Die Meije und ihre Geschichte

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Über die Meije hat in seiner klassischen Weise Andreas Fischer gesprochen und geschrieben. Er und seine Begleiter der zweiten Besteigung, Emil Fankhauser und Karl Hermann, leben nicht mehr. Zwei von den drei Bergfreunden haben den weissen Tod in ihren geliebten Bergen gefunden. Fischer verdanke ich die Begeisterung für die Berge des Dauphiné und für die Meije, die Königin der Felsberge Europas, im besondern. Klein käme ich mir vor nach der Schilderung seiner zwei Fahrten auf und über die Meije, wenn ich den Versuch unternehmen wollte, von unserer Überschreitung vom Jahre 1907 in ähnlicher Weise zu erzählen. So wende ich mich daher mehr der Besteigungsgeschichte dieses Berges zu, der erst zwölf Jahre nach dem Matterhorn erobert worden ist.

Meije ist eine Abkürzung für Meidjou, Aiguille de la Meidjou, also Aiguille du Midi. Sie ist mit 3987 m Höhe die höchste Spitze jenes gewaltig zerrissenen Bergmassivs südwestlich des Col du Lautaret. Vom Hauptgipfel, Grand Pic oder Pic Occidental genannt, 3987 m, führt der gefürchtete zackige, lange Grat nach Osten, abfallend zum Pic Central oder Doigt de Dieu, 3970 m, wie dieser Gipfel von den Einwohnern bezeichnenderweise geheissen wird, bis zum Pic Oriental oder Pic Gaspard, der für die Besteigung und Überschreitung nicht in Betracht fällt. Auch für mich bedeutete der Anblick des Doigt de Dieu vom Grand Pic aus das Gewaltigste, was ich im Gebirge je geschaut habe. Drohend erhebt sich dieser Finger Gottes in die Lüfte, dem verwegenen Menschlein wie eine Warnung.

Edward Whymper, der Besieger des Matterhorns, wandte sich im Jahre 1864 von der Meije ab, weil er sie für unbesteigbar hielt, und bezwang dafür als erster die Barre des Ecrins. Der meisterhafte Führer Michel Croz hat Wichtigste Quellen:

Annuaire du Club Alpin Français. Jahrgänge 1875, 1877 und 1896.

Ball, John: The Western Alps. New edition by Coolidge ( The Alpine Guide, I ).

London 1898.

Baud, Daniel: La Meije et les Ecrins. Grenoble 1907. Blanchard, C: Boileau de Castelnau, in « La Montagne ». 1923, N° 164. Coolidge, W. A. B., Duhamel, H., and Perrin, F.: The Central Alps oi the Dauphiny. 2. Ausg. London 1905.

Coolidge, W. A. B.: The alps in nature and history. London 1908. Dauphiné. Herausgeg. vom Synd. d' Initiative. Grenoble 1908. Duhamel, Henri: Au pays des Alpins. Grenoble 1899. Ferrand, Henri: La Meije, etc., ill. Grenoble 1903. Fischer, Andreas: Hochgebirgswanderungen in den Alpen u. im Kaukasus; Hrsg. von E. Jenny. Band I. Frauenfeld 1912. Pilkington, Ch.: im « Alpine Journal », Band 9, Seite 418. Purtscheller, Ludwig: Über Fels und Firn. Hrsg. von H. Hess. München 1901. Zsigmondy, Emil: Im Hochgebirge. Hrsg. von K. Schulz. Leipzig 1889.

von 1860—1864 mehrere fruchtlose Erkundungen am Berge unternommen. Und Henri Duhamel, der 1876 dem Gipfel halbwegs nahe gekommen war, liess allen Mut sinken und erklärte in einem Brief an den Club Alpin Français den Berg für unbesteigbar. So ist es denn kein Wunder, wenn selbst ein Purtscheller die Meije zu den schwierigsten und furchtbarsten Bergen der Alpen zählt. Und wenn ein Andreas Fischer sich den Worten des alten Christian Almer anschliesst: « Es ist die längste ununterbrochen schwierige Tour in den Alpen und übertrifft als Ganzes alle andern Gipfel bei weitem an Schwierigkeit », so scheint mir dies die beste Würdigung des Berges zu sein. Gewiss wird man an einem kleinern Berg ( ich denke z.B. an die Pierre Cabotz ) eine einzelne Stelle finden, die schwieriger ist als die meisten Kletterstellen an der Meije, aber die Summe der Schwierigkeiten und die Länge der Kletterei, die öfters zu Beiwachten führt, sind das Entscheidende. Ehe ich nun jedoch zur eigentlichen Besteigungsgeschichte übergehe, gestatte man mir eine kurze Beschreibung des Berges: Vom Grand Pic, dem Hauptgipfel, fällt die Nordwand fast in einer Flucht auf den Glacier de la Meije und den Glacier du Tabuchet hinunter. Man sieht wie unmittelbar auf la Grave, das einem rund 2500 m zu Füssen ruht. Westlich des Hauptgipfels liegt die tiefste Einsattelung des ganzen Kammes, die Brêche de la Meije, 3300 m hoch. Sie bildet den Übergang zwischen la Grave und dem Val des Etançons, das nach la Bérarde und St-Christophe hinunterführt, wo Emil Zsigmondy und andere Opfer der Meije begraben liegen. Über die Brêche erreicht man auch von la Grave in einer Tagesfahrt, sie also von Norden nach Süden übersteigend, das Promontoir auf der Südseite des Berges, wo heute auf 3150 m Höhe die Clubhütte steht und wo früher das Freilager bezogen wurde. Nach Osten fällt der Hauptgipfel ebenso steil in die Brêche Zsigmondy hinunter, nach Emil Zsigmondy benannt, der unterhalb und südlich von ihr ein so tragisches Ende gefunden hat. Über die Tour Zsigmondy führt dann der vorhin genannte scharfe und zackige Ostgrat, auf- und niedersteigend, zum Doigt de Dieu oder Pic Central, 3970 m, der seinerseits immer noch recht steil auf den Glacier du Tabuchet hinunterfällt, jedoch nicht ungangbar wie die Nordwand des Hauptgipfels. Den erhebendsten Eindruck macht aber, namentlich vom Promontoir aus, in der Gesamtheit betrachtet, die Südseite des Berges, die auf den Glacier des Etançons abfällt. Wie ein gewaltiger gotischer Dom erhebt sich der Felsberg fast senkrecht vom Promontoir aus in die Lüfte, ein Anblick, der besonders im Mondschein, nach Verlassen der Hütte, einen tiefsten Eindruck macht und die Erinnerung an das Matterhorn bei allen Besteigern weit zurückgelassen hat. Man begreift zunächst überhaupt nicht, wie man da hinaufkommen soll. Die ganze Besteigunggeschichte zieht an einem vorüber, und erst der gute Gneisgranit macht es verständlich, dass auch die berüchtigte Grande Muraille überwunden werden kann, jene fast senkrechte Mauer von 200 m Höhe, an der schon so mancher umgekehrt ist und von der ein Sturz in einer Flucht auf den Glacier des Etançons hinunterführt und durch kein Seil aufgehalten werden kann. Die Südseite galt einst für unmöglich. Und gerade sie sollte den Erstbesteiger zu dem so lange und so heiss umstrittenen Ziele führen.

Und nun zur eigentlichen Geschichte der Besteigung der Meije, von der ein Whymper schreiben musste, sie sei der einzige bedeutende Berg Europas, der noch nie von einem menschlichen Fuss betreten worden sei.

Die Geschichte ist nicht zuletzt deshalb so reizvoll, weil es mehrere Jahre den Anschein hatte, als wollten die Franzosen auch diesen Berg den Ausländern überlassen. Dann aber setzte ein edler Wettkampf der besten Bergsteiger der Nationen ein, den ich kurz schildern will. Vor dem Jahre 1870 waren es die Nordseite des Grand Pic und der Ostgrat, von wo aus man glaubte, dem höchsten Gipfel beikommen zu können. Am 28. Juni 1870 erreichten die Grindelwaldner Führer Christian Almer ( Vater ), Ulrich Almer ( Sohn ) und Christian Gertsch mit dem Amerikaner W. A. B. Coolidge und seiner Tante, Fräulein Brevoort, den Pic Central oder Doigt de Dieu von Norden her, also vom Glacier du Tabuchet aus. Aber sie gaben den Versuch, über den gefährlichen Ostgrat dem Grand Pic beizukommen recht bald auf. Nicht besser erging es 1873 dem Engländer F. Gardiner mit den Grindelwaldnern Hans und Peter Baumann. Und im gleichen Jahre blitzten die Engländer T. Cox, F. Gardiner, C. Taylor, R. und W. Pendlebury mit den Führern H. und P. Baumann, P. Knubel und J. M. Lochmatter ab. An einen Auf-oder Abstieg auf der Südseite dachte damals noch niemand.

Im Jahre 1874 ging es J. O. Maund mit den Führern J. Martin und J. Jaun nicht besser; auch hinderte sie das schlechte Wetter. Im Jahre 1875 unternahm A. E. Martelli mit J. A. Carrel und J. J. Maquignaz vom Glacier de la Meije über den Corridor, also direkt von der Nordseite aus, einen vergeblichen Versuch.

Bis dahin waren es fast ausschliesslich Engländer mit Schweizer- oder Chamonix-Führern gewesen, die den Berg berannt hatten. Nun forderte H. G. Devin im neu entstandenen Club Alpin Français die französischen Alpinisten öffentlich auf, die stolze Meije nicht den Engländern und ihren Schweizer- und Chamonix-Führern zu überlassen. Und so kam es, dass nun nicht nur die besten französischen Bergsteiger einen eigentlichen Wettkampf mit den Engländern aufnahmen, sondern auch, dass die Gemsjäger der Gegend als Führer ihren Landsleuten zur Seite traten. H. G. Devin ging 1875, also im gleichen Jahre, mit gutem Beispiel voran. Er versuchte mit den Führern A. Tournier von Chamonix und H. Devouassoud die Besteigung über den Corridor, natürlich vergebens. Er hatte unglücklicherweise gerade die schwierigste, auch heute noch unbezwungene Nordwand gewählt. Im gleichen Jahre wurden auf demselben Wege der Franzose H. Cordier mit J. Tarraz und der Engländer Wentworth mit den beiden Lauener, Christian und Ulrich, abgewiesen.

Nun trat R. Pendlebury, der Besieger des Pic d' Olan, mit Gabriel und Joseph Spechtenhauser auf den Plan Sie versuchten ihr Glück von der Südseite aus, waren also auf der richtigen Fährte, gelangten aber nicht ans Ziel. Die Quellen sagen nicht, ob sie am Fusse der Grande Muraille umkehren mussten. Es ist aber wahrscheinlich. Christian Almer, Christian Roth und Rudolf Kaufmann versuchten ohne Coolidge, aber auf seinen Wunsch hin, am gleichen Tage die Besteigung von der Brêche de la Meije aus, also über den Westgrat. Sie kamen aber nicht weit; kein Wunder, denn dieser Aufstieg ist bis heute nur einmal gelungen. Die Meije ist eben keiner jener Berge, von denen alle paar Jahre ein neuer Aufstieg gemeldet wird.

Die Engländer James Eccles und T. Middlemoore versuchten zwei Tage später, am 14. Juli 1875, mit ihren Führern J. Jaun, A. Maurer und M. Payot wieder den Ostgrat vom Doigt de Dieu ( Pic Central ) aus, dem Gedanken von Coolidge und Whymper folgend; aber auch vergeblich. Sie betraten den Ostgrat nicht. Vom 20. bis 24. August 1875 erschienen zum erstenmal Henry Emmanuel Boileau de Caslelnau und sein Freund Henri Duhamel mit den Führern A. Tournier und L. und F. Simond am Berg. Sie berannten ihn vergebens über den Ostgrat und von Norden, also vom Glacier de la Meije aus, über den Corridor. Sie hatten ein viertägiges Freilager auf dem Rocher de l' Aigle gegenüber dem Grand Pic bezogen. Duhamel kam dabei zur Überzeugung, dass der Ostgrat vom Doigt de Dieu bis zum Grand Pic nicht erzwungen werden könne. Im Juni 1876 versuchte Henri Cordier von la Grave aus mit den Führern J. Anderegg, A. Maurer und J. Bouillet den Grand Pic wieder über den Corridor zu besteigen, allein vergeblich. Duhamel neigte eher der Ansicht von Michel Croz zu, dass man vielleicht dem Grand Pic vom Glacier Carré, also von der heute begangenen Südseite aus, bei-komme, wenn es gelinge, die Grande Muraille zu überwinden. A. Tournier teilte diese Ansicht, welche sich als die richtige erweisen sollte.

Im Jahre 1876 sehen wir den Engländer H. Gale Gotsch mit H. Devouassoud und A. Tournier von Nordosten durch die überaus steile Rinne in die Brêche Zsigmondy aufsteigen, um von da von Osten auf den Grand Pic zu gelangen. Sie wurden abgeschlagen, versuchten es aber nochmals direkt von Norden. Gotsch besichtigte auch von der Brêche de la Meije aus den Westgrat und die Südseite. Darauf trat Frederick Gardiner wieder auf den Plan, diesmal mit Melchior Anderegg und A. Maurer. Sie erreichten aber nur den Sommet du Promontoir und das « Campement des Demoiselles. » — Erst im Spätsommer erschien der Franzose Duhamel, wieder mit seinen Dauphine-Gemsjägern und Führern F. Simond, E. Cupelin und Pierre Caspard, Vater, von dem wir später noch hören werden, diesmal ohne seinen Freund Castelnau. Sie nahmen siebzig Meter Seil mit, dazu zwei Leitern, und begannen ihren Angriff von Süden, also der Idee Duhamels treubleibend. Sie gelangten auf 3510 m, bis zur Pyramide, die heute zwar verschwunden ist, aber noch « Pyramide Duhamel » heisst und den Einstieg in die Grande Muraille vermittelt. Diese gebot ihnen Halt. Damals war es, als Duhamel allen Mut verlor und seinen Brief an den Club Alpin über die Unbezwinglichkeit der Meije schrieb: er habe den Berg vergeblich von allen vier Seiten berannt, er sei unbesteigbar. Pierre Caspard aber, damals schon der Leibführer von Boileau de Castelnau, scheint die Grande Muraille wohl im Auge behalten zu haben! Damit hatte die Meije auch im sechzehnten Jahre der Versuche alle Angreifer abgewiesen.

Im Jahre 1877 gingen zuerst die Franzosen Léon Fayolle und Paul Guillemin mit den einheimischen Führern E. Pic, J. Bouillet, E. Mattionet und P. Dodde an den Berg, und zwar auf der unfruchtbaren Nordseite.

Darauf erschien der Engländer Wentworth wieder, begleitet von den Dauphinéführern A. und C. Pic, L. Lanier und Emil Rey. Sie versuchten im gleichen Sommer zweimal den Berg von Norden und von der Breche de la Meije aus. Ihnen folgte wiederum Coolidge mit seinen treuen Führern Christian Almer und Sohn Ulrich, die Aufklärung von der Breche de la Meije aus fortsetzend, die er 1875 Ch. Almer, Roth und Kaufmann übertragen hatte. Nach 135 m Höhengewinn mussten sie wegen einer senkrechten Stelle ( dem Doigt ?) umkehren. Trotzdem ist der Gedanke von Coolidge sehr verständlich, und er hat sich später auch als richtig erwiesen, denn der Westgrat sieht nicht so bös aus wie die Südwand, die Grande Muraille, an der ein Duhamel und Gaspard bereits umgekehrt waren.

Den gleichen Weg schlug der Franzose Paul Guillemin mit dem Dauphiné-führer Emile Pic ein, der bald darauf als erster den Monte Viso von der französischen Seite aus bestieg. Man sieht nur, welch ein Wettlauf zwischen den besten alpinistischen Vertretern der beiden Nationen entstanden war. Guillemin gelangte immerhin bis auf 3620 m, die Leistung von Coolidge in den Schatten stellend. Die Franzosen wollten sich ihre Meije um keinen Preis entreissen lassen. Der Kampf gegen die Engländer mit ihren erfahrenen Schweizer- und Chamonix-Führern war für sie kein leichter. Und bereits richteten sich die Augen aller Alpinisten auf dieses grosse Ringen.

So kam das zwölfte Jahr, nachdem Whymper das Matterhorn bezwungen hatte. Am 4. August 1877 brach H. E. Boileau de Castelnau mit dem tapfern Pierre Gaspard, dessen Sohn und dem Träger J. B. Rodier vom Chatelleret am Glacier des Etançons auf. Ihr Weg war der vor zwei Jahren angefangene. Rasch brachten sie die guten Felsen am Promontoir hinter sich, querten das schwarze, vereiste Couloir Duhamel, das recht kitzlich sein kann, und gelangten bis zur Pyramide Duhamel. Gaspard hatte sich im Vorjahre diesen Einstieg genau gemerkt. Wieder bot ihnen aber die Grande Muraille Halt. Da aber geschah das Seltsame: Boileau de Castelnau erklärte Vater Gaspard, wenn er, Gaspard, nicht wolle, so gehe er allein. Und er setzte das Wort auch in die Tat um. Da antwortete Gaspard: « Nous monterons, puisque vous le voulez, mais nous ne descenderons plus. » Und wie ein Löwe, der verzweifelt kämpft, soll er sich, seinem Herrn wieder vorantretend, den schwierigen Einstieg in die Grande Muraille erzwungen haben. Das schwerste Stück von zwanzig Metern brachte er so hinter sich. Da wich der Tag der Nacht, und sie mussten umkehren — diesmal aber nicht gezwungen durch die Meije. Sie hielten die Grande Muraille nicht mehr für unbezwingbar. Durch Abseilen gelangten sie zur Pyramide zurück und stiegen wieder ins Val des Etançons ah mit dem festen Vorsatz, wiederzukehren. Das Geheimnis aber bewahrten sie für sich und sprachen unter den Clubfreunden nur allgemein von ihrem Vorhaben, die Meije noch einmal angehen zu wollen. Und in der Tat, am 16. August kehrten sie wieder. 2 Stunden 45 Minuten kosteten sie allein die ersten 150 m der Grande Muraille, aber sie bezwangen sie, mit all den kitzligen Stellen, dem Dos d' Ane und vor allem dem Pas du Chat, der von der Muraille hinausführt auf den Westgrat, direkt über die Breche, wo man auf schmalem Bande sich wie eine Katze über den gähnenden Abgrund windet. Hier hat nur der halbe kriechende Körper Platz. Grausig schön erweitert sich plötzlich der Blick über die Nordwand hinweg in die Leere und auf den fernen Horizont hinaus. Andreas Fischer hat bei seiner ersten Besteigung des Grand Pic mit René König und Charles Simon den Pas du Chat verfehlt, und er wurde gezwungen, in der Senkrechten direkt zum Glacier Carré hinaufzuklettern, wie die erste führerlose Partie F. Gardiner und die Gebrüder Pilkington auch. « Wer hier eine Variante », schreibt Fischer, « macht tut 's nicht aus Absicht, sondern aus Irrtum. » Fischer hat 1893 ohne Reserveseil im Abstieg die Grande Muraille überwunden. Die drei mussten dann aber auch biwakieren. ( Ich selbst erlebte an der Grande Muraille einen unangenehmen Augenblick. Vierzehn Tage vor uns war Prof. Moraschini mit Bertoni vom Club Alpino Italiano an der Muraille tötlich abgestürzt, unmittelbar auf den Glacier des Etançons hinunter, wo sie als zerschmetterte Leichen liegen-blieben. Noch hing das zerrissene Seil am Fels, und die Gedanken, die da in schwieriger Lage in mir aufstiegen, suchte ich möglichst zu verscheuchen. ) Die Muraille wird durch ein etwa 1,5 m breites Band, das zum Hängegletscher Glacier Carré hinüberleitet, abgeschlossen. Aufatmend betritt es wohl jeder nach einem letzten Klimmzug. Ganz besonders soll das bei den ersten Besteigern der Fall gewesen sein, denn nun glaubten sie sich ihres Sieges schon sicher. Wie von einem Adlerhorst blickt man an die tausend Meter auf den Glacier des Etançons hinab. Hier ist der Ort, wo man die zweite Frühstücksrast hält und sich von neuem stärkt auf eine Kletterei, bei der es nie unter zwölf Stunden ( nur in den Felsen ) abgeht. Der Glacier Carré, der recht steil und überhängend ist, spendet einen jener unangenehmen, unvermittelten Blicke ins Leere hinaus, ruht er doch auf der senkrechten Wand, über die er hinaushängt. Hier liessen die Erstersteiger den Träger Jean Baptiste Rodier zurück, den spätern guten Führer. Dann hielten sie sich hackend links ( westlich ) an die Felsen — heute noch der übliche Weg — und gewannen so den Einschnitt zwischen dem Pic du Glacier, 3860 m, und dem eigentlichen Gipfelturm, dem Grand Pic. Schon glaubte Boileau de Castelnau gewonnenes Spiel zu haben, denn die Kletterei ist auf dem Westgrat anfangs in der Tat leicht, da stiessen sie plötzlich auf den berüchtigten Cheval rouge oder Chapeau du Capucin, eine senkrechte, nur fussbreite Platte im Grat, auf die man sich rittlings hinaufschwingen muss. Der Bergfahrer hat da oben kaum Platz, und will er nach einem Tiefblick von 2500 m auf la Grave und ebensoviel ins Val des Etançons hinunter weiter, so muss er sich erheben, einen Fuss vor den andern stellen, sich mit der Händen an der überhängenden Wand halten und dann in diese nach Norden hinauspendeln. Andreas Fischer schreibt von dieser Stelle, dass man sich « keinen luftigeren Sitz » vorstellen könne und dass der Körper beim Hinauspendeln in die Nordwand sein Gewicht auf die Fingerspitzen, die Reibung der Kniee und auf die Zehenspitzen verteilen müsse. Pierre Gaspard war wieder nahe daran, den Kampf aufzugeben, als ein letzter Versuch ihn an kleinen Griffen in die Nordwand hinausführte.Von hier aus helfen ein paar Klimmzüge wieder auf den Westgrat, und zwar auf einen Absatz, der wieder Stand gewährt. Daselbst wird aber der Vordermann, eben wegen jener überhängenden Stelle, vom Cheval rouge aus nicht gesehen. Heute ist leicht reden, man kennt ja den Weg, und das Bewusstsein, dass schon andere Menschen hier durchgekommen sind, hebt den Mut. Selbstverständlich ist es auch nicht gleichgültig, ob man voranklettern muss oder nicht. Aber für Pierre Gaspard war es eine unübertroffene Glanzleistung, denn augenblicklich wusste er nicht, ob er Gott versuche. Kein Mensch hatte vor ihm dieses Kletterkunststück vollbracht.

Kurz darauf betrat er — es war 3 Uhr 30 abends geworden — den Grand Pic und sprach die stolzen Worte aus: « Ce ne sont pas des guides étrangers, qui arriveront les premiers. » So hatten also die Franzosen über die Engländer und Schweizer-Führer gesiegt. Die Perle des Dauphiné war ihnen zugefallen.

Eine unermessliche Aussicht belohnt die Mühe und die überstandene Gefahr. Im Norden die Grajischen Alpen, die Berge der Maurienne und Tarentaise, die Häupter der Penninischen Alpen, über alle hinausragend der Mont Blanc. Am östlichen Horizont zeichnet sich der Monte Viso ab, im Süden stehen die Meeralpen, im Westen die Grandes Rousses und links, hinter der Ebene von Lyon, die Pyrenäen. « Der Sinn für das Grosse, Wunderbare und Erhabene », schreibt Purtscheller, « findet sich hier wie kaum anderwärts befriedigt. » Castelnau wählte begreiflicherweise den gleichen Weg für den Abstieg. Aber auf einem Band oberhalb der Pyramide Duhamel zog er es vor, zu biwakieren, denn die Nacht war hereingebrochen. Es geschah bei 11° Kälte und wurde eine jener langen Nächte, die der Bergsteiger nicht so leicht vergisst. Noch heute heisst die Stelle « Campement Castelnau ». Allein ihn und seine Führer beseelte das Gefühl des Sieges. Am andern Morgen begann eine schwierige Abseilerei, zu der wohl wieder jene 70 m Reserveseil von Duhamel nötig waren, über den Rest der Grande Muraille hinunter, bis sie in Sicherheit waren. Heute überschreitet man lieber die Meije und steigt über den Ostgrat und den Doigt de Dieu nach Norden ab, als dass man nochmals mit der Muraille Bekanntschaft machen möchte. Zwar braucht es auch auf der Ost- und Nordseite 50 m Reserveseil für 3 Abseilstellen von 20—25 m und Mauerhaken.

Die Kunde von der Eroberung der Königin der Felsberge Europas verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Kreise der Alpinisten. Und der Club Alpin Français feierte seinen Sieg. Doch verging ein Jahr, bis sich wieder jemand der Meije näherte. Und zwar liess sie einem W. A. B. Coolidge keine Ruhe. Christian Almer, dessen Sohn Ulrich und er verfolgten am 10. August 1878 den Weg von Castelnau. Auch sie erreichten den Grand Pic. Auch sie kehrten auf dem gleichen Wege zurück, und auch sie mussten unterwegs in den Felsen übernachten. Die Meije aber bezeichnete Coolidge als den schwierigsten Felsberg Europas, der den Vergleich mit dem Pic d' Olan oder der Dent Blanche weit hinter sich lasse. Der Berg erlebte bis 1879 noch zwei Besteigungen. Am 27. Juli 1879 standen die Engländer F. Gardiner, der schon 1873 am Berg gewesen war, und Ch. und L. Pilkington als erste Führerlose auf dem Gipfel. Sie hatten aber selbstverständlich eine mehrtägige Aufklärung vorangehen lassen. Im gleichen Jahre betraten P. Guillemin und A. Salvador de Quatrefages, wiederum mit P. Gaspard und Sohn, den Gipfel. Auch diese Bergsteiger mussten auf dem Rückwege ein Freilager beziehen.

In den nächsten sechs Jahren erlebte die Meije bloss noch fünf Besuche, bis 1885 die Brüder Emil und Otto Zsigmondy und Ludwig Purtscheller zum Kampf erschienen. Sie fassten den kühnen Entschluss, den ersten Plan von Coolidge wieder aufzunehmen, also den Berg von la Grave aus über den Ostgrat zu besteigen. Eine Aufklärung vom Pic de l' Homme aus bestärkte sie in ihren Gedanken. Ihr Begleiter, Karl Schulz, musste wegen einer Verletzung zurückbleiben. Am 26. Juli 1885 standen sie um 9 Uhr 30 Min. auf dem Pic Central oder Doigt de Dieu, um den Ostgrat anzugreifen, der so manchen Bergsteiger vor ihnen schon abgewiesen hatte und heute nur noch in umgekehrter Richtung, also vom Grand Pic aus, zur Überschreitung begangen wird. Schon von den ersten Schritten auf dem Grat sagt Purtscheller: « Der Blick in die Tiefe von unserm zirka 50° geneigten Hang auf die wilden Seraks des Glacier du Tabuchet war grauenerregend. » Sie kamen bis zum letzten Gratturm vor der Breche Zsigmondy, nämlich zu der Tour Zsigmondy, die ihnen 2 Uhr abends Halt gebot. Eine schwierige Abseilerei von zweimal 20 m, bei der sie das schöne Seidenseil von Schulz zum Teil opfern mussten, half ihnen um die Nordwand herum bis l,5 m über die Brêche. Ein kühner Sprung in die Lücke hinunter brachte diesen Felsturm hinter sie. Nun aber kam das Schwierigste, das jeden in Erstaunen versetzt, der den gewöhnlichen, umgekehrten Weg einschlägt. Purtscheller überwand die Ostwand des Grand Pic, an der wir, wie alle Partien, uns vermittels Mauerhaken zweimal 20 Meter hintereinander abseilen mussten, im Aufstieg! Dazu brauchte es schon einen Purtscheller, und diese Leistung, die neidischen Auges von den Franzosen am Fernrohr des Hotel Juges in la Grave verfolgt wurde ( wie Schulz behauptet ), steht einzig da. Zum Abstieg über die Südwand führten die drei eine Zeichnung von Pilkington und dessen Notizen mit sich. Zum Cheval rouge seilten sie ab, und die lange Nacht brach herein, als sie auf dem Band ob der Grande Muraille anlangten. Auch sie mussten also in den Felsen übernachten. « Ein eigentümlicher Zauber », schreibt Purtscheller, « lag über der Stunde, wo der Tag Abschied nahm und wir allein blieben in der grossartigen Welt des Hochgebirges. » Am folgenden Tag hatten sie noch zehn Stunden zu klettern und liessen den letzten Rest der Reserveseile in den Felsen hängen, bis sie diese endlich verlassen und ihren Fuss wieder auf Gletscher setzen konnten.

Schon wenige Tage darauf, am 6. August 1885, sollte sich die Meije gerade unter diesen Männern ihr erstes Opfer suchen. Emil Zsigmondy, dessen Buch über die « Gefahren der Alpen » tragischerweise im gleichen Jahr erschien, hatte Karl Schulz versprochen, ihn auch auf die Meije zu begleiten. Nicht aus Ehrgeiz und Ruhmessucht, nicht um eine neue « Route » zu entdecken, wählte er einen neuen Weg, sondern einzig und allein um die schwierige und gefährliche Muraille zu umgehen. So erkor er das breite Band, das in der Tat unschwierig längs der Südostwand bis unmittelbar unter die Brêche Zsigmondy führt. Es ist auf allen Bildern deutlich ausgeprägt. Als er aber von da in die Lücke hinaufklettern wollte, erfolgte der tödliche Sturz. Schmerz-erfüllt nimmt Purtscheller in seinem Buche Abschied von dem treuen Berggefährten. Wir müssen daher protestieren gegen die Worte von Coolidge in seinem Werke « Les Alpes dans la nature et dans l' histoire«, wo auf Seite 317 zu lesen steht, dass das Beginnen von Emil Zsigmondy den Wendepunkt in der Bergsteigerei, den Beginn von führerlosen Bravourstücken bedeute.

Die erste Überschreitung der Meije von Süden nach Norden, also der umgekehrte Weg der Zsigmondy und Purtscheller, welche heute die übliche ist, wurde erst im Jahre 1891 von J. H. Gibson mit Ulrich Almer und Fritz Boss ausgeführt. Im Jahre 1893 wiederholte Farrar mit Christian Klucker aus dem Fextal die Fahrt von Purtscheller und der Gebrüder Zsigmondy, unter Benützung ihres an der Tour Zsigmondy hängengelassenen Seiles. ( Auch wir haben, nebenbei bemerkt, dort noch ein kleines Seilstück gefunden und für kurze Zeit benutzen können. Übrigens verschmähen die Dauphiné-führer solche Hilfsmittel, und in der Tat war jenes das einzige. Die Meije ist nicht, wie das Matterhorn, in Ketten geschlagen !) Seit dem Jahre 1893 ist die Überschreitung von Norden nach Süden nicht mehr wiederholt worden, wenn ich nicht irre. Dagegen wird in guten Sommern die übliche Begehung von Süden nach Norden ausgeführt; und dazu stehen Führer zur Verfügung, die an Kletterkunst unsere Schweizerführer mitunter übertreffen, jedenfalls in bezug auf ihre Lokalkenntnis. Was mir, der ich sonst den Grossteil meiner Besteigungen führerlos unternommen habe, an den Dauphinéführern besonders gefallen hat, das ist die Vorsorge, mit der sie die Fahrt auf die Meije in bezug auf Ausrüstung und Proviant ihrer Herren vorbereiten, und wie sie während der Besteigung besorgt sind, dass ihre Herren rechtzeitig und regelmässig etwas zu sich nehmen. Sie prüfen vor allem auch das Schuhwerk und pflegen in die Absätze drei Stahlspitzen einzuschlagen, die sich beim Abstieg bewähren und zudem ermöglichen, die Steigeisen als Mehrgewicht zurückzulassen. Der Pickel muss während des Kletterns sowieso auf den Rucksack gebunden werden. Wer ohne Führer die Meije besteigen will — und wer sie besteigt, der überschreitet sie am besten —, der kommt trotz mehrtägiger vorangegangener Erkundung kaum ohne Beiwacht weg. Das ist auch Andreas Fischer bei seiner zweiten Besteigung zugestossen, obwohl er und seine Begleiter, Emil Fankhauser und Karl Hermann, bis unter den Grand Pic einer Führerpartie folgen konnten und diesmal den Pas du Chat nicht verfehlten.

Meine Studie wäre unvollständig, würde ich nicht noch zum Schlusse das Bravourstück von Guido und Max Mayer mit den Tirolerführern Dibona und Rizzi erwähnen, die den Ostgrat zwischen der Tour Zsigmondy und dem zweiten Zahn nach zwölfstündiger Kletterei über die Südostwand betraten in der Meinung, nach der Idee von Emil Zsigmondy die Breche zu erreichen. Dieser Weg entbehrt jeden praktischen Wertes, weil er eine Verlängerung bedeutet und doch nicht auf den Gipfel, nicht einmal in die Brêche Zsigmondy geführt hat.

Ferner gehört zur Vervollständigung dieser Skizze die Erwähnung, dass es am 2. Juli 1885 Verne, wiederum mit dem alten P. Gaspard, dessen Sohn M. Gaspard und J. B. Rodier gelang, den Glacier Carré von der Breche de la Meije aus zu erreichen, also über den Westgrat. Diese Variante ist wegen der Umgehung der Grande Muraille sehr der Beachtung wert. Schliesslich war es eine hervorragende Leistung, wenn es am 24. September 1898 Eugène Gravelotte mit den Führern Maximin, Casimir, D. Gaspard und Jos. Turc gelang, das Couloir auf der Nordseite des Grand Pic zu bezwingen, das direkt in die Brêche Zsigmondy hinaufführt, von wo aus sie den Grand Pic von Osten, also dem « chemin autrichien » folgend, erkletterten. Wer sich aber lieber einem guten Fels anvertraut als während 7—8 Stunden einer so tückischen Eisrinne, der wird die Klettersteige vorziehen.

Der Erstersteiger der Meije, H. E. Boileau de Castelnau, ist am 23. März 1923 gestorben, betrauert nicht nur von seiner Familie, sondern auch vom Club Alpin Français. Ich folge Blanchard, wenn ich aus dem Leben dieses hervorragenden und tapfern Bergsteigers hervorhebe, dass er schon als Jüngling die Berge lieb gewann, und zwar von der Jagd her.

Geboren am Ende des Jahres 1857, hat Castelnau seine grössten Bergfahrten, darunter also auch die Besteigung der Meije, vor Ablauf seines zwanzigsten Lebensjahres unternommen, so die Besteigung des Montblanc, der ihn im Schneesturm abwies. Damals war es, als er Duhamel in Chamonix kennen lernte. Und als die beiden auf die Meije zu sprechen kamen, beschlossen sie, diese anzugreifen und am Kampfe mit den Engländern teilzunehmen. Im Jahre 1875 hatte er die Ecrins, 4103 m, bestiegen. Pierre Gaspard nahm er seit 1876 auf alle seine Bergfahrten mit. Daher auch der gegenseitige Verlass bei Überwindung der beiden kritischen Stellen. Castelnau bestieg auch den Pic d' Olan und als erster den Dôme de neige des Ecrins, 3980 m, ferner als erster den Petit Pelvoux, 3762 m, und andere Gipfel. Darauf folgte am 16. August 1877 die Meije. Bei seiner Rückkehr von jenem kalten Freilager nach dem Siege wurde er von Duhamel und Guillemin umarmt. Er selbst hat die Ersteigung im Annuaire des Club Alpin Français 1877 beschrieben. De Castelnau verlor die Liebe zu den Bergen nicht, auch wenn die Meije sein letzter wirklich grosser Berg bleiben sollte. Er musste bald darauf als Kavallerist einrücken. Über diesen Dienst wird eine lustige Anekdote erzählt: Der Besieger der Meije wurde besonders beachtet, und als man über die Gefahren einer solchen Besteigung sprach, soll ein Kamerad Castelnau gefragt haben: « Pour éviter de tels dangers, n' auriez pas dû prendre un mulet? » — Dann heiratete er, zog sich ( wohl als verantwortlicher Familienvater ) immer mehr auf seine Güter zurück und pflegte die Landwirtschaft bis zu seinem Tode.

Die Meije forderte im Laufe der Jahre sieben Opfer. Mögen sie eine Warnung sein für diejenigen, welche solch stolze Berge nicht in erster Linie um ihrer selbst, um ihrer Schönheit und um ihrer unermesslichen Aussicht willen besteigen.Carl Freu

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