Die grosse Angst in den Bergen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Edmond Pidoux, Lausanne

Fornohütte. Seit vier Tagen schneit es. Dieser miserable Monat August! Wir sind nur noch unser sechs, die in der Hütte hin- und hergehen. Zuerst sah es aus, als ob das Wetter sich bessern würde, aber nun liegt schon eine Schicht von 80 Zentimeter, und es schneit immer noch! Wie werden wir hinunterkommen? Und wann?

In dieser Nacht finde ich keinen Schlaf. Kein Wunder, wenn man den ganzen Tag nichts getan hat als ein bisschen lesen, dösen, Karten spielen und essen! Vor allem essen! Wir haben Lebensmittel für eine ganze Woche.

Für einen Moment muss ich doch eingeschlafen sein. Da weckt mich ein Schrei. Alle sind wach. Die Stimme kreischt: « Feuer! Feuer! » Eine Taschenlampe blitztauf und beleuchtet Georges, der mit angstgeweiteten Augen auf seinem Strohsack sitzt. Sein Nachbar schüttelt ihn. « Was ist los mit dir? Bist du krank? » Nein, es ist ein Alptraum: Georges glaubte, in einer Feuersbrunst zu verbrennen. Genau das, woran wir gestern abend dachten, als Pierre im Eingang zwischen den mit Socken vollgehängten Gestellen herumhantierte und dabei an die an der Decke befestigte Glühbirne stiess. Zwar ohne sie zu zerschlagen oder auszuhängen, aber man stellte sich die Explosion und den Brand vor, gerade am Eingang zur Hütte, deren Fenster alle mit Balken verrammelt sind. Eine ausgezeichnete Sache gegen Schmuggler und Einbrecher, aber was für eine Mausefalle für uns Alpinisten!

Nun hat niemand mehr Lust zu schlafen. Man verpasst Georges einen grossen Schluck Enzian ( Diagnose: Magenverstimmung !). Plötzlich auftauchende Flaschen zirkulieren, und dann lässt man eine Kerze brennen wie für kleine Kinder.

Pierre öffnet das Fenster und lässt uns frische Luft schnappen. Er streckt seine Taschenlampe in die Nacht hinaus und ruft ausgelassen:

« Wisst ihr das Neuste ?» « Nein! » « Es schneit !» Darauf folgen Gelächter und ähnlich geschmackvolle Spässe. Dann reden wir von Träumen, Alpdrücken, Halluzinationen, die von einer halbrohen Kartoffel, einem Leintuch auf der Nase, von Müdigkeit, Ärger oder einer Lektüre herrühren, und von jener eigenartigen Angst des Schlafenden, dessen Empfindungsnerven ausgeschaltet sind. Da wird unsere Vernunft ersetzt durch das Primitive in uns, die urtümliche Angst vor der Nacht, vor dem tiefen Wald, dem Meer, den Bergen.

Marcel stimmt zu und beginnt zu erzählen:

« Das erinnert mich an einen meiner schlimmsten Angstzustände gerade in den Bergen. Ihr kennt vielleicht die alte Ramberthütte im Saille-Geröll zwischen den beiden Muverans, eine zerfallene Bruchbude, die mit dem Steinhang jedes Jahr ein bisschen mehr gegen das Tal abgerutscht ist. Im Spätherbst ist der Ort düster, genau die richtige Kulisse für das, Verbrechen von Frète de Saille '. Erinnert ihr euch nicht? Da hat in den zwanziger Jahren ein Wilddieb den Jagdaufseher Marlétaz mit einem Gewehrschuss niedergestreckt...

Wir kannten die Geschichte, mein Freund Henri, mein Bruder und ich, und natürlich dachten wir daran, als wir an einem Oktoberabend in der Ramberthütte ankamen. Wir waren ganz erledigt, denn, stellt euch vor, wir waren in der Nacht von Saint-Maurice nach Riondaz hinaufgestiegen, immer der Strasse nach, denn natürlich kannte die Fusswege niemand von uns. Und wie uns der Hüttenwart angeschnauzt hat, als wir ihn um 2 Uhr morgens weckten!

Mit achtzehn Jahren erholt man sich schnell. Die ersten Sonnenstrahlen finden uns schon auf dem Roc Champion. Dann kommt der Grat der Petite Dent... Er galt damals als schwierig, und wir hatten nur sehr wenig Erfahrung. Aber wir legten das mit Schwung hin und waren stolz wie Champions. « Nach dem Roc Champion die Champions du Roc !» wirft Pierre, der Humor im Leibe hat, ein; aber niemand lacht, und Marcel fährt weiter:

« Nach der Kleinen Dent kommt die Grosse, gerade hinauf durch ein verwittertes Couloir; doch nichts kann uns an diesem Tag aufhalten, so dass wir uns, kaum sind wir um io Uhr morgens auf dem Gipfel angelangt, sofort an die Traversierung der ganzen Kette in Richtung Rambert machen. Die Idee ist wie ein Pilz in unseren Köpfen gewachsen, und keiner denkt daran, dass wir weder eine Karte haben, noch die Zahl und Namen der Gipfel kennen. Oder vielleicht wollten wir gerade deshalb hingehen...?

Wenn euch das ekelhafte Geröll jener Gegend nicht bekannt ist, lernt ihr es hoffentlich, vor allem im Herbst, ohne Schnee kennen. Ach, haben wir uns mit jenen Steinklötzen abgemüht, und immer noch mehr Wände, noch mehr Couloirs ohne Einstieg und Ausstieg! Vor und zurück, und auf jedem Gipfel überrascht uns ein neuer Zacken! Wir brauchen ohne Rast zwölf Stunden von Riondaz bis Rambert, und bei der Ankunft können wir gerade noch den letzten Rest des letzten Schneefeldes für die Suppe und den Kaffee « pflücken ».

Die Hütte war noch misslicher als der Ort selbst. Der Hüttenwart hatte sie für den Winter hergerichtet. Mein Bruder schlief zweimal über seinem Teller ein, aber wir andern hatten nicht einmal die Kraft zu lachen. Wir dachten nur daran, uns in die Federn zu legen. Doch bevor ich in den Schlafraum hinaufging, hatte ich den merkwürdigen Einfall, die Hüttentüre abzuschliessen, und die beiden andern schienen das ganz natürlich zu finden.

Wir schliefen auf den Matratzen sofort ein, auf diesen groben Jutesäcken, die mit Maisblättern gefüllt und so steif wie Holz sind! Aber vom Schlaf wie hingemäht, brauchten wir nichts Besseres.

Plötzlich erwache ich. Nur mit Mühe erkenne ich, wo ich bin: Rambert, die Dents de Morcles, das Verbrechen von Frète de Saille... Warum muss ich daran denken? Mein Herz antwortet darauf, indem es gegen meine Rippen hämmert. Noch vor den Ohren hat es ein Geräusch vernommen, wie wenn jemand um die Hütte herumgehen würde. Man hört seinen schweren Schritt im Geröll, da gibt es keinen Zweifel. Er hält an. Er geht weiter. Der Mann — es ist sicher ein Mann — rüttelt an einem Laden. Dann ist er still, um zu horchen, und nimmt seinen Marsch wieder auf. Sicher sucht er die Türe. Eine fürchterliche Angst lähmt mich, denn er wird sie ja verschlossen finden. Ich war verrückt, den Schlüssel zu drehen. Aber nein, das wird uns schützen. Uns schützen? Im Gegenteil! Der Mann rüttelt an der Türe. Sie hält stand. Er rüttelt stärker; man spürt seine Wut. Wieder ist er ruhig und hält den Atem an, um zu horchen. Er weiss, dass jemand drin ist. Unsere Pickel lehnen ja an der Mauer! Mit einem Pickel kann man die Türe leicht einschlagen. Oder mit einem Gewehrschuss!

Eine Atempause. Der Mann entfernt sich wieder, geht um die Hütte herum und rüttelt an jedem Laden. Aber ich weiss, dass er bald zur Türe zurückkehren wird. Ich möchte schreien vor Angst, kann aber nicht. Und mit irrsinniger Klarheit fühle ich, dass Henri und mein Bruder auch wach und wie ich an ihren Strohsack gefesselt sind. Ich spüre ihr Schweigen, die Angst all ihrer Sinne, mit welchen sie die Nacht durchdringen. Als es wieder an der Türe rüttelt, erreicht mich die schwache Stimme Henris wie ein Murmeln:

,Marcel, hörst duDann flüstert mein Bruder: ,Hört ihr'sPlötzlich setzen wir uns alle drei auf... Gegenüber, auf den Strohsäcken, beginnt ein Galopp -eine Flucht von etwa zehn kleinen Tieren. Mäuse!

Mit einer Taschenlampe leuchten wir die Strohsäcke ab, an denen ihre Krallen gekratzt und wo sie die Knochen eines Poulets zurückgelassen haben. Mäuse! Das war unser Mörder, zusammen mit dem Wind, der an Läden und Türe gerüttelt hat!

!'74 Wie herrlich, wieder zu leben! Sogar lachen können wir wieder, als wir mit unserer Beichte beginnen. Wir haben alle drei die gleiche Angst gehabt und genau dieselbe Erklärung für die unheimlichen Geräusche. Die fangen übrigens wieder an, sobald das Licht gelöscht ist und wir uns wieder hingelegt haben, und zwar mit der gleichen Illusion. Obwohl wir genau wissen, wo sie herkommen, hören wir sie draussen wie Schritte im Geröll. Aber auf die Angst folgt nun eine so glückliche Entspannung, dass wir in einen zehnstündigen Murmeltierschlaf versinken. » « Kinderangst!« ist Pierres Kommentar. « Aber es ist doch so, dass ein Mann zwischen Wachen und Einschlafen wie ein Kind ist. Ich habe in der gleichen Jahreszeit eine ähnliche Angst empfunden...

Es war im Dienst. Ich war auf einem Pass stationiert mit dem Auftrag, den Durchgang während des Schiessens zu halten. Niemand hatte mir gesagt, dass ich allein zwei Tage und eine Nacht in der Militärbaracke zubringen müsse, die zwischen den Felsen eingeklemmt war. Es gab keinen Tropfen Wasser da oben, und ich hatte weder Taschenlampe noch Kerze bei mir. Nicht einmal ein Zündhölzchen! Zum Glück konnte ich von einem Burschen, der des Weges kam, drei bekommen.

Sonst hatte ich keinen Grund, mich zu beklagen. Im Dienst zwei Tage frei zu haben und allein zu sein ist das Paradies. Niemand würde in dieser Jahreszeit auf die Idee kommen, über den Pass zu gehen; ich würde lediglich eine Statistenrolle spielen.

Den ganzen ersten Tag verbringe ich in der Sonne am Abhang. Es ist heiss wie im Sommer, und welche Aussicht! Zwölf Stunden nichts tun, mit keiner lebenden Seele sprechen! Zwölf Stunden mit diesem Ausblick! Atmen, knabbern, träumen! Und ihr kennt ja das Hochgebirge in der Nachsaison, mit jener Luft, die sich vor der langen Winterzeit andächtig zu sammeln scheint. Ich liess mich gehen, ohne etwas zu denken, hatte nur gerade zwei oder drei Einfälle, immer die gleichen, Worte, eine Melodie, die mir unaufhörlich im Kopf herumgingen. Allmählich sinkt man in einen Halbschlaf. Ob man sich selbst ausschöpft, um den Dingen nahezukommen, den Bergen, der Luft, die an einem vorüberstreicht? Oder dringt, im Gegenteil, das alles in dich ein, bist du wie ein Löschblatt damit getränkt? Zuletzt unterscheidet man sich kaum mehr von Lärche, Gras oder Stein...

Die Schiesserei sollte bis in die Nacht hinein dauern, hatte aber schon vor Stunden aufgehört. Ich blieb trotzdem aufdem Posten, ob aus Diensteifer oder Phlegma, ist schwer zu sagen. Zur abgemachten Zeit verliess ich den letzten Lichtschimmer, den lila, fast violett getönten Himmel, und stieg in das Loch hinunter, wo ich die Baracke vermutete. Da musste ich umhertasten, doch schon am Morgen hatte ich das Brennholz in dem kleinen Ofen zurechtgemacht, um es mit dem ersten Zündhölzchen in Brand stecken zu können. Und das gelang mir auch.

Die Baracke war ein langer Bretterschuppen für mindestens fünfzig Mann. Beim Eingang befand sich ein Raum von 3 Metern im Quadrat. Das erkannte ich bei dem schwachen Licht, das zwischen den Ringen des Herdes hervorschimmerte. Das Türchen konnte ich nicht öffnen, um mehr Licht zu machen; es quoll ein Rauch wie aus einem Vulkan heraus.

Ich hatte die Türe des grossen Schlafraumes geschlossen, weil mich seine Schwärze und Stille bedrückten. Ich glaubte, darin die fünfzig Väterchen zu hören, die ihn während der letzten Mobilisation besetzt hatten, jene Alten mit den Pom-ponkäppis. Je ferner sie waren, um so deutlicher waren sie da...

Ich wollte nicht gleich schlafen, da die Nächte in dieser Jahreszeit lang sind, auch nicht essen, weil ich den ganzen Tag etwas geknabbert hatte. Meine Decke hatte ich aufden Strohsack in einer Ecke geworfen, meinen Brotsack an das Gestell einer an der Decke befestigten Petrollampe gehängt, die natürlich kein Licht hatte. Und als ich in einer Kiste zwei oder drei Kartoffeln fand, machte ich mir ein Vergnügen daraus, sie in der Glut zu rösten, ohne aus dem Halbschlaf, in dem ich befangen war, ganz zu erwachen. Mein Blick war auf die glühenden Ritzen des Herdes gerichtet wie auf die Gletscher im Abendlicht.

Schliesslich siegt die Vernunft, und ich stehe auf, um schlafen zu gehen. Ich strecke mich und trete einen Schritt zurück. Und das ist gerade die Bewegung, die ich hätte vermeiden sollen. Ein Schlag auf die Schulter macht mir klar, dass jemand in der Dunkelheit hinter mir steht. Die Angst dringt wie eine Nadel in mein Herz. Ich drehe mich um und blicke in das Gesicht des Unbekannten, das in den Schatten zurückweicht, aus dem er gekommen ist. Zwei Sekunden lang glaube ich zu sterben, als das fahle Gesicht, das mich unablässig angestarrt hat, langsam wieder auf mich zukommt. Wie an den Boden genagelt warte ich, und gerade, als es mich berühren will, erkenne ich deutlich - die runde Form meines Brotsackes, der auf Schulterhöhe an der Petrollampe hängt!

Ich hatte einen tiefen Schlaf in dieser Nacht, war aber so vorsichtig gewesen, mein aus der Scheide gezogenes Bajonett neben mich zu legen. Ihr wisst doch, jenen schrecklichen Säbel mit seiner Schlächtersäge, die schmerzt, wenn man nur daran denkt. » Nach Marcel und Pierre habe auch ich meine Geschichte zum besten gegeben. Sie enthält nicht soviel Phantasie, aber dafür eine viel eindrück-lichere Realität. Allerdings hat jeder Alpinist schon so etwas erlebt und könnte ebensogut davon erzählen.

Damals war die Dent d' Hérens der einzige Schweizer Viertausender, der in meiner Liste noch fehlte. Ich musste ihn unbedingt erringen. Nun war in jenem Jahr die Aostahütte von einer Lawine zerstört worden. Wenn ich nicht von Bertol aus gehen wollte, was zu lang war, oder von Schönbiel ( auf jener Seite vereist ), so blieb mir nichts anderes übrig, als im Zelt zu biwakieren.

An einem schönen Nachmittag brechen wir, Robert, meine Frau und ich, von Aosta zum Cia- de-Cian-Pass auf, um noch vor Einbruch der Nacht den Platz der Hütte zu erreichen. Aber wir haben uns zu stark beladen und verlieren, besonders beim Abstieg vom Pass, viel Zeit. Es ist eine schwierige Wand, in der man geschickt Bänder und Schuttrinnen kombinieren muss, um grosse Überhänge zu vermeiden.

Die Dämmerung überrascht uns bei der Moräne des Cia-de-Cian-Gletschers; zum Traversieren ist es zu spät. Wir müssen das Zelt am ersten günstigen und zugleich einzig möglichen Platz dieses steilen Abhangs aufstellen: einem 20 auf g Meter grossen Grasdreieck zwischen der Moräne und der Halde unter der Wand.

Dahin werden wir am nächsten Tag nach unserer verfehlten Tour zurückkehren. Seit dem Morgen hat sich das Wetter verschlechtert, der Gletscher ist faul, der Tiefenmattenpass, von dem Steinlawinen heruntersausen, unzugänglich. Wir sind bis zu einer leichteren Spitze gegen die Südflanke hin vorgestossen, aber Wind und Regen haben uns tropfnass und erschöpft unter unser Zeltdach zurückgetrieben. Adieu Nachtessen, das wir um ein Holzfeuer herum auf der Wiese geniessen wollten, wo grosse Steine als Sitzplätze und Naturtische auf uns warteten. In dem winzigen Zelt müssen wir Kopf bei Fuss, wie die Römer auf den Ellbogen gestützt, die Beine des Nachbarn als Tisch benützend, unser Nachtessen einnehmen.

Es will nicht Nacht werden, und der Schlaf will nicht kommen. Der auf das Dach trommelnde Regen beruhigt unsere angespannten Nerven auch nicht. Stundenlang hören wir ihm zwischen kurzen Schlafperioden zu. Endlich hört er auf, aber als ich nochmals aufwache, wundere ich mich über die Schwere des Zeltdaches, das an meine Nase stösst. Plötzlich verstehe ich: es schneit!

Ein Blick hinaus: alles ist weiss! Von diesem Augenblick an kann ich nur noch an eines denken: an die Rückkehr. Wird der Pass gesperrt sein? Wie werden wir in die Schweiz zurückkommen? Robert muss morgen abend unbedingt in Genf sein und wir im Val d' Hérens, wo uns unsere Kinder erwarten. Durch das Valpelline hinuntersteigen? Ich weiss nichts über dieses Tal, es ist nicht auf meiner Karte. Es ist mir nur bekannt, dass es von hier bis zur Fahrstrasse Stunden dauert. Und nachher? Welchen Postkurs nehmen? Der St. Bernhard wird geschlossen sein, wenn es weiterschneit. Und das tut es!

Meine Begleiter machen sich die gleichen Sorgen, aber niemand spricht; ganz steif von all den Schritten und Anstrengungen der zwei langen Tage, rühren wir uns nicht. Einzig der Geist ist wach, aber auch nur wie eine Lampe, deren Öl zur Neige geht.

Plötzlich ereignet sich hoch oben im Abhang über uns eine kurze Explosion, dann noch eine. Sofort haben wir begriffen, dass der Fels in der Wand geborsten ist und sich Blöcke davon lösen. Dumpfe Schläge erschüttern den Boden bei jedem Sprung. In einigen Augenblicken werden sie auf uns stürzen!

Es ist verrückt, was einem in so einem Fall alles durch den Kopf geht. Zwar ist es noch nicht die « Gesamtvision des Sterbenden », all denen bekannt, die abgestürzt sind und es überlebt haben, ein rasend schnelles, furchtloses Vorbeiziehen des ganzen Lebens. Wir sind erstarrt vor Schrecken und wären lieber selber abgestürzt, als auf die herabfallenden Steine zu warten. Wir haben keine Zeit hinauszukommen, da wir wie Mumien eingewickelt sind. Ich erwarte den tödlichen Schlag, da ich mit dem Rücken zur Wand zuerst getroffen werde. Was wird das für ein Blutbad in unseren Schlafsäcken geben!

Letztes Aufprallen, ungeheuerlich, weiter weg! Die Blöcke stürzen, von einem Steinhagel gefolgt, einige Meter entfernt hinunter. Dann Stille...

Wir sind gerettet! Wie lange? Ist das nur das Vorspiel einer weiteren Katastrophe? Bis zum Morgengrauen überlegen wir, doch ohne an Flucht zu denken. Wo sollten wir hingehen? Wo Schutz suchen? Ein animalischer Fatalismus überfällt uns mit dem wahnsinnigen Bedürfnis nach Schlaf, der uns doch versagt bleibt.

Als es hell wird, stehen wir auf. Wir falten das von Schnee und Wasser schwer gewordene Zelt zusammen. Der Nebel kriecht dem Boden entlang, aber nicht so nahe, dass er die ganz neuen, zwei Schritte von uns niedergestürzten Blöcke vor uns verbergen könnte - weitere Sitzplätze für zukünftige Zeltler!

Die Rückkehr über den Pass, zuerst im Schnee, dann bis nach Aosta im Regen ist mit dem Gewicht der Säcke und nach den harten Tagesmärschen und der durchwachten Nacht ein Leidensweg. Aber es ist gar nichts, verglichen mit den zehn tödlichen Sekunden der Nacht. Doch wie sagt der Weise? Man soll eine Schlange nicht mit einem Nilpferd vergleichen.

Meine Geschichte hatte den beiden ersten gegenüber noch einen Vorteil, den ich nicht vorausgesehen hatte. Sie brachte uns die Sicherheit der Hütte, die Festigkeit ihrer Mauern und ihres Daches, die Nestwärme zum Bewusstsein... Die glückliche Wirkung zeigte sich bald: Georges hatte die Feuersbrunst, seine Schreie und die ganze Welt vergessen und angefangen, in seiner Ecke leise zu schnarchen.

Und wir mussten nur noch die Kerze ausbla-senÜbersetzung E. Busenhart )

Feedback