Drei klassische Kletterrouten in den Ampezzaner Dolomiten

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Mit 2 Bildern ( 101, 102Von Charlotte Brleden

Südwand des Torre Grande: Mirjamroute — Kante der Punta Fiammes — Kleinste Zinne: Preuss-Riss ( Riehen ) Südwand des Torre Grande: Mirjamroute An einem der wenigen schönen Tage, die uns zu Beginn des Juli 1948 beschieden wurden, stieg ich mit dem Cortineser Führer Celso Degasper von der Falzarego-Paßstrasse gegen das Rifugio Cinque Torri. Steil führte der Weg am Berghang hinauf durch leuchtend rote Alpenrosen, beschattet von dunkeln Föhren und schön gewachsenen Lärchen. Nach einer kurzen Stunde erreichten wir die hochgelegene Ebene. Mitten aus dem harmlosen Alpgelände erheben sich die eigenartigen Felstürme dèr Cinque Torri ( Fünf Türme ). Wild ragen sie empor, gleich Überresten einer riesenhaften Burg, zernagt und zersägt vom Zahn der Zeit. Links erhebt sich der an Grosse alle überragende Torre Grande ( 2366 m ) mit seinen jäh emporschiessenden Wänden, und auf der äussersten Rechten steht, von den andern getrennt, der zierliche Torre Inglese. Zwischen diesen beiden ist ein wirres Chaos von Türmen und Felsklötzen. Ein unvorstellbarer Klettergarten I Von der leichtesten Kletterroute bis zur schwersten ist jede Stufe reichlich vertreten.

Über die mit Blumen übersäte Alp lenkten wir unsere Schritte gegen das am Südfuss des Torre Grande erbaute Berghaus ( 2173 m ). Da schaute ich fast etwas zaghaft hinauf zur Südwand des Turmes. Gewaltig schwingt sich diese empor. Gelb leuchtet ihr Gestein, und weit vorspringende Überhänge werfen dunkle Schatten. Mit den Augen folgten wir der Aufstiegsroute, die nach der Erstbesteigerin « Via Mirjam » genannt wird.

Über ein steiles Grasbord gelangten wir an den Fuss der Wand, wo wir die üblichen Vorbereitungen trafen.

Gleich zu Beginn erwartete uns die schwerste Stelle: ein ÜberhangI Noch standen die Füsse auf dem weichen Gras, während die Finger an dem glatten unverwitterten Gestein nach Halt suchten. Schon beim nächsten Schritt schien der Überhang uns von sich stossen zu wollen. Hart war seine Überwindung, zumal die Finger noch nicht erwärmt, die Glieder nicht gelockert waren. Auf dieses Hindernis folgte eine fast senkrechte Wandstufe mit kleinen Griffen und Tritten, dann wichen wir etwas nach rechts aus und erreichten über leichteres Gelände die grosse Traverse, in halber Höhe der Wand. Unter einem Überhang, der fast waagrecht weit über die Wand vorspringt, querten wir nach links. Senkrecht unter uns war nichts von der Wand zu sehen. Erst das Grün der Grashalde bot den Blicken Halt. Dort hatte sich eine sonntägliche Menge von Touristen eingefunden, die sich im warmen Sonnenschein auf Steinblöcke gesetzt hatte, um dem « Klettertheater », das sich in dieser Südwand abspielte, zuzusehen. Über uns dröhnten wuchtige Hammerschläge. Zwei junge Männer von Cortina suchten nach einer neuen Variante; und weiter links schlosserten zwei Dreierpartien unermüdlich seit der ersten Morgenhelle, um den überhängenden Teil der Wand senkrecht zu bezwingen. Alles was sich in dieser Wand abspielte, wurde von den fröhlichen Zuschauern mit lauter Stimme kommentiert.

An der Stelle, wo Wand und Überhang sich in einem rechten Winkel berühren, zieht sich ein kleiner Spalt dem Überhang entlang. In diesem fanden die Finger guten Halt, aber für die Füsse hatte die Wand nur spärliche Tritte zur Verfügung, und mit grösster Vorsicht traversierten wir die Stelle. Gleich neben dem Überhang zieht sich ein leicht nach links geneigter Riss, dessen untere Kante etwas vorsteht, steil durch die Wand empor. An dieser Kante stiegen wir aufwärts, schauerlich ausgesetzt. Allmählich verjüngt sich diese anfänglich ziemlich breite Kante und wird dann so schmal, dass man sich mit den Füssen an der glatten Wand versperren und sich mit den Händen hinaufziehen muss. Wenig später erreichten wir ein kleines Absätzchen. Von hier durchstiegen wir zuerst etwas rechts und dann in senkrechter Linie die Wand. Drei Sicherungshaken sind in dieses Wandstück geschlagen, in die Degasper mit geübten Fingern die Karabiner einklinkte Ein enges Kamin, zu eng um darin zu klettern und sehr stark ausgesetzt, bildet den Abschluss dieser Wandstufe. Unheimlich klein waren hier wieder Griff und Tritt; mit aller Kraft pressten sich die Fingerspitzen auf die Unebenheiten des grauen Steins, während die Zehen vorsichtig, sich auf die Reibung der Kletterschuhe verlassend, in den kleinen Tritten Stand fassten. Nur durch behutsames Höherschieben liess sich diese Stelle überwinden und ein offenes Couloir erreichen, durch das wir in guter Kletterei, aber unentwegt steil und exponiert, auf eine kleine Terrasse gelangten, wo sich Mirjamweg und Normalroute vereinigen. Mittlerweile hatten die beiden jungen Italiener über ihre Variante den Gipfel erreicht, und ein jubelndes « Finito! Finito! » verkündete ihren Sieg und hallte über alle Türme.

Wir setzten uns auf die Terrasse; denn wir nahmen als sicher an, dass diese beiden jungen Kletterer in ihrer Siegesfreude keine Rast auf dem Turme abhalten würden. Tatsächlich sahen wir sie nach wenigen Minuten durch den Kamin der Normalroute abwärts turnen und über eine griffige Traverse auf unseren Absatz kommen. Welche Freude lag auf ihren erhitzten Gesichtern, welch lachendes Glück leuchtete aus ihren Augen! Mich begrüssten sie mit einem höflichen « good morning », nicht daran zweifelnd, eine emanzipierte Angelsächsin, sei sie von diesseits oder jenseits des Ozeans, vor sich zu haben.

Nach diesem netten Zwischenspiel setzten wir unsern Weg fort und gelangten nach dem luftigen Quergang in den Kamin, der uns in angenehmer Kletterei auf den Gipfel des Torre Grande brachte, der einer Plattform gleicht, von der nach allen Seiten die Wände steil abfallen.

Die Herrlichkeit der Gegend, die man von dieser hohen Warte übersieht, kann durch Worte kaum wiedergegeben werden. Eine Landschaft von faszinierender Pracht liegt vor einem. Zu Füssen zieht sich das weisse Band der meisterhaft angelegten Dolomitenstrasse durch grüne Alpen und lichte Lärchenwälder gegen Cortina d' Ampezzo ( 1224 m ), das sich in eine weite, offene Tal- mulde schmiegt, umgeben von einem Kranz bezaubernd schöner Berge. Zur Linken erhebt sich die gelbe Wand der Tofana di Roces ( 3225 m ), der Gipfel von blendendem Schnee bedeckt. Jenseits von Cortina wachsen die schönen Felskuppen von Cristallo ( 3210 m ) und Sorapis ( 3205 m ) aus unergründlichen Tannenwäldern in den strahlenden Himmel empor. Und zwischen diesen beiden blicken die zahlreichen schlanken Zinnen der Cadini di Misurina ( 2839 m ) über die Alpen des Tre-Croci-Passes ( 1809 m ). Zur Rechten stehen die fast zierlichen und senkrecht aufstrebenden Zacken der Croda da Lago ( 2715 m ), wie zu Stein erstarrte Ritter mit Lanzen, und daneben die bizarr geformte Felsgruppe des Becco di Mezzodì. Es ist zu viel, viel zu viel! Keine Worte können die Anmut dieser Gegend ausdrücken. Unbeschreiblich ist die reich gestufte Farbigkeit der hellen Kalkfelsen in der Sonne, ist die Mannigfaltigkeit der Gipfelformen, ist der farbige Dunst der Fernen und das weiche Grün des jungen Sommers!

Der Torre Grande besteht aus drei Türmen, die sich aber so eng aneinander schmiegen, dass es von unten nicht möglich ist, sie zu unterscheiden. Die von uns gewählte Abstiegsroute vollzieht sich im « Innern des Berges », scheint doch der mächtige Felsklotz bis tief in die Erde hohl zu sein, wodurch die Abgründe in ihrer unergründlichen Finsternis unheimlich und drohend erscheinen. Beklemmende Düsterkeit herrschte in den uns umgebenden Steinwänden. Hohe Kamine wechselten mit Traversen über schwarzen Abgründen. Der Abstieg bot aber keinerlei besondere Schwierigkeiten. Als wir am Fusse des Turmes aus dem kühlen Schatten in das helle Sonnenlicht traten und uns auf das warme Gras setzten, um die Schuhe zu wechseln, war mir, als ob ich einen Blick in ein märchenhaftes Wunderland getan hätte.

Kante der Punta Fiammes Hinter den letzten Häusern von Cortina d' Ampezzo ( 1224 m ) steigt der Talboden gegen Norden allmählich an. Während liebliche Alpen mit lichten Lärchenhainen und dunkeln Föhrenwäldern wechseln, nimmt die Steilheit zu, und unvermittelt wachsen aus dem weichen Grün die hellen Felswände des Pomogagnon, eines Felszuges, der als mächtiger Wall Cortina gegen Norden abschliesst. Sein westlichster Gipfel, die Punta Fiammes ( 2297 m ), ragt in schwindelerregender Steilheit empor; und wenn die untergehende Sonne die Spitze mit leuchtendem Îlot übergiesst, verwandelt sie sich in eine riesengrosse Flamme.Vom Gipfel fällt eine kühn vorspringende Kante, die die Südwand mit einer scharfen Linie begrenzt. Unmittelbar rechts der Kante, zwischen Punta Fiammes und Punta della Croce, zieht sich ein gigantischer Riesenkamin mit ungeheurer Wildheit bis zu den Tannen hinab.

Über diese Kante wollten wir die Punta Fiammes besteigen.

Zwischen kleinem Krummholz hielten wir Rast, um die Schuhe zu wechseln. Vor uns lag Cortina, in die grüne Mulde geschmiegt, und hinter uns schwang sich die Südwand der Punta Fiammes scheinbar unermesslich in den klaren Morgenhimmel hinein.

Zuerst folgten wir der Aufstiegsroute durch die Wand, dann verliessen wir sie und traversierten auf einem breiten Band nach rechts, das uns mühelos an das untere Ende der Kante brachte. Dort schweiften die Blicke über die phantastische Kante, bis sie sich im Blau des Himmels verloren.

Unmittelbar links der Kante kletterten wir ungefähr 40 m beinahe senkrecht empor. Überaus kleingriffig ist der Stein, und spärlich nur finden sich kleine Sicherungsplätze. Degasper kletterte meistens das ganze 42-m-Seil aus, bis er ein kleines Absätzchen finden konnte. Diese Sicherungsplätze waren aber meistens so klein, dass er sie bei meinem Eintreffen wieder verlassen musste, boten sie doch kaum Platz für eine Person. Auf einer steilen Platte querten wir über die Kante und folgten ihr zur Rechten, um sie dann unter einem gelben Abbruch auf einer plattigen Felskanzel wieder zu betreten. Welch unheimlicher Tiefblick! Über uns wölbte sich der Abbruch der Kante als glatter unver-witterter Überhang, dessen gelbe Farbe warm und freundlich anzusehen war, dessen Aufbau mir aber so viel Mühe bereitete. Den einzigen Griff für die rechte Hand bot die Kante eines senkrecht verlaufenden Risses, aber auch diese war vollkommen glatt, und nur die Reibung der darauf gepressten Hand vermittelte den Halt, während die Fingerspitzen der Linken sich in kleine Unebenheiten krallen mussten. Ebenso klein waren auch die Tritte, die den Namen « Tritt » nicht mehr verdienten. Ein Sicherungshaken leistete seinen Dienst auch als Griff und Tritt, doch auch ihn musste ich verlassen, höher steigen, während ich scheinbar von der gelben Wand erbarmungslos gegen den schauerlichen Abgrund weggestossen wurde. Fast verzweifelt suchten die Augen nach neuen Unebenheiten, denn schon schlich sich die Müdigkeit in die Glieder und liess mit unerbittlicher Grausamkeit die Kraft erlahmen. Behutsam schob ich mich höher, auf die Reibung der dünnen Sohlen vertrauend, langsam höher, bis der Fels sich zurücklegte und der Überhang besiegt war. Nun erhoben sich vor mir mehrere Rinnen, die von übereinandergeschobenen Riesenplatten gebildet wurden. Meistens war Degasper schon nach wenigen Metern meinen Blicken entschwunden, so dass ich nicht sehen konnte, wo und wie er geklettert war; und erst kurz vor den Sicherungsplätzen bekam ich ihn wieder zu Gesicht. Die äusserste Rinne rechts schien mir die praktikabelste zu sein, und sie war es auch bis zur halben Höhe. Hier wurde der Fels vollkommen glatt, und ich musste nach links in die nächste Rinne traversieren. Nun waren Griff und Tritt wieder so klein, dass ich befürchtete, die kleinste Erschütterung genüge, um dem spärlichen Halt gefährlich zu werden. Gefährlich, denn wir befanden uns Hunderte von Metern über dem dunkeln Walde in schwindelnder Höhe.

Die grösste Schwierigkeit der nächsten Stelle bot ein oben überhängender Kamin, der zum Stemmen zu eng war und auch nicht das kleinste Absätzchen sein eigen nannte. Die Schulter fest in den Kamin gepresst, mit Knie und Fuss versperrend, schoben wir uns höher, bis der Griff, an welchem wir uns in die luftige Wand hinausziehen mussten, ausserhalb des Kamins erreicht werden konnte. Nun durchstiegen wir mehrere Kamine und gelangten wenige Seillängen unterhalb des Gipfels auf eine Gratterrasse, setzten uns auf den sonnenwarmen Stein, eine wohlverdiente Ruhepause einschaltend und die herrliche Aussicht bewundernd. Fast 1000 Meter tiefer lag Cortina, umgeben von seinen Bergen.

Kurz nach unserm Ruheplatz erwartete uns das letzte schwere Hindernis. Von der kleinen Terrasse führt ein schmales Band gegen den schaurig wilden Riesenkamin zwischen Punta Fiammes und Punta della Croce. Diesem Bande folgten wir wenige Meter, um dann ein kurzes beinahe überhängendes, abwärts geschichtetes Wandstück zu erklimmen und anschliessend wenige Meter nach rechts zu traversieren. Nachdem wir auch dieses Hindernis glücklich überwunden hatten, ahnten wir allmählich die Nähe des Gipfels; der Fels legte sich mehr zurück, wurde gestufter. Wir kamen rascher höher, und der erste kühle Windhauch grüsste uns. Nach zwei leichteren Kaminen betraten wir den Gipfel.x Herrlich schöne Dolomitenkletterfahrten! Unsagbar schöne Dolomitenlandschaft! Weit tun sich die Fernen auf, vertraute Berge grüssen von allen Seiten. Die Punta Fiammes ist ein stolzes Bollwerk; fast hermetisch schliesst sie, zusammen mit ihren östlichen Nachbarn, das Tal von Cortina gegen Norden ab. Durch eine enge Schlucht zwischen Punta Fiammes und Col Rosa zieht sich das weisslich blaue Band der wild rauschenden Bojte dem offenen Talkessel entgegen. Tiefe Täler, in welchen weder Häuser noch andere von Menschen errichtete Werke zu sehen sind, erstrecken sich in düsterer Einsamkeit zu Füssen schroffer, wilder Berge, die sich stolz und unnahbar jenseits des gewaltigen Felsriegels erheben. Aber nicht die finstere Majestät des Nordens hält den Blick gefangen, sondern die lachende Weite des Südens, denn dort grüssen mitten aus dem Alpgelände die Cinque Torri, daneben die wilden Zacken der Croda da Lago, der bizarr geformte Becco di Mezzodì und wie sie alle heissen, die unendlich vielen hellen Felsgestalten, die aus dem dunkeln Waldesgrün emporwachsen, sich zu einem vollendet schönen Bilde vereinigend, eingerahmt von den mächtigen Felskuppen der Tofana und des Sorapis.

Ein Träger hatte Rucksäcke und Schuhe über die Normalroute auf den Gipfel getragen, und der freundliche Mann hatte alles fein säuberlich ausgebreitet und mit Steinen beschwert. Der Anblick dieser Sachen erfüllte mich mit Wehmut, war doch eine meiner allerschönsten Kletterfahrten zu Ende. Heute war nicht der Gipfel unser Ziel gewesen, sondern der Weg, der zu ihm führte, und während sich diese grandiose Kante als unvergessliches Glied in die teure Kette der Erinnerungen einreihte, schmerzte mich das unerbittliche: Vorbei!

Auf der Nordseite stiegen wir abwärts, zuerst über Schrofen, dann auf einem kleinen Weg gegen die Forcia di Pomogagnon, von wo ein grosser Geröllkar zwischen mächtigen Felswänden gegen Süden abfällt. In dem steilen Geröll kamen wir rasch tiefer. Wie mit Hohlspiegeln wurden die Sonnenstrahlen vom hellen Gestein reflektiert, und die Hitze steigerte sich ins Unerträgliche, zumal nicht der leiseste Windhauch zu spüren war. Fast betäubt von dieser Glut eilten wir den schattenspendenden Tannen entgegen. Durch niederes Krummholz erreichten wir den lichten Lärchenwald. Unsagbar schön war das helle Grün der hohen Bäume und das satte Grün des kurzen Grases, das als weicher Teppich den ganzen Boden bedeckte und hell aufleuchtete, wo es von den goldenen Sonnenstrahlen geküsst wurde, die sich Die Alpen - 1949 - Les Alpes30 w*w$ durch das Geäst stahlen und ein traumhaftes Licht in den wundervollen Hain brachten. Andächtig verlangsamten wir unsere Schritte, überwältigt von so viel märchenhafter Pracht. Ohne Weg und Steg gingen wir abwärts mitten durch den Wald, und als wir aus ihm heraustraten, blieben wir geblendet stehen. Vor uns lagen grosse Wiesen. Tausend und abertausend Blumen leuchteten in allen Farben. Mitten durch das bezaubernde Blumenmeer, mitten durch den Duft des sommerlichen Blühens und mitten durch.den hellen Schein der Junisonne lenkten wir unsere Schritte Cortina entgegen.

Kleinste Zinne: Preuss-Riss Die ersten Sonnenstrahlen röteten allmählich die höchsten Gipfel, als ich mit Celso Degasper das noch schlafende Cortina d' Ampezzo ( 1224 m ) verliess und die zahlreichen Kurven der prachtvollen Paßstrasse zum Passo Tre Croci ( 1809 m ) hinauffuhr. Weisslich glänzte das taufrische Gras, und geheimnisvoll standen die hohen Lärchen auf den Alpweiden. Noch fiel kein Sonnenstrahl auf die Passhöhe, und jenseits des Passes erstreckten sich die Täler von Auronzo und Misurina im tiefsten Schatten, während rechts und links die Felswildnis des Sorapis ( 3205 m ) und Cristallo ( 3210 in ) im zartesten Sonnenglanz erstrahlten. Es war ein wundervoller Morgen. Es wurde empfindlich kalt, als wir mit gedrosseltem Motor gegen Misurina ( 1730 m ) fuhren. Aber ein Septembermorgen in den Dolomiten ist so zauberhaft schön, dass keine noch so bissige Kälte uns hätte zwingen können, das Verdeck zu schliessen. In Misurina war kein Mensch zu sehen. Hinter den geschlossenen Fensterläden der Hotels träumten die Feriengäste, und der kleine See lag regungslos, als ob auch er noch schliefe.

Bei den letzten Häusern mussten wir die gute Dolomitenstrasse verlassen, um einer während des ersten Weltkrieges erbauten, an Kurven und Steinen reichen Bergstrasse zu folgen, zuerst in der Talsohle durch dunkeln Föhrenwald, dann am steilen Berghang hinauf in die sonnige Höhe.Von der noch tief stehenden Sonne geblendet, hielten wir vor dem Rifugio Principe Umberto ( 2320 m, von der jungen Republik durch den Namen « Longeres » demokratisiert ), einem grossen, aus Stein gebauten Haus am Südfuss der Drei Zinnen. Herrlich ist die Aussicht! Unsere Blicke hingen voll Bewunderung an dem grossartig stolzen Bau der Cadini di Misurina ( 2839 m ). Was für wilde Zacken und schauerliche Breschen! Links von dieser Felsgruppe liegt das tiefe Tal von Auronzo ( 827 m ), in dem zwei hellgrüne Seen wie Edelsteine glänzen, während rechts davon der kleine See von Misurina blaut, umgeben von unzähligen Felsgipfeln. Weiter nach rechts schweift das Auge, vorbei an der Cristallogruppe und hinüber zu den aus dem dunkelgrünen Tale von Carbo-nin leuchtend rot in das Blau des Morgenhimmels emporwachsenden Felsen der Croda Rossa ( 3139 m ). Von den Drei Zinnen, diesen einmaligen Felsgestalten, sind nur die etwas abgedachten Südseiten der Westlichen und der Grossen Zinne ( 3003 m ) zu sehen. Die Kleine Zinne ( 2856 m ), bestehend aus drei Gipfeln: Kleine Zinne, Punta Frida und Kleinste Zinne, wird von der Grossen Zinne verdeckt. Am Fusse dieser königlichen Felsgruppe führt ein guter Fussweg durch das helle Geröll, hoch über dem Tale di Lavaredo.

Diesem Pfade folgten wir: er führte zuerst an der Grossen Zinne vorbei, beschreibt einen grossen Bogen nach links und führt um die eigenartig steil gebaute Kleine Zinne mit ihren Trabanten, Punta Frida und Kleinste Zinne, hinauf zur Forcla di Lavaredo ( 2457 m ). Aus diesem Sattel bekommt man die weltberühmten Nordwände der imposanten Zinnen zu sehen. Der Eindruck dieser phantastischen, senkrechten und vollkommen glatten Wände ist überwältigend. Kein Sonnenstrahl gestaltet diese grauen Wände freundlich, sie ragen kalt und abweisend Hunderte von Metern empor. ( Nordwand der Grossen Zinne ca. 600 m. ) Unvorstellbare Wirklichkeit I Durch die schmale Nordwand der Kleinsten Zinne zieht sich ein senkrechter Kamin, gleich einem gigantischen Riss. Dieser Kamin war unser heutiges Ziel, dort war der Weg, der uns auf die Kleinste Zinne führen sollte.

Über leichtes Geröll und Schrofen gelangten wir an den Fuss eines kleinen Vorwerkes, das gleich seinen grossen Nachbarn jäh aus dem Geröll emporschiesst. Unter einem vorspringenden Stein deponierten wir Schuhe und Rucksäcke. Nur wenige Stückchen Zucker steckten wir neben Hammer und Karabiner zu uns; alles übrige wurde zurückgelassen. Auf einem breiten Band querten wir nach rechts und durchstiegen die Wand des kleinen Vorwerkes bis zu seinem Gipfel, von wo wir, einige Meter absteigend, eine gute Plattform erreichten. Vorwerk und Kleinste Zinne sind durch einen tiefen Einschnitt getrennt, den wir von dieser horizontalen Platte aus mit einem kleinen Sprung auf eine Terrasse, in der Wand der Kleinsten Zinne, überspringen konnten. Dieser Absatz zieht sich als schmales Gesimse nach rechts. Äusserst vorsichtig folgten wir demselben; denn jeder Schritt brachte uns mehr und mehr in die schaurige Steilheit der glatten und grifflosen Nordwand. Wenig später standen wir in der Fallirne unter dem Riesenkamin. Die Eintönigkeit der Wand wird hier durch einen ca. 10 m hohen Riss unterbrochen, der sich zuerst lotrecht, später leicht nach links geneigt, emporzieht. Eigentlich ist es eine Verschiebung des Gesteins, die linke Wandseite hat sich, gleich einer Riesenplatte, über die rechte geschoben. Unmittelbar rechts des Risses durchsteigt man die überaus schwierige Wand bis da, wo der Riss sich etwas nach links neigt, und folgt dann demselben, nicht weniger schwer, bis zu einem kleinen Absatz. In die ersten paar Meter sind drei Sicherungshaken geschlagen, und Degasper klinkte für meine Sicherung drei Karabiner ein, als er dieses Wandstück vollkommen sicher durchkletterte, eines der schwersten, ohne « Schlosserei » erkletterbaren Wandstücke. Über diesem Absatz setzt der 170 m hohe Kamin an. In seinen unteren Partien ist es möglich, durch Klettern höher zu kommen, wogegen in den oberen der grifflose Kamin nur noch ein Höherkommen durch Stemmen erlaubt. An einigen Stellen gebietet er Halt und zwingt zum Aussteigen. Nicht nur das Aufrichten aus der Stemmstellung längs des glatten Steins, sondern auch die kleine Traversierung, bis man einen sichern Griff ausserhalb des Kamins erreichen kann, waren sehr schwer, zumal die Ausgesetztheit mit jedem Meter, den wir an Höhe gewannen, immer eindrucksvoller wurde. Doch in der Wand selbst konnten wir nicht höher kommen. Wir mussten in den Kamin zurück und weiter stemmen, stemmen... Aber das Allerschwerste war der letzte Ausstieg aus dem Kamin. Tief gräbt sich der ungeheure Riss in den Felsturm. Einen kleinen Sicherungsplatz tief im Innern verlassend, stemmt man sich vorerst beinahe waagrecht bis an die Kanten. Hoch oben an der Kleinsten Zinne, eingeklemmt, mit Füssen und Rücken versperrend, ist der Tiefblick schauderhaft und die Ausgesetztheit unbeschreiblich. Der Blick fällt senkrecht in das weit unten liegende hellgraue Geröll, und es bleibt sich gleich, ob man an der dem Berge zugekehrten Körperseite vorbeischaut oder an der Aussenseite. Auf beiden Seiten nichts als Luft, Luft zwischen Himmel und Erde! Man stemmt sich höher und erreicht einen kleinen Tritt, auf welchem man sich um 180° drehen muss, um weiter aussteigen zu können. Nach wenigen Metern wird der Kamin sehr eng. Als ob der Berg sich an den Menschen, die ihn in seiner unendlichen zeitlosen Ruhe stören, rächen möchte, häuft er ein reichlich Mass von Unangenehmem in das oberste Stück des Kamins. Einmal wird dieser soweit, dass der Kletternde tatsächlich zum « Brückenbauer » wird, um dann wieder so eng zu werden, dass das Höherkommen bei den winzigen Griffen und Tritten sehr viel Mühe bereitet. Nach dieser engen Passage steigt man aus dem Kamin, traversiert einige Meter nach rechts, unsagbar exponiert, und durchsteigt dann in der Fallirne das letzte Wandstück.

Voll Ehrfurcht gedachten wir des Erstbesteigers, P. Preuss. In diesen kalten Felsen hat er zweimal biwakiert, nicht wissend, ob der Berg ihn bis zum Gipfel vordringen lässt, oder ob er ihn zu einem nicht auszudenkenden Rückzug zwingen werde.

Fast unvermittelt legt sich die Wand zurück, und in wenigen Minuten erreichten wir, nun über leichteres Gelände, den verwitterten Gipfel des Turmes.

Doch jetzt gab es keine Gipfelrast. So schön der Morgen gewesen war, so bedenklich war die Mittagszeit. Von Südosten kamen dunkle Wolken und verdeckten schon das Tal von Auronzo, während noch im Norden aus weiter Ferne über unzählige Gipfel die weissen Spitzen von Gross Glockner und Gross Venediger grüssten. Wie von den andern Zinnen ist auch die Aussicht von der Kleinsten Zinne grossartig. Im Vordergrund erheben sich die mächtigen Felsgruppen des Schwalbenkofl und der Dreischusterspitze, weiter östlich Elfer und Zwölfer.

Ohne uns aufzuhalten, stiegen wir in westlicher Richtung ab. Doch bald fallen auch hier die Wände jäh zu Tal; und nachdem wir uns zweimal über die steilsten Stellen abgeseilt hatten, erreichten wir eine Einsenkung zwischen Kleinster Zinne und Punta Frida. Von. diesem Einschnitt fällt ein enges Couloir steil hinab bis zum Geröll. Bei Regen sammelt sich das Wasser der angrenzenden Wände in diesem nach Süden offenen Couloir, und das sonst vollkommen trockene Couloir verwandelt sich in kürzester Zeit in ein Bachbett, in welchem das Wasser, Tausende von Steinen mit sich reissend, tosend von Absatz zu Absatz stürzt und zu einem gigantischen Wasserfall anwächst. Mit grösster Eile strebten wir abwärts, denn durch dieses Couloir führt die einzige Abstiegsmöglichkeit. Wir eilten, einen erbitterten Wettlauf mit den Wolken austragend. Neunmal zogen wir das Seil in schon vorhandene, zum Teil sogar einzementierte Haken oder Ringe und seilten uns ab. Alles, was man beim Abseilen antreffen kann, findet sich bei diesem Abstieg. Von der harmlosesten Platte bis zum widerlichsten Überhang sind alle Zwischenstufen vertreten. Nach allen Seiten muss man sich drehen, bald eckige Felsvorsprünge umgehen, bald sich zwischen Riesenblöcken hinablassen. Aber das Schlimmste waren die Steine. Bei so grosser Steilheit rutschen sie bei der leisesten Berührung, und wir konnten es mit aller Vorsicht nicht vermeiden, dass unser Abstieg von dem donnernden Getöse der fallenden Steine begleitet wurde. Als wir erhitzt zwischen den Wänden hinaus in das Geröll traten und hinauf gegen den Himmel schauten, sahen wir die Wolken gegen Norden über die Forcla di Lavaredo abziehen, während im Süden die Sonne schon wieder lachte. Wieder einmal hatten wir Glück gehabt.

Im Laufe des Morgens hatte sich eine bunte Menschenmenge im Rifugio Principe Umberto eingefunden, und als wir es am frühen Nachmittag betraten, sangen und schrien die lebhaften Gäste in allen Mundarten Italiens. Ein farbenfrohes Bild! Vom eleganten, langen Newlook-Rock bis zu den kürzesten Shorts war alles vorhanden. Da sassen blonde Tirolermädchen im Kletter-anzug, die Wangen von der Hitze gerötet und die leuchtenden Augen voll Bewunderung auf ihre männlichen Kameraden gerichtet, die sie über eine der zauberhaften Kletterrouten der Drei Zinnen geführt hatten!

Die Sonne neigte sich langsam gegen Westen. Wir verliessen das gastliche Berghaus und schaukelten mehr als dass wir fuhren die steinige Bergstrasse gegen Misurina hinab. « Jetzt liegt Führung und Verantwortung in ihren Händen », meinte Degasper, doch ich musste sagen, dass das Können meiner Führung, trotz schmaler Kriegsstrasse, in keinem Verhältnis steht zu dem hervorragenden Können, das die Führung in den senkrechten Felsen der Zinnen verlangt. Mit einem kaum merklichen Lächeln auf den Lippen hat Degasper dem schweren Fels Meter um Meter abgerungen, ohne Anstrengung, als ob er mit dem harten Stein der Berge, denen seine ganze Liebe gehört, verwachsen wäre, und das alles mit der nur ganz grossen Könnern eigenen Bescheidenheit.

Auf dem wild verzackten Grat des Monte Campedelle entdeckten wir eine Figur aus Stein, wie die Katze in den Gastlosen, nur sass hier ein Pferd, den Kopf gedreht, als wollte es uns besser sehen. Nie hatten wir die komische Figur zuvor gesehen, und wir lachten über den drolligen Einfall der Natur — und wir lachten, denn der grandiose Preuss-Riss hatte uns in die allerglücklichste Stimmung gebracht.

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