Die Schieferbergwerke der Niesenkette

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Von Bernh. S. Tschachtli

( Bern und Luzern ) Ganz analog zu den geschilderten Anlagen im Bremsberg beobachten wir in der aufgesuchten streichenden Strecke einen Gang von mehreren hundert Meter Länge. Eine ebenflächige und nach rechts abtauchende Decke, senkrechte Wände, mit aller Regelmässigkeit nach 5—10 Metern unverritztem Schiefcrband eine 2—3 Meter breite Öffnung, wieder fester Fels, wieder eine Öffnung... Auch hier sind die Auf- und Abhauen wechsel-ständig, indem in der Regel nie Auf- und Abhauen einander gegenüberliegen, demgemäss und grob gesehen der Grube ein schachbrettartiges Gefüge zugrunde liegt. Die stehengelassenen Felsmassen geben der Grube eine nicht zu unterschätzende Stabilität, indem sie als Sicherheitspfeiler wirken und die Decke der Baue in ihrem Halt unterstützen. Wohl wird auf diese Art eine grosse Menge produktives Material stehengelassen, was jedoch im Vergleich zur gebotenen Sicherheit in keinem Verhältnis steht und bei vorsichtiger und sachgemässer Arbeit später zum Teil im Rückbau nachgeholt werden kann. Wo die Decke in den Abbauörtern, im EngsLligental « Sätze » genannt, besonders gebräch ist, werden die Hohlräume bis zum First möglichst satt mit unproduktivem Gesteinsmaterial aufgefüllt oder « versetzt ». Ein doppelter Vorteil, denn so muss dieses Material nicht mit teurer Kraft nach der Tagesoberfläche aufgezogen werden.

Die Alpen - 1947 - Les Alpes18 UP1

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Der Schrägstollen bringt uns tief unter Tag. Das Geleise teilt sich auf; ein Schienenstrang weicht in den linken, der andere in den rechten Gang des untersten Stockwerkes ab, während der Bremsberg sich noch etwas weiter zieht, wo er die Grubenwässer im « Pumpensumpf » auffängt, um sie von dort auf kürzestem Wege zutage zu befördern. Grosse Mühe ist zur Instandstellung erforderlich, so ein Grubenbau einmal « versoffen » ist.

Noch hängen hier einige Schwaden Sprenggase vom mittäglichen Ab-schiessen in der Luft. Sie kommen aus dem rechten Gang, wo an der Brust des Vortriebs der Schiefer für den Abbau vorgerichtet wird. Im linken Gang gewinnen wir Einblick in die Art und Weise des Abbaus. Da die Decke des Stollens zugleich die obere Abgrenzung des Schieferbandes bildet, wird unmittelbar darunter auf eine den örtlichen Verhältnissen angepasste Länge und Stollenbreite Schiefer auf eine Höhe von 60—80 cm herausgesprengt, nachdem die Bohrlöcher mit Meissel und Hammer angesetzt worden sind; in dieser Grube sowie im Grossteil der andern hat die technische Modernisierung nicht durchzudringen vermocht, obwohl einzelne Schieferbergwerke elektrisch angetriebene Spiralbohrer mit grösstem Erfolg eingeführt haben. Drei bis vier Mann, teils liegend, teils auf kleinen Schemeln sitzend, legen einen Block von ungefähr 10—12 m2 Oberfläche mit Hammer und Meissel frei, indem sie ringsherum eine Kerbe von 20—40 cm Tiefe niederbringen. Diese Platte gilt es hernach herauszuschaffen. Mit Keilen und andern primitiven Mitteln lösen sie die Leute in sorgfältiger und mühseliger Arbeit von der Unterlage. Mit Sägen wird sie weiter vor Ort in Stücke zerlegt. So wird Platte um Platte dem Bergesinnern entrissen.

Diese überlieferte Arbeitsweise finden wir in den meisten der hiesigen « Spiele ». Andere aber wieder zeigen eine Anpassung an die neuere Technik des Bergbaus. An Stelle von Hammer und Meissel treten Spiralbohrer mit elektrischem Antrieb und die speziell gebauten Schieferfräsen. Letztere erlauben innert kürzester Zeitspanne, Plattenstücke nach beliebiger Grosse herauszusägen, mit einer Leistung, die einer solchen von fast einem Dutzend Arbeiter ( mit Hammer und Meissel ) gleichgesetzt werden darf. Während dadurch einerseits eine gewisse Arbeiterzahl verdrängt wird, kann anderseits durch die verbilligten Produktionskosten die Lebensfähigkeit verschiedener Gruben überhaupt gewährleistet und einer, wenn auch geringern Zahl Bergbauern ein Nebeneinkommen ermöglicht werden.

Mit Hammer, Meissel und Spaltschiene, einem uralten säbelartigen Werkzeug, arbeitet unterdessen die restliche Belegschaft mit grosser Fertigkeit in der Spalthütte über Tag an der weitern Zerlegung der geförderten Platten. Mittels Schablonen und Stift werden die Platten von entsprechender Dünne gezeichnet. Die vorgezeichneten Linien verfolgt der « Rysser » mit einem speziellen Hobel, wobei er die Platten ritzt, um sie leichter brechen zu können. Das restliche Formatisieren besorgt der « Schärer » auf einer langen, einarmigen Stockschere, die derart installiert ist, dass die abgeschnittenen und unbrauchbaren Plattenstücke über eine steile Rutsche ins Freie gelangen und in die Tiefe der Wildbachgräben fallen, wo Wildwasser und Lawine die Wegfuhr auf natürlichem Wege übernehmen. Hell klirren die Gesteinsplättchen auf dem Grunde des Grabens — ein charakteristisches Geräusch, das uns die Lage der Spalthütte im Anstieg schon von ferne erkennen liess.

Die formatisierten, aber noch rohen Schiefertafeln gelangen auf der Luftseilbahn über die tiefen Gräben und Runsen hinweg nach dem « Schiefer-schärm » an der Talstrasse, wo sie Fuhrwerk oder Auto zum Weitertransport nach den Schiefertafelfabriken in Frutigen übernehmen.

Wir beenden unsere Wanderung mit dem Sinken des Tages. Auch die Bergarbeiter schliessen ihre harte Arbeit und begeben sich eilig zu ihren Heimwesen, nachdem sie das Werkkleid mit dem eines Bergbauern getauscht haben. Der Vater, früher selbst viele Jahre beim Schiefern tätig, wartet auf dem warmen Ofentritt und atmet erleichtert auf, wie er seine Söhne heil über die Schwelle der Hütte treten hört, kennt er doch die lauernden Gefahren, die vernichtende Lawine auf dem Weg zur Grube und die Gefahren in der Grube selbst, die schon so manchen seiner Kameraden weggenommen haben.

Aber trotz diesen Gefahren zieht es den Schieferer immer und immer wieder ins Berginnere. Er weiss, dass heute Massnahmen zur wirksamen Bekämpfung von Grubenunfällen und Berufskrankeiten getroffen werden können, die früher nicht bekannt waren. Er weiss aber auch, dass er dieser Verdienstquelle nachgehen muss, um sich und die Seinen erhalten zu können.

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