Diechterhorn

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Armin Rühl ( Zürich )

Es wetterleuchtete. In kurzen Intervallen sah man den Widerschein in den Scheiben des geöffneten Fensters. Es war warm, viel zu warm für diese Höhe und Jahreszeit. 1 Uhr morgens, noch anderthalb Stunden bis zur verabredeten Tagwache. Unruhig warf ich mich auf der Pritsche hin und her und konnte keinen Schlaf mehr finden.

Lange hatten wir uns auf diese Pfingsten gefreut und Pläne für Touren entworfen. Wir hatten vorgehabt, die ganze Kette vom Tieralplistock bis zum Strahlhorn zu begehen. Am vorhergehenden Abend waren wir von der Handegg zum Gelmersee hinaufgestiegen. Erst vor kurzer Zeit hatte der Bergfrühling hier oben Einzug gehalten; Soldanellen säumten den Weg, in den feuchten Spalten und Rissen der Granitwände wuchsen die lilafarbene behaarte Primel und das gelbe, zweiblütige Veilchen. Die Knospen der Alpenrosen waren kurz vor dem Erblühen, hin und wieder trug ein Busch schon tiefrote Blüten. Gegen das Diechtertal hin sah es aber noch ganz winterlich aus, so dass wir vorsichtigerweise eine Programmkürzung in Erwägung zogen. Kurz nach dem Einnachten war die Gelmerhütte erreicht. Es waren — o Wunder — nur noch zwei Touristen anwesend, die uns mit einem warmen Tee empfingen.

Nur ein paar vereinzelte Sterne standen am fast gänzlich bedeckten Himmel, als um 3 Uhr die Hütte verlassen wurde. Kurze Zeit ging 's im Schein der Laterne durch grobblockiges Geröll und Moränenschutt, dann erreichten wir Schnee. Schon die ersten paar Schritte liessen erahnen, was uns bevorstand. Fusstief, knietief im schweren, nassen, faulen Schnee watend, spurten wir uns steil gegen P. 2839 hinauf — einem Felsriff, das den Diechtergletscher in eine grössere nördliche und eine kleinere südliche Hälfte trennt, öfters blieben wir stehen, musterten mit besorgten Mienen den sich immer mehr bedeckenden Himmel, schauten hinüber ins Gebiet der Grimsel, von wo sich graue Wolkenmassen heranschoben, hinunter gegen den Einschnitt des Haslitals, aus dem dichte, weisse Nebelschwaden emporstiegen. Wir waren ungefähr auf 3000 Meter Höhe, als meine Gefährtin die schicksalschweren Worte sprach: « Hasch es au gschpürt? » Ja, ich hatte es auch gespürt, seit einiger Zeit schon, erst nur ein paar ganz feine Tröpfchen, wie aus einem Zerstäuber, dann immer mehr und stärker. Wir hielten Kriegsrat. Abwarten hiess die Devise. Windblusen und Kapuzen wurden übergezogen und während es stärker und stärker zu regnen begann und der Nebel alles einhüllte, sassen wir mitten auf dem Gletscher auf unseren vollen Säcken ( wir hatten vorgehabt, nach der Trifthütte abzusteigen ) und harrten der weiteren Dinge, die da kommen sollten. Nach ca. einer halben Stunde war unser Bedarf an Regen reichlich gedeckt, und schweren Herzens entschlossen wir uns zur Rückkehr. Ein Häufchen Schalen von spanischen Nüssli bezeichnete den Ort unserer Fahnenflucht. Tropfnass hielten wir wieder Einzug in die Hütte, wickelten uns bald in die Decken und suchten Vergessen im Schlaf.

Grosse blaue Flächen zeigte der Himmel, von den eilig aus Süden dahinziehenden Wolken bald wieder überzogen, bald wieder aufgedeckt, als um 10 Uhr nochmals Tagwache gehalten wurde. Der Föhn hatte die Oberhand gewonnen. Schwarz glänzend ragten jenseits des Tals die wilden Zacken der Gelmerhörner in das blauweisse Treiben der Wolken. Donnernd stürzte das Wasser des von der Schneeschmelze hoch angeschwollenen Diechterbachs über die glattgeschliffenen wohl 100 Meter hohen Granitplatten ins mittlere Diechter hinunter. Auf den kargen Rasenflächen in der Umgebung der DIECHTERHORN Hütte leuchtete blau der stengellose Enzian, goldgelb das Fingerkraut, weiss die zierliche, in grosser Zahl wachsende Faltenlilie Im Moränenschutt und im Geröll blühten die Gemswurz, das Alpenleinkraut, der Gletscherhahnenfuss und rötliche Polster von Alpen-Mannsschild. Wir machten uns gegenseitig auf all die Herrlichkeiten aufmerksam, bewunderten die satten Farben, die Zähigkeit der oft so gebrechlich scheinenden Pflänzchen der Unbill der Witterung gegenüber. Zuletzt hiess es aber immer wieder, wennJa, wenn wir den Gipfel erreicht hätten, wie viel schöner wäre dies alles! Und dann versuchten wir das bittere Gefühl einer Niederlage zu negieren und argumentierten also: Schliesslich geht man nicht nur zu Berg, um an Felsen herumzuturnen, um Eis und Schnee zu sehen, um einfach einen Gipfel zu besteigen. Ein rechter Bergsteiger und Klubist hat ebenso Freude an der lebenden Natur der Berge, an Bäumen, Blumen, Tieren, am Spiel der ziehenden Wolken, an der schönen Aussicht, sei es nun von einem Gipfel oder auch nur von einer Hütte aus. Schlussendlich trumpften wir mit dem viel zitierten Spruch auf, dass es mehr Willenskraft brauche, eine Tour abzubrechen als sie unter Bedingungen weiterzuführen, die von Verantwortungslosigkeit zeugen. Kurz, wir taten alles, um das bittere Gefühl des Geschlagenseins zu mindern und eine Rechtfertigung für unsere Umkehr zu finden. Aber im geheimen dachte doch jedes: « Wenn wir hätten wir... » Mittag war schon vorüber, als das Häufchen « Spanisch-Nüssli-Schalen » wieder erreicht war. Es war warm, der Schnee noch fauler als am Morgen, und das wollte viel heissen. Bis hieher waren wir in den Spuren vom Morgen ziemlich gut und rasch gegangen, was aber weiter kam, besonders dann in den flacheren Partien gegen die Diechterlimmi hin, war zähe Arbeit. Um 3.30 Uhr war der Gipfel des Diechterhorns, 3389 Meter, erreicht, wobei die Blockgratkletterei nach der Schneestampferei zu einem wahren Genuss wurde. Die Sicht entbehrte nicht einer gewissen Wildheit, da der Himmel noch immer zum grössten Teil bedeckt und die treibenden Wolken und Nebelfetzen das Bild ständig veränderten; der gelbgrüne Spiegel des Gelmersees, der fast allein eine andersfarbige Note in die weissen, grauen und schwarzen Farben trug, verstärkte diesen Eindruck noch mehr. Da wo das Auge grüne Wälder und Matten hätte erblicken sollen, wallten weisse Nebel. Wie Kulissen standen die vielzackigen Gelmerspitzen und Hörner vor dem brodelnden Hintergründe.

Als wir ein wenig müde und schlapp durch Schutt, Blöcke und kleine Rasenflecken uns der Hütte näherten, begegneten wir wieder all den lieblichen und farbenfrohen Boten des Bergfrühlings. Noch einmal so blau wie am Morgen schien der Enzian zu leuchten, gelber das Fingerkraut, röter die Polster des Mannsschild. Vergessen war alle Mühsal, verflogen der bittere Geschmack im Munde; sogar der Abstieg am folgenden Tag im strömenden Regen konnte unserer guten Laune nichts mehr anhaben.

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