probleme der Deutung. 1-416, Verlag Sauerländer, Aarau/Frankfurt a. M./Salzburg.

Schneebeli, W. und F. Röthlisberger ( 1976 ): 8000 Jahre Walliser Gletschergeschichte. 1-152, Verlag des Schweizer Alpen-Clubs, Bern.

Schweizerische Verkehrszentrale ( 1979 ): Die Schweiz und ihre Gletscher. 1-191, Kümmerly & Frey, Bern. Ausgaben französisch, deutsch, englisch.

Senger, M. ( 1945 ): Wie die Schweizer Alpen erobert wurden. 1-327, Zürich.

Venetz, J. ( 1821, 1833 ): Mémoires sur les variations de la température dans les Alpes Suisse. Rédigé 1821, 1-38. In: Denkschriften der allgemeinen Schweizerischen Gesellschaft für die gesamten Naturwissenschaften, Vol.1, Zürich.

Tabelle 1 Bezeichnungen für Gletscher Lateinischer Ursprung:

Glacies, Glacia:

Glaciarum, Glaciaria:

davon abgeleitet:

Glacier:

Glaciar:

Ghiacciaio:

Glatscher:

Gletscher: Glaciären:

Lateinischer Ursprung: Vetus, veterem: Veterictum: davon abgeleitet:

Vadretg: Vadret: Vedretta: Veira:

Deutscher Ursprung:

Firn:

Ferner:

österreichisch: Vernagtferner ( Gletscher ) Das romanische Vetricum und das deutsche Firn, Ferner in der Bedeutung von Alt, Altschnee und seine Verbreitung über den ganzen Alpenbogen zeigt eine gemeinsame Herkunft oder Verbreitung.

Reliktwörter zum Teil vorrömischen ( keltischen ) Ursprunges:

Rosa:Im Sinne von Gletscher im Aosta-, Anzasca- und Formazzatal, doch auch an anderen Orten noch in Gletschernamen als Relikte erhalten: Monte Rosa, Rosa Blanche ( Wallis ), Rosenlaui ( Berner Oberland ), möglicherweise Roseg und Rosatsch ( Engadin ). Rosa dürfte keltischen Ursprungs sein und im Sinne von Gletscher für einen grossen Teil der Alpen Gültigkeit gehabt haben.

Kees, Kös, Käs:

oder noch weiterzurückreichenden Ursprungs: Ches = Eis, Kälte. Urkundlich aus dem 9. Jahrhundert belegt.

Byenyo ( Biegno ):

eigene Sprache des Val d' Hérens viele auf eine keltische Sprachgruppe zurückreichende Worte aufweist. Im Val de Bagnes, einem Nachbartal findet man für Gletscher das verwandte Byounyo.

Weitere Bezeichnungen für Gletscher in Europa:

Brae, Sneebrae, Isbrae: norwegisch, Schneefeld, Eisfeld ( Gletscher ) Jegna:lappländisch Jökull:isländisch, Jökel auch in Skandinavien Serneille:Pyrenäen Ventisquero:spanisch, vor allem in Südamerika. Das Wort kommt von Ventiscar, Ventisca = Schneien, Schneegestöber ( auch Viento = Wind ). Z. B.

Ventisquero O'Higgins.

Quellen: A. Heim ( 1885 ), J. Pult ( 1947, 1978 ), F. Röthlisberger ( 1986 ).

Eis Ort, wo viel Eis vorkommt, Gletscher französisch ( ins Englische übernommen ) spanisch italienisch rätoromanisch, Glatsch = Eis, Glatschèra = Eisberg ( nur auf gewisse Gebiete bezogen ) deutsch schwedisch Alt, im Sinne von Altschnee Ort, wo das Alte ( Altschnee ) vorkommt im rätoromanischen Sprachraum: veider, vaider = alt herkommen, gleichen Sinnursprunges wie Firn, Ferner.

rätoromanisch ( surselvisch und mittelbündnerisch ) rätoromanisch ( ladinisch ) italienisch ( alpinlombardisch, alpintrentinisch ) Westalpen, Pelvoux-Massiv Alt, ( vorjährig ) Altschnee, Schweiz.: Gletscher, Clariden Firn ( Gletscher ) Zillertaler Alpen und Hohe Tauern ( Österreich ). Althochdeutschen Val d' Hérens ( Wallis ). Das Wort ist keltischen Ursprungs, wie auch die

Feedback