Eine Kompanie auf dem Piz Palü

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Mit 4 Bildern.Von Georg Calonder.

« Herr Major, Skikompanie aufgeschlossen! » Am 3. März 1939 kann auf dem Palügipfel der Kompaniekommandant des Winter-W. K. seinem Vorgesetzten diese erfreuliche Meldung erstatten. Das ist für Kommandant und Truppe wohl der Höhepunkt des ganzen Kurses. Strahlende Engadiner-sonne, eine unendlich weite Fernsicht, vollkommene Windstille und rings herum Fels und Eis der Berninagruppe geben dem schönsten Marschhalt der Kompanie ein einzigartiges Gepräge. Das Gefühl der Zufriedenheit, wie es beim Bergsteiger und Soldaten immer nur nach einer tapfern Leistung Platz greift, trägt den restlichen Teil bei zu dieser Gipfelrast im grauen Rock, die alle Sorgen der Vorbereitung und die Mühen des zehneinhalbstündigen Aufstieges vergessen lässt.

Ursprünglich war dieser Ausmarsch der während vierzehn Tagen inPontre-sina stationierten Skikompanie zu Beginn der zweiten Dienstwoche vorgesehen. Wetter und andere Umstände machten aber die Verschiebung der Besteigung notwendig bis Freitag. Das Abwarten günstiger Witterungsverhältnisse ist vor allem eine Massnahme des Friedensdienstes. Aber selbst im Krieg wird sich der Führer eines grösseren Verbandes die Verhältnisse gründlich überlegen müssen, bevor er einen Marsch in diese Höhenregionen durchführt. Verluste an Menschen und Material sind im Hochgebirge besonders schwer ertragbar infolge der Schwierigkeiten des Nachschubes, wobei es gleichgültig ist, ob es sich um Opfer der Berge oder solche der feindlichen Feuerwirkung handelt.

Schon am Donnerstag munkelt man in der ganzen Kompanie: Morgen, Palü! Und ein tatenfreudiges Leuchten geht über die sonnverbrannten Gesichter der Skisoldaten. Sie kennen alle den Palü, haben sie doch schon am zweiten Tag des Kurses vom Piz Languard aus den wuchtigen Drei-pfeilerberg glänzen gesehen. Der Kurskommandant trifft nun die wohlüberlegten Vorbereitungen. Ausrüstung für alle Möglichkeiten, Wahl der Marschroute, Berechnung der Marschzeiten, Unterteilung der Kompanie in Kolonnen müssen bestimmt werden. Schliesslich marschiert er noch am Donnerstag-nachmittag nach der Diavolezzahütte, um am folgenden Morgen, lange bevor die Truppe ankommt, den sogenannten « Cambrenabruch » zu erkunden.

Technisch schwierigere Stellen erzeugen immer eine Stockung im Marschtempo. Jeder Bergsteiger kennt das. Je grösser aber der Verband, je grösser naturgemäss die Stockung für die letzten. Dieser Tatsache Rechnung tragend wird die Kompanie für den Marsch in eine Suchpatrouille und zwei Kolonnen gegliedert. Jede Abteilung verlässt die Kantonnemente eine Stunde nach der vorangehenden.

Die Spurpatrouille marschiert von Pontresina ab um 1 Uhr nachts. Ihr sind nur ganz vorzüglich trainierte Leute zugeteilt, im ganzen zehn Mann. Ihre Aufgabe besteht, wie schon der Name sagt, darin, die Spur für die nachfolgende Kompanie vorzubereiten. Im Pulverschnee muss sie also einfach spuren, am harten Steilhang dagegen oft sogar mit Iselinschaufel und Eispickel zugreifen, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Die Spur muss auf alle Fälle mühelose Führung der Ski auf gleicher Höhe gestatten. Das Begehen einer sogenannten « Holzbeinspur » kann der schwer bepackten Truppe auf einem längern Marsch nicht zugemutet werden. Zugleich muss die Steigung der Spur regelmässig und nicht zu steil sein, möglichst wenige Kurven und nie Spitzkehren aufweisen und auch in bezug auf Lawinengefahr, Eis- und Steinschlag einwandfrei gezogen sein. An der Isla Persa, auf dem harten und abschüssigen Steilhang findet unsere Spurpatrouille Gelegenheit, all ihr Können ins Licht zu stellen. In vier bis fünf weitausholenden Kehren wird der böse Steilhang auf mühelose Art und Weise überwunden.

Inzwischen ist um 2 Uhr die Kolonne 1 der Hauptmacht von Pontresina abmarschiert. Mit den Fellen im Rucksack gleitet sie durchs Val Bernina hinein zum Morteratschgletscher. Das schont die Felle und geht zudem leichter. Bei der Eisgrotte: Marschhalt. Erst jetzt? Jawohl, denn im Hoch- gebirge ist der Marschhalt immer auch zugleich ein Verpflegungshalt, findet aber nur alle zwei bis drei Stunden statt je nach dem Gelände und nicht nach der Uhr. Er ist aber auch nicht nur zehn Minuten lang, sondern dehnt sich zwanzig bis dreissig Minuten aus. So kann immer wieder etwas gegessen werden, ohne dass der Magen durch eine zu umfangreiche Hauptmahlzeit überlastet wird.

Ein während des Marschhaltes vom Kolonnenführer vorgenommener Versuch über die Steigfähigkeit des Wachses zeigt, dass die Temperatur für das von der ganzen Kompanie einheitlich aufgestrichene Fabrikat zu tief ist für die folgende schärfere Steigung. In diesem Fall gibt es nur einen Befehl: Felle anschnallen! Steigwachs leistet bei Flachläufen und kleinen Steigungen mit schwerer Packung vorzügliche Dienste; es wäre aber falsch, sich infolgedessen nur auf Steigwachs zu verlassen. Bei den schroff wechselnden Temperatur- und Schneeverhältnissen im Gebirge kann immer wieder auch der gewiegteste Wachskünstler nicht tief genug in sein Säcklein greifen. Felle oder Fellersatz bleiben das zuverlässigste unter den heutigen Steigmitteln, soweit diese militärisch verwendet werden.

Bis zum nächsten Marschhalt am Fusse der Isla Persa ist es Tag geworden. Die Berninaspitze mit dem unvergleichlichen Biancograt leuchtet auf, Bellavista, Argient, Crast'aguzza, Prievlus, Morteratsch! tönt es durcheinander. Ganz im Betrachten des erwachenden Tages versunken und mit der Einordnung aller Gipfel beschäftigt, stehen wir schon unterm Cambrenabruch. Zwischen den Eistürmen und Spalten arbeitet hoch oben die Spurpatrouille. Die Überwindung eines Eishanges gibt ihr zu schaffen. Es wird eine Stufenleiter erstellt, wobei die Stufen aber Skilänge haben und so breit sind, dass man bequem beide Bretter nebeneinander aufsetzen kann, also eine eigentliche Eistreppe. So lässt sich zeitraubendes und ermüdendes Ski-abschnallen,zusammenbinden und -schultern verhindern. « Ökonomie der Kräfte » ist auch im Hochgebirgsmarsch oberstes Gesetz. Jetzt kommt die Kolonne 1 in die Sonne. « Kragen und zwo Knöpfe öffnen, Kragen umschlagen », wird sofort von vorn gestattet. Es ist eben wesentlich, dass man den Kragen öffnet, bevor man schwitzt. Die bewährte blaue Kaputbluse ist trotz aller Uniformdiskussion in der Schweizerarmee immer noch das für Hochgebirgsdienst am besten geeignete Bekleidungsstück.

Noch ist der Bergschrund zu überwinden, und dann können im Sattel des Palüostgrates die Ski abgelegt und der Gipfel zu Fuss angegangen werden. Jeder steckt seine Bretter fest in den Schnee und nimmt einen Stock zur Hand. Steigeisenanziehen und Verpflegung, ein kräftiger warmer Schluck aus der Thermosflasche füllen diesen letzten Marschhalt aus. Dann Anfrage: « Wer will sich anseilen? » Auf je fünf Mann wurde ein 30 m Seil mitgetragen. Wer sich in vierzackigen Steigeisen auf einem luftigen Gipfelgrat nicht ganz sicher fühlt, meldet sich. Es gibt aber auch ganze Züge, in denen sich niemand anseilen lassen will. Gut, jeder kennt sich selbst am besten. Wenn übrigens bis hierher der ganze Aufstieg der Kolonnen unangeseilt durchgeführt wurde, so war das nur möglich dank einer ganz vorzüglich straff durchgehaltenen Marschdisziplin. Während die Kolonne in Bewegung ist, darf kein Mann austreten oder auch nur zwei Schritte zurückbleiben. Das Marschtempo ist so, dass jeder ohne Abstand folgen kann. Das ist einesteils marscherleichternd für jeden Mann selbst, verhindert aber auch alle « Handorglerei » und ist damit Kameradschaft gegenüber allen Nachfolgenden.

Jetzt marschiert Zug um Zug auf dem Gipfel auf, und innert einer Stunde ist die ganze Kompanie aufgeschlossen. Der Hauptmann meldet, und im übrigen braucht es keine langen Worte. Jeder sieht es selbst: in plastischer Winterbeleuchtung heben sich Gipfel und Grate von den dunkleren Tälern ab. Unvergesslich prägt sich den Skisoldaten das herrliche Bild ihrer Heimat ein. Und wenn sie einmal zur Grenze eilen müssen und dort aushalten in allen Stürmen, so wissen sie, was für einen herrlichen Flecken Erde sie verteidigen und halten werden.

Beim Abstieg ist die Spur bis zur Skiablage stark ausgetreten. Ein Geländerseil wird befestigt und damit die schlimmste Stelle gut gangbar gemacht. Nochmals die Anfrage: « Will sich einer anseilen? » Keiner meldet sich.

Die Abfahrt macht allerstrengste Fahrdisziplin notwendig. Spurfahren und nochmals Spurfahren. Keiner darf seinem Vordermann vorfahren oder gar in ihn hineinfahren. Neben die Spur darf niemand hinausgeraten, es wird immer wieder gestemmt. So geht es durch die Cambrenabrüche auf den Persgletscher. Hier erlaubt die weite ungegliederte und nicht steile Fläche eine gelockerte Marschdisziplin. « Bahn frei bis Isla Pers oben », wird gestattet, und jeder kann nun bis zum angegebenen Ziel fahren, wie er will. Der Zugführer gibt der Kolonne die Hauptrichtung an und ein Schlussmann sorgt dafür, dass niemand zurückbleibt. Beim Ziel versammelt sich wieder ein Zug nach dem andern. Im Steilhang und auch zwischen den Spalten des Morteratschgletschers ist wieder Spurfahren geboten, und keine Müdigkeit darf dieser Marschordnung nachgeben. So kann abends der Kurskommandant von jedem Zugführer die erfreuliche Meldung entgegennehmen, dass sich der ganze Ausmarsch ohne den geringsten Unfall abgespielt habe und der letzte Mann gesund ins Kantonnement zurückgekehrt sei, die schönste Belohnung für die peinlich genaue Vorbereitung und umsichtige Durchführung der Unternehmung.

Damit hat die erste Besteigung eines Gipfels der Viertausenderregion durch eine ganze Kompanie der Schweizerarmee zur Winterszeit ihren Abschluss gefunden. Solche Märsche ganzer Einheiten mit voller Ausrüstung sind in den letzten Jahren in verschiedenen Armeen Mode geworden. Zudem tragen sie dort auch oft mehr oder weniger deutlich den Stempel einer Prestigefrage. Man könnte leicht geneigt sein, auch die Palübesteigung hier einzureihen. Dies wäre aber eine irrige Auffassung. Dieser Ausmarsch stellte nichts weiter als die folgende Stufe in der Steigerung der bisherigen Leistungen dieser Art in der Gebirgsbrigade 12 dar. Wichtig sind die aus der Besteigung fliessenden Erfahrungen.

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