Drei Tage am Walkerpfeiler der Grandes Jorasses

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON WOLFGANG STEFAN ( WIEN )

Mit 4 Bildern ( 125-128 ) Langsam, gleich einer roten Raupe, kriecht die Zahnradbahn auf dem stählernen Band der Schienen zwischen den grünen Bäumen aufwärts. Die Fahrgäste blicken durch die hellen Glasscheiben hinaus in die herrliche Welt. Über den Tannenwipfeln ragen die grauen, gewaltigen Granitnadeln von Chamonix empor. Ein schriller Pfiff ertönt, und schon ist Montenvers erreicht. Durch das kleine Gittertor drängen sich die bunten Menschenmassen gleich freigelassenen Tieren. Ein breiter Weg windet sich in vielen Kehren hinunter zum Mer de Glace. Alt und jung, gross und klein, wandern zu dem Wunder aus Eis.

Wir lassen uns von der Menschenmenge treiben und kommen uns vor wie in einer der belebtesten Geschäftsstrasse einer Großstadt. Wenn ich aber meine Kameraden mitten in dem Gewühl anschaue, muss ich lachen. Wie stechen wir doch alle vier von den neugierigen Reisenden ab. Damen mit hohen Stöckelschuhen und Herren in leichten Sommerschuhen blicken auf unsere riesigen Rucksäcke. Es ist doch komisch, dass Leute Eintrittskarten lösen, um einige Zeit in einer Gletscherspalte herumzukriechen und sich nasse Füsse zu holen. Wie gerne würde oft ein Bergsteiger ein Vielfaches des Eintrittsgeldes geben, um ebenso schnell aus einer Spalte herauszukommen!

Mit solchen Gedanken ziehen wir weiter hinunter zum gewaltigen Eisstrom, der träge talaus zu fliessen scheint. Gleich einer schlanken Riesenstatue steht links von uns der Petit Dru, ein Wunderwerk, das die Natur aus massigem Granit geschaffen hat. Schon steigen wir auf dem aperen Gletscher über kleine Bäche, die sein Antlitz zerfurchen, und bald zwingen uns weitoffene Spalten zu Umwegen. Rechts von uns erhebt sich, dunkel im Schatten liegend, der Gipfel des Grand Charmoz. Gleich einem weissen Riesenauge starrt uns das gewaltige Schneefeld entgegen, das in der schwarzen Nordwand eingelagert ist. Wir überschreiten die Randmoräne des Mer de Glace und streben dem Glacier de Lechaux zu. Hinter den Abhängen des Periadeskammes treten die in der Sonne leuchtenden Grandes Jorasses hervor. Fern und unnahbar wie ein Traumland, so erscheinen uns diese Gipfel. Je weiter wir über den schattigen Gletscher aufwärts wandern, um so gewaltiger baut sich dieser ungeheure Bergstock mit seiner abweisend schroffen Wand aus Fels und Eis auf. Ein Gefühl der Befangenheit überkommt mich bei diesem gewaltigen Anblick. Ich will dort hinaufsteigen? Dort über diese steile Wand zum Gipfel vordringen? Etwas zaghaft und kleinlaut wandere ich weiter.

Da fallen die Blicke auf meine Kameraden - und sofort fasse ich wieder Mut. Ich bin ja nicht allein. Da ist ja Kurt. Uns sind gemeinsam schon viele grosse Bergfahrten geglückt, und wie oft haben wir doch schon eine kalte Nacht gemeinsam unter der schützenden Hülle des Biwaksackes verbracht. Aber diesmal sind wir sogar zu viert. Kurt Diemberger und ich lernten unsere zwei Gefährten vor zehn Tagen erst so richtig kennen. Sie sind prächtige Burschen, Kameraden, die in Wind und Wetter auf dem Eigergipfel Stunden auf uns warteten, um uns nach der Durchsteigung der Eigernordwand beizustehen. Neben mir wandert der eine, ruhig und immer lächelnd, Herbert Raditschnig. Im Vorjahr hatte er mit seinen österreichischen Gefährten den wilden Jirishhanca bestiegen. Kurt unterhält sich gerade mit Lothar Brandler. Ein paar lange französische Weissbrote gucken lustig oben aus seinem Rucksack heraus. Lothar zählt noch keine grossen Westalpentouren zu seinen Fahrten, aber seine Heimat ist das Elbesandsteingebirge, und in den Dolomiten hat er schon mehrmals sein überragendes Können im Fels bewiesen.

Über grobes Blockwerk und ein verfallenes Weglein erreichen wir die Ruine der Cabane Lechaux. Nur mehr die Streben und das Dach der Hütte sind erhalten geblieben, die Wände hat der Luftdruck einer Steinlawine vor einigen Jahren weggerissen. Mit unseren Schlafsäcken und Luftmatratzen richten wir uns ein annehmbares Lager ein. Durch die wandlose Hütte, die fast einem modernen Bauwerk aus dem Süden gleicht, haben wir einen herrlichen Ausblick hinüber zu den wuchtigen Pfeilern der Grandes Jorasses. Formvollendet erheben sie sich über dem wild zerschründeten Lechauxgletscher bis zu den über viertausend Meter hohen Gipfeln. Die Abendsonne giesst ein zartes Rot über den Berg. Wenig später überzieht ihn das fahle Licht des vergehenden Tages.

Die Gedanken fliegen zurück. Wie viele Jahre ist es her, dass wir das erste Mal mit zerrissenen Kletterpatschen und dem Seil zum Peilstein, unserem Klettergarten zogen und mit feurigen Augen das Buch « Die drei letzten Probleme der Alpen » lasen. Jetzt sitzen wir unter der dritten, der letzten uns noch unbekannten Wand. Wie schnell verrinnt doch die Zeit!

Es wird finster. Im Schein der Taschenlampe treffen wir noch die letzten Vorbereitungen. Wir betrachten noch kritisch unser kleines Taschenbarometer, und dann kriechen wir in unsere Schlafsäcke. Ich schliesse die Augen. In Gedanken steht der gigantische zwölfhundert Meter hohe Granit- pfeiler der Pointe Walker vor mir. Cassin-Esposito-Tizzoni eröffneten Anfang August 1938 in drei Tage langer Kletterei diese damals schwierigste Route der Alpen. Sechzehn Partien sind bis heute über den Walkerpfeiler gestiegen, die letzten im Jahre 1952. Die Verhältnisse liessen in den späteren Jahren keine Begehungen mehr zu. Wie sieht es jetzt aus? Liegt nicht allzu viel Schnee auf den Platten, füllt nicht zu viel Eis die Risse? Viele Fragen hetzen durch mein Gehirn. Doch all das wird übertönt durch den herrlichen Eindruck des Berges im Abendlicht, den ich gleich dem Duft einer wohlriechenden Blume in mich aufnehme.

Um ein Uhr nachts wird es wieder lebendig zwischen den Trümmern der Cabane Lechaux. Ein emsiges Hin und Her bei der Begleitmusik des surrenden Kochers. Um zwei Uhr sind wir fertig und stolpern hinaus in die sternklare Nacht. Im Schein der Taschenlampe ziehen wir über den zuerst allmählich ansteigenden Gletscher aufwärts. Aber bald umgibt uns eine wilde Eislandschaft, riesige Spalten mit oft nur gefährlich dünnen Eisbrücken. Es dämmert, als wir den Fuss des Pfeilers erreichen. Über ein steiles, hartes Firnfeld steigen wir mit unserer mangelhaften Eisausrüstung aufwärts. Um unsere Rucksäcke möglichst leicht zu machen, waren wir mit Steigeisen und Eisbeilen sehr sparsam und nahmen zu viert nur zwei Eisbeile und drei Paar Steigeisen mit. Um sieben Uhr früh erreichen wir die Felsen. Herbert und Lothar übernehmen die Führung. Wir lassen hier noch einige Eisausrüstung zurück, um mit noch geringerer Last zu klettern.

Riesige, fast senkrechte Granitplatten, von einigen Dächern unterbrochen, erheben sich über uns. Wo verläu t die Route? Diese Frage drängt sich uns auf, wenn wir fast hilflos nach oben blicken. Doch bald sind wir an der richtigen Stelle, und wenig später kämpft Lothar schon in der Rebuffat-Verschneidung mit den ersten grossen Schwierigkeiten. Wir anderen sitzen unterhalb in der Morgensonne und schauen hinauf, wo unser Kamerad der Wand die ersten schwierigen Meter abringt. Nach einiger Zeit klettern auch Kurt und ich in dieser glatten, steilen Verschneidung, während Herbert über die luftigen Eisbänder in den eisigen Schatten der westlichen Pfeilerseite zu queren beginnt Dort ist es bitter kalt, trotz der anstrengenden Kletterei über die grifflosen Platten. Drüben steht der Mont Blanc im warmen Sonnenlicht, und der Periadeskamm mit seinen vielen Felszähnen vor ihm gleicht einer Riesensäge. Immer mehr versinkt der wild zerrissene Gletscher unter uns in der Tiefe. Nach einiger Zeit stehen wir vor dem nächsten grossen Bollwerk des Pfeilers. Der Anblick dieser gewaltigen, fünfundsiebzig Meter hohen Verschneidung ist fast furchterregend. Rechts wird sie von unheimlich glatten Platten begrenzt, und am Verschneidungsgrund unterbrechen einige Überhänge die Senkrechte. Auf Cassins erstem Biwakplatz, einigen abgesprengten Blöcken, gönnen wir uns eine kurze Rast zur Stärkung. An der anderen Seite des tief eingeschnittenen Couloirs, das zwischen den zwei Gipfeln, Whymper und Walker, herunterzieht, strebt der Mittelpfeiler der Grandes Jorasses bis ins schier Unermessliche empor. Über diesen Pfeiler führt die erste Route durch die Nordwand, über welche Peters und Maier 1935 die Pointe Croz erstiegen.

Nach unserer beschaulichen Rast verschwinden Herbert und Lothar um die nächste Kante und nehmen die steile Platte am Beginn der Verschneidung in Angriff. Stunde um Stunde verrinnt, ehe wir diese am oberen Ende in leichtes Gelände verlassen. Doch nicht für allzu lange, denn dicht über uns erhebt sich ein vereister Kamin. Wohl tut uns der singende Klang der kleinen Eisenstifte, die Lothar zur Sicherung in den Fels treibt. Es ist zwar immer ein angenehmes Gefühl, wenn der Karabiner in einen sichernden Haken einschnappt. Kurt aber ist der Leidtragende, da er die Aufgabe hat, die oft teuflisch festsitzenden Haken wieder mitzunehmen. Mit wuchtigen Schlägen fährt sein Eisbeil oftmals auf die tief in den Ritzen steckenden Stifte, bis sie wieder heraus ans Tageslicht kommen Lothar seilt sich gerade mit dem Quergangseil des bekannten Pendelquerganges bis auf den luftigen Standplatz unter dem Überhang, der gleich einem Adlerschnabel aus der glatten Wand hervorragt, ab. Lothar beruhigt uns über den Zustand des Quergangseiles durch den Ausruf: « Wohl ein ganz alter, verwitterter Hanfstrick! » Mit etwas gemischten Gefühlen schweben wir an der alten Pendel. Schnur über luftige Abgründe hinunter zu dem kleinen Standplatz. Über den nächsten Überhang gewinnen wir das Band unter den Schwarzen Platten.

Schräg fallen die Strahlen der Abendsonne auf die geschlossenen Plattenfluchten und geben dem sonst grauen, toten Fels eine warme, rote Tönung. Schon die ersten Meter dieser Mauer bieten aussergewöhnliche Schwierigkeiten. Nach einer unfreiwilligen Rast, während wir unsere Kameraden auf der heiklen Stelle beobachten, beginnt Kurt zu klettern. Aber allzu langsam laufen unsere zwei sichernden Seile durch die wenigen Haken in den glatten, steilen Platten, und allzu schnell schwindet die Sonne von unserer einsamen Warte. Die Schatten der Nacht greifen mit ihren langen, kalten Fingern nach uns. Auf einem kleinen, ausgesetzten Platz inmitten der Schwarzen Platten müssen wir unser Biwak beziehen. Bei Einbruch der Dunkelheit treffen wir bei unseren Kameraden auf dem für das Biwak auserkorenen Band ein. Ohne Verzug beginnen wir, uns für die Nacht einzurichten. Wir beide, Kurt und ich, lassen uns auf einer schmalen Leiste mit Aussicht nach allen Seiten nieder, und der Biwakplatz von Herbert und Lothar ist auch nicht viel gemütlicher. Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, muss angehängt werden, sonst würde es unweigerlich dem Gesetz der Schwerkraft folgen und sechshundert Meter tiefer in den Spalten des Glacier de Lechaux zur Ruhe kommen. Wir setzen uns angeseilt auf unsere steinerne Bank nieder, auf der wir zuerst nach Kurts Idee das eine der zwei Seile mit viel Mühe gleich einem Teppich ausgespannt haben. Zuerst ist es recht gemütlich, wenn auch die Füsse im Rucksack in der Luft baumeln. Aus der dunklen Tiefe des Tales blitzen schon die ersten Lichter auf. Die letzte Zahnradbahn ist von Montenvers schon lange wieder zu Tal gefahren, und auch das Mer de Glace, das am Tag so belebt aussieht, liegt ruhig und verlassen tief unter uns. Es ist eine schöne, klare Nacht. Die Sterne über dem Mont Blanc funkeln, und die Nadeln von Chamonix stehen als schwarze Silhouetten vor uns. Es wird kalt, und wir stülpen den Biwaksack über. Er schützt uns ein wenig gegen die Kälte. Unsere schräge Leiste ruft uns wieder aus dem Dösen und leichten Schlummer zurück ins Wachsein, weil wir langsam abrutschen und den Druck des Seiles spüren, an dem wir uns festgebunden haben.

Frühmorgens. Bittere Enttäuschung bietet der erste Blick aus dem Biwaksack. Zusammenge-drückt, mit steifen Gliedern, stehen wir, an ein paar Haken gesichert, auf dem schmalen Band und schauen auf die düsteren Wolken, die in ein eigenartiges Licht getaucht über den Grand Combin heranziehen. Trotz allen guten Wetterzeichen des gestrigen Tages, nach Nordostwind und kalter Nacht, kündigt sich ein Wettersturz an. Noch ehe wir zum Aufbruch bereit sind, hüllt uns der Nebel ein. Während wir noch die letzten Tropfen der heissen Ovomaltine gierig in uns aufnehmen, tanzen schon die ersten Schneeflocken um unsere Köpfe. Nun gibt es kein langes Zögern. Herbert läuft fast die ersten heiklen Stellen hinauf, und im Nu haben die Felsen ein weisses Kleid angelegt. Mühsam und langwierig wird die Kletterei, durch die wir den Schwarzen Platten entrinnen. Während Lothar eine unangenehme, durch Schnee und Nässe erschwerte Felsstufe überwindet, frieren wir lange unter einer steilen Wandstufe, da die Kleidung durchnässt ist und der Wind um die Pfeilerkante tobt.Endlich ist der graue Turm überwunden, und wir haben wieder den eigentlichen Grat erreicht. An dem von unseren Kameraden fixierten Seil können wir schnell bis dorthin folgen. Mittlerweile hat es zu schneien aufgehört, und der kalte Wind bläst uns den Schnee von der Gratschneide her ins Gesicht. Wir sehen unsere Kameraden schon einige Seillängen vor uns, während wir auf herrlich festem Granit höherturnen. Es wird Nachmittag, bis wir das kleine Schneefeld betreten, das knapp unter der Galerie Rouge eingelagert ist. Die Wolken teilen sich, und aus der Tiefe schauen die vielen Spalten des Glacier de Lechaux wie aufgerissene Mäuler zu uns herauf. Jetzt erst kommt uns die Ausgesetztheit dieser Stelle voll zum Bewusstsein: das kleine Schneefeld, der luftige Felsgrat und dann nichts als Tiefe, unsagbare Tiefe. Wir kauern nun am unteren Rand der Galerie Rouge, während Herbert bemüht ist, über vereiste Platten zu den markanten Rissen zu queren, die dieses steile Bollwerk im oberen Wandteil durchziehen. Ich schaue hinaus in die ausgeputzte Ferne. Das Unwetter hat sich wieder verzogen, und ein klarer Himmel wölbt sich über uns.

3900 Meter gibt die Höhenkote in unserer Routenbeschreibung für diese Stelle an. Was werden die letzten 300 Meter bis zum Gipfel bringen? Der zweite Tag geht merklich schnell zur Neige, und noch ehe wir die steilen, vereisten Risse erreicht haben, ist schon der letzte Sonnenstrahl aus ihnen geschwunden. Vor Einbruch der Nacht müssen wir einen Biwakplatz wählen. Auf einem kleinen, verschneiten Absatz inmitten der Galerie Rouge, eines aus leichtrötlichem, brüchigem Granit aufgebauten Riesenpfeilers, finden wir einen Flecken gerade gross genug, um zu viert sitzen zu können. Langwierig sind die Biwakvorbereitungen und noch langwieriger das Kochen, denn unser Primus versagt den Dienst und wird erst nach vielem guten Zureden und Anwendung technischer Kniffe wieder in Gang gesetzt. Die Nacht überfällt uns mit bitterer Kälte, und unsere Gedanken spielen um die zwei verflossenen, erlebnisreichen Tage.

Das wiederkehrende Tageslicht bringt leider nicht Wärme genug, so dass uns der Morgenfrost in die Glieder kriecht. Noch immer sitzen wir gleich leblosen Gestalten auf unserer luftigen Kanzel, und die dahineilenden Stunden des siebzehnten August treiben uns nicht weiter fort. Erst um neun Uhr Vormittag raffen wir uns auf, um weiterzuklettern. Unfreundlich und abweisend schauen die vereisten Risse zu uns herab. Es dauert noch lange, bis Herbert und Lothar die nächste schwierige Seillänge hinter sich bringen. Kurt und ich stehen frier end auf dem schlechten Standplatz unter der Verschneidung, von Pulverschnee berieselt und herabfallenden Eisbrocken bedroht. Auf einmal saust ein Stein herab, schlägt auf Kurts Steinschlaghelm auf, prallt unter dumpfem Klang ab und nimmt seinen Weg zur Tiefe. Mit dem Blick eines Überlegenen lächelt Kurt zu mir herüber, als ob er sagen wollte: « Die Helme sind Goldes wert. » Doch der nächste Stein hat schlechter getroffen, da er sich just die Uhr als Ziel ausgesucht hat. Diese ist leider nicht gegen Steinschlag gesichert, so dass die Zeiger und das Deckglas das Weite finden... Kurt steigt mit Hilfe eines von den Kameraden fixierten Seiles den verschneiten Riss aufwärts und ich ihm nach. Bald sitzen wir oben auf einem Vorbau im Schatten riesiger Dächer unterhalb der letzten schwierigen Stelle.

Mit Neid ruhen meine Blicke unten auf dem von heller Sonne bestrahlten Mer de Glace und den grünen Abhängen tief unter uns. In Montenvers strömt das Volk aus dem Bahnhof, und die weiss-befrackten Ober eilen vor dem Hotel hin und her, um auf der Terrasse alle Gäste zufriedenzustellen. Neugierige sammeln sich um das alte Fernrohr. Seine schon stark verstaubten und verkratzten Linsen sind fast immer auf die Dru und die umliegenden Berge gerichtet. Kaum einer der Ausflügler beachtet den weissen, hohen Berg, der hinter dem Periadeskamm hervorragt, die Jorasses. Sie gehört den Bergsteigern allein!

Eben steigt Lothar über eine unheimlich glatte Platte - und damit haben wir die grossen Schwierigkeiten überwunden. Unsere Blicke folgen unseren Kameraden, die aus dem Schatten in den sonnigen Fels des letzten Teilstückes hinausklettern. Aber bald streicheln auch uns die wärmenden Strahlen, und wir packen die Daunenjacken in die Rucksäcke. Einige Seillängen über uns leuchtet in strahlendem Weiss die riesige Gipfelwächte der Pointe Walker. Durch das leichte Gelände haben unsere Kameraden erheblichen Vorsprung gewonnen. Das erste Mal auf der ganzen Bergfahrt merke ich die Anstrengungen der vergangenen Tage. Ich bin müde, schrecklich müde, aber wir müssen über die gestuften Felsen weiterklettern. Die letzten Seillängen werden wie ein Geschenk des Berges an die kleinen Menschen, die über seinen grossen Nordpfeiler zum Licht emporsteigen. Warmer, sonniger, fester, grobblockiger Granit! Die Freude am Klettern ergreift uns wieder und trägt uns über alle Müdigkeit hinweg zum höchsten Punkt der Grandes Jorasses. Auf dem Gipfel schütteln wir einander stumm die Hände, und die lachenden Augen meiner Kameraden spiegeln das Glücksgefühl über unsere gelungene Fahrt wider. Nun ist Zeit, aufatmend in die Runde zu schauen: das Grün in der Tiefe zieht die Augen mächtig an. Es ist schon drei Uhr Nachmittag. So dürfen wir nicht allzu lange auf der Gipfelhöhe verweilen, wenn wir heute noch bis zur Jorasseshütte absteigen wollen. Wir steigen hinüber zur Pointe Whymper und über dessen Südrippe talwärts. Im Westen spielen die letzten Sonnenstrahlen auf der weissen Firnkuppe des Mont Blanc, während uns aus der Tiefe der Schatten mit Riesenschritten entgegenläuft.

Ein Abend voll Stimmung und Farbe ruft in der Erinnerung ein Bergerlebnis aus dem Sommer 1953 wach. Zur selben Stunde standen wir damals, wie auf einer Insel, im wogenden Meer der Wolken weit über Tälern und Menschen ebenfalls auf dem Gipfel der Grandes Jorasses, die immer ein lockendes Ziel bleiben werden, ganz gleich, auf welchem Weg man sie erreicht.

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