Die Exkursion Vadians an den Pilatussee 1518
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Die Exkursion Vadians an den Pilatussee 1518

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Mit einem Bild ( 163Von Theodor Schlaffer St. Gallen Im Aufsatz « Ärzte als Erschliesser der Alpen » ( s. « Die Alpen », Januar 1955, S. 4 ) erwähnt J. J. Jenny die Erkundungsreise Vadians, des Berufes Stadtarzt von St. Gallen, Bürgermeister, berühmt als Reformator. Es dürfte angebracht sein, Vadians Bericht nach der Übersetzung Goetzingers aus dem Lateinischen - der Sprache der damaligen Gelehrten -wieder einmal ungekürzt zu publizieren.

« In der Schweiz gibt es unweit der alten und weitberühmten Stadt Luzern einen Berg von gewaltiger Höhe, welcher seiner rauhen Zerklüftung und jäh abfallenden Wände wegen noch jetzt in der Landessprache der « Gebrochene » heisst, so nämlich, dass in der Form Fracmönt die Spur des fremden Ausdrucks sich erhalten hat. Unterhalb des höchsten Gipfels liegt ein See, der Pilatussee genannt, welcher einen ganz geringen Umfang hat und deswegen mit grösserem Rechte ein Tümpel, denn ein See heissen könnte. Gegenstände, welche da absichtlich hineingeworfen werden, erregen nach dem Glauben des Volkes die grössten Unwetter und überschwemmen die ganze Umgebung. Was aber zufällig hineinfällt, soll den See nicht im Geringsten aufregen, gerade als ob er menschliches Wissen davon hätte, dass für den Zufall niemand verantwortlich ist. Eine Bestätigung findet dieser Glaube in folgender Tatsache: Wie man in der Stadt sich erzählt, sind einst Leute, welche den See aufzuregen sich unterfingen, wegen des Unglücks, das sie über die Anwohner gebracht, am Leben gestraft worden.

Als ich im August des vergangenen Jahres nach Luzern kam, um den See zu sehen, wurde ich von dem Kanonikus Johannes Zimmermann auf das liebenswürdigste empfangen und brach am folgenden Tage nach dem Berge selbst auf. Meine Begleiter waren der gelehrte Oswald Myconius und mein künftiger Schwager Konrad Grebel aus Zürich. Bei Tagesanbruch verliessen wir die Stadt und legten den schweren, nicht eben gangbaren Weg bis etwa zur halben Höhe des Berges auf Pferden zurück. Als das nicht mehr ging, trieben wir die Tiere auf die nächste Weide, dingten einen Hirten als Führer und erstiegen zu Fuss auf schmalem Pfade, welcher zwischen mächtigen Steintrümmern im Zickzack sich emporwindet und den zu gehen nicht jedermann 's Sache wäre, den übrigen Teil der Höhe. Endlich kamen wir schweisstriefend am Ufer des Teiches an.

Der Berg selbst, der in seinen übrigen Teilen fast senkrecht abfällt, ist hier mit Weiden bedeckt. In mächtiger kreisförmiger Senkung hat sich ein tiefes Tal gebildet, in dessen Mitte der See liegt. Dieser ist von spärlichem Schilfe umgeben und in einem dichten Wald verborgen, dessen Totenstille den Besucher mit heiligem Schauer erfüllt. Der See hat keinen Zufluss und keinen Abfluss, das Wasser ist von schwärzlicher Farbe wie das der Unterwelt und noch unbeweglicher als sonst ein Tümpel zu sein pflegt. Auch die Winde vermögen seine Ruhe nicht leicht zu stören, denn vor dem Süd und Westwind schützt ihn die mächtig ansteigende Lehne des Berges, im Osten und Norden die tiefe Lage des Tales und der bereits genannte dichte Wald. Bemerkenswert ist auch, dass weder die Niederschläge des Winters noch die Trockenheit des Sommers eine Änderung des Wasserstandes herbeiführen, vielmehr sollen seine trägen Fluten, wie erzählt wird, stets die gleiche Höhe zeigen. Auch das will ich noch erwähnen, dass wir von unserm Führer während des Aufstieges fast unter einem Eide verpflichtet wurden, am See nichts Ungeziemendes zu tun oder gar etwas hineinzuwerfen. Er stellte uns vor, wie sein Leben auf dem Spiele stehe, und immer wieder empfahl er uns Mässigung und Schweigen, als ob er uns in ein Heiligtum führe. Infolgedessen war ich fast versucht, der alten Sage Glauben zu schenken, welche von diesem Orte erzählt wird, dass nämlich Pilatus in seiner Amtstracht als Landpfleger im Wasser zu schauen sei, und dass, wer ihn gesehen, das betreffende Jahr nicht überlebe, obwohl dergleichen entschieden in das Reich der Fabel gehört. So ist nämlich der menschliche Aberglaube, dass er die Stätten, welche durch irgend eine seltsame Naturerscheinung bemerkenswert sind, mit dem Beiwerk der Sage umspinnt. Dann ist es im Wesen des Menschen begründet, dass er solche Erzählungen gerne glaubt, da eine geheimnisvolle innere Scheu uns zu diesem Glauben bestimmt, und anderseits der Trieb Neues zu erfahren, ihm Vorschub leistet. Übrigens möchte ich die Wahrheit der Sage, welche die Anwohner von der Eigenart des Sees immer wieder erzählen, weder bekräftigen noch in Abrede stellen, da mir nicht möglich war, die Sache zu untersuchen, und wäre es mir möglich gewesen, so hätte es nicht ohne grosse Gefahr geschehen können. Immerhin dürfen die zahlreichen Naturerscheinungen, welche durch Erfahrung und Ansehen vieler Personen als in jeder Hinsicht auffällig erwiesen sind, mir eine Mahnung sein, nicht voreilig zu erklären, dass mir jene Sage bei der Eigenart und hohen Lage des Ortes ganz natürlich erscheine. Denn wie hoch der Berg ist, geht aus folgendem hervor: Morgens in der Frühe brachen wir nach dem Pilatussee auf, erstiegen dann die Höhe des Berges, kehrten ohne Aufenthalt nach langem Marsche zu unsern Pferden zurück und langten endlich nach Sonnenuntergang wieder in Luzern an. Das Mittagessen und eine Rast auf halber Höhe des Berges hatte höchstens zwei Stunden in Anspruch genommen. » Man sieht, Vadian ist noch im Banne der Pilatussage, und dies ist um so bemerkenswerter, als er 1518 bereits eine glänzende wissenschaftliche Laufbahn hinter sich hatte. Er verliess eben dann die Universität Wien als deren Rektor, um sich als Stadtarzt in seiner kleinen Vaterstadt, wo er 1484 als Sohn eines Leinwandkaufmannes geboren war, häuslich niederzulassen. Er erwähnt in seinem Bericht seinen « zukünftigen Schwager Konrad Gebel aus Zürich » als einen seiner Begleiter. Diesem, wahrscheinlich um fünf Jahre Jüngern Zürcher Patriziersohn, Hörer und Freund Vadians, fiel 1522 die Ehre zu, mit einem Vorwort zu seines weiland Schwagers geographischem Werk « Pomponius Mela » vor die Öffentlichkeit zu treten. Es handelte sich um die zweite Herausgabe eines antiken Schriftstellers, welche eben die hier gebrachte Beschreibung des Pilatussees enthält. Obwohl viele Briefe Grebels an Vadian vorhanden sind, ist in keinem je von dieser Exkursion die Rede. Die schicksalsschweren Probleme der Reformation verdrängten alles andere. Im Jahre 1522 begleitete Grebel eine reformatorische Schrift Zwingiis, seit 1519 am Grossmünster wirksam, mit einem kämpferischen Gedicht.

Im geographischen Werke Vadians, zu dem er das Vorwort geschrieben hatte, kam auch die Bedeutung der Entdeckung Amerikas zur Behandlung, im Zusammenhang mit der damaligen Polemik um die Kugelgestalt der Erde. Im ungestüm auftauchenden Streit um die Taufe überwarf sich Grebel mit Vadian und Zwingli und trat dabei für völlige Trennung von Kirche und Staat ein, wie diese nun in der Verfassung der Vereinigten Staaten von Nordamerika niedergelegt ist. Seiner Zeit in dieser Hinsicht weit voraus, konnte sein Schicksal nicht ausbleiben. Nach Kerkerhaft aus Zürich verbannt, starb Grebel 1526 in Maienfeld, wo eine seiner Schwestern verheiratet war, an der Pest. In Goshen, Indiana, ist 1951 eine grosse Biographie über ihn erschienen. Auch der Vater Grebels, Vadians Schwiegervater, wurde in das unglückliche Schicksal des Sohnes verwickelt. Des Pensionenempfanges beschuldigt, wurde er kurz nach seines Sohnes Tod hingerichtet.

Vadian, im Banne der Pilatussage befangen, rüttelt andererseits doch an ihr, stellt sie in Frage. Die Gegenwart des Hirten und dessen Argwohn, dass die Fremden etwas Ungeziemendes tun könnten, hinderten ihn wohl daran, die Probe aufs Exempel zu machen und einen Stein in den Tümpel zu werfen, wozu auch eigene Bedenken beitragen mochten, sind doch die « Fluten » so schwarz wie die Wasser der Unterwelt. Wir sehen in seinem Bericht eine seit Jahrhunderten feststehende Anschauung erschüttert und, von den nachfolgenden Ereignissen aus gesehen, kündigt sich hier das bald eintretende geistige Erdbeben, der geistig geologische Vorgang, den man Reformation nennt, bereits an.

Ausführliches über die Pilatussage und ihren Ursprung und Aufkommen in Luzern ist dem Werke « Der Pilatus und seine Geschichte » von P. X. Weber, Verlag E. Haag, Luzern 1913, zu entnehmen. Es handelt sich um eine Wandersage, die seit Mitte des 13. Jahrhunderts sich in Luzern einnistete und wahrscheinlich von Pilgern und Kreuzfahrern « importiert » wurde. Die Aufnahme Ernst Bachmanns, Luzern, gibt einen Begriff davon, wieso es in der Gegend zum « Geistern » kommen konnte. Die moderne Photographie stimmt mit der Beschreibung Vadians vom Jahre 1518 überein.

Die Alpen - 1955 - Lei Alpes22

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