Erinnerungen an eine Führerfahrt im Rhätikon

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VON ERNST OTTO MARTI, AATHAL

Mit 2 Bildern ( 54/55 ) SommerferienNun gab es keine Bedenken mehr. Wohl an die hundertmal hatte ich die Zimbaspitze von meinem Arbeitsplatz aus schon gegrüsst, diesen stolz in den Himmel gereckten Berg, der drüben über der breiten Ebene des Rheintals lockte und mahnte, zum Greifen nahe, wenn der warme Föhn durch das Land orgelte, ferner dann etwa an einem stillen Abend, abweisend angeleuchtet, wenn nachts das blasse Mondlicht ins Land fiel, dunstig entrückt in heissen Sommermittagsstun-den; aber immer stand sie vor meinen Augen, nie einladender, als wenn am späten Vormittag die kleinen Kumuluswolken die Gewähr für sicheres Wetter boten; ein Märchenspiel im tiefen Winter, alle Berge und Wünsche in ihrer Reinheit überstrahlend.

Erster Tag Liebe Kameraden hatten mich mit Bergführer Hugo Gantner im benachbarten vorarlbergischen Röthis bekannt gemacht. Schon bei der ersten Begegnung hatte ich rasch Zutrauen in Gantner gefasst, ein Zutrauen, das sich auf unserer ersten Bergfahrt festigte und im Laufe weniger gemeinsamer Bergsommer für immer stählte, bis ein früher Tod diesen lieben Menschen den Freunden und Bergen für immer entriss. Hugo Gantner, eine grosse, leichtathletisch gewachsene Gestalt, ehrlich und offen, Kriegsteilnehmer im ersten Weltkrieg, Angehöriger der Kaiserjäger und für viele Jahre Kriegsgefangener im äussersten Osten Sibiriens, unverheiratet, gesellig -, so schien er mir die volle Verkörperung des schweren Bergführerberufes, mit seinem geradezu fanatisch ideellen Sinn für die Berge und die Natur, herzlich mitteilsam. Ich glaube, ihn in meinem Bergführerroman « Jöri Madji » ziemlich treffend gezeichnet und festgehalten zu haben.

Rasch fischte ich noch auf einer Alleintour in den nahen Alpstein die Grundbegriffe meines bergsteigerischen Könnens auf und pedalte dann Montag, den 20. Juli 1936, an meinem ersten Ferientage, bei trübem und wenig verheissungsvollem Wetter mit dem Rade los, um in Bludenz zur vereinbarten Stunde mit Gantner zusammenzutreffen. Doch er erschien nicht. Eine Nachfrage in Röthis ergab, dass ich mich im Zuge geirrt hatte. Mit besorgten Blicken nach dem grauverhangenen Bergland wartete ich, etwas ungeduldig; aber als der nächste Zug eingefahren war, stieg er wirklich aus dem Wagen, entwaffnend lachend, und streckte mir seine kräftige Hand entgegen.

« Und' s Wetter? », wagte ich schüchtern einzuwenden. « Habt's kei Sorg, es wird eh schon recht! », beschwichtigte er mich. Wir hatten Glück: mit einem Lastauto gelangten wir rasch bis kurz vor Bürs, beim Eingang in das stillwilde, romantische Brandnertal, und weiter auf der damals beinahe noch neuen, während des Weltkrieges von russischen Kriegsgefangenen erbauten Strasse nach Bürserberg, herrlich gelegen über dem Wallgau. Bei wolkenlosem Himmel und zu Fuss hätte das eine schweissgesegnete Wegstrecke abgesetzt; nun hatte uns eine freundliche Frage und eine ebenso freundliche Antwort all dieser Mühen enthoben. Denn wir durften auch aus anderm Grunde von Glück reden, verfinsterte sich doch der Himmel zusehends, und jeden Augenblick konnte die himmlische Taufe einsetzen. Bei den ersten Häusern hinter Bürserberg sprangen wir vom Wagen und luden die schweren Rucksäcke auf unsere Schultern. Schon begann es leise und fein zu regnen. In steilem Abstiege erreichten wir nach zehn Minuten die schluchtenge Talsohle des wilden, tiefeingeschnittenen Alvierbaches, der sich hier, kurz nach der Vereinigung mit dem etwas zahmeren Sarotlabach, eine gewaltige Klamm aus dem bresthaften Gestein herausgefressen hat. Der frühere Steg war nicht mehr zu finden; ein vorjähriges Hochwasser hatte ihn weggetragen und mit einem unheimlichen Murgang zugleich das alte Bachbett gut dreimal mannshoch mit Schutt und Geröll bedeckt, so dass sich der inzwischen wieder ruhiger gewordene Bach noch lange nicht ganz durch diese « lose Ware » auf den alten Grund zurückfinden konnte. Nachtähnliche Dunkelheit herrschte an diesem schlimmen Ort anschaulicher Demonstration urgewaltiger Kräfte. Öfters stolperten wir über die nassen, glitschigen Wurzeln bärtiger Tannen und streiften das regennasse Unterholz. Den etwas schwankenden Notsteg überschritt ich nicht gerade tapfer! Aber glücklich ans andere Ufer gekommen, fanden wir den schwach angedeuteten Pfad und stiegen wiederum ziemlich steil hinauf zur ersten Stufe des eigentlichen Sarotlatales, an einem verlassenen Maiensäss vorbei. Durch schütteren Wald, oft auch über die mit wassergefüllten Löchern reichlich bedachte Alp erreichten wir so den Zusammenschluss unseres Pfades mit dem Zugang von Brand her und damit einen besseren Weg. Der Regen hatte, anstatt ein Einsehen zu haben, sich immer stärker eingelassen. Selbst die wasserdichte Windjacke bot mir nur geringen Schutz, und die Zimbaspitze, die noch vor kurzem eine Weile machtvoll über dem engen Talausschnitt gethront hatte, verbarg sich grollend und ungnädig. Aber weit droben und hinten, in den wehenden Schleiern tief herabhängender, manchmal vom Wind eifernd nach Osten gestossener Wolken, sollte die Sarotlahütte, unser heutiges Tagesziel, gelegen sein. Doch ihre Umgebung war so wenig zu erkennen als sie selbst; und das dortwaren es die sagenhaft vermoosten letzten Wetterbäume am Ende der Welt, die in Grau und Niederschlag zu ertrinken schienenGantner schritt indessen munter des Weges; er gab nichts verloren: « Morgen kann 's ja wieder schön sein !» - Er lachte und erzählte, als kümmere ihn das trostlose Wetter nicht im geringsten.

« Auch ein Anmarsch und Anstieg im Regen kann seine Schönheit haben... », und ich dachte mir dazu: « ...zumal in einer so einsamen und gottverlassenen Gebirgslandschaft! » Das Mass dieser himmlischen Taufe schien mir denn doch etwas zu reichlich; aber vielleicht war ich als strampelnder Säugling einstmals etwas zu kurz gekommen...

Durch das enge Tal mit seiner beidseitig jähstotzigen Begrenzung - rechts die Wasenspitze, links der nicht minder eindrucksvolle Zwölferkopf- gelangten wir, stellenweise auch durch prächtigen Ahornwald, immer tiefer in die Wildnis hinein. Wenn sich das schwere Gewölk einen Augenblick zu lichten begann, um gleich darauf um so dräuender sein schwärzliches Grau zu kochen, erhaschten wir einen Blick auf die Gott-Vater-Spitze und die furchterregenden, wilden Sarotlahörner, von wo mein Begleiter vor Jahresfrist unter den denkbar schwierigsten Umständen einen Schwerverletzten und einen Toten aus der Wand geborgen hatte. Die Augen wollten nicht loskommen von den schroffen Wänden und hartgemeisselten Gipfeln, von denen sich ein jeder gegen tausend Meter über unserem Weg erhob. Lawinenzüge, Runsen, arg zerschundene Zwergwälder, trostlose Karrenfelder und eine bis zu ihrem First mit Gestein eingeschlossene Hirtenhütte vollendeten das im Regen und Wolkentreiben doppelt schwermütige Bild dieses abgeschlossenen Sacktales; zudem schien es heute früh Nacht zu werden. Wasser stürzten von steilen Felsen, zerstörter Wald klagte schweigend an, schwer hingen Gräser und Kräuter. Vergeblich spähte ich immer wieder nach der Zimba, die für uns heute gänzlich unsichtbar und unnahbar bleiben wollte.

So erreichten wir auf steilem Zickzackweg die obere Sarotlaalp und damit das niedere Bergheim, wo wir nach raschem Kleider- und Wäschewechsel bei einem einfachen, aber kräftigen Abendessen nach Tiroler Art zu einem vergnügten Hüttenhock mit Spiel, Lautenklang und einigen « Schnada-hüpferln » der besonders gut aufgelegten Bergwirtin in der wohligen Geborgenheit von Wärme und Ampellicht zusammensassen, bis die Müdigkeit von selbst zur Ruhe wies.

Zweiter Tag Am nächsten Morgen sah es nicht besser aus; der Regen rauschte fort. Sollten wir hier oben einen ganzen Tag vertun müssenWider Erwarten öffnete sich aber schon gegen 9 Uhr der Himmel zwischen rasch treibendem Gewölk; der Regen hörte auf, während noch überall die wilden Wasser reichlich zur Tiefe brausten und das Alpvieh missmutig auf dem wüsten Boden in Hüttennähe herumstand, ungelaunt zum Äsen.

Das kleine, blaue Stück Himmel schien uns genug Gewähr für die Zimbabesteigung zu bieten; schlimmstenfalls konnten wir ja immer noch umkehren. Also verabschiedeten wir uns rasch und stiegen, begleitet von den besten Wünschen unserer Gastgeber, Vater und Mutter Buwein, zwischen Legföhren und Geröll nach dem mit Felstrümmern übersäten Talboden des Steintäli, wo noch massenhaft Winterschnee lag. Da das Wetter noch immer nichts Gutes verhiess, entschieden wir uns, wenn auch ungern, anstelle des Ostanstieges den leichteren Nordostanstieg in Angriff zu nehmen, der allerdings heute im nassen und deshalb doppelt steinschlaggefährdeten Gestein weitaus schwieriger sein musste als bei normaler Wetterlage. Deshalb riet Gantner, in den gutgenagelten und griffigen Bergschuhen zu klettern, was trotz der schweren Traglast ganz ordentlich ging, versuchte diese auch hin und wieder, mich von meinem jeweiligen Standort rückwärts zu ziehen. In den immer dichter und geschlossener treibenden Wolken liess sich die Form des Berges über uns kaum mehr erahnen; ein Glück, dass es noch nicht zu regnen begonnen hatte. Wir kamen zügig vorwärts, bald über Felsstufen, dann über seifenglatte Platten und schliesslich zwischen markanten Felsköpfen, lauernden Lemuren ähnlich, zu einer deutlich ausgeprägten Rinne, die technisch keine ausgesprochenen Schwierigkeiten bot. Nach fünfviertelstündiger Kletterei hatten wir den Gipfel ( 2645 m ) erreicht; aber wir hatten keine Aussicht; im Gegenteil: aus Nebel- und Wolkengrau fielen bei beinahe völliger Windstille sogar einige Schneeflocken! Nach dem Eintrag in das Gipfelbuch und einer kurzen Rast begannen wir alsbald den gewöhnlichen Westabstieg im trübsten Wettergrau, das kaum einmal einen flüchtigen Blick in die Tiefe erlaubte, wenn ein Windstoss für kurze Zeit den Schleier zerriss. Aber selbst dann war herzlich wenig zu erkennen: zerrissene Wandabstürze, graue Felsrinnen, ein ärmliches Stück grünen Felspolsters, hie und da eine zitternd am Fels bangende Blume oder auch nur ein feuchtes Büschel Gras.

Gantner drängte zur Eile. Ich folgte seinen kurzen, bestimmten Angaben. Schade! Einen zusammenhängenden Begriff von meiner Zimbafahrt erhielt ich nicht; nur kleine Einzelheiten haften in meiner Erinnerung: ein kleiner Überhang, auf halbem Wege eine kurze Verschneidung, ein luftiger Quergang, die Umkletterung der Somplatte; im allgemeinen fand ich die Tour leicht, aber allein hätte ich den Abstieg bei diesen Verhältnissen niemals gefunden, so dicht hielt sich das aufdringliche Gewölk an den Berg und verhinderte buchstäblich jedes sichere Zurechtfinden. Wie gut war es, dass mein Begleiter so sicher war und mich, ohne dass wir uns einmal über den Weg unschlüssig werden mussten, heil und gesund bergab führte! Da wir noch eine andere Zweierpartie im Abstieg wussten und sowohl diese als auch uns nicht gern in den eigentlichen Steilpartien des Berges unnötiger Steinschlaggefahr aussetzen wollten, wir auch keinen Herzschlag lang mehr vor einem neuen Regenguss sicher waren, eilten wir zwar nicht um unser Leben, nein, aber um unsere an diesem Tag bis auf leichten Schweiss trocken gebliebene Haut. Leider vergeblich! Es begann ein Trommelfeuer aus Regentropfen und Graupelschlag, das auf dem Zimbajoch in einen regelrechten Wolkenbruch auszuarten schien. Auf gutgesichertem Felsensteig stiegen wir rasch hinunter in das Rellstal zur Heinrich-Hueter-Hütte, deren Standort uns einmal während einer kurzen Regenpause sichtbar geworden war. Auf steilem Grashang störten wir ein gegen dreissig Stück zählendes Gemsrudel, das sich nun, das prächtige Leittier voran, in rascher Flucht Richtung Westen hinter einer Bergnase unsern Blicken entzog. Es goss immer wieder von neuem, diesmal gleich sintflutartig, so dass mir der nasse Segen zwischen Kleidern und Haut gleich vielen Bächlein am Leibe niederrann und zwischen Hosen und Schuhen sichtbar den Ausweg fand...

In solchem Zustande, der jeder näheren Beschreibung spottet, wussten wir die Hütte, ein kleines, liebes Bergsteigerheim, sehr zu schätzen. Dank der Güte der jungen Wirtschafterin konnten wir sogleich in warme und, was die Hauptsache war, trockene Kleider schlüpfen, während die pudelnassen am heissen Ofen bis morgen früh wieder tragbar werden sollten. Auch hier waren wir nicht allein. Aus Schruns im Montafon war ein Zöllner mit Frau und Kindern anwesend; später gesellten sich auch noch die beiden andern Zimbagänger zu uns. In angeregter Unterhaltung verbrachten wir einen recht angenehmen Abend, indem die ehemaligen Kriegsteilnehmer von ihren nicht immer beneidenswerten Erinnerungen aus einer für sie sicherlich grossen und heldenhaften Zeit zu erzählen wussten, so dass wir uns erst nach Mitternacht zur Ruhe legten.

Dritter Tag Wer hätte sich 's träumen lassen, dass der nächste Morgen in ungewöhnlicher Klarheit erwache« Gutes Wetter! » meinte ich erfreut. « Leider net lang! », erwiderte Gantner, der dieses unerwartete Geschenk besser zu durchschauen schien als ich; « net lang; aber wir stehen gleich auf und gehen so rasch als möglich weg, dann werden wir das Saula-Ostwandkamin noch vor dem Mittag erstiegen haben! » Rasch entschlossen packten wir unsere Rucksäcke um, indem wir alles Überflüssige zurückliessen, weil wir noch einmal zur Hütte zurückkehren wollten.

Durch niedere, aber dichtgeschlossene Legföhrenbestände und inmitten etwas verwaschen blühender Alpenrosenbüsche stiegen wir gegen die gewaltige Ostwand des SaulakopfesSäulenkopf, 2516 m ) an, in der sich das etwa 700 m hohe berühmte Kamin befindet. Ungemein klar und scharf lag die Berglandschaft um uns. In jeder Einzelheit genau zu erkennen, erhob sich vor unsern Blicken in Süden und Osten die stolze Ferwallgruppe; jede Alphütte, jeder Baum, jeder grössere Stein im weitesten Umkreis war erkennbar. Hart zur Rechten erfreute uns die farbenprächtige Südwand der Zimba, angeleuchtet von der Morgensonne. Aber auch das Montafon grüsste, das einsame Silbertal, und links von dem etwas plumpen Salonienkopf winkten uns Drusenfluh und Dreitürme. Dies alles und unendlich mehr war uns gestern auf der Zimba leider entgangen. Ich wollte es heute meinem Begleiter gerne glauben, dass die Rundsicht dort oben ihresgleichen weit und breit suche und der stolze Name eines « Vorarlberger Matterhornes » nicht von ungefähr entstanden sei, und nicht bloss wegen seiner sichtbaren Ähnlichkeit mit dem berühmtesten unserer Berge im fernen, schnee-, eis- und lichtüberstrahlten Wallis.

Auf dem kurzen Anstieg beobachteten wir auch ein reizendes Tieridyll: eine Gemsenmutter mit einem recht munteren Jungtier, die sich beide friedlich der würzigen Morgenäsung hingaben und sich offenbar durch uns zwei Bergsteiger nicht im geringsten stören liessen. Die vollständige Unbefangenheit des Paares hätte uns wohl noch lange verweilt, wenn sich nicht zuletzt die Kletterleidenschaft angesichts der so verlockend nahen Bergwand gemeldet hätte. Über steile Karrenfelder und schmutzige Schneezungen erreichten wir rasch den Einstieg. Bergschuhe aus, Kletterfinken heraus ,'ran ans Seil, den gut gepolsterten Hut aufgesetzt; es konnte losgehenUnter uns lag friedlich die besonnte Alp Vilifan; deutlich erkannten wir die Leute bei der Berghütte. Sie winkten herauf und schienen entschlossen, unsere Kletterfahrt bis zum restlosen Gelingen mit Augen und Fernglas zu verfolgen. Jetzt stiegen wir ein, Gantner voraus. Gleich zu Anfang waren uns die ersten beiden Steilabsätze beschert, die einen guten Vorgeschmack kommender Dinge gaben. Doch hatte ein frischer Morgenwind, der uns diesen schönen Tagbeginn schenkte, das Gestein, teilweise kantigen, scharfen Dolomitenkalk, genügend getrocknet, so dass wenigstens die Finger und Kletterfinken sicheren Halt und Ansatz finden konnten.

Auf Anraten Gantners duckte ich mich, so gut und so oft es ging, immer an den Fels. Die zahlreichen Überhänge boten zwar leidlich Schutz vor fallenden Steinen, von denen trotz aller Vorsicht und Umsicht meines Vormannes wegen der unvermeidlichen Berührung von Seil und Fels nicht wenige recht deutlich auf Hutkrempe und Rucksack zu trommeln begannen. So war ich eigentlich immer allein, wenn ich kletterte, bis ich die vielen, zum Teil haushohen Überhänge in jeder möglichen und unmöglichen Stellung und Bewegung überwinden konnte und wieder zu meinem Führer aufschloss. War ich auch durch das 13 Millimeter dicke, beste Hanfseil weitgehend gesichert, so stellte ich mir doch immer wieder vor, ich klettere frei -, eine überaus gesunde und nützliche Übung zum raschen Überlegen und ruhig vorbedachten Handeln, was mich heute in der Kletterkunst ein gutes Stück weiterbrachte. Es ging nicht ab ohne hartes Zähnebeissen, ohne entschlossene Anstrengung und gründliche Konzentration. Öfters behalf ich mir mit Stemmen und lernte so auch einmal den Rücken als mitwirkendes Werkzeug kennen und schätzen. So viel Gewandtheit und Unterstützung hatte ich ihm bis zur Stunde gar nicht zugetraut. Die allerwenigsten Stellen waren in einem einzigen « Anlauf » zu nehmen. Meist hielt ich mich an die rechtsseitige Begrenzung des schluchtartig emporragenden Kamins und suchte mit gekrallten Fingerspitzen nach den kleinsten Ritzen und Einker- bungen im Gefels, zog mich mit eigener Kraft auf, presste mich an oder suchte mit gespreizten Beinen Halt an den winzigsten Unebenheiten. Aber es ging, wenn auch langsam, so doch sicher. Eine grosse Freude erfüllte mich. Ich hatte einen guten Tag. Flüssig und leichter wurde mein Stil, wie er sich eben nur in dauernder Angewöhnung an den Fels und als Frucht aller ernsten Mühe einzustellen pflegt. Eingeschlossen zwischen Kaminrinne und ihren beinahe lotrechten seitlichen Begrenzungen durch die Wand, folgte Überhang an Überhang, einige durch herabgestürzte grosse Klemmblöcke versperrt. In den engen Teilen des Kamins war der Fels noch ausgesprochen kalt und glitschig. Bei Regensturz mussten derartige Stellen zu dräuenden Wasserfällen werden, die ein Fortkommen ungemein erschweren und sogar verunmöglichen können. Immer umfassender wurde der Tiefblick nach dem entsinkenden Land Die Sonne lachte nicht mehr so strahlend wie am frühen Morgen in den Weiten landaus; fernergerückt über dem wildeinsamen und waldigen Rellstal, verschleierten sich allmählich die morgens noch so gut und deutlich sichtbar gewesenen Gipfel des Ferwalls und des Tirols.

Die Steilheit machte mir zu schaffen. An einer Stelle, gut nach der Hälfte des Kamins, traten wir aus der Umklammerung der Felsen und taten einen Tiefblick in den Abgrund und den Abschluss des Rellstales, hinüber zur Zimba, die nun plötzlich farblos und unfreundlich vor einem grauen Himmel stand. « Regen in Sicht! », prophezeite Gantner, « aber das Schwerste wird überstanden sein, wenn er uns erreicht! » Hier standen uns zwei Möglichkeiten offen: das seitliche Ausweichen nach links, um die nun folgende, sehr schwere Kaminpartie mit beinahe vollständig glattem Plattenschuss zu umgehen. Walter Flaig rechnete in der ersten Auflage seines Rhätikon-Führers nur mit dieser einen Möglichkeit. Aber Gantner entschied sich für die Direkte. Ich vertraute seinen Erklärungen; das vollständig auszugebende Seil würde allerdings nicht ausreichen, wenn ich an meinem Standort bleiben wollte. Deshalb folgte ich vorerst um ein Drittel der Seillänge nach, obwohl ich an meinem neuen Platz weder den Führer noch mich selber sichern konnte. Aber Gantner, der augenscheinlich in Bestform war, schien seiner Sache sicher zu sein. Aufmerksam schaute ich seinen Anstrengungen zu. Es war der Höhepunkt unserer heutigen Kletterfahrt, der Schlüssel zur vollständigen Durchkletterung des eigentlichen Kamins Über Erwarten gut ging es nun. Immer wieder bot eine winzige Stelle Halt und Ansatz. Im letzten Teil dieses Plattenschusses nahmen die Schwierigkeiten noch zu. Vergeblich suchte Gantner eine allerkleinste Ritze zu erlisten. Wohl winkte oben ein fingerbreiter Leist, aber trotz Gantners langen Spinnenarmen und trotz allen Reckens und Streckens wollte sich die Sache nicht einfädeln lassen. Der Führer musste zu seinem Leidwesen zurück. Er versuchte das Glück weiter rechts. Hier steckte ein ganz frisch eingezwängter Mauerhaken ( nachträglich stellte Gantner fest, dass etwa vierzehn Tage vorher überhaupt die erste vollständige Durchsteigung des ganzen Kamins gelungen war !). Seil und Karabiner wurden eingehängt; dann machte sich mein Führer aufs neue an die verteufelt kitzlige Arbeit, diesmal mit Erfolg. Langsam schob er sich Zentimeter um Zentimeter höher. Dann näherte sich seine gespreizte Hand der schmalen Leiste; meine Aufmerksamkeit stieg aufs höchste... « I hab 's, i hab 's! », rief er triumphierend zwischen mächtigen Atemzügen und allerletzten Anstrengungen; er zog sich nach oben, bis die ebenso langen Beine nachkommen konntenein froher Jauchzer flatterte ins Leere. « Nachkommen! » - « Ich ?» - « Ja, es geht schon! » - « Wirklich? » - « Natürlich, Herr Marti! Was meinen S'denn, ich halt Sie hier schon gut fest! » Mit diesen Worten stellte er sich lachend rücklings an den senkrechten Fels, das Seil in Schultersicherung das einzige, was in Frage kam. Viel Platz stand ihm nicht zur Verfügung; denn seine Fussspitzen sahen vorwitzig über ihren kleinen Standplatz zu mir herunter. Auf gut Glück begann ich nun selber, mich an den lächerlich kleinen, kaum noch erfühlbaren Unebenheiten dieser seltsamen Bergwand nach oben zu schieben; ein saures Stück Arbeit, zumal für einen Schulmeister in den Ferien, behindert durch seinen Mangel an Grosse! Denn wo Gantner dank seiner Körperlänge und seiner langen Greifarme noch einen, wenn auch allerkleinsten Riss in der harten Mauer gefunden hatte, war ich mit meiner Untersetztheit von vornherein im Nachteil; aber was konnte ich anderes tun, als gehorchen? Der messerscharfe Stein trieb mir das Blut bis in die Fingerspitzen, «'s geht ja ganz gut! », meinte Gantner, « aber bitte mehr vom Fels weg, sonst drückt Sie der eigene Bauch ins Leere - so, so, es geht schon besser! » Ich musste schier den Kopf in den Nacken werfen, um nicht mein Kinn am Fels anzustossen. So weit ging nun alles seinen geregelten Gang; doch drei, vier Meter unter Gantners Standplatz, wie ich mich schon mit den Fingerspitzen sicher verkrallt wähnte und eben vorsichtig die Füsse nachkommen lassen wollte, fühlte ich, wie ich wehrlos aus der kleinen Kerbe rutschte und zu stürzen begann... « Gut halten! », rief ich erschrocken. Oben erklang herzliches Lachen: « Sehen S ', Herr Marti das Seil hält gut und ich auch; ich halt Sie hier fest, stundenlang, so lang Sie wollen, mit einem Finger, wenn es sein muss - wenn 's not tun sollte » « Lieber nicht! », gab ich kleinlaut zurück, über dem viele hundert Meter tiefen Abgrund hangend.

« Greifen S'ein bisserl nach rechts! So - ja, gleich werden wir 's haben, recht so! Festhalten, jetzt anziehen, no a bisserl höher; es ist gut — jetzt der linke - », und schon hatte ich ihn erreicht - den Haken, hängte Seil und Karabiner aus; drei, vier kräftige Oberarmzüge, Nachkommen mit den Füssen, dann liess sich wieder einmal recht atmen. Gantner klomm höher; noch ein paar leidlich schwierige Überhänge - so kamen sie mir wenigstens nach der anstrengenden Hauptarbeit vor - waren zu bewältigen. Und dann standen wir endlich droben in einer kleinen Scharte, welche das eigentliche Kamin abschliesst. Ein fester Händedruck, ein froher Blick aus Gantners hellen, blauen Augen: « Heil Saulakopf-Ostwandkamin! » Nach kurzem Verweilen traten wir hinaus, hart an den Rand des mächtigen Steilabfalles, suchten in der gewaltigen Tiefe beinahe senkrecht unter uns das kleine Hueter-Hüttlein. Ein froher Jauchzer, wie wir es erspähten. Noch etwas seitlich über Blöcke, und der eigentliche Gipfel lag zu unsern Füssen; rechtzeitig, denn drohend stiegen drüben um den dunkelgrünen Lünersee und die von hier aus wuchtige Erscheinung der Schesaplana wilde Wolken rasch treibend empor. Es tat zu. Und -war das nur ein blosser Zufall wie drüben auf der Zimba oder nicht - einzelne Schneeflocken begannen zu fallen; unsere Sache aber war grösstenteils getan.

Auf einem kaum angedeuteten Wege stiegen wir zum Saulajoch und kehrten zurück zur Hueter-Hütte, die wir bis auf die Wirtschafterin verlassen fanden. Nach einer kräftigen Mahlzeit, bei der die selbstgemachten Suppennudeln nicht fehlten, und nach einem heftigen Berggewitter, das uns mit seinen wuchtigen Donnerschlägen einige Male richtig zusammenfahren liess, ging 's wieder hinauf zum Saulajoch, diesmal mit Sack und Pack, und von dort weiter auf gut gesichertem Felsensteig um den Schafgafall herum, stets bei grandiosem Tiefblick ins nebelkochende Brandnertal. Am Lünersee begann es zu regnen und empfindlich kalt zu werden; die Nacht war bereits nahe. Endlos dünkte mich nun zuletzt der Weg bis in die sichere Obhut der Douglas-Hütte. Bei einem guten Glase Wein und einem unerwartet frugalen Nachtessen, in der Gesellschaft zweier mir entfernt bekannter Doktoren der Medizin und Philologie, feierten wir das Gelingen dieses herrlichen Tages.

Das Saulakopf-Kamin in der Ostwand wird selten von Führerpartien gemacht. Es ist ein&erstrangige Kletterfahrt, die unverminderte Aufmerksamkeit, Kenntnis aller objektiven Gefahren, bergsteigerisches Können, geübtes Klettervermögen und charakterliche Reife erfordert. Wir hatten für die eigentliche Kletterei dreieinviertel Stunden benötigt. Die vielen Überhänge und Steilabstürze, vorab der glatte Plattenschuss im obern Teil gestalteten die Fahrt überaus abwechslungs- 9Die Alpen -1966 - Les AJpa129 reich und interessant. Die Rundsicht kommt nicht an diejenige der Zimba heran, die zwar nur um weniges höher ist, dafür aber eine umfassendere Schau weit hinaus nach dem sanktgallischen Rheintal und hinüber zum Säntisgebirge bietet. Älteren Herren dürfte die Besteigung des Saula-kopfes durch das Ostwand-Kamin kaum mehr zu empfehlen sein!

Vierter und letzter Tag Auf unsem Wochenprogramm stand nun noch die Drusenfluh. Aber in der kalten Nacht, die zuerst Neuschnee und dann Aufhellung gebracht hatte, musste sich Bergführer Gantner ernsthaft erkältet haben, was er sich zwar vorerst kaum anmerken liess. Auf dem Wege zur Drusenfluh begann er aber über Schmerzen in der Nierengegend zu klagen. So wanderten wir an diesem letzten Bergtag, zwei Tage früher, als ursprünglich vorgesehen war, bei schönstem, allerdings recht frischem Morgenwetter um den prächtigen Lünersee herum, um über Verajöchl und öfenpass die Lindauer-Hütte zu erreichen. Ein ungefährlicher Jochbummel also, aber was für einer! Es wurde ein unvergleichlich schöner Tag. Auf den nahen Kirchlispitzen schimmerte der frischgefallene Schnee, den tiefblauen Himmel über sich gespannt, die Luft würzig und rein, und überall erglänzten feuchte Blumen, zitterten niedere Berggräser, lag die grosse Stille und Erhabenheit der Natur. Sorglose Murmeltiere liessen uns bis auf wenige Schritte herankommen, eine prächtige Gemse schritt furchtlos an uns vorbei; drüben beim Schweizertor, wo die gewaltige Felsenburg der Drusenfluh ins Licht empor-langt, silbern bekränzt mit der reinen Krone des Schnees und der Eisschilder, weidete friedlich die Herde, melodisches Geläute entbietend. Ab und zu begegneten wir einem berg- und natursinnigen Alleingänger.

Sehnsüchtig betrachtete ich die Drusenfluh, zu deren Fuss wir erstmals rasteten. Gantner vertröstete mich auf morgen. Er war heute nicht gesprächig, wenig mitteilsam, ganz gegen seine sonstige Veranlagung; oft trat er aus, manchmal griffer nach seiner Kreuzgegend; er war bleich und klagte über grossen Durst. Ein in einem kalten Biwak an der Lalidererwand in Tirol erworbenes Leiden machte sich erneut bemerkbar und nötigte ihm und mir schweren Verzicht ab. In der Lin-dauer-Hütte entschied es sich endgültig. Die Wirtin, eine Bekannte meines Führers, riet auch eine Verschiebung auf einen der nächsten Tage entschieden ab und gab Gantner den Rat, daheim sogleich den Arzt aufzusuchen. Gewiss, es fiel uns beiden nicht leicht. Wie herrlich strahlend war das Wetter geworden, wie mächtig war der Eindruck dieser Berggebilde, die im Bunde mit der Sulzfluh und den steilen Grashängen und Felspartien des Geisspitz und des Mittagspitz eines der grossartigsten Berggemälde vollendeten. Herb und würzig duftete und blühte der Alpengarten, leise sang der Wind durch Tannen und Föhren, aus dem Abschluss des Gauertales erklang das anheimelnde Geläute der viel hundert Rinder starken Herde, alles lag in Licht und Farbenglanz; der kurze Traum einer womöglich erneuten Steigerung des gestrigen Bergtages war ausgeträumtes hiess verzichten, aufgeben, sich bescheiden angesichts dieser zauberhaften Schönheit, Pracht und GrosseAbschied also unter Schmerzen! Noch einmal jenen allerletzten Blick, ehe uns der in die Talgründe führende Weg an einer Wegbiegung die herrliche Sicht ganz entzog. Aber wenn heute nicht, dann ein andermal - und dann vielleicht doch über die berühmte Drusenfluh-Südwand!

Es sollte nicht sein. Bald kam der « Anschluss » Österreichs an Deutschland, darauf der Krieg, und als der Krieg äusserlich bereits sein unrühmliches Ende gefunden hatte, stieg Hugo Gantner, der mir wenige Tage zuvor ein Lebenszeichen über den trennenden Rhein geschickt hatte, zum letztenmal in seine Berge. Er kehrte nicht mehr heim. Man suchte ihn, glaubte, ein paar Überreste von ihm gefunden zu haben; ob Unfall, ob Freitod wegen der allerletzten Enttäuschung seines Lebens, wir wissen es nicht, wir wollen es auch dabei bewenden lassen.

Mir aber gehören seither diese Erinnerungen. Ich habe in meinem handgeschriebenen Bergbuch geblättert; es brauchte nicht viel geändert zu werden. Erinnerungsblätter, die heuer 30 Jahre alt werden. Vielleicht hat es sich doch gelohnt, sie auszugraben...

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