Eine schöne klassische Route: der Nordgrat der Dent Blanche

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Nicolas Roth, Lausanne

Die Bezwingung des Nordgrates der Dent Blanche ist eng mit der Familie Georges aus La Forclaz verbunden; doch nun, in der vierten Generation, ist André Georges der einzige Bergführer der Familie geblieben.

So ist es natürlich, dass ich am 18. August 1981 in Gesellschaft meines Freundes und gelegentlichen Führers André Georges den Pfad von Bricolla zum Biwak am Nordpass der Dent Blanche hinaufsteige.

Diese sympathische sechseckige Hütte hat 1975 Antoine Forclaz, ein Unternehmer aus La Sage, für die Sektion Jaman in einem der unberührtesten Gebiete der Alpen erbaut.

An diesem Dienstagabend essen wir zu viert am einzigen - ebenfalls sechseckigen - Tisch des Biwaks: Alphonse Vuignier, ein Bergführer aus Les Haudères, sein österreichischer Kunde, der schon mit Bonatti geklettert ist, André und ich.

Die Sonne geht in zauberhafter Stimmung unter. Die Schatten der Dent Blanche werden auf dem Glacier Durand zunehmend länger, und in der Cabane du Mountet leuchten die ersten Lichter auf. Ich nehme meine Mundharmonika heraus, und bald ertönen schöne tiefe Stimmen am Fuss des Südgrates der Dent Blanche.

Fünf Uhr morgens. Wir sind mit einem Abstand von 40 Meter angeseilt. Das Licht unserer Stirnlampen scheint in dieser tiefschwarzen Weite fast machtlos. Unsere Schritte sind ungeschickt, obgleich der Anfang des Grates leicht ist.

Eine erste kleine Mauer, eine Passage III. Grades, die zur Nordwand führt, und dann sind wir schon vor dem ersten Grataufschwung von 15 Metern, der nicht leicht zu erklettern ist. Die Dunkelheit erhöht die Schwierigkeiten, das Seil ist gespannt, so dass ich André an der Spitze nicht mehr ausmachen kann. Für mich entspricht das dem IV. Grad.

Jetzt sind wir am Beginn der Platten-Traver-sierung angelangt, haben uns mit Karabinerhaken an einer fixen Sicherung eingehängt und montieren mit steifgefrorenen Fingern die Steigeisen.

Mich packt ein wenig Angst. Schreibt doch Michel Vaucher in seinem Buch Les cent plus belles courses des Alpes valaisannes, in diesen Platten sei die Sicherung schwierig und manchmal rein symbolisch.

Wir queren sie horizontal über ungefähr zweihundert Meter ( vier bis fünf Seillängen ), wobei wir etwas höher kommen. Die Schwierigkeit liegt in der Gefahr zu pendeln und der Tatsache, dass der Fels mit Schnee und Eis bedeckt ist.

Die Dunkelheit lässt nach, so dass ich André in der ersten Seillänge beobachten kann. Er ist sehr konzentriert, gräbt mit der Hand im Schnee: Wie hergezaubert kommt ein Haken zum Vorschein. Darauf ist das metallische Geräusch eines einschnappenden Karabinerha-kens zu hören, das Seil spannt sich, das hat geklappt!

Mitten in der Traverse zwingt eine eisbedeckte, sehr offene Verschneidung André, Haken anzubringen. Er richtet mir ein Seilgeländer ein, was ich als sehr barmherzig empfinde.

Im Augenblick, als wir aus einem Risskamin ( IV, recht anstrengend ) aussteigen und uns auf den vom Gipfel herabkommenden Grat schwingen, treffen uns die ersten freundlichen Strahlen der Sonne. Kaum habe ich Zeit, meine kleine Instamatic aus dem Rucksack zu nehmen - eine Anleihe bei einem meiner Kin-der-, höre ich Andres Ausruf: ( Dies hier ist die unberührteste Gegend, die ich kenne !) Doch schon ruft mich das Seil wieder zur Ordnung. Ein letzter Blick auf das fünfhundert Meter tiefer liegende winzige Biwak, dann konzentrieren sich meine Augen auf die Fortsetzung der Kletterroute, die über den NNW-Grat, über den Westhang und, nach einem Spreizschritt, zum Ausgangspunkt vor der Schlüsselstelle führt.

Die Landschaft ist eindrucksvoll. Unter uns verliert sich ein Couloir, ein richtiger Schlauch, ins Leere; ausgehend von dem kleinen ovalen Firnfeld zwischen dem Nordgrat und dem Grat von Ferpècle fällt es steil bis unten an die Nordwestwand ab. Uns trifft ein leichter Gletscherwind.

Die etwas überhängende Schlüsselstelle erkletterte man zu unserer Zeit noch mit Hilfe einer Strickleiter. André braucht jetzt das Material, das Alphonse Vuignier aus der Plattentraverse mitbringen soll. Wir werden zwanzig Minuten warten. Das ist der Beweis, dass André die Route gut kennt. Zum ersten Mal muss ich meine Handschuhe ausziehen. Wir sind auf 4000 Metern, und ich friere entsetzlich an den Händen. André ist schon in der Seillänge; ich habe etwas Mühe, die Griffe zu finden, aber zum Glück ist Alphonse da. Über einige Meter wird das Klettern anstrengend. Kleine Platten mit sehr feinen Griffen, ein Kamin, etwas brüchiges Gestein und einige kurze Aufschwünge - trotz der überall vorhandenen Vereisung gelingt es uns, den Grat zu erreichen und aufs neue in die Nordwand zu gelangen, dort, wo die Nordgrat-Direktroute einmündet. Als Schwierigkeit gibt die Routenbeschreibung 310 im SAC-Führer an: SS mit Passagen des III., IV. und V. Grades. Ich glaube, die eigentliche Schwierigkeit liegt darin, diese Passagen jeweils auch zu finden, selbst wenn einige vorhandene Haken die Illusion einer bereits begangenen Route vermitteln.

Die Tour geht weiter mit der Überwindung von fünf aufeinanderfolgenden Grattürmen, wobei jeder mit etwas geringeren Schwierigkeiten aufwartet. Das rechtfertigt die Bezeichnung als Grattour, im Anfang waren wir nämlich geneigt, von der Ersteigung einer Wand zu sprechen.

Um 9.50 Uhr sind wir auf dem Gipfel. Wir haben für den Nordgrat nicht einmal fünf Stunden gebraucht. Das ist wenig, und André ist glücklich. Ich für meinen Teil kann diese herrliche klassische Route nur empfehlen, vor allem am Seil eines Alpinisten dieses ( Kalibers ). André Georges ein herzliches Dankeschön!

P.S. Für mein beschauliches Gemüt ging der Aufstieg zu schnell...

Einige Betrachtungen über die Nordseite der Dent Blanche Diese Flanke der Dent Blanche wird im Osten durch den Vier-Esels-Grat und im Westen durch den Ferpècle-Grat begrenzt.

Die eigentliche Nordwand ist tatsächlich die NNO-Wand; sie liegt zwischen dem NNW-Grat, der sich zum Col de la Dent Blanche senkt, und dem Vier-Esels-Grat, ist rund tausend Meter hoch und die meiste Zeit mit Schnee und Eis bedeckt. Sie wurde 1932 durch Karl Schneider und F. Singer zum ersten Mal durchstiegen. 1966 eröffneten Y. und M.Vau-cher eine Direktroute. Im Jahr 1968 gelang Camille Bournissen, Bergführer in Arolla, die erste Winterbesteigung. Zehn Jahre später, 1978, hat André Georges seinen ersten Kunden über die Voie Vaucher geführt.

Die von André Chevrier, Alphonse Vuignier und André Georges 1976 eröffnete Nordgrat-Direktroute führt über eine gewaltige, 350 Meter hohe Mauer, die sich direkt über den Platten der klassischen Route befindet. Seitdem hat André Georges im Alleingang eine neue, noch direktere Variante eröffnet. Er kehrte noch zweimal zu ihr zurück einmal mit einem Kunden, dann am 17. Juli 1986, in Verbindung mit der Begehung der Voie Gogna am Matterhorn, mit J.M. Boivin.

Der NNW-Grat ( allgemein als Nordgrat bezeichnet ), über die klassische Route der Platten, wurde zum ersten Mal 1928 von Joseph Georges, genannt de skieur>, seinem Bruder Antoine - beides Onkel von André Georges -, I.A. Richards und dessen Frau Doroty Pilley erklettert.

Die erste Winterbesteigung des NNW-Gra-tes gelang 1963 Jean Gaudin, einem ausgezeichneten Bergführer aus Evolène, und Pierre Crettaz, Bergführer in Arolla, die erste Winterbesteigung im Alleingang dann 1976 André Georges.

Im Jahr 1961 eröffneten G. Perrenoud und H. Weber eine allerdings stärker technische und schwierigere Variante auf diesen NNW-Grat, die aber die problematische Traversierung der Platten vermeidet.

Die Nordwestwand ist nicht sehr interessant, sie bildet eine Art Trichter, in dem häufig Lawinen niedergehen.

Die Georges, Bournissen, Gaudin, Vuignier, Maître, Chevrier, Crettaz, Fauchère und andere Bergführer - alle aus dem Val d' Hérens -haben den zahllosen Routen der Dent Blanche ihr Zeichen aufgeprägt, sowohl in der Vergangenheit durch die Bezwingung der Nordseite dieses Berges als auch in der Gegenwart, indem sie begeisterte Alpinisten auf diesen schwierigen Routen führen.

Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern.

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