Emil Burckhardts Bergjahr 1878. Brief an Jakob Melchior Ziegler

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Brief an Jakob Melchior Ziegler.

Mitgeteilt von A. Bruckner.

Unter der reichen und kostbaren Korrespondenz des berühmten schweizerischen Kartographen Jakob Melchior Ziegler aus Winterthur 1 ) befindet sich namentlich ein längeres Schreiben, das für den schweizerischen Alpinisten einen besonderen Reiz besitzt. Es ist der unten wiedergegebene fesselnde Bericht von Emil Burckhardt ( 1846—1926 ), Ehrenmitglied des S.A.C., über seine aufschlussreiche Bergfahrt im Jahre 1878, der bei der grossen Seltenheit von gedruckten alpinen Aufsätzen « dieses weitaus erfolgreichsten und rührigsten Mitgliedes » der Basler Sektion des S.A.C. um so wertvoller erscheint 2 ). Der Brief lautet:

Basel, den 31. Oktober 1878. Hochverehrter Herr Doktor!

Seit ich die Ehre hatte, von Ihnen Abschied zu nehmen, werden Sie wohl längere Zeit im Engadin gewesen sein und Ihre Studien der dortigen Gebirgsgruppen an Ort und Stelle fortgesetzt haben. Sie werden sich vielleicht noch erinnern, dass ich Ihnen versprach, wo möglich nochmals in die Disgraziagruppe zu gehen, um besonders den topographisch ziemlich ungenau bekannten Gebirgsstock praktischerweise etwas zu « entschleiern ». Zu meinem Leidwesen muss ich Ihnen gestehen, dass ich mein Versprechen nur sehr unvollständig ausgeführt habe, zwar sehr ohne meine Schuld.

Verschiedene Verhältnisse hielten mich bis gegen Ende August hier fest; als ich endlich verreiste, lenkten Verhandlungen, die ich im Auftrage der hiesigen Sektion des S.A.C. mit dem damals in Thun befindlichen Vizepräsidenten der Berner Sektion, Herrn von Steyger, zu pflegen hatte, meine Schritte dorthin, und da entschloss ich mich urplötzlich, einige Lücken in meiner praktischen Kenntnis der Gebirgsgruppen zwischen Kiental und der Lenk auszufüllen. Dies geschah auch durch Besteigung des Grossen Doldenhorns, Alteis, Grossen Rinderhorns und Wildstrubel. Blümlisalp misslang vorläufig. Leider hatte ich auf diesen vier Gipfeln ganz schlechtes Wetter. Da ich schon früher — 1865 — Diablerets, Oldenhorn und Wildhorn gemacht, so war meine Begehung der Hauptkette von Ormonttale bis zur Kander vollständig. Die Grenzkette am Petersgrat — ob dem Tschingelgletscher —, die im Hochhorn, Birghorn und dem namenlosen Punkte 3217 gipfelt, hatte ich ebenfalls schon früher begangen. Andauernd schlechtes Wetter vertrieb mich schliesslich von Kandersteg. In Interlaken wich ich dem Clubfest selbstverständlich aus und legte mich in der Clubhütte am Hültistock ( Triftgebiet ) vor Anker. Seit 1866 hatte ich diese Region nicht mehr begangen, und mich gelüstete, meine alten Erinnerungen darin aufzufrischen. Ich fand den Triftgletscher ausserordentlich verändert und die recht schöne Weide an der Windegg fast ganz ruiniert. Die Passage des Triftlimmi nach der Grimsel, die Besteigung des Rhonestockes, des Grossen Sustenhornes, die nochmalige Überschreitung des Trift, die Besteigung des Gross Gelmerhornes mit Abstieg über Gelmerjoch nach der Handegg frischten meine Kenntnis dieser Gegend auf.

Vom Oberaarjoche, sodann vom Oberaarhorne, später vom Ewigschneehorn aus rekognoszierte ich dann zum xten Male ( seit 1867 war ich stets auf die Nordostwand des Finsteraarhornes versessen ) die prächtige Finster-aarhornwand nach dem Finsteraargletscher zu. Der Erfolg meiner mehrtägigen Rekognoszierung war vorläufig ein leider negativer.

Da ich das Finsteraarhorn übrigens seinerzeit auf dem gewöhnlichen Wege vom Walliser Fiescherhorne aus gemacht, so konnte ich mich trösten. Schliesslich holte ich durch Überschreitung des Gauiipasses meine letzte Lücke in den Bernerpässen nach. Einzelne, worunter Mönchjoch, habe ich im Laufe der Jahre mehrfach — Mönchjoch siebenmal — gemacht.

Um meine « vergleichende Geographie », die mir dato mehr Freude macht als die grossen Gipfelbesteigungen, fortzusetzen, wandte ich mich nach der Gotthardgruppe, hatte aber dort Pech. Schlechtes Wetter liess mich nur den Hühnerstock, den [unleserlich] und den Zmuttgletscher begehen. Über die Furka dann im Regen nach dem Oberwallis; von Ulrichen aus durchs Eginental nach dem Gries, den ich gleichfalls gegen früher sehr gletscherarm fand, und von dort Klein und Gross Blindenhorn. Gross Blindenhorn, auf Dufour-und sogar der C. Karte, als schon auf italienischem Boden gelegen, namen- und zifferlos, bietet einen Einblick in den Südabhang der Berneralpen, der einzig in seiner Art ist. Über Blindenjoch und durchs Blindental nach Reckingen, Fiesch, Brig. Da das Wetter nicht ganz schlecht war, nochmals ins Wallis — Lötschental, wo ich noch eine grosse Lücke, das Bietschhorn, auszufüllen hatte. 1867, 1872, 1876 war mir dieser Berg nicht gelungen. Nach dreitägiger Belagerung musste er sich ergeben. Doch war er infolge ungünstiger Witterung, ganz schlechten Schneestandes und vieler fallender Steine ziemlich schlimm. Matterhorn, Weisshorn, sodann die schwierigen, grossen Berner und Engadiner haben mich nicht so viel Mühe gekostet als dieser wilde Lötschentalgeselle. Die letzten sechs Stunden vom Klein Bietschhorn bis zum Gipfel des Grossen — es sind nur sechshundert Meter — werde ich nie vergessen...

So war nun auch das Lötschental für mich abgeschlossen.

Herr Edmund von Fellenberg, den ich dort traf, bereitete mich auf eine sehr radikale Umgestaltung des betreffenden Dufourblattes vor. Zahlen, co Namen und Terrainzeichnung sind gleich mangel- und fehlerhaft. Ich erstand vom Bergknappen Henzen auf dem alten Bergwerk Goppenstein einige nette Epidote vom Zägiknubel, beim Almengrat, am Lonzagletscher, welche ich dem hiesigen Museum zum Geschenke machte; es sollen die ersten im Walliser Lötschental gefundenen sein.

Ein Gang über den Petersgrat und die Gamchilücke sowie über Dimden-grat vervollständigte für mich die Kenntnis der Süd- und Westseite des Blümlisalpmassives sowie des Gspaltenhornes. In den Jahren 1867, 1872 und 1876 war ich allzu flüchtig durchgestürmt. Die Blümlisalp ( in ihrem höchsten Gipfel, dem Blümlisalphorn ) holte ich bei diesem Anlasse nach. Der Berg war der übereisten Felsen wegen im Aufstiege etwas schwierig, während er sonst dies nicht zu sein pflegt.

Wieder war ich nun in Kandersteg und dann in Interlaken eingeregnet. Ein Versuch, von Engelberg über die Erstfelder und Maderaner Berge nach dem Rheintale zu wandern, misslang in Regen und Schnee. Ich konnte nur das Grosse Spannort machen und musste dann zurück. Von Chur aus, wohin mich die Bahn brachte, wollte ich trotz der vorgerückten Jahreszeit die Splügengruppe besuchen. Winterliches Wetter trieb mich zurück. Vom Averser Tale aus hätte ich gerne Piz Piatta bestiegen, aber der Schnee lag tief im Tale und geleitete mich über den Stallerberg und den Julier bis ins Engadin.

Dort aber wurden mir noch ein paar schöne Tage zuteil. Es war vom 27. September an. Die Sennhütten waren leider alle schon verlassen, die Nächte zum Biwakieren zu kalt, die Tage zu kurz, um die grösseren Turen direkt vom Tale aus zu machen, und so musste ich die Reise nach dem Disgraziastocke leider aufgeben. Ich holte aber sonstige Lücken nach durch Besteigung des Piz d' Err, des Piz Kesch ( zum ersten Male mit Aufstieg von Norden und Abstieg nach Süden ), des leider ganz vernachlässigten Pizzo di Verona, Bellavista-Pass mitnehmend. Von kleineren « Erinnerungsbergen » und -pässlein: Tschierva, Piz Boval, Diavolezza, Agagliouls etc. Von grösstem Interesse aber war für mich ein Gang über das Fex-Scerscenjoch, Aufsuchung des rätselhaften Sasso d' Entora und dessen Erstbesteigung. Von diesem Sasso d' Entora, dessen Lage und Konfiguration auf Ihrer Karte ganz richtig angegeben ist, aus, dessen Höhe ich mittelst Nivellierinstrument auf 3450 bestimmte, konnte ich so recht die Wichtigkeit meines Glüschaintjochs ( 1874 ), des im Itinerarium ignorierten Crastagüzzapasses ( 1875 ) und die selbständige Stellung des Piz Argient ( 1875nur drei Meter niedriger als Piz Roseg — erkennen. Die Struktur des Monte della Disgrazia, die Kontrolle des von mir 1874 auf diesen Gipfel verfolgten, gewiss kürzesten und rationellsten Weges und die Richtigkeit meiner Angaben punkto Sissone und Ventinagletscher, der Forcola Pioda, des Pizzo della Speranza, des Monte Col Sissone waren mir nun klarer als je. 1875 schon hatte ich diese Überzeugung vom Argient, dem Glüschaint, dem Tremoggia aus gewonnen. So schlagend wie vom Sasso aus trat sie mir aber zuvor nicht vor Augen. Die Begehung des Fornogletschers und die Besteigung des Cima di Rosso ( wohl zum ersten Male ) vervollständigten meine 1874 durch schlechtes Wetter beeinträchtigte Kenntnisnahme des Sissone-Largogrates. Den Col und Monte Sissonc hatte ich damals wohl überschritten, aber nicht gesehen. Col und Monte Sissone sind identisch, der Pass führte über den höchsten Gipfelgrat. Eine Begehung des Albignagletschers mit Besteigung des Pizzo del Largo ( nunmehr irrigerweise Cima di Castello, auf 1:50,000, S.A.C. ), die am 8. bis 10. Oktober stattfinden sollte, vereitelte der Regen, der leider wieder eintrat. Am 11. Oktober reiste ich deshalb nach Hause.

Ich habe noch beizufügen, dass ich mich mit dem Caspoggio beschäftigte. Dieser Caspoggio existiert de facto einfach nicht: wie es aber kam, dass er gegründet wurde, kann ich Ihnen nun ganz genau sagen. Piz Guschaint hatte bis 1871 den Namen Caspoggio, in jenem Jahr fiel es der sogenannten Pontresina-Gipfeltaufkommission ein, den Berg « Gluschaint » zu taufen, ein jedenfalls sehr richtiger Name. Caspoggio nannte man von da an irrigerweise die beiden runden Schneegipfel, die dem Grate vom Sellapass bis zu den beiden Sellaspitzen entragen. Diese runden Schneegipfel sind in Wahrheit aber die beiden « Gimels ». Diesen beiden Gimels habe ich durch Befürwortung bei Ingenieur Held wieder zu ihrem richtigen Namen verholfen ( siehe S.A.C.-Karte 1878, 1:50,000 ). Der Name Caspoggio ist also von nun an zu streichen: ein — Ihrer Karte nach — vom Sellapasse aus südwestlich streichender Grat, den man etwa selbständig Caspoggio nennen könnte, existiert nicht in der Mächtigkeit und Ausgeprägtheit, wie Sie ihn angeben. Von Interesse mag für Sie vielleicht sein, dass Lehrer Krättli in Bevers und Botaniker Caviezel in Pontresina über die vielen neuen Namen der C. Karte ( 1878 ) sehr indisponiert sind. Auch « Piz Ponz » Ihrer Karte gefällt den beiden gar nicht. Der alte « Piz Fora » behagt ihnen besser, und damit bin ich sehr einverstanden.

Über die Klarheit, welche die C. Karte punkto Höhenangabe endlich einmal in die Berninagruppe gebracht hat, freue ich mich sehr: schade, dass alles auf der italienischen Grenze aufhört. Dies, geehrtester Herr Doktor, zu vorläufiger Kenntnis, ich werde nicht ermangeln, in Bälde bei Ihnen selbst mich einzustellen, um noch einiges über das Bernina- und Disgraziagebiet zu besprechen.

Wie steht es auch mit der Gründung des Kartographischen Vereins? Es wäre schade, wenn Ihrer schönen Anregung vom vergangenen Juni keine Folge gegeben würde.

Entschuldigen Sie die viele Mühe, welche Ihnen das Durchlesen meiner ungebührlich weitläufig gewordenen Mitteilungen verursachen wird, und empfangen Sie die Versicherung meiner ganz ergebenen Hochachtung.

Dr. Emil Burckhardt.

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