Die Mürtschen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Max Spoerri.

Mit eindrucksvoller Wucht türmen sie sich auf, die drei « faulen » Brüder: nördlich steht der « kleinste » der drei, der Stock; in der Mitte ragt aus einem Geröllfeld das Gipfelchen des Faulen, während — die beiden überragend — südlich breit und massig der Ruchen die Kette schliesst. Geradezu furchterregend blicken die schroffen, wild zerklüfteten Wände auf der Westseite des Massivs hernieder auf den Bergwanderer, der den malerischen Weg ob den blauen Wassern des Spaneggseeleins entlang zieht. Schon die ungeheuren Geröll- und Schuttmassen, die den Fuss des ganzen Berges umgehen, lassen die Tücke dieses Steins vermuten, und manch einem vergeht die Lust, diese drei Gesellen anzugehen, wenn er die in den Couloirs ständig zutale stürzenden grossen und kleinen Felsblöcke rollenhört. Aber trotzdem werden die Mürtschen verhältnismässig noch ziemlich oft begangen, denn abgesehen von den unzähligen Schutt- und Geröllrinnen bieten sich hier auch dem verwöhntesten Kletterer Sachen, an denen er Freude haben kann und wo er all sein Können aufwenden muss.

Um 12 Uhr nachts verlassen Freund O. Pletscher und ich Obstalden und steigen durch prachtvoll duftende Tannenwälder gemütlich empor, dem Talalpsee entgegen. Bei der Talalp zweigen wir links ab und erreichen auf schmalem Felspfad bald die Alphütten von Untertros. Die Herbstnacht ist wunderbar klar und nicht sonderlich kühl; wir beschliessen drum, weiterzugehen, um möglichst früh zum Einstieg zu gelangen. In steilen Serpentinen führt ein kaum sichtbarer Pfad uns rasch in die Höhe, und kurz vor 3 Uhr erreichen wir das Grätchen oberhalb der Hochmatt. Unterhalb des « Mürtschen-fensters » suchen wir in einem Felsloch Unterschlupf, um noch zwei Stunden zu schlafen.

Allmählich schälen sich die Umrisse der umliegenden Gipfel aus dem Schwarz der Nacht, die Sterne verblassen, und bald zeigt Morgenröte das Erwachen eines neuen Tages an. Die Wetteraussichten sind also nicht die besten. Wir brechen gleich auf, und durch ein von schmalen Grasbändern durchzogenes Couloir gewinnen wir rasch die Höhe des Nordgrates, dem wir nun einige Zeit folgen. Unterwegs werden die schweren Nagelschuhe in die Rucksäcke verstaut, und mit den Kletterschuhen geht 's leichter voran. Das Seil tritt erstmals in Funktion, als wir unsere Rucksäcke über einen schmalen, aber gutgriffigen Riss aufseilen. Rasch ist diese Stelle überwunden, und schon sind wir beim sogenannten Schussplatz, einem grossen Geröllfeld am Fusse der Nordwand des Stockes, angelangt.

Unheimlich steil bäumt die Wand sich hier auf. Im untern Teil herrscht ein schwarzer, schiefrig-bröckliger Stein, während die obere Hälfte, die in ein Couloir ausmündet, einen ebenfalls brüchigen Kalk aufweist. Eine Seilsicherung ist hier wie überhaupt beinahe im ganzen Mürtschenmassiv unmöglich, denn kein einziger grosser Block bietet genügend Sicherheit, um einen Sturz aufzuhalten. Auch werden durch ein Seil ständig lose Steine gelöst, was für nachkommende Steiger verhängnisvoll werden kann. Ganz sorgfältige Arbeit! heisst drum die Parole. Jeder Griff, jeder Tritt wird erst genau auf seine Haltbarkeit geprüft, ehe man ihm das kostbare Ich anvertraut. Verhältnismässig rasch gewöhnen wir uns an dieses Aufwärtsschleichen, und schnell haben wir uns dem Stein angepasst. Schwierigkeiten sind keine wesentlichen zu überwinden, und nach einem etwas exponierten Gang über ein mit dünnem Geröll besätes schräges Felsband erreichen wir schon um 7 Uhr den ersten Gipfel, den Stock.

Warmer Sonnenschein und prächtiger Fernblick — besonders ins Tiefland, das noch in schwachem Dunste schlummert — belohnen uns hier für die erste Mühe. Silbern leuchtet der Walensee, überragt von den stolzen, in der Morgensonne glänzenden Churfirsten. Und wenden wir uns um, dann grüssen sie alle herüber im goldenen Morgenglanz, unsere alten Bekannten, die Glarner- und Bündnergipfel. Schade, dem Osten zu versinken die Berge im leichten Hochnebel.

Wir dürfen uns nicht lange aufhalten hier oben; wir haben noch allerlei vor uns. Sorgfältig steigen wir ab, um auf dem normalen Weg über das böse Band die « Jägernase » zu erreichen. Wir gehen wie auf Eiern; ein unbedachter Tritt auf loses Geröll löst im Nu grosse Steinlawinen und könnte auch uns verderblich werden. Aus der Tiefe dringen Stimmen zu uns herauf; wir beschleunigen deshalb den Abstieg, um nicht jenen durch unerwünschten Steinsegen die Freude zu verderben. Die einzige exponierte Stelle dieses Weges, das böse Band, wird mühelos begangen. Noch einen kurzen, schmalen Riss hinunter, und schon stehen wir auf der Jägernase.

Nun beginnt die Überschreitung zum « Faulen » hinüber. Wir steigen etwa 50 m ab ( die normale Route führt beinahe horizontal hinüber, wie wir später sehen ) und folgen einem schmalen, abschüssigen Band, das eine senkrecht gegen den Spaneggsee abfallende Wand oben abschliesst. Jeder Schritt wird äusserst sorgfältig getan, denn ein kleines Ausrutschen, ein einziger wackeliger Stein muss hier unbedingt zum Verhängnis werden. Wir « schleichen » den Felsen entlang; gute Griffe sind sehr spärlich, denn jeder noch so sicher ausschauende Block wackelt, wenn man ihn berührt. Auf einem Vorsprung verläuft sich das Band in nichts, und wir stellen fest, dass wir zu weit unten gegangen sind. Zurück gehen wir nicht gerne, denn dieses unsichere Tasten auf losen Steinen ist alles andere als schön. Ein schmales Couloir führt hier in die Höhe, direkt zum Faulengipfel empor. Ein Versuch hier hinauf dürfte sich bestimmt lohnen. Einem schmalen, aber scheinbar gutgriffigen Riss vertrauen wir uns lieber an, um erst oben ins Couloir einzusteigen. Vorsichtig arbeite ich mich empor. Wider Erwarten gibt dieses Stück sehr zu schaffen, denn erst nach 20 Minuten stehe ich schwer atmend 10 m weiter oben. Griffe sind wohl gute vorhanden, aber sie sind rar und so weit auseinander, dass man sich ständig verlängern möchte. Mein Kamerad kommt nach, und da nicht Platz genug vorhanden ist für zwei Personen, steige ich langsam weiter. Der Berg macht hier seinem Namen alle Ehre: ganz faules und bröckeliges Gestein, wo man auch hintastet, und klopft man mit dem Finger an die Felsen, dann tönt es hohl und drohend zurück. Zum Glück wird das Couloir enger, so dass ein Aufstemmen möglich wird. Ganz luftig schaut die Sache hier aus. Senkrecht fällt die Wand ab, zwischen den Beinen hindurch sehen wir in der Tiefe das Spaneggseelein glänzen; winzige Pünktchen bewegen sich: weidende Kühe. Eine Lust wäre es, hier hinaufzuturnen, wenn man sich den Felsen anvertrauen dürfte. Nachdem wir im Couloir etwa 40 m zurückgelegt haben, gehen wir ein wenig nach links und erreichen ein schräges Felsplateau. 100 m links thront der sogenannte « Kegelkönig », das ist ein riesiger Felsblock in der Form eines Kegels, der scheinbar auf einer schmalen Unterlage « balanciert ». Dort unmittelbar dran vorbei führt der normale Weg auf den Faulen. Was hinter uns liegt, hat uns genug Nervenkitzel geboten; die Lust, die neue Route, d.h. dieses heimtückische Couloir, weiter zu verfolgen, ist uns vergangen, denn eben rauscht dort wieder eine Steinlawine zu Tal. So sehr auch Entdeckergelüste in uns laut werden, die Vernunft siegt.

Über eine plattige Wand gelangen wir in das Couloir, das rechts vom Kegelkönig auf den Grat führt. Etwas besserer Stein lässt uns rasch an Höhe gewinnen, und nach kurzer, leichter Kletterei erreichen wir den Grat, hier könnte man eher sagen Bergrücken, denn er sieht aus wie eine riesige Geröll-moräne und fällt auf keiner Seite sehr steil ab. Der kleine Gipfelaufbau ist rasch erstiegen, und um 10 Uhr stehen wir auf dem zweiten Gipfel, dem Faulen.

Eine unheimliche Hitze herrscht hier oben. Von der Mürtschenalp her fegen Nebelfetzen zum Ruchen empor. Auch bewölkt sich der Himmel immer mehr, so dass wir bald wieder aufbrechen. Durch die plattige, von Grasbändern durchsetzte Südostwand steigen wir langsam zu den sogenannten Kassetten hinab, einem riesigen Geröllfeld am Fusse der Ostwand des Ruchen. Eben schreiten einige Turisten auf dem Grat zum Ruchen hinüber und lassen eine Unmenge Geröll über die Wand abstürzen. Nette Aussichten das! Manchen Schweisstropfen kostet es, bis wir uns durch die Geröllmassen zum Einstieg durchgearbeitet haben, denn ständig rutscht das lose Gestein. Aber schliesslich ist dieses Stück auch hinter uns, und wir nehmen die Ostwand in Angriff.

Der Aufstieg führt zunächst über einige steile Bänder empor. Wir beschliessen, in der Mitte der Wand aufzusteigen, um nicht in die Fallirne des ständig herniederstürzenden Gerölls zu kommen. Nochmals müssen wir uns über loses und faules Gestein « emporschwindeln », was dank unserer heutigen Übung schon ziemlich rasch geschehen kann. Eigentliche Schwierigkeiten bietet die Wand keine; während sie im mittleren Teil etwas zurücklehnt, wird sie oben wieder beinahe senkrecht. Äusserst sorgfältig muss hier gearbeitet werden; der Stein ist hier besonders heimtückisch. Beinahe hätte uns das bisherige Glück doch noch verlassen, denn kaum zwei Meter vom lockenden Grat entfernt löst sich ein Block unter meinen Füssen — und schon poltert und stiebt eine riesige Steinlawine in die Tiefe. Zum Glück gewinne ich mit den Händen einen Halt. Der Grat ist nun rasch erreicht, und wir folgen ihm ohne Mühe bis zum Ruchengipfel. Um 12 Uhr haben wir 's geschafft.

Kein Mensch ist mehr hier oben. Wohltuende Stille umgibt uns, nur unterbrochen von unseren Juchzern und von dem Geräusch des überall rieselnden Gerölls. Doch der Wettergott macht uns einen Strich durch die Rechnung. Keine herrliche Aussicht lohnt uns, denn von allen Seiten wallt grauer Nebel heran. Nur kurze Zeit wird die Sicht frei, hinein in unser gelobtes Land, die Berge, hinab in das Tiefland.

Dann beginnen wir abzusteigen. Wir folgen erst ein kleines Stück dem Südostgrat, um dann durch ein Couloir möglichst rasch in die Scharte beim grossen Gendarm zu gelangen. Leicht turnen wir hinunter, und bald entledigen wir uns auch der Kletterfinken, denn auf den Grasbändern fassen die Nagelschuhe besser. Der Gipfel des Ruchen, den wir vor kaum einer Viertelstunde verlassen haben, ist schon im Nebel verschwunden. Die grosse « Risi » hinunter brauchen wir keine grosse Vorsicht mehr walten zu lassen, denn die fallenden Steine können nirgends Unheil anrichten. Dicht aufgeschlossen rutschen, springen und gleiten wir abwärts, und nachdem wir noch das ungeheure Geröllfeld am Fusse des Ruchen « genossen » haben, stehen wir endlich wieder auf festem Boden.

Als wir dem Spaneggseelein entlang talwärts ziehen, gleiten unsere Blicke nochmals empor in die einen Augenblick nebelfreie wilde Wand des Faulen, und ein leichtes Gruseln bemächtigt sich unser, wenn wir denken, dass wir noch vor kurzem dort oben unser Leben diesem heimtückischen Fels anvertraut haben. Aber trotzdem habt ihr uns nicht enttäuscht, ihr trutzigen Gesellen: in dieser kurzen Zeit haben wir euch liebgewonnen, und wir werden wiederkommen I

Feedback