Empfindungen bei einer Rückkehr nach Ladakh

Patrice Schreyer, Montmollin ( NE )

Wiedersehen mit einem Land und einem glücklichen Volk Nach einem langen Jahr des Fernseins sind wir nun endlich wieder hier. Das Tal, eine der höchstgelegenen Einöden der Erde, breitet sich vor uns aus, mächtig, weit, flach. Im Grund der Indus, der am Kailas, dem heiligen Berg der Tibeter, entspringt und erst in Pakistan endet; ein grosser Reisender, der in seinen Fluten alles Fühlen und Leiden der an seinen Ufern lebenden Menschen mit sich trägt. Etwas höher, auf 3500 m, spielt Leh, eine kleine Stadt mit 10 000 Einwohnern, in der das Lächeln die Herrschaft hat, die zugleich angenehme und mühsame ( Verschmutzung, Touristenmassen ) Rolle der Hauptstadt. Wir bummeln Blick vom Kloster Matho auf die zum Träumen ver-leitenden gigantischen Berge Wieder einmal sind wir in der erstickenden Feuchtigkeit Delhis und seines Flughafens. In unsere Freude, nach Ladakh zurückzukehren, mischt sich die Angst, der Flug könnte wegen schlechten Wetters gestrichen werden. Der Flughafen von Leh ist tatsächlich nicht für Instrumentenlandungen bei fehlender Sicht eingerichtet, darum heisst es schon bei einigen Schneeflöckchen: zurück zum Ausgangspunkt. Aber an diesem Tag sind die Götter uns wohlgesinnt, wir erreichen ohne Schwierigkeiten jenes Paradies tief im Himalaya. Beim Verlassen des eisernen Vogels> lassen wir unserer Freude freien Lauf und rufen jedem, der es hören will, zu, den einheimischen Gruss.

durch die von Gerüchen erfüllten Gassen, entdecken eine Fülle verschiedener Handwerke, die in zur Strasse geöffneten, oft winzigen Werkstätten ausgeübt werden. Volltö-nende und freundschaftliche dringen an unsere Ohren und in unsere Herzen. Welche Freude, vor einem Kind, einem Mönch, einer Frau oder einem Greis die Hände zusammenzulegen! Welches Geheimnis besitzt dieses Volk, dass es so glücklich ist? Ist es die Religion? Wie können sie so friedlich und zufrieden sein, obgleich sie nur wenige Monate Zeit haben, um ihre Lebensmittelvorräte für das Jahr zu pflanzen und zu ernten? Ruhen sie so sicher in sich selbst?

Vom Kloster Thikse zum Dorf Likir Das Kloster Thikse ist eine der grössten und eindrucksvollsten Anlagen des Tals. Eins seiner vielen Gebäude birgt einen majestätischen, zwölf Meter hohen Buddha. Allein die Tatsache, sich in dieser Halle zu befinden, bewirkt vollständiges Wohlbefinden. Ein im Dunkeln sitzender Mönch rezitiert mit ernster, die Mauern durchdringender und ins Blau des Himmels aufsteigender Stimme Mantras. Unzählige Ollämpchen schaffen eine eigenartige Stimmung, in der man glaubt, mit den Göttern vertraut zu sein. Und plötzlich scheinen die Augen des Buddha lebendig zu werden und uns mit ihrer Güte zu umhüllen. Würde die Welt draussen jetzt in ihrem Lauf innehalten, es wäre bedeutungslos, so gross ist der innere Frieden in diesem Kloster.

Später machen wir uns - wie Pilger - wieder auf den einem langen grauen Band gleichenden Weg, der uns über Flüsse und Pässe, durch Dörfer und Einöden und schliesslich zu dem kleinen Bauerndorf Likir auf 3600 m führt, einem Schrein heiteren Friedens. Dort finden wir unsere Freunde wieder, die uns mit grosser Herzlichkeit empfangen: Sonam, Dolma, Tsewang, Tsering, Donje und Bomba - alle sind da. Ich habe mich so sehr gesehnt, sie eines Tages wiederzusehen; jetzt stehen sie vor mir, und ich weiss nicht, was ich sagen soll. Die Worte bleiben mir im Hals stecken.

Das Kloster Likir im letzten Sonnenlicht Wir finden alles wieder, was wir seit unserm Abschied im letzten Sommer tief im Herzen bewahrt haben: Gerüche, Farben, Geräusche. Der Willkommenstee wird serviert; während ich ihn, immer noch zitternd, trinke, heilt er alle Übel. Magische Augenblicke!

Es ist schwierig, von einer so vielfältigen Gemütsbewegung, deren Ursache doch so belanglos scheinen könnte, zu erzählen: Der Dorfälteste hält meine Hand in seinen runzligen, rauhen Händen und singt dazu ein Lied, das dreimal so alt sein mag wie er selbst, während die andern, die Männer, die den Feierabend geniessen, sich einem Glas des einheimischen Biers, des , widmen. Plötzlich ein Strahlen in den Augen eines von ihnen: Ich habe ein Wort in ihrer Sprache gestammelt. Das Gespräch wird lebhafter, bezieht alle ein, Lachen klingt auf und hallt in der raucherfüllten, von einer flackernden Petroleumlampe erhellten Küche wider.

Ein Mönch von Likir rezitiert mit ernster Stimme Mantras.

Arbeit und Leben der Bauern Bei Tagesanbruch sind sie alle wieder hinter ihren , einer Kreuzung von Kuh und Yak, auf den Feldern, singend, um sich anzufeuern. Während dieser Zeit gehen die Kinder in die Berge, wo sie die Schafe hüten. Bei den Ladakhi ist die Arbeit nach einem System des gemeinschaftlichen Einsatzes aller für alle organisiert. Die Ländereien jeder Familie werden von allen Dorfbewohnern gemeinsam bearbeitet, die von einem Besitz zum andern weiterziehen. Im Ein diskreter Beobachter Sommer bleiben die Bauern nie lange auf, denn die Zeit für die Arbeiten auf dem Feld ist sehr kurz. Im Winter dagegen erlebt das gesellige Leben seinen Höhepunkt: Feste in den Klöstern ( die Daten wurden nicht etwa zu Gunsten der Sommertouristen geändert !), Hochzeiten und Geburtsfeste beleben die eisige Atmosphäre dieser weissen Monate, geben ihr Wärme.

Der Reichtum einer Familie ist am Haus oder an der Kleidung zu erkennen, Hauptmerkmale sind aber die Anzahl der Tiere und die , ein Kopfschmuck, den die Mutter der ältesten Tochter am Tag der Hochzeit weitergibt und der so von Generation zu Generation vererbt wird. Wichtigster Teil dieses Familienschmucks sind einige Reihen von Türkisen, die von der Stirn ausgehend über den Rücken hinunterfallen. Je grösser die Anzahl der Reihen und je höher die Qualität der Steine, desto reicher ist die Familie.

Aber lassen wir diese abendländischen Überlegungen. Was bedeutet materieller Reichtum, wenn der Mensch, der mich am meisten gerührt hat, ein kleiner Bettler aus Leh ist? Jedesmal wenn wir kommen, läuft er uns mit seinen Gefährten entgegen - nur, um uns die Hand zu geben! Diese Geste und diese Geisteshaltung drücken für mich das ganze Wesen von Ladakh aus.

Unterricht junger Mönche in Likir Zum Leben des Landes gehören, wenn auch nur für kurze Zeit Wir haben uns in Ladakh Mühe gegeben, das echte, das einfache und grossartige Leben zu entdecken. Wir haben gelernt, so wie diese Menschen mit reiner Seele zu leben, uns zu kleiden wie sie, zu essen und zu trinken wie sie, obgleich der salzige Buttertee uns zunächst eher ein Grund zur Flucht als ein Getränk zu sein schien. Und als die Ladakhi unser Interesse sahen, haben sie es uns hundertfach vergolten. Neben manch anderem haben sie uns erlaubt, ihre Festkleider anzuziehen, meiner Freundin sogar, die anzulegen, eine ausserordentliche Ehre! In den Klöstern haben wir ein ganz klein wenig jener unermesslichen Weisheit erfahren, die von der der Mönche ausgeht. Die Gebete steigen sanft, von der Intonation getragen auf, folgen dem Wind, verteilen sich über die Erde, und die Gebetsfahnen flattern zum Heil aller Menschen.

Alle diese Erinnerungen scheinen schon sehr fern, doch der Traum lebt weiter: Diese Woche habe ich in meinem Briefkasten eine Karte mit abgestossenen Ecken gefunden, auf der Rückseite die Worte: Aus dem Französischen übersetzt von Roswitha Beyer, Bern

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