Eine Sulzfluh-Rundreise

VON J. BORDE, ZÜRICH

Die jungen Bergsteiger wollen immer etwas Aussergewöhnliches unternehmen. Solche Pläne sind sehr viel wert, und führen sie zur Tat, dann entstehen daraus meistens die unvergesslichen Erlebnisse. Auch wir waren fast alle Sonntage unterwegs. Als Winterbergsteiger lockten uns solche Ziele, die nur auf Umwegen zu erreichen waren.

Der folgende Fahrtenbericht schildert ein solches aussergewöhnliches Unternehmen: Die « Sulzfluhabfahrt » über die Neujahrstage. Wir hatten schon gehört, dass eine solche Abfahrt existiere, aber die meisten wussten nicht genau, wo sie sich befand. Mit dem Arlbergexpress reisten wir von Zürich nach Bludenz, das wir um Mitternacht erreichten. Trotzdem im Bahnhofhotel grosser Silvesterball war, veranlasste uns unser Vorhaben, die Schlafplätze bald aufzusuchen.

Als wir am Neujahrsmorgen den Lokalzug nach Schruns bestiegen, regnete es. Das Thermometer und unsere Stimmung standen auf dem Nullpunkt. Einige Vorarlberger, die sich trotz des Regens auch zu einer Skitour aufgerafft hatten, versuchten die trostlose Stimmung in unserem Abteil zu heben. Aus dem Rucksack zog einer eine Geige und fidelte zur allgemeinen Belustigung. Eine Geige mit auf einer Skitour, das war für uns etwas Neues!

Als Standquartier hatten wir die Lindauer Hütte des ÖAV ausersehen, welche sich an der Ostseite der Sulzfluh befindet. Im Aufstieg regnete es unaufhörlich weiter. Als wir die Hütte erreichten, waren wir ziemlich nass. Der Hüttenwart, ein dort ansässiger alter Walser, empfing uns recht freundlich und war über unseren Besuch überrascht; er sagte, um diese Winterzeit kämen selten Touristen zu ihm. Wo wir denn eigentlich hinwollten? Auf die Sulzfluh? Er schüttelte nur den Kopf und meinte: « Im Winter führt von hier keine direkte Route dorthin, im Sommer gibt es einen Weg durch die Wand, der aber im Winter nicht begehbar ist. Nur mit einem grossen Umweg über das Schweizer Tor und dann von der Schweizer Seite aus können Sie von hier aus auf die Sulzfluh gehen. » Unser Tourenleiter Ferdinand Wörndle wurde etwas unruhig, wie er das hörte. Er riss die Landkarte von der Wand und erklärte: « Dann gehen wir sofort auf dieser Um-wegroute weiter. » Wir hatten uns bereits heimelig eingerichtet. Auch der Neujahrsabend in der Lindauer Hütte versprach gemütlich zu werden. Darum waren wir nicht alle einverstanden über diese plötzliche Planänderung. Einige packten aber ihren Rucksack, stürmten wieder hinaus und spurten nun im tiefen Schnee hinauf, Richtung Schweizer Tor. So hielten auch wir mit.

Bevor wir aber noch das Schweizer Tor erreicht hatten, fiel Nebel ein. Nach der Routenbeschreibung des Hüttenwarts hätten wir uns aber nicht verirren können. Wir mussten nur in gleicher Höhe beim Schweizer Tor die Nordhänge traversieren. Im Nebel und in gänzlich unbekanntem Gebiet bereitete es uns aber doch Schwierigkeiten. Zum Glück hatte unser weitgereister Werner Weckert seinen Kompass im Rucksack, mit welchem wir wenigstens die Himmelsrichtung bestimmen konnten. Nach einigen Stunden Suchens hatten wir auf diesem Umweg die richtige Stelle an der Sulzfluh gefunden, wo ein kleines Tal uns wieder östlich führte.

Allmählich wurde es dunkel. Im Aufstieg erkannten wir dort noch eine kleine Hütte. Als wir jedoch näher kamen, mussten wir enttäuscht feststellen, dass es nur ein kleines Schweizer Grenz-wächterhäuschen war und nicht unser zweites Ziel, die Tilisunahütte an der Sulzfluh. So spurten wir weiter zur Passhöhe. Wir hatten die Grenze überschritten und standen nun wieder auf österreichischem Boden. Nach den Angaben des Hüttenwarts musste die Tilisunahütte, 2600 m, doch ganz in unserer Nähe stehen. Inzwischen war es aber Nacht geworden, so dass wir vergebens in dem leicht welligen Gelände nach der Hütte ausspähten. Es blieb uns nur die eine Wahl, um die Hütte in der Dunkelheit nicht zu verfehlen, in Frontlinie vorzugehen. Aber die Hütte war einfach nicht zu finden.

Da es auch bereits empfindlich kalt wurde und wir uns nur noch als bleigraue Gestalten im Nachtschimmer erkannten, beschlossen wir, in westlicher Richtung, also wieder Richtung Schweiz, abzufahren. Wo war überhaupt an diesem Abend unser Standort? Die Abfahrt glich nur noch einem Tasten. Etwas weiter unten erkannten wir einen Heustadel. Es handelte sich um ein Bauwerk, bei dem die Zwischenräume zwischen den einzelnen Balken genau so gross sind, wie die Balken selbst. Trotzdem wurde sogar der immer zu Spässen aufgelegte Franz in jener Nacht unsicher und wollte dort biwakieren. « Bei 10 Grad unter Null, du...! Wir müssen weiter hinunter. » Irgendwo in westlicher Richtung musste St. Antönien liegen. Auf der anderen Talseite, weit drüben, glitzerten aus dem bläulichen Nachthimmel die Lichter der Parsennbahn. Wir hatten die Waldgrenze noch nicht erreicht, als wir ganz nahe ein Licht sahen. Es war Partnun, das kleine Bergdorf im Prättigau - unser Glück! Nach zehnstündigem Marsch und Umherirren konnten wir im Berggasthof « Alpenröschen » sogar in Betten schlafen. Das war an jenem Neujahrstage die erste angenehme Überraschung.

Noch im Morgenschatten stiegen wir am « Scheienzahn », der spitzen Felsnadel, vorbei wieder zur Passhöhe, wo wir am Abend vorher zum Rückzug geblasen hatten. Nun konnten wir sehen, dass wir ganz nahe an der Tilisunahütte gestanden waren. Wenige Stunden später erreichten wir den Gipfel der Sulzfluh ( 2824 m ). Die empfindliche Kälte verkürzte die Gipfelrast, so dass wir uns bald wieder zur Abfahrt bereit machten.

Unser mutiger Georg sauste als erster den Gipfelhang hinunter. Einige versteckte Steine stoppten aber sehr rasch die kühne Fahrt, und bei seinem Sturz hatte sich auch schon die Grundlage einer Skispitze etwas verschoben. Einige hundert Meter weiter unten passierte mir das gleiche Missgeschick. Über der Sulzfluhreise stand für uns wahrlich kein guter Stern!

Wir hatten die Tilisunahütte wieder erreicht, sie war aber während des Winters geschlossen. Immerhin fanden wir im Vorraum eine alte Konservenbüchse, mit der für meinen verwundeten Ski eine « Ersatzspitze » konstruiert wurde. Erstaunlich gut konnte ich damit dann die restliche Abfahrt, die eigentliche berühmte « Sulzfluhabfahrt », fortsetzen.

Schon sehr bald setzte Nebel ein. Da niemand die Abfahrtsstrecke kannte, verloren wir bald wieder die Orientierung. Hätten wir eine Gebietskarte bei uns gehabt, wäre es ein leichtes gewesen, den richtigen Weg zu finden. Da zog Franz einen Hotelprospekt aus seinem Rucksack, versehen 21 Die Alpen - 1957 - Les Alpes313 mit einer Karte des « Arlberggebietes » in mehrfarbigem Druck mit den eingezeichneten Luft-linien nach Paris, Rom, London, Wien... War es unser Spürsinn oder der Arlberger Prospekt, der uns schliesslich dann doch wieder nach Tschagguns hinunterführte? Es bleibt ein Rätsel. Da wir auf der Sulzfluhstrecke überhaupt keinen Skifahrer gesehen hatten, war die Sulzfluhabfahrt von den einheimischen Skifahrern damals offenbar noch nicht entdeckt.

In Tschagguns war unsere Sulzfluhreise zu Ende. Diese Skitour hätten wir von der Station « Küblis » der Rhätischen Bahn im Aufstieg über St.Antönien viel rascher durchführen können. Erlebnisreicher war aber bestimmt der « unbekannte Weg », den wir aufgesucht hatten.

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