Die französisch-schweizerische Ganesh-Himal-Expedition (August 1955)

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Raymond Lambert

Alte freundschaftliche Beziehungen haben das Lyoner Himalaya-Komitee und dasjenige von Genf in die glückliche Lage gebracht, gemeinsam eine Expedition nach dem Ganesh-Himal zu entsenden. Natürlich hätten wir uns gerne an einen Achttausender gewagt, aber diese sind stärker umschwärmt als ein Stern am Bühnenhimmel, und eine Bewilligung ist nur schwer zu erlangen. Übrigens sind die Siebentausender zahlreich und schwierig genug, so dass sich noch mehrere Generationen daran die Zähne ausbeissen können!

Ich hatte das Ganesh-Gebiet von der Höhe des Longtang-Tales aus gesehen und besass einige Angaben darüber vom englischen Alpinisten Tilman, der 1951 dasselbe besucht hatte. Leider sind die Kartenskizzen, die er mitbrachte, ungenau.

Das grosse Problem war die Finanzierung der Expedition. Aber dank grosszügiger Unterstützung, vor allem durch französische und schweizerische Firmen, wurde es gelöst.

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y Ganesh Himal et i'allon de Sangje vh.ï rfe.ç Crêtes / Das Sangje-Tal und der Ganesh-Himal 63 - Photo Expédition franco-suisse au Ganesh Die beiden Komitee bestimmten folgende Expeditionsteilnehmer: Frau Claude Kogan, Nizza, eine gewiegte Himalaya-Kennerin; Paul Gendre, Teilnehmer der Nanda-Devi-Expe-dition, und den jungen französischen Kletterer Robert Guinot, der im Gebiet von Chamonix und in den Oisans schon viele Besteigungen durchführte.Von unserer Seite hielten von den besten Kletterern der Jüngern Generation mit: Claude Morel, Eric Gauchat und ich, alles Mitglieder der « Androsace ». Und endlich unser Freund Pierre Vittoz, Missionar in Leh im Kaschmir, an der tibetanisch-indischen Grenze, der seine Teilnahme zusagte. Also waren wir sieben Europäer, denen sich im Auftrag der Regierung von Nepal ein Verbindungsoffizier, Nanda Bahadur, anschloss. Mit Hilfe Tenzings stellten wir sieben Sherpas ein.

Ich zweifelte bei unserer Abreise nicht daran, dass diese Expedition an die Teilnehmer körperlich und geistig nicht weniger Anforderungen stellen werde, als diejenige Anno 1952 am Everest. Wenn sich einem Regen, Schnee, Wind und Krankheit entgegenstellen, fühlt man sich klein werden. Der Monsun zog sich bis zum 21. Oktober hinaus, und kaum hatte er aufgehört, überfielen uns die Winterstürme, die selbst bei wunderbar blauem Himmel über die Gipfel fegten.

Die Reise und der Anmarsch von New Delhi aus nach Kathmandu erfolgten nicht ohne die üblichen Verzögerungen und Widerwärtigkeiten: Ausfragungen, Kontrollen, Gepäck-Hin- und Hertransporte, Zoll- und Formularscherereien, primitive Unterkünfte und Ungeziefer. Nach Kathmandu kamen noch neue dazu, ekelhafte, wie Blutegelüberfälle und noch Schlimmeres.

Betravati, den 6. September. Schönes Wetter; aber hinten im Tal ballen sich die Wolken zusammen. Nachdem wir unser Lager bei der Vereinigung zweier Flüsse errichtet haben, können wir einen Trupp Affen beobachten, wie sie am Wasser spielen. Plötzlich halten die Tiere ein und klettern auf das Geröll, das den Fluss flankiert. Wir können uns dieses Gebaren zuerst gar nicht erklären - dann sehen wir aber hinter uns das Wasser steigen und über die Ufer treten. Flussaufwärts ist ein Gewitter ausgebrochen, und von den Hängen stürzen Wasserfälle herab. Wir sind schon auf einer Insel gefangen inmitten der entfesselten Elemente. Die Zelte müssen versetzt und das Gepäck gesichert werden. Vom Dorf aus haben unsere Träger und die Bewohner das Geschehen beobachtet; sie kommen zum andern Ufer und sehen ihre Sahibs, die gefangenen Ratten gleichen. Die Affen hatten die Situation schneller erfasst als wir!

Im Bett des Wildbaches rollen die Blöcke. Wir werfen den Trägern eilig Seile zu, um unsern Rückzug zu sichern, wenn sich die Lage verschärfen sollte. Gauchat zieht sich hinüber, um die Stärke des Seiles zu prüfen. Doch plötzlich hört das Gewitter auf, die Sterne erscheinen und die Flut sinkt so schnell, wie sie gekommen ist. In der Folge wird die fast unerträgliche Hitze immer wieder von solchen Regengüssen unterbrochen. Während das Gros unseres Trupps gegen Chilime marschiert, der letzten Etappe, bevor wir die Gebirgskämme überschreiten, um dann zum Fuss des Ganesh abzusteigen, schicke ich Vittoz und Gendre als Pfadfinder durch dieses immer schwieriger und komplizierter werdende Gebiet voraus.

Chilime, den 11.September. Welch ein Schmutz in diesem WinkelWir bleiben aber drei Tage hier, um Nachrichten unserer Vorhut abzuwarten und mit unsern Trägern zu unterhandeln, die zurückkehren wollen. Sie weilen nicht gerne in diesem Dorf und machen kein gutes Geschäft mit den Eingebornen: sie spielen mit ihnen Karten, und ihr Geld wandert in die Taschen der andern.

Endlich bringt uns ein Lama Bericht von Vittoz! Unsere Kameraden haben den rechten Rand des Sangje-Gletschers erreicht, 4250 m; aber der Nebel verhindert jegliche weitere Rekognoszierung. Da die Stimmung der Träger mit jedem Tag weiter sinkt, heisst es handeln Die Alpen - 1956 - Les Alpes9 und deshalb vorrücken, ohne weiteren Bericht abzuwarten. Wir behalten den Lama als Führer bei uns, da nach der Meldung Vittoz'die Route kompliziert ist. Auf den Gratwegen heisst es vorsichtig gehen, und es braucht vorzügliche Träger, muss man doch bis 4600 m Höhe ansteigen, ehe man ins Sangje-Tal gelangt.

Die Order zum Weitermarsch wird freudig aufgenommen. Obwohl wir noch im Ungewissen sind, ob der Ostabhang des Ganesh begehbar ist, brechen wir in dessen Richtung auf und verlassen sie nicht mehr, schon der Transportfragen und der Kosten wegen.

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Das Wetter ist unfreundlich, die Luft ist mit Feuchtigkeit gesättigt, die schlechtesten Verhältnisse für die Träger und für uns.

Das Lager vom 17.September ist bedrückend: es liegt auf 4200 m Höhe, auf einer Schafweide. Zuviel Wasser. Zuwenig Holz. Die Träger kommen in kleinen Gruppen an. Einige sind verwundet, andere krank. Wieder einmal betätige ich mich als Arzt. Aber wir sind glücklich, die Pforte ins Ganesh-Becken durchschritten zu haben.

Am 19. September sind wir endlich im Sangje-Tal. Wieder Kälte, Regen, Schnee. Die Träger sind barfuss, drohen mit Streik! Sie machen sich aber doch wieder auf den Marsch, und bei strömendem Regen erreichen wir am 20. September das Basislager am rechten Rand des Sangje-Gletschers, auf 4500 m.

Der Boden ist sandig. Es regnet immer noch, es schneit. Zahltag für die Träger, die endlich zurückkehren können, diese armen Leute!

Einige Tage sind der Erstellung des Basislagers gewidmet, dann der Besteigung des Sangje durch fünf Mitglieder der Expedition sowie Erkundungen und topographischen Aufnahmen. Die Monsunnebel erleichtern diese Aufgaben nicht.

Endlich können Gendre, Vittoz, Morel und Gauchat zum Aufsuchen eines Lagerplatzes I aufbrechen, über die Moränen der Ostflanke des Ganesh. Nach einer beschwerlichen, feuchten Nacht, auf 5100 m, verzichten sie, weiter vorzustossen, so schlecht sind die Verhältnisse bei dem tiefen, faulen Schnee. Überdies ist Vittoz'Befinden nicht gut; er verspürt Schmerzen im Genick. Nachdem alle Erkundungsgruppen zurück sind, steigen Claude Kogan, Bahadur und ich am 27. September zum Lagerplatz I auf, um anderntags den Weg nach einem Lager II auszukundschaften. Im Basislager bereiten unterdessen unsere Kameraden die Gepäckein, heiten vor, die sobald als möglich nach Lager I und II transportiert werden sollen.

Claude Kogan und ich bestimmen Lager I auf 5030 m Höhe, neben einem grossen Moränenblock. In mühsamer Arbeit graben wir mit Schneeschaufeln einen grossen Platz für unsere Zelte. Die Lage gibt mir aber zu bedenken, denn die Ausläufer einer Lawine könnten uns erreichen.

28. September. Bahadur bleibt mit den Sherpas im Lager. Claude Kogan und ich steigen nochmals die rechte Seite des Ganesh-Gletschers hinauf und spuren über zahlreiche Spalten die Route zum Lager III. Es ist ein mühsamer Aufstieg; wir sinken bis zum Knie ein, und der Nebel behindert uns. Dann wieder verbrennt uns intensive Strahlungswärme das Gesicht.

Nach sechsstündigem Schneestampfen sind wir glücklich, uns im Schlafsack ausstrecken zu können und die Suppe zu geniessen, die uns der Sherpa serviert. Aber die Ruhezeit ist kurz. Gegen 8 Uhr bringt uns einer unserer jungen Sherpas aus dem Basislager den Bericht über das Befinden Vittoz '. Sein Zustand hat sich verschlimmert, und unsere Kameraden sind beunruhigt. Trotz dunkler Nacht entschliessen wir uns, abzusteigen. Es geht mühsam, mit vielen Fehltritten auf dem unstabilen Moränenboden, vor allem aber geplagt von der Sorge um den Kranken.

Im Basislager angelangt, sehen wir, dass Vittoz'Zustand ernst ist. Gendre wird ihn die ganze Nacht beaufsichtigen. Da der Kurier morgen zurückkehren muss, schreibe ich eilig einige Briefe, darunter einen an Pater Moran und einen an die schweizerische Gesandtschaft in Indien, mit der Bitte, uns einen Arzt zu schicken.

Der Puls des Kranken ist auf 120 gestiegen, seine Temperatur schwankt zwischen 39,5 und 40°. Der erfinderische Gendre hat einen Destillierapparat konstruiert, um das Wasser für die Einspritzungen vorschriftsgemäss destillieren zu können. Wir lösen uns in der Pflege ab und überlegen, wie die Evakuation unseres Kameraden erfolgen kann. Fürs erste handelt es sich darum, ihn nach Sangje hinunterzubringen, wo ihm die geringere Höhe vielleicht das Atmen erleichtern wird.

Der Läufer ist abgegangen. Unsere ganze Hoffnung ruht auf diesem Nepalesen, der uns versprach, in sechs bis sieben Tagen Kathmandu zu erreichen.

Unsere Sherpas haben eine Bahre konstruiert. Aber, können wir den Transport des Kranken riskieren, der 40° Fieber hat, während vier Stunden bei Regen und über die Moränen?

Der Entschluss ist trotzdem gefasst. Am Morgen des 30. September ist alles bereit. Vittoz kann seine Tränen nicht zurückhalten, da er sich im klaren darüber ist, dass für ihn die Expedition zu Ende ist und dass er auch für uns eine Hinderung bedeutet.

Der kleine Trupp macht sich auf den Weg. Drei Sherpas tragen den Kranken, und die andern folgen mit dem Material und mit Lebensmitteln. In Sangje legen wir ihn nieder, in der Hütte eines Jak-Schäfers. Gendre konstruiert eine Dachluke, um den feuchten, düstern Raum etwas zu erhellen.

Vittoz hat den Transport nicht schlecht überstanden. Die Sherpas können ins Basislager zurückkehren, während Claude Kogan, der Sherpa Pemba Norbu und ich bleiben, um ihn zu pflegen.... Und die Tage verstreichen. Ich habe den Verbindungsoffizier nach Chilime geschickt, mit dem Auftrag, uns zwölf starke Träger zu besorgen, um Vittoz und das Gepäck seiner Begleiter nach Kathmandu zu tragen.

Unterdessen befördern die Leute im Basislager das Material nach Lager I, während ich und Claude Kogan den Kranken betreuen. Immer wieder, wenn wir aus seinem Kranken-raum kommen, besprechen wir die Lage, und jeden Tag hoffen wir, dass die Fiebertemperatur sinken werde. Aber sie bleibt um 39° herum. Und draussen Nässe, Regen, Schnee!

Eines Morgens hellt der Himmel auf. Eilig greifen wir nach den Feldstechern, um zu erspähen, was im Lager I vorgeht oder am Osthang des Ganesh... Auch unsere Kameraden dort oben kommen nicht weiter. Die Lawinen stürzen von allen Seiten herunter. Ein Träger bringt uns jeden Tag vom Basislager Nachricht und steigt mit einer Last Holz wieder zurück. Eine beschwerliche Arbeit. Bei jedem Wetter barfuss, im Regen und im Schnee, erfüllt der tapfere Nepalese seine Pflicht. Er wird diese Tage am Fuss des Ganesh-Himal nicht vergessen!

Die Zeit verstreicht. Ich lasse Claude Kogan zum Basislager hinaufgehen und bleibe bis zur Ankunft der Träger allein bei Vittoz. Claude Kogan und Gendre sollen oben die Führung übernehmen, und ich schärfe ihnen ein, vorsichtig zu sein.

Die obere Gruppe ist wieder zum Lager I aufgestiegen und arbeitet recht hart an der Ausbesserung der durch die letzten Schneefälle entstandenen Schäden. Sie verlegen das Lager an einen lawinengeschützten Ort. Von Sangje aus verfolge ich die Dislokation der Seilschaften nach Lager II. Eines Tages sehe ich zwei Mann aufsteigen und nur einen wieder absteigen. Ich sende eine Meldung hinauf, dass sich kein Mann allein auf dem Gletscher bewegen dürfe und keiner allein im Lager bleibe.

Das schlechte Wetter hält an. Es fällt übermässig viel Schnee. Ich bin beunruhigt wegen des allein im Lager II zurückgebliebenen Kameraden, erhalte dann aber die beruhigende Mitteilung, dass sich Eric Gauchat wieder zu ihm begeben habe ( es handelte sich um Gendre ) und dass alle beide ohne Zwischenfall zum Lager I zurückgekehrt sind, obwohl eine Lawine auf das Zelt im Lager II niederging.

Der Zustand von Vittoz scheint sich endlich zu bessern. Eines Tages kommt unser Nepalese bei strömendem Regen, nass bis auf die Haut, vom Basislager und erklärt, dass er diesmal nicht am gleichen Tag zurückkehren wolle, da er zu sehr friere. Wie gut ich den armen Kerl begreife! Ich entschliesse mich, selber aufzusteigen und nachzusehen, was dort vorgeht. Vittoz stimmt mir zu. Pemba Norbu wird sich seiner annehmen und in der Nacht in seiner Nähe schlafen. Nun gehe ich Pembas täglichen Weg: bei Regen und Schneetreiben ein vier-stündiges unendlich mühsames Stapfen durch den tiefen Schnee.

Basislager. Wir besprechen zusammen die Lage. Die Lebensmittelvorräte sind geschwunden. Eine Partie hat sich auf den Weg nach den Lagern I und II begeben; eine andere ist zu Vittoz abgestiegen. In Sangje ist das Wetter weiter schlecht. Die Seilschaft im Lager I kämpft gegen den entfesselten Schneesturm, um unser Material zu sichern. Und dabei sollen Entschlüsse gefasst werden! Auf der einen Seite scheint es Vittoz besser zu gehen, auf der andern Seite werden unsere Aufstiegsbedingungen immer härter... Guinot und Morel wollen Vittoz nach Kathmandu begleiten. Um diese Freundespflicht zu tun, geben die beiden Kameraden alle Hoffnung auf das Erreichen des Gipfels auf. Die Expedition ist zu meinem grossen Bedauern nun aufgeteilt.

Glücklicherweise ist das Wetter am 17. Oktober gut. Das Lagerspital von Sangje kann evakuiert werden. Mögen unsere tapferen Kameraden ohne Zwischenfall nach Chilime ge- langen, über Pässe und Grate von mehr als 4500 m HöheAm gleichen Abend trifft der Läufer ein, mit Briefen aus Europa, von unsern Familien, unseren Freunden. Sie bringen glückliche Entspannung. Am nächsten Morgen zeigt sich endlich ein strahlender Himmel. Ich breche früh auf, um meinen Kameraden ihre Post zu bringen. Aber sie sind alle schon im Lager II, und am Mittag fällt wieder Schnee. Ich krieche in mein kleines Zelt im Lager I.

Ich habe Mühe, einzuschlafen. Meine Gedanken begleiten den Trupp auf ihrem Weg nach Kathmandu. Dann springen sie wieder auf die kommenden Tage über und ich überlege die Besteigung des höchsten Gipfels. Wie werden wir den Südgrat erreichen und damit ein Lager III? Wird ein Lager IV nötig sein? Werden wir vor dem Einbruch der Winterstürme und der grossen Kälte unser Ziel erreichen? So viele Fragen, auf die ich keine Antwort weiss!

Ich wusste nicht, dass sich die Ereignisse so schnell und so tragisch abwickeln sollten.

19. Oktober. Der Morgen dämmert unfreundlich, mit Nebel und Schneetreiben. Gegen 8 Uhr breche ich auf. Die Sherpas folgen in meinen Spuren. Als wir die steilste Stelle, wo die Kameraden ein fixes Seil angebracht haben, passieren, springt uns der Sturm an. An allen Graten stehen die Schneefahnen. Aber wir müssen weitersteigen trotz dem Sturm, der kein Nachlassen zeigt.

Gegen Mittag erreiche ich Lager II und treffe hier Gendre, Claude Kogan und Gauchat im Kampf mit den entfesselten Elementen. Sie brechen das Zelt ab, um dann in der Eishöhle, die sie gegraben haben, Schutz zu finden. Gauchat hilft mir, um auch für mich Platz zu schaffen. Eine mühsame Arbeit auf 5700 m Höhe, kauernd mit der Schaufel Kubikmeter von vereistem Schnee herauszuschaffen! Wie viele Pickelschläge und Schaufelschübe braucht es doch, um vier Sahibs und ebensoviele Sherpas unterzubringen!

20. Oktober. Frühe Tagwache. Aber schlechtes Wetter, Schneefall. Es ist unmöglich, einen Weg nach Lager III auszukundschaften. Wir werden beinahe mutlos.

21.Oktober. Gendre, der sich erkältet hat, muss im Lager II bleiben. Wir andern: Claude Kogan, Gauchat und ich, steigen im Couloir über unserm Lager hoch. Nachdem wir den Bergschrund überschritten haben, mühen wir uns im unsichern Schneehang ab. Von 5900 m an nimmt die Steilheit noch zu. Wir müssen ein Lawinencouloir queren und auf der rechten Seite desselben bei noch grösserer Steilheit weitersteigen. Einige Felsbänder ermöglichen gute Sicherung. Wir schlagen Haken ein, um fixe Seile zu befestigen: im Himalaya heisst es immer, den Rückzug so gut als möglich zu sichern.

Wir nähern uns dem First, abwechselnd Stufen schlagend. Die Hangneigung erreicht nun 60 Grad. Was wir heute erleben, erinnert uns an den Aufstieg im Nordcouloir des Mont Blanc de Tacul.

Aber viel Zeit verstreicht, und wir müssen daran denken, vor Eintritt der Dunkelheit den Abstieg hinter uns zu bringen. Nur den Grat möchten wir noch erreichen, um einen Blick auf die andere Seite werfen zu können... Claude Kogan, die jetzt die Führung hat, versucht, links hinüber zu traversieren, aber der Zustand des Schnees wird hier so gefährlich, dass wir aufgeben müssen. Wir würden sonst riskieren, ein Schneebrett anzutreten. Und es wäre ein Sturz in achthundert Meter Tiefe...

Also Rückkehr, mit der Enttäuschung, nichts über den Weiterweg erfahren zu haben! Wir kommen im Abstieg nur langsam vorwärts, denn wir sind vom stundenlangen Gehen in den steilen Schneeflanken müde. Beim Bergschrund überfällt uns die Nacht, und wir sind froh, dass uns Gendre, der sich wieder erholt hat, und die Sherpas mit Feldflaschen voll heissen Tees entgegenkommen.

Am Abend halten wir in unserer Schneehöhle Rat. Unser Plan ist: einen ersten Materialtransport auf Punkt 5900 m durchzuführen, dann zusammen Lager III festzulegen und ein- zurichten. Die Flanken nach dem Grat sind weniger schroff, wie wir von der Südscharte aus feststellen konnten. Wir werden sicher einen Platz für dieses Lager III finden. Die Chargen für morgen sind verteilt: Gendre wird mit den Sherpas schon in der Dämmerung auf brechen... Die Nacht ist lang, feucht und kalt.

22. Oktober. Gendre ist aufgebrochen. Wir verfolgen sein Vorrücken und beobachten mit Genugtuung, dass unsere Spuren gut geblieben sind, was ihnen den Aufstieg erleichtert. Was uns betrifft, machen wir unsere Sachen bereit und rüsten uns für den Angriff.

23. Oktober. Meine Kameraden haben die Seile, die das Erreichen des Südgrates erleichtern, festgemacht. Ich werde als letzter mit den Sherpas weggehen, die voll entschlossenen Willens sind. Der Himmel ist klar und lässt uns hoffen, dass wir das Couloir sehr bald verlassen können. Als wir die Spitzengruppe eingeholt haben, übernehme ich die Führung für die Querung des letzten Steilhanges vor dem Grat. Langsam, jede Stufe mit grösster Behutsamkeit in den Schnee tretend, durchschneide ich diesen Steilhang von mehr als 55 Grad Neigung auf einen Felsen zu, den einzigen hervortretenden festen Punkt, an dem ich die Seile befestigen kann. Nun kann jeder der Kameraden und Sherpas einzeln nachfolgen... Alles geht gut: endlich stehen wir auf dem Südgrat!

Eine überwältigende Rundsicht! Und es ist erst 11 Uhr. Vor uns sind die Hänge weniger abweisend, aber doch noch gefährlich genug; denn der Schnee ist windgepresst, so dass wir befürchten müssen, eines dieser wenig gefestigten Schneebretter anzutreten.

Wir steigen nun in die linke Flanke des Südgrates, indem wir die grössten Spalten umgehen. Bei einer Art Bergschrund angekommen, entschliessen wir uns, anzuhalten, um so rasch als möglich für die Nacht einen Unterstand auszugraben. Die Sherpas schauen griesgrämig drein: sie möchten bei uns bleiben, um morgen mit uns die Besteigung des Gipfels zu versuchen. Da sie jedoch schon genügende Lasten zu tragen hatten, haben sie ihre Schlafsäcke nicht mitnehmen können. Mit Bedauern drücken wir ihnen die Hand und geben ihnen für den Abstieg Ermahnung zur Vorsicht mit. Morgen werden sie wieder aufsteigen und unser Vorrücken verfolgen.

Nach grossen Anstrengungen sind wir so weit, uns einnisten zu können und unverzüglich an die Bereitung unseres Essens und vor allem warmen Getränkes zu machen. Leider fühlt sich Gendre wieder nicht gut, und einmal mehr sind wir froh über die Hilfe aus unserer Apotheke. Die atmosphärischen Bedingungen sind für unser Biwak kläglich. Wohl ist der Himmel klar; aber der Sturm peitscht den Schnee über die Hänge und Grate. Da mein Platz zuäusserst ist, werde ich eine mühsame Nacht haben, da ich immer wieder genötigt bin, eindringenden Pulverschnee wegzuräumen.

24. Oktober. 3 Uhr morgens. Ich stehe auf, um Tee und Porridge zu bereiten. Meine Kameraden kleiden sich auch an, einer nach dem andern, da sich bei der Enge des Raumes nicht alle gleichzeitig aufrichten können. Dann, mit den Steigeisen an den Füssen, verlassen wir unsern Kameraden Gendre, den wir in alle unsere Schlafsäcke eingepackt haben.

5 Uhr 30. Der Morgen dämmert mit heftigem Wind. Wir seilen uns in folgender Reihenfolge an: Gauchat an der Spitze, dann Claude Kogan, dann ich. Wir queren auf zweihundert Meter in der Waagrechten und erreichen so die Mitte der Südflanke. Die Beschaffenheit des Schnees gefällt mir nicht; er scheint mir gefährlich, denn er tönt hohl unter den Schritten. Langsam gewinnen wir dann an Höhe. Als wir auf 6400 m kurzen Halt machen, bittet mich Gauchat, sich losseilen zu dürfen. Ich kann nicht zustimmen, und wir nehmen den Anstieg gegen den Grat, der Süd- und Osthang trennt, wieder auf. Je näher wir dem Ziel kommen, um so mehr nimmt die Heftigkeit des Windes zu, der uns zweimal zum Anhalten zwingt. Unsere Erfolgschancen scheinen gering. Wenn wir den Gipfel heute nicht erreichen, werden wir unser Ziel überhaupt nicht gewinnen können... Auf allen Vieren, an den Pickel geklammert, überschreiten wir den Grat, und über eine lange Flankentraverse gelangen wir zum Fuss eines Felsspornes auf der Westseite.Von da bleibt uns noch ein ausserordentlich schroffer Hang bis zum Sattel zwischen dem Süd- und Nordgipfel.

Das nahe Ziel spornt uns an. Vorwärts! Im Spuren einander häufig ablösend, erreichen wir um 11 Uhr 45 den Sattel, und von diesem queren wir nach links zum höheren Nordgipfel und gelangen endlich um 12 Uhr 30 über einen scharfen und verwächteten Grat in schlechtem Schnee zum höchsten Gipfel!

Eric Gauchat ist der erste. Es ist sein erster Siebentausender. Er pflanzt den Pickel mit dem Schweizer Fähnchen und dem Fähnchen Frankreichs auf. Wir steigen nur einer nach dem andern auf den obersten Gipfelteil, der so spitz ist, dass wir befürchten, die Wächte könnte abbrechen und in die tibetanische Flanke stürzen. Wir machen einige Aufnahmen. Aber wir empfinden nicht das übliche Gefühl der Entspannung, das man gewinnt, wenn man den Fuss auf einen Gipfel der Alpen setzt. Wir hatten körperlich und seelisch wohl schon zu sehr gelitten durch diese verlängerte Monsunzeit, durch die Krankheit Vittoz ', die aufgeteilte Expedition. Wenn wir zurück sind, werden wir das schweizerische Fähnchen Morel, das französische Gendre übergeben...

Auf dem Grat zurück machen wir noch einige Fotoaufnahmen. Und wieder beginnt die Auseinandersetzung mit Gauchat, der sich losseilen will. Ich verbiete ihm das in aller Form. Aber er tut es trotzdem, indem er erklärt, nach dem Lager III vorausgehen zu wollen, um Tee zu bereiten. Claude Kogan und ich, immer noch mit dem Seil verbunden, folgen ihm in kurzem Abstand; aber oft müssen wir anhalten, um einem jähen Windstoss widerstehen zu können. Der Himmel ist von einem sehr dunklen Blau. Ringsum reisst der Sturm den Schnee von den Graten.

Am Fuss des Hanges, wo die Flanke gequert werden muss, im schlechten, unangenehmen Schnee, sehen wir unsern Freund eben den Grat erreichen. Es ist 3 Uhr nachmittags... Wir traversieren die Stelle, halten im Schutz der Séracs, fünf Minuten. Der Nebel steigt am Südhang empor. Langsam breiten sich die Schatten über die Täler.

Wir nehmen den Abstieg wieder auf. Claude Kogan geht voraus und folgt den Spuren Gauchats; aber beim Überschreiten einer harten Schneemauer hören die Spuren plötzlich auf. Dreissig Meter weiter unten entdecken wir den Pickel mit den Fähnchen! Die Angst packt uns. Was ist geschehen ?! Hundert Meter nach dem Pickel stossen wir auf den Skistock... Kein Zweifel mehr: Gauchat ist auf dem Hang, der vom Sturme poliert und viel glätter ist als am Morgen, ausgeglitten. Wir steigen in der Fallinie weiter ab. Nichts! Der Nebel verschleiert alles... Wir steigen mühsam zum Lager III auf, hoffend, dort unsern Freund zu finden. Hélas! Gendre allein antwortet auf unsere Rufe. Er hat Gauchat um 15 Uhr 10 noch gesehen und ist dann wieder in die Schneehöhle gekrochen, um Tee zu brauen.

Wir warten die ganze Nacht, immer noch hoffend, Gauchat werde wiederkommen. Aber der Morgen dämmert, ohne unsere Sorge zu beheben. Es ist der 25. Oktober. Der Sturm tobt wahnsinnig...

Gendre und ich steigen zur Vertiefung hinab und nahe bei den Serac-Brüchen vorbei. Nichts, wieder nichtsDie Ungewissheit quält uns immer mehr. Dann entdecken wir endlich mit dem Feldstecher, sechshundert Meter unter uns, einen schwarzen Punkt und einen zweiten etwas höher. Doch sind wir nicht ganz sicher. Aber die Hoffnung ist zähe. Wir müssen versuchen, hinzugelangen. Über den Südhang abzusteigen ist unmöglich.

Wir steigen wieder zum Lager III auf und dann mit Claude Kogan und den Sherpas zum Lager II ab... Es ist ein qualvoller Abstieg. Wir können das tragische Verschwinden unseres Kameraden immer noch nicht fassen. Unsere Sherpas verstehen, dass sich etwas Schreckliches ereignet hat. Schweigend erreichen wir Lager II. Wir sind alle äusserst müde, erschöpft. Unsere Sherpas steigen noch zum Lager I ab, um am andern Tag zurückzukehren und das Material zu holen, während wir drei von neuem zum Südgrat aufsteigen werden zur Höhe der « Tête Blanche », ca. 5600 m.

26.Oktober. Von der « Tête Blanche » aus haben wir sehen können, dass kein Zweifel besteht: es ist der Körper von Eric Gauchat. Während Claude Kogan auf dem Grat zurückbleibt, um die Sherpas abzuwarten und ihnen zu sagen, sie sollen uns entgegengehen, steigen Gendre und ich etwa 60 Meter tief zum Gletscher ab. Nach einer horizontalen Querung von etwa 35 Minuten Dauer erreichen wir unsern toten Freund. Trauer würgt uns. Claude Kogan verfolgt uns mit dem Feldstecher vom Grat aus und hat verstanden, was geschehen ist. Unser Platz ist gefährlich: Séracs können jederzeit abstürzen. Gendre steigt hundert Meter höher, um den Rucksack zu holen; dann ziehen wir den toten Gauchat an einen geschützten Ort, ehe wir ihn zur « Tête Blanche » bringen. Wir sinken im Harschschnee ein. Es ist unmöglich, weit zu gehen. Die Sherpas stossen zu uns, und gemeinsam tragen wir unsern armen Eric zum Fuss des Grates. Aber schon ist es spät geworden, so dass wir ihn hier zurücklassen müssen. Wir steigen alle ab, niedergeschlagen, um im Lager I die Nacht zu verbringen.

Am 27. Oktober bereiten wir beim Lager I die Ruhestätte für unsern Freund. Gendre kratzt auf einer Steinplatte dessen Namen und das Datum ein.

Am 28. Oktober, als wir den Toten holen, löst sich ein Schneebrett und droht uns alle zu begraben. Glücklicherweise kommt die Schneemasse zur Ruhe, ehe sie uns erreicht. Gewarnt, beeilen wir unsern Abstieg.

Wir haben unserm Kameraden die letzte Ehre erwiesen. Es bleibt uns nur noch, mit gepresster Kehle schweigsam zum Basislager abzusteigen. Hier warten wir drei Tage auf die Träger. Das schöne Wetter, sehr kalt in der Nacht, hat sich endlich stabilisiert.

Am 31. Oktober sind unsere Leute da. Wir verlassen den Ort des tragischen Geschehens. Wenn wir den Sattel auf 4600 m Höhe überschreiten, werden sich unsere Blicke ein letztes Mal zum Ganesh wenden, diesen Berg, den wir « bezwungen » haben, der aber einen so schweren Tribut von uns gefordert hat.

Heute ist jeder von uns wieder in sein Land, in sein Heim und in seinen Alltag zurückgekehrt. Pierre Vittoz, der mit grosser Aufopferung nach Kathmandu gebracht worden war, hat Ende Dezember nach Leh zurückkehren können, glücklich von seiner Krankheit genesen. Er hatte ein heftiges Sumpffieber und eine Lungenentzündung durchgemacht. Nach und nach werden die Nachwirkungen der Anstrengungen und Gefahren dieser harten Expedition, die unter schwierigsten Witterungsverhältnissen durchgeführt werden musste, auch bei uns sich glätten. Nie aber werden wir den Kameraden vergessen, der für immer dort ruht, auf 5030 m Höhe in der Gratflanke des Ganesh-Himal: Eric Gauchat.

Übersetzung F. und M.Oe.

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