Ein Sommer auf Spitzbergen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON LUC SAUOY, PARIS

Mit 1 Karte und 5 Bildern ( 28-32 ) Anfangs März 1964, als ich von meiner Kompanie zum Leiter einer Erdölerkundungsgruppe in dieser arktischen Gegend bestimmt wurde, war mir alles unbekannt. Dem Petit Larousse entnahm ich meine ersten Kenntnisse. Er wies mich an den Namen Svalbard ( Spitzbergen ), mit dem die Norweger die 62000 km2 grosse Inselgruppe bezeichnen, die ganze 800 Einwohner zählt und einige Kohlengruben aufweist. Alsbald vervollständigten andere Auskünfte diese summarischen Angaben: Mir bekannte Geographen schickten mich ganz einfach zu einem Reisebüro an den Champs- Elysées, als ob es sich um eine Kreuzfahrt auf dem Mittelmeer oder zu den Kanarischen Inseln handeitel Zwar kann ein einfacher Tourist eine Fahrkarte nach Spitzbergen lösen und eine Auslese von Polarerinnerungen mit nach Hause bringen; das bedeutet jedoch nicht, dass die Gegend ebenso bekannt und leicht zu erreichen sei wie die Schweizer Alpen in der schönen Jahreszeit. Der « Sshyorgen », ein Dampfschiff, das im Sommer einen Pendelverkehr zwischen Norwegen und Spitzbergen herstellt, läuft nur einige Punkte der Westküste an, mit stimmungsvollen Namen wie Tempelberg, Königsbucht, Magdalenabucht, Longyearbyen, welche die Touristen anziehen sollen. Der übrige Teil der Inselgruppe ist für den gewöhnlichen Sterblichen ohne bedeutende Mittel ganz unerreichbar.

Die Expedition sollte sich rings um ein Seehundjägerschiff von 300 Tonnen, um Raupenfahrzeuge, zwei Hubschrauber und einen « Pilatus » gruppieren; sie bestand aus vier Geologen mit zehn Begleitern. Die Zusammenstellung des Materials und des wissenschaftlichen Programms sollte bis Ende Juni fertig sein. Es wurde ein betriebsamer Frühling im Hin und Her zwischen Paris, Norwegen, verschiedenen wissenschaftlichen Bibliotheken und meinem Wohnort im Languedoc. Ich atmete mit Erleichterung auf, als ich Mitte Juni endlich das Flugzeug nach Oslo bestieg. Dort stiess ein norwegischer Geologiestudent zu mir, der sich anschickte, schon den sechsten nacheinanderfolgen-den Sommer in der Arktis zu verbringen. Die Plätze der Mitternachtssonne-Route der SAS waren ausverkauft, und so erreichten wir über Stockholm, Lulea und Kiruna, Bardüfoss und dann Harstad, den nordnorwegischen Hafen, von dem das Kohlenschiff abfährt. Die andern Expeditionsmitglieder sollten sich in Tromsö auf unseren Seehundjäger einschiffen und uns später folgen. Dank diesem Umweg überflogen wir mitten in der Nacht, aber bei heller Sonne, das Land der Lappen und die Grenzkette. In Harstad gingen wir unter grauem Himmel an Bord des MS « Inger-fire », eines der zahlreichen Schiffe, die von April bis Oktober die Kohle nach verschiedenen norwegischen und deutschen Häfen verfrachten.

Nach einer dreitägigen Fahrt auf ruhiger See erschienen die zerklüfteten Gipfel der Westküste Spitzbergens, noch bis zum Meeresniveau überschneit. An einem kalten, grauen Abend gehen wir in Longyearbyen, im Eis-Fjord, an Land. Obschon die Temperatur, die immer zwischen 0° und 10° bleibt, eigentlich nichts Polares an sich hat, überrascht uns der brutale Übergang vom mediterranen zum arktischen Sommer Longyearbyen erstreckt sich mit seinen hässlichen Gebäuden auf 3-4 Kilometer im Talgrund von Adventdalen; das ist der Sitz der norwegischen Verwaltung von Spitzbergen. Man muss ins Innere dieser Häuser eindringen, um festzustellen, dass der nordische Komfort kein leeres Wort ist, und um zu verstehen, dass 800 Einwohner hier, weit ab von der Welt, mit der Kohlengewinnung als einziger Sorge glücklich leben können. Die wenigen Personen, die wenig mit der Grube zu tun haben, sind der Gouverneur, die Post- und Telegraphenangestellten und der Pfarrer; aber auch sie sind von der Grube abhängig, denn diese sichert ihnen die Versorgung mit Proviant und Bäckereiprodukten sowie mit warmem und kaltem Wasser. Spitzbergen druckt auch seine eigenen Geldscheine. Als einziges Privatunternehmen bietet ein Bazar dem Passagier des « Lyngen » Souvenirs, japanische Photoapparate und Zigaretten an, alles zollfrei, denn Spitzbergen ist internationale Freizone. Die paar ruhigen Tage vor der Ankunft des Expeditionsschiffes gebrauche ich, um mit örtlichen Persönlichkeiten Fühlung zu nehmen und vor allem, um mit dem Hubschrauber die ersten vorgesehenen geologischen Arbeiten zu rekognoszieren. Es hat noch sehr spät geschneit; das Gelände ist bis zum Meeresniveau mit schmelzendem Firnschnee bedeckt. Unser Programm sieht eine rasche, aber vollständige Erforschung des Sedimentbassins im südlichen Teil der Inselgruppe vor, und mein erster Besuch gilt dem berühmten geologischen Aufschluss in der Nähe der Eis-Fjord-Radiostation von Festningen - Sandsteinschichten, die wie eine Festung ins Meer vorragen. Die Strecke verläuft eine eindrucksvolle Felsenküste entlang, wo Tausende von Vögeln nisten. Wir kommen an der russischen Stadt Grumantbyen vorbei, die seit der Erschöpfung der Kohlenadern verlassen ist: trostlose Gebäude stehen in Ruinen, der Landungsteg ist ins Meer gestürzt. Eine verlassene Eisenbahnlinie schlängelt sich längs der Küste bis zu einer andern, diesmal lebendigen, russischen Stadt, Barentsburg. Zusammen mit Pyramiden, hinten am Bille-Fjord, zählen diese zwei Städte 3000 russische Einwohner. Dieser arktische Boden, mit seinem streng neutralen Status, und wo 800 Norweger ebenso viele Tonnen Kohle fördern sollen wie 3000 Russen, ist ein seltsamer Treffpunkt von Ost und West.

An der Eis-Fjord-Radiostation findet man immer einen herzlichen Empfang mit wohlgarnierter Bar und gefülltem Kühlschrank, und sogar Bett, Dusche und Sauna sind vorhanden, wenn uns der Nebel am Boden festhält. Ganz von der Welt abgeschnitten, leben dort ständig ein Dutzend Männer mit grossem Komfort, aber mit Fischen, Jagen und Alkohol als einziger Unterhaltung; selbstverständlich gehören dazu auch Gespräche mit dem Flugpersonal der Polarluftlinien.

Schnell habe ich alle vorgesehenen Arbeiten im Tätigkeitsbereich unseres Hubschraubers, eines alten « Bell 47 », erkundet, denn die Brennstoffvorräte werden erst nach der Ankunft unseres See-hundjägerschiffes an den Küsten verteilt. Vom Kap Linné, wo Eis-Fjord-Radio gelegen ist, erstreckt sich eine ganz flache Küste, ehemaliger gehobener Strand, bis zum Bille-Fjord. Bei seinem Eingang, am Kap Martin, befindet sich ein richtiger Walfischfriedhof mit Wirbeln, hoch wie Stühle, und Becken wie Badewannen. Eine alte Bärenfalle steht da, für immer zugeschnappt; dieser Prototyp war nie wirksam: der Wind hatte sie ausgelöst, und ein Eisbär grub ein Loch, um sich des Köders zu bemächtigen. So wimmelt es auf Spitzbergen von Trappergeschichten.

Ende Juni ist der Van Mijen-Fjord noch ganz zugefroren; auf dem Eis sieht man kleine, schwarze Punkte, die verschwinden im Moment, wo wir sie überfliegen: das sind Seehunde, die, vom Lärm unseres Motors aus dem Nachmittagsschläfchen aufgestört, wieder durch ihr Loch ins Wasser tauchen. Auf einer Landspitze beim Eingang zum Reindalen liegt an der Küste ein Hundeschlitten mit Eisbärfellen, die, in Fässern verpackt, in Salz eingelegt sind. Die Trapper und das Seehundjägerschiff der Regierung « Nordsyssel » hatten sich vor einem Jahr ein Stelldichein gegeben. Vor dem Eisgang haben diese norwegischen Jäger ihren Überwinterungsort auf der Insel Edge verlassen, um den vereinbarten Treffpunkt zu erreichen, wo sie in einer verlassenen Baracke - letzte Spur einer erschöpften oder nicht rentablen Grube - auf das Ankommen des Schiffes warten. So leben die Trapper noch genau wie diejenigen von Jack London, die uns in der Jugend begeisterten.

An der Nordküste Spitzbergens lebt ständig eine dreiköpfige Familie. Um sie einmal im Winter zu besuchen, muss ein Trapper von Longyearbyen 250 km auf einem Hundeschlitten zurücklegen.

Zuhinterst im Van Mijen-Fjord befindet sich die Grube von Sveagruva, wo die mächtigsten Kohlen-flöze ganz Spitzbergens liegen; aber nur Schiffe mit geringem Tiefgang konnten am Landungssteg anlegen. So wurde sie geschlossen, in Erwartung einer mehr als 50 km langen Kabellinie, die dem ganzen Fjord folgen soll, bis zu den Inseln, die den Eingang sperren. Wie ich bei einem Besuch feststellen konnte, sind die Gruben des SNSK1 sehr modern: alles nur Mögliche wurde mechanisiert, der geringen Mächtigkeit der Hauptkohlenflöze ( 0,5-1 m ) zum Trotz. Was aber dem Besucher am meisten auffällt, ist die widerspruchsvolle Weisse der Schächte. Skandinavische Sauberkeit? Keineswegs, sondern eine makellose Rauhreifschicht!

Unsre erste Forschungsreise geht längs der Eis-Fjord-Küsten und ihrer Abzweigungen weiter: Bille-Fjord, Dickson-Fjord, Ekmann-Fjord usw... An der Küste stehen zahlreiche Trapperhütten, von der SNSK unterhalten und am Wochenende von ihren Angestellten besucht. In einer von ihnen, am Eingang des Sassendalen, lebte ein Trapper bis zu seinem 80. Lebensjahr. Spielzeugreste bezeugen, dass auch Kinder anwesend waren. Eine riesige Menge Strandholz, vom fernen Sibirien durch die Meeresströmungen angeschwemmt, liegt am Ufer umher In den Tälern weiden zahlreiche Renntierherden, seltener trifft man die garstigen und furchteinflössenden Moschusochsen. Ihr Fell ist so lang und dicht, dass man Kopf und Schwanz leicht verwechseln kann. Die Berghänge sind fast immer steilabfallend und die Kämme zerklüftet, auch wenn Mergel oder andere weiche Gesteine vorherrschend sind. Ich habe auch 100 bis 200 Meter hohe Gipsfelsen beobachten können; in unserem Klima haben diese Formationen ein mildes Relief zur Folge. Was die Gipfel betrifft, so bestehen sie oft aus hohen, mit kleinen Schneefirnfeldern oder Gletschern bedeckten Plateaus; es 1 Store Norske Spitsbergen Kulkompani.

handelt sich um Überreste des Inlandeises, das in alten Zeiten Spitzbergen bedeckte.Vom geographischen Standpunkt aus ist das Fehlen grösserer Gletscher in der ganzen Gegend zwischen Eis-Fjord und Van Mijen-Fjord am auffallendsten. Auch habe ich im Reindalen merkwürdige Moränen-reihen in Form von vulkanartigen Kegeln mit einem Durchmesser von 200-300 Metern photographiert.

Während dieser Tage habe ich mich mit der Geologie, dem Relief und verschiedenen Problemen des Landes vertraut gemacht. So können wir gleich nach der Ankunft unseres Seehundjägerschiffes, des « Kvitungen », Anfang Juli mit unserem Vorstoss anfangen. Das schmale Deck des Schiffes ist mit drei Raupenfahrzeugen, einer Landebrücke und Brennstoffässern verstellt. Achtern hat man eine sehr kleine Plattform für den Hubschrauber eingerichtet: der Schwanz kragt aus, und die Rotor-blätter drehen sich kaum einen Meter vom Kamin; die Landung auf Deck ist immer sehr eindrucksvoll.

Unser erstes Basislager wird in der Nähe von Eis-Fjord-Radio eingerichtet, und zum erstenmal schaffen wir das ganze Material an Land. Es ist kein leichtes Problem, die Snowtracks auf die Landebrücke umzuladen, um sie dann mittels der beiden Boote zum Ufer zu schleppen. Im Laufe des Sommers werden wir vier Hauptlager und fünfzehn kleinere Lager einrichten, was jedesmal den Transport von einigen Tonnen Material erfordert. Uns stehen Igluzelte mit aufpumpbaren Glocken und Aufenthaltszelte mit Stahlrohrgerippen zur Verfügung. Der Proviant besteht teils aus französischen Konserven, teils aus frischen, bei der Grubenunternehmung gekauften Lebensmitteln.

Während der ersten Wochen liegt noch viel Schnee, der Tag und Nacht ganz faul ist und in dem wir bis über die Knie einsinken. Die Tage sind lang und das ununterbrochene Licht lädt nicht zum Schlaf ein. Die Sonne bleibt immer eine Hand hoch über dem Horizont, was die Orientierung des Geologen nicht erleichtert. Distanzen und Licht trügen und werden immer unterschätzt. Aber allmählich, nach Tagen, stellt sich die Routine der Arbeit und des Lagerlebens ein.Das trübe Wetterist sehr beunruhigend: eine mehr oder weniger dichte Wolkendecke hängt immer unterhalb 1000 Metern, was die mit dem « Pilatus »-Airporter vorgesehene Kampagne von Luftaufnahmenbeeinträchti-gen wird. Das Flugzeug trifft Ende Juli an Bord eines Kohlenschiffes ein. Zum erstenmal wird in diesem Land ein Flugzeug als « Geländeflugzeug » gebraucht, und man prophezeit uns, dass wir umkommen werden oder mindestens der Apparat. Die ersten Flüge zeigen jedoch, dass viele Geländeabschnitte brauchbar sind. Die Besatzung besteht aus Finnen; einer der Piloten hat schon mehrere Saisons als « bash-pilot » in Alaska gedient; so sind wir in guten Händen, obschon die Finnen im Rufe stehen, kein hohes Alter zu erreichen. Des ständig schlechten Wetters wegen können wir nur einen kleinen Teil unseres Luftaufnahmeprogramms erfüllen.

Unsere geologischen Arbeiten gehen wie vorgesehen weiter, und ganze Kisten von Steinproben häufen sich im Laderaum des « Kvitungen », wo sie die Lebensmittel- und Getränkekisten ersetzen. Was Vertilgung von Whisky und Kognak betrifft, so leistet uns die Besatzung gute Beihilfe.

Vom hintern Teil des Bille-Fjords wurde das Basislager später in den Horn-Sund transportiert. Es lohnt sich, über einige bezeichnende Vorkommnisse zu berichten: An einem späten Nachmittag empfängt mich und meinen Piloten ein russischer Geologe, der in den halbzerfallenen Baracken der ehemaligen Calypso Mining Company am Südufer des Van Keulen-Fjords sein Lager eingerichtet hat. Mein Gastgeber spricht gut englisch, und das Gespräch verläuft ohne grosse Schwierigkeiten. Selbstverständlich sind wir vor dem Abflug zu einem frühzeitigen Nachtessen eingeladen, denn die Russen leben am Südufer Spitzbergens nach Moskauer Zeit. Die Mahlzeit ist sehr einfach: der gut bekannte Bortsch ( Rotrübensuppe ), begossen mit Wodka und vor allem mit « Spirt », einem 95° Alkohol, der einen sofort in einen « Feuerfresser » verwandelt.

Ein anderes Mal, als Folge eines Fehlers auf der Karte, verpassen wir ein Treffen zwischen dem Hubschrauber und dem « Kvitungen ». Dies passiert uns im südlichen Teil der Westküste. Das schlechte Wetter trägt das seinige dazu bei, und ein Wind mit 100 Kilometern in der Stunde macht jeden Abflug unmöglich. Zudem bleibt uns nur noch Brennstoff für eine halbe Stunde Flugzeit, und wie durch Zufall hat das Radio eine Panne. Wir verbringen zwei nicht endenwollende Tage und Nächte in der winzigen Kabine eingerollt, beim Naschen der Notrationen der norwegischen Luftwaffe, die der Pilot vorsichtshalber immer mitnimmt. Während einer Windpause können wir endlich abfliegen und die am Nordufer des Horn-Sund gelegene ehemalige polnische Basis des Internationalen Geophysikalischen Jahres 1957/58 erreichen. Wir wissen, dass sich dort norwegische Physiker aufhalten, und wir sind sicher, dass sie uns mit offenen Armen empfangen werden. Tatsächlich helfen sie uns aus der Patsche, indem sie uns genügend Normalbrennstoff überlassen, damit wir eines unserer Depots erreichen können.

Eine andere, angenehmere Erinnerung ist diejenige an einen ausserordentlich ruhigen und sonnigen Tag in der Gegend vom Süd-Kap. Wir überfliegen ein ganz durchsichtiges, blaues Meer, in dem kleine Inseln mit winzigen Buchten und Sandsträndern verstreut sind. Schade, dass das Wasser so kalt ist! Auf der grössten Insel entdecken wir eine alte Hütte, in der die berühmtesten norwegischen Trapper viele Winter verbracht haben. Alte Netze mit Glasschwimmern hangen noch an den Wänden, und unter den verrostenden Flinten scheint die besterhaltene aus der Zeit Napoleons I. zu stammen. Am Ufer aber liegen zwei riesige Treibminen, die von jüngeren Ereignissen zeugen. Sie erinnern uns daran, dass die « Tirpitz » den Krieg in diese öde Gegend brachte. Seitdem sagt man in Longyearbyen beim Anstossen nicht mehr « Ex », sondern « Tirpitz ».

Eine andere wunderbare Gegend ist die Königsbucht, in die der gleichnamige Gletscher mündet. Die genossenschaftlich betriebene Staatsmine von Ny Alesund liegt am Südufer des Fjords. Sie wurde vor zwei oder drei Jahren endgültig verlassen, als Folge eines schweren Unglücks, das den Sturz der sich damals an der Macht befindenden Arbeiterregierung Norwegens zur Folge hatte. Eine Arbeitermannschaft unterhält noch die Übertageinrichtungen, die bald eine Satellitensuch-station beherbergen werden. Das Radio ist noch eine Stunde täglich in Funktion, und die kleinen Häuser sind viel netter als in Longyearbyen. Von hier aus flog 1928 Nobile an Bord seines Luft-schiffes ab; auch Amundsen startete von hier zu seinem Rettungsflug, von dem er nicht zurückkehren sollte. Ein metallischer Mast und ein Denkmal erinnern noch an diese Heldentat. Unweit des Gletschers empfängt uns eine Gruppe von französischen Geographen in ihrem Lager, wo sie in diesem Jahr mit einer ostdeutschen Mannschaft hausen. Trotz des grauen Wetters macht der Überflug der Gletscherfront einen grossen Eindruck. Im nördlichen Teil der Bucht sind andere seit langem verlassene Gruben; allerlei ungebrauchtes Material, neue Feldbahnwagen und Lokomotiven zeugen von einem übereilten Auszug.

Wegen des schlechten Wetters und des Treibeises war 1964 der Zugang zur Ostküste erschwert. Erst in der zweiten Hälfte August können wir endlich dort arbeiten. Bei der ersten Landung des Hubschraubers lässt sich der Pilot von einem unerwartet heftigen Windstoss, der Luftwirbel zur Folge hat, überraschen. Lange Minuten treibt der Apparat fast ohne Kontrolle mit einer übernormalen Geschwindigkeit. Bei rotaufleuchtenden Siganallampen auf dem Armaturenbrett steigen wir längs eines Felsabsturzes und werden knapp über der Gratlinie auf ein Gletscherplateau geschmissen. Während unseres ganzen Aufenthaltes an der Ostküste sollte der Wind unser Haupthindernis bleiben.

Ist die Westküste Spitzbergens, vor allem in der Nähe des Eis-Fjords, wo man viele Hütten von wissenschaftlichen Mannschaften findet, verhältnismässig zivilisiert, so ist dagegen die Ostküste sehr wild und einsam. Durch ihre Küstenfelsen, die nur einige Landungspunkte offenlassen, wird sie noch abweisender. An einigen Plätzen tauchen sehr steile, 600 Meter hohe Lehmabhänge in den Ozean. Zahlreiche Gletscher, darunter der Negribreen, der grösste Gletscher Spitzbergens, münden ins Meer. Mit einer Ausnahme sind alle rückgängig, wenn man sie mit den 1938 gemachten Flugaufnahmen vergleicht.

Rings um noch nicht sehr zerfallene Hütten sind zwei leichte Lager eingerichtet, eines in Kvalvagen ( Walfischbucht ), das andere in Agardh-Bucht. In Kvalvagen entdeckte ich zwischen zwei alten Brennstoff ässern eine sorgfältig verpackte Flasche Whisky. Auf einer Visitenkarte wünscht uns ein Geologe, J. P. C, ironisch viel Erfolg in unserm « subtropischen » Unternehmen. Sollten ihm diese Zeilen zu Augen kommen, sei ihm mitgeteilt, dass sein alter Whisky ausgezeichnet gemundet hat!

Wie um uns zu foppen, setzt Ende August schönes Wetter ein; aber es ist schon zu spät, um Luftaufnahmen zu machen, denn die Sonne steht zu tief. Ich benütze die Gelegenheit, um einige entfernte Forschungsreisen und kurze Rekognoszierungen zu unternehmen. So überfliegen wir an einem sonnigen Nachmittag den ganzen nördlichen Teil der Ostküste und einen Teil des Nordost-Landes. Es sind sehr vergletscherte Gegenden, wo nur Höhenzüge und Gipfel hervorragen. Das Nordost-Land ist von mächtigem Inlandeis bedeckt, mit Ausnahme des Nord- und Westufers. Im Süden schiebt sich ein breiter Gletscher ins Meer hinaus wie ein riesiger Auswuchs. An diesem Sommerende ist die Hinlopen-Strasse fast zu 8/lo von Packeis bedeckt, und im Norden erkennt man deutlich das zusammenhängende Eisfeld. Im Osten, jenseits eines ganz weissen Meeres, ahnt man die dunkleren Farben des König-Karl-Landes, eines Eisbärenreservates. Es ist ein einzigartiger, unbeschreiblicher Anblick. Zum erstenmal sind wir wirklich in Kontakt mit der unendlichen arktischen Eiswüste.

Anfangs September geben wir zum letztenmal Volldampf voraus vom Landungssteg von Longyearbyen. Der Sommer ist vorbei, in den jetzt verdunkelten Nächten gefriert es, und der sumpfige Boden, in dem unser Fuss vor einigen Tagen einsank, ist fest geworden. Möwen und Seeschwalben, die vor zwei Monaten brüteten und uns angriffen, wenn wir uns ihren Eiern näherten, begleiten jetzt ihren Nachwuchs bei seinem Flug, der jeden Tag sicherer wird. Zum letztenmal fahren wir am Eis-Fjord-Radio vorbei und nehmen Richtung auf die Bären-Insel, auf halbem Weg nach Norwegen, wo wir noch einige Tage arbeiten wollen.

Auf dieser winzigen, im unendlichen arktischen Meer verlorenen Insel sind wir jetzt auf uns selbst angewiesen: Den Hubschrauber haben wir zurückgelassen, und die Fahrzeuge wagen wir nicht auszuladen, denn wir befürchten, sie wegen der Brandung nicht mehr aufladen zu können. So durchstreifen wir die Insel mehrmals zu Fuss. Auch hier gibt es verlassene Kohlenvorkommen, um die ehemals norwegische, niederländische und russische Pioniere mit dem Gewehr in der Hand gekämpft haben. In der Nähe von Russenhamne ( Russenhafen ), wo der « Kvitungen » vor Anker liegt, entdecke ich in den Grundmauern einer zerfallenen Hütte einen menschlichen Schädel: Überrest eines unglücklichen Trappers oder Grubenarbeiters. Auf dieser Insel, wo an 360 von 365 Tagen Nebel lagert, haben wir wie durch ein Wunder wieder die Sonne gefunden. Oben von Miseryfjellet erstreckt sich die Sicht auf die ganze Insel, von den Masten von Björnöya-Radio im Norden zu den zerklüfteten Felsen der Südspitze.

Am Abend unseres letzten Arbeitstages lichtet der « Kvitungen » die Anker und sticht Richtung Tromsö in See. Wie wir die norwegische Küste erblicken, geniessen wir, als letzte Erinnerung an unsern arktischen Sommer, das Schauspiel eines Nordlichtes in der endlich wiedergefundenen Dunkelheit der Nacht.Übersetzung Nina Pfister )

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