Doldenhorn-Südgrat

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Herrn. Etter

19./20. August 1944Kallnach ) Vom Balmhorn entschwindet eben das letzte Sonnenleuchten, wie wir unter den letzten verkrüppelten Bergtannen auf Waldgrenzenhöhe, unterhalb des Sillerengletschers, Holz zusammensuchen, um unser Biwak, mitten im Fels, heute nacht etwas warm und gemütlich zu gestalten.

Wie kalt und unfreundlich so ein Biwak auf 2500 m sein kann, davon haben wir vor 14 Tagen zu kosten bekommen. Da waren wir erstmals zu unserer langersehnten Kletterfahrt über den Südgrat des Doldenhorns gestartet, Arthur Spöhel, mein bewährter Seilgefährte auf manch schwieriger Fahrt, Ruedi Dietrich, ein Bergkamerad, wie man ihn seiner stets guten Laune und seines Optimismus wegen besser nicht wünschen könnte, und ich. Aber das Wetter, der beste Helfer jeder grösseren alpinen Unternehmung, hatte uns einen Streich gespielt. Wir waren damals kaum 1000 m vom Gasterntal aus linkerseits des Sillernbaches angestiegen, als sich auf den hellen Felsen ein dunkles Tupfenmuster aus Regentropfen abzuzeichnen begann. Unsere Hoffnung, es könnte sich nur um ein kurzes Gewitter handeln, wurde bitterlich enttäuscht, denn bald waren wir in ein Nebelgebräu eingehüllt, das uns kaum den Gefährten erkennen liess. Aus dem Nebel entwickelte sich ein hartnäckiger, anhänglicher Landregen, der ringsum im Gestein unzählige Gerinnsel ins Leben rief und aus uns selbst wandelnde Bäche machte. Das war ganz und gar ungemütlich, und so liessen wir den Gedanken fallen, den Biwakplatz möglichst hoch in den Felsen zu beziehen, und errichteten ihn dort, wo wir ein bequemes Felsdach fanden, das uns wenn auch nicht vor der Kälte so doch wenigstens vor dem stetig rinnenden Nass schützen konnte, auf ca. 2500 m. Um unsere steifen und kalten Glieder zu wärmen, schleppten wir Steine und bauten unserem Felsdach Wände hinzu, ebneten den Boden, tranken zwischenhinein Tee und warteten ab, was das Wetter zu unserer Ausdauer und Beharrlichkeit sagen würde. Im stillen hofften wir damals, Petrus werde unserem Motto gegenüber — « Nicht nachlassen gewinnt » — ein Einsehen haben und in die Symphonie in Grau und Nass um uns herum — in der nur unsere Zuversicht wie ein helles Glöcklein obenausschwang — mit einem kräftigen, säubernden Finale eingreifen. Aber wir drei tropfenden, schlotternden Gestalten zählten scheinbar dieses Mal zu jenen Leuten, denen er 's nicht recht machen konnte. Die stockfinstere, lange und kalte Nacht dann, mit dem eintönigen Rauschen des Regens und der Bäche und dem Schneefall um Mitternacht, die wir mit Teekochen, Pfeifenrauchen und Umherstapfen verbrachten, bleibt wohl jedem von uns in nicht gerade erbaulicher Erinnerung. Darum beladen wir uns heute willig mit Bürden von knorrigemTannen-holz und sind froh, dass die letzte, nach der Regennacht abgebrochene Tour wenigstens das Gute gehabt hat, dass heute ein bequemer, gutausgebauter Biwakplatz auf uns wartet und wir also schon wissen, wo wir unsere Häupter zur Ruhe legen können. Wegen Wetterumschlags brauchen wir diesmal nicht bange zu sein, denn ein Abend, wie er jetzt anbricht, so hochsommerlich schön und klar, kann nichts Ungutes bringen.

Mit den unförmigen Holzbürden auf unsern Rücken steigen wir nun unserem « Felsenheim » entgegen. Seiner prachtvollen Lage werden wir erst heute inne, wo der Himmel sich hoch und weit über uns spannt und in der Sommerabendhelle die Sicht auf die Berghäupter ringsum beglückend ist. Vor uns erheben sich Balmhorn und Alteis. An der Südflanke des Kleinen Doldenhorns zeichnen sich kühne Umrisse mächtiger Felstürme dunkel und lockend gegen den hellen Hintergrund ab. Dort scheint ein ganz unberührtes Kletterdorado zu sein, die Flanke ist bespickt mit Scharten und Türmen, die den kühnsten Kletteransprüchen gerecht würden.

Wieviel schöner ist es doch in unserem luftigen, einsamen Biwak als in vollgepfropfter Klubhütte. Thuri kocht uns « seinen » Tee, derweil das Feuer heimelig und wärmend im Holz knistert. Die freudig-prickelnde Erwartung des Klettererlebens von morgen hält mich wach. Von der Wildelsigenhütte grüsst ein Lichtlein herüber. Wie ungeheuer still die Bergnacht ist! Einzig die ruhigen Atemzüge meiner Kameraden, das Knistern unseres Feuers und das monotone Rauschen und Gurgeln des Sillernbaches sind zu hören. Halb träum'ich, halb wach'ich, während die Stunden in Einsamkeit zerrinnen.

3 Uhr früh ist Aufbruch. Trotz des Feuers sind die Glieder steif und ungelenk, und mehr stolpernd als gehend queren wir im Lampenschein, rechtshaltend, eine kurze Geröllhalde und anschliessend ein Felsband, das uns vom eigentlichen Gletscherkessel trennte. Während ca. 2 1/2 Stunden steigen wir über Platten, Geröll und kurze Schneefelder hinauf und erreichen so, durch ein breites Couloir, das sich leicht schräg nach rechts hinaufzieht, den Einstieg zum ersten Gratturm. Schon gleisst Sonnenlicht auf den Schneegipfeln, vereinzelte Wolken segeln geruhsam und flaumig über unsere Köpfe. Fast senkrecht taucht der Blick hinunter ins hintere Gasterntal. Die vielen Spalten am Kandergletscher sehen aus wie weitgespannte Spinnfäden. Vom Lötschental grüsst das wuchtige Bietschhorn herüber.

Schon der erste Gratabsatz verlangt ganze Arbeit, ist doch der Fels stark verwittert und abwärts geschichtet. Doch Thuri, der alte Hexenmeister im Fels, bewältigt die Stelle mit ruhigem, schönem Klettern. Aber es geht nicht ohne Steinschlag ab. Mit grossen Sprüngen sausen die harten Geschosse über uns hinaus in weite Tiefen. Unsere Hoffnung, in den folgenden Partien gesünderen Fels anzutreffen, wird enttäuscht. Wir müssen mit grösster Vorsicht, aber auch ohne das Tempo zu beeinträchtigen, vorgehen, denn der « Weg » ist noch weit bis zum Gipfel, und wir wissen von der Seilschaft Stösser und Kast, die seinerzeit durch die Südostwand aufgestiegen war und auf den Grat wechselte, dass sie für diese Fahrt zweimal biwakieren musste. Wohl könnten einige Türme mit ein paar Seillängen, linkshaltend, umgangen werden, da der Grat gegen den Sillerngletscher zu weniger steil abfällt. Das hiesse aber unserem Vorsatz, uns immer auf der Gratscheide zu halten und sämtliche Hindernisse zu bewältigen, untreu werden. In flüssiger, zum Teil recht schwieriger Kletterei wird nun Seillänge um Seillänge gemeistert, ständig im Kampf mit dem losen und abwärts gestuften Fels. Die leichtern Gratpartien werden im Eiltempo überwunden.

Nach einem etwa 80 m hohen Steilaufschwung erreichen wir den markanten Turm 3358 vor der grossen Scharte. Der Abstieg von dieser luftigen Warte ist heikel. Durch ein sehr brüchiges Kamin geht es mit Stemmen und Drücken schliesslich über abschüssige Platten zu einem bequemen Rastplatz in der grossen Scharte. Ein kurzer Hock — dann greifen wir die beiden nächsten, nicht sehr hohen, aber schwierigen Türme an. Von der Ostseite her bewältigen wir sie in exponiertester Kletterei.

Vor uns bäumt sich nun ein ca. 4—5 Seillängen hoher Grataufschwung, der, unseres Erachtens, die Schlüsselstelle der Route birgt. Von unserem luftigen Sitz aus suchen drei Augenpaare nach einer Durchstiegsmöglichkeit — irgendeine schwache Stelle musste auch diese Wand bergen. Kaum ist der Angriffsplan gereift, steigen wir rasch mit Hilfe des Seils vom zweiten Turm wieder hinunter in die grosse Gratscharte, von hier ca. eine Seillänge über ein mässig steiles Schneefeld schräg nach links ab bis zu einem anfangs gutgriffigen Felsband, das etwa 10 Meter weiter oben in einen überaus heikein, griffarmen Riss mit kleinem Überhang führt.

Thuri geht den Riss an. Sein erster Versuch schlägt fehl. Nun leistet ihm Ruedi Schulterstand und hilft ihm so, den Riss zu fassen. Er zwängt sich hoch. Der Riss ist eng, links und rechts sind die Griffe abwärts geschichtet. Wir warten voll Spannung. Ganz langsam gleitet das Seil. Immer wieder sucht Thuri nach Griffen. Mit viel Kraftanstrengung und staunenswerter Geschicklichkeit stemmt er sich schliesslich über dieses exponierte, griffarme Wandstück hinauf. Schwierigeres in freier Kletterei ist wohl kaum zu schaffen! Endlich « Nachkommen! » Wir atmen auf, und versuchen nun unsererseits, es dem Vormann gleichzutun. Leicht rechtshaltend, folgen wir dann einem Geröllband bis zu einem fast senkrechten Wandstück, über das wir in herrlich luftiger Kletterei Punkt 3498 erreichen. Bisher hatten wir Neuland unter unsern Kletterpatschen. Hier nun mündete die Route der Seilschaft Stösser-Kast ein. Derweilen ist es Mittag geworden. Der Gipfel des Doldenhorns, unser Ziel, ist in Sicht, allerdings noch mit vielen Hindernissen zwischen ihm und uns. Aber unsere knurrenden Magen verlangen ihr bescheidenes Mittagessen, und kurze Rast tut gut. Welch ein Bergsommertag! Wieviel Leuchten und Glanz die Bergwelt heute birgt! Lauter liebe, vertraute Bekannte erheben sich rings um uns als stolze Felsen und Schneeburgen. Über den leicht gewölbten Rücken des Kanderfirns grüsst die Nordwand des Lauterbrunner Breithorns. Zwischen Kleinem und Grossem Doldenhorn sind Partien im Anstieg. Frohe Jauchzer widerhallen an den Felsen. Über die folgenden Türme, die einander an Exponiertheit und kühn aufragenden Gratabsätzen zu überbieten suchen, hebt nun ein tolles Turnen an. Bei einzelnen Türmen seilt uns Thuri ab und folgt dann als Letzter, oft in verwegenster Kletterei. Seillänge um Seillänge führt uns hinauf, und endlich, um 14.30 Uhr, nach ca. 10 3/4 Stunden zum Teil sehr anstrengender, aber genussreicher Kletterei, erreichen wir den Gipfel. Vivere pericolosamente... wo hätte dies Wort mehr Wirklichkeit als auf solcher Fahrt in unseren Bergen! Etwas vom Gefühl der überstandenen Gefahr liegt im herzhaften Händedruck, den wir nun tauschen, freudig bewegt, dass uns die Fahrt gelungen ist, um so mehr als der Grat in seiner ganzen Länge bisher noch nie durchstiegen wurde. Entspannt und glücklich geben wir uns dem beschaulichen Gipfelhock und dem Rundblick in Sonne, Weite und Bergwelt hin. Vier verschiedene « Wege » bin ich nun schon aufs Doldenhorn gegangen — von diesen ist der heutige der genussreichste — allerdings auch der anstrengendste gewesen.

Im Eiltempo treten wir über die Normalroute den Rückweg an, gelöst und beglückt vom neuen Bergerleben.

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