Die Mördergrube

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON ROBERT NEHER, BASEL

Fasziniert, frohlockend schweift der Blick des einsamen Jünglings von Zinne zu Zinne, deren erhabene Konturen sich in der unendlichen Stille des rosig erleuchteten Gipfelmeeres duftig verlieren. Seine trunkenen, aber noch schleierverhüllten Augen werden endlich erfüllt vom hellen Lichte göttlicher Offenbarung. Die Schönheit der Schöpfung rieselt mit Urkraft durch den gestählten Leib des Stürmers feierlich-schweigender Gipfel. Schauer zartester Akkorde sphärischer Musik durchdringen sein innerstes Ohr, und stürmisches Entzücken durchglüht seine offene Seele...

Liebe Clubgenossen, ich bin in der grössten Verlegenheit, denn ich habe den Eindruck, dass mir heute in der Eile ein falsches Manuskript in die Hände gefallen ist. Es scheint, als ob dieses Bekenntnis eines alpinen Ödlandästheten von einem geschäftstüchtigen Verkehrsdirektor fabriziert worden wäre; denn Sie dürfen nicht vergessen, wir haben heuer das « Jahr der Alpen » zu haben.

Nun, zum Glück fällt mir eine aktuelle Geschichte ein, die ich kürzlich in der Zeitung las:

« Zur Zeit dient die Jungfrau als Massenattraktion » - als ob das was Neues wäre - « und hat von der Eigernordwand kurzfristig den Rummel übernommen » Weiter hiess es da:

« Was sich über sonnige Frühlingswochenende zwischen Kleiner Scheidegg, Jungfraujoch und Lötschental abspielt, schlägt alle Rekorde des Massenhochgebirgstourismus. Am Samstagmorgen schon drängen sich Hunderte von bleichen Unterländern in die überfüllten Wagen der Jungfraubahn, alle mit dem Ziel, über die Lötschenlücke ins Wallis hinunter abzufahren. Verteilen sich die vielen Skifahrer am Samstag noch einigermassen auf dem riesigen Aletschgletscher, so kommt es am Sonntag zu einer wahren Völkerwanderung auf Skiern. Grindelwald liegt längst im Grünen, und der angegebene Schnee im Kühlschrank des Verkehrsdirektors. Die Bahnen versuchen, die Reisenden zu kontingentieren, die Vereine und Skischulen auf einen anderen Sonntag zu vertrösten. Alles vergeblich. Der „ Rabattverein " von Hinterdingen, die „ Freunde der Einsamkeit " aus Güllenen, zahlreiche Skischulen und Reisedienste, alle wollen sie auf das Morgenbähnlein.

Über den gleissenden Jungfraufirn hinunter krabbelt während Stunden ein einziger Ameisenzug von Skifahrern, drängt sich auf dem Konkordiaplatz zu einem dichten Haufen und zieht sich als breite, endlose Kolonne über den grossen Aletschfirn zur Lötschenlücke hinauf. Der Schweiss rinnt, und die Mädchen sind hier schon weit offenherziger als im Tale unten.

Der Übergang ins Lötschental ist verstopft wie der Aeschenplatz zur Mittagszeit. Alles erholt und stärkt sich. Wer aber denkt wohl daran, dass man die bevorstehenden Abfahrtsfreuden auch billiger und teurer zugleich haben kann? Für ...zig Franken kann der moderne Tourenabfahrer vom Männlichen auf die Ebnefluh fliegen, auf dem Langgletscher hinunterschwingen und sich unten wieder aufnehmen und zurückbringen lassen. Ist ihm das kein befriedigendes Tagewerk, so fliegt ihn der Pilot vom Langgletscher auf den Petersgrat, von wo man ins Lauterbrunnental hinunterfährt; Postauto und Führer im Preise inbegriffen.

Lang und genussvoll ist die Abfahrt von der Lötschenlücke über die Fafleralp nach Blatten hinunter, trotz dem Hochbetrieb und den sturzbehelmten Rasern, die den Gletscher in eine Piste verwandeln. Das Lötschental kann die Invasion kaum meistern. Bis abends gegen acht fahren die Chauffeure mit überfüllten Cars halsbrecherisch in die Kurven, lassen ihr Horn an den Felswänden widerhallen und bringen Fahrgäste über Fahrgäste zurück ins Unterland. » 1 Gedanken an einem Jahresfest der Sektion Basel, SAC.

Zeichnet sich aus der etwas drastischen Schilderung dieser beiden Extreme des Bergerlebnisses -dort die idealistisch-romantische Seite, hier die Massentouristik in Reinkultur - nicht die eigentliche Entwicklungsrichtung des Bergsteigens ab? Des Bergsteigens, das einmal so trefflich definiert wurde als Nebenerscheinung der allgemeinen Expansion des menschlichen Geistes. Wer wundert sich über diese Entwicklung, hat sich doch die Masse Mensch kräftig mitexpandiert.

Wenn man sich fragt, wie es zu solchen alpinen Völkerwanderungen kommen konnte, so muss man wohl bedenken, dass das Urmilieu der Menschheit die Wildnis ist, nach der wenigstens ein Teil der Menschen immer wieder Sehnsucht bekommt, sobald ihm das Gezänk der bedrängenden Massen, die alltägliche Tretmühle unbehaglich wird. Dort in der Wildnis-Natur sucht er die längst verlorene Ursprünglichkeit, das Wagnis, die Einsamkeit, wobei es zunächst ganz unerheblich ist, ob als Angler oder Kletterer, als Maler oder Bummler, kurz, ob mit oder ohne SAC.

Diese ganz evidente Sehnsucht nach dem Ödland - einerseits ganz individuell empfunden, anderseits bestens unterstützt und gemanaged durch geschäftstüchtige Transportunternehmen -, sich wohl oder übel ameisenhaufenartig entladend, muss sich in unserm kleinen Lande, das weder Meer noch Wüsten kennt, notgedrungen auf die lockend-abweisende Vertikale beschränken, mit der es anfänglich in überreichem Masse ausgestattet war, die aber heute schon nicht mehr für alle auszureichen scheint.

Wie soll es da wohl nach den nächsten 40, 50 Jahren aussehen, wenn sich die Zahl der Menschen auf unserer Erde verdoppelt haben wird?

Soweit haben wir uns nur mit einfachen Fakten abgegeben; wenn wir aber unsere Reaktion darauf analysieren wollen, wird die Sache heikler, schwieriger.

Sollten wir uns eigentlich nicht freuen, wenn wir in der Zeitung lesen, dass sich Tausende von Menschen, Mitmenschen, zur Erholung in die Berge ergiessen, dass so viele die Möglichkeit haben, ihre Sehnsucht in der Alpenwelt zu stillen? Hatten das unsere Pioniere und Idealisten nicht selbst gewollt, als sie im Artikel 1 des SAC statuierten: « Der SAC ist eine Vereinigung von Freunden der Alpenwelt. Sein Zweck ist, Gebirgswanderungen zu erleichtern, die Kenntnis der Schweizer Alpen zu erweitern, der Erhaltung ihrer Schönheit zu dienen und dadurch die Liebe zur Heimat zu wecken und zu pflegen. » « Ja », höre ich schon sagen, « so war das natürlich nicht gemeint! Unsere Pioniere haben eine solche Entwicklung, da gänzlich unerwünscht, sicher nicht erwogen und nicht so eifrig vom Paradies gepredigt, damit es nun alle überschwemmen. » Aber Sie, liebe Clubgenossen, merken sicher den Widerspruch, der darin steckt; das Erhalten der Schönheit ist eines, das Erleichtern des Bergtourismus das andere; ich möchte nicht gerade sagen, dass das eine das andere ausschliesst, aber es erschwert es zum mindesten!

Rückblickend betrachtet, erscheint darum die Entwicklung, wie wir sie heute erleben, doch als ganz logische Konsequenz, ob man sich nun ihrer erfreuen kann oder nicht. Aber sie verdammen und einfach nicht gelten lassen wollen, ist eine Reaktion, die mir lebhaft Georg Kreisler in Erinnerung bringt, wenn er sagt: « Die Kinder sind doch alle so reizend, wie kommt es nur, dass es so viele miese Erwachsene gibt! » Oder wollen Sie sich vielleicht jenem Engländer anschliessen, der vorschlug: Man müsste einen alpinen Nihilistenbund gründen, der in den eigentlichen Hochalpen alle Schutzketten und Drahtseile vernichte, die künstlich geschaffenen Felswege absprenge, die Schutzhäuser niederbrenne, um die wilde Keuschheit der Berge von ehedem wieder herzustellen?

Wem würde sie wohl noch dienen? Wir wissen alle: es gibt kein Zurück. Unsere Antwort auf all das kann nicht ein hartnäckiges Anrennen gegen die Entwicklung sein. Wir sollten im Gegenteil viel aktiver in diese Entwicklung eingreifen können, um sie wenigstens teilweise in Bahnen zu lenken, die unseren Absichten entsprechen.

Da stossen wir aber auch schon auf die Schlüsselstelle im SAC und ähnlichen Institutionen, nämlich die Schwierigkeit, das konservativ Ideelle rechtzeitig mit den Realitäten der Evolution zu verbinden.

Es ist leicht, nachträglich Kritik zu üben und zu sagen, wie man es hätte besser machen können; zum Beispiel: der SAC hätte beizeiten selbst Bergbahnen und Skilifte betreiben sollen, um einerseits die in Massen auftretende Spezies zu kanalisieren, anderseits mit dem erzielten Gewinn Reservate für die Spezies der Individualisten zu finanzieren und die Schönheit der Alpen wahren zu helfen. Die Erhaltung der Schönheit ist bekanntlich immer bedeutend kostspieliger als deren Verschandelung.

Sie mögen den Gedanken grotesk finden oder nicht, wir müssen uns heute eben mit etwas weniger begnügen, werden aber noch immer genug Wege abseits der Heerstrasse finden.

Aber es wäre denn doch zu egoistisch, der grossen Masse, der wir oft genug angehören, die Berechtigung des relativen Genusses der freien Wildbahn abzusprechen; ja, wir müssen dankbar sein, dass sich ein sehr grosser Teil mit dem Kollektiverlebnis begnügt, da wir doch die Alpen nicht gepachtet haben. Warum sollen sich nicht beide Spielarten des Alpinismus, die klassische und die kollektive, ausleben können? Auf vielen anderen Gebieten der menschlichen Aktivität treffen wir heute die gleiche Problematik an.

Was aber lässt sich angesichts der Übermacht des Kollektivismus für die Spezies der Individualisten vorkehren, ohne dass sie das Weite suchen müssen? Bei der progressiven Zunahme der fremdenverkehrstechnischen Erschliessung unseres Berglandes wäre es logisch und höchste Zeit, einzelne Regionen zu einer Art von Naturschutzgebieten zu erklären, die im Gegensatz zum übrigen Gebirge weder durch Strassen noch Bahnen noch aus der Luft für einen Massenbesuch erschlossen werden dürfen, ohne zum Typ Schweizerischer Nationalpark zu werden. Eine schwerwiegende Forderung im Rahmen der längst überfälligen Landesplanung, da man zugeben muss, dass die wirtschaftliche Entwicklung, die für eine Talschaft recht, für die andere billig ist.

Kommen wir damit in unserem Lande nicht schon zu spät?

Aber wir brauchen dennoch keine Angst zu haben, alles zu verlieren. « Für jede Generation ist nämlich der Zustand der Ödlandnatur praktisch gleich, denn es ist ein ehernes Gesetz, dass wir uns mit den Dingen ändern. » So formuliert Karl Greitbauer seinen Trost, den er folgendermassen begründet: « Jeder, der in seiner Zeit lebt und der aus dem Erlebnis seiner Zeit heraus handelt und wirkt, glaubt, dass das, was er getan und gewirkt hat, das einzig Wahre und Richtige gewesen sei. Er war eben als echter Mensch seiner Zeit zum Beispiel auch ein « echter » Bergsteiger. Er muss das schliesslich auch glauben, denn die Handlungen eines Menschen in seinem Leben sind ja letztlich die Essenz seines Lebens. Aber er möge doch nicht so in seinem Gesichtsfeld eingeengt sein, zu glauben, dass der junge Bergsteiger von heute, vor dem die Dinge so ganz anders liegen, deshalb nicht auch ein echter Mensch seiner Zeit und damit ein echter Bergsteiger sei. » Machen wir also aus unseren Herzen keine Mördergrube und fügen getrost bei: Der echte Bergsteiger ist tot, es lebe der echte Bergsteiger!

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