Drei Beispiele von Leistungsproviant

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON RALPH BIRCHER, ERLENBACH-ZÜRICH

Die Alpinisten haben, was die Verproviantierung betrifft, ihre Erfahrungen gesammelt, und eine bestimmte Verpflegungsart hat sich im Lauf der Jahre bewährt. Im Folgenden soll aber über drei ganz ungewöhnliche Beispiele von sehr verschiedenen und andersartigen Verpflegungsweisen berichtet werden, die unter wissenschaftlicher Kontrolle die Probe seltsamerweise auch bestanden haben.

Zunächst ein Beispiel, das mit Hochgebirge allerdings nichts zu tun hat: Im August 1964 haben 19 Männer über die 500 km weite Distanz von Kalmar nach Stockholm einen 10-Tage-Fastenmarsch ( täglich 50 km ) ohne Nahrung durchgeführt, also ohne Proviant überhaupt. « Verrückt, unsinnig, unmöglich! » sind wir geneigt zu denken, denn wir leben meist in der Meinung, der tägliche Nahrungsbedarf sei pausenlos zu stillen, selbst wenn man nichts tue, geschweige denn bei einer so bedeutenden Marschleistung. Sonst müsse einer doch, so sind wir überzeugt, bald zusammenklappen! Nun, diese 19 Männer von 18 bis 53 Jahren haben es dennoch geschafft, begleitet von einem Labor-Bus und überhaupt unter gründlicher Überwachung und Untersuchung von medizinischen Forscherequipen der Universität Stockholm. Selbst abends unterzogen sie sich nach dem langen Marsch noch den Ergometer- und anderen Proben. Es waren nicht einmal trainierte Sportler und Langstreckengänger, sondern gewöhnliche Männer verschiedener Berufe, vorwiegend « Geistesarbeiter ». Sie verloren auf der Strecke 6,5-8,6 kg Gewicht pro Mann. Das fröhliche, natürliche Auftreten und die offenkundige Lebhaftigkeit der 19 mageren, aber glücklichen Fastengänger am Ziel und die genauen Untersuchungen zeigten, dass alle bei bester Gesundheit waren ". Ist das nicht « verrückt »? Aber doch gut zu wissen! Ob wir in Helvetien dergleichen auch fertigbrächten? Etwas klein - unser Land - für einen 500-km-Marsch. Wie war 's mit einem Zehnpässe-Fastenmarsch?

Auch das zweite Beispiel - man verzeihe mir - hat mit Alpinismus noch nichts zu schaffen: der Marburger Sportstudenten-Versuch von Prof. Dr. med. Karl Eimer ( Zschr. f. Ernährung, Juli 1933 ). Drei gesunde und kräftige junge Sportstudenten mit ausgezeichneten, z.T. sogar Spitzenleistungen, unterzogen sich dem Versuch, der sechs Wochen dauerte und medizinisch und sportwissenschaftlich genauestens kontrolliert wurde.Von Fasten war aber dieses Mal nicht die Rede. Die Nahrungsmenge wurde nicht vermindert ( durchwegs 3100-3200 Kalorien ). Geändert wurde nur die Nahrungs-art, von gekocht auf frisch und roh, von gemischt auf fast nur pflanzlich. Dabei sollten die Leistungen in Dauer-, Kraft- und Geschicklichkeitssport drei Wochen lang durchgehalten werden. « Unmöglich! » ist man wieder zu sagen versucht. In den ersten zwei Versuchswochen trainierten die jungen Sportler bei ihrer gewohnten Gemischtkost ( etwa 100 g Eiweiss, 150 g Fett, 230 g Kohlehydrate, 14%2 g Kochsalz ) auf Bestleistung. Nachdem diese erreicht und stabilisiert war, erfolgte eine unvermittelte Umstellung auf eine völlig ungewohnte Rohkost ( Obst, Gemüse, Nüsse, alles frisch und unerhitzt, mit Beigabe von äusserst geringen Mengen Milch und Ei zum Schmackhaftmachen; Eiweiss von 100 auf 50 g reduziert, Kochsalz von 141 auf 2y2 g ). Die Leistungsproben erstreckten sich auf Rudern, Wasserspringen, Langstreckenlauf und Geräteturnen. Das Ergebnis übertraf alle Erwartungen: in den drei Wochen reiner Frischkost keinerlei Nachlassen der sportlichen Leistungen, teilweise sogar nie erreichte Spitzenleistung! Stoffwechsel in beständigem Gleichgewicht, leicht 1 Die genannten Daten sind in schwedischen Fachblättern und im « Wendepunkt »(Oktober 1965 -8044 Zürich ) nachzulesen.

steigende Stickstoffbilanz ( Eiweissgleichgewicht !), keinerlei Verdauungsbeschwerden, vermehrtes Wohlbefinden.

Praktisch liesse sich solche Verpflegung auf das Hochgebirge natürlich nicht übertragen. Wir sehen aber, dass anspruchsvollste körperliche Leistung auch nach plötzlicher und fast grotesker Umstellung der Verpflegungsweise unvermindert weitergehen kann. Die vielgeäusserte « Weisheit », wonach beim Sport « nur ja keine besondere Ernährungsweise » eingeführt werden darf, ist offensichtlich nicht berechtigt. Wir sehen auch, dass bei knapper Eiweisszufuhr ( 50 g ) beste Leistungen möglich sind.

Die Berner Physiologen Frick und Wislicenus haben einst bei einer Faulhorn-Besteigung gezeigt, dass der menschliche Körper zur Leistung von Muskelarbeit normalerweise kein Eiweiss verbraucht, und Schmid und Roese anlässlich der ersten Hyspa, dass der KalorienbedarfNahrungsbedarf ) um ein Viertel grosser wird, wenn man Eiweiss zur Gewinnung von Leistungsenergie in dem beim Sport üblichen Ausmass mitheranzieht. Sie haben das unter strenger Kontrolle im Vergleich mit 120 Athleten untersucht. In der Folge unternahm dann A. Schmid seinen Hoch-gebirgsversuch. Unter Kontrolle führte er während zweieinhalb Jahren anspruchsvollste alpinistische Leistungen ohne Zwischenrasttage durch, wobei er die Eiweissmenge in seiner Verpflegung niedrig genug hielt, um die Umwandlung von Eiweissbestandteilen in Leistungsenergie möglichst auszuschliessen und die Eiweissverwendung auf Gewebs- und Muskelersatz, Hormon- und Enzym-aufbau zu beschränken. Dazu verwendete er keine eiweissreicheren Nahrungsmittel als Vollkora ( 7-8 % ), also so gut wie keinen Käse, keine Eier und kein Fleisch. Dabei kam nun der grosse, schwere Mann auf eine Norm von nur 2400 Kalorien - statt 3000-3600 - im Tag, und Durst und Schwitzen verschwanden weitgehend, so dass er keine Getränke mehr mitnehmen musste und das Proviantgewicht überhaupt um etwa i/3 vermindern konnte. Dazu steigerte sich der Muskelleistungs-grad laut Untersuchung um 20-30 Prozent, und der Sauerstoffbedarf sank um etwa 10 Prozent, was in grösseren Höhen natürlich sehr zustatten kam. Die Leistungsfähigkeit war optimal, und es zeigte sich vor allem eine ausserordentliche Steigerung von Ausdauer und Erholungsfähigkeit. Die früher unumgänglichen Zwischenrasttage nach mehrtägiger, anstrengender Hochgebirgsleistung konnten wegfallen, weil die Erholung der Nacht genügte, und kurze Pausen konnten längere Rasten ersetzen. Man kann das alles in den Mitteilungen aus dem Gebiet der Lebensmitteluntersuchung und Hygiene des Eidgenössischen Gesundheitsamtes ( XXXIV, 1933 ) sowie in dem kleinen Buche « Bergsteigerkost » ( Deukalion-Verlag, 8044 Zürich, Fr. 2. ) nachlesen, das genauere Proviantvorschläge enthält. Weitere Versuche und Erprobungen haben diese Ergebnisse seither bestätigt. Ich selbst kann mich keiner Versuche rühmen, habe aber unlängst mit 65 Jahren bei solchem Proviant mit meinen Jungen beschwerdelos von Linthal aus den Hausstock « gemacht ».

Nicht eigene Meinungen habe ich hier vorgetragen, sondern Versuchsergebnisse aus der Fachwelt, die in Fachschriften veröffentlicht, aber vielleicht etwas zu wenig beachtet wurden. Es kann nichts schaden, wenn man weiss, was es da für seltsame Möglichkeiten gibt, auch wenn sich jeder auf seine gewohnte Weise weiterverpflegen mag »

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