Einsame Route im Eis
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Einsame Route im Eis

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON ERNST REISS, BASEL

Zum Andenken an einen Bergkameraden Mit 3 Bildern ( 12-14 ) Für unsern Jahrgang werden die Sommer immer kürzer; die Erinnerung bedeutet nur noch Sehnsucht, das Erleben aber Glück.Oskar Eberle ( f ) Wenn wieder ein Bergjahr vergeht und der Spätherbst mit seinen langen Schatten den Winter anzeigt, dann erinnern wir uns des Sommers, der uns vielleicht nicht mehr alle Erwartungen erfüllen konnte. Wir wissen aber: wir dürfen wiederkommen; im Kreis der nächsten Freunde wird man sich gegenseitig wieder anrufen. Wenn jedoch ein guter Kamerad ganz unerwartet aus den Reihen tritt, dann umgibt uns in der Stille eine Nachdenklichkeit, die keinen Rat weiss und doch eine Antwort sucht.

Mit vielen, vielen Gefährten teilte ich das Erlebnis am Seil; allein mit vierzig verschiedenen Bergkameraden zog ich mehrere Male hinaus nach den Weltbergen. Einer meiner Freunde, der nur immer vom grossen Urlaub träumte, der aber hart arbeitete, fand noch stets die Zeit, nach einer gelungenen Tour einen netten Dankesbrief zu schreiben. Er war nicht nur ein Mensch besonderer Prägung, sondern ein Freund der Menschen im Alltag, im Berufsleben, auch den Unbekannten und Schwächern gegenüber. Zu unserer « Einsamen Route im Eis » formte er folgende Worte: « Immer noch freue ich mich an dem tiefen Erlebnis jener letzten Tour im Gebiet des Jungfraumassivs. Für kurze Augenblicke lasse ich oft ein paar dieser Bilder an mir vorbeiziehen. Auf der einen Seite rüge ich mich selber, nicht besser trainiert gewesen zu sein, anderseits ist mir die Entdeckung zu abgelegenen, steilsten Routen im Firn zur unbeschreiblichen Freude geworden.Jetzt, am Ende meiner kleinen Laufbahn in den Bergen, stehe ich da und bin fasziniert. Oder glaubst Du, dass solche Touren im ganz grossen Raum nur unserm Alter würdiger sind ?» Ich fand für meinen Freund zuerst keine Antwort, aber ich denke: Jede neue Umgebung, besonders jene der Grösse und Stille, wirkt tiefer in der Erinnerung. Bewusst führen uns die einsamen Wege fort aus dem Gedränge, aus der Hast. In der Berichterstattung von solchen Bergtouren mögen jene, die das Niemandsland endgültig verloren zu haben glauben, vom Gegenteil erfahren.

Anfang Oktober 1966. Jenes Wochenende im Spätherbst sollte von Anfang an viel Unvorhergesehenes bringen. Kurz vor dem Aufbruch in Basel erhalte ich mittags zwei Anrufe, wobei mir Oskar von Kloten aus mitteilt, dass er noch den stark verspäteten Flugkurs - die Heimkehr seiner Tochter - abwarten müsse, derweil Georges, der Arzt, nur eine Verspätung von einer halben Stunde bekanntgibt. Meinen Erbanlagen kann dieser vermerkte Rückstand nur nützlich sein; doch das Nachmittagszügli von Lauterbrunnen zum Fusse der Berner Oberländer Eisriesen werden wir nun nicht mehr erreichen. Peter, der vierte im Bund, lässt sich bei unserer kleinen Mittagstafel nichts anmerken; seine Jugend und Vitalität trotzen jedem Nachtmarsch, hat er doch eben eine Anzahl der grössten Wände und die gewaltigste Grattour der Alpen erfolgreich bestanden.

Irgendwo in der Stadt stoppen wir Georges und verstauen die schweren Rucksäcke und uns in seinem niedern Sportwagen. Am Hallwilersee, auf abgeänderter Reiseroute, wartet Oski mit dem noch schnellern Wagen, welcher aber unsere Verspätung trotzdem nicht mehr aufholen kann. Er verrät uns, bereits heute um fünf Uhr früh ein weiteres Stück Betonierung an seiner neuen Gartenmauer vorgenommen zu haben. Begreiflicherweise möchte er kurz vor der Zugsabfahrt nach Wengen eine richtige Mahlzeit einnehmen. Nun, wir kommen alle mitten aus der Berufsarbeit, und das bevorstehende Wochenende dürfte unsern Jahrgängen wohl eher eine betont psychische als physische Erholung bringen. In den besten Sturm- und Drangjahren lag das Übergewicht auch bei uns auf der andern Seite.

Auf der Wengernalp nimmt die Bequemlichkeit der Reisewagen ein jähes Ende.Voller Begeisterung, als hätten wir das Scheiden der Abendsonne an diesem grossartigsten Dreigestirn der Berner Alpen noch nie gesehen, stehen wir da. Selbst wenn wir der vorgerückten Zeit wegen den Plan für die hohe Nordwand des Mönchs aufgeben müssen, mengt sich in unsern Tatendrang nach einem noch unbekannteren Ziel ebensoviel Erwartung. Es sind fast jedes Jahr weniger Bergsteiger, welche von den Trümmelbächen zum einsamen Silberhornhüttli aufsteigen, um eine der abgelegenen Firn- und Eisrouten zu begehen.

Beim Abstieg auf die Biglenalp verlieren wir leider nochmals an Höhe, und die vierstündige Aufstiegszeit zu der kleinen Hütte verheisst eine nächtliche Übung. Wichtig ist nur, dass wir den spärlich markierten Pfad überhaupt finden. Um das langsam schwindende Tageslicht gut auszunützen, gilt es einen « groben Zahn » einzuschalten. Auf den mächtigen Eisauswürfen des weit über uns liegenden Giessengletschers rücken wir einzeln sprungweise vor. Nach der langen Traverse in den fast völlig verwachsenen Wegspuren sind es vor allem die rostigen Eisenstifte, welche uns das Hochsteigen in dem steileren Fels ermöglichen. Mit dem Einbruch der Nacht scheinen die Felsrampen noch weiter über uns emporzuwachsen. Wir erahnen im Dunkeln kaum mehr den Pfad; nur schlürfende Geräusche und die raschen Atemstösse der Kameraden halten uns in der Richtung. Endlich gelangen wir auf die flacher werdende Gratrippe, die nach dem aufhellenden, grossen Schneefeld weist. Im tiefen Neuschnee ist besser zu gehen, als wenn hier im Hochsommer eine beinharte Firnzunge liegt. In gutem Tempo stapfen wir dem letzten Felsaufschwung entgegen, überklettern diesen irgendwo und müssen gleich darauf eine kleine Verpflegungspause einschalten. Unmittelbar nach der Aufnahme des weitern Anstiegs stellen wir fest, dass wir uns bei all der Eile etwas übertan haben, erreichen aber in kleinen Abständen bald darauf den Silbersattel.

Ein traumhaft weiches Mondlicht überflutet mit einemmal den hohen Rotbrettgrat, erweckt den kalten, grauen Fels zum Leben und verleiht dem weiten Raum eine unwahrscheinliche Grösse und Stille. Das Nähertreten zu der plötzlich aufgetauchten kleinen Unterkunft verstärkt das Gefühl, einem Thron tiefsten Friedens zu begegnen. Gleich knarren die rostigen Beschläge der alten Doppeltüre. Der erste Lichtfunken verbreitet in diese einsame, kalte Welt jene Wohnlichkeit und Wärme, die wir Bergsteiger nach ein paar Stunden der Anstrengung suchen und lieben.

Drüben auf den weissgrauen Kalkplatten schimmert im Mondlicht ein kleines, dursterregendes Wässerlein. Während Georges in der Herdstelle ein Feuer entfacht, versuchten Peter und ich das köstliche Nass in ein Traggefäss zu leiten. Lange Zeit pressen wir unsere entblössten Arme auf den kalten Fels, um am Vorsprung der Fingerspitzen oder am Ellbogen eine winzige Dachtraufe zu schaffen. Beim Aufnehmen der Tragtanse können wir unsere unterkühlten Arme kaum mehr bewegen; dafür haben wir eine Weile in eine Mondnacht hinausgeschaut, wie sie nur die Berge verschenken.

Wir bedauern, dass der sonst so quicklebendige Oski diesen einzigartigen Abend nicht geniessen kann. Sein Tagwerk war heute zu gross; er musste sich übergeben und hat sich ohne ein Wort der Klage in die Wolldecken verkrochen. Diese Situation nötigt uns, die Tagwache nicht allzufrüh anzusetzen. Eingedenk des langen Weges schleiche ich mich am andern Morgen schon um 5 Uhr leise an die einfache Feuerstelle. Eine Stunde später, noch bei Nacht, würden wir losziehen. Wir haben die Rechnung aber ohne unsern « vergesslichen Professor » gemacht! Georgio bringt seine normalen Steigeisen mit dem besten Willen nicht auf seine um zwei Nummern grössern Expeditionsschuhe. Als ehemalige Leute vom Fach wissen wir jedoch mit den unmöglichsten Improvisationen kalten Stahl zu verformen. Schade ist es nur um die kostbare Zeit, was sich in der Folge noch bemerkbar machen sollte.

Schon 200 Meter neben dem Hüttli, im vollen Tageslicht, können wir die Steigeisen anschnallen. Im langen Quergang unter der Nordrippe des Grossen Silberhorns befindet sich da und dort blankes Eis unter dem Schnee. Wir wollen es gar nicht wissen, ob diese nahezu 1000 Meter hohe Firn- und Eisflanke schon ein oder mehrmals durchstiegen wurde. Wir sind lediglich froh, dass es unserm Oski wieder gut geht und das eine Paar Steigeisen trotz der « Kaltschmiedearbeit » noch nicht gerissen ist. Mit der wachsenden Tiefe unter uns vermehrt sich das Blankeis, zudem erreicht die Neigung hier an die 50 Grad. Begreiflicherweise ist es in dieser Schattenflucht recht frisch, doch dafür entschädigt uns eine angenehme Schneebeschaffenheit. Die turmhohe, senkrechte Eisnase zu unserer Linken verleiht dem Aufstieg eine gewisse Klasse, und der imposante Tief blick zur Station Eigergletscher bis auf die sonnenüberstrahlten Matten der Wengernalp lässt nichts im weiten Raum fehlen. Eine Stunde vor Mittag steigen wir in das unwahrscheinlich klare Sonnenlicht des Gratscheitels am silbernen Horn, und vollständige Windstille lädt uns hier in der kleinen Gratsenke zu einer ausgiebigen Rast ein.

Es ist ganz ungewohnt, das verschrundete Felshaupt des Schwarz Mönchs direkt von oben zu sehen, während die bekannten grünen Matten vom tiefen Lauterbrunnental von weit unten her grüssen. Über den Schmadribächen wachsen die schattigen Nordwandfluchten der grossen Berner Oberländer empor. Durch die vom herbstlichen Licht gekennzeichneten blauen Distanzstufen reicht unser Blick über die gesamte Blümlisalpgruppe bis zum fernen Thron des Mont Blanc hin.

Der Gang über den vordern Gratkamm zum Grossen Silberhorngipfel ist ebenso grossartig wie an der berühmten Aiguille Blanche. Wir spüren ein wenig unsere « Waderln » und erlauben uns trotz dem frühen Nachmittag eine weitere lange Gipfelschau. Damit haben wir den Weg über den Jungfraugipfel zum Jungfraujoch bereits ausgeschlagen und uns dem Abstieg durch die im Herbst nicht unproblematische Guggiroute verschrieben. Ja, vor etwa zwanzig Jahren bin ich hier zwei-, dreimal durchgegangen, aber eben im Vorsommer. Heute liegt knietiefer Schnee auf den hohen Gletscherplateaus, und kein vorbereitetes Trassee zeichnet diese klassische Eisroute. Die fraglichen Durchgangsstellen liegen vor allem beim Schneehorn und im Kühlaui-Eisbruch.

15.30 Uhr. Ausschau haltend, stehen wir knietief im Pulverschnee. Wir müssen zurücksteigen. Die Seile reichen nicht, um uns in dieser Steilflanke mit einem einzigen Abseilmanöver an den Fuss der Schneehorn-Nordflanke zu bringen. Georges verlangt eine Trinkpause, obwohl er weiss, dass er keinen Fingerhut voll Flüssiges im Rucksack hat. Ich dränge, zum Schneehorngipfel zu steigen. Während wir den ersten Abseilhaken anbringen, finde ich Zeit, in meinem Gepäck einen letzten Fruchtsaft auszugraben.

Mit dreimal 40 Meter Abseilen ist eine weitere Stunde verstrichen. Was bringt uns der gefürchtete Kühlauibrach? Haushohe, teils überhängende Eisbarrieren, eingefallene Séracs, aber kein Anzeichen, dass hier in den letzten Wochen auch nur eine Maus durchgekommen ist. Etwas erinnert mich an den grossen Eisfall im Khumbu-Becken. Dort hatten wir allerdings mehr Zeit; hier wird es in gut einer Stunde Nacht.Improvisierte Abseilmanöver, gewagte Sprünge mit den ZZwölfzackern-.'dann sind wir wiederum ratlos. Halt, da! Ein messerscharfer Eisgrat, links und rechts eine SpalteZehn Meter Kriechen auf einer fragwürdigen Spaltenbrücke - und, o Wunder, im letzten, fast senk, rechten Absatz finden wir eine ausgeprägte, alte Stufenreihe. Unsere Vorgänger erlebten hier wohl eine frühe Umkehr - wir aber heute eine späte Heimkehr.

Es beginnt bald zu dämmern. « Ere, du musst den Weg ja wissen! » - « Gewiss, aber das war vor etwa zwanzig Jahren, im Vorsommer. Sicherer wäre die Route über das Guggiband und hinauf zur Hütte; doch die 200 Meter Aufstieg würden unsern müden Beinen sehr zu schaffen geben. » - « Also, ihr habt gewähltEs ist aber nicht gewiss, ob wir ohne Biwak aus dem verschrundeten Gletscher kommen » So etwas kann man wohl leicht sagen; in der Tat sollten wir am Montagmorgen alle an der Arbeit sein.

Das Rennen beginnt: auf und ab, hin und zurück. Alle schwitzen, einer schimpft leise. « Ere, wie war das 1945? » - « Nicht so zerrissen, nicht so voller Moränendreck, aber dafür Tag! » - Schnau- bend geht es weiter. Zwei Steigeisenzacken fliegen bei unsern verzweifelten Sprüngen nur so weg.«Wo ist eigentlich der genannte Platz der alten Hütte? » - « 20 Jahre höher, nein, 20 Meter, etwas über der schwarzen Felsmauer zur Rechten, dort in der undurchsichtigen Nacht! » 19.30 Uhr. Wir haben den Durchschlupf gefunden. Um 21 Uhr stehen wir vor dem Hotel « Kleine Scheidegg ». In gut zwei Stunden, um Mitternacht, sollten wir Lauterbrunnen erreichen. Da die tieferen Flusstäler teils im Nebel liegen, brauchen wir dann noch einige Zeit und Mühe, um nach der Rheinstadt zu gelangen.

Die letzten beiden Eindrücke von der « Einsamen Route im Eis » werde ich nicht mehr vergessen: die kleinen, braungebrannten Ferienchalets mit den schrägen Vorgärtlein voller leuchtender Dahlien, die Grillen, die in der lauen Nacht nochmals die Grösse des vergangenen Bergsommers bezirpten; die alten, goldgelben Ahornbäume am steilen Weglein nach Lauterbrunnen, überflutet vom klaren Mondlicht, das soeben über den Eiskuppen des Jungfraumassivs aufgegangen war.

Das Andenken aber gehört einem Kameraden, der ohne grosse Worte in unserer Mitte war, der gerade durch dieses gemeinsame Erlebnis in unserer Erinnerung weiterlebt und mit uns verbunden bleibt.

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