Einmaligkeit

Ich wollte es schon immer tun: einmal im Leben um Mitternacht auf diesem Gipfel stehen, wenn der Polartag dämmert, eintauchen in das eiskalte, feine Weiss. Erste Linien in den arktischen Pulverschnee ziehen. Auf S. 46 finden sich ein paar Impressionen. Doch es findet sich, klein gedruckt und ganz am Schluss, auch eine Zahl: 620 kg. So viel CO2 wird in die Luft geblasen, wenn ich mich mit dem Flugzeug nach Svalbard befördern lasse. Hin und zurück sind das 1,24 Tonnen. Zum Vergleich: Mein Arbeitsweg während eines ganzen Jahres, selbstverständ­lich mit dem Zug zurückgelegt, ver-ursacht gerade einmal 18,8 Kilogramm.

Es gibt aber noch einen anderen Vergleich: Würde ich jedes Wochenende mit dem Auto in die Berge fahren, Tour um Tour abspulen, um zu trainieren, um Stress abzubauen, um so viele Bergerlebnisse wie möglich zu sammeln und das Leben voll und ganz auszunützen, es auszuquetschen wie eine Zitrone – ich hätte die 1,24 Tonnen in einem einzigen Jahr erreicht.

Ein Erlebnis wird nicht intensiver, wenn man es möglichst häufig wiederholt. Die wirklich grossen Er­leb­nisse sind jene, die es nur einmal gibt. Es ist die Sucht nach Wiederholung, nach mehr und mehr, nach dem «Höher, schneller und weiter», die im Begriff ist, uns die Berge für immer zu nehmen. Sie wird uns in ­einem alpinen Funpark zurücklassen, in dem ein sportlicher Erfolg den anderen jagt, aber aus dem alles gewichen ist, was das Erlebnis Berg einst ausmachte: die Unwägbarkeit, die Abgeschiedenheit, die Menschenleere.

Sehen wir in den Bergen nicht ein Fitnessstudio, in das man möglichst häufig geht. Sondern eine alte Kathedrale, die man nur in besonderen Momenten aufsucht. Verbringen wir dort Augenblicke, die wertvoll sind. Weil sie selten sind. Und so einmalig werden.

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