Dündenhorn-Nordwand. Erste Erkletterung

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Erste Erkletterung.

Von Friij Zurbrügg.

Lieber Leser, stelle dir hier nicht eine Nordwand mit steilen Eisrinnen, Steinschlag und Lawinengefahr vor. Nein, es handelt sich vielmehr um eine Felskletterei ersten Ranges. Wenn es dich interessiert, will ich dir, so gut ich 's vermag, den Weg durch dieses Wunderland weisen. Bin ihn selber gegangen am 15. September 1935. Acht Tage vorher versuchten Kamerad Adolf Jüsi und ich das Dündenhorn oder, wie es bei uns im Volksmund heisst, « die Witwe », von der Nordseite zu besteigen. Wir wählten den Einstieg von der Obern Dündenalp aus zwischen Schwarzgrätli und Witwe, nahe dem « Tierstelli », und kletterten linker Hand des Einschnittes zwischen den beiden Felsbollwerken etwa 100 m die Wand hinauf, mussten aber der sehr glatten Felsen wegen aufgeben. Mit Mauerhaken wäre es möglich gewesen, weiterzukommen; wir hatten aber gar keine Lust dazu; denn wir suchten nur reine Felskletterei ohne künstliche Hilfsmittel. Also zurück.

Der Einschnitt oder das Couloir wurde noch einmal von unten versucht, und zwar etwas rechts in gerader Linie hinauf. Der Fels ist hier etwas brüchig, hat bläuliche Farbe, sieht aus wie Kristall. Nach drei Seillängen hinauf zwang uns die Steilheit, einige Meter nach links zu queren. Mit einem Schlage änderte hier das Gesamtbild. Das Gestein wurde gut, sogar sehr gut, und zwischen Einschnitt und eigentlicher Dündenwand sah man eine mächtige Felsplatte, die nach oben ein Kamin bildet, welches in den Himmel zu ragen scheint.

Dieses Kamin bildete nun den Schlüssel zum weiteren Aufstieg. Die ganze Sache hängt etwas nach aussen; unter uns gähnt ein furchtbarer Abgrund. Aber das macht wenig, denn der Fels ist gar gutgriffig und das Klettern hier eine Wonne.

Oberhalb des Kamins querten wir wieder nach rechts um Grossmutters Zahn herum — ein eigentümlich gekrümmtes Felsgebilde, das wir selber so getauft haben — und gelangten auf den Grat zwischen Schwarzgrätli und Dündenwand. Wir hatten von hier einen grandiosen Ausblick. Rechter Hand grüsst Kandersteg, zur Linken die wie Spielzeug aussehende Hotelanlage Griesalp. Vor uns baut sich die gewaltige Dündenwand auf, voll Zacken, Türme und Felsenrisse. Es erinnert einen fast an das Münster in Bern. Um das Genick zu schonen, liegen wir auf dem Rücken und studieren den weitern Aufstieg. Dann ziehen wir wieder nach Hause.

Acht Tage später findet man uns wieder auf der gleichen Stelle — nur mit dem Unterschied, dass es noch früh am Morgen ist und Kamerad Reinhold Zurbrügg sich uns angeschlossen hat. Ein Felsenriss in der Wand weist uns von hier aus den Weg bis unter den ersten grossen, überhängenden Gendarm. Einige Meter rechts davon ist wieder ein Kamin, welches, von unten gesehen, recht harmlos aussieht. Eine Seillänge durch das Kamin hinauf, und man gelangt auf einen eingeklemmten Block, auf dem drei Personen zur Not etwas verschnaufen können. Über uns wölbt sich ein Felsendach, und der Weg scheint hier zu enden. Es hängt nun ganz von der Geschicklichkeit ab, hier einen Ausgang aus der Mäusefalle zu finden. Man tastet am besten mit langen Armen am Felsendach herum und sucht Griffe, findet sie und zieht sich irgendwie hinauf. Deine Kameraden werden dir deine vielleicht in der Luft baumelnden Beine wieder in Felsennähe bringen... je nachdemObenher dem Felsendach flieht die Wand glücklicherweise nach innen. Die Kletterei an den obern Gendarmen ist geradezu ideal, bis unter den letzten grossen Fluhabsatz. Hier ragen zwei nebeneinandergeschichtete Felsplatten fast lotrecht etwa 30 m in die Höhe. Zwischen beiden Platten zieht ein Riss schräg links hinauf bis zum höchsten Punkt. Diesem Risse nach führt nun der weitere Weg; denn rechts und links sind Überhänge.

Es ist dies die anstrengendste Kletterei in der ganzen Nordwand. Die Hände und der rechte Fuss finden einigermassen Halt im Felsenriss. Der linke Fuss hingegen'rutscht beständig ab an der untern glattgeschliffenen Platte. Es geht etwa eine Seillänge so hinauf, was alle Kraft und Ausdauer verlangt; denn ein Verschnaufen wäre nicht gut möglich. Kannst du endlich mit dem schweisstriefenden Antlitz über die Platte hinaussehen, entfährt dir sicher ein Jauchzer der Freude. Denn hier ist man auf dem nördlichsten und höchsten Punkte des Dündenhorns 2865 m angelangt, hat eine wunderbare Felskletterei hinter sich und kann sich der Gipfelrast hingeben. Unzählige Häupter ringsum und Himmelsbläue. Den Abstieg durch das Dündenband und seinen Bärentritt ins Kiental findet man mit Leichtigkeit.

Zeit: 9 Stunden von der Obern Dündenalp bis zum Gipfel.

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