Die Gemsen

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Die Gemsen.

Vortrag,

gehalten in der Sektion Basel des S.A.C., von Prof. F. Zschokke.

Dem Bergwanderer gilt die Gemse als verkörpertes, zu warmem Leben gewordenes Sinnbild der Hochalpen und ihrer Naturkräfte. Beim blossen Gedanken an die leichtfüssige Gazelle hebt sich vom tiefblauen Himmelsgewölbe Turm und Grat ab; es blinkt das Firnfeld, und im Ohr tönt der Donner der Lawinen; der Bergwind rauscht in den Ästen alter Arven. Bergfreude und Bergheimweh, das nie ganz schweigt, verklärt die Gestalt des Grattiers und umgibt sie mit poetischem Schimmer.

Kühl abwägend dagegen tritt der Zoologe der Gemse entgegen. Seine nüchterne Wissenschaft bezeichnet in ihrem sachlichen Einteilungsversuch als « Gemsen-artige » eine Unterfamilie der Antilopen, arm an Arten, doch reich an verschiedenen Formen. Sie muss auch hier wieder ihr Unvermögen eingestehen, die quellende Gestaltenfülle des Lebens in die engen Schranken des künstlichen Systems zu pressen. Es gelingt der Zoologie nicht, die Gemse und ihre Verwandten in eine durch allgemein gültige Merkmale scharf umgrenzte Gruppe zu bannen. In seinem fruchtlosen Bemühen, umfassende Kennzeichen aufzudecken, verliert sich der Systematiker in Kleinigkeiten, wie sie der Zufall formt, und es bleibt dem persönlichen Gutfinden des einzelnen überlassen, der kleinen Wiederkäuer-abteilung weitern oder engem Umfang zu geben.

Die Unterfamilie führt in einer abgestuften Reihe von den tieferstehenden Antilopen zu den eine höhere Stellung einnehmenden Schafen, Rindern und Ziegen; innerhalb der Stufenfolge aber bleibt sich kaum ein anderes Merkmal gleich als gewisse Eigenschaften der Bezahnung, der kurze Schwanz, der Besitz von vier Zitzen, die zum grössern oder kleinern Teil unbehaarte Schnauze und der Umstand, dass beide Geschlechter Hörner tragen.

Eines aber umfasst alle in der Gruppe Vereinigten, ein Merkmal der Lebensgewohnheit; alle Gemsenartigen sind Kinder der Berge, Geschöpfe des Hochgebirgs, dem sie zugleich Leben und Anmut verleihen und dessen gewaltige Erhabenheit sie in ihrem Bau wiederspiegeln. Die vom Berg Geschaffenen bewohnen in drei Gattungen und mehreren Arten die riesigen Gebirgsmassive Südostasiens, durchklettern als echte Gemsen die europäischen Berge und tauchen noch einmal als Schneeziegen in der neuen Welt auf, in den weitgedehnten, verlassenen Ketten des nordamerikanischen Felsengebirges.

In Asien dehnt sich das Wohngebiet der Gemsenantilopen am weitesten. Es erstreckt sich vom Himalaya nach Osten bis in die Gebirge von Japan, Formosa und Tonkin, umfasst die malayische Halbinsel und Sumatra und umspannt zugleich die Hochgebirge von Indien und China. Eine Gemsenform wagt sich von Korea bis in das Stromgebiet des Amur und erreicht damit von allen Verwandten der alten Welt die höchste nördliche Breite.

In dieser fast grenzenlosen Heimat, reich an Gegensätzen und unerschöpflich an wechselnden Lebensbedingungen, ist es der schaffenden Kraft auch gelungen, die grösste Mannigfaltigkeit von Gemsen zu erzeugen, die absonderlichsten Gestalten zu formen. Die Berge Japans durchstreift die Wollhaargemse; in Westchina treten an ihren Platz die Ziegenantilopen, und am Himalaya klettert, mit der Gemse Europas an Gewandtheit und Schnelligkeit wetteifernd, der graurote, dunkler gesprenkelte Goral. Seine Rudel bevorzugen den Höhengürtel von 1000 bis 2000 Meter Erhebung; sie fühlen sich im dichtverflochtenen Unterholz des Urwaldes ebensogut zuhause wie am abschüssigen, steinigen Hang und auf der schroffen, halsbrechenden Klippe.

Das abenteuerlichste Geschöpf aber im engen Kreis der gebirgsbewohnenden Wiederkäuer brachte die Natur in der Rindergemse oder Gemsziege Südostasiens hervor. Sie verlieh dem seltenen und in seiner Lebensweise wenig bekannten Tier den klotzigen Schädel des nordpolaren Moschusochsen, bewehrte denselben mit den spitzen, geknickten Hörnern des afrikanischen Gnus, verzierte den Kopf mit einem Bocksbart und vollendete die seltsame Erscheinung durch das breite Maul und die grossen Nüstern des Rindes, den behaarten Kurzschwanz der Gemse, die abfallende Rückenlinie und die stämmigen Beine der nordamerikanischen Schneeziege. So entstand ein fremdartiges Lebewesen, in dem sich die Erschei-nungsmerkmale zahlreicher anderer, weit über den Erdball verstreuter Horn-träger absonderlich mischen. Ein struppiges, strohgelbes bis dunkelbraunes Fell bedeckt die Oberseite der an der Schulter meterhohen Tiere.Von dem heilem Kleid hebt sich ein schwarzer Rückenstreifen und die dunkle Färbung von Kopf und Nacken, von Schwanz, Beinen und Unterseite ab.

Im Winter suchen die Rindergemsen die tiefen, schattigen Täler auf, über denen ununterbrochen feuchter Nebel lagert und brauende Wolken treiben. Der Sommer vereinigt die Tiere zu grössern Herden und zieht sie hinauf nach dem freiem Kamm der zerklüfteten Granitberge, wo zwischen hochstämmigen Nadelbäumen üppig das Unterholz wuchert. Dann bietet sich manch packendes Bild. Aus dem dicht verwachsenen Gestrüpp in berückender Farbenfülle blühender Rhododendren bricht das Rudel hervor, stattliche Bullen, deren Fell in der Tropensonne goldgelb glänzt, und kleinere, hell silbergrau schimmernde Kühe. Sorglos äst die Herde, im Wald der Farrenkräuter beinahe versinkend; nur der Leitstier hebt sichernd den ungeschlachten Schädel. Auf seinen Warnruf, ein heiseres Husten, stiebt die weidende Schar auseinander, und die Tiere, die eben noch plump wie zottige Bären einhertrottelten, wenden sich zu wind-schneller Flucht. Sie folgen in rasender Eile dem führenden Bullen über Kluft und Klippe, und wenn er sie auch zum Todessprung über die senkrechte Felswand leiten sollte.

Das Bild der Landschaft wechselt. Endlos und eintönig streichen unter dem lichtlosen Himmel die Ketten des nordamerikanischen Felsengebirges. Ihre Flanken bekleiden dunkle Nadelholzforste; die rauhen Felskämme senden ungefüge Schuttströme zu Tal, und in den schweigsamen, dunkelbraunen Seen weiter Hochtäler spiegeln sich Flecke und Felder nie schmelzenden Schnees-Licht und Farbe erstirbt in ernster, tiefer Melancholie. In diese Bergeinöde der nördlichen neuen Welt bringt Leben und Gegensatz ein seltsam gebauter und fremdartig gekleideter Vertreter der Gemsen.

Die Schneeziege erinnert in der äussern Erscheinung an die Antilopen sowohl, als an die zahmen Ziegen der Alpen. Mit den letztern teilt sie auch die Grosse, doch ist ihr Körperbau gedrungener, der Hals kürzer und die Beine wachsen zu stämmigen Säulen aus. Den Gemskrickeln ähneln die beim Bock 20 bis 27 cm langen, in einfachem Bogen nach oben, hinten und aussen gekrümmten Hörner. Das grosse Auge, die gestreckte Schnauze, die zugespitzten mittel-langen Ohren und der kurze, oben und seitlich buschig behaarte Schwanz vervollständigen das Bild des ziegenähnlichen Geschöpfes.

Besondere Schönheit aber verleiht der Felsenziege ihr reinweisser Pelz, der wie frischgefallener Schnee schimmert und wie glitzernde Seide glänzt. Er macht aus dem Tier ein Wunder der Behaarung, und wenn irgendwo das einst vielgebrauchte Wort « Es ist erreicht » auch heute noch Berechtigung besitzt, so passt es auf die Haar- und Barttracht der nordamerikanischen Bergantilope.

So kam es auch, dass die weissseidenen Vliesse in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bei der Damenwelt in hoher Gunst standen und mit schwerem Geld bezahlt wurden. Heute hat sich die launische Mode, diese frivole, lachende Mörderin, von dem zu Tode gehetzten Tier abgekehrt, zum Glück für seine ungefährdete Weiterexistenz.

Zum dichten, fettigen Fell verweben sich lange, straffe Grannenhaare und der flockige Flaum zarter Unterwolle.Vom Hinterkopf fällt nach allen Seiten ein Haarbusch weit herab; er setzt sich über Hals und Rücken bis zur Schwanzwurzel in eine aufrechtstehende Mähne fort. Auch über die Schulterblätter legt sich ein modischer, seidener Haarkragen; die Beine umhüllt ein mähnenartiger Behang, und das Schwanzende schmückt eine lange Grannenquaste. Zarteste Flaumwolle sprosst auf dem ganzen Bocksgesicht und lässt nur die Augenspalten frei, die Lippenränder und die Nasenlöcher. Kinn und Wangen endlich umrahmt üppig ein langer, wohlgepflegter und gescheitelter Backenbart. Seine sorgfältig abgeteilten und geringelten Locken würden der Frisierkunst jedes Figaro auf den Pariser Boulevards oder des gewandtesten Parruchiere an der Via di Toledo in Neapel alle Ehre machen.

Dieses stutzerhaft in tadelloses Weiss gekleidete Tier bewohnt in manchen Unterarten den ödesten Höhengürtel des Felsengebirges bis zum 65 ° nördlicher Breite in den trostlosen, vom Schneesturm gepeitschten Schneewüsten von Alaska. Seine Heimat begrenzt der obere Waldsaum und der Rand des kaum noch schmelzenden Schneefeldes. Moose und auf dem nackten Gestein kriechende Flechten, dürftiges Strauchwerk und die harzigen Triebe verkümmerten Krummholzes bieten der Schneeantilope bescheidene Äsung. Wie die Gemsen, so lockt auch die Schneeziegen die Fülle des Sommers hinauf zum freien, luftigen Kamm; die Not und Sorge des Winters lässt die gegen die Wetterunbill empfindlichen Tiere den Schutz der tieferliegenden Wälder aufsuchen, ohne sie indessen aus dem Hochgebirge zu vertreiben.

Dem Jäger, der das gesuchte Wild zu beschleichen trachtet, fällt die Annäherung an die scheuen, vorsichtigen Tiere schwer. Gewarnt von Gehör und Geruch, erschreckt vom fallenden Stein, der sich unter dem Fuss des Menschen löst, oder vom rollenden Schuss, setzt sich das Rudel zur Flucht, die Böcke als Führer voran, dann gemsengleich in langer, einfacher Reihe die Geissen und Kitze. Wie von Flügeln getragen, schwingen sich die flüchtigen Ziegen über Spalten und Klüfte; sie stürmen auf schmaler Felskante am Abgrund dahin und verlieren ihre Sicherheit nicht auf dem steilen Firnfeld noch beim Queren der vereisten, vom Steinschlag durchtobten Runsen, und bald entschwinden die weissen, beweglichen Punkte wie flüchtig gewordene Schneeflecke dem Auge des enttäuschten und zugleich bewundernden Verfolgers.

Neben der herausfordernden Erscheinung und dem fremdländischen Prunk der Verwandten aus Asien und Amerika nimmt sich die europäische Gemse recht bescheiden, fast kleinbürgerlich aus.

Die Gemse trägt die Eigenschaften zur Schau, die der rauhe Berg seinen Geschöpfen aufprägt und die er von seinen Bewohnern unerbittlich fordert. Wie -der Adler den Luftkreis des Hochgebirges mit seinem durchbohrenden Auge und -seinen weittragenden Schwingen beherrscht, so gebietet die Gemse mit geschmei-digem Huf über das Erdreich, über Fels und Eis, über Klippe und Schrund.

Jedem, der das Gebirge durchstreifte, schweben die Umrisse des Gemsen-bildes scharf gezeichnet und unverrückbar vor: die gedrungene, bartlose Ziegen-;gestalt, die Kraft und Behendigkeit zugleich verrät; der fast plumpe Leib mit dem massig schlanken Hals, auf dem der kurze, rasch zur behaarten Schnauze sich verjüngende Kopf sitzt, die gestreckten und doch stämmigen Glieder, der abgestutzte Stummelschwanz.

Den Kopf kennzeichnen, neben der gefurchten Oberlippe und dem spitzen Ohr, besonders die von Bock und Geiss auf dem Scheitel über den grossen, weitblickenden Gazellenaugen getragenen Hörner. Sie erheben sich als Überguss steiler Knochenzapfen senkrecht und etwas auseinanderstrebend in die Höhe, um mit den Spitzen zu einem scharfen Haken nach hinten und unten umzubiegen. Die Krickel sind drehrund, an der Wurzel geringelt und von Längsrippen durchzogen, an der Spitze glatt und glänzend poliert und zugeschärft. Sie liefern die ^furchtbare Waffe, die von der Gemsenmutter heldenmütig gebraucht wird, wenn der Adler auf das Kitz stösst, oder wenn der räuberische Fuchs das Junge beschleicht. Mit den Hörnern reisst der Bock dem schwächern Rivalen zur Brunstzeit die Flanken auf und schlitzt, vom Hund in die Enge getrieben, seinem Verfolger den Bauch.

Zu den von Sammlern und Nimroden gesuchten Seltenheiten zählen Missbildungen des Gemsgehörns. Als Folge von während des Wachstums eingetretenen Verletzungen durch Schuss und Steinschlag strecken sich die Krickel gerade oder biegen sich nach aussen um. Gemsköpfe aber mit vier Hörnern, wie sie etwa als Wandschmuck und erinnerungsreiche Jagdtrophäe in der guten Stube des Salontirolers in Berlin-West oder am Kärntner Ring in Wien prangen, wurden nie von einem wirklichen Grattier getragen. Es sind Schädel vierhörniger Ziegen, welche die Menschenkenntnis eines geschickten und erfindungsreichen Gebirglers durch Besatz mit Krickeln in Gemsköpfe verwandelte und um goldenen Lohn an den richtigen Mann brachte. Stattliche, wohlgewachsene Gehörne erreichen beim Bock Längen von 240 bis 250 mm, bei der Geiss bleiben sie gewöhnlich schmächtiger und kürzer, doch hält es nicht allzu selten sehr schwer, die weiblichen Hörner von denen alter Böcke zu unterscheiden. Das grösste bekannte Gehörn entstammt einer ungarischen Gemse; es mass in frischem Zustand 33 cm. Forin und Dimensionen der Gemskrickel verändern sich übrigens von Tier zu Tier, von Altersstufe zu Altersstufe in weitgezogenen Grenzen.

Ein kleines Wunder der Anpassung enthüllt der Huf der Gemse, das Vorbild des richtig gebauten Bergschuhs, breit, plump und sperrig, zugleich aber weich und geschmeidig. Er umgreift mit nie fehlender Sicherheit die Felskante, den Höcker und das schmale Gesimse und verhindert den Absturz, spreizt sich auf dem durchweichten Firn zum tragenden Schneeschuh und wird auf dem Stein mit seiner tastenden Sohle zum Kletterschuh. In der anpassenden Berührung mit dem wechselnden Untergrund nützen sich die Schalen rasch ab, doch wachsen sie ebenso schnell wieder nach. Das Wachstum setzt am stärksten am Aussenrand ein und sorgt dafür, dass ein weicher, doch scharfkantiger Rand den ganzen Huf umsäumt. Dieser Randsaum ersetzt auf dem glatten Absturz des Hängegletschers die Zacken des Steigeisens.

Im Vorherbst, wenn die Böcke feist und träge im Erlengestrüpp liegen, springt der Schuhrand in ausgefransten Fetzen weit vor; später, wenn die Brunst die Tiere Speise und Trank vergessen lässt und sie tagelang ruhelos und unstet von Ort zu Ort treibt, schleift sich der Huf gründlich ab. Der Jäger weiss gar wohl, dass der Bock vor der Brunstzeit die grössere Fährte zurücklässt als die Geiss, dass sich aber nach der Paarung das Verhältnis umkehrt.

Der Fuss bekleidet sich bis zum Huf hinab mit harten, borstigen Haaren. Diese rauhe Bürste gewährt Schutz gegen das scharfkantige Geröll und gegen die schneidenden Ränder der durchbrechenden, verharschten Schneedecke. Auf dem tönenden Fels klingelt weithin der harte Hufschlag des flüchtigen Gemsrudels.

In den kleinen Einzelmerkmalen der Fussausrüstung bekundet sich die Gemse als richtiges Schneetier im Gegensatz zum übrigen Schalenwild, das etwa den Bergwald als Heimat mit ihr teilt. Der schwere, stattliche Hirsch und das empfindliche Reh brechen leicht durch den überfrorenen Schnee; sie verwunden ihre ungeschützten Läufe und fallen, der Flucht unfähig, dem nagenden Hunger, dem Frost und dem beutesuchenden Raubzeug zum Opfer.

Einige trockene Zahlen mögen das äussere Bild der Gemse ausgestalten und festigen. Die Rückenhöhe des erwachsenen Tiers beträgt 70 bis 80 cm, die ganze Länge l,i bis 1,« m; davon fallen auf den kurzen Schwanz etwa 8 cm. Ein starker, fetter Bock mag im Herbst das Gewicht von 35 bis 45, sehr selten von 60 kg erreichen. Die Kitze werden im ersten Herbst 8 bis 10 kg schwer. Im allgemeinen sehen sich beide Geschlechter äusserlich sehr ähnlich, doch werden die Böcke gewöhnlich kräftiger als die Geissen; ihre stärkern und grössern Krickel streben weiter auseinander und krümmen sich ausgiebiger.

In ununterbrochenem Fluss verändert sich die Färbung und Dichtigkeit des derben, rauhhaarigen Gemspelzes. Die Bezeichnungen « Winterkleid » und « Sommerkleid » greifen nur zwei äusserste Punkte aus einer langen, in jedem Jahreslauf wiederkehrenden Stufenleiter heraus, die sich aus zahllosen, unmerklichen Übergängen zusammenfügt. Im Sommer, wenn die Gemsen die luftigen, von der Sonne durchleuchteten Höhen bewohnen, Grat und Kamm weit über dem Waldsaum, färbt sich das Kleid am buntesten. Über die rehfarbene, rostrote, graubraune oder verwaschen rotbraune Rückendecke läuft auf der Mittellinie ein schwarzbrauner Streifen. Die Grundfarbe verdunkelt sich auf Schultern, Weichen und Brust zu Braun, an den Füssen beinahe zu Schwarz, während die ganze Unterseite des Tieres hellere rotbraune Töne trägt. Auch Gesicht und Kehle leuchten in fahlen Farben, von denen eine dunkle, schwärzliche Längs-binde, die vom Ohr über dem Auge bis zum Mundwinkel hinzieht, scharf genug absticht. Gelbrote Flecke liegen vorn über den Lichtern. Ein Spiegelstreif der Hinterschenkel schattiert sich von Hellgelb fast bis zu reinem Weiss.

Die Farben des Sommers zieren die Gemse nur kurze Zeit. Im Frühherbst, wenn die ersten Fröste die Alpweide versilbern, wenn die niedern Beerensträucher in grellen Farben flammen und im Tal der Nebel wogt, beginnt sich das Kleid, in Abtönung und Schnitt zu verändern. Es wird dichter und langhaariger, besonders an Kopf, Unterleib und Füssen. Die an der Wurzel braungrauen, an der Spitze rostfarbenen Haare, die im Sommer nur 3 cm massen, wachsen um den mehrfachen Betrag aus und verleihen ihrem Träger ein struppiges Aussehen. Nun schmückt den Bock vorn auf dem Rückenfirst der stattliche Bart von 18 bis 22, ausnahmsweise sogar 30 cm Länge, der Gegenstand der Sehnsucht jedes Jägers, der zu Pirsch geht, und jedes « Buam », der sein « Deandl » zum Tanzboden führt. Zugleich setzt die allmähliche Umfärbung des Felles ein, und wenn der Winter seine Schneelast auf die schweigenden und missfarbenen Bergmatten wirft und die Grattiere hinab in den schützenden Wald treibt, hat sich die Decke zum warmen, dichten und dunkelfarbigen Winterkleid verwandelt. Der Rücken und die Kopfbinde glänzen braunschwarz in auffallendem Gegensatz mit dem weisslichen Bauch, der lichtem Grundfarbe des Kopfes, mit den unten hellem Beinen und mit den gelblichen Füssen. Auch die Kehle tönt sich hellrot ab. Der jährliche Ring der Umfärbung schliesst sich, sobald der Lenz aus dem ergrünten Tal in die Berge hinaufsteigt, und am besonnten Rain Crocus und Soldanelle durch die schwindende Schneedecke brechen lässt. Dann weicht die Tracht der rauhen, lichtlosen Jahreszeit, und die Gemse kleidet sich für kurze Wochen nur vorherrschend in grauschimmemde Farben.

Die Unterschiede, die der Jäger zwischen Grat- und Waldtieren, Gletscher-und Laubgemsen finden will, beruhen auf der im Jahreslauf rasch wechselnden Färbung. Eine zoologische Bedeutung, ein Wert für die Umgrenzung selbständiger Formen oder Arten kommt den wandelbaren Farben des Gemsenkleides nicht zu.

Auch im Lebensgang des einzelnen Tieres ruht die Farbgebung nicht. Frisch-geworfene Kitze sind rotbraun gekleidet mit hellerm, lichterm Anflug um die Augen; doch verdrängt die endgültige Zeichnung und Bemalung der Alten gar bald die Jugendfärbung.

Von der gewöhnlichen Farbentracht weichen einzelne seltene Exemplare der Gemse in auffallender Weise ab. Die lichten Töne des Felles schwinden ganz oder teilweise; die gelbe Backen- und Kehlzeichnung verdunkelt und erlöscht. Dann entstehen die schwärzlichen « Kohlgamsen » der Tiroler, denen der Jäger mit besonderer Leidenschaft nachstellt. Umgekehrt gewinnen die hellen Farben die Oberhand; die Decke schimmert perlfarben, und endlich bilden sich in reich abgestuftem Farbenspiel sogar weissliche Abarten der Gem'se heraus.

Die rege schaffende und gläubige Phantasie des Alpbewohners, die unter dem unmittelbaren Einfluss der schweigenden Einsamkeit des Hochgebirges steht und das geheimnisvolle Wirken dämonischer Kräfte täglich verspürt, schuf sich Gemsen weiss wie frischgefallener Schnee und schimmernd wie blinkendes Silber und umspann diese Fabelwesen mit dem üppig wuchernden Geranke der Sage und hob sie weit über die Wirklichkeit empor durch das fromme Beiwerk der Legende.

In Westeuropa vertritt das « anmutige Kind der Gebirge », wie Brehm die Gemse treffend nennt, allein die Familie der Antilopen. Erst im Südosten des Erdteils, wo sich jenseits des Dons die Kirgisensteppe endlos dehnt und zwischen Ural und kaspischem Meer ein breites Ausfallstor für Völkerwanderungen und Tierzüge aus Asien nach Europa sich öffnet, lebt eine zweite Antilope, die Saiga. Ihre Tage auf europäischem Boden sind gezählt. Während in einer jüngst verflossenen Erdepoche das scheue Geschöpf der Steppe windschnell den weiten Raum bis zum Gestade des atlantischen Ozeans durchmass, hat der Wandel der Lebensbedingungen und unablässige Verfolgung durch den Menschen die Saiga in der Jetztzeit aus Europa fast ganz verdrängt nach den grenzenlosen Steppenebenen Turkestans, die der Frühling mit einem buntgewirkten Blumenteppich schmückt, die der Glast des Sommers versengen lässt und die der harte Winter in eisige Fesseln legt.

Die Heimat der Gemse bilden heute die Hochgebirge des europäischen Festlandes, deren rauhe Flanken und Felsenhäupter sich weit über die Waldgrenze in die Zone des ewigen Schnees und des Gletschereises erheben; den Brennpunkt der Verbreitung und das zentrale Siedelungsgebiet stellt der Rückgrat des Kontinents dar, der gewaltige Halbkreis der Alpen von der französischen Mittelmeerküste durch das Dauphiné, die Schweiz und Tirol nach Steiermark und Kärnten und weiter ostwärts nach den Balkanländern in die wasserarmen, verkarsteten Ketten der dinarischen und dalmatinischen Berge. Doch beschränkt sich der Wohnkreis der Gemsen nicht auf das Alpenrund. Die flinken Grattiere tummeln sich auf den Kämmen der Pyrenäen und im öden asturischen Gebirge. Sie beleben die einsamen Abruzzen und sind häufig auf abschüssigen und zerklüfteten Steinhalden der Mittelkarpathen. Im kiemasiatischen Taurus und in der gigantischen Gebirgswelt des Kaukasus überschreitet die Gemse die Grenzen Europas und betritt den Boden Asiens. So folgt der Wohnbezirk der Berggazelle dem weiten Gebirgsbogen, der, von mancher klaffenden Lücke unterbrochen, das Mittelmeer im Norden und Osten umspannt.

Einst war es anders. Funde in den Kiesbänken des Diluviums und in den Höhlen bei Veyrier am Salève und bei Thayngen sprechen von einer Zeit, da die Gemsen im schweizerischen Mittelland Heimatrecht besassen und an den Hängen des Jura weideten. Sie wagten sich von den Pyrenäen hinab bis in das flache Frankreich und Belgien und bis zum Alpenfuss, und von den Alpen fanden sie den Weg nordwärts über Mitteleuropa hinaus und nach Osten über Ungarn nach Südrussland. Im Kaukasus und Taurus scheint seit jener Zeit der Dehnung und Überschreitung des heutigen Wohngebietes die ursprüngliche Alpengemse in reinster Form weiterzuleben.

Während der langen Periode der grossen Gletschervorstösse stiegen die Gemsen jeweilen mit den Eisströmen vom Berg zu Tal und folgten den rückflutenden Gletschermassen in den Zwischeneiszeiten wieder hinauf gegen Kamm und Gipfel. Und als die Eisströme zum letztenmal wichen, verliessen die Grattiere endgültig das Flachland, die sanft sich wölbenden Hügel und milden Talfurchen und die Mittelgebirge, deren Flühe üppig grünender Laubwald umkränzt.

Schon als die ersten Pfahlbauer ihre Behausung über dem Spiegel der Seen und in torfigen Weihern errichteten, war die Gemse zum Hochgebirgstier geworden, lange bevor die steinerne Waffe des Menschen oder seine keimende Kultur ihr Dasein in der Ebene ernstlich hätte bedrohen können.

Gemsenüberreste gehören im Schlamm der Seedörfer zu den Seltenheiten. Einige Hornzapfen und Schädelsplitter von Robenhausen und aus den Stationen am Bielersee zeugen vielleicht für die Jagdlust der Pfahlbauer, die einer begehrten Beute selbst im unwirtlichen Gebirge nachstellten; vielleicht entstammen die kärglichen Knochentrümmer aus den Bergen versprengten, an das Seeufer verirrten Tieren.

Aus ihrer Zufluchtsburg, dem engen Bannkreis in den Hochalpen, steigt die Gemse auch heute noch etwa hinab in das weitere Heimatgebiet von ehedem. Sie durchmisst eilig und unstet die Täler der schweizerischen Hochebene und findet kurze, unsichere Rast in den Klüsen und an den Fluhwänden des Jura.

So fiel auf den Felsbändern der Balsthaler Klus, nordöstlich vom Eisenwerk, etwa 100 m oberhalb der Landstrasse, am 27. November 1890 ein Gemsbock unter der Kugel des Jägers. An der Grendelfluh bei Ölten schlug im Jahre 1886 eine Gemse auf schmalem, unzugänglichem Gesimse ihr Lager auf, von dem sie im August ein sicher gezielter Schuss herunterholte, und im Jahre 1912/13 wechselte ein Bock im Eptingergebiet von den Felswänden der Schwengifluh nach den Klippen des Belchen.

Zu Anfang der 90er Jahre des verflossenen Jahrhunderts erhielten die Wälder in der Umgebung von Baden im Aargau wiederholt Gemsenbesuch. Doch auch hier fanden die geängstigten Tiere keine Ruhe. Eines traf das tödliche Blei im Jägerhard bei WTürenlos; ein anderes wurde den Jägern bei Schneisingen zur Beute, unweit der Stelle, wo auf erratischen Blöcken eine versprengte Kolonie von Alpenrosen im Vorsommer ihre purpurne Blütenpracht mitten im Flachland entfaltet, und ein weiterer Gemsbock kam im Hettlinger Ried zur Strecke.

Die ungebunden zeugende Phantasie machte aus den verscheuchten Gemsen in poetischer Verklärung Sendboten und Kundschafter, ausgesandt, um die längst verlorene Heimat, den Wald des Mittellandes und den Fels des Jura wieder zu besiedeln. In der nüchternen Wirklichkeit aber handelt es sich um durch Hunger und Unwetter zu Tal Getriebene, um Verirrte und Flüchtlinge, an deren Fersen sich die kläffende Meute der Jagdhunde heftet.

Gar oft und bis in die jüngste Zeit immer wieder ist die Frage aufgeworfen worden, ob die verschiedenen Gebirgssysteme nicht verschiedene Arten von Gemsen beherbergen; und wie überall in der Zoologie, wo es sich um die Bestimmung des Artbegriffes handelt, dauert der heftige Widerstreit der Meinungen auch in der Gemsenfrage heute noch ungeschwächt weiter. Vielfach brach sich die Ansicht Bahn, dass die Alpengemse ( Rupicapra rupicapra [L] ), die Gemse der Pyrenäen, der Isard ( R. pirenaica [Bonapt.] ) und diejenige des Apennins ( R. ornata [Neum.] ) den Rang eigener Arten verdienen. Auch dem Atschi des Kaukasus soll nach einigen Autoren spezifischer Wert zukommen. Die Systematiker berufen sich bei der Umgrenzung der Arten auf die Verschiedenheit in der Grosse der einzelnen Formen, auf die abweichende Farbtönung, besonders auch des Nasen- und Kehlfleckes, und endlich auf die Gestaltung des Gehörns und auf das Verhalten gewisser Schädelknochen. Schon zur Gletscherzeit sollen die Alpengemse und der Isard der Pyrenäen und Frankreichs getrennte Spezies gewesen sein. Auch an Versuchen fehlt es nicht, die Arten weiter zu spalten in Unterarten, Spielarten, Rassen und Lokalformen.

Viel allgemeineres Interesse als der Zankapfel der speziellen systematischen Zoologie darf die Frage nach der tiergeschichtlichen Herkunft, nach dem Heimatland der Voreltern der Gemse beanspruchen.

Die Gemse bewegt sich im Hochgebirge in einer Lebewelt, die den Ursprung aus dem hohen Norden deutlich zur Schau trägt. Schneehuhn, Schneehase und Schneefink des Polarkreises sind ihre Gefährten; die Quelle, aus der sie trinkt, beherbergt nordische Würmer und Krebse, und die würzigen Kräuter, die das Grattier äst, schmücken mit ihren bunten Farben die Klippen Grönlands wie die Felsenhalde der Alpen. Über ihnen schweben die Falter Finnmarkens und Lapplands.

So liegt die Vermutung nahe, auch die Gemse passe sich ein in den Rahmen einer polaren Tier- und Pflanzengesellschaft. Auch sie sei mit zahlreichen Begleitern zu uns gekommen zu einer Zeit, da der Nordpol seine Gletscher nach Süden vorschob und da vor der unwiderstehlichen Gewalt der Eisstirnen das polare Leben nach Mitteleuropa flutete. Die Gemse wäre für das Herz unseres Kontinents ein nordisches Geschenk der Gletscherzeit, so gut wie der Lachs, der im Rhein gegen die Alpen zieht, und wie die Kreuzotter, die sich vor der Sennhütte sonnt.

Diese auf den ersten Blick bestechende Ansicht fällt vor der Kritik in sich selbst zusammen. Die Gemse bevölkerte nie den Polarkreis; keine fossilen Reste zeugen für ihr einstiges Vorkommen im Norden. Sie fehlt auch heute den skandinavischen Hochgebirgen, und jeder Versuch des Menschen, ihr in Norwegen künstlich das Bürgerrecht zu schenken, schlug fehl. Die Alpengazelle kam auf einer andern Strasse und zu einer andern Zeit zu uns als die Herden des nordischen Renntiers, die während der grossen Vergletscherung die saftige WeMe am Alpenrand mit den Gemsrudeln teilten.

Die nächsten Verwandten der Gemsen kennzeichnen formenreich die Hochgebirgswelt des zentralen und südöstlichen Asiens. Aus dem fernen Osten mögen vor ungemessenen geologischen Zeiträumen, lange bevor das Ereignis der grossen Vergletscherung hereinbrach, die Vorfahren der Gemsen die Bergmassive Europas auf allmählicher Wanderung erreicht haben. Asien bildet auch in dem Fall den überquellenden Behälter, immer wieder bereit, Ströme des Lebens auszusenden, die Europa überfluten.

Jahrmillionen verflossen; sie verliehen den Kolonien der Gemsen Selbständigkeit und gaben den Tieren in der zweiten Heimat eigene Gestalt gegenüber den stammesverwandten Asiaten. Die Wechselfälle der Eiszeit, Flucht vor den Gletschern und Wiedereroberung verlorenen Wohnungsgebiets, zogen an den Gemsen vorbei, und heute stehen ihre Bestände in den getrennten Gebirgsmassiven Europas an der Schwelle der einsetzenden Artbildung.

Eine andere Theorie verlegt die ursprüngliche Heimat der Gemsen nach Süden, in das an Gazellen reiche Afrika und lässt in längst vergangener Epoche einen Zweig des Antilopenstammes auf nordwärts gerichtetem Zuge die Ebenen und später auch die Gebirge Europas besiedeln.

Ihre Bergheimat und besonders den Kreis der Alpen durcheilt die Gemse auch heute noch in zahlreichen Rudeln; die Sorge scheint unbegründet, dass die zierliche Gazelle in naher Zeit aussterben könnte, und dass dadurch die Schneegebirge des anmutigsten lebenden Schmuckes beraubt würden. Wetterhart trotzt das Grattier dem tobenden Schneesturm und dem donnernden Hochgewitter; genügsam bewohnt es die rauhesten Felsschroffen; es beweidet die steilsten Rasenbänder, die der Mensch und seine Haustiere kaum beanspruchen, und wird dem Bauer und dem Forstwirt nicht lästig durch Wildschaden auf dem Acker und im Walde, ungleich in dieser Beziehung dem verwandten Hirsch und dem Reh. Wachsame Vorsicht warnt die Gemse vor der drohenden Gefahr; Schnelligkeit und kluge Ortskenntnis rettet sie vor dem hereinbrechenden Unheil. In seiner Lebensweise und in seinen körperlichen und geistigen Eigenschaften besitzt das Tier den sichersten Freibrief gegen den Untergang.

Zudem sind die Feinde der Gemse in der Luft und auf dem Erdboden, die blutdürstigen grossen Räuber aus dem Stamm der Vögel und der Säugetiere selten geworden oder aus den der Kultur erschlossenen Alpentälern ganz gewichen. Der Luchs lauert nicht mehr, auf den breit ausladenden Ast der Wettertanne geduckt; kein Wolf umschleicht nächtlich das Rudel, und kein Bär scheucht die Gemsen von der Alp hinab in die Dörfer der Menschen, wie das im Engadin noch vor kurzen Jahrzehnten geschah. Längst ist der letzte Horst des Lämmergeiers zerfallen, und nur der kreisende Adler stösst noch blitzschnell auf das Gemskitz oder sucht das geängstigte Tier mit stahlhartem Flügelschlag vom Fels " in den Abgrund zu stürzen. Oft genug muss sich indessen der hungrige Raubvogel zur Flucht wenden, bedroht von den spitzen Hörnern der Mutter, die ihr Kind, sich seihst opfernd, verteidigt.

Wie es die Gemsen verstanden, gegen den Bartgeier erfolgreichen Widerstand zu leisten, schildert, auf eigener Anschauung fussend, der ausgezeichnete Beobachter J. Saratz in Pontresina. Der Gewährsmann beschreibt den Kampf zwischen Grattier und geflügeltem Räuber mit den Worten: « Bei meinen Jagdstreifereien auf Gemsen sah ich einmal ein kleines Rudel derselben auf einem Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. 56. Jahrg.i g schmalen Gletscher dahinziehen und ruhig, die Geiss voran, dem Berggrat sich zuwenden. Plötzlich stutzt die Geiss, die andern halten bestürzt an, und im Nu haben alle einen Kreis gebildet, die Köpfe sämtlich nach innen zu gekehrt. Was mochte diese Unruhe, diesen plötzlichen Halt bewirkt haben? Hierüber gab mir ein der Höhe zugewandter Blick Aufschluss, denn bald wurde ich gewahr, wie sich über ihnen in der Luft etwas schaukelte, was mir mein Glas sofort als einen Bartgeier zu erkennen gab. Plötzlich stürzte er sich den Gemsen von hinten in schräger Richtung nach, welche jedoch den Raubvogel mit energischem Emporwerfen der Hörner empfingen und ihn zwangen, von ihnen abzulassen. Der Bartgeier erhob sich, um viermal denselben Angriff zu wiederholen. Nochmals erhob er sich, diesmal aber immer höher und höher, und als er nur noch als Punkt am Horizont sichtbar war, da plötzlich stäubten meine geängstigten Tiere auseinander, um sich im gestreckten Lauf einer überhängenden Felswand zu nähern, der sie sich anschmiegten, und wo sie nun das Auge unverwandt der Höhe zuwandten. In dieser Position blieben sie, bis ihnen die einbrechende Nacht Beruhigung über ihre Sicherheit brachte. » Ein anderer zuverlässiger Beobachter und Jäger sah, wie sich eine vom Geier überfallene Gemse in eine Felsnische zu retten vermochte und von der gedeckten Stellung aus die Angriffe des flügelstarken Feindes tapfer und erfolgreich mit den Hörnern abwies.

An Not und Kampf gebricht es jedoch der Gemse nicht, auch wenn die Kralle des Adlers sie verschont und der Zahn des Raubtiers. Die Gefahren des rauhen Hochgebirges, Lawinensturz und Steinschlag, die schmale Kost des harten Bergwinters, manche kleine, aber unbarmherzige Feinde aus dem Tierreich bedrohen das Grattier mit Siechtum und Tod, und selten mag Altersschwäche das Gemsenleben beenden. Ein solch sanftes Verscheiden fand der allen Besuchern des Nationalparkes wohlbekannte Cluozabock, der in der Nähe des Blockhauses, jenseits des Baches, sein eisgraues Haupt neugierig und vorsichtig zugleich aus den dunkelgrünen Legföhren hob. Eines Tages erschien der greise Einsiedler nicht mehr. Der mürrische Alte lag tot, doch unversehrt an der Stelle, die ihm während Jahren Unterschlupf geboten hatte und Nahrung.

Verheerend haust in den Gemsrudeln die Räudemilbe. Sie wird im Frühsommer von den Ziegen und besonders von den den Gemsen verhassten und von ihnen gemiedenen Schafen auf die Alp verschleppt. Mit unheimlicher Schnelligkeit verbreitet sich der Schmarotzer von Tier zu Tier; die von der Krätze Befallenen magern ab und siechen dahin; ihre Decken werden struppig, ihre Augen trübe; die Schnellkraft der Glieder schwindet und nicht eher erlischt die unaufhaltsam schleichende Seuche, als bis das letzte Kitz, der letzte Bock des ganzen Gemsen-bestandes elend zugrunde ging. Besonders in den österreichischen Alpen forderte die Krätze unzählige Opfer.

Mit andern zahmen und wilden Wiederkäuern teilen die Gemsen den Milzbrand; sie werden wie jene vom Blasenwurm befallen, und der Lungenwurm tritt in den Rudeln epidemisch auf.

Schöner und freier aber naht sich der Tod dem Tier der Wildnis unter der Gestalt elementar waltender Naturkräfte. Wenn der Frühlingsföhn die Schneemassen löst, verschlingt die in brausendem Strom zu Tal fahrende Lawine manche Gemse, die unten im Zug am ersten aufkeimenden Grün ihren Hunger stillte.

Klirrend und pfeifend poltert der Steinschlag durch den Kamin und trifft mit wohlgezielten tödlichen Wurfgeschossen das die Schutthalde querende Rudel. Die kühle Maiennacht lässt das sickernde Schmelzwasser an der Felskante zu Eis erstarren; an dem tückisch verglasten, glatten Rand gleitet selbst der sichere Berghuf der Gemse aus; zerschellend stürzt das Tier zur Tiefe. Am Fuss der Wand aber sammelt sich um den Kadaver das Raubzeug aus weitem Umkreis zum leckern Schmaus. Der Adler holt sich seinen Anteil, Fuchs und Marder zerren an der Leiche; schreiend zanken sich Kolkraben und Tannenhäher um Hautfetzen und Eingeweide, und der zudringliche Schwärm der Bergdohlen späht nach abfallenden Brocken und verkündet, von den Starken verjagt, hoch in der Luft als lärmende Wolke kreisend den Ort, wo die Gemse ihr Ende fand. Weithin über Runsen und Felshalden, durch den Bergwald, über die Alpweide und durch das Dickicht des Krummholzes verschleppen die geflügelten und vier-füssigen Räuber die modernden Überreste und die im Wechsel von Sonnenstrahl und Regenguss gebleichten Gebeine des gefallenen Grattiers. Nach schneereichen und nahrungsarmen Wintern, wenn von allen Talflanken die Lawinen tosend niedergehen, und der Steinschlag stärker tobt, erleidet der Gemsenbestand merkliche Einbusse. Sie wurde für das Gebiet von Cluoza im Jahre 1917 auf nahezu 10 % der Gesamtzahl berechnet.

Die Grosszahl der Gemsen aber verfällt dem Tod durch die Kugel aus der treffsichern Büchse des Jägers. So steht das Heil und die Zukunft des Gemsen-geschlechts in der Hand des grössten und unerbittlichsten aller Tierfeinde, des Menschen.

In Tirol und Salzburg, in der grünen Steiermark, auf den Gebirgszügen der Karawanken und Tauern, im Lande Kärnten an der slowenischen Grenze sorgten Einsicht und eigenes Interesse der Jagdinhaber für ausgiebigen Wildschutz. Unter der Hege und Pflege von Fürsten, Adel und Grossgrundbesitz war und blieb der Gemsenbestand stets ein erfreulicher. Und doch klingt auch aus den Ostalpen sagenhafte Kunde von einer verflossenen Zeit, da statt geängstigter Rudel köpf reiche Gemsherden vom Menschen unbehelligt zur sichern Weide gingen. Im Tiroler Kaunsertal, wo der Wildbach der Faggen schäumend dem Eisstrom des Gepatschferners entspringt, lag einst mitten in der Wildnis des Stromgerölls die grünende Oase des « Gemshimmels ». Ungezählte Gemsen und Steinböcke standen auf der üppigen Trift und tranken die kristallklaren Wasser des Baches. Kein Jäger vermochte in das Reich einer unberührten Natur einzudringen; denn den Eingang bewachte ein weisser Bock mit goldenen Krücken, und wer das heilige Tier erblickte, ward von einem Blitzstrahl aus wolkenlosem Himmel zerschmettert.

Die grausame Gegenwart und die Wirklichkeit hat den Gemsenhimmel zerstört und die poesievollen Fäden der Volksdichtung mit rauher Hand zerrissen.

Als ich vor einigen Jahren wieder einmal durch das Gebiet des einstigen Gemsparadieses im Hintergrund des Kaunsertals wanderte, jagte dort mit grossem Geräusch eine französische Gesellschaft, ein bekannter Champagnerfabrikant aus Reims mit zahlreichen Genossen und Gehilfen. Am Wegrand lagen im Staub die zu Tode gehetzten Opfer dieser traurigen Schlächter, Böcke, Geissen und Kitze; neben dem blutigen Haufen standen mit zusammengekniffenen Lippen die Treiber und Bauern. Manches drohende Wort fiel, und manche Hand ballte sich zur Faust.

Anders und ungünstiger als in den Grossjagden der Ostalpen lagen die Bedingungen für die Erhaltung des Gemswildes von jeher in der republikanischen Schweiz. Die Demokratie war nie ein Freund des wild lebenden Tiers, und kein freier Bürger liess sich je das Recht verkümmern, mit der Flinte zur Pirsch zu ziehen, « um ein armselig Grattier zu erlegen ».

Im 16. und 17. Jahrhundert wissen Gessner und Wagner von der Häufigkeit der Gemsen in den Schweizerbergen zu berichten, und noch bis gegen Mitte des 19. Jahrhunderts nahmen die Rudel an Kopfzahl nur langsam ab. Die Unwegsamkeit der Alpen und die Unvollkommenheit der Feuerwaffen sicherten den Gemsenbestand besser als Wildhut, Gesetze und Jagdverbote. Das war die Zeit, da sich die kühnen Gemsjäger Heinrich Heitz von Glarus und David Zwicky von Mollis rühmen konnten, in ihrer Jägerlaufbahn über 1300 « Tiere » erlegt zu haben. Damals herrschte als fast sagenhafter König der Bernina Colani. Den Jägerberuf umschimmerte die Romantik, und Wahrheit und Dichtung mischen sich in seiner Schilderung.

Die Waffen verbesserten sich; an die Stelle der alten Büchse trat der Hinterlader und das Repetiergewehr. Ein Netzwerk gut gebauter Wege und Stege durchzieht heute die Alpen; die Hütten und Gasthäuser öffnen ihr schützendes Obdach, und der Verkehr hat sich um das Vielfache gesteigert. Aus der freien, gefahrvollen und entbehrungsreichen Jagd aber, die einen ganzen und sehnigen Mann mit sicherem Auge und festem Fuss verlangte, ist allzu oft ein blosser, vergnüglicher Sport geworden, nicht selten sogar ein Massenschlachten, verübt von des Berges ungewohnten Dilettanten an Gemsherden, die im Laufe einiger kurzer Jahre in Freibergen arglos und ohne Misstrauen gegen den Menschen herangewachsen waren. Die Folgen solch räuberischer Misswirtschaft liessen nicht, auf sich warten. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts lichteten sich die Gemsrudel, die Schweizerberge verödeten, und selten blieb es dem Alpenwanderer vergönnt, ein versprengtes Grattier über das Firnfeld eilen zu sehen oder seinen Sprung von Klippe zu Klippe zu bestaunen.

Im letzten Augenblick vor dem endgültigen Untergang erwachte das Gewissen des zerstörenden und gebietenden Menschen und kam die weidmännische Einsicht zu ihrem Recht. Heute geniessen die Gemsen in der Schweiz den Schutz verständiger Jagdgesetze und ausreichender Bewachung; sie gedeihen in der Freiheit weitgesteckter Bannbezirke, und, was schwerer ins Gewicht fällt, über ihnen wacht die Freude des weidgerechten Jägers an der lebenden Kreatur und der machtvoll erstarkte Gedanke, dass es ethische Pflicht sei, die Natur in ihrer vollen Schönheit und Ursprünglichkeit kommenden Geschlechtern zu erhalten.

Das verhängnisvolle Wort « zu spät », das dem letzten Lämmergeier galt und dem aussterbenden Steinbock, besitzt für die Gemse keine Bedeutung. Hoffnungsvoll darf das Auge in die Zukunft blicken. Solange die Alpen sich erheben, wird wohl auch das flüchtige Grattier hoch über dem Fels auf abschüssigem Band äsen und sich in leicht federndem Schwung vom Felszahn zum Gesimse schnellen.

Vor einigen Jahren ist die Gesamtzahl der in der Schweiz stehenden Gemsen auf 15,000 Stück angeschlagen worden; der jährliche Abschuss soll im Mittel 2000 bis 3000 Stück betragen, der Wert der erlegten Tiere 77,000 Fr. Graubünden mit dem verschlungenen Netz sich schneidender Bergketten und kreuzender Hochtäler und der Hochgebirgskanton Wallis mögen heute die grössten Gemsen-bestände aufweisen. Im Glarner Freigebiet des Kärpfstockes sollen über tausend der behenden Tiere stehen und im Nationalpark im Unterengadin, nach kurzen Jahren vollständiger Schonung, gegen 1200 Gemsen zur Weide gehen.

Rudel von über hundert Köpfen gehören in der ungestörten Wildnis nicht zur Seltenheit. Und da Zahlen oft die deutlichste Sprache führen, mag die Jagdstatistik weiter besagen, dass im Jahre 1909/10 in 14 Kantonen 2810 Gemsen zur Strecke kamen. An der Spitze steht Graubünden mit der Hälfte der Gesamtzahl; dann folgen in weitem Abstand die Kantone Bern, Glarus und Wallis mit 200 bis 300 erlegten Gemsen, und den bescheidenen Schluss machen Nidwaiden und Innerrhoden mit 30 und 20 Stück. Der Geldertrag der Gemsjagd in der Schweiz macht in jenem Jahr über 100,000 Franken aus.

Der schöne Ruhm, der verfolgten Gemse die erste Freistätte eröffnet und das Asil durch den Wandel der Jahrhunderte treu bewahrt zu haben, gebührt dem Glarner Volk. Vielleicht schon im 15. Jahrhundert, sicher aber vom Jahre 1569 an, galt das von der Linth und Sernft umrauschte Gebirgsdreieck, das in der Pyramide des Kärpfstockes gipfelt, als von der Jagd ausgeschlossener Bannbezirk. Strenge Gesetze gaben den Gemsen Schutz, und acht von der Obrigkeit bestellte und beeidigte Jäger wachten über der Beobachtung der Verordnungen. Ihnen kam auch die Befugnis zu, jährlich für den Landammann und den Landesstatthalter eines hohen Standes Glarus eine Gemse zu schiessen und zwei für den regierenden Bürgermeister des befreundeten Zürich. So aber ein Glarner den löblichen Vorsatz fasste, eine Braut heimzuführen, lieferte ihm der Freiberg als saftigen Hochzeitsbraten zwei frischerlegte Gemsen.

Das Kärpfstockgebiet blieb bis in die neue Zeit ein wohlgehegtes Gemsenparadies. Vor 10 bis 15 Jahren lebten darin unter dem Schutz des Menschen ungefähr 1500 Tiere. Heute ist der Bestand leider auf 1000 Stück oder vielleicht noch weniger zurückgegangen. Die Rudel von 80 Köpfen, die das Auge des Besuchers erfreuten, haben sich aufgelöst. An der Verarmung mag der während der Kriegszeit üppig aufwuchernde Jagdfrevel und der unbedachte Abschuss junger Böcke die Hauptschuld tragen.

Doch ist in jüngster Zeit, im Frühjahr 1921, die Glarner Landsgemeinde wieder mannhaft für die Beibehaltung des angestammten Schongebietes am Kärpf eingetreten. Mit rauschendem Mehr verwarf sie den Antrag, den Bannbezirk der Jagd zu öffnen. Der Kärpf stock und seine Tierwelt bleibt ein unantastbares Kleinod, zum Stolz des Glarners, zur Freude jeden Naturfreundes.

Auch im zweiten glarnerischen Wildasyl von Rauti-Tros im Oberseetal, blüht der Gemsenbestand mächtig auf. In dem engen Bezirk stehen mehr als 300 Grattiere, eine Besetzung, die an Dichtigkeit im schweizerischen Hochgebirge nicht mehr erreicht wird.

In dem unablässigen harten Kampf gegen die Unbill der Natur und gegen die Zerstörungssucht des Menschen stehen dem gequälten Grattier in seinen körperlichen und geistigen Eigenschaften treffliche Waffen und kraftvolle Bundesgenossen zur Seite. Die Gemse weiss manche Gefahr zu besiegen durch die Schärfe ihrer Sinne, die Schnelligkeit ihrer Füsse, durch ihre Genügsamkeit und ihre misstrauische Furcht.

Wo die kletternde Bergziege nicht hingelangt, über dem Abgrund auf schmalem, unwegsamem Felsband, sucht das Grattier seine kärgliche Nahrung. Es weidet auf der fast pflanzenlosen, wüsten Schutthalde, auf der nur die Gemskresse ihre blassen Lilablüten entfaltet und ihre salzig schmeckenden, fleischigen Blättchen treibt, und gibt sich im Winter zufrieden mit den dürren Grashalmen, die aus der Schneedecke ragen, mit der harzigen Baumrinde und mit dem grauen Behang verfilzter Flechtenbärte, die von der Wettertanne niederwallen.

Unter den Sinnen der Gemse steht der Geruch weit voran. Spähend, mit schräg gestelltem Kopf, erwittert die Leitgeiss den anschleichenden Jäger auf weite Entfernung; jeder leise Windhauch bringt ihr sichere Kunde von der nahenden Gefahr; versprengte Kitze finden, die Fährte spürend, sicher die verlorene Mutter wieder, und wenn das Rudel den Pfad des verhassten und gefürchteten Menschen kreuzt, stutzt es, und wendet sich nicht selten zu entgegengesetzt gerichteter Flucht.

Das Ohr der Gemse hört den in der Weite am Fels verhallenden Schuss, das Klirren des aufschlagenden Stocks und das Kreischen des genagelten Schuhes auf der Felsplatte.

Engere Grenzen sind dem Auge gezogen. WTohl beherrschen die Lichter weitgemessene Strecken; doch vermögen sie ruhende Gegenstände, den stillestehenden oder durch den Busch halbgedeckten Schützen nicht zu unterscheiden. Erst wenn der Feind durch Bewegung sich verrät, ermisst das Gemsenauge das drohende Unheil.

Furchtsame Scheu und vorsichtige Wachsamkeit gewähren der weidenden Gemsherde bessern Schutz als überlegende Vernunft. Doch lässt die Familien-tugend aller Antilopen, unbezähmbare Neugier, nicht selten auch die Gazelle des Hochgebirgs Gefahr und Vorsicht vergessen und zum eigenen Schaden eine ungewohnte Erscheinung verhängnisvolle, unwiederbringliche Minuten lang regungslos bestaunen, bis die Büchse todbringend knallt.

Scheinbar unbesorgt und friedlich äst die Gemsherde am steilen Hang oder auf der dürftigen Grasnarbe im Gewirr ungeschlachter Blöcke und klirrender Gesteinsscherben. Doch übt eine alte, an Erfahrungen reiche Geiss eine Art Leitung. Sie bestimmt oft die Bewegungen des Rudels und führt die Genossen auf der Flucht und beim Wechsel nach einem neuen Weideplatz. Die Herde verlässt sich indessen nicht ausschliesslich auf die erfahrene Wachsamkeit der Leiterin. Bald das eine, dann wieder das andere Tier unterbricht das behagliche Grasen oder erhebt sich aus der Ruhe des Wiederkauens und sichert mit gestrecktem Hals, schräg geneigtem Kopf und geöffneten Nüstern rings in die Weite. Der Trieb, zu spähen, zu wittern und zu äugen erfüllt das ganze Rudel und äussert sich in jeder einzelnen Gemse, so dass das Aufstellen besonderer Wachtposten gar wohl unterbleiben kann.

Wenn aber bei dem wachsamen Wild leiser Verdacht sich regt, wenn ferne Steine klirren, wenn der Luftzug die Witterung des Feindes heranträgt, oder wenn in der blauen Höhe der Adler kreist, erklingt schrill und langgezogen, wie der allmählich vertönende Schrei des Bussards, der helle Warnpfiff der Gemse. Einzelne Tiere wiederholen das Alarmsignal, hart stampft der Vorderhuf, und eilig wirft sich die stets bewegungsbereite Herde zur windschnellen Flucht. Dann erst, in der ungebundenen Lösung der Glieder, enthüllt sich Ebenmass und edle Linienführung des Gemsenkörpers, und der staunende Beobachter bewundert ein eindrucksvolles Bild, gepaart aus flinker, behender Kraft und spielender Anmut.

Beschwingt eilt die flüchtige Schar dahin, an der Spitze die Leitgeiss und in langer Linie ihr folgend die Mütter mit den Kitzen und die jungem, beim Rudel weilenden Böcke.Vor keiner Kluft und vor keiner Wand stockt die pfeil-schnelle Flucht; denn im Sprung wie im Klettern gilt die Gemse als unerreichter Meister. An Sicherheit des Trittes übertrifft das Grattier weit den Steinbock; an Behendigkeit wetteifert es mit der gelenken Gazelle der Wüste und mit der an Abgrund und Klippe gewöhnten Schneeziege des nordamerikanischen Felsengebirges. Die kleinste, dem Auge kaum wahrnehmbare Rauhigkeit am senkrechten Fels, das fingerbreite Gesimse, der unbedeutendste Vorsprung bietet dem harten und doch so schmiegsamen Huf sichere Stütze, und wenn die Wand unüberwindlich überhängt, wird sie in querer Traverse sicher genommen. Spalten von sieben Metern Breite überfliegt die Gemse in nie fehlendem Schwung; sie schnellt sich auf vier Meter hohe Blöcke und wagt ohne Zaudern den Sprung in acht Meter tiefe Graben. Mit zurückgedrängtem Leib, die Körperlast auf die Hinterfüsse stemmend, rutscht und gleitet sie den steilen Felshang hinunter, um sich unmittelbar nachher, wie in leichtem Spiel, über die Randkluft des Gletschers zu federn. Durch das widerstrebende Gewirr der schlagenden, sperrigen Äste der Legföhren bricht sich das Tier gewandt und sicher die Bahn.

Es eilt mühelos, als ob sein Fuss weiche Rasenpolster berühre, über die unsichern Blöcke, die rollenden und gleitenden Scherben, die Löcher und Spalten des rutschenden Trümmerfeldes. Die Begehung des Gemsenpfades bedeutet für den bergtüchtigen Kletterer gar oft einen Gang zwischen Leben und Tod, ein Schweben über dem Abgrund, ein hartes Klimmen und mühseliges Hissen an Turm und glatter Felsplatte, ein ermüdendes Suchen nach Halt zwischen versteckten Rissen und Gruben, in denen der tastende Fuss sich verfängt. Nie bleibt die Gemse hilflos und zitternd stehen, und selten versteigt sie sich, ohne einen rettenden Ausweg zu finden. Eher lässt sie ihren Körper im Abgrund zerschellen als zu zaudern oder zurückzubeben. Selbst Verwundete folgen dem fliehenden Rudel mit zerschossenem Bein und mit nachschleppenden Eingeweiden.

Es gewährt einen eigenen Reiz und zugleich einen künstlerischen Genuss, erfüllt von prickelnder Spannung und staunender Bewunderung, der fliegenden Flucht eines Gemsrudels mit dem raschen Auge zu folgen; denn jede Bewegung der eiligen Tiere vollzieht sich in schön geschwungener Linie; es fehlt jede harte Knickung, jede einförmige Streckung; es weicht das peinliche Gefühl, das der Anblick überanstrengter Kraft erzeugt, und gänzlich schwindet der Eindruck des Schwerfälligen und Plumpen, der sich beim bedächtig langsamen Weidegang der Gemsen etwa aufdrängt. Das Tier scheint sich verwandelt zu haben. Es löst sich los von der Scholle und berührt den Erdboden kaum noch mit dem beflügelten Huf.

Nun stürmen die Flüchtigen, des Weges sicher, bergan; sie queren eilig und klug zugleich die Steinschlagrinne und die glatt gefegte Lawinenbahn, immer darauf bedacht, die Trümmer nicht ins Rollen zu bringen. In kurzen Sekunden durchklettern sie das steilste Kamin und schnellen sich wieder in schön gebogenem Sprung von Block zu Block und über den tosenden Wildbach. Erst auf dem weichen Schneefeld verlangsamt sich die Flucht, und das glatte Gletschereis meidet die Gemse nach Möglichkeit. Doch findet sie sicher die tragende Brücke über die verschneite Spalte, und die langgezogene Linienordnung auf dem gefahrbringend zerklüfteten Gletscher, Tier hinter Tier in gemessenem Abstand, kann jeder Bergsteigergesellschaft als nachahmenswürdiges Vorbild dienen. Den kalten Bergsee weiss die Gemse schwimmend zu queren.

Jetzt verschwindet das Rudel für Momente im Schatten eines tiefen Felsrisses, um im nächsten Augenblick plötzlich und unerwartet, wie durch Zauberschlag, auf der luftigen Bastei des Grates wieder aufzutauchen. Klar und wirkungsvoll heben sich die scharf gezeichneten Umrissbilder der Gemsen vom Hintergrund des dunkelblauen Firmaments ab. Für kurze Sekunden nur. Schon erreichen die ersten der rastlos Fliehenden im Abstieg den glitzernden Firn.

Erst in der Bewegung offenbart sich in vollem Umfang die wunderbare Anpassung der Gemse an den Berg und an sein gigantisches Chaos. Das Grattier erscheint wie eine Antwort der schaffenden und lebenden Kraft an die tote, leblose Masse des ungefüg getürmten Gebirges. Und diese Wechselwirkung von Tod und Leben, dieses ergreifende Spiel von Forderung und Erfüllung, von Frage und Antwort nimmt dem Beschauer die Sinne gefangen und lässt seine Pulse schneller schlagen.

Der oberste Saum des Gebirgsforsts und der breite Gürtel kriechenden und wuchernden Krummholzes bilden die ursprüngliche und bevorzugte Heimat der Gemse. Das flinke Tier ist eine Antilope des Bergwaldes, die auf den besonnten Lichtungen zwischen den Wettertannen weidet und leichtfüssig durch die Wirrnis der Legföhren flüchtet. Doch längst hat die Verfolgung durch den Menschen das bewegliche und scheue Geschöpf hinaufgedrängt in die ungangbare Wildnis, auf Grat und Felskopf, auf die Schutthalde und an den Rand des Eisstroms.

Starker Schneefall jagt die Gemsen für kurze Zeit hinab in die tiefern Lagen und lässt sie an wärmere Hänge wechseln. Doch erst, wenn das letzte Herdengeläute verklungen ist und der letzte Schuss verhallt; wenn die Nebel den Gipfel verhüllen; wenn der unaufhörlich leise rieselnde Schnee nicht mehr weicht und die tote oder schlummernde Natur mit einem weissen, weichen Leichentuch bedeckt, kehrt die Gemse, vom Herbststurm gepeitscht, dauernd aus der tief verschneiten Kammregion zurück. Sie flüchtet in den Schutz der breiten Schirme der Wettertannen, an die nach Süden oder Südosten gerichteten Steilhalden, auf denen der Schnee noch nicht haftet, und wo die dürren Grasschöpfe dem genügsamen Wild noch bescheidene Äsung bieten. Freilich mag der Tisch in der harten Jahreszeit kärglich genug bestellt sein. Zähe Flechtenbärte, rissige Baumrinde, die harzigen Knospen und Nadeln einer vom Sturm gefällten Weisstanne, die trockenen Krusten des Renntiermooses stillen den nagenden Hunger und die am überhängenden Fels wachsenden Eiszapfen, in denen die Wintersonne funkelt und glitzert, den brennenden Durst. Doch lässt die Genügsamkeit manche Not ertragen. Der warme, dunkelwollige Winterpelz spendet Wärme, und das in bessern Tagen gebildete Fettpolster, das den Leib der Geissen rundet, dient als Vorratszehrung. Das Raubzeug wagt kaum den Gang über die trügerische Schneedecke, und der grösste Gemsenfeind, der Mensch, verschläft den Winter unter dem grauen Nebel im tiefen Tal.

Zur Zeit, da im Vorfrühlingssturm die Wipfel der Tannen ächzend anein-anderschlagen und im heissen Atem des Föhns der Schnee zermorscht und ungangbar wird, bricht für die Gemse erst die schlimmste Not an. Wochenlang wütet das Unwetter; das Wild bleibt an den Ort gebannt, bis der Winter noch einmal zurückkehrt und mit eisigem Frost und blinkenden Schneekristallen sichere Brücken zu neuen Futterplätzen baut, oder bis der Frühling endgültig siegt und die Lawinen polternd zu Tal fahren. Schneereiche Winter drängen die Gemsen aus der Höhe hinab gegen die Behausung des Menschen. Dann kommt aus Graubünden um die Weihnachtszeit die Kunde, dass Hirsch und Reh und zuletzt auch das furchtsame Gemswild, vom Hunger getrieben, die Heuschober brandschatze und, die Scheu vergessend, in den Dörfern des Prättigaus, im Vais und im Lugnetz um Nahrung und schirmendes Dach bettle.

Spät erwacht im Gebirge die Natur. Über das Tal legt sich schon der Blüten-schleier, und längst sprudeln, vom Eise befreit, die Quellen. Der Bergforst ruht noch schweigend im Winterschlaf und träumt dem ersten Frühlingsruf entgegen.

Da ertönt das Pfeifen der durch den stillen W¾ld streichenden Kreuzschnäbel; der Häher fährt kreischend durch die Wipfel, um auf der Arve den Nistplatz zu suchen; vom Frühlingslicht getroffen schimmert wie mit Perlen überstreut sein Gefieder. Die vom Schmelzwasser durchtränkten Bergwiesen schmücken sich mit dem weissen und blassvioletten Schimmer der ersten Blumen. Wie auf Zauberschlag ergrünt die Alp, als wollte die Natur die in der Winterruhe verschlafene Zeit durch Frühlingsschaffenslust wieder einholen.

Das ist der Augenblick, da die Gemsen zu Berge ziehen, hinauf über den Wald und das Krummholz, im Gefolge des nach den Höhen weichenden Winters. Auf der noch stillen Alm erwartet sie ein reich gedeckter Tisch. Die Knospen der Alpenrosen, die jungen Triebe der Bergerlen, die Schösslinge zwerghafter Weiden, die würzigen Nadeln des Wacholders und alle die saftigen Kräuter und frischgrünen Gräser, die aus dem dunkeln Schoss der Erde zur leuchtenden Sonne sich drängen, machen die wechselreiche Nahrung der aufsteigenden Gemsen aus.

Auf der fetten Weide, an der Salzlecke findet sich das Rudel zusammen, die Geissen, die jungen Böcke und die vorjährigen und vorvorjährigen Kitze. Jede Herde bewohnt ihr eigenes Standquartier; doch dehnen sich die Grenzen der Sommerheimat der beweglichen Tiere weit. Mit den Wechselfällen der Witterung, auf der Suche nach Nahrung und nach dem unentbehrlichen Salz, beunruhigt durch Lärm und geängstigt durch Verfolgung, oft aber auch ohne erkennbare Ursache, wandern die Gemsrudel nicht selten unstet von Ort zu Ort.

Auch die alten Einsiedlerböcke führen, von Unrast getrieben, Streifzüge von Bergflanke zu Bergflanke, von Talfurche zu Talfurche aus. Sie sondern sich griesgrämig von der Herde ab und hausen im undurchdringlichen Knieholz-dickicht, auf unzugänglichem Felsband, bis der Paarungstrieb im Herbst sie zum Rudel zurückruft. Zur Nachtzeit erst treten diese weitabgewandten, vorsichtigen Einsiedler auf die kleine Lichtung im Gebüsch oder in das holzfreie Lawinenbett, um zu äsen.

So geht für diese Einsamen das Leben in stoischer Ruhe und Selbstbetrach-tung dahin, unterbrochen allerdings von kurzen, doch stürmischen Zeiten der Liebe, gegen die keine Philosophie schützt und keine kühle Charakterstärke. Manchen dieser Weltfernen und Klugen verschont die Kugel des Jägers; sein Leben schliesst im hohen Greisenalter, nachdem der Pelz längst ergraute, der natürliche Gemsentod.

Dem Einsiedlerbock singt ein bayrischer Jäger, Forscher und Poet zugleich, ein Dreigestirn, das oft vereint an demselben Himmel erstrahlt, Franz von Kobell, den Vers:

« Ein alter Gamsbock, ein alter Hirsch, Die spielen den Einsiedler gern, Sie weilen beschaulich am stillen Ort Und bleiben vom Rudel fern.

Wird aber am Wald des Herbstes Pracht Vielfarbig aufgerollt, Und kommt für die Hochzeitsfeste der Tag Und schimmern die Lärchen in Gold, Dann lassen sie eiligst die Einsiedelei Und sind wieder schneidig und jung, Und sind die ersten voran im Tanz, Sah's oft mit Verwunderung. » Noch schweigt die Alp, über die sich nun der in bunten Farben gewirkte Blumenteppich des Vorsommers breitet. Der Birkhahn balzt liebestoll unter den letzten, weit nach oben vorgeschobenen Tannen; am Stamm hämmert der Schwarzspecht, und durch den Hochwald gellt sein heiseres Lachen; über den verlassenen Hütten rüttelt der Turmfalke.

Das weite Revier gehört unbestritten der Gemse. Doch für Tage und kurze Wochen nur. Denn bald ziehen die Herden zu Berg, vom Talgrund zur Voralp und zum Maiensäss auf der Waldwiese und immer höher, soweit der Berg den Kühen noch Weide spendet, und so hoch, als er den klimmenden Ziegen einen halsbrecherischen Pfad offen lässt. Mit dem Brüllen der Rinder und dem Blöcken der Schafe mischt sich das Gebimmel der Glocken und das Klingeln von hundert Schellen, und an der Felswand tönt das Locken, Rufen und Jodeln der Hirten wieder.

Über der im heissen Dunst liegenden Stadt lastet die Julihitze. Wer dem Sommerglast entrinnen kann, zieht hinauf in die Alpen, und die Berge füllen sich mit jauchzendem, singendem und johlendem Volk, das jeden Felszahn erklimmt, in jede Spalte sein neugieriges Auge gleiten lässt, auf jeder Wiese sich lärmend zur Rast niederlässt und glaubt, seine Wonne in Geschrei austoben zu müssen. Die stille Wildnis wandelt sich zum geräuschvollen Tummelplatz des Städters, der aufdringlich und rücksichtslos voll Ferienlust und ungekühltem Tatendrang den Frieden der Natur bricht.

Vor solcher Unruhe flieht die Gemse in die höchsten Wände, an den Rand des Gletschers und des nie schmelzenden Schneefeldes. Sie überlässt für die Sommermonate ihr heimatliches Reich dem anspruchsvollen Herrn der Schöpfung und den Herden der ihm dienstbaren Haustiere. Aus sicherer Höhe äugt das scheue Grattier hinab in die freiwillig geräumte Heimat; es meidet die behaglich weidenden Rinder und verabscheut die den Grat ersteigenden Rudel der Schafe; nur unter die Ziegenherden mischt es sich etwa neugierig und furchtlos.

Einförmig und gleichmässig verläuft für das unbehelligte Gemsrudel der Tag zwischen Weidegang und geruhsamem Wiederkäuen im Schatten des Felsblockes oder der buschartig verkrüppelten obersten Nadelbäume. Die Gemse ist ein ausgesprochenes Tagtier; nur selten äst sie nachts, wohl vom Vollmond irregeführt, der mit seinem grellen, taghellen Licht scharfe Schatten auf die stille Alp zeichnet.

Wenn die Tiefen noch in fahler, farbloser Dämmerung liegen, und eben die höchsten Gipfel aufleuchtend das Tagesgestirn verkünden, erhebt sich die Gemse vom Nachtlager, das an aussichtsreicher Bergecke, im Schutz von Wand und Block oder unter der Wölbung eines Vorsprungs, einen weiten Blick freigab über Höhen und Tiefen zugleich. Sie zieht abwärts, den saftigsten Kräutern nach, und dann, stets grasend, wieder hinauf zur Höhe und zum freiem Kamm oder bis zum Gletscherrand und bis zum kühlenden Firnfeld. Der warme Mittag treibt das Tier zu behaglicher Ruhe in das Gestrüpp oder in den Schatten des Felses. Erst wenn die Sonnenstrahlen schiefer einfallen, geht das Rudel noch einmal zur Weide, bis in den Tälern die Abendnebel wallend kochen, und über den scharf gezeichneten Kämmen die ersten Sterne flimmern. Nur im Spätherbst und Winter muss die Gemse den ganzen Tag weiden, um mit dem spärlichen Futter den Lebensbedarf zu bestreiten.

Schon Ende April oder in den ersten Maitagen, um Tage oder sogar Wochen früher oder später, je nach der Gunst oder Ungunst des Jahres und des Wohnorts, wirft die Gemsgeiss nach einer Tragzeit von 170 bis 190 Tagen ein Junges, selten deren zwei oder selbst drei. Das Wochenlager verbirgt sich im Versteck verschlungener Zwergkiefern oder unter dem schützenden Dach eines überhängenden Blockes.

Kaum geboren, abgeleckt und getrocknet, folgen die Jungen der Mutter über Stock und Stein. Doch nehmen die Sorgen und Pflichten kein Ende. Denn der Herr und Gebieter, der Bock, kümmert sich nicht um die Nachkommenschaft. Er überlässt es der Mutterliebe, den Kindern Anleitung, Erziehung und Unterricht zu geben, sie zu warnen und zu schützen vor all den vielfachen Gefahren des Hochgebirges. Dem jüngsten Sprössling spendet die Gemsmutter unermüdliche Sorgfalt und rührende Hingabe; ihm gilt ihr ganzes Sinnen und Trachten. Erst wenn das letztgeworfene Kind etwas herangewachsen ist, nach sechs Monaten etwa, duldet die Geiss auch das vorjährige Kitz, den Jährling, wieder bei sich, und nicht selten gesellt sich zu der kleinen, vaterlosen Familie, die vereint zur Äsung zieht, noch das vorvorjährige Junge.

Die Mutter deckt das Kind auf dem schmalen Felsband mit ihrem eigenen Körper gegen den stossenden Adler und weist dem gewaltigen Räuber der Lüfte mutig die spitzen Hörner; sie verjagt mit wuchtigem Schlag der Vorderhufe den anschleichenden Fuchs und wird nicht müde, den Sprung von Klippe zu Klippe immer wieder vorzumachen, bis das klagende und zitternde Kleine endlich Selbstvertrauen in seine ungeübte Kraft fasst und sich entschliesst, es im Wagestück der Alten gleich zu tun.

Ein Blick in die Kinderstube der Gemsen auf der abschüssigen Bergwiese, mitten im Blockgewirr oder am Schneefeld, enthüllt reizvolle Bilder sorglosen tierischen Treibens und Handelns. Während die Kitzgeissen emsig der Äsung nachgehen, üben sich die dichtwolligen, blassfahlrot gefärbten Kitze, wie Zicklein meckernd, in neckischen Bocksprüngen und tollen Hetzjagden. Tschudi entwirft von diesen Spielen der drolligen Jungen in seiner plastischen Schreibweise eine anschauliche Schilderung. Der Verfasser des Tierlebens der Alpen sagt:

« Auf den schmälsten Felskanten treiben sie sich umher, suchen sich mit den Hörnchen herunterzustossen, spiegeln an einem Ort den Angriff vor, um sich an einem andern blosszustellen und necken sich auf die mutwilligste Art. Oft sieht man ganze Rudel sich stundenlang an mutwilligen Sprüngen ergötzen, zuweilen sich förmlich in allerlei Turnkünsten überbietend. » Sehr rasch verliert sich die jugendliche Unbeholfenheit. Nach Tagen schon überspringen die Kitze Kluft und Grat und erklettern leichtfüssig die steilste Wand. Die treue Muttersorge belohnt rührende Anhänglichkeit. Nicht gar selten sind die wohlverbürgten Fälle, in denen das Kitz lieber in die Hand des Jägers fiel, als die Leiche der vom Blei getroffenen Mutter zu verlassen. Solche Waisen-kinder sollen etwa von einer in die Lücke tretenden Pflegemutter aus dem Rudel aufgezogen werden.

Der Hang zur Neckerei lässt die Gemse Spielgenossen sogar unter fremden Geschöpfen suchen. Besonders das Murmeltier erscheint ihr als passender Gegenstand, an dem der Übermut mit Hornstössen und Huftritten sich kühlen lässt. Ob aber die Grattiere in ihrer Spiellust und ihrem Bewegungseifer wirklich so weit gehen, über ein Firnfeld kauernd abzufahren und, unten angelangt, immer wieder emporzueilen, um den stiebenden Genuss zu erneuern, bleibe füglich dahingestellt. Der Vergleich mit einer tatenlustigen Bubenschar, die auf dem Schneefeld den ersten Hosenboden mit jauchzendem Hailoh durchrutscht, liegt denn doch gar zu nahe.

Dem Scheinkampf und der Spielerei folgt im Gemsendasein bald der Ernst des Lebens. Rasch vollzieht sich die Entwicklung. Schon im dritten Monat nach der Geburt beginnen die Hörnchen zu stossen; nach etwas mehr als sechs Monaten gewöhnlich wird das Kitz der Muttermilch entwöhnt; im zweiten Jahr setzt der Zahnwechsel ein, der im fünften Jahr zum vollständigen, endgültigen Gebiss führt. Bereits dreijährig, erreicht die Gemse nahezu ihre volle Grosse und erhält die Fähigkeit zur Fortpflanzung. Die normale Dauer des Gemsen-lebens wird auf 20 bis 30 Jahre geschätzt.

In der rasch gleitenden Kette der Tage und WTochen folgt auf den lärmvollen Sommer der lichte, stille Herbst. Er öffnet die klare Fernsicht über die sich endlos reihenden Bergzüge und begräbt zugleich das Flachland und die Talschluchten unter dem kalten, grauen Nebel. Jetzt bilden die Hochalpen eine eigene, von der übrigen Erde losgelöste, sonnige Welt. Nur flüchtig reissen sich in der tiefliegenden, einförmig wogenden Wolkendecke Fenster und Lücken auf; ein See grüsst hinauf für kurze Minuten, ein Dorf oder das weisse Band einer Strasse, wie rasch entschwindende Erinnerungen an weitentlegene Zeiten und an versunkene Welten.

Über- die einsamen Berge aber zaubert der Herbst das Farbenwunder der zur Ruhe gehenden Natur. Er spannt über die Gipfel das wolkenlose Azur des Himmelsgewölbes; über die Bergflanken wirft er das brennende Rot der niedeni Beerensträucher und umgürtet die Halden mit dem Schwarzgrün der Latschen. Aus dem Nebel aber lodert, wie lohendes Feuer, das Herbstgold des Bergahorns und der im Lufthauch zitternden Birke, und wenn um die Mittagszeit die Sonne siegreich die Nebelschwaden talwärts drängt, enthüllt sich am Hang in warmem Rostbraun der Buchenwald und die fahl vergilbende Alpenmatte.

Jeden Morgen versilbert der Reif Halm, Gras und Blatt und schmückt das farbenbunte Sterbekleid der Natur mit glitzerndem Tand. Bald erlischt die flammende Pracht im frostigen Regen; Schneeschauer und vom Herbstwind zur Flucht gepeitschtes Nebeltreiben künden die kommende harte Zeit.

Längst sind die Herden zu Tal gezogen; ihr Brüllen und Glockengebimmel ist verstummt. Die menschenleere Alp gehört wieder dem Tier der Wildnis. An der Wand und um den Felszahn spielen die beweglichen Schleier geschwätziger Bergdohlen; auf dem Grat krächzt heiser der Kolkrabe, und am Waldsaum rastet vor dem Zug nach dem linden Süden die Ringdrossel.

Unbesorgt nähert sich das Gemsrudel der leeren Alphütte; es achtet kaum der Gefahr, die ihm vom lauernden Jäger droht; denn der Spätherbst und Frühwinter, von Ende Oktober bis in den Dezember hinein, ist die Zeit der Liebe, die sogar Gemsen mit Blindheit und Taubheit schlägt.

Nun stellen sich die starken Böcke beim Rudel ein. Furchtlos geht der Platzbock dem Rivalen entgegen; er fordert ihn zum Zweikampf heraus, denn die ungestüme Eifersucht duldet keinen Mitbewerber. Im herbstlichen Morgengrauen entfacht sich zwischen den Heissblütigen der tod- oder siegbringende Streit um den Besitz der Geissen. Es stampfen die Läufe und stahlhart klirren und prallen die Krücken aufeinander. Weithin tönt dumpf das hohle Ächzen der sonst jahrein, jahraus so schweigsamen Kämpen; den Umkreis erfüllt der durchdringende Bocksgeruch. Mit scharfer Hornspitze reisst der Stärkere dem Nebenbuhler die Weichen auf; er drängt den Ermüdeten über die Felswand und verfolgt den Flüchtigen blindlings weit hinab in das Tal bis zu den Behausungen des Menschen.

Das Rudel umtrippelt indessen den Kampfplatz und beäugt staunend das Toben der Liebestollen. Dem Sieger folgt die Geiss für den Winter, wenn sie es nicht etwa vorzieht, den streitbaren Recken um den Preis zu prellen und sich mit einem der Jüngern Böcke, die aus sicherer Ferne den Zweikampf lüsternen Auges verfolgen, lautlos zur Seite zu drücken. Treue und Anhänglichkeit wird übrigens vom rücksichtslosen und zornmütigen Gatten mit Misshandlungen aller Art, mit Hornpüffen und Schlägen der Läufe, schlecht genug belohnt.

Ob sich die Gemsen mit Hausziegen zur Paarung verbinden, ist oft bestritten worden. Doch scheinen dergleichen Missehen nicht nur im Stall und in der Gefangenschaft, sondern sogar in der Freiheit der Berge vorzukommen. Die solcher Verbindung entspringenden Nachkommen verraten ihre Mischlingsherkunft durch Färbung, Bau und Charakter. Vom Gemsvater ererben sie gewöhnlich die kräftigen und elastischen Glieder und die höhere Stirn, dagegen tragen sie nicht selten Farbe und Kleid der Ziegenmutter. Mit andern Bastarden teilen die Gemsenmischlinge das Geschick, sich nicht fortpflanzen zu können.

Während die Gemse sich mit den Ziegen freiwillig verbindet und mit ihnen gern den Weideplatz teilt, verhält sie sich andern Verwandten gegenüber gleichgültig oder geradezu feindlich. Sie verabscheut die Schafe und meidet den Platz, wo jene zur Äsung gingen; sie kümmert sich kaum um Hirsch und Reh und um die zahmen Rinder. Über das Zusammentreffen des Grattiers mit dem Steinbock berichtet E. Bächler, der treffliche Kenner des Steinwilds, nach seinen Erfahrungen im Weisstannental mit den Worten: « Als am 19. Mai der Steinbock Peter sich im Freien auf dem Rappenlochgute lagerte, entfernten sich die vier andern Tiere etwas von ihm. Plötzlich sprangen die letztern erschreckt auf, weil vor ihnen unerwartet ein stattlicher Gemsbock, ein „ Mordskerl ", wie ihn der Hüter benannte, erschien und ganz verblüfft die ihm unbekannten Eindringlinge in sein Revier fixierte. Kaum hatte er aber den grössern Steinbock eräugt, so nahm er Reissaus mit Windeseile. » Beobachtungen in den Alpentälern von Cogne im Piémont, wo Steinbock und Gemse nebeneinander leben, bestätigen, dass die beiden Tiere sich in sichtlicher Weise aus dem Wege gehen und getrennte Standorte aufsuchen. Berggazelle und wilde Gebirgsziege haben es zu keiner richtigen Freundschaft, ja nicht einmal zu der bescheidenen Vorstufe einer « Entente cordiale » gebracht.

Dem Menschen gegenüber verliert die Gemse das nur allzu berechtigte Misstrauen nie völlig, mag sie auch etwa hungrig in der Nähe der Hütten äsen oder neugierig um Jagdhaus und Stall schnuppern. Alt eingefangene Gemsen legen ihre scheue Wildheit kaum ab; sie bleiben stets furchtsam und fluchtbereit oder wenden sich sogar kampflustig gegen ihren Wärter und Herrn. Besser gelingt die Aufzucht ganz junger Tiere. Als erste Jugendnahrung schmeckt ihnen vortrefflich die Ziegenmilch, und bald werden die Zöglinge zahm und zutraulich. Doch können sie den Charakter des ungebärdigen Gebirgskindes nie verleugnen; sie brauchen Raum und frische, kühle Luft, um sich in ungebundener Bewegung kletternd und springend auszutoben.

Gewöhnlich begegnet der Mensch dem leichtfüssigen Bergwild als gefährlichster, oft als einziger Feind, als Jäger, den unbezähmbare Jagdlust erfüllt und den die Romantik der Hochgebirgspirsch immer wieder auf den schmalen, gefahrvollen Felsenpfad, auf das glatte Rasenband treibt.

Einst war die Gemsjagd das Vorrecht der Grossen der Erde, der Könige und der Fürsten, und der Kleinen zugleich, der wetterfesten Bergbauern, mit dem sichern Fuss und dem hellen Auge, vertraut mit allen Gefahren des Hochgebirgs und gerüstet, allen Entbehrungen ausdauernd zu trotzen. Seit Kaiser Max zur Pirsch in die Bergwälder von Innsbruck auszog und, wie die Legende erzählt, der Spur der Gemse folgend an der Martinswand sich verstieg, wollte keiner seiner Nachfolger auf dem Thron der Habsburger das edle Waidwerk missen, bis auf Franz Josef, der den Pirschgang in den Bergen von Salzburg und Steiermark leidenschaftlich liebte.

Im Blut der Bergbewohner rollt unstillbar dieselbe Leidenschaft für die Jagd, für die erlaubte und feuriger noch für die vom Gesetz verbotene. Der immer neue Reiz, das scheue, vorsichtige Grattier zu beschleichen, Mühsal und Gefahren zu trotzen, dem Geist, dem bergesalten, die Stirn zu bieten, schlägt den Jäger mit unwiderstehlicher Gewalt in seinen Bann. Es gilt, den Einsiedlerbock im Latschengewirr anzuschleichen, dem schlauen, flüchtigen Tier auf der Ferse zu bleiben durch Runsen und Rinnen, über Schroffen, Grat und Kluft bis zum schwindligen Band hoch über dem Waldsaum und über der obersten Hütte. Über Gipfel und Tal breitet sich wie ein Zauberbann, feierlich und seltsam ergreifend, das Schweigen des Hochgebirges.

Wie oft ward die Pirsch dem allzu Verwegenen zum letzten Gang. Ein Abt von Engelberg, so erzählt T s chu di, schätzte sich glücklich, wenn er im Jahr nicht mehr als fünf seiner Talleute auf der Gemsjagd verlor.

Harmloser für den Schützen verläuft die Treibjagd, wo die städtischen Herren, den. Gemsbart auf dem verwetterten grünen Hut, angetan mit Wadenstrümpfen und künstlich abgerutschten Lederhosen, die zugetriebenen Gemsen von sicherem Posten aus treffen oder fehlen. An der Wand hallt das Schreien der Treiber wieder und das Gekläff der Hunde, und dazwischen dröhnen im Salvenfeuer die Schüsse.

Nachts aber fliesst in der Dorfschenke, im « Hirschen » oder im « weissen Rössel », der dunkle Spezialwein und kreisen die Schüsseln voll Knödel. Tabaksqualm lagert in schweren Wolken über den dichtgedrängten Reihen der Treiber und Jagdknechte in der « Schwemm » und wälzt sich in breiten Schwaden hinüber zum runden Tisch im Herrenstübchen. Je häufiger aber die Literkrüge sich leeren und die Khödelberge auf den Tellern sich ebnen, desto anzüglicher klingen die Schnadahüpfl'n, und desto mehr wandelt sich das gute Tiroler Bauerndeutsch zu blühendem Jägerlatein, bis die Stadtherren endlich träumen von Bärenkämpfen und von schneeweissen Gemsen mit golden schimmernden Hörnern, und von der « Kohlgams », « schwarz wie der Teifel » und von dem « kapitalischen Bock », der sich mit Hilfe seiner « damischen Krücken » über die Nordwand des Dachsteins herab-häkelte, von Gesimse zu Gesimse, bis er unten glücklich das flache Gletscherfeld erreichte. « Aber ausglass'n hat er eh nit », bestätigt gewichtig der Obertreiber, « und die Krücken hat 's eam fei verbog'n. » Anders zieht der Bosniake in den nackten zerschrundeten Karstbergen seiner Heimat zur Jagd aus. Seine Begleiter durch Urwald und Talschlucht sind grob-haarige, bissige Bracken; sie treiben den verfolgten Gemsbock in die Enge und halten ihn fest, stundenlang oft, bis der Herr zum sichern Schuss kommt. Auch bei uns, im Gasterbezirk und im Entlebuch, stand früher, solange die Gemsen noch die Vorberge bewohnten, die Jagd mit Hunden im Brauch.

Es erfüllt ein Zug von Idealismus die wetterharten Männer, die wochenlang Anstrengungen und Entbehrungen tragen, um der kärglichen Beute einer Gemse willen. Denn hotten materiellen Gewinn verspricht die Jagd auf das Grattier auch heute nicht. Allerdings schmeckt das zarte Wildpret junger Tiere würzig; die Decke liefert ein vorzügliches Leder, und Hörner und Gamsbart finden bei der weitverbreiteten Sippe der Salontiroler begeisterte und zahlungsfähige Abnehmer. Die aromatisch riechenden Bezoarsteine oder Gemskugeln, die sich aus der schmalen Winterkost der Gemsen, aus dem Harz der Latschen und Arven, aus Holzsplittern und Pflanzenfasern, aus Wurzeln und Haaren im Labmagen der Tiere zu glänzenden, eigrossen Körpern verfilzen, geniessen von Alters her im Volksglauben als Heilmittel gegen alle Krankheiten hohen Ruf. Wer gepul-verten Bezoar beim Messeläuten nüchtern zu sich nimmt, wird gefeit gegen Hieb und Schlag, gegen Dolch und Kugel, und als Liebestrank in rotem Tirolerwein gelöst und um Mitternacht schluckweise geschlürft, soll der Magenstein der Gemse unwiderstehlich machen, ein Wink für unglücklich Liebende.

Der Jäger vollends, der das warme Herzblut der eben gefallenen Gemse trinkt, stärkt sich durch denTrunk Muskel und Sinn und bannt den lähmenden Schwindel.

Damit rückt die Gemse in das Gebiet, auf dem wie schönes Unkraut der Aberglaube wuchert, und hebt sich zugleich über die Wirklichkeit hinaus in den Bereich poetischer Verklärung, wie die Gazelle der Wüste im Märchen des Orientalen und wie der Hirsch im Wipfeldunkel des Hochwaldes in der deutschen Legende. Lieder ertönen und Sagen erklingen; die Volkspoesie treibt ihre Ranken, und die uferlos schaffende Phantasie webt ihre aus goldenen Fäden geflochtenen, duftigen Netze.

An den Quellen der Save, wo der Triglav sein dreigipfliges Haupt in die Wolken hebt, erzählt der Slowene das wehmütige und doch kraftvolle Märchen vom Zlatorog und von der blauen Wunderblume, die das Fabelwesen bewacht. Der weisse Gemsbock steht mit schimmernden Krücken auf den Felsschroffen. Wehe dem Jäger, der auf das der Gottheit geweihte Tier mit frevler Büchse anlegt; er stürzt, vom Strahl getroffen, zerschmettert in den Abgrund. So berichtet und fabelt die Sage in den Tälern und auf den Höhen der Ostalpen, und ihre Erzählung verhallt in leisem Raunen und Lispeln in der grauen, heidnischen Vorzeit, da die weissen Gemsen im Reich der Frau Hulda auf ihrem Rücken die saugen Fräulein trugen und nur reinen Jungfrauen sichtbar wurden.

Es klingt eine ungestillte Sehnsucht um unwiederbringlich verlorenes Glück durch die gläubigen Sagen der Ostalpenvölker.

Heute vermögen nur Sonntagskinder und Dichter in stiller Bergeinsamkeit das heilige Tier zu erblicken; sie sehen den Himmel offen und verspüren den Flügelschlag der guten Geister und hören den blinkenden Saum ihres Kleides rauschen.

So umtönt Poesie und Sage wie zart verklingendes Glockengeläute die flüchtige Gemsherde und umweht sie wieder wie frischer, urwüchsiger Bergwind. Die Dichtung verleiht dem verfolgten Tier Unsterblichkeit.

« Ewig jung bleibt nur die Phantasie; Was sich nie und nirgends hat begeben, Das allein veraltet nie. »

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