Eine Überschreitung der Hühnerstöcke

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Wir waren bei strömendem Regen in die Gaulihütte, 2213 m, gelangt. Das Wetter hatte sich von sehr schön über Nacht in sehr schlecht gewendet, und so hatten wir auch mit unsern Reiseplänen eine Schwenkung vom Jung-frau- ins Gauligebiet vollzogen. Wir glaubten, auch bei unsicherem Wetter dort wenigstens ein wenig klettern zu können. Wir — Alfred Rubin und Franz Knuchel vom S.A.C. Interlaken und ich — trafen in der Hütte nur vier Herren aus der Sektion Kamor, die sich dort häuslich eingerichtet hatten. Im übrigen schien Regen und Schneegestöber alle andern Gäste vertrieben zu haben. Der folgende Tag brach trüb und regnerisch an und fuhr mit dichtem Nebel fort, recht eintönig zu sein. So hatten wir Musse genug, Karte, Clubführer und Hüttenbuch zu studieren. Das letztere belehrte uns, dass die südöstlich gelegene Kette mit Bächlistock, Diamantstock und den Hühner-stöcken wohl die wenigst besuchte des ganzen Gebietes sei, meldete doch das Hüttenbuch vom Hühnerstock 1924 keine, 1925 eine einzige Besteigung.

Als dann gegen Nachmittag das Wetter aufhellte und wir vom Aufstieg zum Hangendgletscherhorn die Berge sahen, denen unser Studium gegolten, beschlossen wir einstimmig, die Hühnerstöcke aufs « Menu » des kommenden Tages zu setzen, obschon es ein Freitag und dazu noch der 13. August war.

Erst nach 5 Uhr brachen wir auf. Noch strichen da und dort einige Nebelschwaden um die Gipfel. Ein frischer Wind aber Hess einen schönen Tag erhoffen. Nach zwanzig Minuten erreichten wir auf gutem Wege, zuletzt etwas absteigend, den unteren, aperen Teil des Gauligletschers. Wir legten das Seil um und querten den breiten Eisstrom rasch nach Süden. Am jenseitigen Ufer begannen wir die erst steilen, dann flacheren Schneefelder des Hühnertäligletschers anzusteigen. Mühelos kamen wir auf dem spaltenlosen Firn aufwärts und vorwärts. Der Bergschrund war — wie 1926 fast überall — gut überbrückt, und rasch war die Höhe des westlichen Hühnertälipasses erreicht, 3030 m. Wir hatten 3 Stunden 10 Minuten gebraucht.

Das Wetter war klar, der Himmel wolkenlos geworden. Die Sonne strahlte in die herrliche Berglandschaft hinein und erlaubte eine köstliche Rast auf den schon warmen Gneisplatten. Weit war die Sicht in die Berge des Ober- und Unteraargletschers. Rückwärts schweift der Blick zu den Wetterhörnern. « Wie wird es erst oben sein ?» dachten wir und sandten einen lüsternen Seufzer gegen den unnahbaren Ostgrat des Berges. Dann liessen wir uns nieder und schauten, schauten.

Nach einem rechten Bergfrühstück — Speck, Brot und Tee — wandten wir uns dem Gross-Hühnerstock zu. Der Clubführer macht herzlich wenig Angaben über die Besteigung. Die beste war die, dass schon andere Leute auch da hinauf seien. Daneben erwähnt er brüchige Felsen und eine schlechte Stelle bei einem grossen, gelben Stein unweit des Gipfels. Diesen gelben Gesellen hatten wir schon von weit unten leuchten gesehen, somit schien das wenige doch zu stimmen.

Zuerst ging es ganz leicht bis zum eigentlichen Beginn des Grates. « Ging es », besser: gingen wir, denn man konnte wirklich gehen, wenn man nämlich genügend Gleichgewicht besass. Auf der Südseite des Berges sah man im Schnee Spuren von Männern, die sich offenbar auch mit dem Hühnerstock befasst hatten. Wir stiegen ein wenig ab und folgten den Stapfen etwa 40 m hoch bis auf ein kleines Plateau, das von den Steilwänden unseres Gipfels eingefasst wird. Hier wandte sich die Spur gegen den Südgrat des Berges. Da wir aber auf den Ostgrat eingeschworen waren, suchten wir den Aufstieg zu ihm zurück. Drei Stellen gab es, wo er möglich schien. Natürlich versuchten wir es zuerst mit den unmöglichen, bevor es uns gelang, mit spärlichen Griffen und Tritten den Grat zu gewinnen. Sofort nötigten uns ungeschlachte Blöcke zum Ausweichen in die Nordwand. Auch diese Stelle wurde nach zwei missglückten Versuchen beim dritten überwunden. Dabei war mein Klettereifer so gross, dass ihm der Hut meines nachfolgenden Kameraden Knuchel zum Opfer fiel. Ich merkte dies aber erst, als statt eines hutgekrönten ein taschentuchbezipfeltes Haupt aus dem Couloir auftauchte, das zum Grat zurückführte. Der Grat zeigte sich von nun an überall begehbar. Der Fels ist durchwegs rauher, grober Gneis. Wohl ist er hie und da lose, zerbrochen, aber brüchig ist er nirgends, wie Coolidge behauptet.

Langsam klommen wir weiter empor. Eigentliche Schwierigkeiten gab es wenig. So sind mir bloss zwei Stellen in Erinnerung, die besondere Erwähnung verdienen: eine schräg gestellte Platte quer über dem Grat und eine Art Gendarm. Die erstere wird mit zwei Klimmzügen an guten Griffen überwunden, der letztere hat solche hinter seiner südlichen Kante und erweist sich so bei näherem Zugreifen als recht einfach. Wir waren nur noch auf den gelben Stein gespannt, der uns von Zeit zu Zeit vor Augen kam. Fast schien es, als sei er wirklich das ernsteste Hindernis, der wahre Schlüssel zum Gipfel. Rechts herum ging 's auf keinen Fall, das sah man von weitem; noch weniger war Hoffnung, ihn überklettern zu können, denn er ist wohl 5 m hoch und vollkommen glatt. Und nun waren wir da. Mir schwebte so etwas wie Hangelei an den Fingernägeln vor, und voller Erwartung streckte ich den Kopf um die Ecke — natürlich links. Welch angenehme Entdeckung! Auf gut gestuftem Fels, wie auf einer Treppe, erreichten wir in wenigen Schritten den Gipfel, 3348 m. Ein winziger Steinmann schien sich ängstlich an grosse Blöcke zu schmiegen, als fürchtete er, die Gipfelfreude ungestümer Bergsteiger könnte ihm ein Leid antun. Es war 11 Uhr geworden. Wir hatten zur Bewältigung des Ostgrates 2½ Stunden gebraucht.

Über die Grimsel und die Siedelhörner weg grüssen die Berge des Binntales — alte Bekannte des letzten Jahres. Besonders schön ist der Blick auf das Finsteraarhorn. Weiter nördlich fällt er auf die fürchterlichen Steilwände des Schreckhorns und Lauteraarhorns. Wie herrlich ist es da oben, zu schauen, zu träumen, zu gemessen...

Es ist fast windstill. Mittäglicher Sonnenglanz liegt auf der Gletscherlandschaft, und doch ist es nicht heiss. Lange bleiben wir oben, bis ein Blick auf die Uhr und noch mehr ein solcher auf den Verbindungsgrat zum Hinter-Hühnerstock — auf unseren « Weg » — uns belehrt, dass noch eine harte Arbeit unser wartet. Der Grat sieht abschreckend, fürchterlich schmal und exponiert aus. « Da in der Lücke unten sind wir bald; aber dort im Aufstieg ist eine Stelle... ?» Vom grossen Gendarmen reden wir nur gar nicht. Er soll umgehbar sein. Doch mit Diskutieren werden wir nie zum anderen Gipfel gelangen. Wir brechen auf; wollen sehen, es wird auch da ein Durchkommen möglich sein!

Langsam und vorsichtig abwärts. Das Seil ist gespannt, jeder Griff, jeder Tritt wird erst untersucht, bevor man sich ihm anvertraut. Nach kaum einer Viertelstunde stehen wir unten in der Lücke, der tiefsten Stelle des Grates. Zuletzt gab es noch einen luftigen Ritt hinab und hinauf und wieder hinab über steilaufragende, griff- und trittlose Platten. Nach Dübi soll man in den Bändern der Nordwand rascher vorwärts kommen. 1926 aber lagen sie alle voll Neuschnee, der bei jedem Tritt nachgab, und dann trat man auf darunterliegendes Eis. Jetzt wieder aufwärts. Zunächst rittlings, dann kamen einige schwierigere Stellen im Grat, der sich als steil und immer sehr schmal erwies. Eigentlich schwer ist aber auch hier die Kletterei nicht. Die von weitem recht problematisch aussehende Stelle zeigte sich als durchaus gutartig. Vor uns türmte sich als letzte Barrikade vor dem Gipfel des Hinter-Hühnerstockes der grosse Gendarm auf, eine mächtige, gelbe Steinplatte von wohl 20 m Höhe, die senkrecht auf dem Grate steht. Es ist das eigentüm-lichste Gebilde, das ich je einen Bergkamm zieren sah. Ein leidlich breites Kriechband führt auf der Nordseite vorbei. Stellenweise liegt ein wenig Eis. Vorsichtig beginne ich die wohl 20 m lange Kriecherei, hie und da mit dem Rucksack den etwas überhängenden Fels streifend. Der Tiefblick rechts ist ein wenig ungemütlich. Das Seil ist aus; der Zweite muss folgen. Die kurze Wartezeit im Schatten des Turmes lässt rasch Finger und Füsse in Kälte erstarren. « Weiter! » Der Zweite ist nachgekommen, und ich gelange bis ans Ende der engen Stelle. Das Band bricht ab; etwa 5 m weiter unten setzt sich der Grat leicht fort. Der Abstieg ist einfach; nur muss auch der Letzte am Seil das Band betreten, denn sonst hat der Vorangehende zu wenig Bewegungsfreiheit.

Nun sitzen wir wieder an strahlender Sonne, die nach der kurzen, aber kalten Wartezeit hinter der Felsplatte doppelt wohltuend wirkt. Wir haben den Verbindungsgrat in 1 1/4 Stunden bewältigt. Die Aussicht vom Hinter-Hühnerstock ( 3310 m ) ist nahezu die gleiche wie vom höheren Gipfel. Wir forschen nach dem Abstieg zur Hühnerlücke über den Nordwestgrat und den Gletscher, der zwischen Gletschergrind und Hubel leuchtet. Er weist einige grosse Schrunde auf, doch ist er wohl ebenfalls recht harmlos.

Dann überlassen wir uns eine Stunde dem wachen Träumen. Die Gipfelpfeife wird angezündet, der Blick gleitet über weisse Breiten. Ein mittägliches Flimmern liegt über all der Gletscherpracht; eine süsse Müdigkeit beschleicht den Körper.

Punkt 2 Uhr treten wir den Abstieg an. Es zeigte sich bald, dass der an sich leichteste Teil der ganzen Überschreitung uns am meisten Beschwerden machen sollte. Die ersten Felsen wurden leicht und rasch überwunden. Dann aber musste eine Stelle, die zeitraubendes Abseilen erfordert hätte, auf dem Schnee der Nordwand umgangen werden. Der Schnee war weich und sehr steil, so dass es angestrengter Stapferei — Gesicht gegen den Berg — bedurfte, um sichere Stufen zu erhalten. Weiter unten wechselte Schnee mit Fels. Vorsichtig wurden die schneeigen Teile des Grates begangen. Langsam und mühsam stiegen wir in den tief getretenen Stapfen bergab. Der letzte Schneehang zur Hühnerlücke, vielleicht 50 m hoch, sah uns schon etwas ungeduldig an der Arbeit. Ein leises Gelüsten zur Abfahrt gegen den Gletscher wurde laut. Angesichts des Bergschrundes und eingedenk schlechter Erfahrungen am Vortage beim Abstieg vom Hangendgletscherhorn aber schwand es ebenso rasch, wie es gekommen. 410 Uhr erreichten wir die Hühnerlücke. Etwas wie Stolz regte sich in uns, als der Blick den Weg zurückglitt, den wir glücklich hinter uns hatten.

In nordwestlicher Richtung überschritten wir den Gletscher, der durchwegs gut begehbar war, auf die im Siegfried als Hubel bezeichneten Felsen zu. Über diese hinunter gelangten wir bald auf den Gauligletscher. Nach knapp 2 Stunden erreichten wir die trauliche Clubhütte. Eine meiner schönsten Bergfahrten ging zu Ende.

Die Sonne sank und vergoldete den trotzigen Ritzligrat, das Hühnertälihorn, die Hühnerstöcke. Ein wenig müde sassen wir vor der Hütte und sahen in den scheidenden Tag. Er hatte uns des Herrlichen überreichlich gebracht.

Die Überschreitung der Hühnerstöcke darf als eine der interessantesten von der Gaulihütte aus bezeichnet werden. Bieten doch ihre Grate wohl fast alles, was der Bergsteiger sich wünschen kann: kleine und grosse Rinnen, Platten, Reit- und Hangelstellen, Eis und Schnee und wohl auch Abseilgelegenheiten dem, der Umgehungen verschmäht.

Heinrich Kleinert.

Feedback