Entgottung der Natur

VON EMIL RUSCH, ZÜRICH

Olymp, Sitz der Götter; Helikon, Musenberg: So beseelten die klassischen Griechen fast jede gewichtigere Erhebung ihres Landes. Und sie dachten sich alle Bereiche der Natur von unzähligen Elementardämonen durchwaltet, von Töchtern des Zeus, die sie Nymphen nannten und als junge, weibliche Wesen auffassten. Nymphen, das Naturleben als persönliche Wesen darstellend, wohnten daher in schönen Hainen, an Flussquellen, auf schwellenden Wiesen, in Wäldern und Bäumen, und Oreiade im besonderen bezeichnete die Bergnymphe. Aber das war offenkundig gar nicht etwas den Griechen allein Eigentümliches, sondern es gehörte als Urgut zum frühesten Besitztum der Völker und deutet damit auf ältesten indogermanischen Glauben, wie uns die reigenfrohen Elfen, die Nixen und Wasserfrauen in Fluss und See, die Saugen in den Bergen usw. lehren ( vgl. Lesky, Thalatta, S. 117 und 119 ). Für den Griechen Aischylos, den gewaltigen Dichter, ist die Natur von göttlichen Kräften durchwirkt, die ihm eine letzte, im Sittlichen ruhende Gesetzmässigkeit bedeuten, und darum erscheint ihm die Natur als gross ( vgl. Lesky, Thalatta, S. 238 ).

Aber auch ausserhalb indogermanischen Denkens begegnen wir ähnlichen Anschauungen und Gefühlen. Es sei nur an die Scheu erinnert, mit der Asiaten ihre Himalayariesen benennen und betreten, oder an die Beziehungen der Japaner zu ihrem Fudschijama. So dass wir den sicheren Schluss ziehen dürfen: Dem ursprünglichen, dem unverbildeten Menschen bedeuten die Natur im allgemeinen und die Berge im besonderen etwas « Dämonisches », eine hehrste Offenbarung der Schöpferhand Gottes.

Ein Menschenschlag mit Boogie-Woogie und Picasso, mit Düsenflugzeugen und Kernphysik, mit Frauenringkämpfen und Sex-Bomben wird andere Maßstäbe anlegen und über derart religiös umnebelte Gemüter mitleidig lächeln; er sieht die Natur wieder kühl « an sich » und entgottet rücksichtslos von Grund auf. Wenn vereinzelte katholische Gegenden noch ein Kreuz auf Bergspitzen aufrichten, sind das Oasen, und dem Zeitgeist entsprechend dient das Matterhornkreuz als wohlfeiler Hintergrund für einen sich rasierenden Gipfelbezwinger; das macht dann in den bebilderten Zeitungen zum Ergötzen der Leser die Runde. Den Ausfluss solch « vorbehaltlosen » Herantretens an die Natur mag etwa ein schöner Sommersonntagmorgen im Alpstein erläutern: Da begegnen dem Wanderer verkaterte, übernächtige Gesichter, Gejohle und merkwürdige Lieder erschüttern den Luftraum, Feuerwerk kracht, und Tabakschwaden treiben umher, verschlungene Pärchen beleben Wiesen und Wegränder, Papierfetzen, Bierflaschen, Blechbüchsen zeugen von den Besuchern, Lärm und Fluchen ertönen allenthalten: Wahrlich ein Inferno entfesselter menschlicher Kräfte!

Und doch, spüren wir den Hintergründen nach, erscheinen diese Auswüchse nicht unverständlich. Wir müssen bloss nachsuchen, wo diese Leute herkommen, und wir werden zuerst auf die Stadt stossen. Geschichte und Gegenwart lehren, dass die Städte, in denen sich zufolge der Menschenansammlung geistige und geldliche Kräfte aufstauen, daraus eine grosse technische Entwicklung und einen unerhörten Aufschwung von materiellem Wohlstand zu begründen vermögen, und dadurch werden sie die eigentliche Wiege dessen, was wir Zivilisation nennen. Damit sind die Städte, die den Reichtum bergen, auch der erste Anlass zur grossen Umwertung, die wir unter dem Namen Materialismus verstehen: An Stelle der höchsten Werte setzt er ein bloss dienendes Gut und erhebt es zum vielgeliebten Götzen. Diese Verzerrung der Werteordnung ist schon alt, sie trat unter gewissen Voraussetzungen immer wieder auf, wie uns Ovidius z.B. vom Rom um Christi Geburt bezeugt: « Goldig wahrhaft ist unser Zeitalter: Das Gold verhilft zu den höchsten Ehren, sogar die Liebe hängt sich ihm an - ist er nur reich, gefällt selbst der Barbar - » ( a.a. II 273-280 ). « Nach Gold statt nach Getreide schürfen wir die Erde. Das Steuerregister verleiht Ehren und Ämter » ( am.III 8 ).

Gewiss erlauben die geldlichen Möglichkeiten den Städten, schönste Kulturwerke, Gemälde und Plastiken, Theater und Musikhäuser zu schaffen und zu halten. Aber sie begünstigen die menschen- und damit auch kulturfeindliche materialistische Entwicklung, und sie rauben dem Städter den Nährboden wichtigster Teile seines Daseins: Seine Verbindung mit der Natur; sie ziehen den Menschen von seinem natürlichen Urquell ab.

Viel zerstört die Stadt an besten körperlichen und geistigen Kräften des Menschen, sie vernichtet unzählige « Nerven ». Daher erstarkt von selbst der Drang, zur Allmutter Natur zurückzukehren oder wenigstens natürlicher zu leben: Der Mann geht ohne Halsbinde, mit offenem Hemdkragen, ohne Hut und gar in Sporthose. Das « Sportgirl » bekundet seine vermehrte Hinneigung zu natürlicherer Lebensweise durch gebräunte Hautfarbe, kurzen Haarschnitt, ärmel-und strumpffreie Gewandung. Schon im Altertum begann der Mensch sich zur Natur zurückzusehnen, als sich die antiken Orte zu Städten ballten, und er glaubte, die Natur im Landleben verwirklicht zu finden. Dieser Art Sehnen verliehen die Dichtungen des Theokritos und des Ver-gilius beredten Ausdruck.

Allein die Leute, die aus dieser Umgebung ins Freie, in die Berge strömen, sind verbildet, und der vom Alltag losgelöste Mensch versteigt sich zu bizarrsten Äusserungen seiner Daseinslust; denn « aus unnatürlicher Verworrenheit geht kein Weg in die übernatürlichen Höhen » ( Weiss ).

Zerfallserscheinungen und Entartungen, die in mehr oder weniger verdichteter Form immer wieder dem Bergfreund begegnen, die Verstädterung, Verzivilisierung und Vertechnisierung des Menschen haben Besinnlichere dazu geführt, Wege aufzuspüren, um diese Triebe und die Begegnung mit der Natur in tragbarere Bahnen zu leiten und den Auswüchsen zu wehren. Mit anderen Worten: Was früher rein gefühlsmässig mit offenem Gemüt und Herz unmittelbar erfasst und erlebt wurde und damit selbstverständlich war, müssen wir heute auf dem Umwege über die verstandesmässig erkannte Notwendigkeit wieder zu gewinnen suchen. Die Besten von uns kehren wieder zu den Quellen des Lebens, weil sie erkannt haben, dass die Abkehr davon einen unheilvollen Zwiespalt heraufbeschworen und den Menschen unglücklich gemacht hat. Dass vieles daran künstlich und damit nur scheinbare Rückkehr zum ursprünglichen Zustande bedeutet, dass vieles an der Oberfläche haftet und ihm daher das Beste und Eigentlichste vorenthalten bleibt, dass weitgehend die Fähigkeit zum richtigen Erfassen, der « Instinkt », überhaupt abhanden gekommen ist ( wie weit die Naturentfremdung gediehen ist, zeigt z.B. die verblüffende Orientierungslosigkeit vieler Leute im Freien ), muss notgedrungen mit in Kauf genommen werden. Aber schon der gute Wille war Fortschritt, und ansehnliche Erfolge dürfen sich zeigen lassen.

IV.

Weil der Verstand diese Rückkehr rief und gestaltete, können wir die Gründe auch verstandesmässig beschreiben. Schönes und Erhabenes reiht sich dabei an minder Wertvolles oder gar Ver-werfliches.

1. Obenan steht nach wie vor das gefühls- und gemütsbetonte Bergsteigen, bei dem der ganze Mensch in der Natur aufgeht und in ihr ein herrliches Erlebnis sieht. Die empfangenen tiefen Ein- drücke nimmt der Bergsteiger « als Kraftreserven für Pflicht und Arbeit mit nach Hause » ( Hans Koenig, « Die Alpen », I, 1952, S. 181 ). Hierüber liegen mannigfache herrliche Schilderungen vor, so dass sich weitere Worte erübrigen.

2. Die vorwiegend ästhetisch betonte Beziehung zur Natur ist eng damit verbunden und geht teilweise darin auf. Soweit sie eine gesonderte Erwähnung verdient, sucht diese Art der Naturfreude eher verstandesmässig die Schönheiten zu ermitteln und zu verwerten.

3. Gesundheitliche Erkenntnisse bewegen viele Leute, sich in die freie Natur zu begeben, handle es sich um seelische oder körperliche Gesundheit. Kaum jemand wird heute im Ernst die gesundheits-fördernden Wirkungen des Aufenthaltes im Freien, der Bewegung, der Sonne, der frischen Luft bestreiten. Auch hierüber sind angesichts der vielen Veröffentlichungen keine weiteren Worte zu verlieren.

4. Viele wollen in jugendlichem Ungestüm ihre Kräfte am Berge messen; die Freude an der Gefahr, am Kitzel treibt sie in die Wand. Diese Seite des Bergsteigens ist heftig umstritten, und viele Gefahren lauern ihr auf: Wie leicht gleitet sie ab ins Bramarbasieren, in Renommisterei, wie leicht überwiegt die Sucht, im Radio oder in der Zeitung wegen einer Erstbesteigung ausgerufen zu werden, die wahre Freude am Berg. Ebenso ist der üppige Gebrauch technischer Hilfsmittel den wahren Untergründen der Naturfreude abträglich ( siehe unten ).

Und doch wollen wir ohne weiteres anerkennen, dass beim Bergsteigen vorwiegend als Sport wahre Werte mitschwingen: Gesundheit, Kraft, Schönheit, Leistung; nur oft mit falschen Mitteln und am falschen Objekt, verbunden mit zweckwidrigen Übertreibungen. Wie gerne möchte man diesen Jungen zurufen:

« O Jugend, Jugend, wirst du nie Der Freude reines Mass bezirken » ( Faust II ).

Denn sie sind ja so sympathisch, diese jungen Gipfelstürmer, wie sie sich für ihre Ideale einsetzen; so ganz jungenhafte Männlichkeit; für die die Begriffe Gefahr, Müdigkeit, Schmerz klein geschrieben werden; die unendliche Zeit opfern, um einen gangbaren Weg auszuspionieren, die mit « ihrer » Wand in ein persönliches Verhältnis treten, denen abgeschlagene Annäherungsversuche nur neuen Ansporn geben; die an Stelle des Bettes mit dem Biwak vorlieb nehmen und marschieren, wenn andere Leute noch tief schlafen; denen nur der eigene Tod die Kameradschaft kündigt. Es ist dieselbe Jugend, die ihrer Leistungsfähigkeit zuliebe auf Alkohol und Nikotin verzichtet und die keine Zeit findet, an Mädchen nur zu denken.

Eine besondere Note drückt dieser Art modernen Bergsteigens die Einstellung auf, dass sie « den Tod schon in ihr Tun einbezieht » ( Ruedi Schatz, « Die Alpen », I, 1953, S. 175 ), wobei man beifügen muss, dass es für die Beurteilung wohl auf die kleinere oder grössere Wahrscheinlichkeit dieses Voranschlages ankommt. Damit aber liegt der Unterschied zwischen « klassischem » und « modernem » Alpinismus nicht allein auf technischer, sondern vor allem auf geistiger Ebene: Der moderne Alpinist ist viel eher bereit, grösste Gefahren auf sich zu nehmen ( Ruedi Schatz, « Die Alpen », I, 1953, S. 176 ), wobei « ein gewisser Ehrgeiz » wegleitend wirken dürfte ( Ruedi Schatz, « Die Alpen », I, 1953, S. 177 ). Folgerichtig verneinen Vertreter dieser Richtung des « modernen Alpinismus » das Bergsteigen aus rein ästhetischen Gründen ( Ruedi Schatz, « Die Alpen », I, 1953, S. 177 ).

Das Ausland ging dabei bahnbrechend voran; Krieg lehrt menschliches Leben gering schätzen, ja, die in Stahlgewittern gehärteten Nerven empfinden nur dann den richtigen Kitzel, wenn Einsatz in diesem Spiele das Leben ist. In solcher Schau wird Bergsteigen zum Spiel mit dem höch- sten möglichen Einsatz, dem eigenen Leben, und ist für nervenstarke Kraftnaturen, was für schwächere ein Fussballmatch oder ein Radrennen.

Spitzen dieser Auffassung sind die vielbesprochene Schilderung Heckmairs über seine Drusen-fluh-Südwand-Begehung, bei der ihm Überreste von Abgestürzten als Wegweiser dienten ( vgl. Hans Koenig, « Die Alpen », I, 1952, S.238 ), und der Ausspruch eines Führers in der Watzmann-Ost-wand vor einem richtungweisenden roten Pfeil an der Wand: « Hier haben sich viele verstiegen. Anfangs geht es gut, aber die Verschneidung endet oben in ungangbaren Platten, wo es kein Vorwärts und kein Zurück mehr gibt. Was dann folgt, ist Absturz in die Randkluft » ( Fred Morgenthaler, « Die Alpen », I, 1951, S.268 ). Ist etwa in ihren Extremen diese ganze neue Auffassung auch im Geistigen eine ausweglose Verirrung, herkommend aus der allgemeinen geistigen Hoffnungslosigkeit und Leere? Eine verzweifelte Flucht vor dem Nichts?

Nicht nur fragwürdig, sondern abzulehnen ist die an Leichtsinn angrenzende Tollkühnheit, in welche die Verwegenheit ausartet. Wie sich der Verfasser nach notgedrungenem Rückzug in der Südostwand des Kleinen Wellhorns, angehängt an zwei keineswegs zuverlässige Eisenhaken, aufs Geratewohl ins Leere abseilte und - nach seiner Schilderung - schliesslich nur dank dem klugen Rucksackriemen einen Halt in bedrängtester Lage fand, erweckt beim Leser Unbehagen ( Ernst Reiss, « Die Alpen », I,1951, S.354 ). Wenn die Rettung aus einer Lage, in die man sich leichtsinnig begeben hat, nur noch « wie durch ein Wunder » geschieht, darf man wohl den Kopf schütteln. Zumeist aber schüttelt der schlichte Leser bloss den Kopf, wenn Misserfolge und Unglücksfälle eintreten; krönt der Sieg die verwegene Leistung, sind wir nur zu gerne bereit, eine romantische Gloriole zu errichten, wie etwa der Ausspruch über die Durchsteigung der Matterhorn-Nordwand dartut: « Eine unverantwortliche, aber wundervolle Eroberung » ( « Die Alpen » 1946, S. 16 ).

Hier wie überall erhält der Einsatz des Lebens seine Rechtfertigung vom Zwecke her. Rechtfertigt sich aber der Einsatz des Lebens, nur damit eine Wand das erste Mal durchstiegen ist? So betrachtet, erheischt die Frage ein klares Nein. Allein die Menschennatur folgt verschlungeneren Wegen, und Fragestellung wie Antwort lösen sich nicht so einfach.

5. Ganz übel aber ist es um die « Bergsteiger » bestellt, welche, von der Mode gerufen, ins Gebirge einbrechen. Leider blieb es unserer Zeit vorbehalten, den « Modeberg » par excellence zu kreieren. Für viele bestimmt deswegen die Mode, welche Berge jemand, der etwas auf sich hält, überwunden haben muss. Das Wesentliche daran ist allein die Tatsache, dass man oben war.

In dieser Feststellung offenbart sich der Masseninstinkt des Nachahmungstriebes, der dem Leithammel die ganze Herde folgen heisst. Wirtschaftlich wirkt sich allerdings der Begriff des Modeberges günstig aus; so ermöglichte das Matterhorn die Zermatter Hotelkästen und deren - vielleicht auch zeitlich beschränkte - Rendite.

Lose damit zusammen hängen, weil ebenfalls der Mode entspringend, gewisse Bekleidungs-sitten. Wer mit Scheu an die Berge tritt, wird auch alles scheuen, was beim Nebenmenschen Anstoss erregen und seine Naturfreude trüben könnte. Und gerade dieses Scheugefühl geht vielen dieser modischen Spottgeburten ab. Berge aber sind keinesfalls für Modeexperimente da. Dabei ist das Problem kaum moralisch, sondern eher ästhetisch zu nehmen.

Offensichtlich spielen bei manchen einfach exhibitionistische Triebe mit, die Freude oder die Sucht, dem Nebenmenschen die mehr oder weniger einwandfrei gebauten Glieder vor Augen zu führen. Allein das durchschnittliche Gefühl des Alpenwanderers dürfte sich bis jetzt kaum an die Gleichung Berge = Badestrand gewöhnt haben, so wenig wie bis heute der durchschnittliche Badestrand gewisse besondere Formen von Badekleidern verdaut hat. Badekostüme gehören also nicht in belebte Berggebiete; wer sich so ergehen will, sollte abgelegenere Orte aufsuchen. Dieser Rat ist um so eher zu erteilen, als er nicht so schwierig zu befolgen ist, und es schliesslich einer Modetörin - wenn es ihr nur darum ginge - gleichgültig sein kann, wo sie ihre kaffernbraunen Schultern, Arme und Beine holt, um zu Hause auftrumpfen zu können. Schlimmer noch als die eigentlichen Badeanzüge sind die behelfsmässigen « Abrüstungsversuche » namentlich der Frauenwelt. Nicht zur Offenbarung vorgesehen, beleidigen diese verschiedenartigen Unterwäschestücke nicht nur den Anstand, sondern vor allem das ästhetische Empfinden des notgedrungenen Beschauers.

Dass gesundheitliche Gründe die Einwirkungen von Licht, Luft und Sonne auf möglichst grosse Teile der blossen Haut befürworten, ist anerkannt; wer nur das ernstlich beabsichtigt, wird aber abseits der Heerstrasse reichlich Gelegenheit dazu finden.

6. Rekordsucht hat ebenfalls auf die Bergsteiger übergegriffen, und sie bestimmt viele Leute, ihre Gefühle am Berg auszutoben. Sie geht Hand in Hand mit der Technisierung, die nun wahrhaftig keinen Beifall mehr beanspruchen darf. Die blosse Tatsache, mit welcher Mühe man in bezug auf die sechs Schwierigkeitsgrade eine allen genehme Formel sucht, zeigt das Unerquickliche dieser Bergsteigerei.

Die Höhe ehrfurchtslosen Wandbesteigens ist wohl, wie Hans Wörndl und Peter Hofer die Westwand des Predigerstuhls im Wilden Kaiser direkt « bezwangen ». Die beiden erstiegen auf leichterem Wege den Gipfel, seilten von oben ab und schlugen während des Abseilens beim unbezwingbaren Überhang Haken ein. Später stiegen sie wieder von unten ein und überwanden die Wand mit Hilfe der eingetriebenen Haken ( M.Oe., « Die Alpen », 1953, II, Märzheft, S.43/44 ). So ging die Entwicklung den Weg des Technischen bis zur « Bergschlosserei » ( Hans Koenig, « Die Alpen », I, 1952, S. 236/237. ) Harmloser ist eine gewisse spielerische Akrobatik, z.B. der Seilwurf an der « Fiamma ».

Aber nicht nur in Schwierigkeitsgraden, sondern auch in der Geschwindigkeit des Gipfel-stürmens oder in der Anzahl der an einem Tage überhupften Gipfel sucht man einander zu übertreffen. Ob die eilige Tat von Lerjen und Biner ( 16 Jahre !), nämlich in drei Stunden Hörnlihütte-Matterhorngipfel und zurück, mit oder wider ihren Willen breitgeschlagen worden ist, lassen wir dahingestellt. Uns genügt, dass der Fall sensationsmässig aufgebauscht werden konnte. Ähnliche Erscheinungen haben beim Skilauf zur Zweiteilung in Touren- und Pistenfahren geführt; zu letzterem zählt auch der Wettkampfsport, der allerdings in dieser Form beim Bergsteigen noch nicht Platz gegriffen hat.

Gewiss, ein massiger Gebrauch technischer Hilfsmittel kann am Berge prächtige Hilfe leisten und das Geniessen mehren, ohne dass er störend auffällt. Wo sich aber das rein Technische derart vordrängt, dass es als die Hauptsache erscheint, passt es nicht mehr zum Berg, es ist am falschen Objekt angewendet; denn da lauert die Gefahr, den Berg nicht mehr als Mittel zu höherem Zweck, sondern rein als Selbstzweck zu betrachten ( vgl. Hans Koenig, « Die Alpen », I, 1952, S. 182 ). Von solchen Einwirkungen sind aber die Berge unter allen Umständen freizuhalten. Sonst schwinden die Erhabenheit der Berge und die Ehrfurcht vor dem Berge, und damit geht mit das Beste, was dort zu finden ist, verloren: der Berg ist entgottet.

Hier ist noch ein Wort über einen gewissen Bergjournalismus anzuknüpfen. Geschrieben zumeist von sensationslüsternen Reportern, die sich selbst hüten, einen Berg anders als mit Hilfe einer Bahn zu betreten, ist das Ergebnis auch entsprechend. Ohne Scheu, in waschechtem Jargon, werden Unfälle in Wort und Bild profaniert, werden Giganten der Berge vergöttlicht, Schwierigkeiten erdichtet, wo keine waren usw. All dem ist nur das eine entgegenzuhalten: « Bergsteigen besitzt keine Zuschauer » ( « Die Alpen » 1946, S. 239 ).

V.

Die Natur. Der alte Herakleitos, der Kürze seiner Formulierungen wegen ein Schrecken der Philologen und Philosophen, hüllt seine Ansicht über die Natur in die knappen Worte: « Die Natur liebt sich zu verschleiern », was Egon Friedeil ( « Das Altertum war nicht antik » ) in die modernen Ausdrücke kleidet: « Die Natur hat immer etwas Poetisches, weil sie uns so fremd ist, weil wir so gar nichts von ihr wissen. » Daher schwindet in dem Augenblicke, da wir die Natur zu erklären beginnen, der Mythos und damit gerade das geheimnisumwitterte Wertvollste. Und wir haben vorstehend Gründe der Liebe zur Natur erörtert auf Grund verstandesmässiger Erkenntnis, dem hier bewertend beizufügen ist: Wer in die Natur zieht, nur weil dort die Luft ozonhaltiger und die Sonnenstrahlen ultra-violetter sind, hat von den wahren Werten der Natur bloss einen leisen Hauch verspürt; wer nur an einen Berg rangeht, um dort sein Mütchen zu kühlen, hat den wirklichen Sinn des Bergsteigens nicht verstanden; wer gar gegen den Berg anrückt, um in seinen Leib Nägel und Haken zu schlagen und Seilakrobatik zu treiben, entweiht den Berg; und wer schliesslich in den Bergen auf erotischen Schleichwegen wandelt, schändet ihn.

Weil die Natur so geheimnisvoll ist, werden wir sie nie zu erfassen und aufzunehmen vermögen, sondern werden nur ihre Pulsschläge abhorchen, ihren Regungen lauschen können und einzelne Offenbarungen ihres Überschwanges auf uns wirken lassen und sie nach Möglichkeit verarbeiten. Nur die Wirkungen, nicht das Wesen der Natur werden wir erfassen. Und erst draussen, nahe der Erde, beginnt der Mensch zu erfahren, wie tiefer mit der Sonne, mit der Erde, mit dem Wasser verhaftet ist ( Ilias Venesis, Aeolische Erde ); « denn wo Natur im reinen Kreise waltet, ergreifen alle Welten sich » ( Faust II ). « In der Einsamkeit der Natur, eins mit allem Sein und Werden, erleben wir uns selbst in der Tiefe unseres Wesens. Nur wer auch die Einsamkeit lieben lernt, wird den Weg zur Natur - den Weg zur Kraft finden » ( Suren ).

Unter all den Eigenheiten der Natur wollen wir eine den Bergen im besonderen anhaftende herausgreifen. Die Berge sind barmherzig, hart und gerecht; sie lieben und fällen klare Urteile: Entweder vernichten sie Verwegene, Unvorsichtige oder einfach Unglückliche, oder sie entlassen die Besucher unversehrt, berauscht von der Fülle der gebotenen Erlebnisse. Wenige nur tragen zwar ihr Leben, aber angeschlagen, davon; denn « im Bunde der Natur ist Treue kein Traum » ( Hölderlin, Hyperion ). Gerade dieses Unerbittliche, Klare, allem Zweifelhaften Abholde macht den Liebhaber der Berge zum Berauschten, zum Besessenen. Sie sind dem empfänglichen Gemute die hehrste Offenbarung des Ewigen, des Schönen, der Natur in ihrer höchsten Potenz. Selbstverständlich werden auch die Bläue und Weite des Meeres den Menschen fesseln und beeindrucken. Der Wellenschlag, das Tosen der Brandung und das Bersten des Sturmes werden ihn an Höchstes erinnern: Das Ergebnis aber wird nicht ein Berauschtsein bilden, sondern einen Zerknirschten, sich seiner Ohnmacht bewussten Wurm zurücklassen.

So verneigen wir uns in Andacht vor der Natur, dem Inbegriff der uns unfassbaren Wirkungen, dankend, dass sie das Tiefste, das ihr der Höchste verliehen, menschlichem Sinnen nicht entschleiert - nicht erniedrigt.

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