Die Tinzenhorn-Südwand

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Roberf Durka.

Dem Andenken an Charly Prohaska und Ernst Aider, gefallen am Tlnzenhorn.

Am 17. August 1935 stiegen Ernst Aider und ich abends von Filisur aus wieder einmal zur Aelahütte auf. Das Tinzenhorn, das « Bündner Matterhorn », dessen markante Form von Davos aus so gut sichtbar ist, war unser Ziel, und unsere Absicht war, den bisher noch nie ausgeführten direkten Durchstieg der Südwand zu versuchen. Aufrichtig leid tat es uns, dass der Dritte im Bunde, Charly Prohaska, nicht dabei sein konnte, da er und ich nur wenige Wochen vorher einen eingehenden Erkundigungsgang ins Revier unternommen hatten.

Nach kurzem Schlaf auf harter Bank verliessen wir 520 Uhr die dichtbesetzte Hütte. Eine Stunde später war der Orgelpass ( 1 ) erreicht1 ), wo wir unser Vorhaben nochmals besprachen und die Südwand studierten. Aller unnütze Ballast wurde zurückgelassen, und in den Kletterschuhen begaben wir uns über die Schutthalde zum Einstieg ( 2 ).

Schon der Einstieg in die Felsen an und für sich ist eine ganz nette Sache, da der Schnee, der ihn gewöhnlich erleichtert, sozusagen auf nichts zusammengeschmolzen war. Ernst übernahm die Führung; er schien mir heute wieder einmal so richtig in Form zu sein. Mit bewundernswerter Leichtigkeit klet- terte er, und sein Beispiel gab mir nun erst so den richtigen Schneid. Bis zu dem kleinen Bändchen ( 3 ) folgten wir Eugen Wenzels Aufstieg 1 ). Er zweigt von diesem Punkt aus rechts ab und mündet oben über dem Orgelkamin in den Südostgrat. Wollten wir also unseren Plan ausführen und die Südwand in direktem Aufstieg bezwingen, so musste von hier an ein neuer Weg gesucht werden.

Einem Bändchen nach links folgend, ging es in mittelschwerer Kletterei ganz gut einen Riss hinauf. Die Wand wächst sich dort zu grossartiger Steilheit aus. Nun standen wir wieder beieinander auf knappem Plätzchen, über uns die senkrechte Wand. Hier ( 4 ) musste nun ganz genau überlegt werden: entweder links auf den Grat hinaus oder rechts die Verschneidung hinauf. Unsere Wahl fiel auf letztere, da, wie uns bekannt war, der Grat gerade dort besonders grosse Überhänge aufweist. Dank Alders Energie und vollster Hingabe kamen wir in schwerster Kletterei den Umständen entsprechend leidlich voran und gewannen dem Berg Seillänge um Seillänge ab. Ich erinnere mich noch gut, mit welch aufrichtiger Bewunderung ich meinen Freund die zahlreichen Überhänge ohne Seilhilfe sicher und ruhig überwinden sah. Schon vom rein klettertechnischen Standpunkt aus war zusehen eine Freude.

Bis hierher ist der Fels recht gut und haltbar und bietet wenn manchmal auch nur ganz winzige, so doch einigermassen annehmbare Griffe und Tritte. Daselbst ( 5 ) zeigte sich ein hübsches Plätzchen, zu Rast und Ruhe wie gemacht. Tief unten erblickten wir Turisten zum Aelapass aufsteigen. Während wir in der ungeheuren Wand klebten, erinnerte einer von uns daran, dass wir heute vor einem Jahr an der Nordostflanke des Bernina mit unserem Freund Charly zusammen in einer fast ebenso steilen Eiswand uns Stunde um Stunde mühsam emporgekämpft hatten. Welcher Gegensatz, und doch wieder — wieviel Gemeinsames diese beiden Tage boten!

Weiter. Nun trennten sich unsere Ansichten erstmals, denn Ernst wollte entgegen meiner Meinung von der Verschneidung nichts wissen, da es rechts hinauf besser gehe. Um eine lange Diskussion zu vermeiden, wurde beschlossen, es eben rechts zu versuchen. Ernst begann, den Riss hinaufzuklettern, gelangte aber nicht hoch, denn Griffe und Tritte hörten mit einemmal vollständig auf. Vorsichtig kehrte er zu mir zurück und querte nach links hinüber zur Verschneidung ( 6 ).

Grosses Fragezeichen: Wird der Weiterweg gelingen, oder weist die Wand uns zurückDoch wir hatten den festen Willen, alles daran zu setzen, um es zu schaffen. Wie leicht und schnell kletterte Ernst wieder über einen grossen Überhang gleich zu Beginn der Verschneidung! Schon manchen Überhang hatten wir bezwungen, dieser aber war der gewaltigste. Weniger flink als Ernst überwand ich ihn, aber immerhin — ich kam hinauf. Oben wieder beisammen ( 7 ), glaubten wir nun, das Schwerste hinter uns zu haben, und hofften, bald den Gipfel zu erreichen. Aber der Mensch denkt — dem war nicht so. Kein Meter sollte uns geschenkt werden. Wieder rechts ein schmales Bändchen hinaus, was nun Ernst als das Schwierigste des ganzen Aufstieges bezeichnete. Langsam, bald in sehr schwerer, bald mittlerer, aber immer abwechslungsreicher Kletterei höher und höher, bis plötzlich Ernsts freudiger Ruf « Ich bin oben » mich aufs angenehmste überraschte. Schon standen wir wieder beisammen und stellten fest, dass wir genau den höchsten Punkt, den man in dieser Wand erklimmen kann, erreicht hatten. Auf dem Gipfel, der etwas zurück liegt, waren wir noch nicht, doch hatten wir nun die endgültige Gewissheit, dass der Südwanddurchstieg gelungen sei. Kräftig schüttelten wir uns die Hände. Ein lieber, alter Traum war uns heute in Erfüllung gegangen.

Auf dem Gipfel genossen wir eine wohlverdiente Rast, teilten den letzten Apfel und liessen das Erlebte nochmals'vorübergleiten. Sechseinhalb Stunden vom Einstieg bis zum Gipfel, Stunden harter physischer Arbeit, Stunden beglückten Aufwärtsstrebens und schönsten Zusammengehörigkeitsgefühls lagen hinter uns. Wir waren ohne Schlosserarbeit und Mauerhaken ausgekommen. Wir hatten ja nichts erzwungen, hatten einfach versucht, einen uns vertrauten lieben Berg von einer neuen Seite kennen zu lernen, und es war uns gelungen. Und wieder einmal genossen wir die einzigartige Aussicht da oben und empfanden den Zauber der Heimat.

Frohgemut stiegen wir über den Ostgrat hinunter auf den Orgelpass und gaben uns hier gerne prosaischer Fütterung hin. Dann hinunter zur Hütte und zurück ins Tal. Herrlich, nach einem Tag im harten Fels wieder weiches Graspolster unter den Sohlen zu spüren und das helle Grün der Alpweiden und weiter unten das dunklere der Tannen zu schauen I Und dann und wann ein Blick zurück zum stolzen Tinzenhorn...

Wie erwartet, empfing uns am heimatlichen Davoser Bahnhof treund Charly. Neidlos und aufrichtig freute er sich mit uns des Gelingens unserer Bergfahrt, und fast schien es, als ob er mit dabei gewesen.

Schönes, nicht zu Vergessendes hat uns die Tinzenhornsüdwand an jenem Augustsonntag geschenkt. Und — vier Wochen später, am Bettag, hat dasselbe Tinzenhorn, dieselbe Seite des Berges Ernst Aider und Charly Prohaska bei der Auskundschaftung eines eventuellen Aufstieges durch das sogenannte Orgelkamin jäh und grausam erschlagen... Zwei Freunde habe ich verloren, prächtige Menschen, die wie ich die Berge liebten und suchten, die wie ich viel Glück bei ihnen gefunden hatten, zwei Jünglinge, mit denen mich Kameradschaft und viel gemeinsam Erlebtes und Geschautes verband. Unfassbar erscheint es mir noch heute, dass ich nie mehr mit euch zu froher Bergfahrt ausziehen werde, nie mehr mit euch um einen Berg ringen und nie mehr mit euch auf sonnigem Gipfel frohe Rast halten kannÜber allem aber stehen die Berge und schauen still herab auf die Freude, die sie geschenkt, und auf das Leid, das sie verursacht, und es liegt etwas Versöhnendes in ihrer grossen Ruhe und Gelassenheit auch für Menschen, die in tiefer Trauer zu ihnen aufblicken.

Feedback