Die Montblanc-Braut

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Montblanc-Braut

Hans Amann, St. Gallen

Die im Kostüm von 1838 19 Weder Ehrgeiz noch die Sensationslust, als erste Frau den Montblanc bestiegen zu haben, konnten die Gründe sein, die Fräulein Henriette d' Angeville 1838 drängten, den höchsten Berg Europas zu bezwingen.

Zielstrebige Henriette d' Angeville Das eingangs erwähnte Fräulein Henriette d' Angeville stammte aus der französischen Aristokratie. Auch bei ihr variieren die Angaben über ihr Alter ( was bei Damen oft vorzukommen pflegt ) zwischen 32 und 44 Jahren. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als auf den Gipfel des Montblanc zu gelangen. Denn als sie ihn zum ersten Mal erblickte,

Als Kopfbedeckung sah sie je nach Situation eine mit Pelz garnierte Mütze oder einen mit grüner Seide gefütterten Strohhut vor. Zu ihrer sorgsam geplanten Ausrüstung gehörte selbstverständlich auch ein langer Alpenstock, eine Samtmaske, eine Schneebrille, ein Plaid und eine Pelzboa ( ein Pelzumhang ) gegen kühle Winde.

Man muss ehrlicherweise zugeben und auch anerkennen, dass Mademoiselle d' Ange-ville sich viele Gedanken machte, bevor sie das grosse Wagnis einging. So begab sie sich zum Arzt, liess sich gründlich untersuchen, verfasste vorsichtshalber ihr Testament und schrieb noch am Abend vor dem Aufbruch lange Briefe an ihre Lieben. Für das leibliche Wohl hatte sie ebenfalls gut vorgesorgt, was ihre umsichtigen Einkäufe bewiesen: Zwei Hammelkeulen, zwei Ochsenzungen, 24 Hühner, sechs Laib Brot zu je drei bis vier Pfund, 18 Flaschen Bordeaux, eine Flasche Cognac, eine Flasche Sirup, ein Fässchen Vin ordinaire ( also vom Billigeren ), zwölf Zitronen, drei Pfund Zucker, drei Pfund Schokolade, drei Pfund gedörrte Pflaumen, 13 Puddings, 13 Kürbisflaschen voll Limonade, 13 Kürbisflaschen voll Orangeade und 13 Töpfe Hühnerbouillon. Alles zusammen wurde mit den Seilen, den Zelten und dem übrigen Rüstzeug in grosse Säcke verstaut und auf die sechs angeheuerten Träger verteilt.

Vor dem Aufbruch hatte sie nochmals ihre sechs Führer und die Träger zu sich gerufen und ihnen nahegelegt, ( von allen Ausdrücken abzusehen, welche ihre'Delicatesse de femme'berühren könnten. ) Der erste Tag Am 4. September 1838 war ganz Chamonix sehr früh auf den Beinen, nachdem sich rasch herumgesprochen hatte, dass die Expedition schon um sechs Uhr aufbreche.

Mademoiselle erzählte dazu:

Mühsamer Aufstieg ( Es war am Gletscher der Grande Côte, wo ich gegen zwei Feinde zu kämpfen hatte, von denen einer hartnäckiger war als der andere; es stellte sich nämlich während des Steigens heftiges Herzklopfen ein; wenn ich rastete, überfiel mich ein lethargischer Schlaf, der nicht dem natürlichen Schlaf glich, sondern eine Müdigkeit, die von den Augen ausgehend sich über den ganzen Körper ausbreitete. Das Aufgebot an Willenskraft, das nötig war, um diesen Zustand der Erschlaffung zu überwinden, war grösser, als ich es auszudrücken vermag. Ich war gezwungen, meine Energie aufs höchste zu steigern. Ich wurde von einem wahren Paroxysmus ( anfallartiges Auftreten von Beschwerden ) erfasst, der mir ermöglichte, sechs bis sieben Schritte zu machen; dann schlug mein Herz wieder zum Zerspringen. Und wenn mir die Luft ausging, warf ich mich zu Boden, überwältigt von dem lethargischen Schlaf, von dem ich vorher gesprochen habe.

In solch qualvollem Zustand befand ich mich vier Stunden lang, ohne dass ich einen Augenblick daran gedacht hätte, mein Unternehmen aufzugeben. Das zeigt, wie sehr ich von der Idee, den Gipfel erreichen zu müssen, geradezu besessen war, denn es hätte ein sehr einfaches Mittel gegeben, um sofort geheilt zu sein: ich hätte nur umkehren müssen. Einmal glaubte ich, dass mein armer Körper das Opfer meines mich beherrschenden Willens werden würde. Da sagte ich zu den Führern: ;'Wenn ich sterben sollte, ehe ich den Gipfel erreiche, tragt meine Leiche hinauf und lasst sie oben; meine Familie wird euch belohnen, wenn ihr diesen meinen letzten Willen erfüllt. ' Aber Gott sei 's gedankt, es gelang mir, mich selbst hinaufzuschleppen, und als ich den Fuss auf den Gipfel setzte, erholte ich mich sofort wie durch ein Wunder. Es war eineinhalb Uhr, als mein Fuss den Gipfel des Merde Glace mit Grandes Jorasses ( Aufnahme aus dem Ballonkorb von Ed. Spelterini am 8. August 1909 ) Aus ( Joseph Hamel ) Montblancs betrat, und ich stiess die Spitze meines Stockes in das Eis, wie ein Soldat das Banner auf der Zitadelle aufpflanzt, die er im Sturm erobert hat. So sass ich auf dem Thron von Eis und schrieb, mit dem Gesicht gegen Frankreich gewendet, fünf Billette, die den Empfängern bezeugten, dass ich sie nicht vergessen hatte. ) Gipfel-Grüsse und -Küsse Das Wetter zeigte sich von seiner besten Seite, so dass sich den glücklichen Besteigern eine prächtige Rundsicht darbot. Jetzt war auch der Augenblick gekommen, um die mitgebrachte Taube aus dem engen Käfig zu holen. Ihr wurde ein kleines Kärtchen an den Fuss gebunden, mit dem sie nach Chamonix hinunterflog, um ihrem Eigentümer, dem Pfarrer, die glückliche Besteigung zu melden.

Im Übermut verschränkten die Führer ihre kräftigen Hände, liessen Mademoiselle daraufsitzen, und dann wurde sie emporgehoben

War es die Höhenluft oder einfach das Glücksgefühl? Die Führer baten, Mademoiselle d' Angeville herzhaft küssen zu dürfen -sie hätten diesen Lohn doch wohl verdient. Das Fräulein leistete keinen Widerstand. Jedenfalls erzählte einer der Führer nach seiner Rückkehr ins Tal, dass man die Küsse sicher auch in Chamonix unten gehört habe.

Eine knappe Stunde hatte die Gesellschaft auf dem Gipfel geweilt, dann nahm Mademoiselle ihren Alpenstock, ritzte in den Firn ihren Wahlspruch ( Vouloir c' est pouvoir ) und trat den Abstieg an.

Die Rückkehr der Erfolgreichen Die zweite Nacht verbrachten sie bei Grand Mulets. Am 7. August 1786, am Tage vor der Erstbesteigung des Montblanc, hatten Dr. Paccard und Jacques Balmat hier gerastet, bevor sie sich über das Petit und Grand Plateau bergwärts in Marsch setzten.

Ein heftiger Sturm schüttelte die Zelte. Trotzdem ging die Nacht glücklich vorbei, und um sechs Uhr früh machten sich die Führer und ihr weiblicher Gast Richtung Chamonix auf den Weg. Zu ihrer grossen Überraschung fanden sie an der Pierre-Pointue ein ausgiebiges Frühstück vor, das ihnen Freunde entgegengetragen hatten. Auch wartete ein Maultier, das Mademoiselle zu Tal tragen sollte. Sie weigerte sich jedoch standhaft, es zu besteigen, da sie nicht den Eindruck erwecken wollte, erschöpft zu sein.

Der Einzug in Chamonix spielte sich in einem überaus festlichen Rahmen ab. Der Bürgermeister hatte sein Sonntagsgewand angezogen, um der zu gratulieren und sie zu einem Festessen einzuladen. Die Erstbesteigerin Maria Paradis befand sich ebenfalls unter den Gästen. Sie soll sich aber - vielleicht aus Konkurrenzneid - ziemlich vor-laut aufgeführt haben.

( Während der drei Tage, die ich noch in Chamonix weilte, meinte ich wachend zu träumen, dass ich auf einmal berühmt geworden bin, weil ich gute Beine und die Willenskraft besitze, mich ihrer zu bedienen, um damit fünfzehntausend Fuss zu steigen. Der Traum von Chamonix setzte sich in Genf fort; man reisst sich um mich, und nachdem ich gegen Huldigung durchaus nicht gefühllos bin, wird meiner Eigenliebe, ich gestehe es offen ein, geschmeichelt. ) Umschwärmt und geehrt Das Pariser ( Journal des Débats ) schrieb:

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Zweitbesteigung der Jungfrau ( 4158 m )

Hans Amann, St. Gallen Titelblatt des Berichtes von Heinrich Zschokke Keife auf bit ttge î>eé Cantone ©ern erfteis«»S lijm ( jodjfteii ©ipfet jm ©o mmtt 1 s 12.

Der Physiker und Geologe Horace Benedict de Saussure hatte 1787, ein Jahr nach der Erstbesteigung des Montblanc durch Balmat und Paccard, mit einer grossen wissenschaftlichen Expedition auf diesen höchsten Gipfel Europas die eigentliche ( Eroberung ) der Alpen eingeleitet. Die Furcht vor der Bergwelt war aber immer noch so stark verwurzelt, dass sich auch nachher nur sehr vereinzelt Leute fanden, die wagten, es ihm nachzutun. Zudem griff die Französische Revolution auf den Alpenstaat Schweiz über, so dass Krieg und Unrast der Bergbegeisterung ohnehin einen Riegel schoben. Das galt auch für die alpinen Gebiete des Berner Oberlandes, die an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert nur von ganz wenigen Menschen besucht wurden. Dazu gehörte etwa die Gruppe von Kartographen, die im Auftrage des Aarauer Seiden-band-Fabrikanten Johann Rudolf Meyer ( 1739-1813 ) Vermessungen für dessen später berühmt gewordenes

Neuland Alpen Am Anfang des 19. Jahrhunderts waren die meisten Hochalpengipfel noch nie betreten worden. Sie wirkten zu abschreckend, und man betrachtete sie mehr mit Ehrfurcht als unter dem Gesichtspunkt einer möglichen Besteigung. Zur Eroberung der Alpen gehörte eben nicht nur ein physischer, sondern ebensosehr ein psychischer Schritt. Zuerst musste deshalb die Angst überwunden werden, bevor man das Wagnis einer eingehen konnte. Daraus erwuchs zunächst der Wunsch, die Alpenwelt wenigstens darzustellen. Dieser Gedanke bewog schliesslich Johann Rudolf Meyer, den Strassburger Ingenieur und Topographen Johann Heinrich Weiss sowie den Engelberger Modellbauer Joachim Eugen Müller in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts zu beauftragen, auf seine Kosten ein Relief vom Genfer- bis zum Bodensee im Massstab 1:60000 anzufertigen. Dieses nach seiner Fertigstellung allseits bewunderte Werk diente nun als Grundlage, um 1796-1802 den ersten ( Gesamtatlas der Schweiz ) in Kupfer zu stechen. Dabei wurde auf den 16 Blättern im Massstab 1:120000 erstmals die Vertikalperspektive angewendet, die eine unver-zerrte Landschaftswiedergabe ermöglichte.

Der anhaltend trockene Sommer jenes Jahres schuf günstige Voraussetzungen für ihr Unternehmen, die ( Thäler von Lauterbrunnen, Grindelwald, Hasli usw. und dem Wallis genauer zu erforschen, theils den Zusammenhang jener ungeheueren ewigen Eisfelder zu erkennen, theils zu erfahren, ob die bekannten höchsten Berggipfel, welche aus ihnen hervorragen, ersteigbar wären ).

Gottlieb Studer, einer der bekanntesten Pioniere des Alpinismus ( 1804-1890 ) schrieb 1869 im 1. Band seiner Reihe ( Über Eis und Schnee ): ( Die Jungfrau reizte noch früher als das Finsteraarhorn die Lust des kühnen Bergsteigers, aber wie beim Finsteraarhorn gelang ihre Bezwingung auch nur durch strategische Umgehung der nördlichen Hauptfronte vom Wallis her, bis die moderne Steigekunst ihr auch von der Vorderseite Meister wurde.Am 29. Juli 1811 waren die Brüder Meyer, von Naters über die Grimsel kommend, ins Gebiet des Aletschgletschers gelangt. Sie kannten die alte Geschichte, die man sich immer wieder erzählte, dass 1712 einige Berner aus Furcht vor der Wut der Walliser über den Fieschergletscher nach Grindelwald geflüchtet seien. Vor sehr alter Zeit soll sogar ein ( bewanderter Weg> von Fiesch nach Grindelwald bestanden haben. So jedenfalls behauptet die Sage.

Johann Rudolf und Hieronymus Meyer hatten zwei Walliser Gemsjäger als Begleiter ver- 1 Die Jungfrau wurde 1811, das Finsteraarhorn aber erst 1829 zum ersten Mal erstiegen.

Johann Rudolf Meyer ( 1739-1813; Aarauer Sei-denband-Fabrikant ) war der Vater von Johann Rudolf und Hieronymus, die als erste die Jungfrau bestiegen, sowie Grossvater von Gottlieb, der, um die Ehre seines Vaters zu retten, die Besteigung 1812 wiederholte Die historische « Karte zur Reise auf die Eisgebirge des Kantons Bern ), mach dem Meyer'schen Relief in Aarau gezeichnet und gestochen von J.J. Scheuermann ), zeigt die wichtigsten Stationen der Jungfrau-Erst-und Zweitbesteigung.

1. Der Jungfrau-Gipfel 2. ( Das Vohrjährige Nachtlager ) in welchem Hieronymus und Johann Rudolf Meyer die Nacht vom 1. auf den 2. August 1811 verbrachten.

3. « Zweites Nachtlager ) für Gottlieb Meyer und seine Begleiter am 2. und 3. September 1812 Vom Märjelensee herkommend, hatte Gottlieb das Nachtquartier am Aletschgletscher erreicht.

4. ( bezieht sich nicht auf den vorliegenden Text ).

pflichtet, Aloys Volker und Joseph Bartes, und mit ihnen einen Taglohn von je 25 Batzen vereinbart. Als Träger war ein kräftiger Mann aus Guttannen in Dienst genommen worden. Aber auch drei Bekannte der Familie Meyer aus Aarau hatten Mut gefasst und wollten das Wagnis, den weissen Berg zu erobern, eingehen. Sie waren bepackt mit Lebensmitteln und Brennholz. Zudem gehörten eine zusammenlegbare Leiter und Seile zu ihrer Ausrüstung. Da sie allesamt einige Zweifel hegten, die Jungfrau, ( diesen steilen Eisthurm in einer noch nie von Sterblichen besuchten Gegend zu ersteigen ), liessen die Brüder alle mathematischen und physikalischen Werkzeuge zurück. Sie fürchteten, dass sie durch das unhandliche, schwere und zerbrechliche Material in ihrem Unternehmen behindert werden könnten.

Die Suche nach der Jungfrau Die drei Begleiter aus Aarau liessen sie schon bald zurück, da sich diese in keiner Weise als bergtüchtig erwiesen.

Obwohl die Brüder ein Kartenblatt aus dem Atlas ihres Vaters als Orientierungshilfe zu Rate zogen, war es nicht einfach, inmitten der schnee- und eisbedeckten Bergriesen die Jungfrau auszumachen. Sie beschlossen deshalb, sich in zwei Gruppen zu trennen, um von einem günstigen Beobachtungsort die notwendigen Abklärungen vorzunehmen.

Hieronymus begab sich mit seinem Begleiter nordwärts. Auf seinem Weg begann er immer mehr daran zu zweifeln, die Jungfrau vor sich zu haben. Nach mühsamer Kletterei erreichten sie vermutlich einen Punkt, der dem Mönch gegenüberlag. Rudolf stieg mit seinem Gemsjäger südwärts, auch er anfangs unschlüssig, wo der Jungfraugipfel zu lokalisieren war. Nach langem und ängstlichem Suchen konnte für ihn jedoch kein Zweifel mehr bestehen: Die mächtigen Schneelager oder wie er später in seinem Bericht schrieb

Gegen Abend trafen sich die beiden Zweiergruppen wieder wie vereinbart auf einer Fels- kuppe zwischen dem Aletschgletscher und dem Aletschfirn, wo sie ein dürftiges Nachtlager bezogen. Aus grossen Steinen errichteten sie zwei schützende Mauern und legten ihre langen Alpenstöcke quer darüber. Als Dach diente ihnen ein grosses schwarzes Leintuch, das sie in der Absicht eingepackt hatten, es auf dem Gipfel der Jungfrau als stolze Fahne zu hissen.

Am frühen Morgen des 2. August brachen sie in der festen Hoffnung auf, ihr Ziel an diesem strahlenden Tag zu erreichen. Der Aufstieg bereitete ihnen allerdings grosse Mühe, und an verschiedenen Stellen mussten sie die mitgeschleppte Leiter einsetzen, um Klüfte und unsichere Schneebrücken überwinden zu können. Langsam gewannen sie so an Höhe, und der Gipfel rückte in die Nähe. Aber plötzlich brach der Föhn mit aller Gewalt herein. Bald fielen die ersten Tropfen, und der bis anhin feste Schnee vermochte sie nicht mehr zu tragen - sie mussten einsehen, dass an ein Weitergehen nicht zu denken war. Dabei hatten sie vermutlich etwa die Höhe der zwischen Jungfrau und Kranzberg sich erstreckenden Firnmulde erreicht.

Zum Gipfel der Jungfrau Um zwei Uhr nachmittags gelangten sie wieder zu ihrem Lagerplatz. Inzwischen hatte auch der Regen nachgelassen. Sie benutzten nun den Rest des Tages zur Erkundung der Umgebung, wobei sie zur Überzeugung gelangten, und ( dass das finstere Aarhorn, der höchste aller uns umragenden Gebirgsgipfel, ohne besondere Schwierigkeiten zu ersteigen ist ).

Kaum leuchteten die ersten Sonnenstrahlen auf die Berggipfel, als die Brüder Meyer mit ihren beiden Begleitern erneut aufbrachen. Den Träger aus Guttannen hatten sie zum Basislager auf die hinterste Alp des Lötschentals zurückgeschickt mit dem Auftrag, dort Holz, Milch und Lebensmittel zu holen und ins Nachtlager zu bringen.

Die Voraussetzungen für ein Gelingen des Unternehmens schienen günstig. Rasch rückten sie ( über die von der Jungfrau niederhängenden Eis- und Schneemassen von. Doch das Firnfeld, über welches sie den schon nahe vor ihnen stehenden Gipfel zu erreichen hofften, bot grössere Probleme als erwartet, da der Untergrund vereist und nur von einer dünnen Schneeschicht überdeckt war. ( Links und rechts senkten sich Bergwände steil und tief unter uns nieder; der Weg hinab zum Fusse des Jungfrau Gipfels war ein schmaler Gletscherrücken oder Sattel. ) An einem tief in den Schnee gestossenen Alpenstock befestigten sie das Seil. Dazu schrieben sie später, wir

Es muss ein herrlicher Sommertag gewesen sein. Jedenfalls fanden die Eroberer in ihren schriftlichen Erinnerungen kaum Worte, ihre Eindrücke zu beschreiben. ( Einzig in seiner Art ist von hier aus der Blick in die Eisthäler, deren Zusammenhang vollkommen zu übersehen ist. Der Himmel hing wolkenlos in schöner dunkler Bläue über uns; doch nicht blauer, als man ihn auch in unseren Thälern zu sehen gewohnt ist, wenn die Athmosphäre sehr dunstrein ist. Alles war heitere Luft. ) Freude und Stolz erfüllten sie, das Ziel erreicht und das schwierige Unterfangen zu einem guten Abschluss gebracht zu haben. Sie dokumentierten dies, indem sie das schwarze Tuch, das ihnen die Nacht zuvor als Dach ihrer Steinhütte gedient hatte, mit Nägeln an der Stange der Leiter befestigten und die improvisierte Fahne tief im Schnee verankerten. Hieronymus Meyer sprach die Hoffnung aus,

Nachträglich bedauerten sie nun, keine physikalischen Instrumente mitgenommen zu haben, mit denen sie jetzt gerne Beobachtungen über die Fortpflanzung des Schalls in diesen Höhen gemacht hätten. Sie stellten aber auch so fest, dass der Schall

In der Euphorie der geglückten Erstbesteigung schmiedeten sie bereits neue Pläne. Im nächsten Jahr wollten sie

Schwieriger Abstieg Rund eine halbe Stunde verweilten sie auf dem Gipfel, dann stiegen sie ( mit jeder Art von Vorsicht ) ab. Anfänglich ging alles gut, und auch die eisige Passage, die ihnen beim Aufstieg so viel Mühe gemacht hatte, konnten sie ohne allzu grosse Schwierigkeiten überwinden. Dann aber befiel einen Begleiter plötzlich panische Angst, so dass er beinahe die Besinnung zu verlieren drohte. Zudem klagte er über Schmerzen in den Augen, während die übrigen nur ein Brennen der Haut verspürten ( durch die Schärfe der Luft und den Reiz der von den Schneefeldern zurückgeworfenen Sonnenstrahlen ). Man verband dem Gemsjäger die Augen und führte ihn am Seil vorsichtig bis zum Ort des Nachtlagers hinab. Dabei betrieben die beiden Brüder noch einige geologische Studien, machten sich Notizen und nahmen verschiedene kleine Steine mit. Spät am Abend kehrte die erfolgreiche Vierergruppe ins Basislager zurück. Hier fanden sie die Lebensmittel, die der Träger vom Lötschental hergebracht hatte, und genossen die wohltuende Wärme des prasselnden Feuers. Die äusserst bescheidene Unterkunft bot ih- nen etwas Schutz für die Nacht: ( Die Anstrengungen, welche wir den Tag über gehabt, betteten uns auf hartem Felsen weich. ) Anderntags verabschiedeten sich die Brüder von ihren tüchtigen Walliser Begleitern, nicht ohne ihnen den vereinbarten Lohn ausbezahlt und für ihre Leistungen ein gutes Trinkgeld dazugelegt zu haben. Dann wandten sie sich der Grimsel zu und kehrten nach Aarau zurück, um ihrem Vater die Nachricht von der geglückten Erstbesteigung zu überbringen.

Anerkennung und Zweifel Die Pioniertat weckte in der ganzen Schweiz, in Deutschland, aber auch in Frankreich grosses Interesse. Der schriftliche Bericht, den die Brüder über ihre Erfahrungen und Erlebnisse verfasst hatten, erschien noch im gleichen Jahr in Form einer kleinen, gedruckten Schrift bei Heinrich Remigius Sauerländer in Aarau als Abdruck aus den .

Die Schrift hatte zwar Aufmerksamkeit, aber auch Zweifel erregt. Die Skeptiker waren der Meinung, dass die Schilderungen unbestimmt und nichtssagend seien und kaum der Wahrheit entsprechen konnten. Nicht zuletzt um die Ehre seines Vaters und seines Onkels zu retten und zu beweisen, , machte sich der Sohn von Johann Rudolf ( und Enkel von Johann Rudolf sen. ). Gottlieb Meyer, am 2. September 1812 auf, die Jungfrau ein zweites Mal zu erobern.

Der

Vom Märjelensee herkommend, waren sie dem Aletschgletscher entlanggestiegen und hatten ihr Nachtquartier am Grünegg nördlich des Faul Berg ( heute: Fülbärg ) errichtet. ( Des andern Tages um fünf Uhr morgens reiseten sie über das Eismeer zwischen Mönch und Jungfrau bis an den Fuss des zu ersteigenden Kolosses, der im Frühstrahl der Sonne glänzte. ) In der Hoffnung, einen besseren Zugang zur Jungfrau zu finden als im Vorjahr, stiegen sie von der Ostseite her auf. ( Aber der Abhang des Berges ward immer steiler, und endlich so steil, dass die Führer fast erschöpft zusammenbrachen. ) Sie litten zudem an Hunger, hatten sie doch nichts Warmes zu sich nehmen können, da sie die Kochpfanne am Märjelensee vergessen hatten. Notgedrungen mussten sie deshalb mit Käse, Brot und etwas Schnee vorliebnehmen.

Gottlieb hatte wie sein Vater ein Jahr zuvor ein Kartenblatt seines Grossvaters mitgenommen und versuchte, mit dessen Hilfe eine gangbare Route zu finden. Sie seilten sich wieder an. Um elf Uhr stand der letzte Gipfel dicht vor ihnen. Zuerst galt es aber noch, das letzte Hindernis, eine senkrechte, teilweise sogar überhängende Eiswand, zu ersteigen. Über einen breiten Schrund legten sie zwei Stangen, ( der vorderste Führer wand sich über dieselben hinauf und fing an mit einem kleinen Beil Stufen für Hände und Füsse einzuhauen und befestigte das Seil an dem Stocke, den er fest an die Eiswand stemmte ). Die anderen krochen nach und überwanden nun in den eingehauenen Stufen die Wand. Ohne Zweifel waren die drei damit auf dem Rottalsattel angelangt: ( Endlich erreichte man so die Höhe des übergletscherten Berggra-thes, von welchem man schon in die schwarzen nächtlichen Thäler der bewohnten Welt, und von der andern Seite in die Gletscherab-gründe niedersehen konnte. ) Einer der beiden Führer war von den Anstrengungen derart erschöpft, dass er sich auf einen Eisblock niedersetzen musste. Blässe überzog sein Gesicht, und er konnte kaum mehr sprechen. Schliesslich gab er den beiden ein Zeichen, dass sie weitergehen sollten. Doch: ( Nach einiger Zeit erholte er sich, kroch zu einem Felsstein, leckte am Stein das von der Sonne ausgeschmolzene Schneewasser ab, wie es herabronn, und ging ihnen nach dieser Erfrischung zum Gipfel nach. ) Den höchsten Punkt auf 4158 Metern Höhe erreichten sie um zwei Uhr nachmittags, wobei die Führer die Meinung vertraten, dass sich die Form des Gipfels seit dem Vorjahr stark verändert habe. Und von der schwarzen Fahne, die die Erstbesteiger am 3. August des Vorjahres hier aufgepflanzt hatten, war keine Spur mehr zu sehen.

Zschokke schrieb über den Aufenthalt auf dem Gipfel: ( Sie waren wie in einem Luftmeer schwebend. Der Himmel glänzte heiter, licht-reich über ihnen; und unter ihnen ein Wolkenhimmel, durch dessen Öffnungen und Risse hin und wieder der finstere Grund der Erde hervorblickte. ) Den Thunersee erkannten sie auch ohne Gläser deutlich. Rings um sie standen die Berge im vollen Lichte. Nur der Montblanc, der Monte Rosa und das Matterhorn waren von feinen Wolken umhangen.

Während die beiden Walliser ein Dankgebet sprachen und gelobten

3 Die Erstbesteigung des Mönchs erfolgte erst 1857 durch Dr. Porges aus Wien.

4 Als erste Frau stand die Engländerin Winkworth am 20. August 1863 auf dem berühmtesten Gipfel des Berner Oberlandes.

Ausklang Eigentlich hatte Gottlieb Meyer die Absicht geäussert, den Mönch gleich anderntags als erster zu besteigen .3 Starker Nebel hinderte ihn aber daran. Gegen vier Uhr begann es zudem, in grossen Flocken zu schneien und zu stürmen. So kehrten die drei Bergsteiger am folgenden Morgen bei sehr schlechtem Wetter in die Alphütten am Märjelensee und dann ins Wallis zurück. Eigenartigerweise vergingen nun volle 16 Jahre, bis die Jungfrau ein weiteres Mal bestiegen wurde .4 Quellenverzeichnis mit Standort der Zitate Reise auf den Jungfrau-Gletscher und Ersteigung seines Gipfels Von Joh. Rudolf Meyer und Hieronymus Meyer aus Aarau im Augustmonat 1811 unternommen. Aus den Miszellen für die neueste Weltkunde besonders abgedruckt ( Verwendete Zitate auf den Seiten 3, 5, 12, 18,20,22,23,24,25,30 ) Über Eis und Schnee.

Die höchsten Gipfel der Schweiz und die Geschichte ihrer Besteigung von G. Studer. 1 .Abtheilung, J. Dalp'sche Buch & Kunsthandlung; Bern 1869 ( Verwendete Zitate auf den Seiten 102, 109 ) Reise auf die Eisgebirge des Kantons Bern und Ersteigung ihrer höchsten Gipfel im Sommer 1812 ( Verfasst von Joh. Heinr. Daniel Zschokke ) Aarau 1813, bei Heinrich Remigius Sauerländer ( Verwendete Zitate auf den Seiten 5, 32, 33, 34, 36 )

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