Eine seltsame Titlis-Fahrt

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Von M. Werder

Zur Erinnerung an Hermann Hess, t 17. Mai 1946 Mit 1 Bild ( 73 ) ( Basel ) Ende September 1928 war 's. An einem schwülen, sonnigen Nachmittag gegen drei Uhr verliessen Hermann Hess und ich unsere Freunde in Trübsee und stiegen gemächlich das steile Weglein über stille Weiden, auf denen der Hauch des beginnenden Herbstes lag, gegen den Titlis hinan.

Schon oft waren wir selbander zu Berg gezogen, zu leichteren und zu schwierigeren Fahrten, meist abseits von den üblichen Routen. Diesmal galt es eine ganz leichte, gemütliche Tour: als Abschluss genossener sommerlicher Bergfreuden wollten wir den Sonnenuntergang von stolzer Gipfel Höhe erleben. Dies war unser Ziel!

« Ein Schauspiel, viel schöner und grandioser wie der Sonnenaufgang! » meinte Hermann vor ein paar Tagen, unten in Engelberg. Unser Entschluss ward schnell gefasst, nachdem ein paar schöne Tage gutes Wetter verhiessen und der zunehmende Mond eine helle Nacht versprach. Dass das Wetterglas etwas zu stark gefallen war, machte uns keine Bedenken.

Unsere Rucksäcke waren leicht und drückten nicht. Um so mehr spürten wir die in Trübsee genossene opulente Kollation, die gute Flasche « Murettes », den Kaffee-Kirsch mit der kräftigen Zigarre! Ach, zu viel irdische Schwere wohnt doch in all diesen köstlichen Dingen! Schwül war 's, entsetzlich schwül. Der Schweiss tropfte von der Stirne. Langsam, ruhig stiegen wir bergan. Mit jedem Schritt ging 's besser, und allmählich lagen wir in dem weitausgreifenden Schritt, für den Hermann Hess bekannt war.

Tief unten liegt schon der Trübsee. Eine wunderbare Stille umfängt uns. Hoch im blauen Äther kreist ein Raubvogel. Die Pickel klirren im Geröll, das sich zum « Stand » hinaufzieht. Dort empfängt uns mit heiserem Krächzen ein Alpendohlenpaar. Wir gönnen uns hier die erste kurze Atempause. Herrlich ist der Blick hinunter ins Engelberger Tal. Merkwürdig klar grüssen die dunklen Tannen herauf, derweil sich das Strässchen gegen die Herrenrüti in blendender Helle hinzieht. Im Westen schiebt sich eine dunkle Wolkenwand über den tiefblauen Himmel. Schon jagen einzelne Nebelfetzen um die höchsten Bergspitzen. Wetterumschlag? Vor ihm ist uns diesmal nicht bange.

Ohne uns auf dem« Stand » länger aufzuhalten und ohne ein Wort über die Verschlechterung des Wetters zu verlieren, steigen wir über Geröll und Geschiebe dem Rotegg entgegen. Hier hat sich das Wetter fast unmerklich, aber entschieden verschlechtert.

Düster liegt der Gletscher zu unseren Füssen. Hässlich gähnen die Spalten des Abbruchs zu uns hinauf, und vergebens sucht das Auge ein Stückchen blauen Himmel. Schon huschen die ersten Nebel über den Titlisgipfel und wälzen sich über die Firngrate des Reissend Nollen. Noch einmal blitzt es im fernen Melchsee, ein letzter Sonnenstrahl, und dann verschlingt ein unheimliches, totes Grau alle Sonnenherrlichkeit.

So haben wir uns das Verschwinden des Tagesgestirns allerdings nicht gedacht — trennen uns doch noch zwei Stunden von dem eigentlichen Sonnenuntergang, sofern uns der vorher konsultierte Kalender richtig beraten hat.

Zu zweien ist ein Entschluss meist schnell gefasst:

« Umkehren? Mit einem gloriosen Sonnenuntergang ist es diesmal doch nichts! » « Nein! Umgekehrt wird heute nicht! » Und schon binden wir uns, nachdem wir über die leichten Felsen des Roteggs geklettert sind, unten auf dem Gletscher ans Seil, und weiter geht es über den Gletscher, dessen Schrunde und Spalten durch einen kürzlichen Neuschneefall nur leicht zugedeckt sind, dem«Stotzigberg » entgegen. Vorsicht ist hier geboten. Hermann führt, ich folge am gespannten Seil.

Inzwischen ist das Wetter noch schlechter geworden, und als wir über den « Stotzigberg » den Westgrat des Berges erreichen, fällt uns ein wütender Sturm an, der mit seinen Pranken weite Schneeflächen packt und sie in die Luft hinauswirbeln lässt. Für einen Augenblick taucht der Blick hinunter in das gespensterhaft schwarz-violett zu unseren Füssen liegende Gadmental. Dann fegt mit einemmal der von allen Seiten emporsteigende Nebel jegliche Sicht hinweg. Mit unheimlicher Schnelligkeit weicht die Dämmerung der finsteren Nacht. Der eisige Sturmwind packt und schüttelt uns, und plötzlich beginnt es auch noch zu schneien. Wie Nadelstiche empfinden Gesicht und Hände den körnigen Schnee. Mühsam kämpfen wir uns vorwärts und tasten uns beinahe zum Gipfel hinauf, den wir, bis aufs Mark durchkältet und durchnässt, erreichen. Schauerlich heult der Wind im Gestänge des Gipfelsignals.

« Sofort Rückzug, bevor es noch schlimmer kommt! » brüllt mir Hermann zu. Beinahe verstehe ich ihn nicht im Toben des Schneesturms!

Und ungesäumt machen wir uns an den Abstieg, Hermann als erprobter Lotse an der Spitze.

Auf dem breiten Firngrat des Titlis zerrt und reisst der Sturm an den nächtlichen Wanderern, umtanzt sie der Schnee von allen Seiten in tollem Wirbel. Am « Stotzigberg », im Windschatten, wird es stiller, nur oben auf dem Grat heult der Sturmwind weiter. Lautlos fällt hier der Schnee in dichtem Gewimmel. Nacht umgibt uns; von rechts und links dräuen wie phantastische Ungeheuer die halb zugeschneiten Schrunde, trotz Nebel und Nacht deutlich erkennbar. Sicher und in unheimlichem Tempo führt Hermann. Im Dunkel erhebt sich vor uns das Rotegg. Rasch schlüpfen wir aus den gefrorenen Seilschlingen und steigen die leichten, verschneiten Felsen zum Signal des Rotegg empor.

Doch, ha, was ist denn da? Das auf dem Rotegg errichtete Signal erstrahlt mitten in der Nacht in einer merkwürdigen Aureole.

« Siehst du 's, Hermann? » Mit ausgestreckter Rechten mache ich Hermann auf das Phänomen aufmerksam — und siehe ( inzwischen hatten wir das Rotegg erreicht ), aus dem ausgestreckten Zeigefinger schlagen mit leisem Knistern unaufhörlich Funken, bläuliche Funken. Ich spüre ein leises Prickeln im Finger.

« Elmsfeuer!»Über eine halbe Stunde verweilen wir mitten in dieser seltsamen Naturerscheinung, « ziehen » uns gegenseitig Funken aus dem elektrisch geladenen Körper, aus der Nasenspitze, aus den verschneiten Augenbrauen, lassen die Pickel surren, derweil der Sturmwind hier völlig aufgehört hat, aber der Schnee lautlos, unaufhörlich weiter fällt.

Auf meine etwas ängstliche Frage, ob wohl nicht auch mit Blitzschlag zu rechnen sei, meint Hermann trocken: « Das werden wir ja gleich sehen! » — Es hat aber weder geblitzt noch gedonnert. Merkwürdig ist, was wir rasch feststellen, dass die Erscheinung der Funkenentladung in einer Höhe von etwa einem Meter über dem Erdboden völlig ausbleibt, währenddem bei emporgehobenen Armen und ausgestreckten Fingern die Funken aus allen zehn Fingern beider Hände schlagen. Auch die emporgehobenen Pickel erstrahlen in herrlichem Feuerzauber und surren und knistern.

Die Erscheinung mitten in dunkler Nacht hatte etwas Phantastisches, Überirdisches.Die Zeit war vorgeschritten und hiess uns zu Tale steigen. Ungern trennten wir uns von dem Spuk. Einige Meter unter dem Rotegg hörte die Erscheinung völlig auf; aber noch einmal erstrahlte das Signal in seiner Aureole, bis es Nacht, Nebel und Schnee verschlangen.

Angeregt plaudernd stolperten wir über verschneite Felsen und die steilen Hochweiden nach Trübsee, wo man uns mit etwelcher Sorge erwartete. Der treu besorgte Vater Hess hatte, beunruhigt durch die von ihm beobachtete, um den Titlis lagernde Wolkenkappe, schon wiederholt von Engelberg nach Trübsee telephoniert und sich nach dem Verbleiben der beiden Wanderer erkundigt.

Bis spät nach Mitternacht sassen wir beisammen, bevor wir uns zur Ruhe begaben. Aber wir fanden sie nicht, obgleich wir beide gute Schläfer und rechtschaffen müde waren. Hat uns die « elektrische Ladung » nicht schlafen lassen?

Am frühen Morgen, als ich Engelberg verliess, um einige Tage im Wallis zu verbringen, lag über dem stillen Hochtal goldener Herbstsonnenschein. Die Berggipfel trugen bis weit hinunter einen Kranz von neu gefallenem Schnee.

Oft noch habe ich später mit Hermann Hess über dieses seltene Erlebnis auf gemeinsamer Bergfahrt gesprochen: er hatte es, obschon viel in den Schweizer Alpen herumgekommen, noch nie so erlebt, und er wird es auch nie mehr erleben: im neuen Gottesacker in Engelberg deckt den allzufrüh Heimgegangenen der grüne Rasen, und ringsumher grüssen die Berge, die er so sehr geliebt hat und zu denen er gehörte wie selten einer.

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