Die Walserfrage

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Ernst Alcert

( Bern ).

« Rheinwald, Davos, Safien, Vals, Obersaxen, Tschappina, Langwies und Avers sind altdeutsche Walsersiedlungen, die vor über 600 Jahren zerstreut in den rätischen Bergen und unter Verdrängung der romanischen angesessenen Bevölkerung gegründet worden sind. Bis vor wenigen Jahren waren nicht einmal die Gelehrten einig, woher diese Walser nach Graubünden gekommen sind. Man stritt darüber, ob die Walser aus dem Wallis stammen oder ob es sich um Schwaben handle, die von deutschen Kaisern zum Zwecke der Marschsicherung für die italienischen Kriegszüge an heikein Alpenpässen angesiedelt wurden.

Mundartforschung und rechtshistorische Untersuchungen haben heute die Walliser Abstammung der Walser in Graubünden so einwandfrei nachgewiesen, dass einer viel Lanzen übrig haben müsste, wenn er sie noch in diesen Streit tragen und die Theorie mit den deutschen Kaisern und den Schwaben weiter verfechten wollte. » So äusserte sich der über die Walserfrage vortrefflich orientierte Reiseschriftsteller Hans Schmid, der vor einigen Jahren verstorbene Redaktor der « Thurgauer Zeitung », in seinem 1923 erschienenen Buch « Bündnerfahrten »; und kürzlich schrieb Manfred Szadrowski ( Nr. 1 der « Alpen » von 1941 ): « Durch die Verwandtschaft der Namen und der Mundarten und auch durch Urkunden und geschichtliche Überlegungen, besonders durch Forschungen von Erhard Branger, Karl Meyer und Iso Müller ist die Herkunft der Walser aus dem Wallis endgültig bewiesen und in ihrem Verlauf aufgehellt worden. » Wenn auch der « Grosse Brockhaus » von 1934 unter dem Stichwort « Walsertal » schreibt: « Zwei nicht zusammenhängende Täler in Vorarlberg, benannt nach den dort siedelnden Waisern ( Wallisern ) », so muss wohl angenommen werden, dass die Herkunft der Walser aus dem Wallis wirklich einwandfrei und endgültig bewiesen und dazu nichts mehr zu sagen sei.

Im historisch-biographischen Lexikon der Schweiz* ) sagt Domherr Dr. Imesch, ein Walliser, über die Walserfrage ( Bd. VII, S. 407 ) zwar: « Immerhin harren noch manche Umstände, die mit der Walserfrage zusammenhängen, einer nähern Aufklärung. Schon die Zeit, wann diese Auswanderungen ( der Walliser ) stattgefunden, ist ungewiss... Über die Ursachen, die diese Wanderungen veranlasst haben, sind eine Reihe von Vermutungen aufgestellt worden... Überhaupt ist die politische, kulturelle und auch die wirtschaftliche Entwicklung sowohl des Stammlandes ( des Wallis ) als auch der von ihm abhängigen Siedlungen noch zu wenig erforscht, um eine allseitig erschöpfende Beantwortung der Walserfrage geben zu können. » Und doch gibt Domherr Dr. Imesch die bestimmte Meinung kund: « Die neuere Forschung weist die Herkunft all dieser deutschen Siedler mit Sicherheit dem deutschen Oberwallis zu. » Trotzdem gibt es aber immer noch Skeptiker, die an der Richtigkeit der These von der Abstammung aller Walser aus dem Wallis Zweifel hegen. Der Verfasser dieser Arbeit gehört zu ihnen. Er hält die historischen Beweise nicht für ausreichend und hält mit Hans Schmid dafür, dass die Verpflanzung von deutschen Schutztruppen als Passwachen als Ursache der Besiedlung der romanischen Talschaften mit deutschen Waisern nicht in Frage komme, nicht nur deshalb, weil keine geschichtlichen Beweise hiefür vorliegen, sondern besonders darum, weil Walserkolonien vorhanden sind, wo keine Pässe zu bewachen waren, so bei den Vorarlberger Walsersiedlungen, den Walsertälern im Tirol, im liechtensteinischen Triesenberg, in Tschappina, Avers, Langwies, in Vals, Safien, Davos etc. Es kamen damals nur die vier Bündnerpässe über Julier, Septimer, Bernhardin und Splügen in Betracht, von denen nur die letztern zwei im Rheinwald eine « Walser»-Kolonie aufweisen.

Dann aber ist der Verfasser dieser Arbeit ganz besonders deshalb Zweifler an der Walliser Abstammung aller Walser, weil es unanfechtbare Quellen, geschichtliche Tatsachen gibt, die eine ungezwungene, aber zwingende Erklärung der Entstehung der meisten und der grössten « Walser»-Siedlungen darbieten, die allerdings in Widerspruch stehen mit den bisherigen Darstellungsweisen. Sie führen in die Zeiten der Zimbern-, Teutonen- und Alamannen-einbrüche in Helvetien, Rätien und Italien zurück und haben nichts zu tun mit den mit Aktenstaub bedeckten Dokumenten des 13. Jahrhunderts, mit denen sich die Walserforschung bisher vergeblich plagte, eine glaubwürdige Beantwortung der Frage von der Herkunft aller Walser zu bieten.

Ein anderer Zweiflei, Hans Schmid, bewegt sich noch auf diesem Boden, wenn er schreibt, es sei auch heute eine Frage ( die Frage nach der Ursache der Auswanderung der Walliser aus dem Wallis ) noch so unabgeklärt und umstritten wie zu Ägidius Tschudis Zeiten: « Welcher Art war der Teufel, der gegen das Ende des 13. Jahrhunderts in die Bewohner des obern Wallis gefahren ist, dass sie mit Weib und Kind und Habe ihre Heimat verlassen und nicht bloss über den Bergen im Pomat, in Macugagna und Gressoney, sondern sogar im fernen Rätien eine neue Heimat gesucht haben? Ob's eine Pestilenz war, welche die Leute aus dem Land getrieben, ob Übervölkerung im Oberwallis zur Auswanderung zwang, ob politische Umstände oder gewaltsame Wegführungen durch mächtige Grundherren zu kolonisatorischen Zwecken in Frage kommen, es sind alles Hypothesen, die noch der Abklärung bedürfen. In den beiden tüchtigsten rechtshistorischen Arbeiten über die Walserfrage, der .Rechtsgeschichte der freien Walser in der Ostschweiz'von Dr. Erhard Branger und den .Untersuchungen zur Walserfrage'von Dr. Robert Hoppeler finden die Motive der Walsereinwanderung in Graubünden keine genügende Abklärung. Hoppeler beschränkt sich darauf, seine Meinung dahin zusammenzufassen, dass die Gründe der Abwanderung in innern, bis anhin nicht aufgeklärten Verhältnissen der obern Rhonetal- landschaft zu suchen seien. Branger kommt zu bestimmteren Schlüssen, er stellt sich auf den Boden der Passtheorie und nimmt an, dass die Ansiedlung der Walser in Graubünden tatsächlich zur Sicherung der Passrouten stattgefunden habe, nur nicht durch Kaiser Barbarossa, wie die populäre Legende meint, sondern durch die kolonisatorisch veranlagten Freiherren von Vaz. Aber die Brangerschen Darlegungen sind gerade in diesem Punkte nicht überzeugend. Ja, wenn am Septimer, dem wichtigsten rätischen Alpen-übergange im Mittelalter, eine Walserkolonie nachgewiesen werden könnte, also im Oberhalbstein, dann wäre gegen die Passtheorie kaum mehr gut aufzukommen. Aber es sind am Septimer keine Walser angesiedelt worden, und die deutsche Siedlung in Avers wird kaum als Passwache und Porten-genossenschaft am Septimer angesprochen werden wollen. » So urteilt Hans Schmid über die Frage der Herkunft der Walser.

Diese Frage ist also immer noch nicht befriedigend gelöst; sagen wir richtiger, sie ist noch ungelöst. Die bisherigen Lösungsversuche gingen zum Teil auf falscher Fährte.

Hans Schmid meint in dem erwähnten Reisebuch weiter: « Es steht heute ziemlich felsenfest, dass die ersten Walserkolonien in Graubünden Davos und Rheinwald waren und dass die übrigen Walserorte in Rätien und im Vorarlberg von diesen zwei Mutterkolonien aus besiedelt worden sind. » Aber auch diese Feststellung ist leider nicht felsenfest. Hans Schmid muss selber zugeben, die letzte Nuss sei noch nicht geknackt.

Wenn Davos und Rheinwald die ersten Walserkolonien in Graubünden gewesen wären, wie « felsenfest feststehen » soll, so wäre der Zeitpunkt dieser Besiedlung von Davos in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts zu verlegen. Joseph Bergmann1 ), ein Geschichtsforscher, schliesst nämlich aus einer Stelle in Josias Simmlers Beschreibung des Wallis ( Vallesiae descriptio ), es sei ausser allem Zweifel, dass Walliser auf das Ansuchen des Freiherrn von Vaz von ihren damaligen Herren, denen von Raron, aus Oberwallis nach Graubünden gesandt wurden, um das damals noch unbewohnte Tal von Davos zu kultivieren. Pfarrer Julius Studer, seinerzeit Mitglied der Sektion Uto des S.A.C., sagt in seiner zusammenfassenden Schrift « Walliser und Walser, eine deutsche Sprach Verschiebung in den Alpen»2 ): Zuerst wurde also diesen Wallisern oder Waisern das neuentdeckte Davos zur Kultur angewiesen, und zwar von Walther IV. von Vaz ( 1237—1285 ). Letzterer sei mit den Herren von Raron blutsverwandt gewesen und in einem Bündnis gestanden. Eine Auswanderung von Wallisern nach Graubünden « sei also wohl denkbar gewesen » und die Einwanderung in Bünden « sei wohl zahlreich gewesen », da hiefür eine jährliche Abgabe von 24 Pfund Silber ausbedungen worden sei. Wenn also im Jahre 1272 erst Davos besiedelt und später von hier aus und aus dem Rheinwald, das 1278 mit Walsern besiedelt worden sein soll, alle übrigen Walsertäler besiedelt worden wären, so müssten doch Urkunden hierüber auf uns gekommen sein; denn es handelte sich bei diesen Walserkolonien um sehr zahlreiche Talschaften: so um Tavetsch, Obersaxen, Vals, Safien, den Heinzenberg, Schans, Versam, Schanfigg, Alvaneu, Schmitten, Wiesen, Klosters, St. Antonien, das Calvaisental, Churwalden usw. in Graubünden; Vasön, Palfries, Azmoos, Bolfried und Mattug bei Sargans, Triesenberg in Liechtenstein; Laterns, Damüls, Tannberg, das Grosse und Kleine Walsertal und Montafon und das Silbertal im Vorarlberg; und Galtür in Tirol.

Es ist nicht anzunehmen, dass alle diese Talschaften, die ganz ohne Zweifel und gegen die bisherige Auffassung von Rätoromanen bewohnt waren, einfach auf friedliche Weise von den deutschen Waisern ( den sogenannten Wallisern ) besiedelt worden seien unter allmählicher Verdrängung und Assimilierung der einheimischen Romanen. Es muss der Besitz des Bodens ganz sicher durch Kampf in den Besitz der deutschen Walser gekommen sein. Wir besitzen hierüber aber keine historischen Beweise; keinerlei Dokumente berichten von solchen Kämpfen, denn diese dürften in einer frühen Zeit erfolgt sein, über die wir überhaupt keine Dokumente besitzen. Diese Zeit muss vor dem Beginn unserer Zeitrechnung liegen und in die ersten Jahrhunderte nach demselben zurückreichen. Aus dieser Zeit aber bestehen keinerlei Urkunden und können keine Akten bestehen.

Stellen wir also den bisherigen mehr phantasievollen als historischen Darstellungen der Studer, Bergmann, Branger und Hoppeler und wie sie alle heissen, die sich bisher um die Herkunft der Walser bemühten, die nackten, verbürgten Tatsachen der Geschichte gegenüber.

I.

Schon vor dem Beginn unserer Zeitrechnung, in den Jahren 113—101 v. Chr., drangen die Zimbern und Teutonen, denen sich eine Reihe anderer germanischer Volksstämme angeschlossen hatten, so die Ambronen und die zwei Teilstämme der in Thüringen sesshaften Helvetier, die Tiguriner und die Tougener, in zwei grossen Heerhaufen mit ihren Weibern, Kindern, Greisen und ihrer Viehhabe in Gallien, dem heutigen Frankreich, ein. Nachdem sie mehrere römische Heere geschlagen hatten, wurden sie bei Aquae sextiae, dem heutigen Aix-en-Provence bei Marseille, im Herbst 102 v. Chr. vernichtend geschlagen. Ein Teil dieses Germanenheeres war vorher über Süddeutschland und Österreich ( Noricum ) in Italien eingebrochen und bei Vercellae an der Sesia, dem heutigen Vercelli bei Novara ( also direkt südlich von den Walserkolonien am Südfuss des Monte Rosa ), am 30. Juli 101 v. Chr. vernichtend geschlagen und zersprengt worden 1 ). Grosse Reste des gewaltigen Heerzuges flüchteten den nahen, nur 30—50 km entfernten Bergtälern zu. Sich durchkämpfend haben sie den Übergang über die Berge gesucht und zum Teil gefunden 2andere Teile sind, da sie mit Hab und Gut, mit Weibern, Kindern und Greisen und mit ihrem Vieh auf dem Kriegszuge waren, in den obersten Talstufen dieser Bergtäler stecken geblieben. Hier haben sie sich kämpfend behauptet und niedergelassen, haben ihre deutsche Eigenart bewahrt, abgeschlossen von einer fremdartigen, feindlich gesinnten Nachbarschaft im Süden und den unwegsamen Bergen im Norden. So entstanden die Walsersiedlungen im Challanttal, im Lystal, im Sesia- und Sermenzatal, im Eschental, im Tal des Simplonpasses, im Oberwallis, im Formazzatal ( Pomat ), im obersten Teil des Maggiatales ( Bosco-Gurin ), im Rheinwald, im Valser- und Safiental, im Schams und am Heinzenberg und wohl auch in Avers.

Wenn die Allagnesen immer der Überzeugung waren, dass sie und ihre Vorfahren Deutsche seien, so zeugt dies sicherlich ebenfalls für diese von mir vertretene Ansicht, dass Reste des Germanenheeres aus der Schlacht von Vercellae diese Walserkolonien gegründet haben müssen.

Schon in den ältesten lateinischen Urkunden des Dorfes Allagna setzte der Notar bei Ortsnamen immer die Formel voraus: « Ubi dicitur theutonicae » sagt Studer in seiner bereits erwähnten SchriftJ ).

Auch Ägidius Tschudi glaubte um 1570, dass die von Marius nicht aufgeriebenen Zimbern die Alpentäler besiedelt haben 2 ).

IL Gehen wir über zu weitern feststehenden geschichtlichen Tatsachen.

Es ist bekannt, dass unser Land, Helvetien, ursprünglich, d.h. vor der Besiedlung durch die Helvetier, die ein germanischer Stamm waren, von Kelten bewohnt war. Sehr wahrscheinlich im Jahre 102 v. Chr. hatten die Helvetier, deren Wohnsitze vorher im heutigen Thüringen lagen, Helvetien erobert und in Besitz genommen. Die Helvetier versuchten im Jahre 58 v. Chr. unter irgendeinem Drucke ihre Wohnstätten in Helvetien zu verlassen, um aus dem rauhen helvetischen Klima in wärmere, wohnlichere Gegenden nach Südgallien überzusiedeln. Sie steckten nach Cäsars Bericht angeblich ihre Wohnstätten in Brand, 12 Städte und 400 Dörfer, und zogen aus. Aber bei Bibrakte, unweit Augustodunum, dem heutigen Autun, ca. 150 km nordwestlich von Genf, stellte sich ihnen Cäsar in den Weg. Er besiegte sie und trieb sie. nach Helvetien zurück. Helvetien wurde damit eine römische Provinz. Gute Strassen, befestigte Städte und eine grosse Anzahl von römischen Siedlungen ( Ortschaften und Villen ) entstanden, und befestigte Grenzlinien längs des Rheins und von Salodurum ( Solothurn ) über Vindonissa ( Windisch ) bis Vitodurum ( Winterthur ) sollten das Land vor den Einbrüchen germanischer Volksstämme sichern. Aber schon im Jahre 162 3 ) erfolgte ein erster grosser Einfall in die damals romanischen Gebiete der Ostschweiz und Rätiens. Weitere Einbrüche erfolgten in den Jahren 259 bis 280. Schon 259 wurde das ganze Land erobert und verwüstet; doch erholte es sich in der Folge wieder trotz den weiteren Einfällen in den Jahren 260—280. Die Städte und Villen wurden wieder hergestellt, die militärischen Stützpunkte und die Grenzlinien verstärkt, die Stadtbefestigungen verbessert oder neu angelegt. Bei einem weiteren grössern Einbruch, der ums Jahr 354 stattgefunden hat, soll beispielsweise Aventicum vollständig zerstört worden sein l ). Was nicht weggetragen werden konnte, wurde damals verbrannt oder zerstört. Auch nach dieser Zerstörung erholte sich das Land ziemlich rasch dank der klugen Politik und Hilfe seitens des Kaisers Julian ( unter Constan-tius 337—361 Mitregent als « Cäsar », seit 361—363 Augustus ). Auch Aventicum erstand wieder aus den Trümmern.

Bei dem grossen Einbruch vom Jahre 406 wurde die ganze Schweiz von den Alamannen endgültig erobert und besetzt. Bis Aventicum ( Avenches ) und weiter bis an den Genfersee ( Alaman ), bis ins Haslital, in die Innerschweiz, bis ins Glarner- und Bündnerland hinauf drangen die alamannischen Horden, alles verwüstend und von allem Besitz ergreifend, die einheimische Bevölkerung ausrottend oder assimilierend. Alle römischen Siedlungen, Städte und Villen wurden von Grund auf zerstört, alles römische Wesen vernichtet. In der Ostschweiz und in Bünden, die von Bätoromanen bewohnt waren, wurde das Romanische verdrängt und die ganze Ostschweiz bis in die Bündnertäler hinauf germanisiert2 ). Die Alamannen drangen auch im Vorarlberg ein und im Tirol.

Sie sprachen alle dieselbe Sprache, die deutsche, die Alamannen ( Sueben ), die Zimbern und Teutonen, die nordischen Völker der Friesen und Schweden, die mit den Alamannen, vielleicht schon mit den Helvetiern, als die sie drängende und stossende Kraft mit in die Schweiz eindrangen. Daher die Abstammungssagen der Haslitaler und der Simmentaler, die von den Friesen, der Schwyzer, die von den Schweden ( Switto ) abstammen sollen. Diese Abstammungssagen leben als lebendige Überlieferungen im Volke weiter und haben einen realen Hintergrund.

Von 406 n. Chr. an erfolgten fortwährend solche Einbrüche der Alamannen, der letzte grosse ums Jahr 610. Sie gaben allen ihren Siedlungen ihre Namen. Berg-, Siedlungs- und Flurnamen wurden deutsch.

Schon beim ersten Einbruch in Helvetien, 259 und 260 v. Chr., waren grosse Heerhaufen der Alamannen über die Alpenpässe nach Oberitalien eingedrungen, auch dort fürchterliche Verheerungen anrichtend, bis ein in aller Eile zusammengerafftes römisches Heer unter Kaiser Galienus die Alamannen bei Ravenna zu überwältigen und wieder nach Norden zurückzuwerfen vermochte. Und da behauptet Pfarrer Studer, die Alamannen seien nie über die Alpen gekommen! Kaiser Claudius II. 3 ) besiegte 269 am Gardasee die von Galienus zwar geschlagenen, aber nicht aus Italien vertriebenen Alamannen. Erst Claudius'Nachfolger, Kaiser Aurelianus, vermochte die Alamannen nach wiederholten Siegen aus Italien zu vertreiben. Wohin wohl? Sind nicht auch hier Reste über die Alpen getrieben worden, die dann vielleicht Täler im Bündnerland besiedelten?

III.

Dass auch Walliser Kriegsleute in Graubünden angesiedelt worden sind, ist wohl möglich, ja sogar soviel wie sicher.

Im Jahre 1282 schloss der Bischof von Chur mit demjenigen von Sitten ein Bündnis, und im Jahre 1288 erfolgte ein Bündnis zwischen dem Bischof von Chur, dem Abt von Disentis und dem Herrn von Frauenberg mit fünf Edelleuten aus dem Wallis, den Edlen von Morel, Visp und Brig, auf fünf Jahre, in der Erwartung kriegerischer Auseinandersetzungen mit König Rudolf von Habsburg. Die Bündner kehrten 1289 von einem Streifzug nach Feldkirch zurück und wurden bei Balzers von den mit Rudolf verbündeten werdenbergischen Truppen geschlagen. Im Heere der Bündner müssen auch Walliser Hilfstruppen gewesen sein. Die fliehenden Walliser kehrten durchs Rheintal zurück ins Wallis. Aber es ist sehr wahrscheinlich, dass eine gewisse Anzahl in Davos angesiedelt worden sind, andere sich selbst angesiedelt haben, so in Montafun, in Triesenberg im Vorarlbergischen, in den St. Galler Oberländer Walsersiedlungen und im Vorderrheintal ( Versam, Fidaz, Obersaxen, Tavetsch etc. ). Die Ansiedlung in Davos dürfte im gleichen Jahre der Niederlage bei Balzers ( 1289 ), dem Jahre der Verleihung des Gutes zu Tafans durch den Lehensbrief, erfolgt sein. Weitere Zuzügler aus dem Wallis ins Bündnerland ( Familienangehörige jener Walliser in Davos dürften sehr wahrscheinlich nachgezogen worden sein ) sind urkundlich nachgewiesen. So wurden zwei Männern mit der Bezeichnung « de Wallis » durch eine Urkunde von 1300 seitens des Klosters St. Luzi bei Chur Güter bei Churwalden zu Lehen gegeben, von denen sie « nach der Gewohnheit der Walliser uf Tafas » zinsen sollten.

Aus dem Namen Walliser entstund die Bezeichnung « Walser », die ursprünglich nur den Nachkommen dieser Walliser gegeben wurde.

Aber diese Walliser waren nicht die ersten deutschen Siedler der ursprünglich romanisch besiedelten Talschaft Davos. Nach Staatsarchivar Jecklin soll das « Gut zer Böigen » in Davos schon vor dem Ende des 12. Jahrhunderts erwähnt worden sein 1 ), nach Hoppeler waren die Prämonstratenser-mönche im 12. Jahrhundert in Davos begütert2 ) und am Ende des 12. Jahrhunderts soll Davos zu Greifenstein gehört haben, war also kein unbekanntes und unbewohntes Tal. Es kam durch Heirat mit Adelheid von Rapperswil 1213 in den Besitz der Familie von Vaz. Daraus geht hervor, dass Davos lange von Walter IV. von Vaz ( f 1285 ) bewohnt war, und zwar von Deutschen. Diese waren Alamannen aus den Einbrüchen von 162, 259—280 und eventuell später bis 610.

Ähnlich verhält sich die Sache bei Rheinwald. Zwischen den Kaiserlichen und den Päpstlichen, den Ghibellinen und den Gwelfen, fanden in Oberitalien von 1272—1277 heftige Kämpfe statt, an denen der Freiherr Walter IV. von Vaz lebhaft interessiert war, wurde ihm doch später ( 1283 ) vom Erzbischof von Mailand die Regierung über den Stadtstaat Comò übertragen. Es liegt nahe, anzunehmen, dass Walter von Vaz nach der Schlacht bei Desio 1277 « Wallisersöldner », die nachgewiesenermassen im Dienste Mailands stunden, nach jenem Feldzuge im Rheinwald angesiedelt habe, denn auch hier datiert der Freiheitsbrief der Rheinwalder von 1277, und es ist nachgewiesen, dass zahlreiche Rheinwalder von damals aus dem Wallis und den deutschen Tälern südlich des Wallis ( Formazzatal ) stammten.

So wäre die Herkunft der Bewohner all jener Gegenden, die von « Waisern » bewohnt sind, von Vallorcine bei Chamonixx ) bis Galtür im Tirol auf eine natürliche, zwanglose Weise erklärt, als eine Besiedlung mit Angehörigen deutscher Volksstämme im Zuge der gewaltigen geschichtlichen Ereignisse in der Zeit von 101 v. Chr. bis 610 n. Chr. Dazu kommt eine zusätzliche Ansiedlung von Walliser Kriegsleuten 1277 in Rheinwald und 1289 in Davos und einer Anzahl weitern Walsersiedlungen herrührend von dem Rückzuge der Walliser von 1289. Der Name « Walser » ist von Walliser abgeleitet worden. Die Walliser aber waren Teutonen wie die Siedler südlich des Monte Rosa in Alagna, Gressoney, Rima, Rimella, im Formazzatal und Rheinwald etc. Die meisten « Walser»-Siedlungen sind also nicht Siedlungen von Wallisern aus dem 13. Jahrhundert, sondern solche von Teutonen, Zimbern und andern deutschen Stämmen aus der Zeit vor dem Beginn unserer Zeitrechnung.

1 ) Historisch-biographisches Lexikon der Schweiz, Bd. VII, S. 407.

Bergsteigen.

Es ist mit den Hochgebirgsfahrten wie mit dem Lesen klassischer Werke: je öfter man ihnen nahetritt, desto mehr fesseln sie; denn jedesmal treten neue Momente, neue Formen und Situationen hervor, bieten Reize, die dem ersten Blick sich entzogen.

Andreas Fischer ( Hochgebirgswanderungen, Neue Folge, 2. Abschnitt: « Vom Leben der Bergführer », Seite 108 ).

Feedback