Die topographischen Arbeiten im Rahmen der (Anden) Expedition

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VON ERNST SPIESS

Die Expedition setzte sich zum Ziele, in einem unerschlossenen Gebiet unbekannte Gipfel zu bezwingen. Was lag näher, als das durchstreifte Neuland möglichst vielseitig zu beschreiben und den Nachkommenden möglichst vertraut zu machen. Die Karte aber kann mehr als viele Worte eine Unmenge gesammelter Informationen über eine Landschaft aufnehmen und weitergeben. Die moderne Kartenaufnahme ist jedoch mit dem fröhlichen Skizzieren von einst nicht mehr zu vergleichen. Sie ist eine technische Wissenschaft, die selbst den Spezialisten immer wieder vor neue Probleme stellt. Die folgenden Ausführungen sollen ein wenig Einblick geben in die verschiedenartigsten Aspekte der Arbeit des Topographen im Rahmen dieser Expedition.

Wir nahmen uns vor, vom engeren Tätigkeitsgebiet der Alpinisten eine Karte etwa nach dem Muster der Gebirgsblätter der neuen Landeskarte der Schweiz zu erstellen. Diese könnte dann auch dem Geologen als Unterlage für eine geologische Kartierung eines kleineren Gebietes dienen. Für die Arbeiten war ich ganz auf mich selbst angewiesen, höchstens konnte ich mit Gehilfendiensten einheimischer Träger rechnen. Ursprünglich war ein verlängerter Aufenthalt vorgesehen worden, doch musste schliesslich aus finanziellen und beruflichen Gründen darauf verzichtet werden. So durfte ich etwa mit einer Zeitspanne von gut zwei Monaten rechnen. Auch das war eine allzu optimistische Kalkulation, wie sich zeigen sollte. Die Vorprojektierung gestaltete sich überhaupt recht schwierig. Auf wiederholte Anfragen bei den zuständigen peruanischen Ämtern erhielten wir eher spärliche Auskünfte, doch wurde wenigstens unserem Unternehmen grösstes Wohlwollen entgegengebracht und uns in Lima jede Hilfe in Aussicht gestellt. Ausserdem war bis kurz vor der Abreise noch die Frage hängend, welchem Gebiete sich die Alpinisten schliesslich zuwenden würden. Damit waren einer detaillierten Planung ohnehin Grenzen gesetzt. Vielmehr musste ich mich für alle möglichen Fälle vorsehen und dementsprechend ausrüsten. Im Prinzip sollte aber auf Grund von Flugaufnahmen vorgegangen werden. Es bestand begründete Aussicht, dass solche bereits vorhanden waren oder doch geflogen werden konnten. Die Arbeit hätte sich dann auf das Einmessen einer möglichst grossen Anzahl von markanten Geländepunkten beschränkt. Auf Grund der Photos hätte dann die Karte im Felde redigiert und zu Hause in aller Ruhe ausgewertet werden können. Nach diesem Verfahren entstehen heute alle modernen Kartenwerke. Zu dessen Vervollkommnung im Hochgebierge gedachte ich für die steilen Flanken noch den Phototheodoliten für terrestrische Geländeaufnahmen einzusetzen. Das war schliesslich meine Rettung.

Überspringen wir die vielen Vorbereitungen, Anfragen und Studien vor dem grossen Tag des Abfluges und wenden wir uns direkt den wichtigen Besprechungen in Lima zu. Botschafter Dr. Berger führte uns bei General Ordonez de la Haza, dem Direktor des Servicio Aerofotogrâfico National, ein. Leider waren aber ausgerechnet von unserem Gebiete keine Flugaufnahmen vorhanden. Immerhin bestand nach wie vor die Möglichkeit, einen Flug in die Wege zu leiten. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass das Interesse dieses Amtes an der Sache merklich nachliess, als wir klarlegten, dass wir beabsichtigten, Gipfel aus Schnee und Eis zu besteigen und auch zu kartieren. Für uns Schweizer ist es einfach unvorstellbar, in welchem Masse der Peruaner, vor allem der Städter, den Bergen noch abweisend gegenübersteht. Auf den Vorschlag, statt dessen eine Aufnahme für ein Strassenprojekt mitten durch den Urwald in Angriff zu nehmen, konnte ich mich natürlich nicht einlassen. Auf Grund des aufgestellten Flugplanes ersuchten wir schliesslich das Amt um eine Offerte für den beabsichtigten Flug. Von diesem Momente an dauerte es immerhin gute drei Wochen, bis ich den Bescheid in den Händen hielt. Inzwischen hatte uns noch die Meldung erreicht, der nachgesuchte Kredit aus dem Nationalfonds sei nur zum kleinern Teil genehmigt worden. Damit stand für mich leider die Tatsache unabänderlich fest, dass der Flug nicht zustande kommen würde. So durfte ich mir ruhig ein Lächeln erlauben, als ich bereits hoch oben im Vilcabambatal die Eilpost öffnete und auf eine astronomische Zahl blickte. Rund den dreifachen Betrag der Kosten in der Schweiz hätte das Abenteuer verschlungen, trotzdem wir Peru eine gute fixfertige Karte in Aussicht gestellt hatten.

Vor der Abfahrt von Lima hatten wir auch dem Instituto Geografico Militar, das unter der Leitung von Coronel Barriga steht, einen Besuch abgestattet. Dort werden sämtliche Karten des Landes erstellt, in erster Dringlichkeit eine Karte im Maßstab 1:200000. In der Cordillera Vilcabamba war davon erst der Teil südlich der Wasserscheide erfasst, weshalb man hier ein ganz besonderes Interesse an unserer Arbeit bekundete. Wir wurden bei der Beschaffung der Grundlagen ganz wesentlich unterstützt. Diese waren aber in unserem Gebiet recht dünn gesät, denn auf 20 km traf es durchschnittlich nur knapp einen von weither bestimmten Gipfelpunkt. Ein recht schmeichelhaftes Lob seitens des Direktors galt den vor kurzem neu angeschafften Präzisionsinstrumenten der Firma Wild in Heerbrugg. Von anderer Seite wurden wir auf eine Karte aufmerksam gemacht, in der die Gebiete nördlich des Hauptkammes der Cordillère ebenfalls dargestellt waren. Für diese Routenaufnahmen zeichnete ein gewisser Herr Bues, wie wir in Erfahrung bringen konnten, ein weitgereister Peruschweizer. Doch mussten wir bald selbst erkennen, dass das Hochgebirge und die Hochtäler noch recht lückenhaft waren. Hier fehlte ein grosser Übergang, dort waren ganze Gruppen von Tälern stark verzeichnet, und manches schien uns mehr nach dem Hörensagen festgelegt worden zu sein. Damit kristallisierten sich immer mehr die folgenden Hauptaufgaben heraus. Einmal musste im « Neuland » der Anmarschweg mit Routenaufnahmen möglichst genau festgehalten werden. Dann sollte versucht werden, ein geschlossenes Gebiet allein mit dem Phototheodoliten aufzunehmen.

Als erstes war eine gute Höhe bis in die Basislager zu übertragen. Das konnte bei einer Distanz von über 100 km in der knappen Zeit nur barometrisch bewerkstelligt werden. Es kamen dabei zwei Bodenhöhenmesser « Thommen » zum Einsatz, die man auf den Meter genau ablesen kann. Mit Hilfe einer speziellen Messanordnung konnten die witterungsbedingten Druckschwankungen einigermassen erfasst werden. Die beiden Höhenmesser folgten sich während des ganzen Marsches mit einer Stunde Abstand und wurden jede Stunde gleichzeitig an den markierten Stellen abgelesen. In der Praxis hatte die Sache allerdings einige Haken. So dehnte sich der Anmarsch von den ursprünglich vorgesehenen vier Tagen auf deren vierzehn aus. Hin und wieder kam auch einer der beiden Messenden vom Weg ab, wobei dann die Messzeit oder die Meßstelle verpasst wurde. Mit der Zeit entwickelte man indianische Fähigkeiten im Spurenlesen. Ein andermal suchte sich mein vorausgehender Träger Schutz vor einem Gewitter in einer Hütte, und ich hetzte nichtsahnend an ihm vorbei, einer Markierung entgegen, die es gar nicht gab. An einem regnerischen Nachmittag kreuzte ich eine der wenigen entgegenkommenden Mulakolonnen, und was musste ich sehen: Die Indiofrau schwang lächelnd das von meinem Vordermann ausgesteckte Fanion! Trotz solcher Missgeschicke konnte ich von einer ganzen Reihe von Punkten unserer Marschroute sowie von den beiden Basislagern, Pucapuca am Pumasillo ( 4440 m ) und an der Camballa ( 4620 m ), die Höhen bestimmen. Für definitive Höhen müssen allerdings noch die Ausgangshöhen an einer neugemessenen Nivellementslinie des Interamerican Geodetic Survey abgewartet werden, denn die angegebenen Höhen basieren nur auf zwei Angaben in altern Karten. Verschiedene Anzeichen deuten daraufhin, dass sich in den peruanischen Karten irgendwo eine Horizontverschiebung von fast 200 m eingeschlichen hat. Die in unsern Kartenskizzen angegebenen Höhen haben darum provisorischen Charakter und sind mit Vorsicht aufzufassen. Allerdings sind die relativen Werte im Pantagebiet viel zuverlässiger, und in der Cordillera Blanca dürften auch die absoluten Höhen recht genau sein.

Je mehr wir auf dem Anmarsch den Rand des bereits kartierten Gebietes streiften, desto lückenhafter und ungenauer wurde auch die Karte. Um für den Geologen eine einfache Grundlage für seine Eintragungen bereitzustellen, entschloss ich mich über ein grösseres Wegstück von Yanama nach dem Pacchatal und über den Choquetacarpopass bis ins Camballatal eine Routenaufnahme durchzuführen. Mit Hilfe von Höhenmesser, Kompass und Marschzeit wird dabei dauernd der Verlauf des Weges skizziert. In zwei Nächten konnte ich überdies astronomische Bestimmungen machen, später regnete und schneite es leider. All die Messungen, das Zeichnen und Photographieren nahmen mich fast pausenlos in Anspruch, denn die Maultiere legten unterdessen ein ordentliches Tempo vor.

Mit dem Eintreffen im Basislager ging glücklicherweise auch die Schlechtwetterperiode zu Ende. Nun gab es erst recht keine Zeit zum Ausruhen. Eine kurze Rekognoszierung von einem nahen Gipfel aus verschaffte mir einen ersten Überblick über den Verlauf der herrlichen Ketten aus Eis und Schnee. Auf den ersten Blick konnte man erkennen, dass auch hier die Gletscher stark im Rückzug sind und mächtige junge Moränen zurückgelassen haben. Heute kleben an den steilen Nordwänden stark zerrissene Hängegletscher. Nur hin und wieder streckt sich eine kurze Zunge in den Moränenschutt hinunter. Von diesen ausgehend, ziehen breite Täler nach Norden und biegen dann nach Westen um. Die Kämme dazwischen sind meistens steil und felsig, aber nicht ohne Übergänge.Von meiner Warte aus erkannte ich auch den breiten Grat, der zur Panta aufsteigt. Zu diesem Gipfel hatte der Zugang noch nicht erkundet werden können. Um einen ersten Überblick über Höhendifferenzen und Distanzen zu erhalten, bestimmte ich in der Folge einige markante Gipfelpunkte von einer kurzen Basis aus. Der etwa 8 km lange Grat von der wilden Camballa ( 5720 m ) über den zackigen Nevado Soirococha ( 5540 m ) zur gewaltigen Panta ( 5840 m ) schliesst das Gebiet nach Süden ab; er sinkt nie unter die Fünftausendergrenze. Im Westen recken sich dann nur noch einzelne kühne Zähne in den Himmel, so Artisión und Runasayoc ( beide ca. 5400 m ) und noch weiter gegen die Senke des Apurimac der Doppelgipfel der Choquesafra ( 5150 m ). Noch eine letzte Bemerkung zu den Höhenzahlen der in Auswertung begriffenen Karte. Sie basieren auf zwei Höhen aus einem peruanischen Festpunktverzeichnis, bei denen es sich nur um die Panta und die Choquesafra handeln kann, obwohl sie dort mit « ferner Berg » und dergleichen bezeichnet sind. Diese beiden Gipfel wurden von Fixpunkten südlich des Apurimac aus bestimmt. Diese Visuren über Distanzen von mehr als 50-60 km ergeben dazu stark schleifende Schnitte bei den keineswegs eindeutigen Gipfelpunkten. Die Berechnungen erst werden zeigen, ob ihre Genauigkeit genügt, um über sie den Anschluss zum peruanischen Netz herzustellen.

Zum vornherein konnte ich daher gar nicht auf bereits Vorhandenem aufbauen, sondern musste mir ganz unabhängig zuerst die Grundlagen für die Aufnahme schaffen. Dazu gehörte in erster Linie ein Fundamentalpunkt. In einer klaren Nacht bestimmte ich mit dem Wild-Theodoliten Höhenwinkel nach einer Anzahl Sterne. Die entsprechenden Zeiten konnte ich mit unserem Kurzwellenempfänger vergleichen. Damit liess sich die geographische Breite und Länge des Punktes auf dem felsigen Grat ob dem Lager errechnen. Aus diesen Messungen konnte ich ausserdem das Azimut auf einen weitern Punkt, der durch einen Steinmann markiert war, gewinnen.

Sämtliche Punkte, die man einmessen will, müssen durch ein Netz von Dreiecken untereinander verbunden sein. Die Form dieser Dreiecke ergibt sich aus den Winkelmessungen mit dem Theodoliten. Um dazu noch Distanzen zu erhalten, muss irgendwo eine Dreieckseite, eine sogenannte Basis, gemessen werden. Diese erste Seite legte ich in den alten Gletscherboden beim Lager an der Camballa. Ich bestimmte diese 300 m, in vier Stücke unterteilt, ebenfalls aus Winkelmessungen auf eine 2 m lange Basislatte. Über die Anforderungen an die Genauigkeit der Beobachtungen kann man sich ein ungefähres Bild machen, wenn man bedenkt, dass am Ende auch eine Distanz von über 20 km auf diesen zwei Metern basiert.

Um möglichst eindeutige Ziele anvisieren zu können, errichteten wir, wenn immer möglich, auf den Stationen Steinmänner von etwa anderthalb Meter Höhe. Die Beschaffung von Holz für Signalkreuze, wie wir sie in der Schweiz verwenden, wäre ein Problem für sich gewesen, denn die vereinzelten Quehuina-Wäldchen lieferten höchstens knorriges Brennholz. Diese Signalisierung hat sich im allgemeinen recht gut bewährt. In vereinzelten Fällen hob sich allerdings der Steinmann zu wenig vom Hintergrund ab, was durch einen Anstrich mit Kalkbrühe hätte vermieden werden können. Die ganze Triangulationsarbeit erforderte Beobachtungen auf 13 Stationen und wird in einem Gebiet von ca. 70 km2 die Lage und Höhe von rund 50 Punkten ergeben. Diese werden die Grundlage der photogrammetrischen Auswertung bilden.

Mehr oder weniger gleichzeitig wurden die Aufnahmen mit dem Phototheodoliten gemacht. Von zwei eingemessenen, 150 bis 400 m auseinanderliegenden Punkten aus wird dasselbe Gebiet auf Glasplatten photographiert. Das plastische Modell, das die gleichzeitige Betrachtung von zwei entsprechenden Aufnahmen ergibt, kann jetzt nachträglich am sogenannten Stereoautographen ausgemessen werden. Indem man alle Geländeformen und Geländeobjekte nachzeichnet, erhält man einen genauen Entwurf für die Karte. Mit 170 solchen Plattenpaaren, aufgenommen von 28 Basen aus, konnte das Gebiet ziemlich lückenlos erfasst werden. Diesen nicht unbeträchtlichen Glas-haufen vertraute ich nur dem zahmsten Mula an, und es ist gar nicht so selbstverständlich, dass er unversehrt die Schweiz erreichte.

Doch alle diese technischen Operationen machen noch keine Karte aus, denn diese enthält auch lebendige Dinge, die dem persönlichen Kontakt mit den Bewohnern entspringen. Denken wir nur an die Namen, ein Problem, das sich hier besonders schwierig gestaltet. Meine Quelle für das wichtige Namengut waren meine einheimischen Träger, die ich bei dieser Gelegenheit als meine zuverlässigen Mitarbeiter vorstellen möchte. Zuerst hatten mich unsere Hochgebirgsträger aus Huarâs begleitet, wenn sie hin und wieder abkömmlich waren. Für den Monat, den ich allein, ohne meine Kameraden, noch in der Pantaregion zu verbringen gedachte, musste ich mir einheimische Leute verpflichten. Ich darf vorausschicken, dass sie mir ausgezeichnete Dienste leisteten, arbeitswillig, treu und ehrlich waren. Als erster ist einmal Zacarias Quispe zu nennen, seines Zeichens Schulmeister in Purcay und Totora und das im Alter von neunzehn Jahren. Er hat kurze Zeit in Cuzco ein Kollegium besucht und spricht glücklicherweise fliessend Spanisch. Er besorgte für mich auch die Anwerbung von zwei weitern Kräften. Der eine von ihnen, Rosalino Lucme, ein zäher Bauer aus Totora, spricht dagegen nur Quechua. Der junge Vicente Cloyse versteht zwar ordentlich Spanisch, dafür ist ihm die Geographie weniger geläufig. In welchem Teile Perus die Schweiz liege, wollte er eines Tages wissen! Ich musste ihn leider enttäuschen. Als Mass für die Entfernung fragte er nun nach dem Fahrpreis und war sichtlich erschrocken, ob einer derart grossen Zahl. Überhaupt die Zahlen! Ich hatte versucht, bei den Messungen meinen Lehrer als Schreiber einzusetzen. Ich musste dieses Ansinnen aber rasch wieder aufgeben, sonst wäre ich wohl heute noch am Diktieren. Im übrigen aber waren meine Leute mit etwas Geduld recht gelehrig. Auf die beiden Jüngern konnte man sich aber bei der Erhebung der Namen nur beschränkt verlassen. Bedenkenlos warfen sie Spanisch und Quechua durcheinander und änderten oft auch von Tag zu Tag ihre Meinung. Der Ältere dagegen kannte sich im Umkreise von etwa 5 km um sein Haus sehr gut aus, dann aber war es auch schon hoffnungslos fertig. Schwierigkeiten gab es aber auch hier durch die notwendige Übersetzung jeder Beschreibung. Ausgezeichnet hat sich dabei folgendes Vorgehen bewährt: Vom betreffenden Gebiet machte ich eine Aufnahme mit der Polaroidkamera und konnte bereits nach zwei Minuten anhand des entwickelten Bildes die zu benennenden Örtlichkeiten darauf bezeichnen. Nicht selten machte aber die Identifikation meinen Gewährsmännern viel Mühe. Oft widersprachen sich auch die Aussagen oder waren sonstwie unbestimmt. So zeigte ich einmal auf die Panta und fragte, wie dieser Gipfel heisse. Er habe keinen Namen, aber die Alpinisten seien ja oben gewesen und hätten ihm bestimmt einen solchen gegeben, war die ausweichende Antwort. Anderntags hiess derselbe Berg aufs bestimmteste Chachacumayoc! Beim engen Aktionsradius der Bewohner sind Doppelnamen natürlich häufig. Auch gab es innerhalb 8 km drei Seen mit dem Namen Soirococha, was einem sofort einleuchtet, wenn man weiss, dass das « Milchseeli » heisst. Aus den wenigen Andeutungen geht sicher hervor, dass die korrekte Namengebung nicht immer das einfachste Kapitel war, von der Rechtschreibung schon ganz zu schweigen. Hier musste ich eben auf meinen Schulmeister abstellen.

Bei weitem das trübste Kapitel hingegen war im ureigensten Sinne des Eigenschaftswortes das Wetter. Besonders unangenehm beeinträchtigten die täglichen Nebel die Arbeiten. Die Zeit war ohnehin durch die Verzögerung in Lima und den langen Anmarsch für meine Aufgabe mehr als knapp geworden. Wenn man den fast zweiwöchigen Ausfall durch eine Schlechtwetterperiode mit Regen und Schnee noch berücksichtigt, verblieb noch ziemlich genau ein Monat, weitere sechs Tage mit Dislokationen noch nicht einmal eingerechnet. Meine Träger waren zwar einmütig der Ansicht, wir hätten die beste Jahreszeit ausgesucht, denn den ganzen Sommer durch liege dichter Nebel über Berg und Tal. Dabei stiegen auch jetzt mit einer verblüffenden Regelmässigkeit jeden Tag die Nebel aus der feuchten Urwaldzone auf. Kurz vor zehn Uhr schlich prompt das erste Fetzchen immer an derselben Stelle herein, und um elf war bereits alles in Weiss gehüllt. Erst nach Einbruch der Dunkelheit löste sich die Decke wieder auf, um regelmässig einem wolkenlosen, strahlenden Morgen Platz zu machen. Diese Zeit war darum immer angefüllt mit geradezu hektischer Messerei, um dann der lähmenden Tatenlosigkeit des langen Nachmittags Platz zu machen. Meistens konnte nicht einmal die Station für den morgigen Tag rekognosziert werden. Diese Verhältnisse zwangen mich sehr oft, die Aufnahmen bei ungünstiger Beleuchtung im Gegenlicht auszuführen. Mit Wehmut dachte ich oft an die fast unbegrenzten Möglichkeiten, die mir das Ergebnis einer einzigen halben Stunde Aufnahmefluges verschafft hätte.

Abschliessend möchte ich mit allem Nachdruck betonen, dass das beschriebene Vorgehen keineswegs das Idealverfahren einer modernen Expeditionsvermessung darstellt, sondern einzig und allein durch die genannten unerwarteten Umstände erzwungen wurde. Trotzdem glaube ich, dass die bereits in Angriff genommene Auswertung der topographischen Aufnahmen der Expedition zum gewünschten Resultat führen wird, zu einer Karte der neuerschlossenen Bergwelt um Panta und Camballa.

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