Encore des chemins battus

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Von Hans Spetzler.

Mein lieber Bruder!

Du bezweifelst auf meinen Kartengruss hin, dass der Mont Blanc noch weiss sein könne, nachdem um ihn so viel Tinte geflossen. Er hat uns einen so schönen Empfang bereitet, dass ich mich ihm fast ein wenig als Verteidiger verpflichtet fühle. Es war fürstlich, wie er uns kleine Skifahrer verwöhnte, die wir bei Nacht und Nebel von Genf ausgezogen waren, ohne von unsern grossen Plänen unsern Clubkollegen etwas zu verraten. So manchen Streifzug durch das Revier des « Blanc » hatten wir ohne viel Federlesens noch im Hitzgi-Hätzgi des Bähnleins von St. Gervais nach Chamonix abgekartet. Zum Besuch beim Alten selber ward die Sache ernster und wurde vorbereitet.

An einem Samstagmorgen war es so weit. Wunderst Du Dich, dass dieser Morgen sternklar war, mitten im Juni schön kühl? Er musste es sein. Aus Freude tanzten wir sechs Gesellen vor der Gare des Eaux-Vives eine wilde Farandole. Du wunderst Dich, lieber spöttischer Bruder, über so viel Überschwang. Ob er es noch wert ist, der Mont Blanc, über die breiten Heerstrassen der Jonction und der Plateaux? Ob er es noch wert ist? Saussure, drehen Sie sich nicht im Grabe um, ich bin jung und unverständig.

Ich schreibe Dir in Sachen Mont Blanc gegen Snob... Ja. Er ist es wert, er ist nicht nur ein Krampf, den man gemacht haben muss. Übrigens... Heerstrassen! Was für ein windiges Heer, die Dutzende, oder sagen wir Hunderte von Skifahrern, die im Jahr darüber ziehen! Sind ein paar hundert ein Heer? Kaum im Kampf um Troja, heute sicher nicht, kaum ein Bataillon. Und doch Strassen! Aber gibt es nicht wundersame Strassen, die wunderbar bleiben, auch wenn einmal ein rasend gewordener Bugatti drüber saust, weil eine Skikanone ( oder richtiger Skikanonenkugel ) in vierzig Minuten von Vallot an dem Mont Blanc hinuntergerast istIm Theater feiert man doch nicht nur die Première, sondern auch die hundertste und zweihundertste Aufführung ist ein kleines Fest. Nenn unsere Fahrt die zehntausendste Besteigung!... Wenn das der Teleskopvermieter in Chamonix gewusst hätte: « The tenthousendth mountaineer on Mount Blanc... » welch ein Erfolg!

Dieweil wir gemächlich zum Fusse der Aiguille du Midi aufstiegen... wenn Du eine ungenaue Schilderung... vor lauter Bäumen den Wald nicht...

verdauen kannst, so lies weiter... während wir gemächlich im Westminster-regulatoren-Tempo steigen, baumelt unser Bergrat ( man sagt doch auch Hausrat ) an uns in der Benne des Téléférique vorbei. Uns selber wollte der Direktor nicht in die offenen Materialdrückli einsteigen lassen. Der ordentliche Verkehr ist noch nicht eröffnet. Wir hätten uns ja doch nicht beherrschen und ruhig liegen können während der Fahrt, wir hätten ja doch einen Blick, nur einen, nach der andern Talseite werfen wollen, nach den Aiguilles Rouges hinüber. Dann wären wir wohl umgekippt und hinausgeschleudert worden, jahrelang ins Ungewisse hinab, wie es bei Hölderlin heisst. Wir dachten aber damals nicht an Hölderlin. Die einzige Literaturbemerkung machte Charly, als er in schwarzen Flechten auf Fels Tintenflecken aus der Fehde Paccard wider Balmat vermutete.

Bald kommen wir in das unwirtliche Land, das der Schnee vor kurzem ausräumte. Der Bergfrühling im Drang der Arbeit konnte es noch nicht auffüllen. Braune, verwaschene Grasbüschel und kahle Ruten warten da auf ihn. Dann begehen wir die Steinschlagrinnen am Fusse der Aiguille du Midi. Aber da wir « des petits montagnards » sind, so bieten wir ein kleines Ziel, nicht wahr? und kommen gut vorbei. Ziehen dann durch das Labyrinth der Jonction in engen Gletschertälern nach den Grands Mulets, gemächlich alten Spuren nach, an wunderschönen, grabsteinfeierlichen Séracs vorüber. Oder sahen sie aus wie Meilensteine?

Unter den Grands Mulets gähnen auch im Frühsommer tiefe Schlünde. Seil oder nicht Seil, das ist hier die Frage. Leider hat keiner das Lehrbuch da, wo klar auf Seil entschieden würde. So sind wir erst fertig mit Diskutieren, als wir die respektablen Löcher auf luftigen, aber kerngesunden Brücken hinter uns haben. Die Leidtragenden sind die Seiltragenden, ihre Last wird nicht aufgeteilt. Ich lasse mich 's nicht ärgern, denn hoch oben, wo ein launischer Gott in bauschige Gletscherkissen kühne Nädelein gespiesst hat, grüssen die Grands Mulets.

So bin ich unversehens ins Erzählen hineingeraten und wollte doch nur für den « Blanc » plädieren und für ihn reden, und jetzt rede ich von uns und unsern Erlebnissen. Lass uns noch weiter als Zeugen aufmarschieren, so geht es am besten, dem Alten etwas Gutes nachzusagen.

Du hast, lieber Bruder, auch schon auf der Terrasse der Grands Mulets gesessen. Eine Gruppe nach der andern rückt an bis zur Nacht, wo wir noch unter der Decke die Stimmen der letzten erkannten, am leichtesten die unnachahmlichen Laute von Tricounis accent genevois.

Das kleine Hotel wird kaum alles fassen können. Aber wer will da oben ein Schild aushängen: « Ausverkauft! »... Es wird eben etwas eng sein heute abend. Was tut 's! Die Strahlen der Sonne vergolden die Aiguille du Midi. Man müsste fromm sein und gut, das spürt man, um diese Schönheit ganz zu fassen. Da kann man nur schweigen oder wie Goth die Freude austurnen an den Zacken um die Hütte.

Nachdem wie volle Orgelakkorde die Farbentöne um die stolzen Berge Fermaten standen, ziehen auch schon die ersten Sterne in den weiten, tiefen Himmelsrund. Sie stehen warm und gelblich leuchtend ganz nah und vertraut.

Aus weiter Ferne jetzt und klein und glitzernd winken sie am Morgen, als wir auf dem Gletscher zu steigen anfangen. Der Aufstieg ist lang und oft mühsam. Er gilt als monoton und unlohnend. Ich glaube, wir waren auch zeitweise dieser Meinung. Aber wie es Kunstwerke gibt, die man verdienen muss durch hartes Studium, so muss man eben in diese Natur erst sich einführen und kann erst dann geniessen. Beim Observatoire Vallot war mein toter Punkt. Vom Col du Goûter aus glaubte ich als Einzelreisender, dem ein Gratwind die Spuren der Kameraden verwischt hatte, es sei das Refuge Vallot vor mir. Und vor dem mit höflichen Verboten geschmückten Observatorium stand ich lange ratlos, bis es mir dämmerte, dass ja ganz nah auch die Hütte sei. Sie war sogar gut sichtbar. Da hatte mir wohl die Höhe ins Dach geschlagen.

Nach Vallot ging 's besser, mit den Eisen an den Füssen, die letzten 300 Meter über die mit soliden Badewannentritten rücksichtsvoll ausgestatteten Bosses de Dromadaire hinauf zum Gipfel.

Jetzt standen wir im weissen Dunst. Nach allen Seiten ging es talwärts. Also sind wir oben. Fast mutlos, anstatt das schön Vollbrachte freudig über-denkend. Leicht begreifen wir, warum der Mont Blanc im allgemeinen einen schlechten Ruf besitzt, als Besteigung über seinen gewöhnlichen Weg. Ist das alles? möchten wir denken. Alles, was dieser Berg uns zu sagen hat? Sind wir jetzt so weit wie arme Gelegenheitskraxler, die ein unerbittlicher Führer zum Gipfel schleppte und die nur einen Gedanken haben: « Wenn ich nur schon wieder unten wäre! »... Aber als ob ein Schleier von den Augen fiele, so geht der Blick auf. Der Dunst ist fort und weit, unermesslich weit über ein Meer von Wolken und Bergen in endlos blauer Ferne verliert sich der Blick. Man kann das nicht recht schildern, Einzelnes sagen, wo die grosse Gleichförmigkeit gerade das Grosse ist. Es geht hier ein harter Wind. Ich habe noch nie von einer « genussreichen Gipfelstunde » da oben gelesen. Dieser Wind muss gewiss immer blasen hier, dass keiner verweile und den Anblick mit Gipfelpfeife und Konservenbüchse entweihe. Denen aber, die den Anblick als « nicht so lohnend » bezeichnen, denen muss man wohl sagen: « Sie haben recht », gerade wie denen, die das Tristanvorspiel sterbenslangweilig finden.

Weiter. War es auf dem Gipfel die Weite, die uns erfasste, so ergreift uns auf dem Grat die Tiefe, die wir auf dem höchsten Buckel total vergassen. Zuerst als etwas Gruseliges, aber dann von Vallot an, wieder auf den Brettern, einfach als Mittel zum Gleiten. Aus Wallfahrern zum Berge, die der Schuh oft drückte, aus stillen Quäkern, die über die Hänge des grossen Plateau am Morgen stiegen, in Andacht fast, werden wir wieder lautes, vorlautes Skivolk, das dem Berg ehrfurchtslos einfach den Buckel hinunterrutscht. Kleine Teufelchen sind unsere beiden Skigeisslein geworden. Goth und Golay hetzen hintendrein, und wir beiden etwas bedächtigen Jahrgänge, Baby und ich: last und least.

Rücklesend sehe ich, wie schlecht ich eigentlich und wie sehr en marge ich meinen lieben Mont Blanc verteidigt habe.Vielleicht, weil ich im Schreiben einsah, dass man niemanden von der Schönheit einer Tur überzeugen kann.

So nimm diese Zeilen als ein weiteres Zeichen von Deinem Bruder, der das Bergsteigen immer noch nicht als Tat begreift und immer meint, die Stemmkamine seien so schön, weil man nach oben den knappen, originellen Himmelsausschnitt hat, und die Technik Dir als Seilerstem überlässt, um besser spintisieren zu können. Wie lange wird es denn noch dauern, bis man im Club eine Leistungsprüfung einführt und solche Gesellen wie mich dann kurzerhand ausschliesst, wie recht und billig?

Gruss von Deinem BruderHans.

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