Die Erschliessung des Himalaya

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Eine Skizze von Marcel Kurz.

Übersetzt von Paul Montandon.

In den letzten Jahren, seit die alpinen Probleme beinahe erschöpft sind, übte der Himalaya eine besonders starke, stets zunehmende Anziehung auf die Alpinisten aus, und wir sehen nun jedes Jahr irgendeine Expedition nach dem Osten ziehen. Dies besonders, seitdem die Engländer den Chomo Lungma oder Mount Everest nach dem Kriege in mehrmaligem Anlauf in Angriff nahmen. Die Krisis hat alle diese Unternehmungen nicht zu verhindern vermocht.

Es wurde nun auch als Charakteristikum der längst projektierte Himalayan Club mit Sitz in Kalkutta gegründet, welcher die sich für jenes Gebirge Interessierenden in sich gruppiert und bereits ungefähr 350 Mitglieder aufweist 2 ).

Es unterliegt keinem Zweifel, dass der Exodus der Alpinisten nach Indien erst im Anfang steht und sich immer stärker entwickeln wird. Dies aus zwei Gründen:

Einesteils sind die Alpen für jene, welche Neues suchen, wie gesagt, erschöpft. Man ist heutzutage nicht ohne Widerwillen Zeuge der letzten spas-modischen Zuckungen dessen, was früher alpine Forschung war und nun diesen Namen längst nicht mehr verdient.

Andererseits zielen die stetigen Fortschritte des Flugwesens dahin, die Distanzen immer mehr zu verringern. In einigen Jahren wird man vermutlich in zwei oder drei Tagen nach Indien fliegen können. Nachdem einmal im Himalaya die Landungsplätze bestimmt sein werden, wird man auch gleich dort landen können. Vielerorts hat die Natur im Himalaya solche Plätze vorgesehen: ausgetrocknete Seen usw., welche den unternehmenden Flieger erwarten.

Zwischen den Flugzeugen und den Dampfern hat sich eine starke Konkurrenz eingestellt. Diese sahen sich bereits gezwungen, ihre Schnelligkeit zu erhöhen und zugleich ihre Tarife zu erniedrigen. Aus diesem Grunde wird schon in diesem Jahre ( 1933 ) die Überfahrt von Venedig nach Bombay statt 17 Tage bloss noch 11 erfordern. Dieser Wettstreit wird noch zunehmen, die « Lufttarife » werden weiter abnehmen, und wir können den Zeitpunkt erwarten, wo man nicht mehr zwischen Luft und Wasser schwanken, sondern sich für erstere entscheiden wird.

Vielleicht wird man einst sein Week-end auf dem Monde zubringen können — wir danken! Inzwischen bietet uns der Himalaya « Arbeit » für mehrere Jahrhunderte: Tausende von Gipfeln warten ihres Besteigers, und zwar auf leichten Wegen, währenddem neue Wege und Varianten in unsern Alpen sich immer schwieriger und gefährlicher gestalten. Dies ist sicher, dass derjenige, welcher Neues sucht, im Himalaya sein Leben viel weniger aufs Spiel setzt als in den Alpen.

Doch warum gerade der Himalaya? Wir haben ja allerdings noch eine ganze Anzahl anderer Bergketten auf unserm Planeten, aber keine lässt sich mit ihm vergleichen. Im Kaukasus nimmt die Anzahl unerstiegener, grösserer Gipfel stark ab, und ausserdem ist wohl doch die bolschewistische Gefahr grösser als diejenige der Lawinen. Die südamerikanischen Berge sind teilweise vulkanischen Ursprungs und sagen dem Alpinisten weniger zu. Die Rocky Mountains sind in Nationalparke abgeteilt und schon ziemlich gründlich erforscht — ebenso in den Antipoden die Alpen Neuseelands. Die grossartigste, höchste und wenigst bekannte Bergkette unter allen ist unstreitig der Himalaya.

Es ist an der Zeit, das Problem des Himalaya in seiner ganzen Ausdehnung ins Auge zu fassen. Meine Absicht, mein Zweck sind die folgenden: obwohl von Beruf Topograph und Geograph, indem ich bereits einen Teil der Kette kartographisch behandelt habe, möchte ich heute das Problem ausschliesslich vom Standpunkte des Bergsteigers ins Auge fassen. Ich will also im allgemeinen keineswegs eine vollständige Geschichte der Himalaya-forschungen schreiben, sondern in summarischer und kritischer Weise das gegenwärtige Stadium seiner Erforschung beleuchten. Ich werde dabei, hier und dort, mir Bemerkungen erlauben über eventuelle Möglichkeiten wie auch über die politischen Zustände der betreffenden Gegenden.

Soviel mir bekannt ist, fehlt bis jetzt eine derartige Studie. Der Grund dafür liegt in der gewaltigen Ausdehnung der Kette und weil die meisten Forscher sich für die ihnen am meisten zusagenden Gruppen spezialisierten 1 ).

Und nun sehen wir uns den Himalaya näher an: Betrachtet man das System im ganzen, so gewahrt man, dass es aus einer Reihe von Ketten besteht, welche, fast parallel, von Nordwesten nach Südosten laufen. Während die Alpenkette ihre konvexe Seite gegen Norden richtet, dreht der Himalaya die seinige dagegen nach Süden und fällt in die indische Ebene mit seiner steilsten Seite ab.

Die Hauptkette, welche die Engländer The Great Himalaya Range nennen, erstreckt sich vom Bogen des Indusflusses zu demjenigen des Bramaputra in einer Totallänge von 2500 km. Geologisch betrachtet setzt sich diese Kette über den Indus hinaus in Afghanistan und im Osten bis nach China fort. Es ist aber praktischer, sich an die natürlichen Grenzen zu halten, welche durch jene zwei bedeutendsten indischen Flüsse gegeben sind.

Eigentümlicherweise bildet diese gewaltige Kette, welche die höchsten Berge der Erde enthält, nicht die Wasserscheide zwischen den indischen Ebenen 1 ) Hier einige Hinweise, deren Kenntnisnahme allerdings nur beschränkte Befriedigung gewährt: Schmitthener: Der Himalaya, eine orographische Skizze.Vide « Geogr. Zeitschrift » 1916, S. 249—269. ( Ist bloss eine Zusammenfassung des Buches von Burrard. ) Alerzbachcr: Die bergsteigerische Erschliessung des Himalaya. Vide « Der Alpenfreund » 1922, S. 261—271. ( Enthält 10 Seiten Chronologie, mit vielen Irrtümern. ) Lehner: Die Eroberung der Alpen, IV. Teil: Die Erschliessung und turistische Eroberung der aussereuropäischen Gebirge, München 1924. ( Enorme Arbeit, leider, was den Himalaya anbetrifft, unvollständig. ) Fay: The World's highest altitudes and first ascenls, 1909. Vide « National Geographical Magazine » XX, S. 493—530.

und den Hochebenen von Tibet. Sowohl der Indus wie auch der Bramaputra entspringen am Nordabhang des Himalaya; sie umfliessen sodann dessen äussere Enden und ergiessen sich schliesslich beide in den indischen Ozean. Die wirkliche Wasserscheide finden wir weiter nördlich längs einer weniger hohen Parallelkette. Alle Wasser des Himalaya sammeln sich in drei Hauptflüssen: Indus, Ganges und Bramaputra. Der Indus und seine Seitenflüsse führen die Wasser des westlichen Indien zur Arabischen See, der Ganges und der Bramaputra dagegen diejenigen des zentralen und östlichen Indien nach ihrer Vereinigung in den Golf von Bengal.

Zwischen dem Indus und dem Bramaputra ist die Kette durch mächtige Schluchten geteilt, durch welche wichtige Flüsse ihren Weg finden, infolge deren die Vegetation bis hoch hinauf steigt und an gewissen Stellen sogar bis auf die tibetanischen Hochebenen gelangt.

Auf der Südseite, in Britisch-Indien, wird der Himalaya flankiert von zwei niedrigeren, beinahe parallelen und ziemlich regelmässigen Ketten: dem kleinen Himalaya ( Lesser Himalaya ) und der Siwalikkette. Sie haben für die Alpinisten insofern Interesse, als sie die Hauptkette einigermassen vor den Niederschlägen des Monsun beschützen.

Wenn auch diese grosse Himalayakette nicht mit der wirklichen Wasserscheide zusammenfällt, so trennt sie doch deutlich zwei Klimazonen von durchaus verschiedener Gestaltung. Auf der indischen Seite erhält die Kette die ganze Feuchtigkeit des bengalischen Meerbusens. Zwischen Juni und September haben wir dort bedeutende Monsunniederschläge, welche einen halbtropischen Pflanzenwuchs hervorrufen und die Veranlassung einer relativ tiefen Schneegrenze bilden 1 ). Die Gletscher erstrecken sich im Mittel bis 3700 m herab. Die Wolken geben beinahe ihren ganzen Wassergehalt ab, so dass auf dem Nordabhang die tibetanischen Hochebenen nichts mehr abbekommen, deren Klima ein relativ trockenes bleibt und die Schneegrenze sich dort viel höher stellt. Leider aber ist dagegen die Gratlinie selber, fast im ganzen Himalaya, den Stürmen des Monsuns ausgesetzt.

In einer Gebirgskette, die sich auf die gewaltige Länge von 20 Graden erstreckt, müssen die physischen Verhältnisse viel grösseren Veränderungen unterworfen sein als anderwärts. Nicht bloss ist der Kontrast zwischen den beiden Hängen ein absoluter, sondern wir haben auch grosse Verschiedenheiten in den einzelnen Abschnitten längs der ganzen Kette. Man darf sagen: je mehr man sich vom bengalischen Meer entfernt, desto mehr lässt man auch Feuchtigkeit und Vegetation hinter sich, desto geringer werden die Niederschläge, desto grösser werden die Chancen auf gutes Wetter. Im fernsten Nordwesten der Kette, im Nanga Parbat-Gebiet z.B., kommen manchmal Schönwetterperioden von mehreren Wochen vor, was im Osten, am anderen Ende, niemals der Fall ist. Das Anschwellen der Flüsse ist nicht ausschliesslich dem Monsun zuzuschreiben. Der Indus z.B. schwillt im Frühling infolge der Schneeschmelze an wie unsere Bergwasser. Dagegen führen die Tista und die Flüsse von Bhutan ihre grösste Wassermenge im Hochsommer, während der Monsunperiode.

Noch im Jahre 1907 teilte Burrard 1 ) den Himalaya ( The Great Himalaya Range ) in vier Gebiete ein, und zwar von West nach Ost: der Panjabhimalaya, vom Indus zum Sutlej; der Kumaunhimalaya, vom Sutlej zum Kali; der Nepallümalaya, vom Kali zur Tista; und der Assamhimalaya, von der Tista bis zum Bramaputra.

Aus praktischen Gründen sind wir gezwungen, in Einzelheiten einzutreten, welche eine vollständigere Einteilung nach Berggruppen nach sich ziehen. Wir ziehen vor, im Südosten zu beginnen, haben übrigens keineswegs die Anmassung, die Namen der einzelnen Massive festlegen zu wollen, denn dies wird noch lange Anlass zu Erörterungen abgeben.

Die zweite und die dritte Sektion Burrards scheinen mir gut bezeichnet zu sein: Kumaun und besonders Nepal bilden zwei deutlich abgegrenzte Gebiete. Über die zwei anderen jedoch kann man verschiedener Ansicht sein. Der Panjab enthält bloss einen ganz kleinen Teil der zwischen Indus und Sutlej gelegenen Kette. Und was Assam anbetrifft, so erreicht es nirgends die Kammlinie des Himalaya und enthält auch kein wichtiges Bergmassiv.

Wenn wir den Himalaya politisch betrachten, stellen wir sogleich eine sehr wichtige Tatsache fest, nämlich, dass dessen Nordhang, der Transhimalaya, welcher vom Bramaputra entwässert wird, gänzlich Tibet angehört. An mehreren Orten stimmt die tibetanische Grenze nicht mit der orographischen überein, und das Gebiet des Dalai Lama greift über die Kammlinie hinaus bis in die jenseitigen Ebenen Englisch-Indiens. Es ist dies der Fall für den ganzen östlichen Teil zwischen Bhutan und dem Bramaputra: die Grenze zwischen Tibet und Assam folgt nicht der Wasserscheide, sondern liegt mehr im Süden.

Derselbe Fall tritt ein für das fruchtbare Chumbi, ein Tal, welches keilartig sich zwischen Sikkim und Bhutan hineinschiebt und dessen etwa 100 km langer, oberer Teil zu Tibet gehört, obwohl sein ganzes Wasser der indischen Ebene zufliesst. Orographisch betrachtet sollte dieses ganze Tal zu Bhutan gehören, statt nur dessen unterer Teil. Auf dem Südabhang, den wir Cis-himalaya nennen werden, sind die politischen Eingrenzungen noch viel verworrener. Hier haben wir es nicht mehr bloss mit einem riesigen Staate zu tun wie Tibet, sondern mit einer Menge mehr oder weniger unabhängiger Provinzen.

Im Osten haben wir Assam, welches, wie schon gesagt, nicht bis zur Wasserscheide reicht. Assam, Hauptstadt Shillong, ist seit 1912 eine unabhängige Provinz mit einem englischen Gouverneur.

Dann folgt angrenzend Bhutan, mit nur einem Teil des Chumbitales, dessen Nordgrenze jedoch genau mit der Wasserscheide zusammenfällt. Bhutan, Hauptstadt Punaka, ist ein englisches Protektorat unter der Herrschaft eines Maharajas. Englands politischer Agent wohnt in Gangtok ( Sikkim ).

Jenseits des Chumbitales liegt Sikkim, dessen Grenzen genau bestimmt sind: im Norden durch die Kammlinie des Himalaya, im Westen und Osten durch zwei sekundäre Ketten, die senkrecht von der Hauptkette abstehen. Im Süden stösst es an die Provinz von Darjiling und an den englischen Teil Bhutans, welche beide keine bedeutende Erhebungen aufweisen. Sikkim, Hauptort Gangtok, ist ein kleines Protektorat unter der Regierung eines Maharajas. Der politische Agent Englands bewohnt den Hauptort.

Es folgt in einer Länge von 800 km, was einem Drittel der Gesamtausdehnung des Himalayas entspricht, das grosse Königreich Nepal. Es stösst fast durchaus bis zur Kammlinie vor und enthält die höchsten Berge der Welt. Der Singalilagrat trennt es in ausgesprochener Weise von Sikkim, Darjiling, und der Kalifluss von den « United Provinces ». Nepal ist ein unabhängiges Königreich, offiziell den Weissen nicht zugänglich. Der erste Minister ist allmächtig und trägt den erblichen Titel eines Maharajas. Der Vertreter Grossbritanniens residiert in Katmandu, der Hauptstadt.

Zwischen der Westgrenze des Nepal und dem Flusse Sutlej gruppieren sich drei der nördlichsten geeinigten Provinzen ( United Provinces of Agra and Oudh ). Politisch nennen sie sich Almora, Garhwal und Tehri Garhwal. Geographisch wird dieser Teil des Himalaya Kumaun und Garhwal benannt. Wir werden uns vorzugsweise dieser letzteren Bezeichnung bedienen.

Auf diesem südlichen Ufer des Sutlej und bis zum Fusse der Siwaliks liegen zerstreut die Simla Hill States, eine Art kleinen Mazedoniens, welche übrigens keine bedeutenden Erhebungen aufweisen.

Unsere politische Reise weiter nach Westen verfolgend, finden wir jenseits des Sutlej einen Komplex kleiner Distrikte, zum Panjab 1 ) gehörend: Mandi, Kangra und Chamba, dieses letztere an Kaschmir anstossend. Diese Distrikte zerfallen in eine grosse Anzahl von gebirgigen Territorien, von denen Kulu, Lahul und Spiti die bekanntesten sind. Aber diese ganze Gegend kann unter der Bezeichnung Panjabfiimalaya zusammengefasst werden. Sie steht dem Turisten offen, wird aber denjenigen, der Neues sucht, weniger anziehen. Die Kette zerfällt in mehrere Äste, von denen keiner höhere Gipfel aufweist.

Hier verlässt die tibetanische Grenze die Wasserscheide des Himalaya und richtet sich zögernd nordwärts gegen die Kette des Kuen Lun 2 ). Sie scheint am Gipfel des Kämet sich abzutrennen, die Kette von Zaskar zu verfolgen, den Sutlej zu überschreiten und gegen das Bergmassiv des Kyangtsang emporzusteigen, wo die Grenzen des Panjab, des Tibet und des Kaschmir sich begegnen sollten. Aber hier steht auf den Karten das Wort « disputed », streitig! Die Grenze überquert sodann in fast senkrechter Richtung zu ihrem Lauf den Indus und die Ladak, Kailas und Karakoram genannten Ketten, folgt dem Kuen Lun und kehrt endlich wieder zum Karakoram zurück.

In dieser Nordwestregion verliert Tibet viel mehr, als es am östlichen Ende von Assam gewinnt. Orographisch sollte Tibet das ganze Becken des Indus bis zu seinem Winkel umfassen, denn diese Region hat einen rein tibetanischen Charakter, und ihre Bevölkerung ist mongolischer Rasse. Zur Stunde nennt sich die kaschmirsche Provinz des Baltistan Kleintibet.

Aber bloss die Quellen des Indus sind in Tibet, und das ganze von diesem grossen Strome bewässerte Bergland gehört heute zu Kaschmir, welche Provinz eine Menge politisch und geographisch sehr verschiedenartiger Distrikte in sich fasst.

Kaschmir erstreckt sich weit über den Indus und die von uns fixierten Grenzen hinaus. Es grenzt an China und Russland in den Pamirs. Es fasst die Karakoramketten in sich, mit denen wir uns am Schluss beschäftigen werden 1 ) Suchen wir nun die geographisch praktischste Einteilung. Wie wir bereits gesagt haben, beansprucht Nepal einen guten Drittel des cishimalayaischen Gebietes, und zwar gerade den zentralen. Es erscheint daher als gegeben, den Himalaya in drei grosse Sektoren abzuteilen: den Ostsektor östlich vom Singalilakamm weg; den mittleren ( Nepal ) und den westlichen. Dieser letztere ist bedeutend länger als der erste, aber ein jeder von ihnen misst im Mittel 800—900 km in der Länge.

Diese Einteilung ist eine durchaus allgemeine, und wir müssen nun eine jede für sich behandeln.

Teilen wir eingangs sogleich mit, dass 2/3 des Himalayagebietes, von der Westgrenze des Nepal bis zum Bramaputra ( das kleine Sikkim ausgenommen ), den Weissen fast gänzlich verboten sind, was die Forschung nicht erleichtert. Dieser verschlossene Teil ist etwa zweimal so lang wie unsere Alpen...

Karten.

Das topographische Bureau für Indien ( Indian Survey ) hat den Auftrag, ganz Britisch-Indien und die angrenzenden Provinzen topographisch aufzunehmen und die betreffenden Karten zu veröffentlichen. Es interessieren uns besonders die folgenden:

Generalkarte « Himalaya Mountains and Surrounding Régions »; 1:2,500,000, in 4 Blättern, die einen sehr guten, allgemeinen Eindruck des Bodenreliefs vermitteln.

Karte 1: 1,000,000: a India and adjacent countries. » Jedes Blatt gibt vier Längen- und Breitengrade wieder. Das Terrain ist ( sehr annähernd ) mittels Kurven dargestellt und in leicht getöntem Relief. Die Lesbarkeit ist im ganzen eine sehr gute.

Karte zu 1/4 Zoll = 1: 253,440. Jedes Blatt der 1: 1,000,000-Karte ist in neun Einzelblätter geteilt zu 1/4 Zoll. Diese Blätter sind sehr verschieden bezüglich Ausführung und Wert, bilden aber die beste Basis für Expeditionen.

Karte zu 1/2 Zoll = 1: 126,720. Einzelne Blätter der l/4-Zoll-Karte sind wiederum abgeteilt in 4 Blätter zu 1/2 Zoll. Diese Karten jüngsten Datums sind gut und klar, doch hat es bloss noch wenige für die gebirgigen Gegenden.

Für Nepal existiert eine allgemeine Karte zu 1:500,000 in einer vorläufigen Auflage. Deren Hauptwert liegt in der Nomenklatur.

NB. Alle diese Karten sind erhältlich bei Edward Stanford Ltd., 12—14 Long Acre, London, oder durch dessen Vermittlung. Man verlange den Katalog.

1. Der östliche Himalaya.

Bis wir einen allgemeinen, geographischen Namen erhalten für diesen östlichsten Teil, benennen wir « Östlichen Himalaya » das Gebirge zwischen dem Bramaputra im Osten und Bhutan im Westen. Wie wir gesehen haben, ist, infolge einer eigentümlichen, aber nicht präzedenzlosen Anomalie, der Gebirgskamm durchwegs tibetanisch und die Assanische Grenze südwärts verschoben. Man könnte dieses Stück vielleicht tibetanischen Himalaya nennen, aber Tibet ist so ausgedehnt, dass die Bezeichnung keine hinreichend genaue wäre l ).

Die beiden äusseren Enden des Himalaya weisen grosse Kontraste auf. Im Westen fliessen die grauen Wasser des Indus in ruhigem Laufe in einem einförmig-dürren Tal, das in seinem ganzen Laufe bekannt ist. Dem Reiter stellen sich keinerlei Hindernisse entgegen, und der Himmel ist fast immer blau. Im Osten dagegen braust der Bramaputra im Grunde einer wilden Schlucht zwischen himmelhohen Wänden, die mit einer üppigen Tropenvegetation bekleidet sind. Diese Schlucht ist beinahe unzugänglich und nur teilweise erforscht. Dort regnet es mehr als irgendwo sonst im Himalaya.

In ihrem Charakter sind also diese beiden äussersten Teile des Himalaya einander gänzlich entgegengesetzt. Und trotzdem besteht zwischen ihnen eine merkwürdige Symmetrie. Ein jeder der genannten zwei Ströme umfliesst einen hohen Berg. Im Westen der Nanga Parbat ( 8115 m ), im Osten der Namcha Barwa ( 7755 m ), stehen sie da, an beiden Enden, wie zwei gewaltige Endpfeiler, fern von jedem anderen grossen Gipfel.

Die Höhenquote des Namcha Barwa entspricht genau derjenigen des Kamet, des zweithöchsten Garhwalgipfels, die bis 1932 höchste erreichte Bergspitze. Ein so isolierter, hoher Berg musste selbstverständlich alle Blicke auf sich ziehen. Und trotzdem wurde der Namcha Barwa erst 1912 von Europäern zum ersten Male gesehen und im folgenden Jahre dessen Höhe bestimmt. Dies anlässlich der durch Bailey und Morshead unternommenen Erforschung der grossen Biegung des Tsangpo oder Bramaputra. Die beiden Forscher widmen dem Berge ( im « Geographical Journal » XLIV, 352 ) bloss einige Zeilen.

Anno 1924 setzte der bekannte Botaniker Kingdon Ward eine ergänzende Auskundschaftung der Bramaputraschluchten ins Werk und stiess hierbei bis zum Nam La, am Südfuss des Berges, vor. Die Höhe dieses Passes wurde hypsometrisch bestimmt mit 5287 m.

Der Nam La ist der östlichste Pass im Himalaya. Er ist im Sommer während drei Monaten offen, und man findet dort einige Wegspuren. Viel leichter und begangener ist der Doshong La ( 4115 m ), ein Parallelpass, 15 km im Süden des Namcha Barwa.

Ward sagt von diesem Gipfel bloss, dass er von schlanker Form sei, mit Schnee und Felsen. Er ist gut sichtbar von Tsela Dzong aus, 50 englische Meilen im Westen am Ufer des Tsangpo. Gemäss den Photographien, welche den Bericht begleiten, scheint der Berg vom Nam La aus kaum erreichbar zu sein, denn der Grat, der ihn mit dem Pass verbindet, ist zerrissen und wohl zu schwierig. Dagegen hat es den Anschein, gemäss den Bildern, dass der höchste Punkt durch einen breiten Sattel im Osten mit dem Sanglung ( 7043 m ) genannten Strebepfeiler in Verbindung steht. Die beste Lösung würde wohl darin bestehen, die tiefste Einsenkung zwischen den zwei Gipfeln zu erstreben, sei es von der Schlucht des Tsangpo aus oder aber aus derjenigen von Pemako im Süden.

Dem Bericht von Ward ( « Geographical Journal » LXVII, 97—123 ) ist eine Kartenskizze 1: 500,000 beigefügt, welche zurzeit das beste Dokument über diesen östlichsten Teil des Himalaya darstellt. Alle Gletscher jener Region sind im Rückgang, und die Witterung scheint im Herbst besser zu sein als im Frühling — was allerdings nicht gerade viel sagt.

Im Südwesten des Namcha Barwa schwankt die First des Himalaya zwischen 5000 und 6000 m Höhe, ohne sich in bedeutender Weise zu teilen. Geologisch rechnet man dieses Stück zur Ladakkette. In der Gegend von Tsari ist die Kette durchschnitten vom Subansirifluss, der sich eine tiefe Schlucht ausgegraben hat. Das Kloster Migytum steht genau in der Himalayaaxe und liegt bloss 2935 m ü. M.

Einfach und fast geradlinig bis hieher, teilt sich die Kette stark zwischen dem 93. und 91. Meridian. Wir sehen dort mehrere Parallelketten, deren bedeutendste im Süden liegt und im Kangdu bis zu einer Höhe von 7090 m emporsteigt 1 ). Wir befinden uns hier in der Axe des Grossen Himalaya. Zwischen dieser Seitenkette des Kangdu und dem Bramaputra erheben sich mehrere andere Gebirge ohne Namen und Höhenangaben. Sie müssen wohl 6000 m übersteigen und gehören zur Ladakfalte.

Die erste Kette nördlich des Kangdu erscheint als eine Verlängerung der Hauptaxe. Sie begrenzt im Norden die Monyulregion und das Flussgebiet des Manas. Ihr höchster Gipfel misst 6400 m und scheint die Nordostecke des Bhutan zu sein.

Mit Ausnahme des Kangdu und des Namcha Barwa scheint dieser östliche Teil der Himalayakette vom Standpunkte des Bergsteigers kein besonderes Interesse zu bieten. Wir besitzen fast keinerlei Angaben über diese Massive. Kingdon Ward hat sie von Nord nach Süd gequert anlässlich seiner 23 Tage dauernden Rückreise im Januar 1925 von Tsetang ( Bramaputra ) nach Rangia ( Assam ). Im « Geographical Journal » LXVII, 118/119 berichtet dieser Forscher über schöne Schneegipfel östlich des Trigu Tso ( See ), gemäss der Karte messen sie jedoch keine 6000 m.

In Assam sind Reisen frei gestattet, und eine Eisenbahn führt längs des Bramaputratales hinauf. Man könnte wohl ohne grosse Gefahr die Berge westlich des Miri besuchen, welche auf 6000—7000 m ansteigen, aber wir haben mehr westlich anziehendere Gebiete.

2. Bhufanhimalaya.

Bhutan umfasst den Südhang des Himalaya in einer Ausdehnung von ungefähr 250 km. Das Land erhebt sich von der bengalischen Ebene bis zur Kammlinie und hat daher klimatische Verhältnisse sehr verschiedener Art. 7000 m Höhendifferenz scheiden die eisige Gratlinie des Himalaya von den Tropenwäldern des Terai 2 ) mit seinen Tigern und Elefanten. Wie Sikkim, so ist auch Bhutan ein Land der Kontraste.

Leider sind diese Wunder dem gewöhnlichen Sterblichen noch hermetisch verschlossen, und wir wissen beinahe nichts über seine Berge. Der britische politische Agent in Gangtok, Hauptort des Sikkim, ist ermächtigt, einmal im Jahr den Maharaja von Bhutan in offizieller Mission zu besuchen. Dieser Fürst ist bloss 26 Jahre alt und hat sich nach Bumtang, seiner neuen Residenz, fern der Welt, zurückgezogen. Diejenigen, welche sukzessive den Posten eines politischen Agenten in Gangtok oder eines Gouverneurs von Bengalen mit Sommersitz in Darjiling bekleideten, haben uns einige gute Beschreibungen des Landes und seiner Bewohner geliefert. Die Werke von White 1 ) und Ronaldshay 2 ) enthalten eine Menge pittoresker Einzelheiten über die Sitten und Gebräuche dieser primitiven Völkerschaft. Leider war keiner dieser beiden Autoren Bergsteiger.

Im Jahr 1922 liess sich Bailey, damals in Gangtok, von einer Gruppe Topographen des Indian Survey begleiten. Dank ihm besitzen wir daher einige gute Angaben über die Bodenbeschaffenheit eines Teiles des Bhutan. Aber diese Aufnahmen beschränken sich auf den von der Expedition eingeschlagenen Weg. Vide « Geographical Journal » LXIV, 291—297.

Der bhutanische Himalaya ist im Norden konvex und beherrscht direkt die tibetanischen Hochebenen. Die Täler fallen südwärts senkrecht von der Hauptkette ab. Der Fuss der niedrigeren Hügel markiert die Südgrenze, welche hier mit der Terailinie zusammenfällt. In jedem dieser Täler findet man ein befestigtes Dorf und einige Klöster. Diese Dörfer stehen mit der bengalischen Ebene nur durch sehr schlechte Wege in Verbindung, welche durch tiefe, bewaldete Schluchten führen. Die einzige offizielle Route ist ein Maultierpfad, der vom Chumbital ( Yatung ) sukzessive die Gebirgsrücken und die Täler überschreitet, welche senkrecht zur Kette liegen. Zwischen Yatung und Punaka, offizielle Hauptstadt, sind nicht weniger als sechs Pässe und fünf Täler zu begehen. Von dort bis Bumtang, der neuen Hauptstadt, benötigt es noch fünf Tagesmärsche.

Im Norden von Punaka erheben sich die bedeutendsten bhutanesischen Berggipfel. Sie bilden ein sehr grosses Amphitheater mit Punaka, in nur 1575 m Höhe im Zentrum. Eine jedenfalls grossartige Kette setzt sich vom Kula Kangri ( 7555 m ) im Osten zum Chomolhari ( 7315 m ) im Westen fort. An einer Stelle bloss sinkt sie unter 6000 m. Zwischen dem Bhutan und der sehr wichtigen tibetanischen Stadt Gyantse scheint keine direkte Pass-verbindung in Gebrauch zu stehen 3 ).

Dieser wunderbare Zirkus von Punaka ist vollständig unerforscht. Die beste Karte bezeichnet diese ganze Gegend als « unexplored », ein im Ohre des Bergsteigers ebenso anstössiges als zur Tat anspornendes Wort! Die Grenze zwischen Tibet und Bhutan ist mittels einiger von der Tibetseite aus bestimmter Höhen bezeichnet, aber viele dieser Ziffern sind von einem Fragezeichen gefolgt.

Der östliche Teil der Kette ist ohne Zweifel der interessanteste. Dort ragen der Kula Kangri ( 7555 m ) und seine Satelliten empor. Als Bailey das Bumtangtal hinaufstieg, passierte er in einer Entfernung von 20 km von diesen Gipfeln, aber er sagt nichts von ihnen.

Am anderen Ende des Amphitheaters thront der Chomolhari ( 7315 m ), der bestbekannte Berg des bhutanischen Himalaya. Damit wäre nicht viel gesagt! Aber er ist ein so imposanter Gipfel, und auf der Handelsroute Pha-ridzong-Gyantse beherrscht er so lange das Landschaftsbild, dass er unwillkürlich alle Blicke auf sich zieht und den Geist des Reisenden beschäftigt 1 ).

Im Frühling 1932 suchte ich um die Ermächtigung nach, die Besteigung dieses Berges auf dem leichtesten Wege zu versuchen, aber ein absolutes Veto war das Ergebnis. Wie viele andere Berge, so ist auch der Chomolhari für die Tibetaner ein heiliger Berg. Um die Gefühle ihrer Gleichgläubigen nicht zu verletzen, erlauben auch die Bhutaner nicht, dass man dem Berg nahe. Aber die religiöse Frage spielt hier nicht die einzige Rolle. Ich hatte Gelegenheit, in Kalimpong den Verbindungsagenten zwischen dem Maharaja von Bhutan und dem britischen politischen Offizier zu sprechen. Als ich ihm meine Bitte unterbreitete, antwortete er mir in liebenswürdigem Tone: « Wir haben nichts gegen Euch alle ( besonders auch nichts gegen Schweizer ), aber wenn wir Euch ermächtigen einzutreten, schaffen wir einen Präzedenzfall, der uns weit führen kann. Wir lesen die Zeitungen und wissen, was sich auf eurem alten Europa abspielt. Sie werden zugeben, dass es kein ermutigendes Beispiel darstellt! Eure sogenannte Zivilisation zieht uns in keiner Weise an. Wir leben hier ruhig und zufrieden und ziehen vor, nichts mit der Zivilisation zu tun zu haben. » Wir können uns nur verbeugen vor der Weisheit dieser Leute und sie beneiden!

Von Pharidzong bestieg ich den Tremo La ( 4750 m ), um den bhutanischen Hang des Chomolhari zu besichtigen. Er schien unschwierig, und ich glaube, dies ist auch der Fall für die ganze Kette nördlich von Punaka. Es ist dies eine natürliche Folge ihrer sedimentären Formation. Der Südhang ist viel weniger steil als die tibetanische Seite. Er hat lange Gras- und Schutthänge und hierauf Firn und Gletscher, welche nichts Abweisendes besitzen. Die Besteigung könnte von Pharidzong aus über den Tremo La und die Südhänge in 2—3 Tagen erfolgen. Die Schwierigkeiten sind ausschliesslich politischer Natur. Was die tibetanische ( Nord- ) Seite anbelangt, so ist sie beinahe hoffnungslos, sogar für den besten Bergsteiger.

Es ist möglich, dass, wenn der Everest oder Chomo Lungma einmal bestiegen sein wird ( und zwar ohne weitere Unfälle, denn die Tibetaner schreiben sie stets dem Zorn ihrer Götter zu ), dann die Ermächtigungen leichter erhältlich sein werden.

Zurzeit ist Bhutan noch verschlossener als Tibet. Jedermann kann einen Reisepass für Gyantse erhalten und die Basis des Chomolhari verfolgen. Leider aber schreibt dieser Pass vor, dass der Reisende sich nicht von dem durch die Telegraphenstangen ( Linie Lhasa ) vorgezeichneten Wege entfernen darf.

Wenn der bhutanische Abhang der Kette harmloser ist als der andere, so hat er andererseits den grossen Nachteil — abgesehen von der politischen Schwierigkeit —, dass er äusserst feucht ist. Der Monsun bestreicht ihn mit derselben Intensität wie in Sikkim. Keine schützende Kette hält ihn ab, wie anderwärts in den Siwaliks. Ganz im Gegenteil, die Täler stehen ihm, gegen Süden gerichtet, weit offen, und die Wolken strömen ganz natürlich und ohne Widerstand hinein.

Darjiling und Kalimpong werden zweifellos noch lange die besten Ausgangspunkte bilden für eine Expedition nach Bhutan. Später, wenn die Täler einmal Strassen haben werden, wird man direkt hineingelangen können. Turisten werden dies vorzugsweise im Frühling tun, der Alpinist jedoch wird besser im Herbst, im Oktober oder November, hingehen.

Bhutan ist von Sikkim durch das tibetanische Tal von Chumbi getrennt. Oben in diesem Tal, zwischen dem Chomolhari und dem Pauhunri, öffnet sich der Tang La ( 4640 m ), der unschwierigste aller Himalayapässe. Seine beiden Hänge sind fast eben. Früher querten ihn Armeen; jetzt geht über ihn die Telegraphenlinie und Handelsroute nach Lhasa. Es ist eines der wenigen gegen Tibet offenen Eingangstore, und die Tibetaner lassen es so, um die Wolle ihrer riesigen Schafherden abführen zu können.

Fortwährend überschreiten ihn Karawanen von Ponies, Maultieren und Yaks beladen mit Waren. Auch die drei Everestexpeditionen haben diesen einförmigen Weg genommen.

Orographisch sollte dieses Chumbital zu Bhutan gehören. Seine behäbigen Bauernhäuser, die gut besorgten Felder, alles erinnert an jenes Land. Und doch ist dessen Klima bereits ganz tibetanisch, besonders im oberen Teil. Pharidzong ist eine öde Gegend, wo die Niederschläge nicht halb so stark sind wie im benachbarten Sikkim.

3. Sikkimhimalaya.

Sikkim ist eine der schönsten und bestbekannten Gegenden im Himalaya. Von Osten herkommend, ist dies für den Reisenden die erste, wo er unbehindert eintreten kann. Den Zugang erleichtert eine direkte Eisenbahn von Kalkutta nach Siliguri. Von dort kann man im Auto das Tistatal hinauffahren bis nach Gangtok, der Hauptstadt von Sikkim. Aber der Ausgangspunkt für dortige Bergunternehmungen ist gewöhnlich der allgemein bekannte klimatische Kurort Darjiling ( 2150 m ), welcher mit der Bahn oder noch besser per Auto von Siliguri weg erreicht werden kann.

Sikkim ist im Vergleich zu seinen Nachbarn Bhutan und Nepal ein sehr kleines Land. Alles ist dort kondensiert, und seine eigentümliche Schönheit besteht aus Kontrasten. Nirgends sonst sind diese Gegensätze so grossartige.

Der Tistafluss nimmt alle Gewässer Sikkims in sich auf. Sein Tal verläuft zwischen hohen Bergketten, welche den Wolken des Monsun den Weg weisen, sie kanalisieren. Sie dringen bis ins Herz des Landes vor, und die Niederschläge sind enorme. Im östlichen Nepal ist die Hauptkette einigermassen geschützt durch den Mahabharat, eine südliche Parallelkette, währenddem in Sikkim kein derartiger Schutzwall existiert.

Wir finden daher in den Schluchten eine wundervolle subtropische Flora und höher oben gewaltige Gletscher, welche während des ganzen Sommers reichlich gespiesen werden. Die Vegetation steigt bis zu den Gletschern an, bis zu 3500 und 4000 m ü. M., in dichten, buschartigen Rhododendren, unter denen fremdartige, hochfarbige Pflanzen blühen.

Es ist nicht zum Verwundern, dass die leichte Zugänglichkeit und die landschaftliche Schönheit dieser Gegend die Reisenden seit langem angezogen haben. Sowohl der platonische Bewunderer wie auch der beschauliche Alpinist werden fast durchwegs auf ihre Rechnung kommen. Dagegen sind die hohen Berge des Sikkim fast alle schwierig, die günstige Jahreszeit sehr kurz, so dass bis zur Stunde die Erfolge der Alpinisten hier sehr mager ausfielen.

Wirft man einen Blick auf die Landkarte, so wird man gewahr, dass die höchsten Gipfel sich nicht auf der Hauptwasserscheide befinden, sondern vielmehr in einer sich südlich abzweigenden Kette, welche die Grenze bildet zwischen Sikkim und Nepal. Dort thront der Kangchendzönga ( 8603 m ) inmitten einer ganzen Schar von Satelliten. Östlich der Tista zweigt auch vom Pauhunri eine Kette südwärts ab, die, viel weniger bedeutend, die Grenze bildet zwischen Sikkim und Chumbi ( Tibet ). Das Tal der Tista, durch diese beiden Ketten eingeschlossen, teilt sich in Tsuntang in die zwei Täler von Lachen und Lachung. Sikkim hat also die Form eines Viereckes, das auf drei Seiten von Bergen eingeschlossen ist. Wir wollen, von dieser Konfiguration Vorteil ziehend, jede dieser drei Ketten für sich behandeln.

A. Donkiakette.

Auch zuweilen Chola ridge benannt, begrenzt diese Kette das Einzugsgebiet der Tista im Osten und bildet dort die Landesgrenze.Vom Pauhunri ( 7065 m ) verläuft sie fast genau südwärts und endigt in der Nachbarschaft des Jelep La ( 4385 m ), einem sehr bekannten und stark begangenen Pass der Route Kalimpong-Lhasa. Die Gipfel zwischen Pauhunri und dem Jelep La sind von untergeordneter Bedeutung. Die Pässe haben eine gewisse strategische Wichtigkeit und sind seit langem in dieser Hinsicht erforscht worden.

Der Pauhunri ( 7065 m ) wurde von Kellas und seinen einheimischen Begleitern im Juni 1911 von Nordwesten her bestiegen. Es ist dies sowohl der unschwierigste Berg Sikkims als auch der von Europa aus am schnellsten erreichbare 7000er. Damen mögen sich ihn merken, denn bis jetzt und seit 1906 hält Mrs. Bullock Workman mit dem Pinnacle Peak ( 6932 m ) den Höhenrekord unter ihnen. Der Pauhunri ist übrigens mehr als nur ein Gipfel: es ist ein ganzes Bergmassiv, Nord-Süd verlaufend, und enthält eine Menge unbetretener Spitzen, die einer Erforschung durchaus wert sind.

Vom Pauhunri zweigt westwärts eine Seitenkette ab, die im Kangchenjhau ( 6920 m ) kulminiert, der im August 1912 ebenfalls von Kellas bestiegen wurde. Auch dieser Berg sendet südwärts einen Ausläufer aus, welcher die Täler von Lachen und Lachung scheidet und ebenfalls einige bemerkenswerte Gipfel enthält, die grösstenteils neu sind.

Zwischen dem Kangchenjhau und dem Pauhunri öffnet sich der Donkia La ( 5530 m ), ein leichter Bergpass, welcher vom Lachungtal zu den Quellen der Tista führt. Im Norden dieses Passes hat die Landschaft durchaus tibetanischen Charakter, und es ist das dortige Klima im allgemeinen weniger feucht als im südlichen Sikkim.

Wer sich für diese Berge interessiert, sollte sein Basislager in der Nähe der Tistaquellen einrichten ( in zirka 5000 m Höhe ), am Ufer eines jener reizenden Gletscherseelein. Er könnte dann die ganze Seitenkette Pauhunri-Kangchenjhau erforschen, die Arbeit eines ganzen Sommers. Der Monsun ist dort viel weniger zu fürchten als im Massiv des Kangchendzönga und der Erfolg viel wahrscheinlicher, da die Gipfel keine so grossen Schwierigkeiten bieten. Von Gangtok aus kann man über Lachen zu Pferd in vier Tagen Tangu erreichen und damit den letzten Bungalow. Von dort sind es zwei Tage bis zum Basislager bei den Tistaquellen.

B. Nördliche Grenzkette des Sikkim ( Grosser Himalaya ).

Diese Kette erstreckt sich vom Pauhunri bis zum Jongsong Peak und bildet die Grenze zwischen Sikkim und Tibet. Dank zweier Querketten, welche sie im Süden schützen, geniesst diese Lhonak genannte Region den Vorteil eines weniger feuchten Klimas als das Kangchendzöngamassiv. Sie hat ebenfalls tibetanischen Charakter.

Zahlreiche Pässe in dieser Kette erlauben den tibetanischen Hirten, gegen Ende Mai den Übergang mit ihren Schaf- und Yakherden auszuführen. Diese bleiben den ganzen Sommer über auf den Weiden des Lhonak. währenddem die Hirten in ihren Zelten leben.

Infolge ihrer sedimentären Formation sind die Gipfel dieser Kette nicht besonders schwer zu erklimmen, auch sind die hauptsächlichsten unter ihnen bereits besucht worden. Der Chomiomo ( 6835 m ), ein prächtiger Berg, wurde von Kellas im Juli 1911 bestiegen. Von ihm zweigt eine kleinere Kette südwärts ab, die einen Besuch verdient und wenigstens zwei Gipfel über 6400 m aufweist.

Westlich des Chomiomo trägt die Grenzkette den Namen Dodang Nyima Range. Dort sind unter anderen die zwei Korayedugipfel ( 6431 und 6614 m ), die noch ihres Besiegers harren. Im Jahr 1912 überschritt der unermüdliche Kellas den sie trennenden Pass in beiden Richtungen, ohne aber einen der Gipfel zu ersteigen. Dann folgt ein namenloser Gipfel, kotiert 6742 m. Der Chöten Nyima La ( 5639 m ), welcher das gleichnamige Kloster mit dem Lhonak verbindet, ist ein leichter und altbekannter Übergang. Im Nordosten dieses Passes steht auf tibetanischem Boden der Sentinel Peak ( 6472 m ), getauft und bestiegen von Kellas im Mai 1911, im Südwesten dagegen, in plötzlichem Aufschwung der Grenzkette, der Dodang Nyima Peak ( 7150 m ). Letzterer fiel im Juni 1930, nicht ohne Schwierigkeiten, Mitgliedern der Expedition Dyhrenfurth zu. Bald hernach bildet die Grenze einen rechten Winkel, dreht nach Süden um und strebt neuerdings in die Höhe: Der Lhonak Peak ( 6480 m ) wurde im September 1930 von Gourlay und Eversden bestiegen und der Jongsong Peak ( 7459 m ) im Juni gleichen Jahres durch die Dyhrenfurthexpedition.

Der Jongsong Peak ist orographisch ein sehr wichtiger Gipfel. Er liegt im Schneidepunkt der Sikkim-, Tibet- und Nepalgrenzen und ist der höchste Berg zwischen den Kangchendzönga- und Chomo Lungma- ( Everest- ) Massiven. Er mag als relativ leicht gelten, trotz seiner Höhe. 1930 war er noch der höchste bestiegene Gipfel der Welt, aber dieser Rekord hatte kaum mehr als ein Jahr Geltung.

Von hier weg bildet die Kette des Himalaya die Grenze zwischen Tibet und Nepal — wir werden später auf sie zurückkommen.

Lhonak und die Nordostecke von Sikkim haben an verschiedenen Orten Ebenen mit Geröll oder Rasen — frühere, nun ausgetrocknete Seen —, die sich sehr gut als Landungsstellen für Flugzeuge eignen würden. Lhonak im besonderen ergäbe ein gutes Basislager, weil man dort sowohl die Grenzkette als das Massiv des Kangchendzönga bearbeiten könnte.

C. Kangchendzöngamassiv.

Vom Jongsong Peak weg verläuft gegen Süden die Grenze zwischen Sikkim und Nepal. Sie steht senkrecht zur Hauptkette und bildet einen ziemlich gut ausgesprochenen Gebirgszug. Aber dieser teilt sich wiederum in mehrere Äste ab, weshalb wir diese Gegend als Massiv bezeichnen.

Nichts Schöneres ist auf der Erde zu finden. Im Zentrum erhebt sich dessen höchster Gipfel, zugleich zweithöchster der Erdkugel, der Kangchendzönga ( 8603 m ). Von ihm zweigen vier Hauptgrate ab, sowie vier grosse Gletscher: die Zemu-, Kangchendzönga-, Yalung- und Talunggletscher.

Wenn wir vom Jongsong Peak die Grenze zum Kangchendzönga verfolgen, finden wir folgende Berggipfel: den Langpo Chung ( 6766 m ), wahrscheinlich über dessen Ostgrat zugänglich; den Langpo Peak ( 6950 m ), bestiegen von Kellas im September 1909; die Pyramide ( 7132 m ), sicherlich zugänglich über deren Ostflanke ( Chansonden Tent Peak ( 7342 m ), ein prachtvoller, aber auf allen Seiten sehr schwierig aussehender Berg, wohl am besten über den Südwestgrat zu versuchen; den Nepal Peak ( 7153 m ), bestiegen im Mai 1930 vom Einzelgänger Erwin Schneider, Mitglied der Dyhrenfurthexpedition, über den Südgrat.

Die Pässe dieses Sektors sind wenig zahlreich, aber im ganzen unschwierig. Der Jongsong La ( 6120 m ) wurde schon im Jahre 1879 entdeckt und überschritten von Babu Sarat Chandra Das bei Anlass seiner topographischen Aufnahmen. Hernach von Freshfield ( 1899 ), Kellas ( mehrere Male ) und von der Dyhrenfurthexpedition anno 1930, zum Teil auf Skis. Er dient zuweilen den Bewohnern von Khunza, um in Tibet Salz anzukaufen. Der Langpo La wurde niemals überschritten, würde aber einen leichten Übergang abgeben zwischen dem Chanson und dem westlichen Langpogletscher. Zwischen der Pyramide und dem Tent Peak existiert kein guter Pass. Nordöstlich des Tent Peak öffnet sich der gleichnamige Pass ( 5960 ), welcher von Kellas und seinen Kulis mehrmals überschritten wurde. Den Nepal Gap versuchte er viermal von der Zemuseite aus. Anno 1930 fand die Dyhrenfurthexpedition den richtigen Übergang, und zwar beim Punkt 6300 meiner Karte, etwas nördlich der tiefsten Depression.

Es folgen hierauf die Twins ( 7350 m, Bauer ), welche zwei sekundäre Gräte absondern. Alle Gipfel dieser kleinen Gruppe scheinen schwierig zu sein. Die Zwillinge sind vom Kangchendzönga abgetrennt durch eine riesige Scharte, North Col genannt ( 6895 m, Bauer ), analog desjenigen des Everest.

Kangchendzönga ( 8603 m ) 1 ).

Seit 1905 wurde dieser gewaltige Berg von allen Seiten belagert, aber ohne schliesslichen Erfolg. Alle in Betracht fallenden Wege sind gefährlich und sehr 1 ) Über diesen Namen siehe « Himalayan Journal » IV, S. 198—214, und betreffs der Geschichte der Versuche bis 1930 dasselbe Journal II, S. 1 und f.

schwierig. Überdies ist er unter allen grossen Gipfeln des Himalaya derjenige, welcher den Monsunstürmen am meisten ausgesetzt ist. Technisch betrachtet, wäre die Yalungseite die wenigst schwere, aber sie wird von häufigen Lawinen bestrichen. Ebenso der Nordhang. Derjenige von Talung ist hoffnungslos. Derjenige von Zemu ist der steilste von allen, aber es zweigt dort ostwärts ein Seitensporn ab, welcher zum Zemugletscher herniederfällt. Über diesen Sporn wurden die zwei Expeditionen der Münchener ( Bauer, 1929 und 1931 ) unternommen. Dieser Ostsporn, resp. deren betretener Teil, ist ein Schnee- und Eisgrat. Er kulminiert in einem Schneedom in 7700 m Höhe ü. M.

Das Eis des Himalaya hat nicht die gleiche Konsistenz wie dasjenige der Alpen. Es ist jünger, körniger, plastischer, ich möchte sagen flüssiger. Auf den Gräten bildet es Wächten, Gendarmen, pilzförmige Türme, welche ebensoviele, schwierig zu bewältigende Hindernisse sind. Kein Eisgrat in den Alpen kann dem Ostsporn des Kangchendzönga verglichen werden, weder betreffs Schwierigkeit noch Länge. 1929 brauchten die Münchener drei Wochen, 1931 zweimal so lange, um einen Weg längs dieses Grates auszuhacken. Man lese den Bericht dieses Kampfes, um sich ein Urteil zu bilden über die Tüchtigkeit dieser Truppe. Nichts, was im Himalaya versucht wurde, kann mit diesen Leistungen verglichen werden.

Derjenige, welcher einen neuen Berg bezwingen will, wählt naturgemäss den leichtesten Aufstiegsweg. Aber hier existiert kein solcher! Alle Zugänge sind verzweifelt schwierig. Man muss sich dann mit der wenigst gefährlichen Route begnügen. Der Ostsporn bildet offenbar die sicherste, weil sie relativ lawinenfrei ist. Immerhin muss man zuerst hinaufkommen und dann die Gratlinie verfolgen. Das Bauersche Itinerar ist so schwierig und so lang, dass es mehr als einen Sommer erfordert. Die Schönwetterperiode, welche dem Monsun vorangeht, ist viel zu kurz. Gegen alle orthodoxen Regeln griffen die Münchener den Berg während des vollen Monsuns an, behauptend, dass die Niederschläge auf den Höhen viel weniger bedeutend seien als tiefer unten. Hierin sind sie nicht ganz im Unrecht. Es wurde dies überall in den Bergen beobachtet.

Anno 1929, bei ihrem ersten Versuch, hatten sie relativ günstige Verhältnisse und eine gewisse Anzahl schöner Tage, trotz des Monsuns. Aber 1931 wurden alle ihre schönen Theorien zunichte gemacht durch sehr schlechtes Wetter und so hohe Temperaturen, dass es nachts kaum zum Gefrieren kam! Die Eistürme fielen zusammen, und man musste immer wieder einen neuen Weg herstellen.

In ihren zwei Versuchen zählten sie auf die ersten schönen Oktobertage, um den letzten, entscheidenden Angriff auf den Gipfel auszuführen. Aber beide Male wurden ihre Hoffnungen zuschanden. 1929 gebot ihnen ein gewaltiger Schneefall — man sprach von 2 Meter in 48 Stunden — in zirka 7400 m Höhe Halt, nachdem sie « die letzten Schwierigkeiten überwunden hatten ». Es ist ein Wunder, dass ihnen der Rückzug gelang. Zwei Jahre später, auf dem gleichen Wege, den sie mit bewunderungswürdiger Zähigkeit Schritt für Schritt verfolgten, erreichten sie trotz schlechter Verhältnisse die Höhe des Spornes ( 7700 m ), bedeutend oberhalb der « letzten Schwierigkeiten ».

Bis damals, infolge eines optischen Trugbildes, hatte man sich vorgestellt, dass die Höhe des Ostspornes mit dem grossen Nordgrat des Kangchendzönga durch einen leichten Schneekamm in Verbindung stehe. Die Münchener mussten aber zu ihrem grossen Leidwesen feststellen, dass dieser Kamm sich senke, einen Sattel bilde und sodann gegen die Wand des grossen Nordgrates anstosse und darin aufgehe. Im Oktober 1931 war diese etwa 150 Meter hohe Wand mit einer dichten Decke neuen Schnees bekleidet, welche jeden Augenblick als Lawine herabstürzen konnte.

Angesichts dieses unerwarteten Hindernisses und der ausserordentlichen Gefahr mussten sie den Rückzug antreten, nachdem das Wetter sich nun endlich zum Guten gewendet hatte.

Jener Schneehang von 150 Meter wurde von den Münchnern als die « letzte Schwierigkeit » angesehen. Sie sagen, dass, einmal oben, nichts sie mehr aufgehalten haben würde. Diese Ansicht erschien mir von jeher als zu optimistisch gefärbt. Der Gipfelgrat hat Felsen, die durchaus nicht leicht aussehen, und diejenigen, welche sie eines Tages betreten, könnten dann grössere Schwierigkeiten vorfinden, als es von ferne den Anschein hat.

Man möchte sich fragen, warum eine so gut organisierte Expedition sich nicht mit Mitteln versah, um Lawinen künstlich hervorzurufen. Es kann sein, dass speziell hergestellte Raketen, geschickt abgelassen, die drohende Lawine hätte zum Abfallen bringen können.

Es versteht sich von selber, dass im Mai die Verhältnisse viel günstiger wären als während der Monsunperiode, hier und überall, und dass dann die betreffende Mauer wahrscheinlich bei gutem Schnee ohne Gefahr erklommen werden könnte. Aber die Schwierigkeit liegt darin, rechtzeitig anzukommen auf diesem Wege, dessen Gangbarmachung die Arbeit von Wochen erheischt. Es ist nicht unmöglich, dass man eines Tages, Taktik ändernd, diesen so wichtigen und so umstrittenen Gipfel dann angreift, wenn das Wetter wirklich dauernd schön ist, d.h. im Zeitraum zwischen November und Januar oder Februar. Es hat Jahre erfordert, bis die alpinen Skiläufer zugaben, dass die Gletscher im Mai und Juni viel günstigere Verhältnisse aufweisen als im tiefen Winter. Im Himalaya beginnt man erst jetzt, seine Erfahrungen zu sammeln. Bis heute hat jeweils die Kälte, oder vielmehr die Furcht vor ihr, die Bergsteiger davon abgehalten, die Sache zu versuchen. In den Alpen ist man zu der Erkenntnis gelangt, dass die Kraft der winterlichen Sonne eine enorme ist infolge der Reinheit und Trockenheit der Atmosphäre. Dasselbe ist wahrscheinlich auch im Himalaya der Fall. Andererseits haben die Polarforscher erfahren, dass es leicht ist, sich an sehr tiefe Temperaturen zu gewöhnen. Qui vivra verra!

Einstweilen scheinen die Münchener jede neue Aktion aufgegeben zu haben. Sicher ist, dass, da Leute wie sie nicht aufkamen, dies für lange Zeit niemandem anders gelingen wird, denn es ist keineswegs leicht, eine derart leistungsfähige Equipe zusammenzubringen. Ihre Versuche sind nicht unnütz gewesen, sie haben praktische Erfahrungen gezeitigt und verdienen unsere hohe Bewunderung.

In hehrer Ruhe thronend behält der Kangchendzönga zu seinen Füssen die Männer, die er getötet hat. Denn jede Expedition, welche ihn angriff, liess Opfer zurück: Jacot-Guillarmod vier, wovon ein Schweizer; Dyhrenfurth eines; Bauer zwei, wobei ein Deutscher; der Einzelgänger Farmer ( Amerikaner ), welcher verschwand, ohne Spuren zu hinterlassen. Alle, bis an den letzteren, wurden dort begraben, und es wurden ihnen würdige Denkmäler gesetzt.

Man hat behauptet, der Kangchendzönga sei unbesteigbar. Gewiss nicht! Es gibt keinen unbesteigbaren Berg! Alle werden früher oder später bezwungen. Eine Sache der Zeit. Je länger dies auf sich warten lassen wird, desto spannender wird der Kampf sein. Aber wenn man die grossen und fortwährenden Fortschritte der Wissenschaft bedenkt, darf man sich verwundern, dass der Mensch seine Mittel und Werkzeuge für den genannten Zweck bisher nicht besser vervollkommnen konnte, einesteils, um der Verdünnung der Luft entgegenzuwirken, und andernteils, um kondensierte Nahrungsmittel zu erfinden in äusserst leichter und gut verdaulicher Form.

* Vom Kangchendzönga zweigen westwärts, in nepalesisches Gebiet übergreifend, gewaltige Seitenketten ab, deren höchste Erhebung der Kangbachen Peak ( 7858 m ) ist. Im Mai 1930 versuchte die Dyhrenfurthexpedition, diesen Gipfel über dessen Nordwestgrat zu ersteigen, doch ohne Erfolg. Dagegen erklomm sie den Ramtang Peak ( 6700 m ), dessen Höhe noch nicht sicher bestimmt ist. Der Wedge Peak ( 6750 m ) ist eine prachtvolle Pyramide, wohl sehr schwierig zu ersteigen, die man vorzugsweise von Südosten angehen sollte.

Ein anderer sehr schöner Berg erhebt sich ausserhalb jener Gruppe, aber ihr gegenüber, oberhalb des jenseitigen Ufers des Kangchendzöngagletschers: es ist der Longridge Mount ( 7103 m ), von Kellas so getauft. Dessen Südwestgrat bietet die meisten Aussichten.

Im Südwesten entsendet der Kangbachen Peak einen mächtigen Grat. Dieser Grat gabelt sich und bildet den prachtvollen Gipfel des White Wave ( 6960 m ), der sicherlich vom Ramtanggletscher aus zugänglich ist. Über dem anderen Gletscherarm erhebt sich in riesigen Wänden der Jannu ( 7710 m ), einer der gewaltigsten und abweisendsten Berge des Himalaya, welcher noch lange Jahre aller Annäherungsversuche spotten wird.

Auf der Seite des Sikkim biegt vom Kangchendzönga eine weitere grosse Kette ab, das rechte Ufer des grossen Zemugletschers bildend. Sie hat bloss zwei bedeutende Erhebungen: den Simvu ( 6816 m ) und den Siniolchu ( 6895 m ). Ersterer ist ein merkwürdiger Schneeberg mit mehreren Gipfeln. Der höchste derselben ist wohl nur schwierig zu erreichen. Der Nordgipfel jedoch sollte über die Nordostflanke, z.T. auf Ski, angegangen werden können. Im ganzen Zemugebiet ist dies der Gipfel, der die grössten Möglichkeiten bietet. Sein Nachbar, der Siniolchu, wurde von Freshfield als der schönste Berg der Welt erklärt: fantastisch in höchstem Grade — von dieser Seite ein Bild grösster Unzugänglichkeit.

Die Grenzkette zwischen Sikkim und Nepal setzt sich vom Kangchendzönga fort über den Talung Peak ( 7035 m ) zu einem zirka 7400 m hohen, unbenannten Gipfel und schliesslich bis zum Kabru ( 7316 m ). Wenn man von Darjiling aus an einem schönen Morgen die Schneegebirge bewundert, erscheint der Kabru wohl als der wenigst abweisende Berg der ganzen Kette. Es ist also nicht zum Verwundern, dass ihm die allerersten Angriffe galten. Schon 1883 behauptete Graham, ihn bestiegen zu haben, aber wenn man seinen Bericht aufmerksam liest und mit den modernen Karten vergleicht, erkennt man, dass er sich geirrt haben muss. Er hat ohne Zweifel Kabru und Kangchendzönga miteinander verwechselt und irgendeinen südlichen Vorgipfel erklommen, wahrscheinlich den nun unter dem Namen Forked Peak ( Gabelspitze, 6128 m ) bekannten Berg. Im Oktober 1907 wurde der Kabru dagegen von zwei Norwegern besucht. Sie mussten nicht weit unter dem Gipfel wegen grimmiger Kälte verzichten. Der leichteste Schneepass zwischen Sikkim und Nepal ist der Kang La ( 5015 m ). Überragt wird er im Süden vom Kang Peak ( 5572 m ), welcher anscheinend schon 1883 von Graham und seinen Führern bestiegen wurde, wie auch der nördliche Nachbar, der Koktang6398 m. Jedenfalls wurde der Kang Peak im April 1930 von zwei Mitgliedern der Dyhrenfurthexpedition erklommen.

Südlich dieses Berges trägt die Grenzkette den Namen Singalila. In ihrem südlichen Teil findet man dort einen guten Saumpfad mit Bungalows, das sind Regierungsschutzhäuser. Sie sind zu Pferde erreichbar, und wenn man vom Wetter begünstigt wird, eröffnet sich dort ein wunderbarer Blick auf die Mount Everestkette.

Die Gipfel im Norden von Dzongri sind zum Teil bestiegen worden, der Jubonu ( 5952 m ) anno 1883 von Graham, der Narsing ( 5830 m ) von Kellas im Jahre 1920. Dagegen schlug der schöne Pandim ( 6708 m ) bis jetzt alle Angriffe zurück.

Einige Gletscherpässe wurden in dieser Gegend überschritten. Der Ratong La ( zirka 6000 m ) wurde 1920 durch Raeburn entdeckt und traversiert. Den Guichak La ( 5008 m ), einen viel wichtigeren Pass, kennen die Dzongrihirten seit langem. Sie benützen ihn, um in das Talungtal zu gelangen. 1925 hat ihn Tombazi mit dem Zemu Gap ( 5875 m, Bauer ) kombiniert, um dergestalt einen Höheweg zwischen Dzongri und dem Zemubecken zu eröffnen. Leider sind die Südhänge des Zemu Gap zu steil, um ihn mit beladenen Kulis begehen zu können.

Sein östlicher Nachbar, der Simvusattel ( 5410 m ), wurde 1931 von Mitgliedern der Bauerexpedition überschritten zum Zwecke der Erforschung des Passanramgletschers und -tales. Wir hoffen, demnächst kartographische Ergebnisse über diese bisher unbekannte und sehr schwer begehbare Gegend zu erhalten 1 ).

Der Zemu Gap und der Simvusattel wurden schon früher von Kellas vom « Grünen See » aus erreicht.

Am Rande und westlich des Lachentales existiert ein alter Handelsweg, jetzt fast gänzlich verlassen, welcher das Talungtal verfolgt, das gleichnamige Kloster berührt, den Kishong La ( 5131 m, auf den Karten irrtümlicherweise Yumtso La benannt ) überschreitet, hernach durch das Tumrachental hinauf und über den The La ( 5106 m ) geht, um schliesslich im Lhonak den Lachener Talweg wiederzufinden. Diese Route dient den Schmugglern, nicht aber Bergsteigern, die in der Zeit beschränkt sind.

1930 wurden durch die « Dyhrenfurther » zwei neue Pässe eröffnet zwischen dem Chansongletscher und dem Zemubecken, nämlich der Podon La ( 5820 m ) und der Hidden ( versteckte ) Col ( 5800 m ). In der Regel sind diese zwei Übergänge unschwierig, wenn auch die Gletscher der Südseite zuzeiten hievon eine Ausnahme machen.

1 ) Leider reicht die Aufnahme Bauers nicht so weit südlich. Für den Bericht, siehe « Himalayan Journal », Bd. V, 58—64.

Die ganze Sikkim betreffende Bibliographie findet sich im Buche Dyhrenfurth: Himalaya, Unsere Expedition 1930, Berlin 1931, angeführt.

Nachstehend einige weitere Quellen: Boustcad, H.: An adventure on Kangchenjunga ( Zemu Gap ), im « Geogr. Journal » LXIX, 344—350. Freshlield, D.W.: Under Kangchenjunga ( Himalayan Notes ), im«Alpine Journal » XXXIX, 161/162. Kellas, A. M.: The mountains of northern Sikkim ( and Garhwal ), im « Geogr. Journal » XL, 241—263 ( bessere Karte als im « Alpine Journal » ). Micheli: Exploration in thè Sikkim Himalaya, im « Alpine Journal » XV, 111—120.

Eine gute Zusammenfassung der Erforschung des Sikkimhimalayas erschien auch im « Himalayan Journal », vol. II, 1—12.

Betreffs der Bauersehen Expeditionen von 1929 und 1931 siehe ( ausser bei Dyhrenfurth ): « österreichische Alpenzeitung » 1930,89—93; « Deutsch-Österreichische Alpenzeitung » 1930, 353 ff.; 1931, 1—57; « Alpine Journal » XLIV, 13—24; « Himalayan Journal » IV, 116—122; « Geogr. Journal » LXXX, 439 sq.; « Der Bergsteiger » IX, 354—356, 649—651, 733—737; X, 45/46,120—125; « Rivista Mensile C.A.I. » 1931, 325—341, und 1932, 611—617, und ganz besonders Paul Bauers eigene zwei Bücher: Im Kampf um den Himalaya ( 2 Auflagen, beide vergriffen ) und Um den Kantsch! 1933, mit Karten und prachtvollen Bildern.

Der Himalaya hat, Gott sei Dank, noch keine Glubhütten! Solche sollen den Alpinisten als Basis dienen, als Ausgangspunkt für ihre Besteigungen. In den Alpen sind sie das Ziel der Spaziergänger und -gängerinnen geworden, die sich belustigen wollen. Sie bleiben daher eine oder mehrere Nächte oben, oft genug, ohne zu bezahlen.

Der Himalayan Club sieht allerdings in seinen Statuten den Bau von Hütten vor, und früher oder später werden solche gebaut werden. Es besteht schon das Projekt einer Hütte, welche auf dem letzten südlichen Ausläufer des Kangchenjhau errichtet würde, und dies — man höre! —, weil sie vom letzten Bungalow weg bloss einen Tagesmarsch erfordern würde. Die Besucher brauchten dann also nicht zu kampieren, um hinzugelangen! Dieses Projekt scheint im Keime alles zu enthalten, was unsere alpinen Hütten viel und oft für anständige Leute unbesuchbar gemacht hat. Es ist auch im Himalaya zu befürchten, dass solche Hütten bloss als Turisten-Rendez-vous dienen und dem eigentlichen Alpinisten von keinem Nutzen sein werden.

Um nützlich zu sein, sollten die dortigen Hütten das Basislager ersetzen und an einem Orte errichtet werden, von dem aus man nach allen Seiten ausstrahlen könnte. Solche Stellen hat es im Sikkim eine Reihe. Die wichtigsten wären die folgenden drei: das linke ( Nord- ) Ufer des Zemugletschers, ungefähr bei dem « Grünen See » ( 4940 mferner im Lhonak und endlich in Dzongri. Letztere zwei haben den Nachteil, dass sie während des Sommers den jedenfalls schädlichen Besuchen der Hirten ausgesetzt wären. Dies ist nicht der Fall für eine Zemuhütte, welche ein wunderbares Turenzentrum abgäbe mit allerdings durchwegs schwierigen Gipfeln.

Die Hütten müssten in festem Mauerwerk gebaut werden.

Man würde einen offenen Teil vorsehen, wo die Hirten eintreten und Feuer machen könnten. Der geschlossene Teil müsste den schlimmsten Einbrechern erfolgreichen Widerstand leisten können und allen nötigen Komfort bieten. Er könnte mit Lebensmitteln, Petroleum usw. versehen werden, um eine wirkliche Basis darzustellen.

( Fortsetzung folgt. )

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