Die Story vom Aletschwald

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Rudolf Schiffer, D-Freiburg AUSGANGSPUNKT RIEDERALP

Ein alpiner Spaziergang durch den Wald der Wälder Im Kanton Wallis, wo mit Monte Rosa, Dom, Weisshorn oder dem berühmten Matterhorn die höchsten Bergriesen der Alpen in den Himmel ragen - denn landschaftlich gesehen zählt auch Europas höchster Berg, der Mont Blanc, zu dieser Gruppe der Westalpen - reihen sich Höhepunkte um Höhepunkte alpiner Erlebnisse wie Perlen an einer Schnur.

Ein wenig abseits der grossen Täler von Saas Fee oder Zermatt, wohl einsamer und im Programm vieler Touristen manchmal vergessen, liegt über dem gewaltigsten Gletscher der Alpen, dem fast 25 Kilometer langen Grossen Aletschgletscher, dessen mächtiger Eisstrom sich dreitei- lig im Norden — vom Mönch als Ewigschneefeld, von der Jungfrau als Jungfraufirn und vom Aletschhorn als Grosser Aletschfirn - bis gegen die Rieder Furka im Süden erstreckt, Europas höchstgelegener und grossartigster Bergwald, der Aletschwald.

Jeder bereits dagewesene Berg- und Naturfreund wird bestätigen, dass der Besuch des Aletschwaldes ebenbürtig ist mit den einzigartigen Zielen der Alpen, wie sie Grossglockner, Jungfraujoch oder Gornergrat darstellen, Ziele, die man einmal erlebt haben sollte, wie jeder Franzose einmal im Leben Paris gesehen haben muss. Dabei ist der Aletschwald ohne Bergführer oder besondere Ausrüstung ungleich leichter und billiger zu erreichen.

Vom kleinen Ort Mörel an der Rhonetalstrasse fährt man mit der Luftseilbahn zur 1925 Meter hoch gelegenen Riederalp hinauf. Bereits von diesem weitläufigen Bergwiesenplateau aus geniesst man einen phantastischen Panoramablick auf die firn- und eisbedeckte Kette der Walliser Alpen. Vor den Augen des Beschauers baut sich hier, vom tiefen, dunkelgrünen Rhonetal aufsteigend über Schluchten und Schrunde bis zu den Graten, Gletschern und Gipfeltürmen, das Karakorum Europas auf. Nur schwer kann man sich losreissen von diesem urgewaltigen Bild einer irdischen Landschaft, um seine Augen auf den Alpweiden mit ihrer bezaubernden Bergfrühlings-flora eine Weile ausruhen zu lassen.

Kaum ein paar Tropfen Schweiss kostet nun der kleine Aufstieg von der Bergstation der Riederalp zur 2064 Meter hohen Riederfurka, wie hierzulande teilweise die Alpenpässe genannt werden. Dafür steigert sich die Aussicht nach Süden, und mit jedem gewonnenen Höhenmeter überblickt man noch mehr Gipfel der Walliser Bergwelt. Doch sobald die Passhöhe nach Norden überschritten ist, erwartet den Bergwanderer ein gänzlich anderes Landschaftsbild: Die nördliche Bergkette tritt nahe heran, und von den offenen Wiesen der Südhänge gelangt man völlig überraschend in einen moosigen, üppigen Bergwald, setzt seinen Fuss auf mehr als 2000 Meter Höhe in einen dichten Wald, wo man eigentlich nur Fels, Geröll oder bestenfalls noch unwirtliche Alpweiden erwartet hätte. Das Naturwunder des Aletschwaldes wird noch rätselhafter, wenn man auf die gegenüberliegenden kahlen, steinigen Südhänge zwischen Belalp und Triestgletscher blickt, die fast ohne jegliche Vegetation zum Grossen Aletschgletscher hin abfallen. In diesen Bergregionen, wo der Mensch seit Bestehen der Erde noch ohne Einfluss auf das Naturgeschehen war, wäre es geographisch verständlicher, wenn nicht die Nord-, sondern die Südhänge mit Wald bedeckt wären. Doch die Launen der Natur sind oft so unberechenbar wie ihre Elemente. Mag sein, dass der Wald der Wälder vor urdenklichen Zeiten auf der feuchteren Nordseite besser Fuss fassen konnte, ungeachtet des rauheren Klimas.

EIN BERGWALD VOLLER GEHEIMNISSE Beginnen wir nun den genussvollsten Waldspaziergang, den die Alpen zu bieten haben! Mühelos schreitet man in der klaren, erfrischenden Höhenluft, auf weichem Wegboden hoch über dem Eisstrom des Gletschers durch den von starkem, herbsüssem Duft erfüllten Aletschwald. Zu beiden Seiten des Kammweges dehnt der Wald sich südwärts gegen die Kuppe der Hohfluh ( 2227 m ) und nordwärts bis an den Rand des Aletschgletschers aus. Den Wanderer begleitet die grosse Stille, die jedem Naturwald eigen und die dennoch keineswegs ohne Geräusche ist. Ein urzeitliches Rauschen von Quellen, Bächen und Wasserfällen erfüllt die Luft, ein Raunen, Klingen und Klirren geht durch den Wald, und zarte Vogelstimmen untermalen die geräuschvolle Stille. Der Mensch ist schnell bereit, alles zu vergessen, was Zivilisation und Technik ihm an Gutem und Schlechtem bescheren, um hier nur noch ein Wesen des Urwaldes zu sein und seinen Stimmen zu lauschen, wie es am Anfang des Menschseins war. Seine überforderten Sinne, in einer lärmerfüllten Welt der Verkümmerung preisgegeben, werden hier wieder geschärft und geschliffen.

Es ist ein uralter, knorriger Wald, der in dieser geographisch unmöglichen Lage seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden den wilden Elementen und dem rauhen Bergklima trotzt. Er ist alt und ewig jung. Man ist ergriffen von seiner starken Unbeugsamkeit und überrascht von den oft lieblichen Idyllen zwischen verhutzelten Baumveteranen, die ihre dicken zu Tage tretenden Wurzeln um blankes Felsgestein krallen. Unter ihren langen, sturmzerzausten Ästen regt sich überall der nachdrängende Jungwuchs.

Beherrschender Baum im Aletschwald ist die Arve oder Zirbelkiefer. Von ihrer Art findet man alle nur denkbaren Baumgestalten, vom windzer-fetzten, fast astlosen Urahn bis zur vollnadeligen, üppigen Diva. Der unbändige Lebenswille bei schwersten Bedingungen wird am Wuchs eines jeden Baumes sichtbar. Lärchen- und Rottan-nenbestände füllen die Lücken zwischen den prachtvollen Einzelgestalten der Arven. Man trifft sogar Buchen und Ebereschen an, die hier wohl die Höhengrenze ihrer Lebensfähigkeit erreicht haben. Kriechweiden, Legföhren und Zwergwacholder bilden dichtes Unterholz und bieten dem Jungwuchs von Arve, Lärche und Fichte Schutz. In kleinen Talmulden haben sich aus Legföhren, Wacholder, Heidelbeersträuchern und Alpenrosen bezaubernde Alpengärt-chen gebildet, in denen eine vielfältige Bergflora aus Hornveilchen, Enzian, Schwefelanemone und Alpenglöckchen um moosgepolsterte Felssteine blüht. Häufig haben sich Farne, Klein-sträucher, Blumen und Kräuter angesiedelt, wie man sie in dieser Höhenlage kaum noch vermuten würde. Der Forscherseele des Botanikers sind im Aletschwald keine Grenzen gesetzt.

Müssig zu sagen, dass dieser Wald unter strengem Naturschutz steht; denn er ist ein Symbol für alle Wälder der Alpen, für die Kraft und den Fortbestand des Lebens. Nicht die kahlen Berggipfel, die Grate und Gletscher, und seien sie auch noch so schön, sind Träger des Lebens, sondern vorab der Wald. Nur da, wo er Fuss fassen kann, beginnt der Urquell des Lebens zu rauschen, und nur da ist auch für uns Menschen — zum mindesten für die meisten von uns - auf die Dauer das Leben erträglich, selbst wenn wir Wochen und Monate in einem Raumschiff verbringen können.

Fast neun Monate hindurch ist der Waldboden unter einer zeitweise dicken Schneedecke begraben; doch bis Ende Juni trifft man in den Schattenlagen Schneereste an, um deren Ränder sich aber schon der ßergkrokus schart. So kurz wie am Polarkreis ist die Zeit des Blühens, Reifens und Fruchtens. Dafür schmecken die dicken Blaubeeren nirgends süsser und aromatischer.

Natürlich beherbergt der Aletschwald auch Tiere. Fliegen und Bienen summen einem um die Nase; Käfer und Schmetterlinge entzücken dieser Höhenlage besonders. Ihre Farben sind wie die der Blumen stark ausgeprägt und leuchtend. Ringamseln, Schneefinken, Alpenbraunelle und Tannenhäher begleiteten uns abwechselnd und zeigten kaum Scheu. Helles Pfeifen hier und dort verriet uns, dass auch Murmeltiere in der Nähe sein mussten, doch leider hielten sie sich gut versteckt. Unser besonderes Augenmerk galt natürlich den Gemsen, denn für sie muss dieser Urhochwald ein wahres Paradies sein. Wir hatten Glück und konnten gleich zweimal einige beobachten. Ein gemütlicher Gemsbock lag keine zwanzig Schritte von uns entfernt in einer gut getarnten Felsnische und hielt dort, unbeeindruckt von unserer Anwesenheit, ausgiebig Siesta. Wir hätten ihn glatt übersehen, wenn uns nicht ein niederländischer Besucher, der ihn schon eine Weile beobachtete, auf ihn aufmerksam gemacht hätte. Später sahen wir tief unter uns, auf einem Zwischenplateau fast am Rande des Gletschers, noch einmal Gemsen, und zwar diesmal ein spielendes Gemsenpärchen. Die beiden vollführten auf einem Restschneefeld Bocksprünge und richtige Tänze. Immer wieder sprangen sie vom hohen Gras auf den Schneefleck, als hätten sie an ihm ihre besondere Freude, wie fanatische Wintersportler, die sich noch im Sommer auf den letzten Schneeresten der Hochlagen tummeln. Diese beiden gaben uns die Gewissheit, dass Gemsen den Schnee lieben und die kalte Jahreszeit keineswegs zu fürchten haben. Sicher gibt es im Aletschwald noch eine Vielzahl anderer Tiere, wie Hasen, Rehe, Hirsche, die im Sommer von den unteren Bergregionen einwandern, aber man müsste schon aussergewöhnliches Glück haben, wenn man an einem einzigen Tag alle zu Gesicht bekäme.

Je höher man auf dem Kammweg steigt, um so lichter wird allmählich der Wald. Öfter gibt er den Blick frei auf die mächtigen Eisformationen des Gletschers tief unten, die die Erhabenheit dieses Bergwaldes zu unterstreichen scheinen.

Zwischen den Bergkuppen der Hohfluh und Moosfluh erreicht man schliesslich den Rand des Aletschwaldes und kann sich da entscheiden, ob man noch bis zum Gletscher absteigen oder lieber den Weg zum Blausee und von dort zurück zur Riederalp fortsetzen will.

Von den Höhen der Moosfluh blickt man fast um die Ecke des Grossen Aletschgletschers bis zum Konkordiaplatz, sozusagen in den Hinterhof von Jungfrau, Mönch und Eiger, und man hat nach Süden hin wieder den Blick frei zu den Walliser Bergen. Zu Füssen des Bergwanderers- nicht genug damit, dass er in allen Richtungen der Windrose zu staunen und zu schwelgen hat - präsentiert die Moosfluh einen der schönsten Alpengärten. So ist nun einmal unsere Erde: Entweder sie spart vollkommen oder sie verschwendet vollkommen. Diesmal hatten wir das Glück, zu den Schlemmern zu zählen, die mit Augen und Herz gierig alle Schönheiten in sich hineintranken.

Zwischen kleinen Moorseen, die wie schwarzdunkle Augen aus den grünen Weiden leuchten, entfaltet die Alpenflora ihre ganze Blütenpracht. Dichte Enziankolonien, Alpenrosen, Sonnenröschen, Schwefelanemonen, Primeln, Hornveilchen - eine endlos liebliche Sinfonie des Bergfrühlings. Der tiefer in den Bergmulden liegende Blausee trägt seinen Namen zu Recht. Tiefblau wie ein Aquamarin leuchtet er aus dem satten Grün der Bergweiden und fängt in seinem Spiegel das Firnelicht von Dom und Weisshorn auf. So geht rund um den Aletschwald ein Bergfest zu Ende, ein Tag, den man niemals vergisst.

Wer je das Glück hatte, einen alpinen Spaziergang durch den Aletschwald machen zu können, den wird eine unbestimmbare Sehnsucht immer wieder dorthin drängen, sooft ihn ein gütiges Geschick ins Wallis führt.

Es ist die gleiche Sehnsucht, die den Menschen zum Meer treibt und ins Hochgebirge, zum Wald der Wälder.

Eine kuriose Seilschaft

Gedanken unterwegs1 Eine Dreierpartie ist gerade richtig für eine Seilschaft. Natürlich kommt es auch darauf an, wie stark die einzelnen Glieder sind. Aber an sich ist das der ideale Fall für den Berggänger.

Dazu ein schöner und weiter, also ein breiter, flacher Gletscher mit Sonne und blauem Himmel. So viel Sonne, dass da, wo Himmelsblau und Gletscherweiss zusammentreffen, nur ein blasser Streifen entsteht. Dazu eine echt mittägliche Hitze...

Der erste Mann unserer Partie hat seinen Hut über die Augen gezogen und stapft gemächlich durch den Firnschnee. Es bilden sich allseitig kleine Wasserrinnen. Sie rieseln und rauschen und ergänzen die Stille. Sie stören nicht. Der erste Mann, also der Vordermann, weiss, dass es vorerst nur ein einziges Problem gibt: die Gletscherbrücke. Bis dahin alles nur Stille, Hitze, weiss, blau — und vorläufig ein leichter Durst. Und so sinniert er eben vor sich hin: Er hätte gestern abend doch besser das Herz-As nicht so früh aus- 1 Der Verfasser dieses Artikels möge sich bei der Redaktion melden.

spielen sollen. Soviel stand fest: sein Partner war im glücklichen Besitz des Trumpf-Bauern und damit wenigstens vorübergehend der stärkste Mann im Spiel. Und nun zu seinem vorzeitigen As... Es gibt auf der Welt täglich Probleme, und nur hier, auf dem Gletscher, ist man eigentlich ungestört. Aber hier hat man auch seine Verantwortung. Also besser wäre doch der Umweg. Nämlich der Umweg an der Gletscherbrücke vorbei, der Spalte entlang und dann wieder auf der anderen Seite zurück - macht eine Viertelstunde Zusatz. Aber was macht das aus? Die beiden hinter mir schlafen ja ebenfalls... Und überhaupt, Bergführer, und um einen solchen handelt es sich eben im vorliegenden Fall, also Bergführer - so meditiert und sinniert er- ist sowieso nur eine Art Drit-telsberuf. Ja, die ganz Grossen, mit Nordwänden, Ausland-Expeditionen und so... Aber deren gibt es nur wenige. Und wir, die wir so den Sommer-beruf ausüben, sind auch immer weniger gefragt. Man kann nicht viel machen gegen die Alleingänger. Schliesslich sind es auch Alpinisten. Unsere Tarife sind eben keine Trinkgelder, und wir müssen schliesslich gelebt haben. Der Winter ist lang, und ein Schuhmacher - das ist das zweite Drittel meiner Berufstätigkeit - also sogar ein Schuhmacher bekommt Maschine und neue Zeit zu spüren - eben am Schuhwerk. Zuerst geschmiedete Kappennägel, dann Tricouni; zuerst Ledersohlen, gutes echtes Kernleder, und dann Gummi, Hartgummi. Die neue Zeit greift bis zu meinem Schusterschemel...

Oha - da kommt also doch ein Schrund. Nicht schlimm. Wohl erst seit zwei Tagen entstanden. Den Hüpfer werden wir wagen und dann wieder « spaltenlang » weitermarschieren oder promenieren, wenn man es so nennen will.

Übrigens, meine Buben sind schon recht, die drei. Der Fritz dürfte besser sein im Rechnen. Mein dritter Beruf? Das gibt es auch, nämlich Bergbauer. Zugegeben, nur ein kleiner Bergbauer, einschliesslich drei Buben, das Mareili, die Frau und ich— wenn ich zu Hause bin. Aber jetzt bin ich auf dem Gletscher und sinniere, was ich dem Jüngsten, dem Mareili, zum Geburtstag stiften soll oder, besser gesagt, stiften kann. Bergbauern, heisst es im « Blettli », haben nichts zu lachen, kein leichtes Leben und so weiter. Für den Bergbauern sei der Familienbetrieb mit Nebenerwerb das beste Auskommen oder Einkommen, wie man zu sagen pflegt. Es gehe ihnen dann nicht wie den Trubern, Sumiswaldern oder Langnauer Bauern im Emmental, von denen gut 90000 ausgewandert seien... Ja, bei den Bergbauern liegen die Verhältnisse ganz anders. Das stehe im Landwirtschaftsbericht des Bundesrates, sagte der Lehrer noch letzte Woche; dabei hat er bei seinem Vortrag im Eifer vergessen, die « Stock » aufzuschreiben... Schon mein Grossvater war Bergbauer, mein Vater dazu noch Bergführer. Aber - wo sind die « anderen Mittel » ge-blieben«Kunststück », meinte der Posthalter, « bei den vierzig Prozent, die die Bauern von den Bundessubventionen einkassieren... » und dabei stach er mit dem Neil gerade zwei Zehner... « Aber eben: bäuerliche Bundessubventionen sind Schwergewichte. Sie haben die Eigenschaft, im Tal hängen zu bleiben, und sie steigen nicht so leicht in die Höhe », meinte der Posthalter. Ich bin zwar, wie gesagt, nur zu einem Drittel Bergbauer, aber auch dieses Drittel hat Schwierigkeiten. Und doch, wenn man den ganzen Mann zusammenfasst: Ich könnte mir das Leben nicht leichter wünschen... Einzig das Herz-As von gestern Abend liegt mir auf dem Magen. Mein guter Ruf als Bergführer, Schuhmacher und Bergbauer in allen Ehren; aber ich glaube, der Matter Ferdi, eben mein gestriger Partner, betrachtet das als selbstverständlich. Hingegen könnte er Zweifel bekommen an meiner Fähigkeit als Mitspieler. Das würde mir, offen gesagt, Kummer machen. Man hat schliesslich sein Ansehen oder Renommee, wie andere sagen; also man hat dies zu wahren, besonders im Dorf. Träger dieses Renommees sind wieder die Dorfgenossen, die Männer, derWirtshaustisch...

Es ist heiss. Der Gletscher flimmert. Die dahinten scheinen die Hitze auch zu spüren. Man hört auf alle Fälle keinen Laut. Aber es wird trotzdem besser sein, ein noch gemächlicheres Tempo anzuschlagen. Zeit haben wir, trotz Umweg. Es gehört zu den Aufgaben des Bergführers, die Wünsche seiner Kunden zu erraten. Ruhiges Tempo, Sonne, weites Gletscherfeld ohne oder mit wenig Schrunden gefallen den « bestandenen » Kunden immer. Junge Leute « pressieren » meistens. Übrigens, mein Hintermann wird schon noch dran glauben müssen. Die Kletterpartie am Felsabsatz wird ihm - und mir zu schaffen geben.

Der « Hintermann » oder der « Dicke » ist durchaus nicht so beleibt. Überhaupt, Leute, die sich anseilen, auf Gletscher wandern, sich an Felspartien wagen, neigen auf die Dauer kaum zu betonter Korpulenz; denn die Tatsache, dass sie zu Berg gehen, zeigt ja ihre Einstellung zum Leben, ihr Verständnis für gesunde Lebensweise - nämlich, dass sie einiggehen mit dem alten lateinischen Spruch « mens sana in corpore sano » ( gesunder Geist in einem gesunden Körper ). Zudem bezeugt seine Verhaltensweise auch das Vorhandensein einer Portion Idealismus. Und ein weiterer Beweis für die Richtigkeit unserer Feststellungen: Unser Mann trägt das Clubabzeichen des SAC im Knopfloch, sogar eines mit Goldrand -ist also Veteran, und damit wohl auch ein Vertreter der « alten Schule ».

Goldene Sonne, blauer Himmel und weisser Gletscher üben auf ihn den gleichen Einfluss aus wie auf den Bergführer, nämlich eine leise und wohltuende Schläfrigkeit. Und doch ist die Auswirkung bei ihm etwas anders geartet; man spürt bei ihm so etwas wie « eine Seligkeit, nun wieder einmal Natur und Stille geniessen zu können ». Keine Nordwände, weder Matterhorn noch Eiger, und keine Schlosserwerkstatt, nicht die « alpine Gerade », die als Direttissima im Alpinismus eine neue « Lebenslinie » eröffnet hat. Nein, nichts von alledem. Aber dieses energische Nein wird urplötzlich durch die Wirklichkeit unterbrochen - nämlich durch ein Absinken ins gurgelnde Wasser, wenigstens bis zum Knie... ein Ruck am Seil - und die dösende Karawane wiegt sich bald wieder in seliger Träumerei.

« Die Natur ist ewiges Leben und Werden und Bewegen - ihre Kinder sind ohne Zahl - sie hat keine Sprache noch Rede, aber sie schafft Zungen und Herzen, durch die sie fühlt und spricht. » -«Goethe », sagt unser Mann zu sich selber, denn er ist gebildet... Mit Natur dürfte wohl in der Schweiz derjenige Teil gemeint sein, aus dem sich kein Kapital schlagen lässt, also etwa 25 Prozent unfruchtbares Land. Und gerade dieser Gletscher, auf dem wir uns mit soviel Genuss bewegen, gehört ja auch dazu. Unser Gewährsmann spitzt die Lippen und versucht, sein eigenes kleines Lied vor sich hinzusummen, nämlich: Selbst der kleinste Gletscherfloh Ist hier noch seines Lebensfroh...

Die alten Herren von anno dazumal hatten vollkommen recht, wenn sie sich Konrad Gesners Devise ( 1541 ) erinnerten, der gesagt hatte: « Ich bin entschlossen, so lange mir die göttliche Vorsehung mein Leben erhält, jährlich einige oder wenigstens einen Berg zu ersteigen. » Aber dieser für den SAC so geeignete Ausspruch stammt aus dem Jahre 1541 und wurde im Verlauf der letzten fünfzig Jahre mehrfach umgedeutet, was die über dreihundert Transportmöglichkeiten, die es jetzt gibt, um vom Talgrund schmerzlos und unverweilt in die Höhe zu gelangen, handfest beweisen. Besonders ältere Semester wissen diese « Abkürzung » zu schätzen und lassen dann ihre mehr oder weniger alpinen Exkursionen an der Bergstation beginnen. « Diese Konzession wollen wir ihnen machen », brummt unser Mittelmann, obgleich er in der Jugend-Maienblüte eifrig und energisch gegen die « Mechanisierung der Alpen » aufgetreten ist. « Immerhin », meint er, in seinen nicht vorhandenen Bart murmelnd, « immerhin ist es doch gut, dass man die Alpen nicht exportieren kann; sonst hätten die Zermatter ihr Matterhorn schon längst nach New York verfrachtet. Überhaupt sollten das Gebiet vom Genfersee, das Wallis, Berner Oberland, die Zentralschweiz und Graubünden zu einer Art,Erho- lungslandschaft'umgestaltet werden, ohne Fabrikkamine, aber mit Bergbauernheimetli und Geranien an den Fenstern, die dem Ganzen ein heimeliges Gepräge geben würden. Trachten-gruppen wären auch nicht von der Hand zu weisen und Alphörner, also wenigstens an passendem Ort und bei passender Gelegenheit eines... » worauf unser Romantiker und Idealist wiederum mit einem Bein bis zur Hüfte kurz und lautlos in ein Wasserloch des Gletschers einsinkt. Das Seil wird vom Vorder- und vom Hintermann vorschriftsgemäss angezogen und straff gespannt - und unser Mittelmann nicht nur aus dem Wasserloch, sondern auch aus seinen Wunsch-Träu-mereien herausgezogen.

Die Dreiergruppe marschiert gemächlich weiter. Die Sonne brennt, alles ist wie zuvor... nur die Trachtengruppe, die Geranien und das Alphorn hat unser Gewährsmann « abgeschrieben » — um auf den Gletscherboden der Wirklichkeit zurückzukommen...

Aber der Gedanke mit dem Alphorn fördert doch einen Analogieschluss zu Tage. Es ist genau genommen Musik, sogar angenehme, milde und weiche Musik. Aber Blechmusik ist doch auch Musik, und gerade Blechmusik liefern, um mit dem Volksmund zu reden, die zahlreichen und zahlungswilligen alten Herren und Mitglieder des SAC. Die Clubhütten und vieles andere wären nicht möglich ohne diese finanzfreudige Hilfe. Es gehört nämlich zum guten Ton im SAC, dass man dabei bleibt, selbst wenn man den Alpinismus als solchen längst an den Nagel gehängt hat. Man fühlt sich gewissermassen weiterhin finanziell solidarisch. Es ist ein « Puntenöri », weiterhin dem Alpen-Club Gefolgschaft zu leisten...

Der dritte Mann unserer Seilschaft hat nichts mit dem « Dritten Mann »des seinerzeit berühmten Films zu tun. Er ist ganz einfach Hotelgast, und zwar im gleichen Hotel wie unser SAC-Mann, den wir mit Recht so bezeichnen können. Er sass - eben unser dritter Mann - am Nebentisch, allein. Wie es sich aus Gesprächen ergibt, denn in den Ferien pflegt der Mensch aufgeschlossener, mitteilsamer zu sein, also aus dem Gespräch des Nachbars über den Tisch hinweg hat man sich über die Einzelheiten einer geplanten Bergtour unterhalten. Und bald darauf ist die Frage der gemeinsamen Unternehmung aufgetaucht. Das ist bei Berggängern in den Ferien nicht aussergewöhnlich. Lieber eine Fahrt zu dritt mit Führer als zu zweit ohne. Übrigens trug dieser dritte Mann das SAC-Abzeichen im Knopfloch und konnte gesprächsweise auf frühere Touren hinweisen.

Der dritte Mann ist jünger, scharf im Profil, bereits braungebrannt und dennoch - schläfrig wie seine beiden Vordermänner. Mittagshitze, Glet-scherflimmern, blauer Himmel, das sichernde Seil, die weite Fläche... all dies bewirkt auch bei ihm die Trennung von Körper und Geist. Der Körper erfüllt schlecht und recht seine mechanischen Funktionen; der Geist, « alpin beschwingt », ergeht sich unbeschwert in Erwägungen und Gedanken, die in gleicher Weise anderswo nicht zu Tage treten. Und damit haben wir uns mit den Gedanken dieses dritten Mannes der Seilschaft zu befassen. Sie bewegen sich in Zahlen und Formeln: Dass rund ein Viertel unseres kleinen Landes einfach unproduktiv oder besser « für nichts da sein müsse », wie gerade dieser Gletscher hier, sei unverständlich. Schätzungsweise ergibt Länge mal Breite, multipliziert mit der Höhe oder hier der Dicke des Gletschers, eine mächtig grosse Zahl, wenigstens bei diesem Gletscher, und eine noch grössere bei all diesem gefrorenen Wasservorrat in den Alpen. Wasser hat der Mensch nötig, Energie muss er beziehen, und all das lagert seit Jahrtausenden unter Sonnenglanz und Himmelsblau - ohne « Nutzen ». Strassen führen über die Alpen, und auf diesen Strassen sind nicht nur die gelben Postautos, sondern noch viel mehr andere Benzinve-hikel in Bewegung. Und Bahnen, weitgespannte Brücken, dazu Tunnels aller Art, sie alle führen die Masse Mensch in die Bergwelt. « Aber unter uns gesagt » - hier folgen wir der Argumentation unseres dritten Mannes - « aber unter uns gesagt, von oben herab, als Ganzes betrachtet, hat all diese ameisenhafte Beweglichkeit das Gesamtbild der Berge, die Alpen irgendwie bis heute massgebend zu verändern vermocht? Mitnichten - wie unser Lehrer zu sagen pflegte. Keineswegs, und darum ist die ,Nutzung'dieses Gebietes durchaus angezeigt, überhaupt nur auf diese Weise möglich. Die beiden da vorne mögen zwar ihre Bedenken geltend machen. Es sind im Tal schon eine ganze Reihe von Berufen verschwunden. Nicht nur dem Bergführer, sogar dem Schuhmacher geht es an den Kragen. Dafür sind neue Beschäftigungsmöglichkeiten in Erscheinung getreten. Bergführer ist ein Idealberuf. Aber wer kann schon Idealismus und Beruf unter einen Hut bringen? Übrigens, ein paar dieser Gattung wird man immer brauchen, weil es immer, Herrschaften'wie meinen Kumpan da vorne geben wird, Herrschaften, die ganz einfach ,Alpinismus',betrei-ben'wollen. Sachlich genommen ist die ganze Schweiz mitsamt den 25 Prozent unfruchtbarem Gebiet unser ,Lebensraum'und soll genutzt werden. Unsere Grosskinder werden auf Jungfrau-, Mönch- und Eigergipfel ihre ,Hamburger mit Coca Cola'bekommen. Und gerade dieser Gletscher, so tischeben und flach wie er ist, wird eine ,Helikopterscheune'beherbergen zwecks Besichtigung der näheren Umgebung - gegen höhere Entschädigung, versteht sich... » « So, meine Herren », äussert sich der Bergführer laut, deutlich und entschieden, « da wären wir », und lotst seine Gäste sorgsam über den Schrund auf die Felsplatte. Dann legt er seinen Rucksack in Reichweite und erklärt die Ernäh-rungs- und Stärkungspause als eröffnet. Sie beginnt für ihn mit Speck, Schwarzbrot und Tranksame, für die « Herren » mit der hotelüblichen Zusammenstellung. Als alles bei Tabakpfeife und Stumpen angelangt ist, ergibt sich eine sonderbare Übereinstimmung...

« Die Welt » so stellt man fest - « ist eine wundersame Einrichtung. Die Menschen werden klein, unscheinbar und ihre Werke unwesentlich angesichts der Gewalt der Berge. » - Aus der kuriosen Dreierpartie mit grundverschiedenen Anschauungen während der Gletscherwanderung ist eine friedlich-übereinstimmende Einheit geworden.

Eigentlich sollten alle Freunde unserer Alpenwelt, und mehr noch die « Desintcressierten », eine ähnliche Gletscherwanderung - wenn auch nur in der Theorie - ausführen, um zu einheitlichen, für unsere Berge positiven Anschauungen zu gelangen.

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