Drei Eiswände im Spätherbst

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON RUDOLF SAUSER, STEINEN ( SZ )

Mit 2 Bildern ( 101-102 ) Ganz unvermittelt kam uns der Gedanke, dass eigentlich nach einem Schlechtwettersommer die Verhältnisse in Eis- und Firnwänden gut sein müssten.

Am Freitag rufe ich meinen Freund Werner an, ob er Lust hätte für die Doldenhorn-Nordwand. Dies ist sogleich der Fall, und so fahren wir am Samstag nachmittag gemütlich Richtung Kandersteg. Aber an diesem Wochenende ist es für Strassenbenützer nicht einfach, nach dem schönen Dorf zu gelangen. Am Bühlstutz treffen sich die Künstler des Steuerrades zum traditionellen Automobilbergrennen. Die Strecke ist gesperrt, und so sehen wir uns vorerst diesen Anlass an. Es rückt schon gegen 18.30 Uhr, als wir endlich in Kandersteg eintreffen.

Ganz plötzlich liegt Nebel im Tal, und zu allem Übel fängt es ganz fein zu regnen an. Ist's möglich? Schlechtes Wetter? Wir glauben nicht daran und schwingen unsere Säcke auf den Rük= ken. Die Nacht bricht schon fast herein, als wir in zügigem Schritt dem Oeschinensee zustreben. In Nacht und Nebel und ohne Licht huschen wir dem Seelein entlang, bald auf dem Weglein, bald daneben; doch wie der Hang ansteigt, ist es nicht mehr zu übersehen: Der Hüttenwart -Herr Hari - hält es bestens gepflegt. Ob er überhaupt noch oben ist? Wir haben einen Bärenhunger, und gerne liessen wir uns von ihm ein Süpplein kochen. Ganz plötzlich tauchen wir aus dem Nebel... Welch eine Pracht! Über uns wölbt sich ein funkelnder Sternenhimmel, unter uns breitet sich ein Nebelmeer aus, auf das ganz im Westen weissgolden ein feiner Streifen Mondlicht fällt. Rechts von uns, schwarz und unnahbar, erhebt sich die Nordflanke des Doldenhorns, aber auch seinen kühnen Gipfel umspielt bereits das zarte Licht des Mondes. Munter steigen wir das letzte Stück zur Hütte empor. Herr Hari ist noch auf, und der gute Mann erbarmt sich unserer knurrenden Magen. Nach einem währschaften Abendessen und einem darauffolgenden Schlummerbecher gibt es Feierabend; 10 Uhr ist längst vorbei.

Schon kurz nach 2 Uhr beginnt es in der Hütte lebendig zu werden. Eine geführte SAC-Sek-tionsgruppe und einige junge Mädchen und Burschen, die munter im Kandertaler Dialekt plaudern, wollen über den Galletgrat zum Doldenhorn aufsteigen. An meiner Seite jedoch schläft Werni noch wie ein Stein, und nur mit Mühe bringe ich ihn wach. Wie wir zur Hütte hinaustreten, werden wir sofort munter. Die Sterne sind etwas verblasst; dafür lässt der Vollmond die wunderbare Gebirgswelt wie ein traumhaftes Märchenland erscheinen. Links grüssen Blüemlis-alp- und Oeschinenhorn, in der Mitte das Fründenhorn, und rechts ragt das Doldenhorn in den Himmel; aber noch immer im Dunkeln liegt die Wand, unser Ziel. Wie wohl die Verhältnisse sein mögen? Gleich von der Hütte weg geht 's durch Neuschnee. Wir überqueren in der Spur der Galletgratbesucher den Gletscher und steigen rasch dem Gratrücken entlang höher. Ein kleiner Aufschwung mit einer verschneiten Rinne bildet ein kleines Hindernis, und gegen eine halbe Stunde müssen wir warten, bis auch wir an die Reihe kommen hinaufzusteigen. Wie der neue Tag anbricht, trennen wir uns von den Partien vom Galletgrat, wünschen ihnen gute Fahrt und queren etwas mühsam in den Gletscherkessel unter die Wand. Der Schnee ist nicht ganz gefroren; fast bei jedem Schritt sinkt man schuhtief ein. Um 06.30 Uhr gelangen wir an den Bergschrund, den wir leicht auf einer Brücke überlisten können, und schnurgerade steigen wir nun in bestem Firn höher. Nach dem ersten, mässig steilen Teil folgt ein Steilstück zwischen zwei Felsriegeln. Zum erstenmal müssen wir das Seil zur Sicherung gebrauchen. Werni geht voraus; fast wie eine Spinne krabbelt er vor mir her, auf den Frontzacken und mit der Pickelhaue das Gleichgewicht haltend. Wir lösen uns nun gegenseitig in der Führung ab, während die Sonne bereits ihren goldenen Schein auf die umliegenden Gipfel und Grate wirft, ja sogar schon den obersten Teil unserer Flanke beleuchtet, so dass wir uns gar nicht mehr so verloren und winzig vorkommen in dieser Flucht von Eis, Firn und Schnee. Links von uns erkennen wir die Freunde vom Galletgrat, wie sie dem Vereinigungspunkt ihres Grates mit dem Ostgrat zustreben. Für sie dürften die grössten Schwierigkeiten vorbei sein. Für uns hingegen beginnen sie erst.

Im obersten Teil der Wand liegt keine Firnschicht mehr; dunkel schimmert sehr hartes Eis an der Oberfläche; nach jeder Seillänge drehen wir eine Sicherungsschraube hinein. Recht luftig geht es nun eine volle Seillänge auf den Frontzacken höher. Wolkenfetzen umjagen den Gipfel, der Wind pfeift uns um die Ohren; doch nur noch eine Seillänge fehlt bis zum Ziel. Als letztes Hindernis stellt sich eine Schneewächte in den Weg, die sich jedoch ohne grosse Mühe durchbrechen lässt. Der höchste Punkt ist erreicht; die Wand liegt unter uns, ganz in der Tiefe träumt still und ruhig, blaugrün schimmernd, der Oeschinensee, und wir freuen uns über die gelungene Fahrt. Auch die SAC-Mannen mit ihrem Führer erreichen den Gipfel. Manch einer hat schon ergraute Haare; aber welch eine Freude spiegelt sich in ihren Augen, während sie einander die Hand zum Gipfelgruss reichen!

Am 12. Oktober steigen Heiner und ich von Stechelberg gegen das Rottal hinauf. Unsere Freunde Max und Fred sind schon unterwegs, und zur Sicherheit haben sie uns einen Zettel hinterlegt mit der Notiz: « Schaut hinauf zu dieser wunderbaren Flanke der Ebnefluh; da kann man nicht kneifen! » Vorläufig jedoch schwitzten wir wie mitten im Sommer; kein Lüftchen weht, und die Sonne brennt unbarmherzig hernieder - und die beiden Humoristen vor uns stellten mitten in das Weglein eine leergetrunkene Mineralwasserflasche. Wir verwünschen die beiden ins Pfefferland.

Bei der kleinen Quelle, dort, wo das Weglein zur Silberhornhütte abzweigt, gönnen wir uns eine kurze Rast. Über Mürren ziehen schon lange Schatten, bei uns hingegen leuchten die Riesen des Berner Oberlandes - von der Jungfrau über das Breithorn bis zur Blüemlisalp - golden in der Abendsonne. Gewaltig und abweisend muten ihre Nordabstürze an, fast wie eine einzige Mauer aus Fels und Eis, und unwillkürlich müssen wir an jene Männer denken, die sich als erste in diese Wände wagten.

Für mich ist es das vierte Mal, dass ich zur Rottalhütte aufsteige, und auch heute bin ich froh, als das Hüttlein in Sicht kommt Dieser Weg schenkt einem nichts.

Aus dem Kamin steigt ein Räuchlein zum Himmel, das recht Gutes ahnen lässt. Und richtig - wie wir über die Schwelle treten, hantiert Max schon eifrig am Herd. Fred hat geduldig Wasser gesammelt, und schon bald sitzen wir gemütlich beim Abendbrot. Heute können wir das Hüttlein ganz für uns allein beanspruchen, in aller Ruhe unsern Tee schlürfen und manch alte Erinnerung auffrischen.

Max ist der erste, der sich am Morgen um 02.30 Uhr aus den Wolldecken schält. Er tritt unter die Hüttentüre, und aus seinem bekannten « Juhuh » können wir andern schliessen, dass das Wetter nichts zu wünschen übrig lässt. Bald sind wir marschbereit, holpern zuerst über loses Moränengeröll zum Rottalgletscher hinab, ohne Licht, da der Mond hoch am Himmel steht und die wilden, mächtigen Wände rings um den Rottalkessel mit seinem Silberschein beleuchtet. Hie und da huscht ein kleines Föhnwölklein vorüber, und es muss ganz gespensterhaft aussehen, wie wir zwischen Riesenspalten unsern Weg zum Fuss der Ebnefluh-Nordwand suchen. Es liegt bereits ordentlich Neuschnee, die Spurarbeit ist recht mühsam; doch um 6 Uhr überschreiten wir den Bergschrund, und in gutem Firn gewinnen wir nun rasch an Höhe. Unten im Tal verlöscht Lichtlein um Lichtlein, der neue Tag vertreibt die Dunkelheit, ein strahlender Morgen ist erwacht. Wir sind allein an unserem Berg, und es ist so still, dass man unsere regelmässigen Atemzüge hören kann - und hie und da ein dumpfes Grollen unten im Rottalgletscher. Wir steigen nun rechts von einem Eisbalkon steil auf; Eisstellen wechseln mit recht gutem Firn. An einem Eisbuckel wird es so heikel, dass Max nicht darum herumkommt, einige Stufen in das glasharte Eis zu schlagen. Es wird kalt in unserer Flanke, die ganz im Schatten liegt, während die gegenüberliegende Jungfrau im hellen Sonnenlicht erstrahlt. Ich wünsche, bald den Gipfel zu erreichen, um auch vom Sonnenschein erwärmt zu werden. Das Gelände ist jedoch immer noch steil, und eine überhängende Eisbarriere verwehrt den Weg und den Blick zum Gipfel. Wir queren unter diesem Eisüberhang nach links; die Wand legt sich etwas zurück, und über diesem Hindernis steht der Gipfel zum Greifen nah. Max und Fred haben den Kamm schon erreicht; nochmals sehen sie hinab in den düstern Kessel des Rottals, um dann endgültig ins helle Sonnenlicht zu tauchen. Heiner und ich folgen nach; der Gipfel ist erreicht! Was für ein Gegensatz: noch vor Minuten bissige Kälte in dieser Flanke aus Firn, Eis und Schatten - jetzt gleissende Sonne und ringsum all die herrlichen Berge unter einem tiefblauen Spätherbsthimmel! Dankbar und glücklich reichen wir einander die Hände.

Der Abstieg führt uns in langer Gletscherwanderung ins Lötschental, wo Fred um die Mittagszeit plötzlich bemerkt, dass er seine Schlüssel zum Wagen, der in Spiez bereitstehen würde, im zweiten Auto in Stechelberg vergessen hat...

Eine Woche später sind wir wieder unterwegs ins Berner Oberland. Am Brünig fallen die goldfarbenen Blätter des schönen Buchenwaldes; es dürfte heuer wohl endgültig unsere letzte Bergfahrt werden. Zum Abschluss möchten Sigi und ich noch der Blüemlisalphom-Nordwand einen Besuch abstatten. Die Tage sind kürzer geworden; es dunkelt bereits, als wir um 17.45 Uhr in Griesalp Richtung Hohtürli abmarschieren. Auf dem Wegweiser sind 4%2 Stunden Marschzeit angegeben, aber ich hoffe im geheimen, dass dies nicht ganz stimme. Wir durchwandern die schönen Tannenwälder auf einem breiten Bergweg, der dann rasch höher steigt, die Waldgrenze verlässt und an der Bundalp vorbeiführt. Wie ausgestorben stehen die Alphütten da, mit geschlossenen Fen- sterläden, da die Bewohner längst ins Tal hinuntergezogen sind. Vor uns liegt der langgezogene Hang zum Hohtürli. Keiner von uns ist diesen Weg schon gegangen, so dass wir in der stockdunklen Nacht recht gut auf das hartgefrorene Weglein achtgeben müssen. An den Gipfellichtern des Niesens und des Schilthorns können wir erkennen, dass wir schon recht an Höhe gewonnen haben. Im Schlussteil zum Passübergang liegt schon schuhhoch Neuschnee, und nach der letzten, recht mühsamen Wegstrecke stehen wir um 20.45 Uhr ganz unvermittelt auf dem Hohtürli. Weit unten in Kandersteg grüssen einige Lichter, doch in der Richtung der Blüemlisalphütte ist es dunkel. Ob wohl niemand dort oben ist?

Nur noch der Winterraum ist offen; die Türe knarrt fürchterlich, doch die kleine Stube scheint belegt zu sein. Aus dem Schuhwerk zu schliessen, sind es Passwanderer, die sich bereits zum Schlafen gelegt haben. Darum veranstalten wir kein grosses Gelage, sondern suchen auch unseren Schlafplatz auf.

Am Morgen - es ist noch dunkel wie in einer Kuhhaut - spuren wir gegen den Fuss der Wand. Haben wir bei den vorhergehenden Besteigungen stets den Mond mit Glück einberechnet, so sind wir diesmal völlig sorglos drauflosgegangen und stehen nun, wie die Ochsen am Berg, in der Nähe des Einstieges, in der Dunkelheit ganz knapp einige Eistürme und Balkone erkennend. Aber wo beginnen, wo den Durchstieg finden? Dafür muss es erst Tag werden. Also graben wir kurzerhand ein Loch in den Schnee, Sigi zieht einen Biwaksack hervor, und wir verkriechen uns ins Schneeloch, um sogleich einzuschlafen.

Der neue Tag bricht an, als wir eine Stunde später wieder erwachen. Rasch werden unsere starren Glieder wieder beweglich, wie wir im hohen Schnee zum Einstieg stapfen. Die grösste Schwierigkeit des Anstieges scheint darin zu bestehen, auf den ersten Eisbalkon zu gelangen. Wir entschliessen uns, gleich gerade über die erste blankblaue Stufe einen Weg zu suchen. Zuerst und solange wie möglich steigen wir, gut gesichert, auf den Frontzacken höher, dann muss ich einige Stufen schlagen. Doch nach zwei solchen Seillängen stehen wir bereits über diesem Hindernis. Sigi erdreistet sich sogar zu der Bemerkung, dies sei ja nur mehr ein Skigelände. Dafür müssen wir jetzt aber auf einige tückische Schründe und Spalten aufpassen, die durch den feinen, vom Wind ständig verfrachteten Pulverschnee mit dünnen, trügerischen Brücken überdeckt sind.

Die ganze obere Hälfte der Flanke hingegen schimmert spiegelglatt. Haben wir uns denn heute mit allem verrechnet? So viel Blankeis? Nun, wir werden ja sehen! Die Wand wird wieder steiler. Bald auf der einen, bald auf der andern Seite gibt es herrliche Eisabbrüche und Türme zu bewundern, und nun können wir erkennen, dass das vermeintliche Blankeis aus Firn besteht, der von einer ganz dünnen Eisschicht überzogen ist, was nach unserer Ansicht nur ein Wärmeeinbruch mit anschliessender starker Abkühlung verursacht haben kann. So gewinnen wir rasch an Höhe, da wir gleichzeitig steigen können. Bei den letzten Seillängen aber tritt doch noch Eis an die Oberfläche, das uns wieder zur Seilsicherung zwingt. Manchmal kracht es ganz ungemütlich in dem spröden Eis beim Eindrehen der Sicherungsschrauben. Am Grat zur Weissen Frau hängen Schneefahnen, die auch auf der Blüemlisalp keine ausgiebige Gipfelrast erwarten lassen. So fällt unser Besuch auf diesem Gipfel etwas kurz aus; aber noch einmal wollen wir die vielen Berge, vom fernen Mont Blanc bis zu den Riesen des Wallis und zu den umliegenden Gipfeln und Graten des Berner Oberlandes, grüssen. Wie viele schöne Stunden durften wir schon in diesem Reich aus Fels und Eis erleben!

Glücklich über unsere letzte Bergfahrt des Jahres steigen wir über den windumjagten Westgrat ab, und von unserm Schneeloch aus schauen wir nochmals hinauf zur Blüemlisalp und zu der feinen Spur gipfelwärts.

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