Durch die Rot Horn-Nordwestwand

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Heinz Leuzinger, Andermatt

Ein Freitagabend im heissen August 1983. Hans Kempf und ich entsteigen der Transportkiste der Seilbahn, die Silenen, tief unten im Reusstal, mit den am stotzigen Berghang gelegenen Heimwesen der cChilcherbergen> verbindet. Vater Epp hat uns ( heraufgeseilt ), wie man dies im herben Urnerdialekt bezeichnet. Daraufhin kommen wir mit dem offenen, von harter Bergbauernarbeit gezeichneten Mann auch ins Gespräch. Über unser Ziel befragt meint er allerdings bloss: an diesem Rot Horn hätte er noch nie viel Schönes gesehen - nur Felsen. Ein Berg mit saftigen Grasplanggen zum Wildheuen wäre ihm wohl lieber gewesen, ihm, der es sich gewohnt ist, seinen Lebensunterhalt einer kargen Welt abzuringen. Doch immerhin sind seine Söhne die Erstbegeher der Nordwestwand gewesen. Wir haben von jenen harten Burschen gehört, die sich in den freien Tagen, die ihnen ihre Tätigkeit als Älpler erlaubte, die Wand ohne spezielle Ausrüstung und Kenntnisse anzugehen wagten! Anlässlich ihres Durchstiegs waren sie auch an einem Materialdepot vorbeigekommen, das noch von Albin Schelbert stammte. Albin hatte sich nämlich ebenfalls an der Rot Horn Wand versucht, etwa zu der Zeit, als ihm die Erstbegehung des in den gewaltigen Nordabstürzen der Westlichen Zinne gelang. Die Epps beendeten nun die bereits angefangene Route, indem sie im oberen Wandteil nach rechts auswichen - insgesamt eine für die damalige Zeit beachtenswerte Leistung. Die damit gezogene Linienführung wurde später von drei jungen Urner Kletterern begradigt und die schwierigen Stellen fast vollständig mit Bohrhaken abgesichert. Ein Artikel in einer ausländischen Bergsteigerzeitschrift machte die herrliche Route dann über unsere Grenzen hinaus bekannt. Trotzdem weist sie bis heute ( 1983 ) nicht mehr als 10 Begehungen auf.

Wir verabschieden uns vom alten Mann mit dem von der Hitze geröteten Gesicht, wobei er uns noch eine gute Tour wünscht. Bald bleibt das gepflegte, blumengeschmückte Heimetli hinter uns zurück, während wir auf dem schmalen und steilen Weg nach Seewli voranschreiten. Die Abendsonne glüht auf die südwestexponierten Hänge. Entsprechend lüstern und erbarmungslos verfolgt uns auch eine ganze Horde von blutgierigen Bremsen. Zum Glück werden wir morgen in einer schattigen Nordwestwand sein. Da wir zudem rasch an Höhe gewinnen, gelangen wir in etwas kühlere Luftschichten, wo auch die Stechlust unserer Quälgeister nicht mehr ganz so gross ist.

Was sich im Zusammenhang mit der Höhe eigentlich nicht alles berechnen lässt! Einmal geht es um die Schneefallgrenze, dann wieder um das Gefrieren und die Tragfähigkeit von Firnflanken, ein andermal um den Streit über die Angabe der O-Grad-Grenze am Radio -und jetzt um die Lebensbedingungen der Bremsen...

Beinahe automatisch steigen wir auf dem stotzigen Ziegerweg aufwärts. Als bei Riedersegg der Pfad gegen Nordosten umbiegt, öffnet sich vor uns der Kessel des Seewli, wo eben die letzten Strahlen der untergehenden Sonne die ohnehin schon rotgelben Wandfluchten des Rot Horns in warme Farben tauchen. Dessen wohlgeformte, dolomitisch anmutende Berggestalt wirkt auf mich zugleich abweisend wie auch verlockend. Eine beinahe magische Anziehungskraft scheint davon auszugehen. Ob wir wohl in einem Tag durchkommen werden? Wir verfügen in der Tat kaum über konkrete Angaben - weder zur Wand Die massige Rot Horn Nordwestwand noch zur Route. Bloss dass es sich bei denjenigen, die sie eingerichtet haben, um vorzügliche, moderne Felsgänger handelt. Viel Zeit, um die Felsfluchten zu studieren, bleibt uns nicht mehr. Bereits verschwindet die Sonne am westlichen Horizont. Rasch kriechen jetzt die Schatten empor. Die Vertiefungen, die Kamine, Risse und Höhlen in der gewaltigen, etwa 500 Meter hohen Wand wirken jetzt wie schwarze Pinselstriche. Dann scheinen sich die Strukturen allmählich aufzulösen, bis nur noch die gegen den Himmel scharf sich abzeichnende Silhouette des Berges zu sehen ist. Wir bleiben zurück mit all unseren Fragen, die es morgen zu lösen gilt. Es ist Zeit, die nahe, kleine Sennhütte aufzusuchen, um so mehr als uns der Wind von dort den herben Geruch verbrannten Holzes herüberträgt. Wir treten durch die niedere Türe und werden gleich herzlich empfangen. Hans, der mehrere Sommer als Älpler gearbeitet hat, beginnt sich sofort mit Anni, dem etwa 70jährigen hier lebenden Fraueli über die hiesigen Verhältnisse zu unterhalten. Beide bedauern sie es, dass keine Kühe mehr gesommert werden, bei so gutgräsigen Planggen rund um den Seewlisee. Heute hat Anni nur noch gut drei Dutzend Rinder zu betreuen... Dafür geniessen wir den hier oben herrschenden Frieden und die Ruhe, eine Atmosphäre, die uns unvergleichlich reicher erscheint als in einer überfüllten SAC-Hütte. Und unwillkürlich erinnere ich mich nun auch an einen einsamen Herbstabend auf Alp Bluttlig im Färmeltal ( BO ), wo es anderntags ebenfalls um ein Rothorn ging, das Rothorn der Spillgerten-Kette.

Nach einer feinen Suppe - hier oben fällt es leicht, einfach zu leben - richten wir das Nachtlager im Stall ein und träumen alsbald ungestört dem morgigen Tag entgegen.

Mit einem Ruck stehe ich auf: verschlafen! Macht nichts - die Zeit wird einzuholen sein. Früher dachte ich noch anders; damals als ich vor einer grossen Tour kaum zu schlafen vermochte und der schrillende Wecker mir Erlösung nach einer schier endlosen Nacht brachte, in der die Gedanken dem Körper keine Ruhe gegönnt hatten. Heute, mit gut 40 Jahren, lasse ich mich nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen. Selbst beim Morgenessen beeilen wir uns nicht besonders. Erst danach, so beschliessen wir, wollen wir

Tatsächlich stehen wir bereits eine knappe Stunde später am Wandfuss und verknoten die Enden der zwei 45-Meter-Seile in unsere Kombigürtel. Mächtig strebt die Fluh über uns zum Himmel. Wo in diesen massig sich hoch-wuchtenden Bastionen mag wohl die Route durchgehen? Doch zunächst gilt es, die erste der insgesamt zwanzig Seillängen in Angriff zu nehmen. Auf allen Bändern und Absätzen liegt Schutt. Im Augenblick jedoch, wo sich das Gelände aufsteilt, zeigt sich der Fels von seiner besten Seite. Und schon erreiche ich den mit einem Bohrhaken bestens ausgerüsteten Standplatz, welch erfreulicher Komfort! Hans folgt nach, klettert an mir vorbei, kommt rasch höher. Das Gefühl für den Rhythmus stellt sich ein, wir merken, dass es heute gut wird. In der vierten Seillänge stossen wir auf die erste uns fordernde Stelle: ein senkrechter, etwa 35 Meter hoher und abdrängender Risskamin. Die Wand ist von erstaunlicher Steilheit; grössere Bänder und Terrassen, wie man sie etwa in den Abstürzen der Gadmer Fluh antrifft, finden sich hier kaum. Die Schwierigkeiten nehmen jetzt zu. Längere Passagen im fünften und sechsten Grad fol- gen sich. Doch das Gestein ist eisenfest und über begeisternde Quergänge gelangen wir in die Nähe der auffallenden, auch von unten gut sichtbaren, grossen Verschneidung; etwas rechts der Gipfelfallinie. Hier muss die Schlüsselseillänge überwunden werden; 45 Meter steile, freie Wandkletterei mit nur kleinen Griffen und Tritten; kompromisslos, gleichmässig anhaltend und mit etwa einem halben Dutzend Haken abgesichert. Hans meistert die Länge in seiner ihm eigenen Ruhe. Wenig später erreiche ich schwitzend die Biwakhöhle, die zugleich den Abschluss des ersten Wanddrittels bildet. Verrückt! Bis dahin sind die Gebrüder Epp seinerzeit gekommen, um anschliessend nach rechts auszusteigen. Wir hingegen halten uns nun mehr links, um im steilen, zum ersten und einzigen Male aber auch brüchigen Fels, höher zu kommen. Während des Kletterns versuche ich die Angst zu dämpfen. Mir bleibt nur die Hoffnung, dass nicht plötzlich alles um mich herum zusam-menstürzt; auch dies könnte ja einmal geschehen. Mit angehaltenem Atem erreiche ich den Stand. Weiter geht es nun, schwer, steil und einige Anforderungen an unseren Orientierungssinn stellend bis zum Beginn einer feinen Rampe, die nach links zu den Ausstiegs-kaminen führt. Nachdem wir diese erreicht haben, machen wir an einem geeigneten Platz eine kurze Rast. Wasser rinnt im Innern des Kamins herunter. Bei einem Gewitter dürfte sich daraus ein respektabler Bach entwickeln. Diese Passagen sind von den Erstbegehern wohl nicht umsonst als und

Jetzt bleibt uns bloss noch die moralische Vorbereitung auf die nun folgende grandiose Abseilfahrt - zwanzig Seillängen über die Wand hinunter. Zudem geben die den Himmel im Westen allmählich verdunkelnden Wolkentürme zu Beunruhigung Anlass. Wir beginnen deshalb unverzüglich mit dem Abstieg, wobei es für die erste Länge schon etwas Überwindung braucht. Und in der Folge müssen wir sogar oft noch die letzten Meter unserer 45er Seile ausnützen. Dafür lassen sich in dem eher nach unten geschichteten Hochgebirgskalk die Seile gut und ohne irgendwo hängen zu bleiben abziehen. Als zusätzlicher und sehr willkommener Komfort schätzen wir auch die mit jeweils zwei Bohrhaken versehenen Standplätze. Somit scheint die Abseilerei über die Route keinerlei Probleme zu bieten - bis auf einmal die Seilenden einige Meter über einem schmalen Band baumeln. Eine schöne Bescherung! Es bleibt uns schliesslich nichts anderes übrig, als ungesichert abzuklettern, ausgesetzt und in brüchigem Fels. Die nervlichen Strapazen dabei gefallen mir gar nicht und ich schimpfe über das Debakel, das wir selber verschuldet haben. Mit der nötigen Vorsicht und Konzentration gelingt es uns aber, auch diese Schwierigkeit zu überwinden. Dann erreichen wir, frei durch die Luft schwebend, mit der letzten Abseillänge endlich den Wandfuss.

Nachdem ich bei jeder Autofahrt südlich von Erstfeld schon seit Jahren zum Rot Horn hinauf geschaut hatte, stets mit dem geheimen Wunsch, diese Wand kennenzulernen, ist mir nun deren 11. Begehung geglückt - für mich eine der schönsten Felstouren.

Statt sofort abzusteigen, wie wir es ursprünglich vorgesehen haben, wollen wir zuerst noch übernachten - zu gut gefällt es uns hier oben. Das Älplerleben zieht uns jetzt wieder in seinen Bann, wir verbringen einen gemütlichen Abend beim Anni und ihren drolligen, jungen Hirtenhunden.

Unterlagen:

LK 1 :25000 Blatt 1192, Schächental und SAC Clubführer Urner Alpen Ost, 5. Auflage 1970.

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