Die vier Grate am Matterhorn

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON RENÉ ARNOLD, ZERMATT

Mit 1 Zeichnung In meine dem nachfolgenden Bericht über eine bemerkenswerte Kletterfahrt beigelegten Brief schreibt uns der Präsident der Zermatter Bergführer: « .Der Gedanke, diese Besteigung gemeinsam durchzuführen, reifte bei René Arnold und Sepp Graven, als sie im Juni 1966 die Solvayhütte renovierten. Ich möchte betonen, dass das Unternehmen ein schöner Erfolg war, aber nichts mit Rekord oder Sensation zu tun hat. Besonders erfreulich daran ist, dass die junge Bergführergeneration gemeinsam und unentgeltlich Touren unternimmt; dies beweist ihre Liebe zu den Bergen und ihre Freude am Bergsteigen. » Am 27. September 1966 stiegen Sepp Graven und ich Richtung Breuiljoch, mit schweren Säcken auf unseren Rücken, weil wir beabsichtigten, am Einstieg des Furgggrates zu biwakieren, um dann in einem Tag alle vier Grate des Matterhorns im Auf- bzw. im Abstieg zu « machen ». Mit dieser Bergfahrt wollten wir die Führersaison abschliessen und dem Matterhorn von allen vier Seiten ade sagen.

Als wir auf dem Breuiljoch angekommen waren, teilte mir Sepp mit, er habe die Pfanne vergessen. Eine schöne Bescherung! Von früheren Begehungen her wusste ich aber, dass etwas weiter oben Konservenbüchsen herumlagen, denn auch dieser abgelegene Erdenfleck ist vom Touristenstrom nicht verschont geblieben. In kurzer Zeit fanden wir denn auch einige leere Büchsen, die uns als Ersatz für die vergessene Pfanne dienen sollten.

Vor dem Kochen wollten wir aber noch den Einstiegsriss mit einem fixen Seil versehen, da dieser am Morgen meistens stark vereist ist. Also kletterten wir 40 Meter hinauf, wo genügend Risse vorhanden waren, dass man einen Felshaken einschlagen konnte. Leider hält es aber nicht jeder Hammer aus, wenn man daneben schlägt, und so geschah es eben, dass der meinige entzweibrach. Unten, an unserem Biwakplatz, begann ich deshalb erst mit der Reparatur des Hammers, während Sepp mit einem Felshaken und Steinen die Deckel von den gefundenen Büchsen zu entfernen versuchte.

Die Nacht brach herein und mit ihr auch Kälte und Nebel. Gleich nach dem Nachtessen schlüpften wir in unsere Säcke, weil wir keine Daunenwesten hatten; aber in unserem Verlies war es ganz erträglich. Ein leichter Südwind kam auf, der unsere bis anhin gehobene Stimmung etwas dämpfte. Hin und wieder lugte der Mond durch ein Nebelloch auf uns zwei herab.

Um 00.30 Uhr krochen wir aus dem Biwaksack, und sogleich umfing uns die kalte Luft des jungen Tages. Ein Nebelmeer lag über Italien, das Matterhorn jedoch war frei. Nach dem Frühstück, um 01.30 Uhr, begannen wir mit der Kletterei, wobei uns das am Vortag angebrachte fixe Seil den Einstieg erleichterte, denn dieser war, wie erwartet, vereist.

Im Schein unserer Stirnlampen kletterten wir langsam, aber sicher bergan. Die Kletterei war nicht schwer, erforderte aber ständige Aufmerksamkeit, da der Fels sehr lose ist. Auf etwa 4000 Meter mussten wir ein 30 Meter langes waagrechtes Gratstück rittlings überwinden, da dieses an dieser Stelle eine messerscharfe Firnschneide aufweist. Dasselbe wiederholte sich 200 Meter weiter oben.

Scharf hoben sich die Konturen des mächtigen Gipfelkopfes vom nächtlichen Sternenhimmel ab. Die Linkstraverse hinüber auf die Furggenschulter zwang uns zu häufigem Sichern. Es war immer noch dunkel, und die Felsen waren hier zum Teil mit Eis und Schnee durchsetzt. Als von der Hörnlihütte die ersten Lichter sichtbar wurden, standen wir bereits auf der Furggenschulter, wo die eigentlichen Schwierigkeiten des Grates beginnen.

Im Dunkeln weiterzuklettern wäre in diesem Gelände zu riskant gewesen. Wir warteten deshalb eine halbe Stunde, bis es hell genug war und wir den Aufstieg ohne Gefahr fortsetzen konnten. Die südliche Umgehung der Furggenüberhänge ist weniger schwierig als gefährlich, denn es müssen lose Felsen und kleine Schuttbänder überklettert werden. Gegen 6 Uhr erlebten wir einen Sonnenaufgang von einmaliger Schönheit: Als feuerroter Ball stieg die Sonne am Horizont aus dem Nebelmeer, und der ganze Himmel schien zu brennen.

Ohne besondere Schwierigkeiten erreichten wir den letzten Aufschwung, wo die Route wieder zurück auf den eigentlichen Grat führt. Es war ein richtiger Genuss, an diesem Bollwerk höherzu-klimmen, und wir freuten uns, bald am Ziel zu sein und das Matterhorn über seinen schwierigsten Grat bestiegen zu haben.

François Gos Unter der Solvayhütte, am Hörnligrat, rückten die ersten Führerpartien langsam höher. Wir jauchzten ihnen zu und bekamen Antwort.

Um 7.30 Uhr standen wir auf dem stolzen Gipfel. Eine an diesem Berg ungewohnte Stille umfing uns; es war merkwürdig warm, und kein Lüftchen wehte.

Nach einer viertelstündigen Rast ging 's hinunter über den Hörnligrat. Wir fühlten uns noch sehr frisch und konnten deshalb recht zügig absteigen. Auf der Schulter kreuzten wir einige Führerkameraden, welche die ihnen anvertrauten Gäste aufs Matterhorn geleiteten. Unter der Nordwand querten Othmar Kronig und Steffan Julen hinüber zum Z'Muttgrat. Wir winkten ihnen mit dem vereinbarten Zeichen zu, dass wir auch noch kommen würden. Es war 9.30 Uhr, als wir in die neue Hörnlihütte eintraten. Sepp, der sich als Koch stets gut bewährt hatte, machte sich schon wieder an die Arbeit: Entrecôte, Brot und Tee! Das tat unsern knurrenden Mägen gut und verschaffte uns die richtige Kraft für den Wiederaufstieg über den Z'Muttgrat. Um 10.15 ging 's wieder los. Unter der Nordwand mussten wir queren, um auf den Z'Muttgrat zu gelangen. Der letzte Hang vor dem Schneegrat war blankes Eis, so dass wir zur Sicherung die Eisschrauben zu Hilfe nehmen mussten. Auf dem Grat warteten Othmar und Steffan auf uns.

Gemeinsam stiegen wir über den Schneegrat zu den Z'Muttzähnen, wo die Steigeisen abgeschnallt wurden. Das Wetter schien seine Versprechungen vom Morgen nicht einhalten zu wollen; schwarze Wolken wälzten sich über den Liongrat, und Zweifel am Gelingen unserer Tour stiegen im stillen in uns auf. Die Verhältnisse am Z'Muttgrat jedoch waren sehr gut, so dass wir in diesem uns bekannten Gebiet ruhig weitergehen konnten. Auf etwa 4100 Meter, auf einer Schulter unterhalb der « Z'Mutt-nase », machten wir Rast, um für unser leibliches Wohl zu sorgen: Trockenfleisch, und zwar verschiedene Sorten! Unsere Stimmung war wieder ausgezeichnet, zumal sich auch das Wetter gebessert hatte. Es war jetzt 14.00 Uhr; in zwei Stunden sollten wir, wenn alles normal ginge, auf dem Gipfel sein. Faszinierend war der Blick hinüber in die Westwand und hinauf in die Galerie Carrel, so benannt nach dem mutigen Bersagliere Jean-Antoine Carrel, der auf dieser Galerie vor genau 101 Jahren vom italienischen Grat zum Z'Muttgrat querte und die Erstbegehung von Italien aus vollbrachte.

Die Felsen in der Galerie waren aper und erlaubten uns in diesem bei Vereisung heiklen Teil flott voranzukommen. Auf dem Grat begann dann wieder eine schöne, leichte Kletterei. Aber je mehr wir uns dem Gipfel näherten, um so bemerkbarer machte sich die Müdigkeit. Da wir aber nicht erschöpft oben ankommen wollten, verlangsamten wir unser Tempo etwas.

Um 16.00 Uhr war es dann wirklich so weit: zum zweitenmal an diesem Tag standen wir auf dem Gipfel, befriedigt über die bis hierher so gut verlaufene Tour. Über Italien lag noch immer ein Wolkenmeer; wir aber befanden uns über dieser Schlechtwetterschicht in der warmen Sonne. Es war etwas ganz Neues für uns, zu dieser ungewohnten Tageszeit auf dem Matterhorn zu stehen. Aus der Ferne winkten der Mont Blanc und viele andere Gipfel.

Um 16.30 Uhr begannen unsere Kameraden den Abstieg über den Hörnligrat, der unsrige führte über den Liongrat, den vierten an diesem Tag. Hier wie auch vorher während der ganzen Tour sicherten wir häufig. Vom Pic Tyndall aus warfen wir noch einen Blick hinüber zum Furgggrat auf der einen und zum Z'Muttgrat auf der andern Seite.

Am Tyndallseil überraschten uns Wolken und feuchter Nebel; der Vorhang schloss sich endgültig. Beim weiteren Abstieg war vermehrte Vorsicht geboten, da der Fels stark mit Eis und Rauhreif überzogen war. In der Louis-Amédée-Hütte trafen wir noch einen Führer mit seinem Gast, wechselten einige Worte und setzten sogleich den Abstieg fort. Beim sogenannten Cheminée machte sich mein Eispickel selbständig und verschwand für immer in der Südwand. Es war eben 18.30 Uhr, als wir unter der The du Lion querten und in die Nacht hineinkamen. Kurze Zeit später seilten wir uns los und folgten dem Weglein nach Breuil hinunter, wo wir um 21.00 Uhr eintrafen, zwar müde, aber nicht erschöpft.

Die Führersaison war damit beendet, und als am nächsten Tag der Nebelvorhang für kurze Zeit aufriss, sahen wir, dass das Matterhorn eben in dieser Nacht seinen weissen Wintermantel angezogen hatte. Uns aber blieb die Erinnerung an ein schönes gemeinsames Erlebnis.

Die Zeitungen berichteten von einem Rekord. Es ist aber keiner. Alle unsere Aufstiegszeiten waren normal; es war eine Tour wie jede andere, nur etwas länger und schwieriger.

( Nach der deutschen Fassung: R. Vg. )

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