Die Schleierkante

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Hermann Schwyzer.

Wenn wenig wir um etwas wissen, Wer könnte stillem Suchen wehren, Und finden, wenn den Zufall wir vermissen, Geniessen, wenn des Herzens wir entbehren?

Schleierkante! Ein Wort, ich fange es auf. Es tönt durch mein Bewusstsein, sympathisch, neu, verlangend. Eine Welt steht dahinter, mein Ich davor, vor dem Bätsei, vor Ahnungsschwerem, vor dem schönen Worte. Es hat 's mir angetan.

Wer kennt es? Weich und hart vereinigen sich zu zwei Trochäen, zum Geheimnis. Zartes, Duftiges, Schwebendes paart sich mit Schroffem, Hartem, Garstigem.

Was könnte es sein? Möglichkeiten wähnt meine Phantasie. Um den Begriff such ich Wirklichkeit. Mein Verstand ist auf tausend Fährten. Aber jede versagt.

Doch mein Geist will wissen, verstehen, erfassen. Sehnsucht entsteht um das Verborgene. Der schöne Name umgaukelt mich. Ich möchte sehen, was er birgt, ergründen, was mich verfolgt. Was, wo, wie drängen sich gebieterisch um das schöne Wort. Doch kein Wörterbuch und kein Sterblicher geben mir Bescheid.

Die Schleierkante ist längst versenkt im Grabe der unbefriedigten Wünsche. Dort verschwinden die Begriffe, und eines Tages verblasst in der Erinnerung, was nicht einen besondern Klang hat. Zu diesen klingenden Begriffen gehört das schöne Wort: die Schleierkante.

Wer ahnt das Staunen, wer misst das Glück, als sie, die Schleierkante, sichtbar nahe vor mir steht in rötlich dolomitenem Abendscheine?

« Und ganz aussen rechts, das ist die Cima della Madonna mit der Schleierkante », erklärt mir der Führer, der Sohn des berühmten Dolomitenführers Zagonell. Wir stehen auf einem Palagipfel im Südtirol. Ich schaue nur hin, und mein Bergsteigerherz erlebt einen unbeschreiblichen Jubel. Die Schleierkante!

Dolomiten! Bergsteiger, gehe hin und schaue! Und wenn dein Herz nicht jubelt, so lese die Sagen um das rötlich schlanke Gestein, und dein Herz wird in Schwung kommen.

Am letzten Abend vor der Abreise erkundige ich mich schüchtern über die Schleierkante. « Gehen wir morgen noch hinauf, 4. bis 5. Grades, können Sie », meint Zagonell.

Und dann ist die Erwartung mehr als die Tat, aber der Zauber des Unbekannten ist nicht grösser als die Eleganz der Kletterei. Fort mit der Vorstellung und jenen Begriffen von Gefahr und Mühen, die man sich erlaubt bei den Gedanken, stundenlang an einer Kante zu kleben. Man schwebt ja nur, man vergisst die physikalischen Gesetze, man lustwandelt über die Kante eines Schleiers, mit weichem Schritt, mit beherrschtem Körper, mit wachen Sinnen. Denn etwas verzaubert uns. Etwas hat uns abgestimmt, besondere Klänge zu vernehmen. Ist es nicht Leidenschaft, die alles verklärt, in Narkose all unser Empfinden legt, uns berauscht und uns der Wirklichkeit entrücktDenn, es sage mir niemand, an einer Kante stundenlang zu kleben, sei ein paradiesischer Genuss.

Wir schaffend. Spielend, mühsam geht es aufwärts. Wie wirkt die Kunst des sichern Kletterers, wie das Seil, das zu ihm hinführt! Was bedeuten schwierige Stellen? Ist doch alles schwierig oder leicht, solange man aufwärts drängt, solange die Kletterschuhe kleben, solange Leidenschaft beseelt, solange man geniesst, geniesst, wo der kalte Verstand nichts zum Geniessen finden kann.

Der Frechling! Versteigt sich an die Schleierkante! Wenn die Madonna ungnädig wäre, da wir ihren Schleier lüften? Wenn sie uns verderben liesse? Was bedeutet ein Sturz von der Schleierkante? Lockt doch die Tat! Wenn schon die Erwartung schmeichelt, wie erst lockt die Tat! Sie befriedigt nur, sie allein entlastet so ein schwaches Bergsteigerherz.

Dann ist man plötzlich oben. Man steht wieder auf dem ganzen Fusse, und die Schleierkante rückt ab auf den Rätselpfad eines Tiefenblickes, ab in klingende Erinnerung. Unbändige Erwartung, Akrobatik, Tal- und Fernblicke, besondere Wirkung auf Körper und Geist, pochendes Herz vereinigen sich zu einzigem Erlebnis, das den Aufstieg über die Schleierkante rechtfertigt. Sonst ist man allzusehr geneigt, von Unvernunft, von Dummheit zu sprechen. Aber wenn 200 Partien seit zwei Dutzend Jahren die Kante begehen, um im Gipfelbuche die Nummernfolge getreulich nachzutragen, so lernt man verstehen. Leidenschaft ist grösster Exponent des Lebens. Mit Vernunft ist ihr nicht beizukommen. Bei welcher Leidenschaft die Unvernunft beginnt, bleibt ewig Rätsel der Vernünftigen.

War ich wieder einmal unvernünftig, so hat mich die unvernünftige Tat bis in die Seele hinein befriedigt. Mein Herz hat genossen. Diesen Wert ermisst nur, wen Leidenschaft an die Schleierkante treibt.

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