Direktdurchstieg der Dent Blanche-Nordwand

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON MICHEL VAUCHER, GENF

Mit 3 Bildern ( 23-25 ) Schon seit Jahren spukt mir die Dent Blanche im Kopf herum, aber der Gedanke, durch die Nordwand einen direkten Aufstieg zu eröffnen, wurde mir von meiner Frau eingegeben. Yvette, grosse Liebhaberin des Val d' Hérens und der « monstrueuse coquette », die sie auf dem normalen Aufstieg schon zweimal gemacht hatte, behauptete:

« Ich glaube, an der Nordwand wurde noch nichts unternommen. Ist das nicht eigentümlich? » Selbst die Bergführer und die Einheimischen waren derselben Ansicht. Der französische Führer Armand Charlet jedoch, über diesen Punkt in Chamonix befragt, gab uns die verwirrende Antwort:

« Ich glaube, dass zwei Österreicher die Wand gemacht haben! » Michel Darbellay hatte einen Versuch unternommen, diesen wegen schlechten Wetters jedoch abbrechen müssen. Der leider zu früh verstorbene Voillat, Joseph Savioz, Bergführer von Zinal, Pierre Vittoz, alle diese Alpinisten sahen ihre Versuche scheitern, meistens wegen schlechter Wetterbedingungen. Wie viele andere, so haben auch wir an die Unantastbarkeit dieser Wand geglaubt. Doch schliesslich, Erstdurchsteigung hin oder her, diese Wand musste in die Reihe der grossen Nordwandrouten eingeordnet werden.

26. Juni 1966: Bergführerfest in Evolène. In dieser « Chilbistimmung » findet man alle seine Freunde wieder. Sonst begegnen sich die Führer hie und da, aber immer nur bei einer Beerdigung. An diesem 26. Juni jedoch können sie sich ihrer Freude ungeschmälert hingeben. Ein Unbekannter spricht mich an:

« Ist es wahr, dass Ihr letzte Woche die Nordwand der Dent Blanche versucht habt? » Diese Frage raubt mir den Atem, glaubte ich doch, unser Geheimnis so gut bewahrt zu haben! Es gibt wohl andere, die davon wissen: Joseph Savioz, Michel Darbellay, den wir gebeten hatten, uns zu begleiten. Wir hatten unser vier den Versuch geplant: Yvette, Hugo Weber ( mein Kamerad vom Dhaulagiri ), Darbellay und ich. Aber Michel war durch einen Führerkurs zurückgehalten. So trafen wir uns zu dritt in Bricola.

Am 19. Juni gegen 8 Uhr erreichen wir den Col de la Dent Blanche bei sehr zweifelhaftem Wetter: ein heikler Abstieg auf das Plateau am Fusse der Nordwand. Es ist 9 Uhr, und wir beschliessen abzuwarten. Der Bau eines Iglus beschäftigt uns eine Zeitlang. Wir schlafen, essen und schlafen wieder. Das Wetter wird kaum besser: es schneit! Während einiger kurzer Aufhellungen können wir immerhin einen Aufstieg durch die Wand festlegen, aber am nächsten Morgen brechen wir das Lager mitten in einem Sturm ab.

Dieser erste Versuch hat uns immerhin erlaubt, das Terrain auszukundschaften. Während des Abstiegs begegnen wir einigen Freunden.

« Woher kommt Ihr? » « Vom Nordgrat! » Wir glaubten, ein gutes Alibi erfunden zu haben, aber die Schlaumeier haben alles erraten. Ich wende mich daraufhin an Yvette:

« Diese Nordwand müssen wir unverzüglich machen », erkläre ich ihr, « sonst wird sie uns vor der Nase weggeschnappt! » Erste Julitage: Wir mieten ein Maiensäss oberhalb Villa im Val d' Hérens mit einer herrlichen Aussicht auf die Dent Blanche, die Veisivi, den Pigne d' Arolla, den Mont Blanc de Cheilon, die Aiguilles Rouges -welch phantastisches Panorama! Zwar sieht man diese Gipfel selten: es regnet! Während der kurzen Aufhellungen mache ich kleine Spaziergänge, und Yvette lässt sich an der Sonne nachbräunen.

Wir organisieren eine regelrechte Belagerung, aber die Dent Blanche bleibt unerschütterlich!

9. Juli: Endlich schönes Wetter! Jetzt oder nie! Einige Einkäufe, eine peinliche Sortierung und Überprüfung von Proviant und Material. Der Erfolg einer Besteigung hängt oft von einer Kleinigkeit ab. Die « Berline » bringt uns bis oberhalb Ferpècle. Wie wirken doch diese Baubaracken und Strassen deprimierend in einer solchen Gegend! Schnell nehmen wir unsre riesigen Rucksäcke auf und verlassen den Ort so bald wie möglich. Noch vor Einbruch der Nacht wollen wir den Col de la Dent Blanche ( 3500 m ) erreichen, das heisst, wir haben noch 1300 Meter Höhendifferenz zu überwinden. Es nützt nichts, wir müssen es schaffen! Bei einbrechender Dämmerung richten wir unser Biwak ein. Es ist schön und kalt. Die Nordwand, die wir im Halbdunkel betrachten, ist überwältigend. Wo werden wir morgen sein? Wir sitzen eng aneinandergeschmiegt und trinken mit Wollust einen Becher heisse Bouillon. Auch Yvette scheint in Gedanken versunken. Das grosse Abenteuer hat begonnen.

10. Juli: 6 Uhr. Ein etwas verspäteter Aufbruch. Dreimal abseilend, gelangen wir über die brüchigen Felsen des Col hinunter und machen uns auf den Weg zu unserem Einstieg. Mitten auf dem Plateau erinnert ein Maulwurfshügel an unser Biwak mit Hugo. Heute jedoch sind wir nur zu zweit, aber so glücklich! Seit einiger Zeit hört Yvette Stimmen. Bald erblicken wir eine Gruppe von Alpinisten auf dem Gipfel des Grand Cornier. Sie aber sehen uns nicht. Einen dunklen Punkt gibt es immerhin in unserer Unternehmung: niemand, absolut niemand weiss, wo wir in diesem Moment sind. Wir wollten unter allen Umständen einen « Eigernordwandrummel » vermeiden. Wir suchten wohl einen vertrauenswürdigen Freund, der für einige Tage das Schweigen bewahren könnte. Was wäre natürlicher gewesen, als uns an den Pfarrer von Evolène zu wenden, der auch ein Bergkamerad ist? Ich hätte ihm gesagt:

« Devantéry, ich habe dir etwas zu beichten, aber es muss ein Geheimnis bleiben. Nach drei Tagen kannst du dich rühren und nachschauen kommen, ob alles gut geht. » Aber Pfarrer Devantéry war abwesend; so haben wir niemandem etwas gesagt.

Nun sind wir am Bergschrund. Wir mussten einen wahren Brei durchqueren, um dorthin zu gelangen. Ein Lawinenkegel aus Weichschnee dient als Ausgangspunkt. Der Bergschrund ist nicht sehr hoch, vielleicht drei Meter. Aber die Oberlippe hängt über, und der Schnee ist scheusslich. Ein halber Kubikmeter Oberlippe schickt mich wieder zurück zu meinem Ausgangspunkt. Yvette sitzt rittlings auf dem Gipfel des Kegels; ich verlange auch ihren Pickel und räume die oberste Schicht so gut als möglich weg, dann ramme ich einen Pickel mit dem Hammer ein und befestige einen Steigbügel: er scheint zu halten. Ich steige zwei Schritte hinauf - ein wahres Vergnügen mit den Steigeisen an den Füssen! Vergeblich versuche ich die längste Zeit, den anderen Pickel weiter oben einzuschlagen, aber er ist zu kurz und gibt immer wieder unter meinem Gewicht nach. Vollkommen erschöpft und ganz durchnässt, bin ich schliesslich nach einer guten halben Stunde drei Meter weiter oben auf dem Firnhang.

Es folgt eine Seillänge von dreissig Metern bis zum Sicherungsplatz. Auch Yvette entsteigt dem Kampf mit dem Bergschrund vollkommen durchnässt. Die nächste Seillänge führt mich an den Fuss einer Felsrippe, über die wir autsteigen wollen. Ich finde einen guten Sicherungsplatz, direkt in der Fallinie des Gipfels. 150 Meter weiter links befindet sich eine andere Aufstiegsmöglichkeit, die unsre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat: nach dem obligaten Bergschrund erlaubt ein riesiger Halbmond von Schnee und Eis, ohne grosse Schwierigkeiten die zwei unteren Drittel der Wand zu durchsteigen. Aber wir haben diese Variante ausgeschaltet, da sie alle Schwierigkeiten und Probleme des untersten Wanddrittels umgangen hätte. Nun folgt eine Kletterei über eisdurchsetzte Felsen, und nach 300 Metern versperrt uns eine senkrechte, unersteigbare Platte den Weiterweg. Dies ist die Schüsselstelle! Ich versuche es rechts davon - aussichtslos!

Links eine denkwürdige Seillänge für einen Alpinisten! Mit Glatteis überzogene, dachziegelartig geschichtete Platten, alle senkrecht oder überhängend. Ich werde zwei Stunden brauchen, um eine horizontale Traverse von 5 Metern zu bewältigen. Zwei Pendeltraversen, Haken, für die man keine Risse findet; alles ist verstopft, ungeeignet zur Besteigung! An einer solchen Stelle sind alle Schliche erlaubt: ich beginne mit freier Kletterei; die Steigeisen kratzen auf dem Felsen, ich mache Pendelmanöver und lande auf einigen Zentimetern Eis, das am Felsen klebt. Das schlimmste ist, dass ich die ganze Zeit den harmlosen Aufstieg vor Augen habe, der zum mittleren Firnstück führt. Diese abschüssige Rampe befand sich über einem 30 Meter hohen Überhang. Ich glaube, noch nie eine so fürchterliche Stelle überwunden zu haben. Zwei schlechtsitzende Haken erlauben mir, Yvette nachkommen zu lassen. Mit einiger Besorgnis erwarte ich, wie sie durchkommen wird. Sie sammelt die Haken ein und kommt an meine Seite, immer frisch und fraulich. Wir haben ein unbegrenztes Vertrauen zueinander. Welch ein Glück, dass wir alles gemeinsam versuchen können!

Über uns befindet sich ein riesiger Firn von ausserordentlicher Steilheit. An vielen Stellen tritt das Blankeis zutage. Einige Steine stürzen pfeifend das Gipfelcouloir hinunter. Über fünf oder sechs Seillängen werden wir bedroht sein. Ohne lange Zeit mit Stufenschlagen zu verlieren, schaffe ich die nächsten Seillängen von 40 Metern auf den äussersten Steigeisenspitzen. Eine gute Stufe, ein Eishaken, und Yvette kann nachkommen. Jetzt haben wir die Hälfte der Wand hinter uns. Es ist 16 Uhr. Ich entdecke eine Andeutung von Felssporn, der vor Steinschlag geschützt ist. Dort können wir unser Biwak einrichten. Haken in allen Himmelsrichtungen, aber keiner hält gut. Ein Sitzplatz, eines dieser Biwaks, die uns nach einer Viertelstunde das Sitzen verleiden! Langsam verschlechtert sich das Wetter.

11. Juli: Am Morgen zeigt der Höhenmesser einen bedeutenden Druckfall an. Wir machen uns so schnell als möglich auf den Weg. Um 10 Uhr, wie wir an der Gipfelwand ankommen, beginnt es zu schneien. Die Felsen sind mit Eis überzogen, und zudem sind es solche, in die man keine Haken einschlagen kann! Es ist schwierig, eine Seillänge von 40 Metern ohne jegliche Sicherung zu überwinden und sich sagen zu müssen, dass der kleinste Irrtum fatale Folgen haben könnte. Manchmal ist es unmöglich, nach 40 Metern zu sichern; so seilen wir uns am « einfachen » Seil an, und ich steige 80 Meter ohne jeglichen Haken hoch! Die Wand über uns ist so steil, dass kein Schnee daran haften kann. Wir klettern in einer riesigen Kaskade von Pulverschnee. Die Sicht ist gleich Null. Bald bleibe ich mitten auf einer Platte stecken. 30 Meter unter mir Yvette, und zwischen uns ein lächerlicher Haken! Ich habe das bestimmte Gefühl, dass ich weiter oben nicht durchkommen werde: alles ist glatt, ohne den kleinsten Riss. Ich muss wieder hinunter. Ich brauche mehr als eine Stunde, um einen schlechtsitzenden Haken einzuschlagen. Dieser künstliche Haltepunkt gestattet mir, wieder an die Sicherungsstelle zu gelangen. Yvette steht da, zusammengekauert in der Kälte. Auf den Schultern hat sie einen schweren Sack. Wir schauen uns an; wortlos mache ich mich wieder auf und nehme das Andenken an einen vielsagenden Blick mit:

Diesmal ist es ernst!

Ich habe das Gefühl, in dieser Wand zu ersticken. Dieser Kampf um jeden Meter lässt mich schliesslich fragen, ob es überhaupt einen Durchstieg nach oben geben kann. Es sind noch 200 Meter, und unter uns liegen 700 schwer verdiente Meter.

« Also, nichts wie los, wir müssen herauskommen! » Das Unwetter verdoppelt seine Kräfte. Der Fels ist mit Schnee bedeckt, bei jedem Schritt gleiten die Steigeisen auf dem Felsen aus. Schliesslich findet irgendeine Spitze einen winzigen Riss, und das Rutschen hält an. Nun bleibt nur noch, sich sorgfältig im Gleichgewicht aufzurichten. Herz und Nerven werden aufs äusserste in Anspruch genommen. Und nun bin ich wieder blockiert.

« Geht es? » Eine schwache Stimme erreicht mich aus dem Abgrund:

« Nein! » Wieder ein Haken, der mir erlaubt, zum Ausgangspunkt zurückzukommen.

« Yvette, wir müssen biwakieren, bei diesem Wetter komme ich nicht weiter; ich sehe nichts! » « Und willst du stehend die Nacht verbringen? » Die Frage ist durchaus berechtigt. Es gibt hier noch weniger ebene Plätze als in der Nordwand des Matterhorns. 20 Meter neben uns ist eine Eisplatte.Vielleicht kann man dort eine kleine Plattform aushauen? Wie ich ankomme, stelle ich zu meiner Freude fest, dass die Eisschicht ziemlich dick ist. Ich haue mit Herzenslust und mit allen mir noch zur Verfügung stehenden Kräften eine kleine Bank von 80 auf 30 Zentimeter aus; weiter unten ist der Fels. Noch vier Stufen für die Füsse, zwei Eishaken, und Yvette kann von der Sicherungsstelle, die sie nun schon seit drei Stunden « bewohnt » hat, nachkommen. Niemand soll mir erzählen, dass die Frauen die Kälte schlecht vertragen! Wir packen vollkommen durchnässt die Duvets aus. Das Biwakzelt schützt uns ein wenig vor dem Sturm, aber wir können die Steigeisen nicht abschnallen und werden sie noch die ganze Nacht und den nächsten Tag tragen. Mit seiltänzerischen Bewegungen gelingt es uns, eine Suppe zu kochen. Ich bin sehr beunruhigt und frage mich, wie das alles ausgehen wird. Gegen 19 Uhr hören wir die Wetterprognose aus unserm kleinen Transistor: « Schöne Aufhellungen im Wallis! » Das ist immerhin ein guter Punkt. Dann kommen die Nachrichten von der Tour de France: « Jacques Anquetil hat aufgegeben, weil er sich eine Erkältung zugezogen hat. » Für uns ein bitterer Scherz. Eine Erkältung? Der Arme! Auf die Sportnachrichten folgt ein Schlagersänger. Wir stellen den Apparat ab und ziehen es vor, miteinander zu schwatzen, statt den Stimmen dieser Leute zuzuhören, die sich in Sicherheit und Bequemlichkeit wiegen. Langsam fällt die Nacht herein. Es wird kälter. Die Füsse, die mit einer Eisschicht überzogen sind, beginnen zu erfrieren. Ich habe den Eindruck, an Stelle meiner Füsse zwei kleine Bretter zu haben. Auch Yvette hat dasselbe Gefühl. Nun fängt das unendliche Warten an. Nur nicht ausrutschen, sich nicht den Eishaken anvertrauen. Die beissende Kälte, die für morgen schönes Wetter ahnen lässt, nimmt langsam Besitz vom ganzen Körper. Nur die Hoffnung nicht aufgeben! Vielleicht sind wir morgen auf dem Gipfel? Ich versuche etwas Trockenfleisch zu essen, muss es aber sofort wieder erbrechen. Welch eine Nacht!

12. Juli, 5 Uhr: Es ist schön und kalt. Wir brechen ohne Frühstück auf, ungeduldig und gespannt, den Weiterweg kennenzulernen. Immer abschüssigere Platten, Glatteis, schlechte Sicherungsstellen, schliesslich eine Seillänge von 80 Metern, erschwert durch die Abwesenheit jeglicher Sicherheit: das übliche Festspiel! Ich raffe meine letzten Kräfte zusammen. Mir scheint, es sei unmöglich, so lange zu klettern, ohne irgendeinen Fehler zu begehen. Wenn diese Schuppe nachlassen würde? Oh, mein Steigeisen! Ein Riemen ist gerissen! Ich repariere ihn, so gut ich kann, dem Schicksal dankbar, dass es mich den Defekt rechtzeitig erkennen liess, denn sonst hätte es schlimm ausgehen können. Etwas später reisst ein anderer Riemen! Wieder behelfsmässige Reparatur. Es sind noch 30 Meter zu erklettern. Weiter oben ahnen wir den Viereselsgrat und ganz in der Nähe den Gipfel! Sehr langsam rucke ich vor. Es wäre zu dumm, so nahe dem Ziel! Endlich komme ich auf den Grat und damit in den vollen Sonnenschein. Ist das schön! Yvette kommt nach und reicht mir zwei Haken, die sie sehr leicht entfernen konnte. Wir haben noch sieben von den fünfzehn, die wir mitgenommen haben. Bequem richten wir uns ein und nehmen uns die Zeit, einen Tee zu kochen. Dieses Getränk hat einen ganz neuen Geschmack. Wieder sind wir unter den Lebenden, die den Schlager-gesang des Radios über sich ergehen lassen können. Gegen Mittag sind wir auf dem Gipfel. Während wir uns umarmen, weine ich wie ein Kind. Die Nerven, die ich so lange im Zaum halten musste, geben nach. Aber bald werden die Tränen durch Freude verdrängt, Freude, trotz unempfindlicher Füsse. Was werden wir in diesen Schuhen finden? Der Abstieg über die vom Neuschnee bedeckten Platten ist sehr heikel. Gegen 19 Uhr sind wir in der Hütte. Schauen wir mal nach, was mit den Füssen los ist! Die Socken sind vollkommen gefroren, die Nägel schwarz und die Zehen blau. Yvettes Füsse befinden sich in etwas besserem Zustand. Trotz der langen Wartezeiten bei den Sicherungen und der Biwaks hat sie die Kälte besser überstanden als ich. Einige Touristen bieten uns ein Glas Wein an. Wir stellen die Schuhe zum Trocknen, und ein wenig abgestumpft strecken wir uns auf den Pritschen aus, um eine unruhige Nacht zu verbringen.

13. Juli: Die Touristen von gestern sind aufgebrochen, um die Dent Blanche über den Normalaufstieg zu machen. Drei junge Alpinisten, Alain Schreyer, Walter Schweizer und Serge Lambert, von der JO der Sektion Neuenburg sind angekommen. Meine Füsse sind sehr geschwollen und schmer- zen. Ich frage, ob sie mir helfen könnten, ins Tal abzusteigen. Ohne zu zögern, sagen sie zu. Danke, Freunde! Wenn alle Menschen so grosszügig wären... Yvette kommt aus dem Schlafraum mit einem ganz geschwollenen Gesicht herunter: der Gipfelwind ist dafür verantwortlich. Unsre neuen Freunde, die auf ihre Besteigung verzichtet haben, um uns zu helfen, wetteifern in Zuvorkommenheit. Ich habe grosse Mühe, die Schuhe anzuziehen. Auch Yvette hat Schmerzen an den Füssen. Humpelnd verlassen wir die Hütte. Die drei Jungen tragen unsre Säcke und finden bald ein Mittel, um mir zu helfen: solange es über Firne geht, setze ich mich auf meinen Anorak, und Walter, Alain und Serge ziehen mich an den Füssen. 1600 Meter Abstieg! Leider ist die Cabane Rossier die höchstgelegene Hütte der Schweiz. Am Ende des Firns bin ich wieder auf meine Füsse angewiesen. Ich schlucke zwei Aspirintabletten, und nach einer Viertelstunde bemerke ich, dass der Schmerz fast verschwunden ist! Eine gute Mahlzeit lässt uns alle Aufregungen vergessen. Dann steigen unsre drei Freunde wieder zur Hütte auf. Ich meinerseits wäre dazu unfähig! Meine Füsse sind schrecklich anzuschauen: grosse violette Blasen, halbgebrochene Nägel... Am selben Abend kehren wir nach Genf zurück.

14. Juli: Die Fortsetzung meines Artikels ist als Information gedacht. Mir scheint, es war gut, wenn die Alpinisten wüssten, dass es eine ausserordentliche Behandlungsmethode für Erfrierungen gibt. Ich gehe zu Doktor Christev, der sich schon viel mit derartigen Erfrierungen beschäftigt hat. Er sagt mir unumwunden:

« Das ist ein schlimmer dritter Grad; Sie werden vier bis fünf Glieder an jedem Fuss verlieren. » Dann mit ernster Stimme:

« Die Dent Blanche, ist das so viel wert? » « Ja », antworte ich, ohne zu zögern.

« Ihr seid alle dieselben », sagt er lachend.

Er untersucht Yvette, die nur Erfrierungen ersten Grades hat. Dr. Christev stellt einmal mehr fest, dass sich die Frauen besser aus der Kälte ziehen als die Männer. Das starke Geschlecht ist nicht das, welches man dafür hält! Etwas später schlägt mir der Arzt eine Operation vor, die vielleicht alles retten könnte. Es handelt sich darum, zwei Drüsen auf beiden Seiten der Wirbelsäule zu entfernen. Durch zwei waagrechte Einschnitte von etwa 10 Zentimetern in der Lendengegend erreicht man diese sympathischen Gewebe. Das Resultat ist eine ständige Erweiterung der Blutgefässe in den Beinen und das Wegfallen des Schwitzens. Die Temperatur der Füsse erhöht sich auf 34° C, während sie normalerweise 25° beträgt. Doktor Christev wendet sich an den Genfer Sympathektomie-Spezialisten Doktor Mentha. Sie werden zusammen operieren. Hier noch einige Daten:

15. Juli: Operation. Die Ärzte reissen mir die Nägel weg und « schälen » die erfrorenen Zehen. 16.20. Juli: Immer noch schwarze Flecken an den Zehen. Die Ärzte fahren fort, die Haut abzulösen. 20. Juli: Ich stehe auf.

22. Juli: Die Haut beginnt sich zu formen. Ich spiele Boccia mit anderen Unfallpatienten.. Juli: Die Haut an den Zehen ist vollkommen erneuert. Ich verlasse die Klinik.

6. August: Ich mache eine Kletterei am Salève, mit Stellen fünften Grades, als erster am Seil.

In Genf war es das erste Mal, dass eine solche Operation an einem Menschen versucht wurde, der Erfrierungen erlitten hatte. Dieser erstaunliche Erfolg hängt zum Teil von der Zeit ab, die zwischen der Erfrierung der Gewebe und der Operation verstrichen ist. ( In meinem Fall waren das vier Tage. ) In 90 Prozent der Fälle ist diese Frist ausreichend/Die Nachteile dieser Operation sind: ein Abfallen des Blutdruckes und eine schnellere allgemeine Auskühlung, wenn man der Kälte ausgesetzt ist, denn die Beine werden ständig intensiver als normal durchblutet. Diese Nachteile sind reichlich aufgewogen durch die Vorteile.

Epilog In der Klinik erfahre ich, dass wir keine Erstdurchsteigung der Dent Blanche-Nordwand ausgeführt haben. Mein Freund André Roch bringt mir Belege. Am 26./27. August 1932 haben zwei Österreicher, Karl Schneider und Franz Singer, die Nordwand mit einem einzigen Biwak durchstiegen. Sie haben die grosse Eis- und Firnsichel benutzt, also die logische Aufstiegsroute an der Wand. Sie haben also die Probleme des untersten Drittels nicht zu lösen gehabt. In ihrem Bericht beklagen sie sich ebenfalls über die mangelnden Sicherungsmöglichkeiten der Gipfelwand. Eine grosse Leistung zu einer Zeit, wo wir noch nicht einmal geboren waren 1!

Mit Yvette ist uns ein sehr eleganter Durchstieg gelungen. Unsere Route berührt sozusagen nirgends diejenige der Österreicher, ausgenommen vielleicht im allerletzten Teil. Die Ausgesetztheit und die Schwierigkeit dieser Wand von 900 Metern Höhe sind sehr viel grösser als in der Matter-horn- und sogar in der Eigernordwand ( wenigstens in dem Teil, den wir kennen, d.h. bis zur Rampe ). Die Sicherung an der Dent Blanche-Nordwand ist sehr viel schwieriger als in den beiden erwähnten Wänden. Die Verwirklichung dieses alten « Eheplanes » wird immer in unseren Herzen lebendig bleiben.

1 In den letzten 34 Jahren hat sich die Wand verändert! An allen Nordwänden beobachtet man eine Austrocknung. Die im Jahre 1932 gemachten Aufnahmen zeigen, dass diese Wand damals viel mehr vereist war als jetzt, was in Anbetracht des Mangels an Rissen und der schlechten Qualität der Felsen ein Vorteil war.

( Aus dem Französischen übersetzt von Nina Pfister )

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