Die Entstehung des Luganersees

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Von Hans Annaheim.

Umfängt den Gotthardfahrer in der Leventina noch die ernste Hochalpenwelt mit ihren jäh aufstrebenden, tannendunklen oder felsblanken, lawinen-überfegten Talflanken, über denen scharfgefurchte, mitunter durch ein glitzerndes Firnfeld geschmückte Gebirgsspitzen ragen, mit ihren aus einsamen Hochtälchen flatternden Sturzbächen und in engem Talgrunde schäumenden Wildwassern, so stellen sich mit jeder tiefern Talkammer immer mehr Zeugen einer mildern Region ein: ehrwürdige Kastanienselven steigen Schutthalden hinan, Reben schlingen sich um Gneispergolen, eng um den schlanken Campanile gescharte, in hellem Steingrau schimmernde Dörfchen stehen in üppigen Matten. Vollends aber ändert sich der Landschaftsstil nach der Fahrt über die Ceneripasshöhe; nicht nur Klima und Vegetation sind milder und heiterer geworden, auch die Berge nehmen weiche Formen bis zu den Gipfeln hin an, wenn auch Steilwände und bizarre Felsflühe nicht gänzlich fehlen. Grüner Buschwald überzieht die Berghalden und gibt ihnen ein samtenes Aussehen. Bis hoch hinauf steigen Siedlungen und Gärten, und von mancher Hügel- oder Bergesanhöhe grüsst eine Wallfahrtskapelle in freundlichem Weiss ins aufgeschlossene Land hinaus. Und als vereinigender Mittelpunkt dieses abwechslungsreich geformten Berglandes, zu dem alle Linien hinstreben und alle Wasser hineilen, dehnt sich die ruhige, klare Fläche des unvergleichlich schönen, vielastigen Ceresio.

An allen grossem Tälern des Luganese hat der See mit seinen zahlreichen Armen Anteil; die beiden Hauptquertäler des Berglandes finden Fortsetzung in Seetälern; der durch das Magliasinadelta vom Lago d' Agno abgetrennte Laghetto von Ponte Tresa leitet zum Tresatale hin; der längste Seearm be-spühlt die Gestade des fernen Porlezza, zwei Zipfel reichen in die Nähe des lombardischen Alpenvorlandes, wo an ihren Enden die alten Umladeplätze Capolago und Porto Ceresio erwachsen sind. Ausserordentlich merkwürdig geht der Abfluss des Sees nicht direkt zum padanischen Tiefland, sondern führt vom abseitigen Seelein von Ponte Tresa die Gewässer nach Westen zum Flussgebiete des Tessins in den Langensee.

Der forschende Geograph gibt sich nun mit dem rein ästhetischen Geniessen des herrlichen Landschaftsbildes nicht zufrieden, sondern möchte zu einem Verständnis seiner Formung vordringen. Zwei Fragen drängen sich angesichts des eigenartigen Seebildes auf:

1. Warum ist hier ein See entstanden? Diese Frage verlangt die Abklärung der Umstände, welche zur Bildung der den See bergenden Hohlform in ihrer heutigen Gestalt geführt haben.

2. Es sollte aber auch die eigenartig verästelte Form des Seebeckens verstanden werden.

Zur Frage der Randseen.

Der Luganersee gehört wie seine Nachbarn in Ost und West und die meisten ansehnlichen Talseen des Alpengebirges zu der Gruppe der alpinen Randseen, deren beträchtliche Tiefe und räumliche Beschränkung auf gewisse Teile des Gebirgssaumes der Abklärung ihrer Entstehungsursachen nicht geringe Schwierigkeiten bereitet und verschiedenen Deutungen gerufen hat. Ganz allgemein wird die Felsbeckennatur der Seewannen anerkannt. Daraus folgt, dass bei den heutigen Form- und Niveauverhältnissen die Kräfte des gegenwärtig in den Alpen vorherrschenden Flussabtrages diese Hohlformen nicht erzeugen konnten. Die Seetäler sind, verglichen mit den Wirkungen fluviatiler Erosion 1 ), übertieft. In der Frage nun, wie diese Ubertiefung oder, mit andern Worten, dieses den Seestau verursachende Gegengefälle der Seeböden alpenauswärts entstanden sei, scheiden sich die Geister. Es sind im wesentlichen zwei Deutungsversuche, welche sich seit dem Einsetzen der mitunter recht regen Diskussion des Randseeproblems vor 60 Jahren durch die berühmte Abhandlung des geistreichen Ludwig Rütimeyer « Über Tal- und Seebildung » bis heute gegenüberstehen, ohne dass eine Einigung der Forscher festgestellt werden könnte.

Rütimeyer und dann namentlich Albert Heim und A. Aeppli kamen zur Ansicht, dass die Seen infolge einer « zusammenhängenden relativen Einsenkung des ganzen durchtalten Gebietes der Alpen mitsamt ihrer Randzone » ( Heim ) gegenüber dem Voralpenlande aufgestaut worden seien; ein isostatisch be-wirktes Rücksinken des Alpenkörpers, eine ausgedehnte Einmuldung soll das rückläufige Ansteigen der fluviatil geschaffenen Talböden gegen das Alpenvorland hin und damit den Seestau verursacht haben; danach handelt es sich bei den Randseen um die ertrunkenen untersten Talabschnitte des vor der Rücksenkung in normalem Abtragsverlauf durch die Gewässer ausgegrabenen Talnetzes. Als die wesentlichsten Stützen dieser Auffassung werden die rückläufigen Erosionsterrassen an den Ufern des Zürichsees bei Wädenswil und Männedorf und dann der rückläufige Deckenschotter des Lorzetobels angeführt, beides aber Tatsachen, welche von zahlreichen Forschern anders interpretiert werden, obwohl erst kürzlich der führende österreichische Geomorphologe Johannes Solch ( Wien ) zu einer Bestätigung der Beobachtungen Heims und Aepplis gelangte. Auf Grund der Deutung der Lorzeschotter als rückläufigen Deckenschotter kommt Heim zu einer zeitlichen Fixierung der Alpenrücksenkung, welche sich nach den beiden ersten Vereisungen am Schlüsse der grossen Zwischeneiszeit vollzogen haben müsste.

Nun kann aber die Übertiefung der Seetäler auch durch auskolkende Wirkungen aussenbürtiger abtragender Kräfte erfolgt sein, welche nicht den Gesetzen des Flussabtrags unterworfen waren. Das regionale Auftreten des Phänomens der alpinen Randseen legte aber auch hier wieder den Gedanken an eine überall in gleicher Richtung wirkende einheitliche Ursache nahe. Als solche kommt nur die Wirksamkeit der eiszeitlichen Gletscherströme in Betracht, liegen doch die Randseen ohne Ausnahme innerhalb der Grenzen der Vereisung mit Vorliebe in unmittelbarem Anschluss an Endmoränenkränze, von denen sie bogenförmig umgürtet werden. Nach dieser Ansicht ruhen die Randseen in ehemaligen Gletscherschurftalungen, also Talzügen, welche durch die ausschürfende Tätigkeit der riesigen eiszeitlichen Gletscher ansehnlich vertieft, ja unter das Niveau der randalpinen Talsohlen ausgehobelt, übertieft worden sind. Rückläufiges Gefälle der Gletschersohle musste danach ohne weiteres da entstehen, wo die Gletscherzunge gegen ihr Ende zu an Mächtigkeit abnahm, womit auch die auskolkende Kraft erlahmen musste; es entstand die typische Form des allseitig gegen aussen sanft ansteigenden Zungenbeckens mit einer zentralen Depression, welche das Ende stärkern glazialen Eingriffs markiert.

So sind zahlreiche Forscher im Zusammenhang mit weitern Beobachtungen und Überlegungen über die Formung ehemals vergletscherter Gebiete zu Anhängern dieser Auffassung geworden; unter ihnen müssen namentlich Penck und Brückner genannt werden, welche in ihrem klassischen Werke über « Die Alpen im Eiszeitalter » den Gletschern bei der Formschöpfung der alpinen Landschaft einen entscheidenden Anteil einräumen. Doch neuerdings gelangt gerade Albrecht Penck, der Begründer der Lehre von der glazialen Übertiefung, zu einer starken Einschränkung der formbildenden Kräfte der Gletscher und möchte ihnen lediglich eine oberflächliche Verzierung des fluviatilen Stils zuschreiben, und ihm folgen namentlich zahlreiche deutsche und österreichische Forscher, während die schweizerischen Geomorphologen, wie insbesondere Otto Flückiger und Fritz Nussbaum kürzlich wieder anhand von schönen Arbeiten bewiesen haben, stets an der Annahme bedeutender glazialer Erosionskräfte festhielten. Es geht daraus hervor, dass die Entstehung der Randseen auch heute noch wie um die Jahrhundertwende ein brennendes Problem der Morphologie darstellt, dessen Abklärung nur auf Grund genauer Einzelforschungen zu erwarten ist.

Um die Entstehungsfrage für den Luganersee zu beantworten, gilt es demnach, nach Anhaltspunkten für eine stattgehabte Alpenrücksenkung oder für stärkere erosive Eingriffe der eiszeitlichen Gletscher zu forschen.

Die alten Talböden.

Wenn tatsächlich eine Rücksenkung des Alpenkörpers stattgefunden hat, so muss sich dieselbe im Verlaufe der alten Talböden, welche in Form von Erosionsleisten an den Talhängen teilweise erhalten geblieben sind, darin äussern, dass die aus diesen Resten rekonstruierten Eintiefungssysteme alpenauswärts kein stetiges Gefälle aufweisen, sondern gegen den Alpenrand mehr oder weniger intensiv ansteigen, also rückläufiges Gefälle besitzen. Glücklicherweise haben sich an den Hängen des Luganerseegebietes sehr zahlreiche Leisten und Terrassenreihen erhalten, welche einer genauen Untersuchung unterzogen worden sind. Dabei stellte sich heraus, dass sich diese Abtragsreste 16 voreiszeitlichen Eintiefungseinheiten einordnen lassen, welche nach der Tiefe zu ineinandergeschachtelt sind.

Weite Kammabschnitte und Gipfelformen tragen unverkennbar die ausgeglichenen Züge einer alten Mittelgebirgslandschaft und treten dadurch in charakteristischen Gegensatz zu dem steilem Relief der tiefen Talregion. Aus der Terrassenstufung der Gehänge geht hervor, dass ruckweise Hebungs-phasen, welche an der Wende vom Miozän zum Pliozän x ) verstärkt einsetzten, dieses Mittelgebirge langsam in die Höhe trieben; jeder Hebung folgten die Flussläufe durch erneutes Einschneiden in die Altform, wobei aber Reste des ursprünglichen Talreliefs erhalten blieben, so dass die Talräume gegen unten zu stets enger wurden und das Gebirge an Höhe stets mehr gewann. Diese Hebungen gingen eigentümlicherweise ohne Kippungen des Gebirges vor sich; die voreiszeitlichen Eintiefungseinheiten zeichnen sich durch einen weitgehenden Parallelismus aus. Erst nach dem Schlüsse der jungpliozänen Hebung trat eine nach Süden gerichtete Schiefstellung der Lu-ganeralpen um rund 4 °/00 ein, wie ein Vergleich des Gefälles der alten Eintiefungssysteme mit demjenigen der heutigen Fluss-Flachstrecken erweist. Rückläufigkeit der alten Talböden liess sich an keiner Stelle feststellen; alle präglazialen ( « voreiszeitlichen » ) Systeme fallen ungebrochen übersteil. ', alpenauswäris. Daraus ist zu schliessen, dass die Theorie der Alpenrücksenkung zur Erklärung der Übertiefung zumindest für das Luganerseegebiet nicht zutrifft.

Gestaltung des Talnetzes.

Dagegen ergab die Untersuchung der Eintiefungsentwicklung x ) die nötigen Anhaltspunkte zur Lösung des eingangs erwähnten Problems, wie die verästelte Gestalt des Sees zu erklären sei. Dieselbe ist in Anlehnung an die im Pliozän durch die Flüsse geschaffenen Tiefenlinien entstanden. Unsere Leistenuntersuchungen haben ergeben, dass das luganesische Flussnetz eine etwas andere Anordnung zeigte, als in Anlehnung an die Arbeiten Taramellis und Heims gewöhnlich angenommen wurde 2 ).

Der östliche Stammfluss, der Cassarate, dessen Quellen im Val di Colla sprudeln, schlug von Tesserete südliche Richtung ein und verlief über Lugano nach Melide, von wo er nun nicht, wie Heim meint, über Capolago den Alpenrand erreichte, sondern, wie prächtige Terrassenreihen im Seetale von Brusino-Arsizio klar erweisen, über die Talung von Morcote-Arcisate zum Alpenrand floss. Der zweite Stammfluss, der Vedeggio, hatte wie heute seine Quellen im Cenerigebiete und durcheilte von hier das Val d' Agno, um von Ponte Tresa über den heutigen Taltorso von Marchirolo durch das Val Cuvio zum Alpenrande abzufliessen. In das Ur-Cassaratetal mündete von links her bei Lugano der das Gebiet des heutigen Porlezza-Seetales entwässernde Nebenfluss, während der Vedeggio in der Gegend der weiten Talbucht von Ponte Tresa von rechts her durch einen heute verschwundenen Fluss ganz wesentlich verstärkt wurde, welcher die Gewässer aus der Gegend des Malcantone heranführte.

Als selbständiges kleines Abdachungstal muss ausserdem noch das Tal der an den Hängen des Monte Generoso wurzelnden Mara erwähnt werden, welches in der Richtung des Seearmes von Capolago zum Alpenrande führte; es ist in Anlehnung an die Baustruktur des Untergrundes entstanden, verläuft es doch dem Südende der grössten Vertikalstörung des Luganerseegebietes entlang, der sogenannten Luganerverwerfung, welche vom Fusse des Monte Brè über Arogno nach Mendrisio zieht.

Während des ganzen Pliozäns ereigneten sich zahlreiche kleinere und grössere Flussverschiebungen, welche in lokalen Anpassungen an den Untergrund bestanden oder aber aus dem Kampfe der beiden benachbarten grossen Flussbereiche des Tessins und der Adda um Einfluss im kleinen, zwischen ihnen eingepressten Berglande resultierten. So wurden, um nur die beiden für die Seegestaltung wichtigen Laufänderungen zu erwähnen, unmittelbar präglazial die Gewässer des Malcantone durch einen Nebenfluss der Tessin- DIE ENTSTEHUNG DES LUGANERSEES.

primäre Quertdlrichlungen ► sekundäre Tekinlagen * Weg des dddaeis-Hauptarmes im Lugmet glaziale Scliurfhanae glaziale Einfacherung Höfte des präglazialen Fura-Systems Wallmoranen verschüttete Wallmoranen/vermutet letzteiszeitlkties naximuni S.fietro-Stadium Cantone-Sladium fiehde-Stadium Seemoränen stadiale Deltaschotter stadialer luganersee, Stauhohe 3So m ûbllusi des stadialen Sees See von 9enestrerio mit übfluss postglazialer luganersee ueijuidistanz: 150 ra 1. Karte zur Entstehung des Luganersees.

Langensee-Furche nach Westen abgelenkt; die ablenkende Tresa griff im Laufe dieser Entwicklung bis in die Talbucht von Ponte Tresa zurück, wo sie den Vedeggio ebenfalls zu sich zog. Dieser hatte schon lange vorher seinen ursprünglichen Weg über Marchirolo verlassen und war entlang einer ursprünglich wohl nur kleinen, stark erniedrigten Tiefenzone in die Bucht von Morcote zum Ur-Cassarate abgelenkt worden; während er diese kurze Talung als Abfluss benutzte, weitete er sie aus und schuf dadurch dem später eindringenden Tessineis einen günstigen Ausweg zum Alpenrande.

Ein wichtiges Resultat dieser Kämpfe ist die Aufschliessung der Lu-ganeralpen gegen die westlichen und östlichen Talschaften, sind doch auch die Depressionen des Monte Ceneri und von Porlezza schon präglazial durch Verschiebungen der Entwässerung weitgehend entwickelt worden. Dieser Aufschliessung ist es zu verdanken, dass das Luganerseegebiet mit dem Eintritt der Vergletscherung von mächtigen Eismassen überflutet worden ist, die durch diese Lücken in das mannigfach zertalte Bergland vordrangen, das infolge seiner geringen Höhenlage keine eigene Vergletscherung zu erzeugen vermochte.

Die luganesische Yergletscherung.

Zur Beantwortung der Frage, ob das eingedrungene Eis bei der Gestaltung des Seebeckens eine Rolle spielte, ist die Kenntnis der luganesischen Vereisung notwendig, weshalb im folgenden eine kurze Schilderung der Vergletscherung während des am besten bekannten letzteiszeitlichen Hochstandes gegeben sei. Unsere Darlegungen über die Höhe der Eiserfüllung und die Anordnung der Eisströme fussen auf Beobachtungen über die Verteilung der erratischen Massen und Leitgesteine, welche schon im Jahre 1860 durch Omboni erstmals in den Grundzügen richtig dargestellt wurde.

Durch drei grosse Pforten strömte das Eis in die luganesische Tallandschaft ein: Über den in 1000 m Höhe kulminierenden niederen Kammrücken zwischen Val d' Isone und Tessintal sowie durch die Passlücke des Monte Ceneri bewegte sich ein Seitenzweig des Tessingletschers nach Süden; eine zweite Diffluenz ( « Abzweigung » ) von Tessineis vollzog sich bei Luino, wo ein breiter Eisstrom in die Tresafurche eindrang. Endlich zweigte bei Menaggio ein ansehnlicher Arm vom Addagletscher ab und drang über den Sattel von Porlezza ins Luganese ein. Die Eisströme hielten sich bei ihrem weitern Vordringen nach Süden an schon vorhandene Lücken und Talrinnen, überfluteten aber infolge ihrer bedeutenden Mächtigkeit auch Bergrücken und isolierte Gipfel wie den Salvatore. Das Gebiet von Lugano bildete zwischen den beiden mächtigen Nachbargletschern eine flache Eismulde, deren Oberfläche in ca. 1100-1000 m Höhe lag.

Durch vier Tore verliess das Eis die Luganeser Landschaft wiederum; ein kleiner Teil des Addaarmes fand über die Ebenheiten der Hochlandschaft von Intelvi im Süden des Porlezzaarmes wieder Anschluss an den in der Lariofurche liegenden Haupteisstrom. Die beiden mittleren Abflusskanäle, das Tal von Capolago und dasjenige von Porto Ceresio, leiteten die Hauptmasse des innerluganesischen Eises zum Alpenrande. Endlich wurde über den Sattel von Marchirolo ein breiter Ast des Tessineises aus der Bucht von Ponte Tresa ins Val Cuvio abgeschoben.

Verfolgen wir nun die Hauptbewegungsbahnen des Eises. Die Hauptmasse des Addaeises floss in tiefem Talkanal nach Westen und wandte sich bei Lugano, dem Laufe des Ur-Cassaratetales folgend, nach Süden. Bei Melide gabelte es sich: ein Ast überstieg die niedere Wasserscheide zum Maratale und folgte diesem bis an den Alpenrand bei Mendrisio, wo sich die steil absinkende schmale Eiszunge mit dem Austritt auf die Bergfussebene zu einem breiten Eisfächer öffnete, der im Osten mit dem larischen Eiskuchen südlich des Comersees verschmolz. Langgezogene Moränenwälle umgürten das prächtige Zungenbecken von Genestrerio. Ein anderer Teil des Addaeises folgte von Melide dem Ur-Cassaratetale und vereinigte sich bei Morcote mit dem aus der Bucht von Ponte Tresa durch das Tal von Brusimpiano zufliessenden Tessineis; die vereinigten Gletscher rückten durch das Tal von Porto Ceresio in der Richtung auf Brenno südwärts, wobei das Addaeis die linke, das Tessineis die rechte Talflanke mit Grundmoräne überschüttete. Auch hier entwickelte sich am Alpenfuss eine breit gefächerte Zunge.

Vom Ceneri bewegte sich der Hauptstrom von Tessineis durch das Vedeggiotal gegen Ponte Tresa, wo er durch die Eismasse des Tresatales durch die Senke von Brusimpiano abgedrängt wurde.

Von diesen Hauptbewegungsbahnen aus drang das Eis auch in die Seitentäler ein, wo es aber infolge Staus durch andere Eismassen nur langsam vorrückte, wie im Val Magliasina oder Val d' Isone, oder aber, sofern im Hintergrunde des Tales keine Abflussmöglichkeit bestand, stationär blieb, wie in den meisten kleinen Seitentälchen und insbesondere im Talraum des Val di Colla.

Die dargelegten Eisstromverhältnisse lassen erkennen, dass das Tessineis, welches nördlich von Lugano das gesamte Hügelland bis in 1000 m hinauf erfüllte, südlich Lugano durch das von Osten heranströmende Addaeis ganz beträchtlich nach Westen abgedrängt wurde. Es besass nicht die Kraft, sich mit einem grossen Teile seiner Masse den direkten Ausweg zum Alpenrande zu erzwingen. Die beiden Abflusstäler der luganesischen Gletscherzungen waren das eine ganz, das von Porto Ceresio ungefähr zur Hälfte von Addaeis erfüllt. Mit dieser aus der Gestaltung des Eisstromnetzes erschlossenen überwiegenden Kraft des Addaeises im Luganese stimmt das Gefälle der Gletscheroberfläche überein, welches beim Addaeis am grössten war; ebenso ist die grosse Mächtigkeit des Addaeises auffallend, besass es doch im Tale von Porlezza eine Dicke von über 1000 m, während das Tessineis im Val d' Agno maximal ca. 900 m erreichte, Tatsachen, die für die Interpretation der luganesischen Formenwelt von grösster Bedeutung sind.

( ScMuss folgt. ) Die Alpen — 1936 — Les Alpes.31

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