Eine Woche im Oisans-Gebiet

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON PIERRE BAILLOD, NEUENBURG

Alpinisten, hier seid Ihr zu Hause!

Mit diesen Worten empfängt uns der CAF in seiner neuen « Cabane de la Pilatte » auf 2572 Meter. Trotz der Anwesenheit von etwa fünfzig Personen haben wir tatsächlich Platz genug und fühlen uns sofort wie daheim. Die Hütte ist geräumig, und man kann sich darin nach Belieben einrichten. Mehr als wir Schweizer hat der Franzose die Gewohnheit, seine Mahlzeiten auf dem Butankocher zuzubereiten. So hat jede Hütte einen abgetrennten Raum mit einem blechbedeckten Arbeitsplatz, der den Gästen immer zur Verfügung steht. Dort kann man kochen, ohne jemanden zu stören, weder im Zimmer noch in der Küche. Eine andere Annehmlichkeit: es ist höllisch sympathisch, beim Hüttenwart Büchsenbier und Wein zu einem erschwinglichen Preis zu finden, wenn man von einer Tour zurückkehrt! Schliesslich noch ein technischer Fortschritt: in der Nähe gewisser Hütten befindet sich ein Landungsplatz von einigen Quadratmetern; so kann der Hubschrauber die Verproviantierung sichern und gegebenenfalls Hilfe leisten. Der Hüttenbesuch scheint stärker zu sein als bei uns, und nicht selten trifft man dort vierzigköpfige Tourengruppen.

Unsere Mannschaft zählt zwar nur vier Mitglieder statt der acht ursprünglich angemeldeten. Die Zahl tat jedoch unsern Plänen keinen Abbruch, und in diesem verregneten Sommer lächelte uns Fortuna. Wohin wir auch gingen, leistete uns die Sonne Gesellschaft: auf dem warmen Granit der Bans, auf dem Neuschnee der Alefroide, längs der felsigen Zacken der Ecrins; überall riss das helle Licht die Nebel auf, und ringsherum öffnete sich unsern Augen die Aussicht auf steile Hänge und Gipfel. Das Unternehmen gelang vollständig. Auf der Rückkehr, bei warmem Sonnenschein, bestiegen wir, nachdem wir die Meije umgangen hatten, den Galibier und tauchten hinunter in die Maurienne, um in Genf den bei der Abfahrt zurückgelassenen Regen wieder anzutreffen.

Unser Ausgangspunkt ist La Bérarde, ein reizender Flecken inmitten von Wiesen, auf 1700 Meter Höhe. Man erreicht ihn über Grenoble und Bourg d' Oisans, weiter auf einer schmalen Strasse, die am Hang eines tiefen und engen Tales hinaufführt. Drei Hotels, einige Läden, eine Kapelle und ringsherum die leuchtenden dunkelblauen oder orangefarbigen Flecken der mitten in der Wiese aufgeschlagenen Zelte. Fünf oder sechs Täler treffen fast am gleichen Punkt zusammen und bieten Touren- und Besteigungsmöglichkeiten in allen Richtungen. Der CAF hat dort ein alpines Zentrum eingerichtet: ein geräumiges und komfortables Hotel mit vierbettigen Schlafzimmern, Ess- und Spielräumen, Lavabos und Duschen. Dort trifft man viele bergbegeisterte, unternehmungslustige und fröhliche Burschen und Mädchen, die jedem, der daran zweifeln sollte, beweisen, dass der Berg für die junge Generation seine Anziehungskraft behalten hat. Der Reiz von La Bérarde liegt daran, dass man dort noch unangetastete Natur findet. Keine mechanisierten Aufstiegsmöglichkeiten, aber natürliche Wildbäche, nicht ausgebaute Pfade und Wege, Brücken aus einfachen, über die Bäche geworfenen Balken. Keine Zäune, kaum einige Ferienchalets, aber blühende Wiesen, mähende Bauern und lächelnde Leute.

Um elf Uhr angekommen, machen wir nur einen kurzen Halt in diesem Weiler. Dann erreichen wir schwer beladen am gleichen Tag den « Refuge de la Pilatte » am Fuss der Bans. Es ist heiss, und wir steigen ohne Hemd bis zum Geländerücken, auf dem sich der Bau abzeichnet. Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, dass der Ausdruck « cabane », mit dem wir in der Schweiz unsere modernen Bauten bezeichnen, veraltet scheint. Am Anfang hat der SAC hölzerne Hütten errichtet, und das Wort hatte seine Berechtigung. Sollte man nicht auch im Sprachgebrauch die Entwicklung mitmachen und die neuen Steinbauten « refuge » nennen?

Am Montagmorgen steigen wir vor Tagesanbruch in Socken und bei Taschenlampenlicht vom Schlafraum hinunter, verschlingen rasch das Frühstück und klettern längs eines fixen Kabels auf den « Glacier de la Pilatte » hinab. Wir sind die einzigen, die zu den Bans aufsteigen. Nach Aussagen des Hüttenwartes haben wir wegen Neuschnees und unsicheren Wetters nur wenig Chancen, den Gipfel zu erreichen. Der Himmel überzieht sich; während unsere Spur zwischen den Spalten des Gletschers eine weitausholende aufsteigende Zickzacklinie bildet, steigt der Nebel herab und umhüllt uns. Es ist dunkel. Wir sind jedoch fest entschlossen, den Aufstieg zu versuchen. Mit Optimismus beharren wir auf unserm Vorsatz. Im Moment, wo wir die Steigeisen abschnallen, um den Fels anzupacken, lichten sich die Nebel. Kurz darauf greifen wir mit vollen Händen einen trockenen und warmen Granit, längs eines sehr steilen, aber gutgriffigen Grates steigend. Vor lauter Freude möchten wir rennen und schwungvoll mit den Schwierigkeiten fertigwerden; aber George ruft uns zur Ordnung.

In zweistündiger, luftiger Kletterei erklimmen wir den Gipfel. Dort angelangt, räkeln wir uns in der Sonne, während der Westwind von den uns umgebenden Gipfeln Rauchfahnen aufflattern lässt. Die Freude über diesen ersten Erfolg erfüllt uns während des ganzen Abstieges. Auf dem Gletscher finden wir unsere Spur wieder, die uns wie der Ariadnefaden mitten durch das Spaltengewirr bis zum Materialdepot führt, das wir am Fuss des Col du Sélé zurückgelassen haben. Wohl hat sich François für einige « Briefkästen » interessiert, die ihn aber nicht empfangen wollten. Für den ersten Tag würde diese Besteigung genügen, aber der Tourenchef hat sich in den Kopf gesetzt, noch den Col du Sélé zu überschreiten, um am gleichen Abend den Fuss der Alefroide zu erreichen.

Der Aufstieg in Eis und Geröll bis zu diesem 3278 Meter hohen Pass ist ein richtiger « Schlauch ». Auf der andern Seite steigen wir über sanfte Hänge bis zum Glacier du Sélé ( 2600 m ) an. Von hier geht es nur noch etwa hundert Meter hinauf bis zu dem Felsvorsprung, auf dem der neue « Refuge du Sélé » ( 2699 m ) errichtet worden ist. Unterdessen hat sich der Himmel bedeckt und « beschenkt » uns mit einem tüchtigen Guss. George fliegt mit der Nase auf den Gletscher und flucht drauflos. Zum Glück drückt er nur einen Teil der schwarzen Gedanken aus, die der Vorfall und die Müdigkeit in ihm haben aufsteigen lassen. Da ein Stein unter meinen Fuss rollt, fliege ich in meiner ganzen Länge in den schäumenden Bach, den ich gerade überqueren wollte. Es ist Zeit anzukommen!

Am Dienstag lädt uns das trübe Wetter ein, liegenzubleiben und unsere Kräfte wiederherzustellen. Auskundschaften des Weges, Faulenzen, Photographieren, Picknick, Mittagschläfchen in der Sonnewie schnell vergeht doch die Zeit, wenn man sorglos das Leben geniesst!

Am Mittwoch sind wir wieder rüstig, denn die hundert schimmernden Sterne verheissen einen schönen Tag. Und so wird er sein! Das Pensum beginnt mit dem Aufstieg über heikles Geröll im Morgengrauen, gefolgt von einer rutschigen Moräne, auf der wir mehr als eine Stunde vorwärts-trotten, bevor wir den « Glacier du Coup de Sabre » erreichen. Da aber verschwindet die Müdigkeit bei dem wunderbaren Ausblick. Einen Bergschrund zu überqueren, ein Lawinencouloir aufzusteigen, einen Wasserfall hinaufzuklettern, ein mit Neuschnee bedeckter Firn, ein Felsband, ein fast senkrechter Grat, gekrönt von einer überhängenden Wächte, all das nimmt Hände und Füsse so sehr in Anspruch, dass man gar nicht an die Anstrengungen denkt. Übrigens sind wir schon akklimatisiert. Gemütlich erreichen wir den Gipfelrücken der östlichen Alefroide. Der Tiefblick fällt auf den Glacier Noir, aber jenseits der Ecrins verbergen Wolken die Meije. Wir sind jedoch an der prallen Sonne, und die Temperatur ist angenehm. Was macht man wohl auf einem Gipfel? Man steigt wieder ab! Das könnte langweilig sein; uns aber bietet das im Gegenteil eine neue Freuden-quelle.Verstehe, wer da will! Zuerst vollzieht sich unser Abstieg vorsichtig wegen des steilen Hanges, des tiefen Schnees und des anstehenden Eises. Endlich können wir uns auf alten, noch sichtbaren Spuren bequemer abwärtsbewegen. Der Weg ist mit Steinmännern markiert und führt uns zum oberen Ende eines grossen Couloirs. Frédéric, der erste am Seil, steigt ein, um dann, die Hänge erforschend, wie eine Ameise hin und her zu laufen, in der vergeblichen Hoffnung, einen Ausstieg zu finden. Es bleibt wohl nichts anderes übrig, als dem Couloir bis nach unten zu folgen. Das ist gewiss kein normaler Weg, denn er steckt voller lockerer Blöcke. Die hinuntersausenden Steine verfehlen uns, so dass wir das Unterkunftshaus ohne einen Kratzer erreichen. Der Tag endet mit einem zweieinhalbstündigen Spaziergang auf herrlichem Pfad. Wir verlassen Gletscher und Moränen, kommen an einem Wasserfall vorbei; Vogelbeerbäume mit wunderbaren roten Beeren empfangen uns. Wir pflücken da und dort eine Himbeere, tauchen erst ins Gebüsch und dann in einen duftenden Föhrenwald. Wir wandern über einen weichen Waldteppich ( wir sind im Nationalpark des Pelvoux ) und gelangen in ein Zeltdorf in der Nähe von Alefroide, unserem Tagesziel. In einem baufälligen Gebäude finden wir Unterkunft und Tisch. Welch ein Leckerbissen, diese Tomaten à la Provençale! Man bekommt nicht genug davon!

Am Donnerstagmorgen nehmen wir den Aufstieg in Angriff, der uns von 1500 Meter bis zu den 4102 Meter hohen Ecrins führen soll. Mit umfangreichen Säcken, wie Sherpas auf dem Anmarsch, machen sich die vier braungebrannten Bärtigen auf den schmalen Pfad. Nach einer Stunde erreichen wir den Pré de Madame Carle, eine breite, steinige Ebene, die talseitig durch eine Stirnmoräne abgeriegelt ist. Der Bergbach schlängelt sich zwischen den Blöcken hindurch, und das Kiefern- Wäldchen, das den « Refuge Cézanne » verbirgt, sieht wie eine Oase aus. Von da an steigt der Weg in Kehren bis zum Glacier Blanc. Wie Wanderraupen nehmen sich die langen Kolonnen von Spaziergängern und Alpinisten aus, unter denen sich auch Frauen mit erhitzten Köpfen und Dämchen mit kurzen Röcklein befinden. Wir aber schalten uns getrost dazwischen. Unterdessen kommt der « Refuge du Glacier Blanc » in Sicht, der von seinem Felsen oben herabguckt, aber noch sehr weit entfernt scheint. Man schenkt ihm keine Beachtung, denn man ist mit Klettern beschäftigt und versucht, Fehltritte zu vermeiden. Dann steht der Refuge aber plötzlich vor uns. Im Innern wimmelt und rauscht es wie in einem Ameisenhaufen an einem warmen Sommertag. Trotzdem rasten wir ein Weilchen, denn unser heutiges Ziel ist nicht mehr sehr weit. Noch eine Moräne, ein Gletscher mit seinem Kessel und seinem Abbruch, gletschergeschliffene und geröllbedeckte Felsen -und schliesslich erscheint über dem Eismeer der « Refuge Caron » ( 3170 m ). Nächstes Jahr soll diese Hütte durch ein grosses Unterkunftshaus ersetzt werden. Kaum sind wir eingetroffen, erteilt der sympathische Hüttenwart auch schon Anweisungen. « Männer hinein, Säcke hinaus! » lautet in Voraussicht des zu erwartenden Gedränges der Befehl. Wir helfen ihm beim Reparieren der Wasserleitung, die das köstliche Nass auslaufen lässt. Frédéric, dem der Haufen von verrosteten Konservenbüchsen missfällt, die den Boden bedecken, macht sich zur Aufgabe, sie - eine nach der andern - in den Abgrund hinunterzuschmeissen. Das helle Blechgeschmetter dauert bis zum Einnachten. Nachdem alle Pritschen besetzt sind, legt der Hüttenwart neben jeden von uns noch jemanden zwischenhinein, bald Kopf bei Kopf, bald Kopf bei Fuss. Die Luft wird dick, und man braucht, um auszuhalten, einen tiefen Schlaf. Bei der Tagwacht am Freitagmorgen ist deshalb unsere erste Sorge, uns draussen einzurichten, schnell zu frühstücken und, wenn möglich, als erste Seilschaft aufzubrechen.

Auf dem Gletscher schlagen wir ein rasches Tempo an, was George gar nicht gefällt. In der Nähe des Col des Ecrins deponieren wir unsere Lasten und nehmen nur das Nötigste für die Besteigung mit. Schritt für Schritt steigt man endlos auf einem Schneefeld, aus dem der Gipfel in den Himmel hinaufragt. Von Zeit zu Zeit muss man verschnaufen und das Herz zur Ruhe kommen lassen. Alles ist wie in Watte eingepackt; Nebel und Neuschnee verwischen Umrisse und Stimmen und verhüllen die Seilschaften. Der mächtige, überhängende Bergschrund mutet an wie eine Zeichnung von Samivel. Der Hang ist steil, aber der Aufstieg endet mit einem schwungvollen Granitgrat. Wunderbare Kletterei! Man taucht aus dem wogenden Nebelmeer hinauf in die Sonne! Allein der ferne Mont Blanc verbindet uns mit den Alpen. Die irdische Welt ist verschwunden, uns unsern Träumereien überlassend. Der Abstieg erfolgt sehr rasch; ohne die Steigeisen anzuschnallen, schreiten und rutschen wir gleichzeitig über den Gletscher hinunter. Kurz daraufstehen wir schweisstriefend und taumelnd wieder auf dem Col des Ecrins. Es bleibt uns nur noch bis zum Grat abzusteigen, zuerst an fixen Seilen, dann über ein Stück Gletscher und schliesslich über eine unendlich lange Moräne, die die Kniescheiben und die Zehenspitzen hart auf die Probe stellt. Aber so blau ist der Himmel und so gross die Freude, dass diese Woche in Hochstimmung endet.

Eine Dusche, ein frisch rasiertes Gesicht, saubere Wäsche, Shorts, Sandalen, eine schöne Tischdecke, eine schmackhafte Mahlzeit- und Sie können sich selbst ausmalen, wie man in einem solchen Augenblick das Leben geniessen kannÜbersetzung Nina Pfister )

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